Neues aus der Welt der Kunst in den Niederlanden

In der neuen Ausgabe der Museumstijdschrift findet der Leser oder die Leserin viele Tipps über Kunstausstellungen in den Niederlanden und manches mehr aus der Welt der Kunst. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Sommerführer zu Kunststädten – London

London hat so ziemlich alles im Bereich der Kunst. Von großen Publikumslieblingen über temporäre Kunsträume in leerstehenden Gebäuden, von einem Architekturpavillon im Park bis hin zu Sammlungen, in denen Kunst und Alltagsleben verschmelzen. Wohin solltest du diesen Sommer gehen? Das Museumsmagazin listet es für Sie auf, inklusive einer Reise nach Cambridge.

Die großen Publikumsmagneten

Wir beginnen mit den großen Museen, die wie immer groß sind. In ‚Frida: The Making of an Icon‘ untersucht Tate Modern, wie Frida Kahlo (1907–54) zu einer globalen Ikone wurde. Neben mehr als dreißig Gemälden sind Fotografien, Dokumente und Werke von Künstlern ausgestellt, die von ihrer visuellen Sprache und Selbstpräsentation beeinflusst wurden. Die Ausstellung läuft bis zum 3. Januar 2027.

Tate Britain konzentriert sich auf James McNeill Whistler (1834–1903). Flussansichten, Porträts und Werke aus seinen Jahren in Paris und London werden mit seinem berühmten Arrangement in Grey and Black Nr. 1 zusammengeführt, besser bekannt als Whistlers Mutter, das normalerweise im Musée d’Orsay hängt. Ausgestellt bis zum 27. September.

Zwei weitere Schwergewichte folgen später im Jahr. Ab dem 10. September wird der fast tausend Jahre alte Bayeux-Wandteppich im British Museum ausgestellt; Die Tickets sind für die ersten Monate bereits ausverkauft. Ab dem 21. November wird die National Gallery erstmals alle neun bekannten gemalten Porträts von Jan van Eyck zusammenbringen.

Praktisch: Frühzeitig für die Wechselausstellungen der Tate Modern, Tate Britain, des British Museum und der National Gallery buchen. Die ständigen Sammlungen sind kostenlos. Tate Modern und Tate Britain können leicht über eine Bootsverbindung auf der Themse kombiniert werden.

Kunst entlang des Südufers

Entlang des Südufers der Themse befinden sich etablierte Museen und neue Kunstinitiativen in fußläufiger Entfernung. Die Hayward Gallery, Teil des Southbank Centre, verbindet deutlich brutalistische Architektur mit experimentellen Ausstellungen. Diesen Sommer wird Anish Kapoor (1954) das gesamte Gebäude, einschließlich der drei Außenterrassen, mit neuen und vertrauten Skulpturen, Gemälden und Installationen füllen. Die Ausstellung läuft bis zum 18. Oktober.

Weiter östlich, zwischen Tate Modern und Borough Market, eröffnete Ende Juni die Hypha Gallery South Bank in einem ehemaligen Bürogebäude. Hypha Studios verleiht leerstehenden Gebäuden vorübergehend eine neue Funktion als Ateliers und Ausstellungsräume. Der neue Standort ist das bisher größte Projekt der Organisation mit drei Galerien, einem Projektraum und Arbeitsräumen für Künstler. Die kahlen Wände, unfertigen Böden und sichtbaren Bauten wurden bewusst erhalten; Das Palais de Tokio, das innovative Pariser Zentrum für zeitgenössische Kunst, diente als Inspirationsquelle. Hypha besitzt keine permanente Sammlung. Die wechselnden Präsentationen mit Skulpturen, Installationen und ortsspezifischer Kunst bieten einen Einblick in Künstler und Initiativen außerhalb der etablierten Museumswelt.

Praktisch: Starten Sie in der Hayward Gallery und gehen Sie entlang der Themse in Richtung Tate Modern und Hypha Gallery South Bank. Der Borough Market ist in der Nähe und eignet sich als Zwischenstopp, kann aber um die Mittagszeit sehr voll sein. Überprüfen Sie im Voraus das aktuelle Programm der Hypha Gallery.

Kunst, Architektur und Design in Kensington

In den Kensington Gardens können Kunst, Architektur und Design in einem einzigen Spaziergang kombiniert werden. Für die fünfundzwanzigste Ausgabe des jährlichen Serpentine Pavilion wählte Serpentine das mexikanische LANZA-Atelier. Der Pavillon, genannt Serpentine, besteht aus gewundenen Backsteinmauern mit Öffnungen, Nischen und Sitzbereichen. Das Design bezieht sich auf das englische ‚crinkle-crankle walls‘: wellenförmige Gartenmauern, die aufgrund ihrer Form stabil bleiben und weniger Ziegel haben.

In der Nähe befindet sich Pénétrable BBL Jaune (1999; Aufführung 2023) von Jesús Rafael Soto (1923–2005). Tausende gelber Kunststoffstränge hängen an einem Stahlrahmen und bilden eine Skulptur, durch die Besucher hindurchgehen können.

Drinnen gibt es auch viel zu sehen. In Serpentine North werden neuere Gemälde des kürzlich verstorbenen David Hockney (1937–2026) bis zum 23. August gezeigt, neben seinem monumentalen Fries Ein Jahr in der Normandie (2020–21). In Serpentine South präsentiert Cecily Brown (1969) Gemälde, in denen Körper, Bäume und Parklandschaften bis zum 6. September in bewegte Pinselstriche zerfallen.

Vom Park aus kann man zum V&A gehen, wo ‚Schiaparelli – Fashion Becomes Art‘ die innovativen Designs und den bleibenden Einfluss der Modedesignerin Elsa Schiaparelli (1890–1973) hervorhebt. Etwas weiter westlich bietet das Design Museum mit seiner Dauerausstellung „Designer Maker User“ einen Überblick über modernes Design, von Architektur und Mode bis hin zu Grafikdesign und digitaler Kultur.

Praktisch: Serpentine North und Serpentine South sind nur wenige Gehminuten voneinander entfernt. Der Pavillon, die Skulptur von Soto und die Ausstellungen sind kostenlos. Das V&A ist etwa zwanzig Gehminuten entfernt und freitags bis 22 Uhr geöffnet. Das Design Museum befindet sich weiter westlich; Die ständige Präsentation ist kostenlos zugänglich.

Museen aus Privatsammlungen entstanden

In London gibt es mehrere Museen, die aus Privatsammlungen hervorgegangen sind. Hinter der stattlichen Fassade des Sir John Soane’s Museum in Lincoln’s Inn Fields wartet ein Labyrinth aus engen Korridoren, Oberlichtern und Räumen voller Gemälde, Skulpturen, Gebäudefragmente und archäologischer Funde. Der Architekt und Sammler John Soane (1753–1837) nutzte das Gebäude als Wohnhaus, Büro und Unterrichtsraum. Spiegel vergrößern die Räume, Licht fällt durch versteckte Öffnungen und Wände klappen auf, um noch mehr Gemälde freizulegen. Das Haus ist daher nicht nur ein Museum, sondern auch eine architektonische Betrachtungsmaschine.

In fußläufiger Entfernung besitzt die Courtauld Gallery im Somerset House eine kompakte, aber außergewöhnliche Sammlung impressionistischer und postimpressionistischer Kunst. Zu den Höhepunkten zählen Édouard Manets Un bar aux Folies-Bergère (1882) und Vincent van Goghs Selbstporträt mit bandagiertem Ohr (1889).

Weiter südlich befindet sich die Dulwich Picture Gallery, eines der ersten speziell errichteten öffentlichen Kunstmuseen der Welt, entworfen von Sir John Soane. Die Sammlung umfasst mehr als sechshundert Gemälde von Rembrandt, Rubens, Canaletto und Van Dyck sowie anderen. Ab dem 28. Juli zeigt ‚Portrait of a City – A Century of American Photography‘ mehr als hundert Fotos über ein Jahrhundert urbanes Leben in den Vereinigten Staaten.

Praktisch: Das Sir John Soane’s Museum und die Courtauld Gallery lassen sich problemlos an einem Tag vereinen. Der Soane ist frei zugänglich, aber aufgrund des begrenzten Platzes kann eine Warteschlange entstehen. Die Dulwich Picture Gallery befindet sich außerhalb des Stadtzentrums und verdient einen separaten halben Tag; das Museum mit Dulwich Village und Dulwich Park zu kombinieren.

Eine Stadt innerhalb der Stadt

Das Barbican Centre ist nicht nur ein Zentrum für Musik, Theater, Film und bildende Kunst, sondern auch einer der bekanntesten brutalistischen Komplexe Londons. Das Architekturbüro Chamberlin, Powell and Bon entwarf eine nahezu unabhängige Stadt mit Betonwege, Terrassen, Wohntürmen, Innenhöfen und Wasserfunktionen. Versteckt zwischen all dem Beton befindet sich das Barbican Conservatory, ein tropisches Gewächshaus mit Tausenden von Pflanzen und Bäumen.

In der Barbican Art Gallery zeigt „Project a Black Planet“ den Einfluss des Panafrikanismus auf Kunst und Kultur ab den 1920er Jahren. Mehr als 250 Gemälde, Installationen, Plakate, Zeitschriften und Filme aus Afrika, Europa, Nord- und Südamerika zeigen, wie Künstler Ideen über Freiheit, Solidarität und eine gemeinsame schwarze Zukunft geprägt haben. Die Ausstellung läuft bis zum 6. September.

Praktisch: Sie nehmen sich nicht nur Zeit für die Ausstellung in der Barbican Art Gallery, sondern auch für einen Spaziergang durch den Komplex. Das Barbican Konservatorium ist frei zugänglich, aber nur an ausgewählten Tagen geöffnet. Überprüfe die Tagesordnung im Voraus und reserviere bei Bedarf einen Termin.

Der East London

Art Walk kann auch zu Fuß entdeckt werden, zum Beispiel indem man einem Teil der Line folgt. Diese öffentliche Kunstroute verläuft entlang der Wasserwege und des Greenwich-Meridians, vom Queen Elizabeth Olympic Park bis zur O2-Arena. Entlang des Weges stehen Skulpturen und Installationen zwischen Kanälen, ehemaligen Industriegebieten, Neubauten und städtischer Natur.

Zum Beispiel passiert man das monumentale ArcelorMittal Orbit (2012) von Anish Kapoor, Quantum Cloud (2000) von Antony Gormley, eine wolkenartige Stahlstruktur, in der eine menschliche Figur thront, und Types of Happiness (2019) von Yinka Ilori: zwei meter hohe, bunt gefärbte Stühle an den Royal Docks mit Wachsmustern.

Praktisch: Du musst nicht die ganze Strecke laufen. Wählen Sie zum Beispiel den nördlichen Teil um Stratford und den Olympic Park oder gehen Sie über die Greenwich Peninsula und überqueren Sie mit der Seilbahn die Themse zu den Royal Docks. Die Linie ist kostenlos und kann in separaten Abschnitten begangen werden; Überprüfen Sie die aktuelle Strecke im Voraus auf der Website von The Line.

Außerhalb Londons

Wenn Sie einen Tag übrig haben, können Sie den Zug nach Cambridge nehmen. Dort können Sie Kettle’s Yard besuchen, das ehemalige Zuhause des Sammlers und ehemaligen Tate-Mitarbeiter Jim Ede (1895–1990) und seiner Frau Helen. Von 1957 bis 1973 lebten sie dort unter ihrer Sammlung moderner Kunst, Möbel, Keramik, Textilien und Naturobjekte.

Die Sammlung umfasst Werke von Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts wie Ben Nicholson, Barbara Hepworth, Henry Moore, Joan Miró und Constantin Brâncuși. Doch Kettle’s Yard fühlt sich kaum wie ein Museum an. Gemälde und Skulpturen stehen zwischen Pflanzen, Muscheln, Möbeln und sorgfältig arrangierten Kieselsteinen. Ede platzierte alles so, dass Licht, Material und Form zusammen ein harmonisches Ganzes bilden.

Praktisch: Die Zugfahrt vom Bahnhof King’s Cross nach Cambridge dauert etwa eine Stunde; vom Bahnhof Cambridge sind es etwa dreißig Minuten zu Fuß. Der Eintritt in Kettle’s Yard ist frei, aber aufgrund des begrenzten Platzes werden Zeitfenster genutzt. Buche im Voraus, besonders an Wochenenden.

Pässe und Tickets

Viele Dauerausstellungen in London sind kostenlos zugänglich, darunter Tate Modern, Tate Britain, National Gallery, National Portrait Gallery und V&A. Serpentine, Sir John Soane’s Museum und Kettle’s Yard sind ebenfalls kostenlos. Für die Courtauld Gallery und die Dulwich Picture Gallery ist eine Eintrittskarte erforderlich. Buchen Sie im Voraus für beliebte Wechselausstellungen, Kettle’s Yard und alle geführten Touren. Reservierungen sind in der Regel nicht notwendig für die ständigen Sammlungen der großen Nationalmuseen. Der Wandteppich von Bayeux wird voraussichtlich sehr beliebt sein; Die erste Ticketserie ist bereits ausverkauft.

Kluge Kombination

Machen Sie täglich eine Route durch einen Teil der Stadt:

  • South Bank: Hayward Gallery, Tate Modern, Hypha Gallery und Borough Market
  • Kensington: Serpentine-, V&A- und Designmuseum
  • Zentrum: Sir John Soanes Museum, Somerset House und die Courtauld Gallery
  • Ost-London: Folgen Sie einem Teil der Line um Stratford und Olympic Park herum oder gehen Sie die Greenwich Peninsula entlang und nehmen Sie die Seilbahn zu den Royal Docks.
  • Außerhalb des Zentrums: Dulwich Picture Gallery oder ein Tagesausflug nach Kettle’s Yard

Sonderausleihe von Jan Mankes, ausgestellt im Museum Belvédère

Das Museum Belvédère zeigt bis zum 20. September das Bild „Ziege an einem blühenden Baum“ von Jan Mankes bis zum 20. September. Das Gemälde ist seit 1969 nicht mehr in einem Museum ausgestellt. Das Werk wurde für eine begrenzte Zeit von Bert und Willemien Veldman-Marsman ausgeliehen und wird schließlich als Vermächtnis in die Sammlung des Museum Belvédère aufgenommen.

Zukünftiger Erwerb

Mit einer Größe von nur 15 mal 10 Zentimetern ist „Kleine Ziege mit einem blühenden Baum“ (1914) eines der kleinsten Gemälde von Jan Mankes (1889–1920). Er fertigte das Werk während seiner friesischen Zeit an, als er in De Knipe lebte und Inspiration in den Obstgärten und Tieren in seiner unmittelbaren Umgebung fand. Die Leihgabe steht im Einklang mit der geplanten Erweiterung des Museum Belvédère, das sich im friesischen Oranjewoud befindet. Das neue Gebäude, das das Museum Completion nennt, schafft mehr Platz für die Präsentation der Dauerausstellung. Die Sammler haben angekündigt, dass sie das Gemälde zu einem späteren Zeitpunkt dem Museum übergeben werden.

Nähere Informationen: Museum Belvédére, Oranja Nassaulaan, Herrenveen, Telefon +31513644999, E-Mail: info@museumbelvedere.nl, Internet: www.museumbelvedere.nl

7x Kunsttipps für und mit Kindern

Zuhören, aufnehmen, spazieren gehen und selbst etwas schaffen: Es gibt in den Sommerferien auch viel mit (Enkel)Kindern im und um das Museum zu tun. Entdecken Sie gemeinsam die Geheimnisse berühmter Künstler, gehen Sie auf ein Blind Date mit einem Kunstwerk oder lassen Sie sich von Woody und Buzz durch das Rijksmuseum führen. Das Museumsmagazin listet sieben Tipps für drinnen, draußen und unterwegs auf.

Mit Woody und Buzz durch das Rijksmuseum

Anlässlich des neuen Films „Toy Story 5“ stehen Spielzeuge diesen Sommer im Mittelpunkt des Rijksmuseums. Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren können einer speziellen Toy Story-Route mit einem kostenlosen Aktivitätsheft folgen. Gemeinsam mit Woody, Buzz und ihren Freunden führen sie Spiele und Aufgaben durch und entdecken, wie Kinder im Laufe der Altersgruppen spielen. Im Toy Story Studio sind frühe Skizzen der bekannten Filmfiguren zu sehen, und Besucher können sich selbst zeichnen. Es gibt auch einen täglichen Zeichenworkshop: Kinder denken hinter einer Staffelei, in der in der Ehrengalerie ihre Lieblingsfigur aus Toy Story erscheinen könnte. In der Galerie werden sie außerdem herausgefordert, ein Spiel aus dem siebzehnten Jahrhundert auszuprobieren.

Praktisch: Sommerprogramm Disney und Toy Story • Rijksmuseum, Amsterdam • 4. Juli bis 16. August • Route für 6–12 Jahre, Pop-up-Wagen ab 4 Jahren • kostenlos, ohne Museumseintritt

Familiengeschichte auf Papier im Museum W

Schlangen, Krokodile, Drachen und besondere Pflanzen bevölkern Danielle Lemaires Zeichnungen und Wandteppiche. In der Ausstellung „History is my company“ zeigt sie, wie ihre indonesische Familiengeschichte ihre Kunst beeinflusst. Während spezieller Sommerworkshops können Kinder nach dem Ausstellungsbesuch ihre eigenen Geschichten zeichnen. Mit Bleistift und Fantasie bringen sie Erinnerungen, Familienmitglieder und imaginäre Figuren auf Papier zusammen.

Praktisch: Zeichenworkshops bei ‚Geschichte ist meine Firma‘ • Museum W, Weert • 12. und 19. August • 8–14 Jahre • 2,50 Euro Materialkosten, ohne Museumseintritt.

Blind Date mit einem Kunstwerk im Kröller-Müller-Museum

Mit dieser Familienaktivität des Kröller-Müller-Museums beginnt der Museumsbesuch schon vor der Abreise. Nach der Registrierung erhalten die Teilnehmer zu Hause ein Paket mit drei kreativen Aufgaben, die sich auf ein Kunstwerk aus der Sammlung beziehen. Welche Arbeit das ist, bleibt vorerst ein Geheimnis. Erst während des letzten Einsatzes im Museum findet das Treffen statt, und es wird klar, wie die selbstgemachten Tonwerke, Gebäude oder andere Funde damit zusammenhängen. Auf diese Weise werden Kinder herausgefordert, ein Kunstwerk länger und aufmerksamer zu betrachten.

Praktisch: Blind Date mit einem Kunstwerk • Kröller-Müller-Museum, Otterlo • den ganzen Sommer, auf Wunsch • für die ganze Familie geeignet • kostenlose Aktivitäten, ohne Museumseintritt.

(Laufend) entlang Street Art durch Den Haag

Kunst betrachten und sich bewegen in drei neuen Laufstrecken vom Mauritshuis und Nationale-Nederlanden. Die etwa fünf, zehn und fünfzehn Kilometer langen Routen führen an großen Wandgemälden vorbei, die über Den Haag verstreut sind. Sechs Street-Art-Künstler ließen sich von Gemälden aus der Mauritshuis-Sammlung inspirieren, darunter „Diana und ihre Nymphen“ von Johannes Vermeer und „Vase mit Blumen“ von Jan Davidsz de Heem. Bei Kindern kann man natürlich auch den kürzesten Weg langsamer gehen und unterwegs nach Ähnlichkeiten zwischen den Wandgemälden und den Originalgemälden suchen.

Praktisch: Routen entlang der Street Art laufen • verschiedene Orte in Den Haag • den ganzen Sommer über allein • geeignet für die ganze Familie • Routen von etwa 5, 10 und 15 Kilometern • kostenlos.

Suche durch Huis Zypendaal

Wie konnten Menschen auf die Toilette gehen, wenn es keine Toiletten gab? Warum durften Kinder früher nicht mit Erwachsenen am Tisch sitzen? Während besonderer Familientage in Huis Zypendaal entdecken die Kinder, wie das tägliche Leben im Landhaus in Arnhem früher war. Nach einer kurzen Führung können Familien das Haus selbst mit der Schnitzeljagd „Ich sehe, ich verstehe“ besichtigen. Kinder suchen in jedem Raum nach erkennbaren Gegenständen. Die Schnitzeljagd ist auch für Kinder geeignet, die noch nicht lesen können. Draußen erwartet auch eine zweite Suche durch den Park.

Praktisch: Familientage mit Schnitzeljagd „Ich sehe, ich verstehe“ • Huis Zypendaal, Arnheim • 22. August • Führungen zu 12 und 13 Stunden, Dauer 30–45 Minuten • kostenlos, ohne Eintritt

Fakt oder Meinung?

Wie weiß man eigentlich, ob etwas wahr ist? Im Kinderpodcast „Sure?“ vom Teylers Museum untersuchen die Podcast-Macherin Dide Vonk und das Kinderpanel de Zekerweters, wie Wissenschaft funktioniert. Durch abenteuerliche Geschichten und spielerische Szenen geht es darum, Forschung zu kontrollieren, Experimente zu wiederholen und Wissenschaftler zu erleben, die ihre Ideen anpassen müssen. Auf diese Weise lädt der Podcast Kinder dazu ein, kritisch zuzuhören und selbst nachzudenken. Geeignet für einen regnerischen Nachmittag, aber auch für den Rücksitz auf dem Weg zu einem Museum.

Praktisch: Podcast „Möchten Sie sicher sein?“• kann über die üblichen Podcast-Apps gehört werden • ist durchgehend verfügbar • ab 7 Jahren • kostenlos.

Kunsträtsel im Fernsehen

Wer ist Banksy? Wer hat den berühmten Urinalbrunnen erfunden? Und warum erfand Joseph Beuys eine spektakuläre Geschichte über seine Kriegsvergangenheit? In der fünfteiligen Jugendserie „Investigation Art Mysteries“ machen sich die Filmemacher Martijn Blekendaal und Finbarr Wilbrink auf die Suche nach Antworten. Jede Folge dreht sich um ein ungelöstes Rätsel aus der modernen Kunst, berührt aber gleichzeitig auch größere Fragen zu Identität, Freundschaft, Ausgrenzung und dem Mut, man selbst zu sein. So wird Kunstgeschichte wie ein aufregender Detektiv erzählt.

Praktisch: Fernsehprogramm Investigation Art Mysteries • ZappDoc auf NPO 3 und NPO Start • ab dem 9. August über fünf Wochen, jeden Sonntag um 19.25 Uhr • ab 9 Jahren • kostenlos

Martine Gutierrez – Wunderkind

Wird ein Künstler geboren, oder ist er gemacht? Wird die Identität einer Person von Geburt an festgelegt, oder ist sie noch nicht entdeckt worden? Martine Gutierrez behandelt diese Fragen in der großen Einzelausstellung „Wunderkind“ und hebt die Bedeutung von Kreativität und Ausdruck hervor – Eigenschaften, die sie seit ihrer Kindheit zu der international gefeierten Künstlerin gemacht haben, die sie heute ist.

Identity ist eine Performance

Martine Gutierrez arbeitet als interdisziplinäre Künstlerin mit Fotografie, Video, Musik und Performance. Durch Selbstporträts und filmische Tableaus interpretiert sie das Identitätskonzept nicht nur als Material, sondern auch als Methode neu. Auf der 58. Biennale von Venedig erregte sie mit ihrer Serie gestaltwandelnder Selbstporträts die Aufmerksamkeit der internationalen Kunstwelt, in denen ihr Körper als Schauplatz für Transformation und Kritik dient. ‚Identität ist eine Performance‘, sagt sie: ‚Mit ein wenig Übung kann man so ziemlich alles sein.‘

Kindheit als ‚Schwelle zum Selbst‘

Martine sieht die Kindheit als die ‚Schwelle zum Selbst‘, und Kunst war ihr Medium in einer bewussten, kontinuierlichen Praxis der persönlichen Neuerfindung. Die Ausstellung Wunderkind besteht aus Puzzleteilen, die zusammen das Rätsel Martine bilden und dabei bisher unbekannte Kunstwerke aus ihrer Kindheit verwenden.

Martine wurde 1989 geboren und hat eine amerikanische Mutter sowie einen guatemaltekischen Vater. Schon in jungen Jahren spielte sie mit den Erwartungen, die durch Namen und körperliche Merkmale hervorgerufen werden. Sie wurde von anderen sowohl als männlich als auch weiblich angesehen und fügte ihrem Namen „Martín“ ein ‚e‘ hinzu, um Geschlechterstereotypen zu vermeiden. Ihre vielschichtige Identität und ihre ‚Stand-ins‘ in Selbstporträts sind eine Fortsetzung zwanghafter Verhaltensweisen aus ihrer Kindheit, in der Realität und Mythos sowohl austauschbar als auch untrennbar miteinander verbunden bleiben. Wunderkind lädt den Betrachter ein, in Martines Welt einzutreten – indem es ein Portal des Lebens in einer kontinuierlichen Performance schafft und die Grundlage einer künstlerischen Praxis aufdeckt, die in der kontinuierlichen Konstruktion und Dekonstruktion des Selbst verwurzelt ist.

Spielzeuge als Avatare

In Wunderkind sehen wir viele Spielzeuge – manchmal über Generationen weitergegeben und aus Martines Kindheit erhalten, manchmal von ihr selbst gefertigt –, die immer neue Erzählungen inspirieren, die sowohl persönlich als auch kollektiv sind. Für Kinder wie Martine, von denen erwartet wurde, sich an starre kulturelle Normen zu halten, wurden Spielzeuge zu Avataren. Diese Originalsammlungen greifen sowohl auf ihre Familienarchive als auch auf ihren multikulturellen Hintergrund zurück und ermöglichen es, Autobiografie mit Kunst zu verbinden.

Die Künstlerin und ihre Mutter

„Today’s Martine“ gehen noch einen Schritt weiter und spiegeln die Renaissance-Größen wider, mit denen sie bereits in ihrer Jugend verglichen wurde. Als Stellvertreterin für Leonardo Da Vinci malt sie ein Porträt von sich selbst als berühmte Mona Lisa. Und in Vitruvian Woman stellt sie den idealen männlichen Körper als ihren eigenen dar. In ihrer zeitgenössischen Neuinterpretation von Michelangelos Die Schöpfung Adams übernimmt Martine die Stelle von Adam und die ausreichende Hand von Martines Mutter die der Hand Gottes; Es ist ein intimer Dialog zwischen der Künstlerin und ihrem Schöpfer. 2025 erhielt Martine Gutierrez ein Guggenheim-Stipendium für ihre Arbeit an Wunderkind. Dieses lang erwartete neue Werk wird diesen Sommer erstmals im Huis Marseille zu sehen sein.

Nähere Informationen: Huis Marseille, Museum für Fotografie, Keizersgracht 401, Amsterdam, Telefon: +31 2053118989, E-Mail: info@huismarseille.nl, Internet: www.huismarseille.nl

Form und Heimat

Nationalismus ist die einflussreichste Ideologie der modernen Welt. Selbst diejenigen, die am King’s Day kein Orangen-Tompouce essen, wissen, was „typisch niederländische“ Direktheit oder Geselligkeit bedeutet. Und wer könnte sich eine Welt ohne Pässe, Grenzen und Staatsbürgerschaft vorstellen? Das Vaterland ist die höchste Autorität und kann alles von dir verlangen. Unsere Nationalität scheint völlig selbstverständlich, sogar steinfest. Aber das ist sie nicht.

Der Nationalstaat ist eine relativ neue Erfindung, bei der Design eine große Rolle spielt. Es ist nicht umsonst, dass nationale Banknoten und Regierungsgebäude als prestigeträchtige Entwurfsaufträge gelten. Die Autorität des Staates beruht auf gestalteten Symbolen und Ritualen: der Nationalflagge, der Nationalhymne, dem Staatswappen. In der Zwischenzeit sind die Bundesstaaten zu einer Art Marketingunternehmen geworden. Mit kommerziellen Kampagnen, Touristenattraktionen und sozialen Medien versuchen sie, ihr eigenes Stück unseres kollektiven Bewusstseins zu erobern. Unser Leben ist voller bekannter und weniger bekannter Designs, die uns daran erinnern, wo unsere Loyalitäten liegen sollten.

Die Ausstellung „Form und Vaterland“ untersucht erstmals die Beziehung zwischen Design und Nationalstaat. Was ist ein Staat, wer hat das Recht, einen Staat zu gründen, und welche Designs werden dafür benötigt? Wie wird etwas zu einem nationalen Symbol, und wer entscheidet darüber? Trotz ihres starren Rufs scheint die nationale Identität formbar und wandelbar zu sein. Nationale Symbole beanspruchen die Ewigkeit, werden aber in jeder Generation neu hinterfragt. Bis heute ist Nationalismus ein treibender Faktor in blutigen Eroberungskriegen und demokratischen Bewegungen für gleiche Rechte. Mit Flaggen, Modellen, Kostümen, Fotografien und Karten aus Dutzenden verschiedener Länder präsentiert „Form and Fatherland“ erstmals eine vergleichende Designgeschichte des Nationalstaates – die wichtigste Erfindung der modernen Zeit.

Nähere Informationen: Designmuseum Den Bosch, De Mortel 4, ´s-Hertogenbusch, Telefon: +31 736273680, E-Mail: info@designmuseum.nl, Internet: www.designmuseum.nl

Alter Schmerz

„Oud Zeer“ (Alter Schmerz) ist eine Initiative der Open Mind Foundation, der Burma Siam Railway Commemoration Foundation und der Pakan Baroe Railway (SHBSS), in Zusammenarbeit mit einer vielfältigen Gruppe eurasischer Niederländer, Niederländer (Totoks), Molukken, Chinesen aus Indonesien (Peranakan), Indoafrikaner und Papuas.

Die reisende Innen- und Außenausstellung Oud Zeer zeigt persönliche Geschichten von Menschen mit Wurzeln in Niederländisch-Ostindien/Indonesien. Durch Porträts und Familiengeschichten wird deutlich, wie Krieg, Migration, Identität und generationenübergreifende Auswirkungen immer noch eine Rolle im Leben vieler Niederländer spielen.

Damit reflektieren wir über eine gemeinsame Geschichte, die Jahrhunderte zurückreicht. Was einst als Handel zwischen den Niederlanden und Indonesien begann, entwickelte sich zu einem System der Dominanz und Ausbeutung. Ab 1816 wurden die Niederländisch-Ostindien offiziell eine Kolonie. Während des Zweiten Weltkriegs folgte die japanische Besatzung, und kurz darauf, von 1945 bis 1949, folgte ein gewaltsamer Entkolonisierungskrieg. Diese Phasen hinterließen auf beiden Seiten tiefe Narben.

Zwischen 1945 und 1968 verließen mehr als 300.000 Menschen die Niederländisch-Ostindien und Indonesien in Richtung Niederlande: Eurasische Niederländer, Niederländer (Totoks), Molukken, Chinesen aus Indonesien (Peranakan), Indoafrikaner und Papuas. Viele wurden gezwungen, ihre Häuser zu verlassen, trugen die Folgen von Krieg und Entwurzelung und kamen in ein Land, das oft kalt und fremd wirkte.

Geschichten lange Zeit ignoriert

Für Oud Zeer sprachen Familienmitglieder miteinander über ihre gemeinsame Geschichte. Die Ausstellung zeigt nicht nur Schmerz und generationenübergreifende Einflüsse, sondern auch Resilienz, Identität, Verbundenheit und die Kraft des weitergegebenen Erbes. Ab dem 15. August 2025 wird die Ausstellung Old Pain durch die Niederlande reisen.

Nähere Informationen: Atrium Den Haag, Spui 70, Den Haag, Telefon: +31 703533629, E-Mail: info@atriumcityhall.nl, Internet: http://www.atriumcityhall.nl

Nächstes Jahr im Deutschen Historischen Museum: „Porträts der deutschen Geschichte“

Das Deutsche Historische Museum (DHM) kündigt für das Frühjahr 2028 eine große Ausstellung im Pei-Bau an: Am 7. April 2028 eröffnet die Schau „Porträts der deutschen Geschichte“ (Arbeitstitel). Auf rund 560 Quadratmetern widmet sie sich der Frage, wie sich deutsche Geschichte durch die Darstellung von Menschen erzählen lässt.

Kuratiert wird die Ausstellung von dem bekannten Historiker Christopher Clark und Julia Voss, die auch die aktuelle Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ kuratiert hat. Im Mittelpunkt stehen eindrucksvolle Porträts historischer Persönlichkeiten sowie Werke, die durch ihre emblematische Aussagekraft wirken. „Geschichte ist ein Bau mit vielen Eingängen. Porträts sind in dieser Hinsicht einzigartige Türöffner,“ unterstreicht Julia Voss und betont den besonderen Reiz der Ausstellung, die möglichst unterschiedliche und überraschende Zugänge zur deutschen Geschichte suche: „mit vielen Personen für viele Personen.“

Geschichte durch Gesichter erzählen

Die Ausstellung versammelt eine große Bandbreite an dargestellten Personen: von Herrscherinnen und politischen Akteuren über Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Sport bis hin zu weniger bekannten Menschen, deren Bildnisse besonders eindringliche Einblicke in ihre Zeit ermöglichen.

Ziel ist es, Geschichte nicht nur „von oben“ zu erzählen, sondern unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen. Die Auswahl reicht daher bewusst weit: Sie umfasst Menschen verschiedener sozialer Hintergründe, politischer Positionen und Lebensrealitäten – darunter auch Opfer und Täter, Migrant:innen und Einheimische, religiöse Minderheiten ebenso wie Mehrheitsgesellschaften.

Grundlage der Ausstellung sind die umfangreichen Porträtbestände des DHM, die erstmals in dieser Fülle gezeigt werden. Ergänzt wird die Auswahl durch Leihgaben aus anderen Museen und Sammlungen.

Auch die künstlerischen Formate sind vielfältig: Neben klassischen Ölgemälden und Skulpturen werden unter anderem Fotografien, Zeichnungen, Medaillen, Briefmarken sowie zeitgenössische Medien wie Video-Installationen präsentiert. Auf diese Weise entstehen unterschiedliche Zugänge zur Geschichte – von der offiziellen Herrscherrepräsentation bis zur persönlichen Momentaufnahme.

Raphael Gross, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum, betont die Herausforderung im Umgang mit Porträts: „Historische Gemälde zeigen natürlich vor allem, wie man Geschichte sehen wollte und nicht zwingend, wie sie war oder tatsächlich aussah. Und damit sind wir schon mitten in aufregenden Fragen der Bewertung, Einordnung und Präsentation deutscher Geschichte in Porträts angelangt. Wie etwa gehen wir mit den heroisierenden Porträts von Herrschern und Herrscherinnen um? Wie finden wir die Balance, dass wir keinesfalls Geschichte alleine von oben erzählen? Wie gehen wir mit der NS-Zeit um?“

Kurator Christopher Clark verweist auf die Londoner National Portrait Gallery. Wer sich die deutsche Geschichte vor Augen führe, verstehe, warum es in Deutschland bisher kein solches Projekt gegeben habe. Für ihn sind Porträts auch deshalb besonders spannend, da sich in ihnen verschiedene Funktionen überkreuzen. Die Porträts „ermöglichen die Begegnung mit Menschen, sie sind Teil der Geschichte und gleichzeitig Kunst“.

Die Ausstellung soll veranschaulichen, wie vielfältig Menschen in Deutschland Geschichte im Großen wie im Kleinen mitgestaltet haben – und immer noch mitgestalten.

Nähere Informationen: Museumsverein des Deutschen Historischen Museums, Unter den Linden 2, 10117 Berlin, Telefon: +49 30 814535510, E-Mail: kontakt@dhm-museumsverein.de

Vom Ausstellungsbanner zum Design Objekt

Museum Reinhard Ernst und die AMD Akademie Mode & Design in Wiesbaden kooperieren

Was geschieht mit dem Werbebanner, wenn eine Ausstellung endet? Anstatt das 9 x 9 Meter große Kunststoffbanner zu entsorgen, entschied sich das Museum Reinhard Ernst (mre) in Zusammenarbeit mit Studierenden der AMD für einen nachhaltigeren Weg: Sie entwarfen und realisierten eine passende Produktkollektion, die seit dem 23. Juni im Museum Reinhard Ernst präsentiert wird.

Das Werbemittel zeigte ein Detail des Gemäldes „Sea Level“ (1976) von Helen Frankenthaler und zierte zuvor eine Hausfassade an der Schwalbacher Straße. Eine Gruppe von zehn Studentinnen und Studenten des vierten und sechsten Semesters der Studiengänge Mode und Design sowie Mode und Designmanagement unter der Leitung von Prof. Ilona Kötter und Prof. Paula Knorr hat das Werbemittel neu interpretiert und wiederverwendet. Die Entwürfe spielen mit Frankenthalers fließenden Farbflächen und übersetzen ihre Malerei in zeitgemäße, nützliche Designs.

Nach einer Einführung in die Do’s und Dont’s bei der Produktentwicklung für das Sortiment eines Museumsshops, legten die Studentinnen und Studenten los. Jedes Produkt ist durch den individuellen Zuschnitt des Banners ein Unikat und wird in einer Kleinauflage produziert. Die Kollektion umfasst drei Produkte: eine Vase, eine versatil einsetzbare Tasche für Pinsel und Stifte sowie einen Schlüsselanhänger.

Ines Gutierrez, Leitung Shop und Digital Marketing beim mre: „Im Rahmen dieser Zusammenarbeit durften wir die Kunst Helen Frankenthalers und die DNA des Museums Reinhard Ernst an die Studentinnen und Studenten vermitteln. Es war richtig schön zu sehen, wie dieser Input in den Gestaltungsprozess eingeflossen ist. Wir sind begeistert von den kreativen Ansätzen und Entwürfen der Studierenden.“

Charlotte Kneupper, eine der am Projekt beteiligten Studentinnen, sagt: „Es ist eine wertvolle und spannende Erfahrung, den gesamten Weg vom ersten Entwurf bis hin zum fertigen Produkt begleiten zu dürfen. Das besondere an diesem Projekt ist es, viel auszuprobieren und zu experimentieren. Auch das gestalten einer gesamten Produktlinie und vieler Unikate, zeigt uns, wie komplex und vielfältig nachhaltiges Design sein kann.“

Nähere Informationen: Museum Reinhard Ernst, Wilhelmstraße 1, 65185 Wiesbaden, Telefon: +49 (0)611 76388880, E-Mail: info@museumre.de

Das neue digitale DHM Journal gibt Einblicke in die Arbeit des Museums

Wiedereröffnung des Zeughauses nicht vor 2031

Das Deutsche Historische Museum hat eine gute Nachricht und – leider – eine weniger gute mitzuteilen. Die gute zuerst: Das Deutsche Historische Museum startet mit dem DHM Journal ein redaktionelles, digitales Angebot und eröffnet damit neue Einblicke in die Museumsarbeit. Ziel des Journals ist es, kontinuierlich über Ausstellungen, Projekte und die Sammlungsarbeit zu informieren, aktuelle Debatten zur Geschichte aufzugreifen und fundiertes historisches Wissen zu vermitteln.
Zum Auftakt steht die Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichte. Blick in die Sammlung“ im Mittelpunkt. In einem Videobeitrag können sich Interessierte eine Einführung in die Ausstellung mit Kurator Wolfgang Cortjaens anschauen und erfahren, was das Besondere an ihr ist. „Wir alle erzählen uns und anderen anhand von Objekten Geschichten“, begann Charlotte Klonk ihre Rede bei der Eröffnung der Ausstellung. Im DHM Journal können diese und die anderen Reden nachgelesen werden.

Wie vielfältig die Arbeit am DHM ist, zeigt die Rubrik „Inside DHM“ – etwa mit Einblicken in Bereiche, die sonst im Verborgenen bleiben, wie die Prävention von Schädlingsbefall in den Sammlungen.

Wer aber Wolfgang Cortjaens in der aktuellen Ausstellung auch live erleben will, sollte zur Mitgliederversammlung am 25. Juni kommen. In dem daran anschließenden Programm führt er zu den Highlights der Ausstellung – jedoch leider nur für Mitglieder.

Die weniger gute Nachricht:

Das DHM bestätigt leider, dass das Zeughaus voraussichtlich nicht vor 2031 wiedereröffnet werden kann. Das Gebäude befindet sich im Eigentum der Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA).Die Baumaßnahmen wiederrum werden vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) geplant und durchgeführt. Aktuell befindet sich das Bauvorhaben weiterhin nur im Planungsprozess, verbindliche Zeitangaben liegen dem DHM nicht vor. Zugleich wird deutlich: Diese Verzögerung liegt nicht im Einflussbereich des Museums.

Um deutsche Geschichte jedoch auch in dieser unbefriedigenden Situation einem breiten Publikum vermitteln zu können, arbeitet das DHM gemeinsam mit dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) daran, einen alternativen Ort für eine interimistische Präsentation der neuen Ständigen Ausstellung zu finden – möglichst umfassend, mindestens jedoch in wesentlichen Teilen.

Was können Freundinnen und Freunde des DHM tun?

Durch den Wegfall der Eintrittsgelder fehlen dem DHM wichtige Finanztmittel, die unter den aktuellen haushaltspolitischen Bedingungen nicht kompensiert werden können. Umso bedeutender ist jetzt bürgerschaftliches Engagement.Das DHM dankt allen Mitgliedern herzlich für ihre Treue und lädt alle Geschichtsinteressierten und Demokratiefreunde ein, den Verein zu unterstützen. „Ein solides und faktenbasiertes Wissen über Geschichte ist wichtiger denn je. Gemeinsam fördern wir deshalb Ankäufe historisch wichtiger Objekte und ermöglichen wertvolle Beiträge für die Wechselausstellungen im Pei-Bau und die zukünftige Ständige Ausstellung. Zugleich hören wir oft, das DHM sei „geschlossen“. Helfen Sie mit, dieses Missverständnis zu korrigieren: Das Museum ist geöffnet – im Pei-Bau mit sehenswerten Wechselausstellungen. Erzählen Sie davon und machen Sie die vielfältige Arbeit des DHM sichtbar“, heißt es dazu vom DHM.

Der Blick nach vorn:

Gerade in dieser Situation gewinnt das DHM Journal zusätzlich an Bedeutung. In einem eigenen Themenschwerpunkt begleitet es die Entwicklung der neuen Ständigen Ausstellung von der Idee bis zur Umsetzung. So erhalten Nutzer bereits jetzt Einblicke in das „Making of“ der Ausstellung und lernen die Menschen hinter dem Projekt kennen. Besonders empfiehlt das DHM den Auftakt einer mehrteiligen Filmreihe: ein Gespräch zwischen Julia Voss und Raphael Gross.

Darin geht es nicht nur um die wechselvolle Geschichte des Zeughauses, sondern auch um die Frage, welche Orientierung Geschichte in Krisenzeiten bieten kann. Im Zentrum stehen zentrale Herausforderungen der neuen Ständigen Ausstellung – etwa der Umgang mit Brüchen und Schlüsselmomenten der deutschen Geschichte, die Bedeutung originaler Objekte im digitalen Zeitalter sowie Fragen von Inklusion und Barrierefreiheit. Zugleich gewährt das Gespräch anschauliche Einblicke in das kuratorische Konzept und die Arbeit des Ausstellungsteams – und zeigt, wie Schritt für Schritt eine neue, vielschichtige Erzählung deutscher Geschichte entsteht.

Das DHM nutzt die Zeit bis zur Wiedereröffnung intensiv – für die inhaltliche und konzeptionelle Vorbereitung einer Ausstellung, die Maßstäbe setzen wird.

Nähere Informationen: Museumsverein des Deutschen Historischen Museums, Unter den Linden 2, 10117 Berlin, Telefon: +49 30 814535510, E-Mail: kontakt@dhm-museumsverein.de

„Von den Yoden“ – Zur Erinnerung an die erste Epoche jüdischer Sesshaftigkeit

Am Sonntag, 22. März,11.30 Uhr, wird im zum Museumsquartier Osnabrück gehörenden Kulturgeschichtlichen Museum die Ausstellung „Von den Yoden“ offiziell eröffnet.

Anlass ist das Ende der ersten jüdischen Gemeinde(n) in Osnabrück vor 600 Jahren. 1309 vom Osnabrücker Bischof offiziell für den Geldverleih in die Stadt geholt, wurden die jüdischen Menschen während des Pestpogroms von 1350 brutal ermordet. Nur wenige Jahre später entstand in der Neustadt eine neue jüdische Gemeinde. 1426 endete die erste Epoche jüdischer Sesshaftigkeit in der Stadt mit letzten Steuerzahlungen.
In der Ausstellung erinnern kostbare mittelalterliche Originale an diese Phase Osnabrücker Wirtschafts-, Religions- und Migrationsgeschichte. Am lokalen Beispiel werden die über Jahrhunderte tradierten antijudaistischen Wurzeln des Antisemitismus sichtbar. Der durch ihre kulturelle und religiöse Vielfalt geprägten bundesdeutschen Gesellschaft bietet „Van den Yoden“ mit Ausstellung, Begleitprogramm und Katalog angesichts des aktuellen Antisemitismus den öffentlichen Raum für eine kritische Auseinandersetzung mit seinen im Antijudaismus gründenden Ursprüngen.

Weitere Veranstaltungen

Filmabend »Am Ende kommen Touristen« am 18. März, 19 Uhr, in der Lagerhalle

Sven hatte sich seinen Zivildienst anders vorgestellt. Er wollte ins Ausland und etwas Sinnvolles machen, doch für ihn blieb nur eine Stelle in der Begegnungsstätte in Auschwitz, dem Ort, dessen Name zum Symbol für den nationalsozialistischen Völkermord wurde. Das Museum erinnert ihn an langweiligen Geschichtsunterricht. Mit gepackten Koffern steht er bald am Bahnhof. Doch am Ende kommen Touristen, wie jeden Tag, und Sven muss sich entscheiden. Eintritt 6 Euro / ermäßigt 5 Euro.

»Israelis in Berlin nach dem 7. Oktober« – Buchvorstellung und Gespräch mit Andrea von Treuenfeld am 26. März, 18.30 Uhr, im Veranstaltungssaal

Tausende Israelis leben heute in Berlin. Mit einigen von ihnen hat Andrea von Treuenfeld gesprochen und diese Gespräche in biografische Erzählungen gefasst. Sie kamen aus verschiedenen Gründen und leben teilweise schon viele Jahre in Berlin. Israelis sind sie geblieben, aber der zweite Pass ist jetzt oftmals ein deutscher. Ihr Dasein hier erleben sie als offen, divers und liberal. Zumindest bis zum 7. Oktober 2023, als Hamas Terroristen in den Süden Israels eindrangen, ein Massaker begingen und damit den Gaza Krieg auslösten. Der folgende weltweite Anstieg antisemitischer Übergriffe hat die Realität der in Berlin lebenden Israelis drastisch verändert. Eintritt: 9 Euro / ermäßigt 7 Euro.

Vortrag von Dr. Thorsten Heese am 9. April, 18.30 Uhr, im Veranstaltungssaal

„Warum ich Nationalsozialist wurde!“ Gerhard Schlikker und die „Villa Schlikker“. Eintritt: 3 Euro, für unter 18-Jährige frei.

Stadtrundgang mit Dr. Thorsten Heese am 14. April, 16 Uhr, Treffpunkt: Museumskasse

»Jüdisches Leben im mittelalterlichen Osnabrück«. Um 1300 etablierte sich eine erste jüdische Gemeinde. Ihre Ansiedlung unter dem Schutz des Osnabrücker Bischofs blieb nicht ohne Konflikte. Anmeldung erfolgen per E-Mail unter mq4-vermittlung@osnabrueck.de. Eintritt: ab 4 Euro pro  Person.

Szenische Führung am 15. April, 16 Uhr, im Felix-Nussbaum-Haus

„Lass mich dir erzählen. Mein Freund Felix Nussbaum“ – Ein gemeinsamer Rundgang durch zwei Leben, erzählt aus den Erinnerungen von Fritz Steinfeld. Eintritt: 9 Euro/ermäßigt 7 Euro.

Nähere Informationen: Museumsquartier Osnabrück, Lotter Straße 2, 49078 Osnabrück, E-Mail: museum@osnabrueck.de, Telefon: 0541 323-2207 oder 0541 323-2237. Geöffnet ist das Museum Dienstag bis Freitag: 11 bis18 Uhr, Samstag und Sonntag: 10 bis 18 Uhr.

Der Frühling in der Kunst

Von Thomas Gatzemeier

Der Frühling gehört zu den ältesten und schönsten Motiven der Kunstgeschichte. Seit der Antike steht diese Jahreszeit für Erneuerung, Wachstum und die Rückkehr des Lebens nach dem Winter. Wenn die Natur erwacht, Blüten zum Licht drängen, entsteht ein Bild, das Künstler über Jahrhunderte hinweg inspiriert hat.

Die antike Kunst begreift den Frühling als Personifikation. Die Göttin Flora verkörpert das Erwachen der Natur. In Wandmalereien aus Pompeji wird sie als junge Frau dargestellt, die Blumen pflückt oder Blüten verstreut. Der Frühling ist hier nicht Landschaft, sondern eine göttliche Erscheinung von einigem Liebreiz.

Schon in der antiken Kunst wurde der Frühling als Göttin dargestellt.

In der Renaissance erhielt er mit Botticellis berühmter „Primavera“ eine der eindrucksvollsten Allegorien der europäischen Malerei. Später entdeckten Künstler immer neue Möglichkeiten, das Thema zu gestalten: als mythologische Szene, als paradiesische Landschaft, als blühenden Garten oder als reines Spiel von Licht und Farbe.

Mit Botticellis berühmter Primavera wird der Frühling zu einer komplexen mythologischen Allegorie. Venus steht im Zentrum eines paradiesischen Gartens. Die drei Grazien tanzen, Amor schwebt darüber, während Zephyr die Nymphe Chloris verfolgt, die sich in Flora verwandelt. Das Bild verbindet antike Mythologie mit der humanistischen Bildsprache der Renaissance. Das Bild sprüht vor Sinnlichkeit, die uns leider abhandengekommen zu sein scheint.

Der Frühling in der Kunst zeigt nicht nur die Schönheit der Natur. Er erzählt auch davon, wie sich der Blick des Menschen auf die Welt verändert hat. Von der antiken Mythologie über die Renaissance bis zur modernen Malerei spiegelt dieses Motiv die Beziehung zwischen Mensch und Natur. In der Kunst der Gegenwart werden diese Gefühle eher verdrängt, so wie alles Sinnliche im lärmenden Kunstbetrieb untergeht oder verdächtig wird.

Arcimboldo geht, wie immer, einen völlig anderen Weg. Sein Frühling besteht aus Blumen, Blüten und Pflanzen, die zusammen ein menschliches Porträt formen. Die Natur wird hier selbst zum Körper der Jahreszeit. Der Surrealismus lässt grüßen. Oder war er schon immer da?

Poussin zeigt den Frühling als idealtypische Paradieslandschaft. Adam und Eva erscheinen im Garten Eden, einer Welt voller Harmonie und üppiger Vegetation. Der Frühling wird hier zum Bild des ursprünglichen Gleichgewichts zwischen Mensch und Natur. Nicht nur das. Der Mensch ist ein kleiner Teil des Ganzen. Aber worauf deutet Eva, die ihren Arm erhoben hat? Möchte sie Adam daran erinnern, was die Natur des Menschen ist? Zumal im Frühling. Ist dies eine Aufforderung zum Sündenfall ohne Apfel?

Im Rokoko erscheint Der Frühling in der Kunst als heitere Gartenwelt in der frivole Spielchen gespielt werden. Fragonards berühmtes Bild zeigt eine junge Frau auf einer Schaukel, umgeben von blühender Vegetation. Die Natur wird zur Bühne für ein spielerisches Liebesabenteuer. Und das Symbol der Blüte ist eine schaukelnde Frau.

Der Impressionismus begreift den Frühling nicht aus seiner allegorische Bedeutung. Monet interessiert sich vor allem für das Licht der blühenden Obstbäume und die Atmosphäre eines sonnigen Tages. Der Mensch scheint in der Natur aufzugehen und mit ihr eins zu werden.

Van Gogh malt in Arles eine Reihe blühender Obstgärten. Die zarten Blüten erscheinen vor einem intensiven Himmel. Der Frühling wird hier zu einem leuchtenden Farbereignis, welches der Künstler in zahlreichen Varianten malte.

Im Jugendstil wird der Frühling in der Kunst zu einer eleganten weiblichen Figur.

Mucha verbindet florale Ornamente, geschwungene Linien und dekorative Farben zu einer idealisierten Darstellung der Jahreszeit. Natürlich sind auch hier die Rückgriffe auf die Kunstgeschichte zu erkennen. Denken wir an die Antike mit ihren Göttinnen.

In der modernen Malerei verliert der Frühling zunehmend seine ikonografischen Regeln wie auch an meinem Gemälde zu sehen. Er erscheint nicht mehr als allegorische Figur oder mythologische Szene, sondern als freies Motiv der Malerei. Farben und Gesten können das Erwachen der Natur ebenso ausdrücken wie eine Landschaft. In meiner Erinnerung entstanden die Titel der Gemälde meist erst nach deren Fertigstellung. Ich hatte also das Gefühl Frühling zu fühlen, als ich das Bild betrachtete. Denn der Frühling in der Kunst muss nicht immer Absicht sein – er kann einfach so im Bild erscheinen. Denn der Betrachter macht sich sein Bild.

Meine Malerei-Collage „Der Frühling“ verbindet eine Heliogravüre nach Botticellis Primavera mit eigenen malerischen Eingriffen. Schmetterlinge, Raupen und Insekten erscheinen über der Renaissance-Szene. Die Technik der Malerei-Collage greift Systematiken des Surrealismus und „DADA“ auf.

Der Frühling in der Malerei wird hier zu einer Allegorie der Metamorphose – einer Natur, die sich ständig verwandelt. Und so zu einem immer wiederkehrenden lyrischen Ereignis wird.

Zum Autor:

Am dunkelsten Tag des Jahres 1954 im sächsischen Döbeln geboren, wurde Thomas Gatzemeier ungefragt von einem katholischen Pfarrer getauft.

Als Kind buk er heimlich einen Kuchen, der als Brot gut ankam. Dieses scheinbare Missgeschick inspirierte ihn dazu, eine Ausbildung als Schrift- und Plakatmaler zu absolvieren, um Pinsel und Stift zu beherrschen.

Er arbeitete anschließend auch als Steinmetzgehilfe und Grabsteindesigner. Nach dieser Grundausbildung studierte er Malerei und Grafik an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo Arno Rink und Volker Stelzmann zu seinen Lehrern zählten. 1980 beendete er sein Studium und ist seitdem als freier Künstler, Autor, Kunsthändler, Blogger und Freizeitkoch tätig.

Konflikte mit den Machthabern der SBZ und ein mehrjähriges Ausstellungsverbot bewegten ihn 1986 dazu, die SBZ zu verlassen. Danach lebte er vorwiegend in Karlsruhe, verbrachte aber auch längere Zeit in Zürich und nahe Worpswede. Von 2006 bis 2015 hatte er ein weiteres Atelier in Leipzig.

Nach 34 Jahren Hauptwohnsitz in Karlsruhe verlegte der Wanderer zwischen den Welten im Februar 2020 seinen Wohnsitz endgültig nach Leipzig.

Nähere Informationen: Thomas Gatzemeier, Gottschallstraße 24, 04157 Leipzig, Telefon: 0172 610 25 35, E-Mail: info@thomas-gatzemeier.de

Auf den Krisenherden dieser Welt unterwegs

Neues Buch von Katrin Eigendorf

Sie gehört ohne Zweifel zu den mutigsten deutschen Journalistinnen: Katrin Eigendorf, die für das ZDF direkt vor Ort von den Krisenherden dieser Welt berichtet.

Seit Kurzem liegt ihr neues Buch mit dem Titel „Erzählen, was ist – Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege“ vor, in dem sie von ihrer Tätigkeit als Sonderkorrespondentin berichtet – und das auf eine sehr persönliche Art tut. Sie lässt die Leserinnen und Leser neben den politischen Fakten auch an ihrer Sicht der Dinge teilhaben. Katrin Eigendorf ist dort unterwegs, wo die Welt ins Wanken geraten ist – in der Ukraine, wo sie Soldaten an der Front begleitet, oder in Afghanistan, wo sie von mutigen Frauen in Afghanistan berichtet, die Mädchen in Untergrund-Schulen unterrichten, aber auch von den Taliban, die 2021 die Macht zurückgewonnen haben und ein weiteres mal die Frauen unterdrücken. Es sind existenzielle, häufig auch schmerzhafte Begegnungen, mit Menschen, deren Geschichten die Reporterin erzählt. Nicht aus der Distanz, nur aus der Nähe, aus der eigenen Anschauung und Anteilnahme berichtet sie über Kriege. Was sie dort erlebt, wie in der zurückeroberten ukrainischen Stadt Isjum, wo sie auf von den Russen hinterlassene Leichenberge stößt, ist erschreckend.

Was zur Zeit auf der Welt von Afghanistan über den Gazastreifen bis hin zum Angriffskrieg der Russen gegen die Ukraine und auch in anderen Regionen passiert, bringt Katrin Eigendorf präzise auf den Punkt: „Wir erleben heute, wie Grenzen systematisch überschritten und verschoben werden. Grenzen von Ländern, Grenzen der Menschlichkeit, des Ressourcenverbrauchs. Wir bewegen uns in eine scheinbar grenzenlose Welt, in der fast alles möglich scheint – und zugleich alles ins Rutschen gerät. Das nutzen Autokraten wie Putin, Trump oder Xi zu ihrem Vorteil. Und nicht nur sie. In Deutschland erteilt ein Ladenbesitzer Juden Hausverbot. In Afghanistan verweigern die Taliban verletzten Frauen nach einem Erdbeben ärztliche Hilfe, weil diese nicht von Männern berührt werden dürfen. In Gaza lässt die israelische Regierung Menschen verhungern, im Iran lassen die Mullahs Frauen foltern und ermorden, weil sie ihre Haare nicht bedecken. Russland überfällt sein Nachbarland, und in den USA darf ein gewählter Präsident willkürlich Jagd auf Menschen machen und diese deportieren lassen. Es ist eine Welt der Grenzverschiebungen.“

Dabei war zu Beginn ihrer journalistischen Karriere Ende der 1980-er Jahre die Welt von sehr viel Hoffnung erfüllt, wie sie weiterschreibt: „Der Beginn meiner journalistischen Laufbahn ist geprägt vom Fall der Mauer und dem Ende der Sowjetunion. Es schien damals, als befände sich die Demokratie auf dem Siegeszug. Francis Fukuyama sprach vom Ende der Geschichte. Die Vorstellung, dass auf den Trümmern einer Monarchie und eines jahrzehntelangen Sowjetregimes eine funktionierende Marktwirtschaft und Demokratie entstehen können, zog mich nach Russland – voller Hoffnung. Im Westen wuchs damals die Überzeugung, Reformen könnten von außen gefördert werden.“

Doch diese Hoffnungen trogen, wie die nachfolgenden Jahre zeigten. Und das gilt auch für den Westen, allen voran die USA mit Präsident Donald Trump. Ebenso in seinem Fall bringt sie die von ihm vollzogenen Grenzverschiebungen auf den Punkt: „Es ist ihm gelungen, so viel Macht in seinen Händen zu konzentrieren, wie kein amerikanischer Präsident zuvor. Er und die MAGA-Bewegung sind dabei, die demokratischen Institutionen, Traditionen und ihr Regelwerk systematisch zu zerstören, mit dem Ziel, ein autokratisches Regime zu errichten.“

Dass dergleichen geschehen konnte, begründet sie unter anderem mit einer technischen Entwicklung, die immer mehr die Wahrnehmung von Informationen beeinflusst: Das Internet und die mit ihm verbundenen „sozialen Medien“. Deren immer größer werdende Macht datiert sie auf das Jahr 2014 zurück: „Wir werden überflutet mit Informationen, und viele Menschen haben das Gefühl, die Orientierung zu verlieren. Eine Entwicklung, die spätestens seit 2014 erkennbar ist. Mit gezielter Desinformation ist es Russland gelungen, das Vertrauen in die Wahrheit zu erschüttern. Social Media haben den Autokraten von heute schier unbegrenzte Möglichkeiten der Manipulation gegeben. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz wird die Grenzen in einem Ausmaß weiter verschieben, das wir noch nicht kennen.“

Mit ihrem Buch will sie ein Zeichen gegen diese Entwicklung setzen. Sie glaubt an die Wahrheit und an ihre Profession als Journalistin. So ist es ihr ein großes Anliegen, über Menschen zu berichten, die sich gegen die um sich greifenden autokratischen Denkweisen und Strukturen ankämpfen: „Hoffnung machen mir die vielen Begegnungen mit Menschen, die teilweise unter hohen Risiken für ihre Freiheit eintreten. Ihre Geschichten zu erzählen ist mein Anliegen …“

Eine ihrer Stationen: die Zarghona High School in Kabul, ein Jahr nach der Machtübernahme durch die Taliban. Dort trifft Katrin Eigendorf für einen Fernsehbericht auf die Direktorin, die trotz eines allgemeinen Schulverbotes für Mädchen durch die Taliban Unterricht erteilt, allerdings nur noch für 2000 statt für 8000 Schülerinnen. Und auch damit soll Schluss sein: „Für die Mädchen der sechsten Klassen soll es der letzte Schultag ihres Lebens sein. Ich versuche mir vorzustellen,was das bedeutet, wie die Mädchen sich fühlen mögen“, berichtet die Journalistin. Richtig traurig wird es zum Schluss des Besuches, als eine Lehrerin Katrin Eigendorf mit folgenden Worten verabschiedet: „»Bitte erzähle das, was die Mädchen erleben, bitte berichte davon«, sagt sie leise, bevor wir uns verabschieden. Wir werden uns nicht wiedersehen und auch nicht telefonieren, aber manchmal, so habe ich gelernt, ist es wichtig, eine Telefonnummer notiert zu haben.

Diese und weitere Erfahrungen solcher Art führen die Autorin auch dazu, über ihren Beruf zu reflektieren und eine Haltung dazu zu gewinnen: „Wie geht es dir nach solchen Begegnungen, wie kommst du damit klar, in Ländern zu sein, wo Menschen so viel Unrecht angetan wird? Es sind Fragen, die mir immer wieder gestellt werden. Gar nicht komme ich damit klar, lautet meine Antwort. Manchmal komme ich mir in eine Zeit versetzt vor, die ich als Kind nur aus Spielfilmen kannte. Die Brutalität, die Unterdrückung und diese Erbarmungslosigkeit. Das war irgendwie das Mittelalter, dessen Grausamkeit wir durch den Humanismus überwunden zu haben schienen. Hier in Afghanistan ist all das Realität.Es zu sehen ist schlimm, es zu spüren, den Menschen nahe zu sein, und sei es auch nur für wenige Stunden oder einen Tag, macht mich traurig. Das, was meinen Beruf ausmacht, ist auch das, was schmerzt. Nur wenn ich mit den Menschen, die ich treffe, eine Verbindung eingehe, kann ich ihre Geschichten so erzählen, wie es mir richtig erscheint.“

Katrin Eigendorf spricht aber nicht nur mit den unterdrückten Mädchen und Frauen, sondern auch mit denen, die das zu verantworten haben: den Taliban. Ortswechsel: das Büro des Vizeregierungssprechers Bilal Karimi. Was dort passiert, ist typisch für das frauenfeindliche Verhalten der Taliban. Karimi will sich eigentlich weigern, ein Interview mit einer Frau zu führen, lässt es aber dann doch zu. Richtig ärgerlich wird er, als Eigendorf folgende Frage stellt: „Wo im Koran steht geschrieben, dass Mädchen nach der sechsten Klasse keine Schule besuchen dürfen?«, frage ich. Ich erkenne sofort den Ärger im Gesicht des Mannes. Er bemüht sich, ruhig zu antworten, und erklärt mir etwas von oben herab: »Sie sollten auf Dinge, die mit dem Islam zu tun haben, nicht oberflächlich schauen. Das ist ein Land, das 43 Jahre für seine spirituellen und islamischen Werte gekämpft hat.“ Nach weiteren kritischen Fragen ist das Gespräch beendet.

Eigendorf weiß aber trotzdem, wie weit sie gehen kann, und welche Regeln sie befolgen muss, um aus einem von den Taliban beherrschten Land überhaupt noch berichten zu können. Ihr zu Seite steht ein afghanisches Zweimann-Team, das die „feinen Linien“ kennt, die nicht überschritten werden sollten. Sie bekommt entgegen ihren Befürchtungen nach dem Interview aber auch bestätigt, dass sie sich richtig verhalten und die nötige Sensibilität bewiesen hat: „Wir besprechen genau, was aus ihrer Sicht möglich ist und was Probleme schaffen könnte. Oft sind sie viel mutiger als ich. Sie sind der Meinung, dass das Gespräch gut gelaufen ist, denn ich war kritisch, habe mich aber höflich, fair und respektvoll verhalten. Ähnlich ist es auch mit unseren Berichten.“ Das sagt ihr auch ein weiterer journalistischer Kollege: „Solange du sachlich bleibst und nichts verdrehst oder aufbauschst, ist es okay«, erklärt mir Farid, ein weiterer langjähriger afghanischer Kollege immer wieder.“

Journalistische Tugenden, die auch hier gelten, und Umgangsformen, die in Deutschland auch als Sekundärtugenden bezeichnet werden, helfen bei der Arbeit auch unter erschwerten Bedingungen, wie Eigendorf schreibt: „Ein falsches Wort, eine falsche Darstellung kann nicht nur unsere Kollegen oder auch

Gesprächspartner in Gefahr bringen, es kann auch dazu führen, dass wir beim nächsten Mal kein Visum und keine Akkreditierung bekommen. Es ist ein schmaler Grat zwischen der Möglichkeit, hier zu arbeiten, und dem journalistischen Wert, zu berichten, was ist. Nach fast jeder größeren Geschichte müssen die afghanischen Mitarbeiter Gespräche mit den Behörden führen. Es ist dann besonders wichtig, dass meine Schilderungen wahrheitsgetreu sind. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, doch leider erlebe ich vor allem in Afghanistan, dass sich die Menschen von westlichen Medien oft klischeehaft und falsch dargestellt sehen.“ So erhält der Leser neben einer genauen Beschreibung der Verhältnisse vor Ort auch Einblicke in die Regeln guten journalistischen Handwerks.

Weiter geht es im Buch mit einer differenzierten Analyse der Taliban und ihren unterschiedlichen Ausrichtungen, mit Berichten aus anderen Krisenregionen der Welt sowie persönlichen Erfahrungen und Betrachtungen; und durch diese gelungene Mischung gelingt es Eigendorf, komplexe Sachverhalte verständlich auf den Punkt zu bringen. Kurzum: eine lohnenswerte Lektüre über die schwierigen politischen Verhältnisse auf dieser Welt, die dem Leser Orientierung über manchmal kaum zu überblickende Zusammenhänge bietet.

Katrin Eigendorf, Erzählen, was ist – Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege, S. Fischer Verlag, 256 Seiten, ISBN: 978-3-10-397699-1

Ein Tagesausflug nach Colmar

Fachwerk, Altstadt und französisches Lebensgefühl – von Thomas Gatzemeier

Hier verlangsamt sich der Schritt fast von selbst. Die Petite Venise ist kein Ort, den man durchquert, sondern einer, an dem man hängen bleibt. Das Wasser liegt ruhig zwischen den Häusern, als hätte es sich an sie gewöhnt. Fachwerk, Putz, Dächer – alles spiegelt sich leicht verzerrt, nichts drängt nach vorne.

Der Flaneur nimmt wahr, wie nah hier gebaut wurde. Die Häuser stehen nicht dekorativ am Ufer, sie stehen am Wasser, weil es früher so sein musste. Die Lauch – der Fluss – war Arbeitsraum, Transportweg, Grenze und Verbindung zugleich. Dass heute Restaurant-Tische dort stehen, wo einst Boote anlegten, ist keine Verklärung, sondern eine Verschiebung der Nutzung.

Die Schwäne treiben durch das Bild wie ein ruhiger Kommentar. Sie gehören längst dazu, so wie das leise Stimmengewirr von den Tischen. Wer einen Tagesausflug nach Colmar macht, merkt hier, dass das französische Lebensgefühl weniger mit Sehenswürdigkeiten zu tun hat als mit dem selbstverständlichen Nebeneinander von Alltag und Geschichte. Man sitzt, man schaut, man bleibt einen Moment länger als geplant. Nur. Es sitzen eher Touristen als Franzosen hier. Zumindest am Tage.

Colmar hat diese Fassaden, die man nicht „besichtigt“, sondern irgendwann bemerkt. Man läuft unter ihnen hindurch wie unter einem Dach aus Geschichte. Fachwerk, helle Felder, Fensterläden, die offenstehen, als würde gleich jemand hinausschauen. Und dann: die irritierenden Figuren. Sie hängen da nicht wie etwas, das immer schon da gewesen wäre. Eher wie eine Setzung der Gegenwart. Skelettartig, mit Flügeln, deutlich als Requisit zu erkennen. Ein Eingriff, der das historische Haus nicht erklärt, sondern kurz aus dem Gleichgewicht bringt. Der Flaneur mag solche Stellen. Nicht, weil sie „schön“ sind, sondern weil sie zeigen, dass eine Altstadt nicht nur Vergangenheit ist. Colmar ist eine Bühne und mittlerweile voll auf Tourismus ausgerichtet. Und manchmal reicht ein einziges Stück Dekoration, um diese Bühne sichtbar zu machen.

Das gehört eigentlich nicht zu dem französischen Lebensgefühl, das man bei einem Tagesausflug nach Colmar sucht. Denn die Tradition tritt hier als Kulisse in Erscheinung und wird nicht als Alltag empfunden. Alte Häuser tragen neue Zeichen und werden zum Spektakel. Manchmal dezent, manchmal mit Absicht zu laut. Und während man noch überlegt, ob das Spiel ernst gemeint ist, hat man schon wieder ein paar Schritte gemacht. Colmar lässt einen nicht festhalten. Es lässt einen weitergehen. Oder man wird von den Massen weiter geschoben. Und dies alles wegen ein oder zwei Filmen die in Asien berühmt waren.

Wer bei seinem Tagesausflug durch Colmar läuft, stößt früher oder später auf diese kleinen, unscheinbaren Institutionen: diese Tabac-Presse Läden. Läden, die in Frankreich jahrzehntelang mehr war als Verkaufsstelle für Zigaretten. Man kaufte dort Zeitung und Briefmarken, gab eventuell ein Paket ab, füllte ein Lottoschein aus, wechselte ein paar Worte – und ging mit dem Gefühl hinaus, dass der Alltag hier noch eine Theke hat.

Das Schild in der Gasse ist fast schon ein kleines Zeitdokument. „Presse“ steht meist noch ganz oben, aber darunter sieht man, wie sich das Geschäft verschiebt: „Cigares“ und inzwischen „Vape“. Der Tabakkonsum geht zurück, die Regeln werden strenger, und die Läden reagieren pragmatisch. Wo früher vor allem Zigarettenstangen über den Tresen gingen, kommen heute Lotterie (FDJ), E-Zigaretten, Zubehör, manchmal auch Paketservices und kleine Convenience-Artikel dazu. Nicht als Lifestyle, eher als Überlebensform.

Für viele Deutsche aus dem Grenzgebiet war Frankreich lange ein Ziel mit sehr konkretem Grund: Zigaretten. Nicht nur wegen der Preise, sondern auch wegen des „anderen Geschmacks“ und dieses schwer greifbaren französischen Lebensgefühls, das man sich gleich mitkaufte. Namen wie Gauloises oder Gitanes hatten etwas von Film und Caféhaus, während internationale Marken wie Marlboro, Camel oder Lucky Strike eher das Vertraute bedienten und heute schon allein wegen Trump verachtet sind. Der Einkauf war für manche ein Ritual: rüberfahren, kurz durch eine Altstadt gehen, die Luft anders finden, und dann mit einem Päckchen Alltag nach Hause zurückkehren. Heute wirkt das wie eine Erinnerung aus einer Übergangszeit. Und genau deshalb passt so ein Schild so gut in einen Tagesausflug nach Colmar: Es zeigt nicht nur Fachwerk und hübsche Fensterläden, sondern auch, wie sich eine Stadt im Kleinen verändert. Nicht im Museum, sondern an einer ganz normalen Hauswand, in einer engen Gasse, zwischen Tradition und Anpassung.

Der Schwendi-Brunnen auf der Place de l’Ancienne Douane stammt ursprünglich aus dem Jahr 1898. Entworfen wurde er von Auguste Bartholdi, der mit der Figur des Lazare de Schwendi eine historische Persönlichkeit der Stadt ins Zentrum stellte. Immerhin hat Bartholdi die Freiheitstatue von New York entwurfen. Im Jahr 1940 verschwand der Brunnen jedoch aus dem Stadtbild. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Anlage zerstört; das Elsass war zu dieser Zeit von Deutschland besetzt. Über die konkreten Umstände des Abbruchs – ob kriegsbedingt, aus materialtechnischen Gründen oder durch administrative Entscheidungen – geben die Quellen keine eindeutige Auskunft.

Belegt ist lediglich, dass der Brunnen seine ursprüngliche Gestalt verlor und nach dem Krieg in veränderter Form wieder aufgebaut wurde. Heute steht er erneut auf dem Platz, nicht als unverändertes Denkmal, sondern als sichtbares Zeichen einer unterbrochenen Geschichte. Man darf jedoch annehmen, dass die Nazis den Bildhauer hassten, weil er die Freiheitsstatue entworfen hatte. An solchen Ecken bleibt man stehen, ohne es zu planen.

Das Eckhaus schiebt sich in den Blick, als wolle es sagen: Hier beginnt etwas anderes. Die Straße öffnet sich kurz, dann zieht sie sich wieder zusammen. Fachwerk, Farbe, Fensterläden – alles bekannt, und doch jedes Mal neu zusammengesetzt. Der Flaneur nimmt wahr, dass diese Häuser nicht nur Kulisse sind. Unten wird gegessen, getrunken, gesprochen. Oben gewohnt. Die klare Ordnung der Fassaden erzählt von einer Zeit, in der Bauweise auch Haltung war. Gleichzeitig ist alles gegenwärtig: Markisen, Tafeln, Stimmen. Die Altstadt von Colmar lebt davon, dass sie sich benutzen lässt. Ein Tagesausflug nach Colmar führt zwangsläufig an solchen Punkten vorbei. Nicht als Ziel, sondern als Übergang. Man steht kurz, schaut nach links, nach rechts – und geht weiter, ohne genau zu wissen, warum dieser Ort im Gedächtnis bleibt. Gerade deshalb bleibt er. Hier geht man nicht einfach vorbei.

Der Weg am Wasser zwingt zur Langsamkeit. Der Langsamkeit eines Flaneurs. Links die Häuser, dicht an dicht, jedes anders gefasst, und doch Teil derselben Reihe. Rechts der Kanal, ruhig, fast gleichgültig gegenüber dem Treiben.

Der Flaneur beobachtet, wie sich dieser Ort benutzt anfühlt. Menschen bleiben stehen, lehnen am Geländer, schauen ins Wasser oder auf die Fassaden gegenüber. Das Viertel war einmal Arbeitsraum; heute ist es ein Ort des Gehens und Verweilens. Beides schließt sich nicht aus.

Ein Tagesausflug nach Colmar findet an solchen Stellen sein Maß. Man sieht nicht nur Fachwerk und Altstadt, man spürt, wie nah hier Geschichte und Gegenwart beieinanderliegen. Der Weg führt weiter, aber er lässt einen nicht eilig werden. Hier schaut der Flaneur nach oben. Nicht, weil etwas spektakulär wäre, sondern weil sich das Leben an der Fassade zeigt. Balkone, Fensterläden, Blumenkästen – nichts davon ist Bühne, alles ist Gebrauch. Die Häuser wirken bewohnt, nicht ausgestellt. Die Balkone erzählen von einer anderen Art, Raum zu denken. Nicht als abgeschlossene Einheit, sondern als etwas, das sich nach außen fortsetzt. Man stellt etwas ab, man lehnt sich hinaus, man lässt Dinge hängen. Das Fachwerk hält das zusammen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

In der Petite Venise sind solche Ansichten oft nur ein paar Schritte vom Wasser entfernt. Ein Tagesausflug nach Colmar besteht dann nicht aus einem Ziel, sondern aus Blicken wie diesem. Man geht weiter, aber der Gedanke bleibt kurz hängen – an einem Balkon, an einem Fenster, an der Selbstverständlichkeit, mit der hier gewohnt wird. Oder doch alles Unterkünfte von Airbnb? Man wird es nicht erfahren. Aber wo wohnen all die Asiaten, die hier herumwuseln?

Manchmal reicht es, sitzen zu bleiben. Der Flaneur hebt den Blick, nicht aus Neugier, sondern aus Ruhe. Über dem Tisch spannen sich Markisen, Schirme, Streben. Nichts davon ist geplant für den Blick nach oben, und doch ergibt es eine Ordnung. Eine zufällige Architektur entstanden aus dem Wunsch nach „Beschirmung“.

Hier sitzt man geschützt, leicht abgeschirmt vom Himmel, und hört das, was eine Altstadt eben mit sich bringt: Stimmen, Geschirr, Schritte. Auf dem Tisch ein Flammkuchen, daneben ein Glas elsässischer Riesling. Keine Inszenierung, sondern Alltag. Die Markisen erzählen davon, wie sehr diese Stadt darauf eingestellt ist, draußen zu sitzen – auch dann, wenn der Raum eigentlich fehlt.

Ein Tagesausflug nach Colmar besteht nicht nur aus Wegen und Plätzen. Er besteht auch aus diesen Pausen. Aus Blicken, die nichts festhalten wollen. Man isst, man trinkt, man schaut nach oben – und merkt erst später, dass genau das geblieben ist. Das sind die Momente, an die man im harschen deutschen Alltag sehnsüchtig denkt.

In der Adventszeit zeigt sich Colmar von einer besonders dichten Seite. Schaufenster werden zu Bühnen, dekoriert bis in den letzten Winkel, als müsse jedes Detail mit dem Strom der Besucher konkurrieren. Wer hier stehen bleibt, merkt schnell, dass es nicht mehr um Stille geht, sondern um Sichtbarkeit. Wie sich die Stadt in diesen Wochen verändert, was der Weihnachtszauber mit dem Stadtraum macht – und warum der Andrang selbst zum Thema wird –, darüber geht es in meinem Text „Colmar im Weihnachtswahn“. Ein Blick hinter die Kulissen einer Stadt, die im Winter besonders viele Blicke auf sich zieht.

Der figürliche Fassadenschmuck bündelt, was als elsässisch gelesen werden soll: Störche, Tracht, ländliche Tiere, ein angedeutetes Fachwerkhaus. Alles ist klar erkennbar, alles auf einmal und hübsch beieinander. Solche Darstellungen gehören zur Volkskunst des Elsass und sollen des Touristen Herz erfreuen. Sie sind keine überlieferten Hauszeichen, sondern bewusst gesetzte Bilder, entstanden im Spannungsfeld von regionaler Identität, die schon längst verschwunden ist und touristischer Erwartung der erfüllt werden muss. Der Storch steht dabei als zentrales Symbol für Heimat und Beständigkeit, die Trachtfiguren verweisen weniger auf gelebte Geschichte als auf deren Bildtradition.

Für den Flaneur ist dieses Element kein Schmuck im architektonischen Sinn. Es ist eine Erzählung an der Wand. Colmar zeigt sich hier nicht als gewachsene Stadt, sondern als Stadt, die die Erwartungen ihrer Besucher kennt – und diese sichtbar befriedigt. Da kommt dann schon mal der Chinese vorbei und denkt: huch haben die es heimelig.

Die Rue des Marchands ist eine jener Straßen, in denen Colmar sein Tempo zeigt – das Tempo der Touristen. Fachwerk, Fensterläden, Ausleger und Markisen bilden eine dichte Abfolge, die kaum Pausen lässt. Hier geht man nicht verloren, hier wird man weitergeschoben – von Geschäft zu Geschäft, von Blick zu Blick. Für den Flaneur ist diese Straße weniger Ort des Verweilens als des Beobachtens. Man liest an den Fassaden, wie sich die Altstadt organisiert: oben gewohnt, unten verkauft, dazwischen Geschichte und Gegenwart eng verzahnt. Ein Tagesausflug nach Colmar führt fast zwangsläufig hierher, weil sich an solchen Straßen das französische Lebensgefühl der Stadt besonders deutlich zeigt – geschäftig, dicht, und doch eingebettet in historische Formen. Und gerade diese Straße war für mich reizvoll, da die Fassaden Patina zeigten und nicht als Schauflächen für die Besucher herausgeputzt waren. An solchen Plätzen sammelt sich die Stadt. Fachwerk, Geschäfte, Wegweiser und Menschen kreuzen sich auf engem Raum. Nichts ist monumental, alles wirkt gewachsen. Der Flaneur bleibt kurz stehen, nicht weil etwas hervorsticht, sondern weil sich hier vieles überlagert.

Ein Tagesausflug nach Colmar führt unweigerlich durch solche Übergangsräume. Zwischen Museum, Altstadt und Einkaufsstraße zeigt sich das französische Lebensgefühl der Stadt in Bewegung: ein kurzer Blick, ein Richtungswechsel, ein weiterer Schritt durch die Geschichte, die hier selbstverständlich Teil des Alltags ist.

Auch wenn es einem recht heimelig beim Anblick der alten Fachwerkhäuser wird, darf man nicht vergessen, wie mühselig das Leben in der Zeit war, als diese Häuser „Neubauten“ waren. Aber der Flaneur an sich und ich im Besonderen bin ein positiv denkender Mensch und vertiefe mich ungern in Dinge, die meine Fröhlichkeit negativ beeinflussen könnten. Es kommt schon noch härter, wenn ich von den Grünewaldaltartafeln stehe. Wenn Sie möchten, so lesen Sie „Otto Dix trifft Grünewald in Colmar“.

Kulinarische Zwischenstationen beim Tagesbesuch in Colmar

Irgendwann setzt man sich. Nicht aus Hunger allein, sondern weil die Stadt es nahelegt. Bistro, Taverne, ein Tisch am Rand – das gehört zu einem Tagesausflug nach Colmar wie das Fachwerk zur Fassade. Die elsässische Küche ist dabei klar umrissen und unterscheidet sich deutlich von dem, was man sonst in Frankreich erwartet.

Der Flammkuchen, hier selbstverständlich Tarte flambée genannt, ist kein Gericht für den großen Auftritt. Dünner Teig, Sauerrahm, Zwiebeln, Speck – mehr braucht es nicht. Er kommt nicht als Hauptgang, sondern als Begleiter, oft in mehreren Varianten, geteilt am Tisch. Weniger Mahlzeit als Rhythmusgeber. Deutlicher wird die Eigenständigkeit bei der Choucroute garnie. Sauerkraut, Würste, gepökeltes Fleisch – kräftig, sättigend, ohne jede Leichtigkeit und sehr ans Deutsche erinnernd. Diese Küche schaut nicht nach Paris, sondern über den Rhein nach Osten oder auch nach Bayern. Auch der Baeckeoffe, ein langsam gegarter Ofeneintopf aus Fleisch, Kartoffeln und Zwiebeln, gehört zu dieser Tradition des Geduldigen und Bodenständigen. Fast unscheinbar, aber charakteristisch sind die Fleischschnacka: gefüllte Nudelscheiben, in der Pfanne gebraten. Ein Restegericht ursprünglich, heute fester Bestandteil der regionalen Küche. Nichts davon will modern sein, alles will bleiben. Und das macht diese Küche so sympatisch.

Dazu werden elsässische Weine getrunken – Riesling, Pinot Blanc, Gewürztraminer. Trocken, aromatisch, ohne Umwege. Sie begleiten das Essen, sie kommentieren es nicht. Auch hier zeigt sich der Unterschied zu anderen Regionen Frankreichs: weniger Inszenierung, mehr Selbstverständlichkeit.

Wer in Colmar isst, merkt schnell, dass Essen hier kein Ereignis ist, sondern Teil des Gehens. Man setzt sich, man isst, man steht wieder auf – und nimmt etwas mit, das nicht nur satt macht. Wer Colmar besucht, sitzt früher oder später draußen. Nicht, weil das Wetter perfekt wäre, sondern weil es dazugehört. Das Draußensitzen ist in Frankreich keine saisonale Ausnahme, sondern Teil der Stadtkultur. Tische stehen nicht am Rand, sie stehen im Raum. Man schaut, man wird gesehen, man bleibt.

Gerade in der Altstadt von Colmar wird diese Haltung sichtbar. Zwischen Fachwerkhäusern, Winstuben und kleinen Restaurants wird der Platz zum Wohnzimmer. Essen und Trinken sind dabei fast nebensächlich. Wichtiger ist das Verweilen, das langsame Gespräch, das Gefühl, Teil des Stadtbildes zu sein. Dass wir diese Form der Außengastronomie inzwischen auch in Deutschland übernommen haben, ist ein Glück. In Colmar aber merkt man, woher sie kommt: aus einer Selbstverständlichkeit heraus, die Öffentlichkeit nicht zu meiden, sondern zu nutzen. Draußensitzen ist hier keine Mode – es ist eine Haltung.

Fassadenschmuck in Colmar – Ein Alleinstellungsmerkmal?

Beim Gang durch die Altstadt fällt auf, dass viele Fassaden mehr zeigen als bloß Architektur. Neben dem historischen Fachwerk treten Objekte, Figuren und ganze Arrangements, die bewusst in das Stadtbild eingreifen. Gießkannen, Werkzeuge oder Tiere ersetzen den klassischen Blumenschmuck und machen die Häuser selbst zu Schauflächen. Dieser Fassadenschmuck ist keine überlieferte Bauform, sondern eine zeitgenössische Praxis. Es handelt sich häufig um saisonale oder geschäftsbezogene Dekorationen, die das „Märchenbild“ der Altstadt gezielt verstärken. Besonders zur Weihnachtszeit wird diese Inszenierung sichtbar, wenn Colmar den öffentlichen Raum bewusst bespielt und als eigenes Programm vermarktet.

So entsteht ein Spannungsfeld zwischen historischer Substanz und heutiger Erzählfreude. Die Häuser bleiben, was sie sind – Zeugnisse einer alten Stadt –, doch ihre Fassaden werden ergänzt, kommentiert, manchmal auch überzeichnet. Colmar zeigt sich hier nicht nur als bewahrte Altstadt, sondern als gestalteter Stadtraum, in dem Tradition und Inszenierung nebeneinander existieren aber auch vor dem globalen Tourismus eine große Verbeugung machen. Nicht jeder Einheimische klatscht da in die Hände. Ja manche ballen sie in der Tasche zur Faust. Aber man lebt hier sehr gut von mir und all den anderen welche die Stadt überfluten.

Zum Autor:

Am dunkelsten Tag des Jahres 1954 im sächsischen Döbeln geboren, wurde Thomas Gatzemeier ungefragt von einem katholischen Pfarrer getauft. Als Kind buk er heimlich einen Kuchen, der als Brot gut ankam. Dieses scheinbare Missgeschick inspirierte ihn dazu, eine Ausbildung als Schrift- und Plakatmaler zu absolvieren, um Pinsel und Stift zu beherrschen. Er arbeitete anschließend auch als Steinmetzgehilfe und Grabsteindesigner. Nach dieser Grundausbildung studierte er Malerei und Grafik an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo Arno Rink und Volker Stelzmann zu seinen Lehrern zählten. 1980 beendete er sein Studium und ist seitdem als freier Künstler, Autor, Kunsthändler, Blogger und Freizeitkoch tätig. Konflikte mit den Machthabern der SBZ (Sozialistische Besatzungszone, später DDR) und ein mehrjähriges Ausstellungsverbot bewegten ihn 1986 dazu, die SBZ zu verlassen.

Danach lebte er vorwiegend in Karlsruhe, verbrachte aber auch längere Zeit in Zürich und nahe Worpswede. Von 2006 bis 2015 hatte er ein weiteres Atelier in Leipzig. Nach 34 Jahren Hauptwohnsitz in Karlsruhe verlegte der Wanderer zwischen den Welten im Februar 2020 seinen Wohnsitz endgültig nach Leipzig.

Nähere Informationen: Thomas Gatzemeier, Gottschallstraße 24, 04157 Leipzig, Telefon: 0172 610 25 35, E-Mail: info@thomas-gatzemeier.de

Headlines, Fakenews, Nius, von Storch, Martin Huber und Markus Lanz und was das alles miteinander zu tun hat

Dass die Diskussionskultur, wenn es um Politik geht, ein sehr geringes Maß an Niveau aufweist, ist nichts Neues. Als Paradebeispiele und Ursache für manchmal auch unversöhnliche Gespräche sind an vorderster Stelle der Angriffskrieg der Russen gegen die Ukraine und der Konflikt im Gazastreifen zu nennen. Informiert durch Headlines und gegebenenfalls noch einer Unterzeile aus den „Sozialen Medien“ fühlen sich viele berufen, ihre oft unausgegorene und mit wenig Faktenwissen belegte Meinung zu äußern – Instagram, Facebook und Co. machen es ja möglich. So wird zumindest geglaubt.

Was da an Äußerungen getätigt werden, sind diese so absurd, dass sie einen fassungslos machen können. So wird im Falle des Angriffskrieges der Russen gegen die Ukraine das Opfer zum Täter gemacht. Es wird behauptet, dass Putin die russische Minderheit in der Ukraine schützen wolle, dass das westliche Verteidigungsbündnis NATO schuld habe, weil es so viele ehemalige Ostblockländer aufgenommen habe, dass das Existenzrecht der Ukraine als eigenständiges Land nicht gegeben sei und dass die Ukraine so stark von faschistisch orientierten Kräften durchsetzt sei, dass Putin gar nicht mehr anders konnte, als diesen wehrhaft gegenüberzutreten.

Vergessen wird, dass Putin seit seinem Amtsantritt als Präsident immer wieder Kriege begonnen hat – gegen Tschetschenien und gegen Georgien und schon seit 2014 gegen die Ukraine. Nicht zu vergessen sind die von Putin installierten künstlichen Gebilde wie Transnistrien auf dem Gebiet der Republik Moldau sowie Abchasien und Ossetien auf dem Gebiet Georgiens. Und mehr als glaubwürdig belegt ist, dass Putin und die mit ihm verbündeten Oligarchen eine Kleptokratie geschaffen haben, die ausschließlich dem eigenen materiellen Vorteil dient. Mit dabei sind natürlich auch die üblichen Verdächtigen wie das Militär und der Geheimdienst.

Ähnlich Lügenhaftes wird auch über den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern verbreitet. Extreme Kreise stellen das Existenzrecht Israels als Staat in Frage, manche glauben, dass die Hamas eine Freiheitsorganisation der Palästinenser sei und dass deren Anschlag auf die israelische Zivilbevölkerung im Jahre 2023 mit über 1000 Toten ein Akt des Widerstandes war.

Aber auch in diesem Fall machen es sich viele zu einfach. Anstatt sich über die komplexe politische Situation im Nahen Osten kundig zu machen, reichen den meisten headlines, um sich als versierte Kenner zu gerieren. Wer aber wirklich etwas Substanzielles zu diesem Thema beitragen möchte, sollte sich ausführlich damit beschäftigen. Und da bedarf es vieler geschichtlicher Kenntnisse, deren Ursprünge schon Tausende von Jahren zurückliegen.

Dass die politische Diskussionskultur aber nicht nur in alltäglichen Gesprächen so ein geringes Niveau aufweist, sondern auch in Kreisen, die es besser wissen sollten, ist um so verheerender. Deutliche Belege dafür gab es in der vergangenen Woche am Mittwoch und Donnerstag bei Markus Lanz.

Am Mittwoch unter anderem zu Gast war Beatrix von Storch von der AfD, die zunächst nachplapperte, was der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance schon einmal auf der Münchener Sicherheitskonferenz herausposaunt hatte: dass die Meinungsfreiheit in Europa gefährdet sei. Dass ein führender Vertreter der amerikanischen Regierung ohne jegliche Kenntnisse solch einen Unsinn redet, ist angesichts des Umgangs von Trump & Co. mit kritischen Journalisten mehr als unsäglich. Dass eine Politikerin wie von Storch, die dazu noch bei Markus Lanz eingeladen war und ihre Meinung äußern durfte, den gleichen Quatsch erzählt, ist unerträglich.

Damit nicht genug behauptete sie auch, dass der Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein, Daniel Günther, in einer früheren Sendung von Markus Lanz die Einschränkung der Pressefreiheit gefordert hätte. Doch damit kam sie bei Markus Lanz nicht durch. Wie er belegen konnte, wurden die Äußerungen von Daniel Günther vom Sender Nius des ehemaligen Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt so zusammengeschnitten, dass ein falscher Eindruck entstanden war. Im Original hatte Günther sich ausschließlich für ein Verbot sozialer Medien für Jugendliche bis 16 Jahren ausgesprochen, wie es von der australischen Regierung vor kurzem beschlossen wurde – nicht für ein Verbot ihm missliebiger Presseorgane.

Dass es übrigens überzeugende Argumente für dieses Verbot gibt, belegt unter anderem ein mit der Überschrift „Digitales Heroin“ betitelter und im Spiegel erschienener Leitartikel, in dem folgender Satz zu lesen ist: „Im Jahr 2021 enthüllte die ehemalige Facebook-Datenspezialistin Frances Haugen, wie genau das Unternehmen über den schädlichen Einfluss sozialer Medien Bescheid wusste. Laut einer internen Befragung sagten 32 Prozent der weiblichen Teenager dass sich ihr Körpergefühl weiter verschlechtert habe, nachdem sie auf Instagram gewesen waren. 13 Prozent der befragten Jugendlichen in Großbritannien gaben an, dass ihre Suizidgedanken mit der Nutzung von Instagram begonnen hätten.

Angesichts der politischen Haltung von von Storch und ihrer Partei könnte natürlich gesagt werden, dass von ihr nichts anderes als das Nachplappern rechtspopulistischer Inhalte auf einem rechtspopulistischen Sender zu erwarten gewesen wäre.

Doch dass auch Politiker der traditionellen Parteien solche Lügen wie die über Daniel Günther verbreiten, ist dafür umso verwerflicher. Passiert ist das am vergangenen Donnerstag. Unter anderem zu Gast war der Generalsekretär der CSU, Martin Huber, der genau den gleichen Unsinn erzählte, wie es von Storch getan hatte. Auch er wurde eines Besseren belehrt. Aber nicht nur in diesem Fall war er von jeglichen Kenntnissen befreit. Das Gleiche galt für die in der Sendung thematisierte Neuregelung der Erbschaftssteuer, von der er auch nicht viel zu verstehen schien.

Armes Deutschland, das von solchen Politikern vertreten wird.

P.s.: Nicht nur bei Markus Lanz wurden geistige Lücken offenbart. Das passierte auch bei der Sendung von Dieter Nuhr, in der die Kabarettistin Simone Solga dem Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins, Daniel Günther, ebenfalls eine Neigung zur Pressezensur attestierte.

Swinging Nordhorn – eine mobile Dauerausstellung

Eine neue Dauerausstellung mit dem Titel „Swinging Nordhorn – Jugend in einer Kleinstadt im Grünen“ wird am Samstag, 14. Februar, ab 20 Uhr im Saal 2 der Alten Weberei in Nordhorn der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie besteht aus 14 großformatigen Collagen über eine Jugend zwischen Rock´n Roll, Pop, Mode, Kino, Festivals und Protest.

Als prominenter Gast konnte der ESC-Kommentator und NDR-Musikjournalist Peter Urban gewonnen werden, der aus seinem Buch „On Air – Erinnerung an ein Leben mit der Musik“ vorlesen wird. Im Anschluss gibt es Live-Musik mit Frank Stehle & Friends featuring Peter Urban. Gespielt werden Coverversionen aus den 1960-ern, 1970-ern und 1980-ern.

Veranstalter ist der Förderverein Kulturzentrum Alte Weberei.

Eigene Erinnerungen

Wenn ich mich an meine Jugend in Nordhorn erinnere, gibt es einige zentrale Eckpunkte, die auch viele meiner Altersgenossen geprägt haben. Womit könnte ich anfangen? Vielleicht mit meinen ersten Konzert-Erlebnissen, die ich im Konzert- und Theatersaal hatte: „Birth Control“ und „Floh de Cologne“. Gegensätzlicher hätte deren beider Musik kaum sein können: Zum einen dynamischer und hypnotischer Krautrock mit vielen Soloeinlagen, zum anderen mit Jazz vermischter Politrock, kombiniert mit kabarettistischen Einlagen im Geiste der APO und nachfolgend der DKP und damit ideologisch eins zu eins einem dialektisch-marxistischen Weltbild verpflichtet. Gehört beziehungsweise gelesen hatte ich von der Gruppe in der Konkret, einer Zeitschrift für Politik und Kultur mit weit links stehenden Positionen, die auch heute noch existiert. Ob ich damals den ideologischen Überbau verstanden habe, weiß ich nicht mehr. Vielleicht hatte es mich einfach nur gereizt, bei einer Veranstaltung dabei zu sein, die wegen ihrer politischen Ausrichtung schon den Hauch des Verbotenen hatte.

Eine weitere Veranstaltung dieser Art war ein Filmabend der DKP in einem gemieteten Raum des damaligen Bahnhofrestaurants. Gezeigt wurde „Nackt unter Wölfen“. Basierend auf dem Roman von Bruno Apitz drehte der bekannte Regisseur Frank Beyer den gleichnamigen Film, der vom Ende des Dritten Reiches im Konzentrationslager Buchenwald handelt. Im Mittelpunkt steht ein dreijähriges Kind, das von den Gefangenen versteckt wird, um es vor den Schergen des Naziregimes zu schützen, die es ermordet hätten, wenn sie es entdeckt hätten. Als ich mir mit den anderen den Film anguckte, fühlte ich mich wie das Mitglied einer verschworenen kleinen Gemeinschaft.

Anzumerken ist an dieser Stelle, dass ich mich schon früh für Politik interessierte und auf der Suche nach politischer Orientierung war. Ich sah mich politisch auf der linken Seite, ohne allerdings eine ideologisch gefestigte Einstellung zu haben. Die Ereignisse, die einen damals prägten: die Taten der RAF, der Kampf des Staates gegen diese und die damit verbundenen Folgen wie politisch erregte Diskussionen, die Rasterfahndung, die dadurch entstandene Angst vor einem übermächtigen Staat, die Atomkraft und die Angst vor deren Nutzung, die Beschäftigung mit der damals sogenannten Dritten Welt, angeregt durch die auch in der Grafschaft Bentheim entstandenen Dritte Welt-Läden, und der Konflikt zwischen Ost und West, der unter anderem durch die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) entschärft werden sollte. Direkt vor Ort beschäftigte die Menschen neben dem Kernkraftwerk in Lingen auch noch der von der Royal Air Force genutzte Bombenabwurfplatz Nordhorn-Range, gegen den immer wieder protestiert wurde – sogar mit Schulstreiks.

Von Interesse waren für mich aber nicht nur die großen politischen Themen, sondern auch die Musik. Und da darf ein Name nicht fehlen: Georgies. Der leider heute nicht mehr existierende Laden war ein Kultort. Fast wöchentlich oder noch öfters stöberte ich dort nach LPs, die ich, bevor ich mir eine eigene Plattensammlung zulegte, bei meinem viel zu früh verstorbenen Vetter Michael gesehen und gehört hatte. In seinem vom Rest des großen Elternhauses meiner Mutter etwas abgetrennten Zimmer im früheren Dachboden hörte ich über eine Anlage höchster Qualität alles, was damals Rang und Namen hatte: die Rolling Stones, Deep Purple, Pink Floyd, Santana, Crosby Stills Nash & Young, Yes, Uria Heep, Mike Oldfield und auch schon Vertreter der damals im Kommen begriffenen Krautrock-Musik wie Wallenstein, Birth Control, Frumpy und manche mehr. Es gab aber nicht nur Rock zu hören, sondern auch Klassik. Was mir von damals noch in Erinnerung ist: die Vier Jahreszeiten von Vivaldi, die Brandenburgischen Konzerte von Bach und Toccata & Fuge – ebenfalls von Bach.

Neben der Musik faszinierten mich auch Bücher, ebenfalls beeinflusst von meinem äußerst belesenen Vetter Michael. Einer der Klassiker damals: Hermann Hesse. Obwohl schon 1962 verstorben, war er einer der Kultautoren vieler Jugendlichen meiner Generation. Seine Werke wie Demian, Unterm Rad und vor allem Der Steppenwolf trafen den Nerv. Das Aufbegehren gegen überkommene Autoritäten und die Sinnsuche vor dem Hintergrund einer vom Konsum und Materialismus geprägten Gesellschaft bestimmten das Denken der Heranwachsenden.

Nicht fehlen darf bei diesen Erinnerungen an eine Jugend in Nordhorn das Jugendzentrum. Dort kam ich erst im Alter von 17 oder 18 Jahren hin. Der Grund: Bis dahin kannte ich keinen, der dort hinging. Erst durch einen ehemaligen Freund lernte ich das Jugendzentrum kennen und war sofort begeistert. Dort wurde die Musik gespielt, die ich hörte, und dort waren auch die Leute, mit denen man politisch auf einer Wellenlänge war und mit denen man auch andere Interessen wie Musik und Literatur teilte. Legendär noch immer: die Discos am Mittwoch und am Wochenende in der zumeist proppenvollen Tenne, die anfangs nur bis 23 Uhr liefen. Später kam noch die Scheune dazu, um dem Besucherstrom gerecht zu werden. Neben der Disco gab es im Jugendzentrum auch viele unvergessliche Konzerte mit Herman Brood, The Touch mit Terence Trent D´Arby als Sänger, Cuby & The Blizards und später Rausch, Abwärts, Reamonn mit Ray Garvey als Frontmann, H-Blockx, Rammstein (tatsächlich) und vielen vielen mehr. Das waren noch Zeiten.

Ich könnte vermutlich noch viel mehr aus dieser Zeit erzählen, wollte mich aber nur auf die Punkte beziehen, die wohl viele meiner Generation gemein haben. Und ich freue mich auf die Eröffnung der Ausstellung.