Karel Čapek: Der Krieg mit den Molchen

Der visionäre Weltbestseller aus dem Jahr 1936 neu übersetzt

In einer Bucht vor Sumatra entdeckt Kapitän Jan van Toch eine ungewöhnlich intelligente und lernfähige Spezies von Riesenmolchen. Er richtet sie darauf ab, Perlen zu fischen, und baut schnell ein florierendes und expandierendes Geschäft auf. Nach seinem Tod verkaufen seine Geschäftspartner die sich schnell vermehrenden Molche als billige Unterwasser-Arbeitskräfte in die ganze Welt. Mittlerweile haben sie schon zu sprechen und den aufrechten Gang gelernt – und wurden sogar für gefährliche Kriegseinsätze trainiert und mit Waffen ausgestattet. Plötzlich wendet sich das Blatt, und die Molche lehnen sich gegen die Menschen auf: ein unbarmherziger Krieg beginnt. Mit seinem beißenden Witz und Erfindungsreichtum sowie seiner großen stilistischen Bandbreite lässt sich Karel Čapeks überraschend aktueller Klassiker von 1936 in Doris Koubas verspielter Neuübersetzung als eindringliche Warnung nicht zuletzt vor blindwütigem Fortschrittsglauben, kapitalistischer Ausbeutung und aufziehendem Faschismus lesen.

»Lange hat mich keine Erzählung mehr so gefesselt und gepackt. Ihr satirischer Blick für die abgründige Narrheit Europas hat etwas absonderlich Großartiges.«
Thomas Mann über »Der Krieg mit den Molchen«

Leseprobe

1. Der merkwürdige Kapitän van Toch

Sollten Sie einmal auf einer Landkarte die kleine Insel Tana Masa suchen, finden Sie selbige direkt auf dem Äquator, etwas westlich von Sumatra; aber wenn Sie an Bord der Kandong Bandoeng Kapitän van Toch fragen, bei welcher Insel er hier gerade vor Anker geht, wird er ein Weilchen schimpfen und dann sagen, Tana Masa sei das dreckigste Nest der gesamten Sunda-Inseln, genauso verflucht wie Pini oder Banyak und noch übler als Tana Bala; und der einzige hier lebende – mit Verlaub: Mensch, denn die lausigen Batak zählten nicht mit – sei ein ständig besoffener Handelsagent, Mischling, halb Kubu, halb Portugiese, und gottloserer Betrüger und schlimmeres Schwein als Kubu und Weißer zusammen; »und wenn auf dieser Welt irgendetwas verflucht ist, mein Herr, dann das verfluchte Leben auf der verfluchten Insel Tana Masa«. Worauf Sie vielleicht fragen werden, warum er dann ausgerechnet hier seinen verfluchten Anker wirft für, scheint’s, ganze drei verfluchte Tage; darauf wird der Kapitän verärgert schnauben und raunzen, seine Kandong Bandoeng steuere er nicht nur wegen irgendeiner verfluchten Kopra oder wegen Palmöl her, das verstehe sich von selbst, »und im Übrigen, mein Herr, geht Sie das gar nichts an – ich kümmere mich hier um meine verfluchten Befehle, und Sie, mein Herr, kümmern sich bitte um Ihren eigenen Kram«. Und dann wird Kapitän van Toch lang und breit losschimpfen, wie sich das für einen älteren, aber noch durchaus rüstigen Kapitän auf großer Fahrt gehört.

Sobald Sie Kapitän van Toch jedoch Ihre vorlaute Fragerei ersparen und ihn einfach weiterraunzen und schimpfen lassen, erfahren Sie mehr. Man sieht ihm an, dass er etwas auf dem Herzen hat; sobald Sie ihn lassen, kommt ihm die Galle hoch. »Sehen Sie, mein Herr«, beschwert er sich, »diese Kerls bei uns in Amsterdam, diese verfluchten Juden da oben, entscheiden: Perlen, Mensch – das ist es! Auf zur Jagd nach Perlen, weil Perlen, da sind jetzt alle ganz verrückt nach!« Und dann spuckt der Kapitän verächtlich aus. »Das weiß man doch, von wegen Pinkepinke in Perlen anlegen. Das kommt davon, dass ihr Menschen immer irgendetwas wollt, irgendeinen Krieg anzetteln oder so. Angst ums Geld, das ist alles. Und das, mein Herr, nennt man dann Krise.« Kapitän van Toch überlegt, ob er sich einlassen soll auf ein Gespräch über Volkswirtschaft, denn die ist ja nun in aller Munde. Doch dafür ist es hier vor Tana Masa zu heiß und der Kapitän zu träge, so dass er lediglich abwinkt und brummt: »Perlen, das sagt sich so leicht, mein Herr – auf Ceylon ist der Bestand auf fünf Jahre im Voraus geplündert, und auf Formosa ist das Perlenfischen schlicht verboten. Und dann heißt es: ›Kapitän van Toch, auf zu neuen Jagdgründen! Versuchen Sie’s doch mal bei diesen verfluchten Inselchen, vielleicht finden Sie dort noch ganze Perlmuschelbänke …‹ «

Biografisches zu Karel Čapek

Karel Čapek, (* 9. Januar 1890 in Malé Svatoňovice, Österreich-Ungarn; † 25. Dezember 1938 in Prag, Tschechoslowakei) war ein tschechischer Schriftsteller, Übersetzer, Journalist und Fotograf. Er gilt als einer der wichtigsten Autoren der tschechischen Literatur des 20. Jahrhunderts und ist für seine Science Fiction bekannt, darunter der Roman Der Krieg mit den Molchen und Schauspiel R.U.R., auf welches das internationale Wort „Roboter“ zurückgeht. Neben Prosawerken und Dramen verfasste Čapek auch zahlreiche Feuilletons, Kinderbücher und Reiseberichte.

Karel Čapek war der Sohn des Landarztes Antonín Čapek und der Božena Čapková, geborene Novotná. Er wuchs mit seinen älteren Geschwistern Helena und Josef in der ostböhmischen Kleinstadt Úpice auf. Die Geschwister verbrachten die Ferien regelmäßig im nahegelegenen Hronov, wo die Großeltern eine Mühle besaßen. Nach der Grundschule in Úpice besuchte Čapek ab 1901 das Gymnasium in Königgrätz, das er 1905 aufgrund der Gründung eines geheimen antiösterreichischen Schülervereins vorzeitig verlassen musste. Er wechselte nach Brünn, wo seine Schwester mit ihrem Ehemann, dem Rechtsanwalt František Koželuha, lebte. 1907 übersiedelte er gemeinsam mit seinen Eltern an die Prager Kleinseite. In Prag traten er und sein Bruder Josef stets als Einheit auf (Gebrüder Čapek). Sie kleideten sich als exzentrische Dandys und publizierten gemeinsam verfasste Geschichten und journalistische Beiträge. Karel absolvierte 1909 die Matura am Akademischen Gymnasium.

Von 1909 bis 1915 studierte er an der Philosophischen Fakultät der Prager Karls-Universität, dazwischen auch an der Berliner Universität und zusammen mit seinem Bruder an der Sorbonne. Rasch wurden die beiden Brüder Teil des vibrierenden kulturellen Lebens von Paris. Ab seinem 21. Lebensjahr litt Karel Čapek an der Bechterewschen Krankheit, weshalb ihn zeitlebens chronische Schmerzen plagten.[4] Wegen seiner Krankheit wurde er im Ersten Weltkrieg nicht eingezogen.

Am 29. November 1915 promovierte Čapek mit einer Arbeit über Ästhetik zum Doktor der Dr. phil. Er war kurzfristig 1916/1917 als Erzieher beim Grafen Prokop Lažanský auf Schloss Chyše und als Bibliothekar des Museums des Königreichs Böhmen tätig. Ab 1917 wirkte Čapek als Journalist bei den Národní listy. Da ihn die nationalistischen Tendenzen der Zeitung nach Kriegsende störten wechselte er 1920 als Redakteur zu den Lidové noviny. Čapeks Übersetzungen moderner französischer Poesie wurde von der dichterischen Avantgarde um Vítězslav Nezval begeistert aufgenommen. Daneben war er von 1921 bis 1923 Dramaturg und Regisseur am Prager Theater in den Weinbergen.

Čapek gilt als der Hauptinitiator des Stammtisches Pátečníci, der Freitagsrunde, die sich ab 1925 meist in seiner Wohnung traf und der neben den Gebrüdern Čapek und weiteren Intellektuellen auch der tschechoslowakische Präsident Tomáš Garrigue Masaryk angehörte. Von 1925 bis 1933 gehörte Karel Čapek dem tschechoslowakischen PEN-Klub an. 1923 bereiste er Italien, 1924 England, 1929 Spanien, 1931 Holland, 1936 Dänemark, Schweden und Norwegen.

Čapek heiratete am 26. August 1935 nach 14 Jahren Bekanntschaft die Schauspielerin und Schriftstellerin Olga Scheinpflugová (1902–1968), eine Tochter des Journalisten Karel Scheinpflug. Von einer Hochzeit war ihm aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands jahrelang abgeraten worden. Als Hochzeitsgeschenk erhielten die Eheleute vom Generaldirektor der Dobříšer Hüttenwerke Václav Palivec eine Villa am Teich Strž bei Stará Huť zur lebenslangen Nutzung. Die Villa wurde zu Čapeks letztem Hauptwohnsitz. Bei der Beseitigung von Hochwasserschäden am Strž zog sich Čapek eine Lungenentzündung zu, an der er verstarb. Am 29. Dezember 1938 wurde er auf dem Vyšehrader Friedhof beigesetzt.

Werk

Karel Čapek widmete sich einem breiten Arbeitsfeld: Realismus, Drama und Utopische Literatur. Sein Werk gilt als meisterhaftes Beispiel der tschechischen Sprache. Inhaltlich finden sich eine klare Beobachtungsgabe der Gesellschaft sowie häufig ein satirischer, treffsicherer Humor. International ist Karel Čapek für seine Werke bekannt, die der Science-Fiction zugerechnet werden. Er steht darin Schriftstellern wie Aldous Huxley und George Orwell nahe.

Viele von Karel Čapeks Werken behandeln ethische Aspekte neuer Entwicklungen, wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts absehbar waren. Beispiele sind die industrielle Massenproduktion, Massenvernichtungswaffen oder die Begegnung mit anderen Intelligenzen (Roboter in R.U.R., Amphibien in Der Krieg mit den Molchen). Der Roman Das Absolutum oder die Gottesfabrik zeichnet ein pessimistisches Bild vom Umgang der Menschen mit ungeahnten Möglichkeiten. Bei der Atomspaltung wird nebenbei das „Absolutum“ freigesetzt, die Essenz des Göttlichen. Seine Verfügbarkeit gibt der Menschheit theoretisch Zugang zu Utopia, doch Machtdenken und Selbstsucht führen zu Sektierertum und Missionsbewegungen sowie schließlich zu einem sinnlosen, weltweiten Krieg. Noch düsterer ist „Krakatit“ (1924) mit seinem besessenen, an Dostojewski gemahnenden Helden, der das Zerstörungspotential der Atomkraft entfesselt.

Daneben verfasste Karel Čapek Detektivgeschichten, Romane, Märchen und Schauspiele; auch ein Buch zum Gartenbau stammt aus seiner Feder. Ein immer wiederkehrendes Thema ist die Frage „Was ist Wissen“, die insbesondere in „Das Absolutum oder Die Gottesfabrik“ und in der Romantrilogie bestehend aus „Hordubal“, „Ein Meteor“ und „Ein gewöhnliches Leben“ beleuchtet wird. Čapek war insgesamt sieben Mal für den Nobelpreis für Literatur nominiert, erhielt ihn aber nie.

Philosophische und gesellschaftspolitische Positionen

In seiner Studienzeit wurde Čapek von der amerikanischen Philosophie des Pragmatismus beeinflusst, der ihn mit seinem Fokus auf die praktischen Wirkungen des Handelns überzeugte. In seinen Werken warnt Čapek vor kommenden Katastrophen. Zudem sieht er die Macht der Diktaturen voraus, prangert die Übermacht von Industriekonzernen an und mahnt ganz allgemein einen Platz für den Einzelnen an. Ray Bradbury, Salman Rushdie und Brian Aldiss sowie Dan Simmons können zu den literarischen Erben Karel Čapeks gezählt werden.

Seine produktivste Schaffensperiode lag in der Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik (1918–1938). Mit Präsident Masaryk verband ihn eine enge Freundschaft. Diese Beziehung zwischen Schriftsteller und Politiker hat später Václav Havel inspiriert. In den 1930-er Jahren setzte Karel Čapek sein literarisches Talent zunehmend dafür ein, um vor der Bedrohung durch Nationalsozialismus und Faschismus zu warnen. Im Drama Die weiße Krankheit zeigt er die Gefahr aufziehender totalitärer Regimes und ihrer Kriegsabsichten auf. Der „Marschall“, Hitler gemeint, wird dort zitiert: „So eine kleine Nation hat gar kein Recht auf Leben“.

Der Gestapo galt Čapek (nach dem Präsidenten Masaryk) als „Staatsfeind Nummer 2“. Die Zerschlagung der Tschechoslowakei musste er nicht mehr miterleben. Sein Bruder Josef wurde bereits 1939 als einer der Ersten verhaftet. Er durchlitt die KZs in Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen, bis er schließlich Anfang April 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Fleckfieber starb.

Nachwirkung

Im Drama „R.U.R.“ taucht erstmals der Begriff Roboter (robot) auf, der heute in zahlreichen Sprachen Verwendung findet. Das Wort wurde von Josef Čapek geprägt, der es aus dem westslawischen robota (Fronarbeit bzw. ursprünglich Arbeit allgemein) ableitete.

Nach dem Februarumsturz 1948 tat sich das kommunistische Regime der Tschechoslowakei schwer, Karel Čapek anzuerkennen, da er nie von der Überlegenheit einer Diktatur des Proletariats gegenüber anderen Gesellschaftsformen überzeugt gewesen war. Zudem war er eine Symbolfigur der „bourgeoisen“ Ersten Republik. Trotzdem stellte das Regime den weltweit bekannten Erfolgsautor und Antifaschisten nicht ganz ins Abseits. Ab 1954 erschienen Čapeks Werke stark zensiert in mehreren Auflagen in der Tschechoslowakei, übersetzt auch im Aufbau-Verlag in der DDR sowie in anderen Ländern des Ostblocks. Ideologisch nicht konforme Werke wurden dabei außen vor gelassen.

Der Asteroid (1931) Čapek trägt seinen Namen. In seinem letzten Wohnsitz bei Stará Huť befindet sich seit 1963 eine Gedenkstätte, in seinem Geburtsort Malé Svatoňovice im Okres Trutnov ein Museum. Seit 1994 wird der Karel-Čapek-Preis vergeben. (Quelle: Wikipedia)

Karel Čapek: Der Krieg mit den Molchen, Verlag: S. FISCHER, übersetzt von: Doris Kouba, ISBN: 978-3-10-397652-6

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