Das zweite Leben des Papiers – oder das Palimpsest in der Kunst

Thomas Gatzemeiers Naturdarstellungen aus dem Zyklus „Sammelsurium“ und das Kontopapier

Das Palimpsest – wenn ein Bildgrund bereits eine Geschichte besitzt (Von Thomas Gatzemeier)

Der Begriff „Palimpsest“ stammt aus der Ägyptologie. In früheren Jahrhunderten war Pergament kostbar. Deshalb wurden bereits beschriebene Blätter gelegentlich abgeschabt, gereinigt und erneut verwendet. Die alte Schrift verschwand dabei nicht immer vollständig. Unter dem neuen Text blieben Spuren des früheren sichtbar: verblasste Buchstaben, Linien und Schatten einer Mitteilung, die eigentlich hatte gelöscht werden sollen. So entstanden Schriftstücke mit mehreren Zeitschichten. Das Neue verdrängte das Alte, ohne es vollständig zum Schweigen zu bringen.

In der Kunst wird der Begriff des Palimpsestes heute weiter gefasst. Er bezeichnet Werke, in denen verschiedene Zeiten, Bedeutungen und Bearbeitungsspuren übereinanderliegen. Der Bildgrund ist nicht mehr bloß eine neutrale Fläche. Er trägt bereits eine Geschichte in sich und wirkt an der Entstehung des neuen Bildes mit. Genau darin liegt ein Schlüssel zum Verständnis meiner Naturdarstellungen aus dem Zyklus „Sammelsurium“.

Gebrauchtes Material wird Kunst

Die Verwendung bereits vorhandener oder gebrauchter Materialien gehört zu den großen Neuerungen der Kunst des 20. Jahrhunderts. Künstler begannen, Dinge in ihre Arbeiten einzubeziehen, die ursprünglich für ganz andere Zwecke hergestellt worden waren: Zeitungsausschnitte, Fahrkarten, Verpackungen, Reklame, Holzreste, Stoffe oder gewöhnliche Gebrauchsgegenstände.

Kurt Schwitters und die Poesie des Weggeworfenen

Kurt Schwitters sammelte Fahrkarten, Anzeigen, Etiketten, Zeitungsausschnitte, Stoffreste und andere scheinbar wertlose Dinge. Aus diesen Fundstücken schuf er seine sogenannten Merzbilder. Der Begriff „Merz“ entstand aus einem Fragment des Wortes „Commerz“, das Schwitters in einer seiner frühen Collagen verwendete. Aus einem zufällig übrig gebliebenen Wortteil entwickelte er eine eigene künstlerische Welt.

Die Merzbilder zeigen, dass ein gebrauchtes Material seine Vergangenheit nicht ablegen muss, um Kunst werden zu können. Im Gegenteil: Eine abgerissene Fahrkarte oder ein zerknittertes Stück Zeitung erzählt bereits etwas. Schwitters machte diese vorhandene Geschichte zum Bestandteil seiner Komposition.

Max Ernst – aus Vorhandenem entsteht eine unbekannte Welt

Auch Max Ernst verwendete bereits vorhandene Bilder und Materialien. Für seine Collagen griff er unter anderem auf alte Illustrationen, Warenkataloge, Lehrbücher und Holzstiche des 19. Jahrhunderts zurück. Er löste einzelne Figuren, Maschinen, Tiere oder Landschaftsteile aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und setzte sie neu zusammen.

Dabei entstanden keine bloßen Sammlungen von Fundstücken. Max Ernst verband die einzelnen Fragmente so geschickt, dass sie wie Bestandteile einer einzigen, rätselhaften Welt erschienen. Vertraute Dinge gerieten in ungewohnte Beziehungen. Größenverhältnisse verschoben sich, Räume wurden unlogisch und aus nüchternen Illustrationen entstanden poetische oder beunruhigende Traumbilder.

Auch seine Frottagen beruhen auf dem Vorgefundenen. Ernst legte Papier auf Holz, Blätter oder andere strukturierte Oberflächen und rieb deren Strukturen mit dem Zeichenstift durch. Nicht allein die Hand des Künstlers bestimmte das Bild. Das Material selbst lieferte Formen und Spuren, auf die der Künstler reagierte. Das Vorgefundene wurde damit nicht nur verwendet. Es wurde zum Partner des künstlerischen Prozesses.

Marcel Duchamp und die Entscheidung des Künstlers

Marcel Duchamp ging noch einen Schritt weiter. Er nahm industriell hergestellte Alltagsgegenstände und erklärte sie durch Auswahl, Titel und Präsentation zu Kunstwerken. Diese Arbeiten nannte er Readymades.

Ein Flaschentrockner, eine Schneeschaufel oder ein Fahrrad-Rad verloren im Ausstellungsraum ihren selbstverständlichen Gebrauchswert. Sie wurden nun anders betrachtet. Duchamp zeigte, dass nicht allein die handwerkliche Herstellung ein Kunstwerk hervorbringt. Auch die Entscheidung des Künstlers, einen Gegenstand aus seinem gewohnten Zusammenhang zu lösen und in einen neuen zu versetzen, kann ein schöpferischer Akt sein. Damit stellte Duchamp eine Frage, die bis heute wirksam ist: Entsteht Kunst nur dadurch, dass etwas neu hergestellt wird – oder auch dadurch, dass etwas Vorhandenes neu gesehen wird?

Das Kontoblatt als Bildgrund

Ich verwende seit vielen Jahren nicht nur für die Naturdarstellungen originale Blätter aus Kontobüchern der Zeit um 1910. Diese Papiere wurden ursprünglich natürlich nicht für die Kunst hergestellt. Sie dienten der kaufmännischen Ordnung: Einnahmen und Ausgaben wurden verzeichnet, Waren verbucht, Zahlenkolonnen gezogen und Geschäftsvorgänge festgehalten.

Ein solches Blatt ist deshalb keine leere Fläche. Es besitzt bereits eine Struktur und ein erstes Leben. Es verbucht unser Dasein zwischen Soll und Haben. Gedruckte Spalten, rote und blaue Linien, Seitenzahlen, handschriftliche Eintragungen, Stempel und Verfärbungen erzählen von einer vergangenen Arbeitswelt. Menschen haben auf diesen Blättern gerechnet, geschrieben, geprüft und korrigiert. Auch wenn ihre Namen heute unbekannt sind, haben sie sichtbare Spuren hinterlassen.

Ich lösche diese Spuren des Vergangenen nicht. Auch übermale ich diese nicht vollständig. Mit Tusche lege ich zunächst die Zeichnung an. Anschließend entwickelt sich die Darstellung die mit hochwertigen Acrylfarben ausgeführt wird. Die ursprüngliche Ordnung des Kontobuches bleibt an vielen Stellen sichtbar und tritt in einen Dialog mit dem gemalten Motiv. So entsteht ein Palimpsest im übertragenen Sinne: Eine neue Bildwelt legt sich über eine ältere, ohne diese auszulöschen. Die vorhandene Lineatur wird nicht beseitigt, sondern in die Komposition einbezogen.

Wenn Natur auf Buchhaltung trifft

Die besondere Spannung dieser Arbeiten entsteht aus dem Zusammentreffen zweier sehr verschiedener Ordnungen. Das Kontobuch steht für Berechnung, Handel und Kontrolle. Seine Linien teilen die Fläche ein, seine Spalten verlangen nach Eindeutigkeit. Alles soll seinen Platz, seine Nummer und seinen Wert erhalten.

Die Natur hingegen hält sich nur bedingt und wenn der Mensch eingreift an Vorgaben. Pflanzen wachsen über Grenzen hinweg. Früchte reifen, Insekten verwandeln sich und Vögel setzen sich dorthin, wo es ihnen gefällt. Ein Schmetterling lässt sich nicht bilanzieren. Eine Blüte passt in keine Soll-und-Haben-Spalte.

Gerade dieses Aufeinandertreffen macht den besonderen Reiz der Arbeiten aus. Die gemalten Tiere, Pflanzen und Früchte scheinen sich die alte Buchhaltung anzueignen. Sie überlagern die frühere Zweckbestimmung des Papiers, ohne sie völlig zu verdrängen. Die Zahlen bleiben sichtbar, sind jedoch zum Beiwerk degradiert.

Sammelsurium“ – eine neue Ordnung der Dinge

Der Titel des Zyklus ist mit Bedacht gewählt. Ein Sammelsurium bezeichnet zunächst eine Ansammlung unterschiedlicher Dinge. Das Wort kann beiläufig oder sogar etwas abschätzig klingen: als sei da etwas zusammengekommen, was nicht recht zusammengehört.

In meinen Arbeiten wird daraus jedoch ein künstlerisches Prinzip. Unterschiedliche Zeiten, Zeichen und Erscheinungen begegnen einander auf einem Blatt. Die nüchterne Ordnung der Buchhaltung trifft auf die Vielfalt der Natur. Gedruckte Linien begegnen frei gesetzten Formen. Historische Gebrauchsspuren stehen neben intensiven Farben.

Wie bei Schwitters geht es dabei nicht um ein ungeordnetes Nebeneinander, sondern um die Verwandlung des Vorgefundenen durch die Beziehungen der Elemente. Wie bei Max Ernst entsteht aus bereits vorhandenen Zeichen eine neue Bildwirklichkeit. Und wie bei Duchamp beginnt der künstlerische Vorgang mit einer bewussten Auswahl: Dieses alte Blatt wird aus seinem bisherigen Zusammenhang gelöst und als Bildgrund neu betrachtet.

Dennoch bleiben meine Arbeiten eine eigenständige Form der Malerei. Das historische Papier ist weder bloße Kulisse noch allein ausgestelltes Fundstück. Es ist der Widerpart, auf den Zeichnung und Farbe reagieren. Die handwerklich mit äußerster Präzision ausgeführten Naturdarstellungen und die vorhandene Ordnung des Kontobuches werden zu einem untrennbaren Ganzen.

Zum Autor:

Am dunkelsten Tag des Jahres 1954 im sächsischen Döbeln geboren, wurde Thomas Gatzemeier ungefragt von einem katholischen Pfarrer getauft. Als Kind buk er heimlich einen Kuchen, der als Brot gut ankam. Dieses scheinbare Missgeschick inspirierte ihn dazu, eine Ausbildung als Schrift- und Plakatmaler zu absolvieren, um Pinsel und Stift zu beherrschen. Er arbeitete anschließend auch als Steinmetzgehilfe und Grabsteindesigner. Nach dieser Grundausbildung studierte er Malerei und Grafik an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo Arno Rink und Volker Stelzmann zu seinen Lehrern zählten. 1980 beendete er sein Studium und ist seitdem als freier Künstler, Autor, Kunsthändler, Blogger und Freizeitkoch tätig.

Konflikte mit den Machthabern der SBZ und ein mehrjähriges Ausstellungsverbot bewegten ihn 1986 dazu, die SBZ zu verlassen. Danach lebte er vorwiegend in Karlsruhe, verbrachte aber auch längere Zeit in Zürich und nahe Worpswede. Von 2006 bis 2015 hatte er ein weiteres Atelier in Leipzig. Nach 34 Jahren Hauptwohnsitz in Karlsruhe verlegte der Wanderer zwischen den Welten im Februar 2020 seinen Wohnsitz endgültig nach Leipzig.

Nähere Informationen: Thomas Gatzemeier, Gottschallstraße 24, 04157 Leipzig, Telefon: 0172 610 25 35, E-Mail: info@thomas-gatzemeier.de

Joachim Jurgelucks – shaping contact

Ausstellung der Sievert Stiftung in Osnabrück

In den Räumlichkeiten des Geburtshauses des konkreten Künstlers Friedrich-Vordemberge-Gildewart (1899-1962) zeigt die Sievert Stiftung für Wissenschaft und Kultur vom 19. September – 7. November die Werke eines zeitgenössischen Vertreters der Konkreten Kunst:

Der Meller Künstler Joachim Jurgelucks (*1979) untersucht in seinen unifarbenen Form- und Linienkompositionen mit einfühlsamem Gespür die Spannung und Harmonie zwischen Reduktion und Komplexität. Am liebsten arbeitet Jurgelucks mit Holz. Auch wenn das Material in seinen Objekten durch das Auftragen unzähliger Lackschichten kaum noch nachspürbar ist, trägt es die Berührungen des Handwerkers in sich. Durch Beiteln, Schleifen und Lackieren entstehen Kompositionen mit klaren Linien und Formen, die er teilweise auch als Bronzen gießen lässt. Ähnlich ist es bei seinen aus Stahl geformten Linien. Das Material rückt in den Hintergrund, sie wirken leicht und schwebend und zeugen zugleich von Entschlossenheit und Klarheit. Zu der Ausstellung erscheint ein Katalog, der über den Buchhandel erhältlich ist.

Ausstellungsort: Vordemberge-Gildewart-Haus, Große Gildewart 27, 49074 Osnabrück.

Öffnungszeiten: Mittwoch und Donnerstag von 15 bis 18 Uhr, am Samstag von 14 bis 17 Uhr.

Vernissage: Samstag, 19. September, 14 – 17 Uhr. Um 14.30 Uhr findet die offizielle Begrüßung statt. Der Künstler wird anwesend sein.

Künstlergespräch: Donnerstag, 8. Oktober, 18 Uhr

Finissage: Samstag, 7. November, 14 – 17 Uhr. Der Künstler wird anwesend sein.

Führungen: Samstag, 26. September, 14.30 Uhr, Samstag, 17. Oktober, 14.30 Uhr, Samstag, 31. Oktober, 14.30 Uhr. Die Führungen dauern zirka 45 Minuten.

Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Bei Interesse können für Gruppen von bis zu 15 Personen auch gesonderte Termine für eine Führung vereinbart werden.Anfragen sind an Mail-Adresse info@sievert-stiftung.de zu richten.

Neues aus der Welt der Kunst in den Niederlanden

In der neuen Ausgabe der Museumstijdschrift findet der Leser oder die Leserin viele Tipps über Kunstausstellungen in den Niederlanden und manches mehr aus der Welt der Kunst. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Die Familie hinter Vincent van Goghs Weltruhm – Vom Emma Falconer

Vincent van Gogh ist zweifellos einer der berühmtesten Künstler der Welt. Zu seinen Lebzeiten gab es keine breite Anerkennung und seine Gemälde wurden kaum gewürdigt. In „Vincents Weg zum Weltberühmtsein“ zeigt das Van-Gogh-Museum, wie seine Familie eine entscheidende Rolle bei seinem posthumen Erfolg spielte. Die Sommerausstellung ist eine zugängliche Einführung in das Museum und seine Geschichte. Frühere Versionen wurden 2023 und 2025 unter dem Titel ‚Choosing Vincent‘ gezeigt; Die Präsentation wird diesen Sommer zum letzten Mal gezeigt.

Es ist allgemein bekannt, dass Vincents Bruder Theo van Gogh (1857–1891) von unentbehrlicher Bedeutung für seine Karriere war. Theo versorgte ihn mit den Grundbedürfnissen und Malmaterial, damit Vincent weiterarbeiten konnte. Das zeigt sich auch in dieser Ausstellung. Die Galerietexte über Theo erklären seine Karriere als Kunsthändler und seinen Einfluss auf seinen älteren Bruder. Und die Zeitleiste auf dem Flurboden vermittelt auch einen guten Eindruck von Theos jahrelanger Beteiligung.

Öffentlicher Zugang

Aber Vincents Schwägerin, Jo van Gogh-Bonger (1862–1925), war vielleicht die wichtigste Figur auf Vincents Weg zum Weltberühmtsein. Theo starb etwa sechs Monate nach Vincent. Danach war es Jo, die die große Sammlung von Kunstwerken verwaltete. Aus den Briefen geht klar hervor, dass Jo alles getan hat, um Vincents Kunst auszustellen, strategisch zu verkaufen und seinen Ruf aufzubauen. Ein Plakat für die große Einzelausstellung, die Jo 1905 organisierte, zeigt, wie gezielt sie nach Vincents Tod an seinem Ruf arbeitete.

Theos und Jos Sohn war noch kein Jahr alt, als sein Onkel starb, aber auch sein Beitrag zu Vincents Ruhm ist wichtig. Cousin Vincent Willem van Gogh (1890–1978), bekannt als ‚der Ingenieur‘, gründete 1960 die Vincent-van-Gogh-Stiftung, um die Sammlung zusammenzuhalten. Später war er eng an der Gründung des Van-Gogh-Museums beteiligt. Dabei sorgte er dafür, dass die Werke sicher erhalten und einem großen Publikum zugänglich gemacht wurden.

Mandelblüte

Die Ausstellung bietet nicht nur einen guten Überblick über Vincents schwierige Karriere und seinen intensiven Kontakt zu seinem Bruder und seiner Schwägerin, sondern auch über die Bemühungen, die Familie unternahm, seinem Vermächtnis die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Die gigantische Ausstellung, die Jo van Gogh-Bonger organisierte und in der nicht weniger als 480 seiner Werke gezeigt wurden, ist ein klares Beispiel dafür. Die Plakate in der Ausstellung machen dieses Engagement deutlich.

Die Ausstellung zeigt auch, wie Vincent wiederum seine Verbindung zu seiner Familie ausdrückte. Sein Gemälde „Mandelblüte“ (1890) steht im Mittelpunkt der Ausstellung: eine offensichtliche, aber überzeugende Wahl. Vincent schuf das Werk nach der Geburt seines Neffen und Namensvetters Vincent Willem van Gogh. Die Nachricht über das neugeborene Kind gab ihm sichtbar Inspiration. Briefe an seinen Bruder und seine Mutter zeigen, wie glücklich er für Theo war.

Die Ausstellung umfasst außerdem eine Reihe von Videoinstallationen, in denen die Brüder von Schauspielern gespielt werden und Gespräche aus den Briefen zum Leben erweckt werden. Diese Silhouetten verleihen der Familiengeschichte zusätzliche Tiefe: Text auf Papier wird durch die Vorstellungskraft in Bild und Klang realer und menschlicher.

Mit Briefen, Fotos und Videos macht „Vincent’s Road to World Fame“ deutlich, wie jedes Familienmitglied auf seine eigene Weise zu Vincents Vermächtnis beigetragen hat. Nicht nur die Bindung zwischen den Brüdern war von großer Bedeutung, sondern auch die zwischen Vincent und Jo. Es war also nicht nur Vincents Talent, das ihn weltberühmt machte, sondern auch die Ermutigung und Unterstützung seiner Familie. Ohne ihre Bemühungen wäre Vincent van Gogh wahrscheinlich nie zu dem weltberühmten Künstler herangewachsen, der er heute ist.

Nähere Informationen: Van Gogh-Museum, Museumsplein 6, Amsterdam, Telefon: +31 205705200, E-Mail: info@vangoghmuseum.nl, Internet: www.vangoghmuseum.nl

Jedes Mal eine andere Form – Sin Wai Kin im Frans Hals Museum – Von Tara Sickle

Die extravaganten Drag-Divas und übernatürlichen Figuren der Multimedia-Künstlerin Sin Wai Kin sind ebenso entfremdend wie verführerisch. Im Frans-Hals-Museum in Haarlem treten Kins lebende Porträts in einen Dialog mit der alten Kunst aus der Dauerausstellung. Und das funktioniert sehr gut.

Platinblonde Haare, glitzernder Lidschatten und Plastikbrüste. V Sin, eines der nicht-binären Alter Egos des kanadischen Künstlers Sin Wai Kin (1991), hat genau das, was man von einer Drag Queen erwarten würde. In „Asleep“(2024) liegt die Figur wie eine Primadonna, die gerade ohnmächtig wurde. Eine Hand in einer dramatischen Geste auf der Stirn, die stark verzierten Lippen einen Spalt geöffnet.

Dass ein solch bombastisches Erscheinungsbild an einer Wand mit originalen Delfter Blauen Fliesen nicht fehl am Platz wirkt, zeigt sich im Frans Hals Museum. Es ist nicht das erste Mal, dass das Museum Werke von Kin ausstellt. Vor zwei Jahren waren bereits mehrere Werke in der thematischen Ausstellung „The Art of Drag“ im inzwischen geschlossenen Anbau am Grote Markt zu sehen. Heute erscheinen Kins ‚Gemälde‘ spielerisch unter den alten Meistern der Dauerausstellung.

Unfeminin

Gemälde in Anführungszeichen, ja. Denn tatsächlich handelt es sich um minimal bewegte Videobilder, in denen Kin jedes Mal eine andere Form annimmt. In „The Storyteller“(2023) zum Beispiel gibt sich Kin als Nachrichtensprecher einer Acht-Uhr-Nachrichten auf „Steroiden“aus. Hinter dem vertrauten Studioschreibtisch sitzend, aber mit leuchtend blauer Haut, orangefarbener Perücke und gewundenen Linien, die sich wie Blattadern über ihr Gesicht ziehen. Nur das Blinzeln der Augen zeigt, dass diese futuristische Mona Lisa ein Mensch aus Fleisch und Blut ist.

Neben diesem Porträt hängt „Lady with a Big Hat in Arboro“(1913), gemalt von Leo Gestel (1881–1941) in mindestens ebenso fluoreszierenden Farbtönen. Die Zigarette, die die Frau zwischen den Fingern hält, galt damals als ‚unweiblich‘. Abgesehen vom komplementären Farbeinsatz ist die Wahl, diese beiden Werke nebeneinander zu zeigen, daher sehr erfolgreich. Gerade diese binären Gegensätze zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit, Gut und Böse, Realität und Fantasie, die Kin hinterfragen.

Um diese Kategorie zu widersprechen, verweist Kin regelmäßig auf berühmte Kunstwerke. Zum Beispiel lehnt sich in „Tell me everything you saw, and what you think it means“(2018) die glamouröse Drag-Diva auf luxuriös drapierte Stoffe und Fell wie eine moderne Venus von Urbino. Das ruhige Video passt passend zu den Gemälden von Minerva, Merkur und Herkules von Hendrick Goltzius (1558–1617). „Schau sie dir an“, flüstert eine sanfte, aber durchdringende Stimme, „auf ihre Lippen, auf ihre Augen, auf die Art, wie sie dort liegt.“ Das bringt unbeabsichtigt den Voyeur in dir zum Vorschein.

Huhn und Pak Choi

In „Wai King“(2023) nehmen die kunsthistorischen Verweise eine weniger unangenehme Wendung. Kin versetzt die Geschichte des stolzen Narziss, der sich in sein Spiegelbild im Wasser verliebt – eine so oft dargestellte Szene, wobei das von Caravaggio (1571–1610) das berühmteste Beispiel ist – in eine dystopische Wüstenlandschaft. Leider ist unter den biblischen Szenen im Museum unklar, was das Kunstwerk genau bewirkt. Das spielt keine große Rolle; die Eitelkeit von Kins Gestalt versickert von der Leinwand und lädt einen ein, über die eigene Identität nachzudenken.

Bemerkenswerterweise spielt Kin selbst nicht die führende Rolle in ihrem neuen Werk, das vom Frans Hals Museum in Auftrag gegeben wurde. Auch die Stille wird weggelassen. Im Video „The Lens“(2026) stehen Kins Eltern im Mittelpunkt. Sie essen eine umfangreiche kantonesische Mahlzeit an einem weißen Tisch. Während sie Stücke von Hähnchen und Pak Choi essen, führen sie eine eher philosophische Diskussion über Veränderung, die Nachbarn, das Essen und die Wäsche.

Sie wechseln sich ab, mit Essstäbchen ein Auge aus einem gedämpften Fisch zu picken. Das Spektakel ähnelt einem zeitgenössischen Vanitas-Stillleben und ist daher ein schöner Abschluss einer Präsentation, in der Vergangenheit und Gegenwart so eindringlich miteinander verbunden sind. Aber es ist kein besonders schöner Anblick.

Nähere Informationen: Frans Hals Museum, Groot Heiligland 62, Harleem, Telefon: +31 235115775, E-Mail: info@franshalsmuseum.nl, Internet: www.franshalsmuseum.nl

Verehrte Heilige in Zutphener Museen

In den Nischen einer abgedunkelten Museumshalle werfen Scheinwerfer Licht auf Zeichnungen und Pläne. In der hinteren Ecke glänzt ein geheimnisvoller Gegenstand, und im Hintergrund ist Kirchengesang zu hören. Für die Ausstellung ‚Saints & Heroes – Saint Justus, Rubens and the Pilgrims‘ sammelte das Stedelijk Museum Zutphen Dutzende von Leihgaben aus Belgien und den Niederlanden, um eine lebendige Geschichte über Pilgerfahrt, Glauben und Verehrung zu erzählen.

Der Hauptgrund für die Ausstellung ist die Wiedervereinigung zweier Meisterwerke: des Schädels des heiligen Justus, der nach 240 Jahren vorübergehend nach Zutphen zurückgekehrt ist, und das Gemälde „Le Miracle de St. Just“ (1629) von Peter Paul Rubens (1577–1640), das eigens für dieses Reliquie geschaffen wurde.

Die Ausstellung beginnt mit einer Einführung in die Wallfahrt, vom Mittelalter bis zur Gegenwart. So sind beispielsweise Pilgerabzeichen und Feldflaschen aus dem 14. Jahrhundert ausgestellt, aber auch eine Sammlung zeitgenössischer Souvenirs des Camino de Santiago De Compostela. Darüber hinaus zeigen originale Gegenstände wie Ablässe und Gebetskarten, wie eng der Glaube mit dem Alltag der mittelalterlichen Menschen verflochten war. Statuetten von Heiligen und Verschlüsse zeugen von der Beliebtheit bestimmter Schutzpatrone und weisen den Weg zu den beiden Meisterwerken der Ausstellung.

Als sie den Schädel und das düstere Gemälde des enthaupteten Justus erreichen, führt eine Treppe zu einer zweiten, damit verbundenen Ausstellung im angrenzenden Museum Henriëtte Polak: ‚Ikonische Fotos von Eddy Posthuma‘. Mit intimen Einblicke in Fotos wie „Mutter und Kind“(1971) und „Kein Papst hier“(1969) zeigt Posthuma (1931–2021), dass Heilige und Helden in allen möglichen Gestalten auftreten.

Nähere Informationen: Stedelijk Museum Zutphen, ´s Gravenhof 4, Zutphen, Telefon: +31 575516878, E-Mail: info@museazutphen.nl, Internet: http://www.museazutphen,nl, Museum Henriette Polak, Hof van Heeckeren, ´s Gravenhof 4, Zutphen, Telefon: +31 575516878, E-Mail: info@ museazutphen.nl, Internet: http://www.museazutphen,nl

Wie zerbrechlich wir sind – Eveline van der Pas

Diesen Sommer präsentiert das Pier Pander Museum die Ausstellung „Wie zerbrechlich wir sind“ mit Werken von Eveline van der Pas.

Wie verletzlich wir sind – als Menschen, als Spezies, als Teil eines größeren Ganzen, diese Frage steht im Zentrum der Ausstellung. Van der Pas beginnt in einem Spannungsfeld, das viele erkennen: Ihre Bestürzung über Umweltschäden, Krieg und menschliche Hybris steht im Kontrast zu ihrem tiefen Staunen über die Kraft, Unberechenbarkeit und Schönheit der Natur. Wir stehen weder über noch außerhalb der Natur; Wir sind darin verflochten. Gerade im Missverständnis und in der Überzeugung, dass die Welt ‚unsere‘ sein würde, offenbart sich unsere Verletzlichkeit. Die Ausstellung zeigt außerdem Werke von Maria Leeflang, Miranda Bosman und Herma Betten, die zum Thema passen. Die von Eveline ausgewählten Werke fügen jeweils ihren eigenen Aspekt hinzu: konkret, greifbar und symbolisch.

In den kommenden Monaten wird Eveline regelmäßig Workshops im Museum geben. Außerdem wird sie an verschiedenen Tagen als Artist in Residence anwesend sein.

Die Ausstellung ist noch bis 27. September samstags und sonntags von 13 bis 17 Uhr zu sehen.

Nähere Informationen: Pier Pander Museum, Prinsentuin 1B, Leeuwarden, Telefon: +31 582332350, E-Mail: historischcentrum@leuuwarden.nl, Internet: http://www.pierpander.nl und http://www.evelinevanderpas.nl

Sam Drukker – Der alternde Mann

Diese Ausstellung auf Schloss Ruurlo zeigt eine Auswahl aus dem Werk des bekannten niederländischen Malers und Zeichners Sam Drukker (1957) zum Thema der alternden Person.

In seinen Porträts werden Verletzlichkeit, Stärke und Schönheit sichtbar. Drukker bevorzugt es, dies mit möglichst wenigen Ressourcen zu tun. Er zwingt sich, auf einmal die richtigen Linien zu wählen, den richtigen Pinselsrich zu zeichnen. Er fängt einen Moment ein, einen Moment der Vitalität. Der Rest ist egal. Oft ist außerhalb der Figur, die uns entgegenkommt, keine Farbe sichtbar. Und er hat den Mut, nicht auf der Leinwand zu bleiben. Drukker sagte einmal: „Ich liebe Menschen einfach. So einfach ist das; Ich habe viel Mitgefühl. Die Komplexität, die Schichtung des Menschen, das ist so aufregend und interessant. Das ist so viel mehr als nur die wenigen Konzepte, die einem in den Sinn kommen, sobald jemand hereinkommt.“ Sam Drukker studierte an der Minerva Akademie in Groningen und wurde unter anderem von Matthijs Röling unterrichtet. Nach seinem Studium lebte und arbeitete er in Paris und lange Zeit in Barcelona, bevor er sich in Amsterdam niederließ.

Nähere Informationen: Museum More – Schloss Ruurlo, Vordenseweg 2, Ruurlo, Telefon: +31 575760300, E-Mail: info@museummore.nl, Internet: www.museummore-kasteelruurlo.nl

Relikte

Mit Relics präsentiert das Amsterdam Art Zoo Museum – als einer der besten Orte der Welt 2026 vom Magazin TIME ausgezeichnet – seine erste Ausstellung in diesem Jahr. Relics besteht aus einer Sammlung gigantischer Fossilien, die in zeitgenössische Kunst umgewandelt wurden. Die Präparationskünstler Darwin, Sinke und Van Tongeren, das berühmte Duo hinter dem Art Zoo Museum, arbeiten seit mehr als zehn Jahren daran. Das Ergebnis ist eine künstlerische Ode an die Überreste einer verschwundenen Ära. Die Ausstellung lädt zur Reflexion und Bewunderung über die Schönheit und Zerbrechlichkeit der Natur ein: ein wiederkehrendes Thema in den Werken der Künstler.

Vorgeschichte, Barock, Korallen, Stahl und Samt

„Relics“ist eine künstlerische Begegnung zwischen Barock und Vorgeschichte. Die Präsentation findet im Kanalhaus des Art Zoo aus dem 17. Jahrhundert unter einer monumentalen, barocken Decke des Meistermalers Jacob de Wit statt. Als konzeptionellen Faden wählten Darwin, Sinke und Van Tongeren kontrastierende Elemente wie weiches Samt, harten versteinerten Knochen, Korallen aus bemaltem Stahl und sichtbare Stahlkonstruktionen.

Relikte handelt von Schönheit

Bei der Zusammenstellung von Reliktenverwendeten Darwin, Sinke und Van Tongeren Dinosaurier- und andere Fossilien, die zig Millionen Jahre alt sind. Die Ausstellung umfasst einen fünfzehn Meter langen Basilosaurus (45 Millionen Jahre alt), den Kopf eines Mosasauriers (70 Millionen Jahre alt) und einen Triceratops-Schädel (67 Millionen Jahre alt).

Die fossilen Überreste wurden unter der Leitung des paläontologischen Instituts ZOIC entdeckt und vorbereitet, in Zusammenarbeit mit Iacopo Briano, Sammlungskurator und Dinosaurierexperte am Art Zoo Museum. ZOIC und Briano gaben den Künstlern völlige künstlerische Freiheit.

Nähere Informationen: Art Zoo Museum, Herengracht 368, 1016 CH, Amsterdam, Telefon: +31 885185001, E-Mail: mail@artzoo.com, Internet: www.artzoo.com

Ein Mann zwischen drei Frauen im Schatten des Holocaust

Isaac B. Singers Roman „Feinde, die Geschichte einer Liebe“

„Nie zuvor gab es bei den sonst eher langweiligen Nobelfeiern so viel zu lachen … Endlich begegnet man einem Nobelpreisträger, der ausgesprochenen Humor hat, seine Umwelt und sich selbst nicht so tierisch ernst nimmt, allen zugänglich ist und frisch von der Leber weg über alles zwischen Himmel und Erde plaudert“, heißt es in einem von dem Journalisten E. Michael Salzer geschriebenen Text über die 1978 erfolgte Übergabe des Literaturnobelpreises an den aus Polen stammenden und bis zu seinem Tod in den USA lebenden Schriftsteller Isaac Bashevis Singer.

Blickt man auf dessen Biographie lässt die Beschreibung Salzers nichts oder scheinbar nichts davon ahnen. 1902 in Leoncin in Polen geboren, wächst Singer in der Familie eines pietistischen Rabbis auf, der aus religiösen Gründen in puritanischer Manier auf jeglichen Luxus und die Wohnung dekorierende Elemente wie Gemälde, Statuen, Teppiche verzichtete. Viele weltliche Dinge wie Theaterbesuche oder sogar die Vergnügungen am jüdischen Purimfest waren im Hause Singer verpönt, da der Vater sie als nichtigen und sündigen Tand ablehnte.

Wie Professor Lars Gyllenstein in seiner Verleihungsrede bei der Überreichung des Nobelpreises formuliert, ist die Welt, in der Singer aufwächst, „die Welt des osteuropäischen Judentums – zugleich sehr reich und sehr arm, eigenartig und exotisch, aber – hinter seiner fremdartigen Gewandung – auch vertraut mit jeder nur denkbaren menschlichen Erfahrung. Diese Welt wurde ausgelöscht durch eines der brutalsten Verbrechen, das je über die Juden und andere Menschen in Polen gekommen ist.“ Gyllenstein spricht damit den durch das deutsche Nazi-Regime begangenen Massenmord nach der Eroberung Polens im Jahre 1939 an. Dieses Schicksal wird Singer erspart bleiben, da er 1935 durch seinen älteren Bruder, der 1933 in den Redaktionsstab der großen jiddischen Tageszeitung Forverts nach New York berufen worden war, die Chance erhält, in die USA einzureisen.

Erste Einflüsse

Was Singer schon sehr früh beeinflusst, ist die jiddische Sprache. Nach den Ausführungen Gyllensteins ist sie „bis an den First gefüllt mit Märchen und Geschichten, mit Weisheit, Aberglaube und Erinnerungen an eine uralte Geschichte, die diesen Menschen nichts an Abenteuern und Leid erspart. Der Hasid-Pietismus, dem Singers Vater anhing, war eine Art volkstümlicher jiddischer Mystizismus. Gelegentlich schlug er um in Prüderie und kleingläubige, ergebene Unterwerfung unter das Gesetz. Aber er konnte sich auch orgiastischer Besessenheit und messianischer Verzückung öffnen.“

Isaac erhielt zunächst eine traditionelle jüdische Erziehung, er studierte die Tora, die Kabbala und andere jüdische Bücher. 1921 kehrte Singer wieder nach Warschau zurück, um sich am fortschrittlich-orthodoxen Tachkemoni-Seminar zum Rabbiner ausbilden zu lassen. 1923 wurde er als Korrektor für eine moderne jiddische Zeitschrift tätig. Nach diesem Zwischenschritt in Bilgorai kehrte er nach Warschau zurück, wo er selbst zu schreiben begann. Daneben fertigte er vor allem Literaturkritiken und Übersetzungen an. 1932 engagierte er sich als Mitbegründer der Literaturzeitschrift Globus.

Neuanfang in New York

1935 ließ sich Singer in New York nieder und wurde ein produktiver und anerkannter jiddischer Autor, der vor allem im „Forverts“ publizierte. 1943 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Sein 1950 erschienener Roman „Die Familie Moschkat“ (The Family Moskat) wurde in englischer Sprache veröffentlicht. Hier erzählte er die Geschichte über die Vernichtung des polnischen Judentums. Allgemeine Bekanntheit erlangte Singer dann mit der 1953 erschienenen amerikanischen Übersetzung seiner 1945 entstandenen Kurzgeschichte „Gimpel der Narr“ durch Saul Bellow. 1957 folgten dann der Roman „Der Zauberer von Lublin“, 1962 „Jacob der Knecht“ und 1967 „The Manor“. Das dann 1969 von ihm herausgegebene Buch „The Estate“ bildete den Abschluss der epischen Trilogie („The Family Moskat“, „The Manor“ und „The Estate“) in der das Auseinanderbrechen alter Familien durch soziale, finanzielle und auch menschliche Veränderungen im modernen Zeitalter dargestellt wird. Im Jahre 1974 wurde Isaac Singer der National Book Award für seinen Roman „Feinde – die Geschichte einer Liebe“ verliehen, 1978 erhielt er dann als bislang einziger jiddischer Schriftsteller für sein Gesamtwerk den „Nobelpreis für Literatur: „für seine eindringliche Erzählkunst, die mit ihren Wurzeln in einer polnisch-jüdischen Kulturtradition universale Bedingungen des Menschen lebendig werden lässt“, wie in der Begründungsschrift anlässlich der Preisverleihung nachzulesen ist.

Singers Werk steht im Spannungsfeld zwischen Religion und Moderne, Mystizismus und rationaler Einsicht. Charakteristisch ist aber auch die tiefe Verbundenheit mit der jüdischen Mystik (Kabbala), der talmudischen Ethik, Tradition und Folklore sowie eine große naturwissenschaftliche Bildung und Vertrautheit mit der Philosophie – vor allem mit Spinoza, Schopenhauer, Eduard von Hartmann und Otto Weininger.

Sein wichtigstes schriftstellerisches Vorbild war Knut Hamsun, den er mehrmals ins Jiddische übersetzt hat. Singer ist in vielen literarischen Stilen und Themenkreisen zu Hause. In seinen Werken bewegt er sich frei vom Mittelalterlichem bis zum Modernen, vom Naturalismus zum Fantastischen und von psychologischen Schilderungen bis hin zum mystischen Erzählen. Die Protagonisten von Singers Erzählungen leben häufig am Rande der jüdischen Gesellschaft: geistig Gestörte, Kriminelle oder Prostituierte. In vielen seiner Geschichten geht es um Sexualität und das Heilige sowie deren wechselseitige Beziehung.

Herman, Yadwiga, Mascha und Tamara

Ein Paradebeispiel für das Thema und die Bedeutung der Sexualität ist der Roman „Feinde – die Geschichte einer Liebe“. Er entspricht einem Credo des Autors, der auf Nachfrage zu dem Thema Folgendes sagte: „Die Bibel und der Talmud sind voll von Sex-Stories. Wenn diese Heiligen sich nicht schämen, warum soll ich es tun. Ich bin doch kein Heiliger? Wenn es einen Gott gibt, so stelle ich mir ihn als einen Liebhaber vor. Gemäß der Kabbala lieben alle Seelen im Himmel.“

Tragikkomischer Protagonist ist der aus Polen stammende Hermann Broder, der dem Holocaust durch großes Glück entkommen ist und in New York als Reden- und Vortragsschreiber für einen Rabbi, der mehr an seinen geschäftlichen Interessen als an seinen religiösen Verpflichtungen und Aufgaben interessiert ist, sein Dasein fristet.

Gefangen zwischen seiner religiösen Erziehung und Bildung in der Tradition des osteuropäischen Judentums und seinem eher weltlichen und modernen Leben in den USA droht er zermahlen zu werden. Damit nicht genug machen ihm seine eher moralwidrigen Beziehungen zu gleich drei Frauen arg zu schaffen. Da ist zum einen seine geistig eher schlicht gestrickte Ehefrau und ehemalige Dienstmagd seiner Eltern, Yadwiga, die er aus Dankbarkeit, dass sie ihm das Leben nach dem Überfall Deutschlands auf Polen das Leben gerettet hat, in dem sie ihn auf einem Heuboden vor den Nazi-Schergen versteckte, zum anderen seine Geliebte und intellektuell höchst beschlagene Mascha, die den Schrecken des Holocaust nur knapp überlebt hat, und zum dritten seine weitere Ehefrau Tamara, von der er geglaubt hatte, dass sie mitsamt den Kindern tödliches Opfer des Holocaust war. Eine Annonce in der Zeitung, in der er gesucht wird, gibt den Hinweis, dass sie überlebt hat und in New York lebt.

Herman Broder, der sich eigentlich aus allem raushalten will und auch kaum Kontakt zu seinen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern hat, laviert zwischen seinen Frauen, zwischen Religion und dem Leben als Bigamist, wendet sich mal der einen, mal der anderen Frau zu, vertieft sich mal in die traditionellen jüdischen Schriften wie der Thora und dem Talmud, während er gleichzeitig vor dem Hintergrund des Holocaust an der Existenz Gottes zweifelt.

In der Tradition eines guten Geschichten-Erzählers mit einer glasklaren Sprache, psychologischem Feingefühl und viel Humor erzählt Isaac B. Singer vom Leben der dem Holocaust entronnenen und in die USA geflüchteten Juden, die wie Broder zwischen Tradition und Moderne gefangen sind. Mit

„Feinde – die Geschichte einer Liebe“ wie auch seinen weiteren Werken gewährt er dem Leser einen vielfältigen Blick in eine ganz andere Kultur, die durch den Holocaust fast völlig verschwunden, aber durch das Erzählen bewahrt worden ist. Eine absolute Leseempfehlung.

Nachtrag

In einer Vorbemerkung zu dem Roman schreibt Isaac B. Singer, der das Glück hatte, dem Holocaust entkommen zu sein, Folgendes: „Wenn ich auch nicht das Privileg habe, durch die Hölle von Hitlers Massenvernichtung gegangen zu sein, habe ich jahrelang in New York mit Flüchtlingen zusammengelebt, die diese Feuerprobe durchgemacht haben. Darum möchte ich gleich sagen, daß dieser Roman keineswegs die Geschichte des typischen Flüchtlings, seines Lebens und seiner Kämpfe ist. Wie in dem meisten meiner erzählerischen Werke wird in diesem Buch ein Ausnahmefall dargestellt – mit einzigartigen Helden und einer einzigartigen Verflechtung der Ereignisse. Die Figuren sind nicht nur Nazi-Opfer, sondern auch Opfer ihrer eigenen Persönlichkeiten und Schicksale. Wenn sie in das allgemeine Bild passen, so deswegen, weil die Ausnahme die Regel bestätigt. In der Literatur ist die ausnahme tatsächlich die Regel. …“

Text unter Verwendung von Wikipedia

erschienen im Coron Verlag Lachen am Zürichsee

Neues aus der Welt der Kunst in den Niederlanden

In der neuen Ausgabe der Museumstijdschrift findet der Leser oder die Leserin viele Tipps über Kunstausstellungen in den Niederlanden und manches mehr aus der Welt der Kunst. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Sommerführer zu Kunststädten – Berlin

Ein ehemaliges Eisenbahngelände, eine Kunstsammlung in einem Bunker und zeitgenössische Installationen zwischen den Kiefern: Nirgendwo sind Kunst, Geschichte und die sich ständig verändernde Stadt so miteinander verflochten wie in Berlin. Das Museumsmagazin wählt die interessantesten Adressen aus, von Kreuzberg und Dahlem bis hin zu einer Reise nach Potsdam.

Ein genauerer Blick auf Alltagsgegenstände

Von Küchengeräten und Möbeln über Spielzeug, Verpackungen bis hin zu Elektronik: Das Museum der Dinge erzählt die Geschichte des modernen Designs anhand von Alltagsgegenständen. Tausende von Objekten stehen nebeneinander in Regaleinheiten, was automatisch Vergleiche zwischen funktionalem Design, Kitsch, Werbung und Massenproduktion erzeugt.

Der vollständige Name des Museums lautet Werkbundarchiv – Museum der Dinge. Die Sammlung ist dem Deutschen Werkbund angeschlossen, einem 1907 gegründeten Verband von Designern, Architekten, Künstlern und Unternehmern. Der Werkbund wollte Kunst, Handwerk und Industrieproduktion näher zusammenbringen und nahm damit das spätere Bauhaus vorweg. Die große Menge scheinbar gewöhnlicher Objekte zeigt, wie Design und Technologie das Alltagsleben verändert haben.

Praktisch: Das Museum der Dinge befindet sich in der Leipziger Straße. Rechnen Sie mit etwa anderthalb Stunden für einen Besuch. Das Museum ist dienstags und mittwochs geschlossen.

Kunst und Geschichte in Kreuzberg

Im monumentalen Gropius Bau, einem Ausstellungsgebäude für moderne und zeitgenössische Kunst, steht der Körper diesen Sommer im Mittelpunkt. Marina Abramović (1946) wird ‚Balkan Erotic Epic‘ präsentieren, ihre erste große Einzelausstellung in Berlin seit den 1990er Jahren. Die Performancekünstlerin greift auf Volksmärchen und Rituale aus ihrer Heimatregion Balkan zurück. Frauen schlagen sich auf die Brust oder massieren ihre Brüste, während in einem anderen Werk ein lebender nackter Körper mit einem Skelett umwickelt ist. In Filmen, skulpturalen Installationen und Live-Performances untersucht Abramović, wie Erotik, Tod und Fruchtbarkeit miteinander verbunden sind. Aufgrund des großen Interesses wurde die Ausstellung bis zum 30. August verlängert.

Ebenfalls ausgestellt ist ‚Dabei sein und nicht schweigen‘, mit mehr als fünfzig Jahren Kunst von Gabriele Stötzer (1953). Fotografie, Film, Performance, Textilien und selbstgemachte Bücher wurden für sie genutzt, um den Beschränkungen der DDR zu widerstehen. Die Fotos und Filme, die Stötzer in den achtziger Jahren zusammen mit anderen Frauen in Erfurt gemacht hat, sind etwas Besonderes. Mit selbstgemachter Kleidung, offenen Posen und improvisierten Darbietungen schufen sie einen Raum außerhalb der offiziellen DDR-Kultur. Freiheit, weiblicher Körper und Zusammenarbeit sind ein gemeinsamer Faden in der gesamten Ausstellung, die bis zum 6. Dezember zu sehen ist.

Direkt neben dem Gropius Bau befindet sich die Topographie des Terrors, ein kostenloses Dokumentationszentrum am ehemaligen Standort der Gestapo und der SS. Etwas weiter entfernt konzentriert sich die Berlinische Galerie auf moderne und zeitgenössische Kunst aus Berlin, von Dada und New Objectivity bis hin zu Fotografie und Architektur.

Praktisch: Kombiniere Gropius Bau mit der Topographie des Schreckens. Wenn Sie mehr Zeit haben, können Sie in etwa zwanzig Minuten zur Berlinischen Galerie laufen. Rechnen Sie mit einem ganzen Tag für zwei Museen und das Dokumentationszentrum.

Straßenkunst auf einem Bahngelände

Zwischen den Bahnstrecken von Friedrichshain befindet sich das RAW-Gelände, ein ehemaliges Wartungsgelände für Züge. Die Backsteinschuppen und Werkstätten beherbergen heute kulturelle Einrichtungen, Sportanlagen und Gastronomie. Viele Wände sind mit Graffiti und großen Gemälden bedeckt, was bedeutet, dass sich das Erscheinungsbild des Ortes ständig verändert. Die Fortbestand des Komplexes in seiner heutigen Form ist nicht offensichtlich: Der Eigentümer, die Unternehmer und Politiker sprechen miteinander über groß angelegte Neugestaltung und den Erhalt der Kulturstätten.

Urban Spree ist eines der kulturellen Zentren des Komplexes. Die Galerie konzentriert sich auf Graffiti, Street Art, Fotografie und Illustration und organisiert zudem Konzerte, Aufführungen und temporäre Projekte. Das Programm ändert sich schnell, also schauen Sie, was kurz vor der Abreise zu sehen ist.

Vom RAW-Gelände sind es etwa zwanzig Minuten zu Fuß bis zur East Side Gallery. Dieses mehr als einen Kilometer lange Überbleibsel der Berliner Mauer wurde 1990 von mehr als hundert Künstlern aus verschiedenen Ländern gemalt. Die berühmtesten Aufführungen sind inzwischen zu touristischen Ikonen geworden, doch die Freiluftgalerie bleibt auch ein Denkmal für die politischen Umwälzungen jenes Jahres.

Praktisch: Besuchen Sie das RAW-Gelände tagsüber, wenn die Galerie geöffnet ist und das Nachtleben noch nicht begonnen hat. Urban Spree ist kostenlos. Kombinieren Sie das Gelände mit der East Side Gallery und einem Spaziergang entlang der Spree.

Kunst unter den Kiefern

In Dahlem, einem grünen Wohngebiet im Südwesten Berlins am Rand des Grunewaldes, befinden sich zwei kleine Museen in wenigen Gehminuten voneinander entfernt. Das Brücke-Museum besitzt die weltweit größte Sammlung der Künstlergruppe Die Brücke. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts suchten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff und ihre Unterstützer nach einer direkten, farbenfrohen Bildsprache.

Diesen Sommer ist auch Kunst im Wald rund um das niedrige Museumsgebäude ausgestellt. Für ‚Draußen… Unter Kiefern schufen sieben Künstler und Künstlerkollektive neue Werke für eine Kunstroute über das Gelände. Die skulpturalen, konzeptuellen und manchmal performativen Interventionen beschäftigen sich mit der Beziehung zwischen Mensch und Natur und mit ökologischen Lernformen. Es gibt Installationen von Guerilla Architects, Andreas Greiner, Jenny Kendler und dem Duo Michael Meier und Christoph Franz, unter anderen.

Ein paar Minuten entfernt liegt das Kunsthaus Dahlem. Das Gebäude wurde während des Nationalsozialismus als Atelier für den Bildhauer Arno Breker (1900–91) entworfen. Heute konzentriert sich das Museum auf deutsche Nachkriegskunst sowie auf die schwierige Geschichte des Ortes. Zwischen den Bäumen im angrenzenden Garten befinden sich außerdem Skulpturen.

Praktisch: Eine Kombinationskarte ist für das Brücke-Museum und das Kunsthaus Dahlem erhältlich. Planen Sie einen halben Tag für beide Museen und einen Spaziergang durch die Gärten ein. Das Angebot an Cafés in unmittelbarer Umgebung ist begrenzt.

Kunst in einem Bunker

In einem ehemaligen Luftschutzbunker in Mitte befindet sich die Boros-Sammlung, die Privatsammlung von Karen und Christian Boros. Nach dem Krieg wurde der Bunker unter anderem als Obstlager und Techno-Club genutzt. Heute ist internationale zeitgenössische Kunst in den schweren Betonräumen zu sehen.

Die Sammlung kann nur während einer Führung besichtigt werden. Die Führung konzentriert sich auf Kunst, Architektur und die verschiedenen Funktionen, die das Gebäude im Laufe der Zeit hatte. Die Gruppen sind klein und die Tickets sind oft lange im Voraus ausverkauft.

Nicht weit davon entfernt gibt es mehrere Galerien und Ausstellungsräume rund um die Auguststraße. Der Hamburger Bahnhof passt ebenfalls in diese Strecke. Der ehemalige Bahnhof ist ein Museum für zeitgenössische Kunst.

Ein zweiter Galeriecluster befindet sich rund um die Potsdamer Straße und Lützowstraße. Internationale Galerien befinden sich in ehemaligen Geschäften, Anbauten und Industrieräumen. Die Strecke lässt sich problemlos mit der Neuen Nationalgalerie verbinden und endet am Gleisdreieckpark.

Praktisch: Buchen Sie die Boros-Sammlung im Voraus. Dann wählen Sie eine Strecke durch Mitte, mit der Auguststraße und dem Hamburger Bahnhof, oder die Galerien rund um die Potsdamer Straße, in Kombination mit der Neuen Nationalgalerie. Galerien sind in der Regel kostenlos, aber oft nur von Dienstag oder Mittwoch bis Samstag geöffnet.

Außerhalb Berlins

Für eine Reise außerhalb Berlins ist Potsdam ein offensichtliches Ziel. Das Museum Barberini befindet sich am Alter Markt, hinter der rekonstruierten Fassade eines Stadtschlosses aus dem 18. Jahrhundert. Das Museum besitzt eine umfangreiche Sammlung impressionistischer Gemälde, darunter eine bedeutende Gruppe von Werken von Claude Monet.

Diesen Sommer steht Paul Signac (1863–1935) im Mittelpunkt. Gemeinsam mit Georges Seurat entwickelte er den Neoimpressionismus, bei dem Bilder aus einzelnen Pinselstrichen reiner Farbe aufgebaut wurden. Die Ausstellung, die bis zum 11. Oktober zu sehen ist, zeigt, wie sich diese experimentelle Malweise von Paris nach Europa ausbreitete und wie Signac zu einer zentralen Figur innerhalb der Bewegung wurde.

Kombinieren Sie das Museum mit einem Spaziergang durch das historische Zentrum oder fahren Sie weiter zum Park Sanssouci. Im weitläufigen Park sind Paläste, Pavillons, Brunnen und Skulpturen über Terrassen und Gärten verteilt.

Praktisch: Die Zugfahrt vom Berliner Hauptbahnhof nach Potsdam dauert etwa eine halbe Stunde. Vom Potsdamer Hauptbahnhof sind es etwa fünfzehn Minuten zu Fuß bis zum Museum Barberini. Rechnen Sie mit der Kombination mit Park Sanssouci auf einen ganzen Tag.

Praktisch

Pässe und Tickets
Mit dem Museum Pass Berlin können Sie drei Tage lang Dutzende Museen besuchen. Die wichtigsten Institutionen auf der Museumsinsel, darunter die Neue Nationalgalerie, die Berlinische Galerie und das Brücke-Museum, unter anderem, sind miteinander verbunden. Einige Temporäre Ausstellungen verlangen einen Zuschlag oder einen separaten Zeitfenster. Die Boros-Sammlung und die kommerziellen Galerien sind nicht durch den Pass abgedeckt.

Buchen Sie im Voraus
Buchen Sie gut im Voraus für die Boros-Sammlung und beliebte Wechselausstellungen. Reservierungen sind in der Regel nicht für das Museum der Dinge, das Brücke-Museum, das Kunsthaus Dahlem und Urban Spree erforderlich. Überprüfen Sie immer die aktuellen Öffnungszeiten kleinerer Institutionen und Galerien.

Kluge Kombination
Machen Sie täglich eine Route durch einen Teil der Stadt:

  • Mitte: Boros-Sammlung, Auguststraße und Hamburger Bahnhof
  • Kreuzberg: Gropius Bau, Topographie des Terrors und Berlinische Galerie
  • Friedrichshain: RAW-Gelände, Urban Spree und East Side Gallery
  • Kulturforum: Neue Nationalgalerie und Galerien rund um die Potsdamer Straße
  • Dahlem: Brücke-Museum und Kunsthaus Dahlem
  • Außerhalb der Stadt: Barberini-Museum und Sanssouci-Park
  • Das Museum der Dinge passt gut zu Beginn oder am Ende eines Tages in der Mitte. Berlin ist riesig: Wählen Sie ein oder zwei Viertel pro Tag statt Adressen auf gegenüberliegenden Seiten der Stadt.

Denkmal für seine Mutter – Von Pauline Broekema

Als Kolumnistin für Museummagazine teilt Pauline Broekema in jeder Ausgabe ihre persönlichen künstlerischen Beobachtungen. In dieser Kolumne aus Nr. 5 • 2026 spricht sie mit Sidi El Karchi in Maastricht über Blue Widow, das Porträt von Azza El Karchi: ein liebevolles Denkmal für seine Mutter. „Sie hat ihren Körper angenommen“, sagt er, „lange bevor Körperpositivität in Mode kam.“

Zufrieden mit ihrem Körper sitzt sie da. Das Haar zu einem Dutt gebunden, eine scharfe Nase, Augen, die wahrnehmen, mit verschränkten Armen. „Sie hat ihren Körper angenommen“, sagt ihr Sohn mit einem Lächeln, „lange bevor Körperpositivität in Mode kam.“

Sie konnte diese Einstellung zum Beispiel annehmen, wenn Freunde zu Besuch waren. Ihr Sohn liebte es, sie gemeinsam in der Küche arbeiten zu sehen. Plaudern, Couscous machen. Der beste Couscous überhaupt. „So unbeschwert, du könntest leicht drei Teller essen.“

Denkmal für seine Mutter

Laut Sidi El Karchi (1975) sollten Porträts eine Geschichte erzählen. Vor allem aber macht es dich neugierig darauf, welche Bewegungen die dargestellte Person und der Macher bewegen. Mit „Blue Widow“, Porträt von Azza El Karchi (2002), zitiert er ebenfalls in der nüchternen Farbverwendung Arrangement in Gray and Black No.1 (1871), das weltberühmte Porträt, das James McNeill Whistler (1834–1903) von seiner Mutter anfertigte. Mit dieser Leinwand errichtet El Karchi ein Denkmal für seine tief betrauerte Mutter. 2002 starb sie in einem Krankenhausbett, mit ihrem Sohn neben ihr.

Das Museum Bonnefanten in Maastricht erwarb das Gemälde, als der Künstler gerade erst die Kunstakademie verlassen hatte. Kuratorin Paula van den Bosch hatte schon früh dessen Talent erkannt: „Er fiel hervor. Seine Arbeit war vollkommen authentisch. Es hat eine gewisse Helligkeit. Etwas völlig Einzigartiges.“

Entbehrte Kindheit:

„Wer war deine Mutter?“, frage ich ihn. Wir sitzen nebeneinander auf einer Terrasse im Museum Bonnefanten. Mit dem Blick auf die Maas, die in der späten Nachmittagssonne glänzt, sagt er. Es wurde ihm noch wichtiger, als sein Vater in jungen Jahren aus dem Blickfeld verschwand. Azza El Karchi lebte mit ihren Kindern im Arbeiterviertel Thienbunder in Sittard. Die Leute kannten sich. Ein Schlüssel war überflüssig, denn tagsüber hing meist eine Schnur am Briefkasten. Es gab endloses Spiel auf der Straße. Manchmal konnte seine Mutter wieder ein Mädchen werden und Verstecken spielen. So machte sie das wieder wett, was ihr genommen worden war: ein Teil ihrer Kindheit.

Ich verbinde den blauen Bereich im Gemälde mit dem Übergang, den sie als junges Mädchen gemacht hat. Sie wurde in einem Dorf im Süden Marokkos geboren und etwa im Alter von sechzehn Jahren verheiratet. Sie war gezwungen, die Region hinter sich zu lassen. Es ist ein Land, in dem Tausende von Sternen nachts am Himmel funkeln und man die Berge in der Ferne, wie El Karchi es beschreibt, knacken hören kann.

„Weißt du, dass sie eine Schäferin war?“ Sie hütete das Vieh der Familie. Manchmal schlief ein junges Reh neben ihrem Bett. Der Überlieferung nach starb es, als sie in die Niederlande ging. Nach Limburg, wo ein dreißigjähriger marokkanischer Bergmann wartete.

Feste Hand

Sie kennt das Leben, du musst ihr nichts mehr sagen. Also sitzt sie da. Die feste Hand hielt einst das Lenkrad eines Trainingswagens. „Typisch für sie ist, dass sie die erste Frau in der Nachbarschaft war, die Fahrstunden nahm!“, sagt El Karchi. Am Nachmittag, an dem seine Mutter ihre Prüfungen ablegte, brachte ihm ein Nachbar die große Nachricht, als er die Schule verließ. „Deine Mutter ist gestorben!“ Er rannte weinend nach Hause. „Warum weinst du?“ fragte seine Mutter. Er schluchzte: „Weil der Nachbar sagte, du wurdest abgeschlachtet.“

Sie hat ihren Sohn als Kind zeichnen sehen und erkannte, wie seine Lehrer, sein Talent. Sie verstand Niederländisch, sprach es aber nicht. Mit einem Lachen und einem Ton, der nicht nachklingt, erzählt er, was eine der Konsequenzen war. In der High School ersetzte er seine Mutter während des regelmäßigen Elterntreffens. Dann fragte er den Lehrer: „Wie geht es Sidi?“ und natürlich bekam er eine Antwort.

Seine Mutter besuchte eines Tages eine Wahrsagerin. Mit dem Kleinen auf ihrem Schoß wollte sie auch wissen, wie er am Ende der Beratung abschneiden würde. Sie muss später über die Nachricht nachgedacht haben, sinniert in ihrem Stuhl. Denn der Hellseher sagte ohne zu zögern voraus, was aus dem Jungen werden würde, wenn er erwachsen war. Ein Maler.

Blick hinter die Leinwand im Dordrechts Museum

Von einer schnellen Kohleskizze bis hin zu Öl auf Leinwand: In der Ausstellung ‚Der Künstler bei der Arbeit – von Skizze zum Gemälde‘ nimmt das Dordrechts Museum einen mit in den kreativen Prozess bekannter und weniger bekannter Künstler. Mit fast siebzig Werken, sowohl aus der Dauerausstellung als auch als Leihgabe, zeigt die Ausstellung die Entscheidungen, Zweifel, direkten Treffer, aber auch Misserfolge, die Hand in Hand mit der Entstehung eines Kunstwerks einhergehen.

In dieser kompakten Ausstellung fällt die Wand mit Ölskizzen am auffälligsten. Die ruhigen Landschaften, durchsetzt mit Selbstporträts und einzigartigen Einblicken in die Ateliers der Künstler, ergeben einen aufschlussreichen Blick hinter die Kulissen. Die Ausstellung bringt die Macher näher zusammen, indem sie nicht nur auf das blickt, was sie zurückgelassen haben, sondern auch auf die Suche, die ihr vorausging.

Bei mehreren Werken fühlt es sich an, als würde man tatsächlich über die Schulter des Künstlers schauen. Zwischen bespritzten Staffeleien mit Gemälden niedlicher Kätzchen stellt man sich vor, wie man sich im Atelier von Henriëtte Ronner-Knip (1821–1909) befindet, wo die ersten Schritte des kreativen Prozesses sichtbar werden. Zwischen den Porträts und Skizzen werden Originalobjekte ausgestellt, wie eine alte Malkiste und ein Schleifstab.

Die Werke werden erst richtig lebendig, wenn man der dargestellten Person direkt in die Augen sieht. Zum Beispiel scheint man in dem Gemälde „Selbstporträt in bewaldeter Landschaft“ (1895) Willem Bastiaan Tholen (1860–1931) im Freien arbeiten zu sehen, und in „Die Zeichnung“ (1879) von David Oyens (1842–1902) kann man dem durchdringenden Blick des Mädchens in Blau nicht entkommen.

Nähere Informationen: Dordrechts Museum, Museumstraat 40, Dordrecht, Telefon +31 787708708, E-Mail: website@dordrechtsmuseum.nl, Internet: www.dordrechtsmuseum.nl

Marlow Moss – Ein Koffer voller Skizzen

Das Kunstmuseum Den Haag präsentiert eine Auswahl von Skizzen des Künstlers Marlow Moss (1889–1958), nachdem kürzlich ein Koffer erworben wurde, in dem mehr als hundert Vorstudien aufbewahrt wurden. Diese Vorarbeiten werden zusammen mit den drei Gemälden von Moss aus Moss‘ eigener Sammlung gezeigt, die nach Jahren des Reisens für verschiedene (inter)nationale Ausstellungen im Museum wiedervereint werden. Wie ihre Zeitgenossen suchte Moss eine perfekte Harmonie von Ebenen und Linien, in der die materielle Welt zurückbleibt.

Nähere Informationen: Kunstmuseum Den Haag, Stadhouderslaan 41, Den Haag, Telefon: +31 703381111, E-Mail: info@kunstmuseum.nl, Internet: http://www.kunstmuseum.nl.

Auf einer Reise mit der Top-Illustratorin Charlotte Dematons

Die Reise

Für diese Reise wählte Charlotte Dematons die schönsten, schönsten und aufregendsten Aquarelle aus, die sie für ihre Bücher über die Niederlande, Frankreich und Scapino sowie für das textlose Bilderbuch Der gelbe Ballon gemacht hatte. Wenn man sich die Drucke aus Der gelbe Ballon genau ansieht, entdeckt man bald, dass die Bilder der Stadt, der Wüste, des Dschungels und des Meeres etwas miteinander zu tun haben. Immer wieder erscheinen ein blaues Auto, ein Fakir auf einem fliegenden Teppich, ein Gauner in Gefängnisuniform und ein gelber Ballon.

Das Werk

Charlotte Dematons arbeitete jahrelang als Illustratorin für Schulbücher, Informationsbroschüren, Kinderzeitschriften, Plakate und Geburtsanzeigen, ist aber vor allem für ihre Illustrationen für Kinderbücher bekannt. Sie war sowohl Autorin als auch Illustratorin von 11 Bilderbüchern. Ihr Werk zeichnet sich durch präzise, detaillierte Zeichnungen aus, in denen kleine, angenehme Funde und verborgene Geschichten verborgen sind. Sie beginnt mit Bleistift- oder Markerskizzen auf Zeitung oder Transparentpapier und in kleinen Skizzenbüchern, danach werden die Bilder sorgfältig zu reichen, narrativen Drucken entwickelt. Diese Ausstellung nimmt Sie mit auf eine Reise durch die akribische Welt, die sie erschafft.

Biografie

Charlotte Dematons (geb. 1957, Évreux, Frankreich) wuchs in einer zweisprachigen Familie auf; ihr Vater war Franzose und ihre Mutter niederländisch. Sie erhielt ihre Grund- und Sekundarschulbildung in Frankreich. Nach ihrem Umzug in die Niederlande studierte sie Illustration an der Gerrit Rietveld Akademie in Amsterdam, mit Grafikdesign als Nebenfach. Zu ihren Lehrern gehörten Piet Klaasse, Waldemar Post, Lydia Postma und Thé Tjong-Khing. Sie schloss ihr Studium 1982 ab. Unmittelbar nach seinem Abschluss begann Dematons als freiberuflicher Illustrator von Kinderbüchern. Gleichzeitig arbeitete sie die ersten drei Jahre in der Grafikdesignabteilung von Meulenhoff Educational Publishers. Ihr Werk zeichnet sich durch große Liebe zum Detail und eine starke erzählerische Fähigkeit aus.

Nähere Informationen: Anton Pieck-Museum, Noordwal 31, Hattem, Telefon: +31 38444219, E-Mail: info@antonpieckmueseum.nl, Internet: www.antonpieckmuseum.nl

Gilbert & George – Landstreicher

Zwei eng gekleidete Männer, oft mit einem Glas in der Hand, streifen durch das raue Ost-London der siebziger Jahre. In Drifters sieht man das Künstler-Duo Gilbert & George am Anfang ihrer Karriere: jung, ehrgeizig und auf der Suche nach einer neuen Form für ihre Kunst. Mangels Geld fertigen sie Kohlezeichnungen an, würden aber lieber große fotografische Werke anfertigen. In der Präsentation werden große Zeichnungen mit zwei frühen fotografischen Werken, „Destructivism“ und „Carefree“, sowie anderen aus jener Zeit kombiniert.

Nähere Informationen: Kröller Müller-Museum, Houtkampweg 6, Otterlo, Telefon: +31 318591241, E-Mail: info@krollermuller.nl, Internet: http://www.krollermuller.nl

Ausstellung Yayoi Kusama mit 480.335 Besuchern größter Publikumserfolg

Große Freude beim Museum Ludwig Köln – Ab 12. September in Amsterdam

Am 3. August um 2 Uhr morgens endete die Kusama-Ausstellung mit 480.335 Besuchern. An den letzten beiden Ausstellungstagen hat das Museum die Öffnungszeiten bis in den frühen Morgen ausgedehnt, um noch möglichst vielen Menschen die Chance zu geben, die Ausstellung zu sehen.

„Die Yayoi-Kusama-Ausstellung im Museum Ludwig hat Kölns Ruf als internationale Kulturmetropole auf eindrucksvolle Weise gefestigt. Mit 480.335 Besuchern aus dem In- und Ausland hat sich einmal mehr gezeigt, welche Faszination und Strahlkraft von unseren städtischen Museen ausgeht. Dieser großartige Erfolg unterstreicht die Lebendigkeit unserer Kulturszene und macht deutlich, dass Köln ein inspirierender und unverzichtbarer Ort für zeitgenössische Kunst von Weltruf ist.“, so Torsten Burmester, Oberbürgermeister der Stadt Köln

„Wir sind begeistert vom grandiosen Erfolg dieser Ausstellung, der unsere Erwartungen noch übertroffen hat.“, so Yilmaz Dziewior, Direktor des Museum Ludwig. „Sie bietet ein intensives Erlebnis. Die Infinity Rooms von Yayoi Kusama sind immersiv und ermöglichen ein Eintauchen; die Betrachtenden werden zum Teil des Kunstwerks. Diese Räume sind zudem extrem instagramable. Gleichzeitig zeichnet die Ausstellung Kusamas künstlerische Entwicklung nach und die Präsentation des Frühwerks wie auch des literarischen Schaffens von Kusama, das in Europa bisher kaum bekannt ist, belegen den wissenschaftlichen Anspruch der Ausstellung. Besonders gefreut hat uns, dass viele Menschen gekommen sind, die sonst eher selten Museen besuchen oder vielleicht sogar noch nie in einem Museum waren.“, so Yilmaz Dziewior weiter.

Die Followerzahlen auf den Social Media-Kanälen des Museum Ludwig sind um rund 20.000 gewachsen, die Abonnentenzahl des Newsletters hat sich um 2000 während der Laufzeit Kusama erhöht.

Vom Katalog zur Ausstellung sind rund 10.000 Exemplare verkauft, das sind etwa vier Mal so viele wie bei anderen großen Sonderausstellungen. Beim Merchandising sind vor allem die Taschen, Poster und die exklusiv mit dem Kusama Studio gestalteten Seidentücher die Publikumslieblinge. Auch hier sind die Verkaufszahlen um ein Vielfaches höher als sonst. Außerdem hat das Museum Ludwig rund 130 von Yayoi Kusama zur Verfügung gestellten Kunsteditionen verkauft.

Ab heute wird die Ausstellung im Museum Ludwig abgebaut und wandert dann weiter nach Amsterdam ins Stedelijk Museum, wo sie ab dem 12. September zu sehen sein wird. Der Vorverkauf dort hat bereits begonnen.

Die Reaktionen des Publikums sind positiv bis enthusiastisch. „Spektakulär und kunsthistorisch erhellend!“, „Die Ausstellung ist sensationell“. „Klasse kuratiert. Man „fühlt“ ein bisschen Yayoi Kusama“. Vielen Dank für diese atemberaubende Ausstellung! Es war ein unvergessliches Erlebnis.“ „Eine spektakuläre nachdenkliche, inspirierende Ausstellung. Und die Krönung auf der Dachterrasse“.

Nähere Informationen: Museum Ludwig, Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln, Telefon: +49-221-221-26165, E-Mail: infomuseum-ludwig.de. Das Museum ist Dienstag bis Sonntag (inkl. Feiertage) jeweils von 10 bis 18 Uhr und jeden ersten Donnerstag im Monat von 10 bis 22 Uhr geöffnet.

Pauli-Preis 2026: Präsentation in der Kunsthalle Bremen

Privates Engagement macht Kunstpreis zum 50. Mal möglich

Im Jahr 2026 wird in der Kunsthalle Bremen der Pauli-Preis zum 50. Mal verliehen. Der 1955 erstmals vergebene Preis wird aus privatem Engagement einer kleinen Gruppe von Mäzenen ermöglicht, die neben dem Preisgeld auch die Kosten für die Ausstellung, den Katalog und den Ankauf eines Kunstwerks finanzieren. Der mit 30.000 Euro dotierte Kunstpreis ist einer der bestdotierten in Deutschland.

In der Pauli-Preis Ausstellung werden vom 8. August bis 4. Oktober 2026 Werke von acht nominierten Künstlerinnen und Künstlern präsentiert. Am 15. September wird der Preisträger beziehungsweise die Preisträgerin gekürt. Der Pauli-Preis (ehemals Kunstpreis der Böttcherstraße) zeichnet im deutschen Sprachraum lebende Künstlerinnen und Künstler für einen hervorragenden Beitrag zur jüngsten Kunst der Gegenwart aus und gilt als einer der bedeutendsten Preise für zeitgenössische Kunst in Deutschland.

Der Pauli-Preis blickt auf eine lange Geschichte zurück: Anlässlich des Wiederaufbaus der Böttcherstraße nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg gründete die Familie Roselius im Jahr 1954 die HAG-Stiftung mit dem Zweck, den Kunstpreis der Böttcherstraße an zeitgenössische Künstler*innen zu vergeben. Der 1955 erstmals verliehene Preis war damals eine der wenigen Fördermöglichkeiten für bildende Künstlerinnen und Künstler, denn „in der Zeit des Deutschen Wiederaufbaus“ steckte „die staatliche Förderung des Kultur- und Geisteslebens noch in den Anfängen“, so erinnerte sich Ludwig Roselius jun. (1929–2022) später. Der damals jährlich verliehene Preis entwickelte sich schnell zu einem der wichtigsten Kunstpreise in Westdeutschland. Als jedoch 1979 das Familienunternehmen Kaffee HAG an den US-amerikanischen Konzern General Foods verkauft wurde, wurde wenige Jahre später das Ende des Kunstpreises verkündet. 1983 wurde der Preis zum letzten Mal in der Böttcherstraße verliehen.

Um die Tradition des Preises weiterzuführen, gründete sich 1984 auf Initiative der Kunstvereins-Mitglieder Georg Abegg und Franz Osmers ein neuer Stifterkreis, der den Preis bis heute trägt. Der Stifterkreis, der sich aus einer kleiner Gruppe von Mitgliedern des Kunstvereins in Bremen sowie dem Senator für Kultur und seit 1992 der Sparkasse Bremen zusammensetzt, finanziert nicht nur die Ausstellung, den Katalog und das Preisgeld, sondern bemüht sich auch um die Erwerbung eines Werks der jeweiligen Preisträgerinnen und Preisträger für die Sammlung der Kunsthalle Bremen. So konnten dank des Stifterkreises in der Vergangenheit Kunstwerke unter anderem von Gabriele Stötzer (2024), Karimah Ashadu (2022), Ulrike Müller (2020), Nina Beier (2014), Daniel Knorr (2012), Thea Djordjadze (2009), Ulla von Brandenburg (2007), Clemens von Wedemeyer (2005), Tino Sehgal (2003), Olafur Eliasson (1997) und Wolfgang Tillmans (1995) erworben werden. Seit mittlerweile über 40 Jahren verdankt der seit 1985 alle zwei Jahre in der Kunsthalle Bremen stattfindende Preis sein Fortbestehen dieser Gruppe engagierter Mitglieder des Kunstvereins in Bremen.

Seit 2024 heißt der ehemalige Kunstpreis der Böttcherstraße Pauli-Preis und erinnert seitdem an den ersten wissenschaftlichen Direktor der Kunsthalle Bremen, Gustav Pauli (1866–1938). Auf seine progressive Sammlungspolitik gehen die berühmtesten Werke aus der Kunsthallen-Sammlung zurück. Seinem fortschrittlichen Geist sieht sich auch der Pauli-Preis verpflichtet.

Acht Vorschläge, fünf Stimmen, eine Entscheidung: Das Verfahren des Pauli-Preises

Die Wettbewerbsausstellung, in der alle acht nominierten Künstlerinnen und Künstler ihre Werke präsentieren, findet vom 8. August bis 4. Oktober 2026 in der Kunsthalle Bremen statt. Die künstlerischen Positionen werden von sechs internationalen Kuratorinnen und Kuratoren, dem Direktor der Kunsthalle Bremen, Christoph Grunenberg, sowie dem Stifterkreis für den Pauli-Preis nominiert. Im Laufe der Ausstellung verkündet eine renommierte fünfköpfige Jury von Fachleuten den Preisträger beziehungsweise die Preisträgerin. Das 1974 eingeführte zweistufige Preisverfahren, das damals schnell als „Bremer Modell“ publik wurde und als vorbildlich für vergleichbare Preise galt, garantiert noch heute Transparenz und Neutralität. Die hohe Qualität des Auswahlverfahrens zeigt sich an der Liste der in der Vergangenheit vorgeschlagenen Künstler*innen und der Preisträger*innen. Viele, die zu diesem Zeitpunkt noch keiner breiten Öffentlichkeit bekannt waren, zählen heute zu den herausragenden Personen der internationalen Kunstszene: Rebecca Horn, Stephan Balkenhol und Olafur Eliasson sind heute einer breiten Öffentlichkeit bekannt, Wolfgang Tillmans und Tomma Abts erhielten 2000 und 2006 den renommierten Turner-Preis, während Tino Sehgal, Isa Genzken, Natascha Sadr Haghighian und Henrike Naumann neben vielen anderen für den Bremer Kunstpreis Nominierten später Deutschland auf der Biennale in Venedig vertraten. In diesem Jahr wird der mit 30.000 Euro dotierte Preis an den Preisträger beziehungsweise die Preisträgerin am 15. September verliehen.

Die acht nominierten Künstlerinnen und Künstler sowie die Nominierenden für den Pauli-Preis 2026:

• Jan Albers (*1971 in Wuppertal, lebt und arbeitet in Düsseldorf) vorgeschlagen von Felix Krämer, Generaldirektor und künstlerischer Leiter des Kunstpalastes in Düsseldorf • Christiane Baumgartner (*1967 in Leipzig, lebt und arbeitet in Leipzig) vorgeschlagen von Anna Wesle, Kuratorin am Museum Franz Gertsch, Burgdorf, Schweiz • Harry Hachmeister (*1979 in Leipzig, lebt und arbeitet in Berlin und Leipzig) vorgeschlagen von Mathilda Legemah, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Institutional Development am Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, Berlin • Annette Kelm (*1975 in Stuttgart, lebt und arbeitet in Berlin) vorgeschlagen vom Stifterkreis für den Pauli-Preis • Caroline Kryzecki (*1979 in Wickede/Ruhr, lebt und arbeitet in Berlin) vorgeschlagen von Christoph Grunenberg, Direktor der Kunsthalle Bremen • Phung-Tien Phan (*1983 in Essen, lebt und arbeitet in Essen) vorgeschlagen von Michelle Cotton, Direktorin der Kunsthalle Wien • Liesl Raff (*1979 in Stuttgart, lebt und arbeitet in Wien) vorgeschlagen von Stefanie Böttcher, Direktorin der Kunsthalle zu Kiel • Anike Joyce Sadiq (*1985 in Heidelberg, lebt und arbeitet in Berlin und Nürnberg) vorgeschlagen von Yvette Mutumba, Mitbegründerin und Leiterin von Contemporary And (C&)

Die Jury 2026:

• Yilmaz Dziewior, Direktor Museum Ludwig, Köln • Asta Gröting, Künstlerin, Berlin • Roland Mönig, Direktor Von der Heydt-Museum, Wuppertal • Susanne Pfeffer, Direktorin Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main • Hilke Wagner, Direktorin Albertinum, Dresden

Veranstaltungen:

Donnerstag, 13. August, 13 Uhr: Kunstpause mit Dr. Eva Fischer-Hausdorf Donnerstag, 27. August, 13 Uhr: Kunstpause mit Lea Woltermann Dienstag, 1. September, 18 Uhr: Kuratorinnenführung mit Dr. Eva Fischer-Hausdorf Donnerstag, 10. September, 13 Uhr: Kunstpause mit Dr. Eva Fischer-Hausdorf Dienstag, 15. September, 18 Uhr: Öffentliche Preisverleihung Pauli-Preis 2026 Dienstag, 15. September, 19 Uhr: Die Jungen mit Lea Woltermann (nur für Mitglieder des Kunstvereins) Donnerstag, 24. September, 13 Uhr: Kunstpause mit Lea Woltermann Dienstag, 29. September, 18 Uhr: Öffentliche Führung mit Lea Woltermann

Katalog

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Der reich bebilderte Katalog umfasst Interviews mit den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern stellt erstmals die Geschichte des Kunstpreises von 1955 bis heute ausführlich dar. Das Buch kostet 18 Euro.

Nähere Informationen: Kunsthalle Bremen, Am Wall 207, 28195 Bremen, Telefon: +49 (0)421 – 32 9080, Fax +49 (0)421 – 32908470, E-Mail: info@kunsthalle-bremen.de

Neues aus der Welt der Kunst in den Niederlanden

In der neuen Ausgabe der Museumstijdschrift findet der Leser oder die Leserin viele Tipps über Kunstausstellungen in den Niederlanden und manches mehr aus der Welt der Kunst. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Das Echo der Alhambra – Von Edo Dijksterhuis

Als begeisterter Reisender kam M.C. Escher früh in seiner Karriere mit islamischer Kunst in Kontakt. Indem es zeitgenössische Arbeiten durch die Dauerausstellung streut, zeigt Museum Escher im Palast, dass seine Arbeiten weiterhin mit der geometrischen Bildsprache der islamischen Kunst verbunden sind.

Sechseckige Blöcke, abwechselnd schwarz und weiß, füllen die Oberfläche und verändern subtil die Form von unten nach oben. Zuerst werden sie ein wenig eingedellt, sodass ein Punkt entsteht. Dann schwellen sie wieder zu regulären Sechsecken an, aber die dunkle Farbe wird größtenteils vom Licht verdrängt. Die Dinge bleiben gleich, aber alles ist anders.

Wenn man die Textplatte überspringt, könnte man denken, dass es sich um ein Werk von M.C. Escher (1898–1972) handelt, genau wie die Drucke, die noch im Raum hängen. Der Titel „Metamorphose“ist ebenfalls escherisch. Er verwendete diesen Begriff für seine Zeichnungen, in denen Landschaften sich allmählich in geometrische Ebenen verwandeln oder Fische sich durch abstrakte Zwischenformen in Vögel verwandeln.

Aber „Metamorphosis“ist nicht Eschers Werk. Es wurde mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod von Amine Asselman (1989) gedreht. Und zwar nicht, wie Escher es tat, mit Lineal und Kompass auf Papier, sondern mit marokkanischen Fliesen, die auf traditionelle, traditionelle Weise hergestellt werden und daher alle einzigartig sind. Asselman ist einer von zwanzig zeitgenössischen Künstlern, die nun ‚in einen Dialog treten‘ mit dem alten Grafiker in „Escher and Islamic Art – 20 Perspectives“, wie es genannt wird.

Skateboard mit Spiegelmosaik

Escher wäre wahrscheinlich nie der weltbekannte Schöpfer mathematischer Zeichnungen geworden, wenn er Granada nicht 1922 besucht hätte. Im Süden Spaniens entdeckte er die Alhambra, die maurische Festung mit ihren islamischen Kunstschätzen. Er wurde von den geometrischen Verzierungen fasziniert und zeichnete ein Ziegelmotiv. Dies war das Ausgangssignal für eine eingehende Untersuchung des islamischen Tessellationsprinzips, ein festes Element in seinem späteren Stil.

Die gleiche Ästhetik findet sich in den Werken zeitgenössischer Künstler mit islamischem Hintergrund, wie etwa der Studie der Quadrate von Fatima Barznge (1968), den robust wirkenden, aber sehr zerbrechlichen Papierskulpturen von Layla May Arthur (1999) und dem Wandrelief mit sternförmigen Wölbungen von Emin Batman (2000). Auch wenn das Erscheinungsbild anders ist – Escher wüsste nicht, was er von den mit Spiegelmosaik verzierten Skateboards von Leila Nazarian (1986) halten sollte – sind der Rhythmus, die Wiederholung und die subtilen Veränderungen erkennbar.

Aber was meinen die Ausstellungsmacher damit? Dieser kulturelle Austausch ist ausgerechnet? Dass Escher vielleicht islamischer als westlicher ist? Oder dass der Künstler mit seinem eigenen Museum ein eigenes Werk aufgebaut hat, das auf dem basiert, was wir heute ‚Aneignung‘ nennen könnten, also der Aneignung der Kultur anderer Menschen, um ihr spirituelle und historische Bedeutung zu entziehen und für eigene Zwecke zu nutzen?

Hassan Hajjaj (1961) gibt eine passende Antwort auf diese letztere Interpretation. Er fotografierte einen Mann im Hoodie von oben, der über einen Escherianischen karierten Boden ging. Die Wand hinter dem Foto und der Rest des Raumes sind mit einem grün-roten Muster mit kleinen Unvollkommenheiten bedeckt. Hajjaj nimmt sein kulturelles Erbe zurück und verleiht ihm seine eigene Note.

Frau mit einer Waffe

Solche Werke heben die Ausstellung auf die nächste Stufe. Die Beiträge, die hauptsächlich eine formale Beziehung zu Escher zeigen, gehen nicht über eine Art visuellen Reim hinaus. Aber glücklicherweise gibt es viele Momente, in denen auch eine substanzielle Brücke gebaut wird. Wie in dem Druck, den Shehzil Malik (1987) von einer glänzenden Stadt voller Wolkenkratzer anfertigte, die ein totes Gegenstück hat, das unterirdisch mit Rohren und Masten gefüllt ist. Etwas weiter hängt die Zeichnung, die Escher von der italienischen Bergstadt San Gimignano angefertigt hat, wo die mittelalterlichen Türme scharf von der umgebenden Natur abheben. Während Architektur zu Eschers Zeiten noch ein Wunder und die Natur unberührt war, geht das in Maliks Welt auf Kosten des anderen. Die erfolgreichste Kombination von Escher und Gastkünstlern findet sich im Raum mit Eschers Zeichnung eines Augen, in dem ein Schädel reflektiert wird. Zu sehen heißt zu leben, und zu leben heißt zu sterben. Diese Memento-mori-Botschaft erhält eine zusätzliche Ebene durch Suleika Muellers Porträt einer Architektin hinter dem Milchglas einer Moschee, die sie selbst entworfen hat, sowie durch die Darstellung von vier bedeutenden islamischen Frauen als Silhouetten durch Farwa Moledina (1993). Hier zu schauen heißt, beobachtet zu werden, aber ohne von einem männlichen Blick überwältigt zu werden. Shirin Neshat (1957) verschärft die Lage zusätzlich mit ihrem Foto einer Frau mit Kopftuch und durchdringendem Blick, die eine Waffe auf die Kamera richtet. Du siehst dem Tod in die Augen.

Nähere Informationen: Escher im Palast, Lange Voorhout 74, Den Haag, Telefon: +31 704277730, E-Mail: info@escherinhetpalais.nl, Internet: www.escherinhetpalais.de

Radfahren durch die Landschaft von De Ploeg in Groningen

Das Groninger-Museum wird diesen Sommer ein besondere Aktion anbieten. Während des Programms ‚Walking Museum‘ können Besucher vierzehn Radwege entlang von Orten folgen, die mit dem Künstlerverband De Ploeg verbunden sind.

Die Initiative ist inspiriert von einer Idee des ehemaligen Direktors Frans Haks. 1986 träumte er von einem beweglichen Museum, das im Sommer am Wasser liegen und im Winter auf das gefrorene Wasser gehen würde. Vierzig Jahre später erhält diese Idee eine neue Bedeutung. Vom 16. August bis 16. September wird das Groninger-Museum für einen Monat seine Grenzen erweitern und die Natur erkunden.

In den Fußstapfen von De Ploeg

Ein Teil des Programms ist „In het Spoor van De Ploeg“, das das Museum gemeinsam mit dem Kunstcentrum De Ploeg in Wehe-den Hoorn organisiert. Vierzehn Radwege führen durch die Stadt und die umliegende Gegend, entlang der Landschaft, in der die Künstler von De Ploeg vor mehr als einem Jahrhundert arbeiteten.

Der 1918 gegründete Kunstkreis wollte die Kunstwelt in Groningen erneuern. Viele Mitglieder zogen los, um die Dörfer, Felder und Himmel der Provinz zu erobern. Radfahrer können ihrem Weg mit einem Routenheft, einer Routenkarte oder der RoutAbel-App folgen. Entlang der Routen gibt es Informationstafeln und Markierungen, die auf Orte hinweisen, die mit den Künstlern und ihrem Werk verbunden sind.

Während des ‚Walking Museum‘ kostet ein Besuch des Groninger-Museums 10 Euro. Dies ermöglicht den Besuchern Zugang zur Ausstellung „Neues Licht – Der Pflug und das Atelier“. Bis zum 23. August kann auch die Kulturerbeausstellung „Bakstain“ zum gleichen Preis besucht werden. Darüber hinaus lenkt das Museum die Aufmerksamkeit auf Aktivitäten und Kunstwerke außerhalb der Museumsmauern, darunter das Projekt „Soundings – Sense of Place“ in Nord-Groningen, die Stadtmarkierungen rund um Groningen und das „Wall House #2“ am Hoornse Meer, entworfen vom Architekten John Hejduk.

Nähere Informationen: Groninger Museum, Museumeiland 1, 9711 ME Groningen, Niederlande, Telefon +31 503666555, E-Mail: info@groningermuseum.nl. Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Thema Seife im Museum Jan Cunen in Oss

Seifen, Schrubben und Waschen – das sind selbstverständliche Handlungen. Doch die Ausstellung „Seife – Eine Ausstellung, die gut riecht“ im Museum Jan Cunen zeigt, dass selbst etwas so Alltägliches wie Seife viel über die Welt um uns herum aussagen kann. Mehr als dreißig Künstler reflektieren Themen wie Selbstbild, Kolonialismus, Geschlechterungleichheit und die Klimakrise mit Installationen, Zeichnungen und Videos.

Viele Kunstwerke wirken auf den ersten Blick fröhlich. Ein Smiley-Gesicht ist auf einem scheinbar beschlagenen Spiegel gezeichnet, ein Ausguckstuhl steht zwischen Hunderten von Glasseifenblasen, und Flaschen mit Spülmittel sind wie männliche Oberkörper geformt. Die Künstler nutzen Humor und erkennbare Formen, um aufgeladene Themen verhandelbar zu machen.

„Moving is Mother and Child“ (2021) von Roos van Geffen (1975), in dem die Künstlerin sich die Hände mit einer Seife wäscht, die von der Hand ihrer Mutter abgegossen wurde. Die Myrrhenseife, die ebenfalls in der Halle zu sehen und zu riechen ist, symbolisiert Liebe und Leid. So wird das Ritual zu einem Versuch, den Schmerz aus der Vergangenheit abzuwaschen. „Bathroom of Straw“ (2021) von Narges Mohammadi (1972) sticht ebenfalls hervor. Das brennende und unbequeme Material wirft die Frage auf, ob das Badezimmer wirklich so ein schöner Ort ist.

Die kleinen Duschvorhänge, hinter denen Gedichte von Kleinstukjeversheid, dem Autornamen von Jeroen van Steijn (1989), verborgen sind, verleihen willkommene Leichtigkeit und Optimismus. Wer am Ende der Ausstellung sein eigenes Reinigungsritual durchlaufen möchte, kann sich unter eine applaudierende Dusche setzen. Jedenfalls mangelt es hier nicht an Gedanken zur Dusche.

Nähere Informationen: Museum Jan Cunen, Molenstraat 65, Oss, Telefon: +31 412798000, E-Mail: info@museumjancunen.nl, Internet: www.museumjancunen.nl

Etha Fles & Medardo Rosso – Für die Kunst

Diese intime Ausstellung zeigt die besondere Verbindung zwischen der niederländischen Künstlerin und Kunstkritikerin Etha Fles (1857–1948) und dem italienischen Bildhauer Medardo Rosso (1858–1928). Als Förderin und Schirmherrin spielt Fles eine wichtige Rolle bei der internationalen Anerkennung von Rossos Werk.

Ein flüchtiger Ausdruck

Im Zentrum der Präsentation ist Rieuse, eine seltene Skulptur von Rosso aus einer Privatsammlung und aus dem Nachlass von Etha Fles. Auch ihre Radierungen, Gemälde und Publikationen sind ausgestellt. Das Bild zeigt Rossos Faszination für den flüchtigen Ausdruck von Lachen. Die künstlerische Herausforderung, diesen temporären Gesichtsausdruck überzeugend einzufangen, beschäftigt Rosso mehrere Jahre.

Fühlen wir […] den Charme des lachenden Mädchens […]? Und was bewundern wir in diesem Werk: die Linien? Der Ausdruck? Die Farbe? Es ist der Eindruck des Lebens selbst, den er uns vermittelt – wir vergessen Materie – die Form – er gibt uns den Ausdruck, das Wesentliche.‘
Etha Fles, Nieuwe Groninger courant, 1. März 1901

Seelenverwandte

Die Ausstellung hebt auch die enge Freundschaft zwischen Fles und Rosso hervor, die sich nach ihrem Treffen auf der Weltausstellung 1900 in Paris entwickelte. Fles reist mit Rosso durch Europa, schreibt über seine Arbeit und engagiert sich aktiv für seinen Ruhm in Italien und im Ausland.

Nähere Informationen: Museum Singer Laren, Oude Drift 1, Laren, Telefon: +31 355393956, E-Mail: museum@singerlaren.nl, Internet: http://www.singerlaren.nl

Jacob & Coba Ritsema und sein Bruder hinter der Schwester

Jacob Ritsema (1869–1943) arbeitete von 1892 bis 1893 als Landschaftsmaler in Elspeet und kehrte häufiger nach Nunspeet und Umgebung zurück. In der Literatur wird Jacob meist als ‚Bruder des bekannten ‚Amsterdam Joffer‘ Coba Ritsema“ (1876–1961) bezeichnet.

Das Noord-Veluws Kunstmuseum organisiert in Zusammenarbeit mit der Kunsttunnel Foundation eine Ausstellung über Jacob und Coba Ritsema. Die Beziehung zwischen Coba und ihrem Bruder Jacob war mehr als nur eine einfache Familienbeziehung; Es war eine künstlerische Partnerschaft. Während Jacob im Alter von 15 Jahren zur Kunstakademie in Düsseldorf ging, blieb Coba näher an der Heimat und entwickelte ihr Talent an der Rijksacademie in Amsterdam. Ihre Unterschiede in der Bildung spiegelten die Geschlechterrollen ihrer Zeit wider. Ihre Karrieren verliefen unterschiedlich. Während Coba Unterstützung in der eng verbundenen Gruppe der Amsterdamer Joffers fand, musste Jacob seinen Weg allein finden.

Cobas ruhige, sorgfältige Innenräume und Porträts; Jacobs‘ weite und atmende Landschaften; und die intimen Gemälde der Amsterdamer Joffers. Gemeinsam entfalten sie ein Bild des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, das nicht von Stil, Schule oder Genre geprägt ist, sondern von Einstellung: einer Sichtweise, in der die Welt langsam wird. Ein Stuhl mit Blumen, ein Krug, der im Morgenlicht glänzt, eine Kuh, die unter einem niedrigen Himmel rummelt. Dies sind Momente, in denen die Zeit nicht vorwärts schreitet, sondern tiefer wird.

Nähere Informationen: Nord-Veluwe-Museum, Winckelweg 17a, Nunspeet, Telefon: +31 341250560, E-Mail: directie@noord-veluws-museum.nl, Internet: www.noord-veluws-museum.nl

Drei gleich – Gerard, Rik & Joshua van Iersel

Drei Generationen der Künstlerfamilie von Van Iersel werden erstmals in einer großen Ausstellung zusammengebracht. Während der Sommerpause zeigen Gerard (1934), Rik (1961) und Joshua (1986) van Iersel, Großvater, Vater und Sohn, Werke in einer Ausstellung, die sich über einen Zeitraum von mehr als 60 Jahren erstreckt.

In „Three of a Kind“ werden verschiedene Gemälde, Zeichnungen, Collagen, Animationsfilme und räumliche Arbeiten gezeigt. Jedem Künstler wird individuell Aufmerksamkeit geschenkt, aber auch Kurator Rob Schoonen sucht nach dem berühmten ‚Van Iersel-Künstlergen‘. Was macht diese Familie Eindhoven so besonders, was sind die Gemeinsamkeiten oder Gemeinsamkeiten, wo kommt die Kunst des einen der anderen nahe?

Gerard van Iersel (1934) studierte an der Kunstnijverheidsschule in Eindhoven und an der Jan van Eyck Akademie, wo er unter dem Einfluss des bildenden Künstlers Albert Troost sich auf monumentale Arbeiten konzentrierte: Glasmalereien, Wandreliefs, Skulpturen und Betonmalereien. Er übernimmt viele Aufgaben für Schulen und Regierungsgebäude. Er unterrichtete außerdem unter anderem an der St. Joost Akademie. Außerdem gab es Zeit für die wirklich freie Arbeit: lyrische Zeichnungen und Gemälde, in denen Emotionen freien Lauf gelassen werden. Gerard van Iersel durchlief eine Entwicklung von geometrischer Abstraktion zu lyrischer abstrakter Arbeit, die an die Arbeiten von Bram van Velde erinnert.

Rik van Iersel (1961) erhielt Zeichnen und Malen von seinem Vater Gerard und seiner Mutter, der bildenden Künstlerin Nathalie van den Eerenbeemt (1934–2010). Er sah daher keinen Bedarf, eine Kunstakademie zu besuchen, und ist daher Autodidakt. Rik entwickelte sich als bildender Künstler und Musiker. Er gründete das berühmte Buro Beukorkest, in dem er Schlagzeug spielt, genau wie in der anderen Band: Der Junge Hund. In denselben Jahren widmete er sich der Comicproduktion und entwarf jahrelang die Plakate für den Eindhover Pop-Veranstaltungsort De Effenaar. Er entwickelte seinen eigenen, sehr ausdrucksstarken, vielschichtigen Stil, der an die Werke der Nieuwe Wilden oder Mühlheimer Freiheit erinnert, beides deutsche Bewegungen. Schon in jungen Jahren stellte Van Iersel in renommierten Galerien im In- und Ausland aus. Später begann er, Animationsfilme zu drehen, und war unter anderem als Gastdozent in Deutschland tätig.

Joshua van Iersel (1986) wuchs ebenfalls mit Kunst auf. Wie könnte es anders sein mit einem Vater, Großvater und Großmutter als Künstler? Josua entwickelte sich auch als Autodidakt. Er erinnert sich gut an die afrikanischen Masken, die seine Eltern gesammelt haben und die einen tiefen Eindruck bei ihm hinterließen. Und die man – in verschiedenen Formen – noch immer in seinen Zeichnungen und Gemälden sehen kann. Köpfe sind in seinen Werken zu sehen, die – auch wegen ihrer Affinität zu Comics und Graffiti – als Neoexpressionismus klassifiziert werden können. Namen wie Jean-Michel Basquiat oder David Salle fallen einem ein. Wie Rik entwickelte sich auch Joshua als Musiker. Er spielt außerdem Schlagzeug.

Nähere Informationen: Pennings Stiftung, Geldropseweg 63, Eindhoven, Telefon: +31 625584157, E-Mail: info@penningsfoundation.nl, Internet: www.penningsfoundation.com

Ein „Söpien“ in Altendorf für 100 Milliarden Mark

Theaterstück über die Hyper-Inflation nach dem Ersten Weltkrieg

„Ein Witzbold schickte der Polizei einen kleinen Sühnebeitrag für nächtliche Ruhestörung in Gestalt eines mehrere Kilo wiegenden Pakets mit Scheinen, deren Zählung eine Person mehrere Tage beschäftigt haben würde. Im Jahre 1923 holten die Fabriken ihre notwendigen Lohngelder kiloweise mit Autos aus Osnabrück, und Anfang November 1923 kostete ein „Söpien“ in Altendorf 100 Milliarden Mark“ – so steht es in dem von dem ehemaligen Schulrektor, Heimatkundler und Politiker Heinrich Specht (*1885 – +1952) geschriebenen Buch „Nordhorn – Geschichte einer Grenzstadt“.

Was war geschehen? Das Deutsche Reich hatte den Ersten Weltkrieg verloren, musste erhebliche Reparationsleistungen an die Alliierten Siegermächte bezahlen und zahlreiche Gebietsverluste in Kauf nehmen. Gleichzeitig standen die jetzt demokratisch gewählten Regierungen in der Verpflichtung, die von vielen Bürgern gekauften Kriegsanleihen zurückzahlen zu müssen. Angesichts leerer Staatskassen sahen die verantwortlichen Politiker dafür nur eine Lösung: Sie schmissen die Gelddruckmaschinen an, was eine exorbitante Inflation zur Folge hatte. Das Geld war wertlos geworden. Weitere Folgen des verlorenen Krieges: Lebensmittel wurden knapp, da sie in die benachbarten Niederlande befördert wurden, weil sie dort für hochwertige Gulden statt für wertlose Mark verkauft werden konnten. Knapp wurde auch der Brennstoff, weil die Alliierten Teile des Ruhrgebietes und des Saarlandes, in denen Kohle abgebaut wurde, besetzt hielten. Damit nicht genug, verließen viele Handwerker und Gehilfen Nordhorn in Richtung Niederlande, um dort gutes Geld zu verdienen.

Auch die durch den verlorenen Weltkrieg ausgelösten politischen Veränderungen bereiteten den Menschen Sorgen und Nöte. Das Kaiserreich war untergegangen, Unruhen breiteten sich zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen aus, und die gerade entstandene Demokratie, die „Weimarer Republik“, hatte mit erheblichen Geburtswehen zu kämpfen, ausgelöst einerseits durch reaktionäre Kräfte, die eine Rückkehr des Kaiserreiches herbeisehnten, andererseits durch extreme linke Kräfte, die ein politisches System wie das der fast gleichzeitig entstandenen Sowjetunion erstrebten.

Vor diesem dramatischen Hintergrund, geprägt von großer existentieller Not, aber auch von perfiden wirtschaftlichen Interessen Einzelner, spielt das von Dr. Werner Rohr und Reinhard Prüllage geschriebene Stück „Inflation 1923 in Nordhorn – Ruin des Bürgertums “, das in diesem und im kommenden Jahr von der Theaterwerkstatt Nordhorn unter der Leitung des Regisseurs Ernst R. Schröder aufgeführt wird.

Stilmittel von Bertolt Brecht genutzt

Inspiriert von dem epischen Theater Bertolt Brechts, weg von der Darstellung tragischer Einzelschicksale, weg von der klassischen Illusionsbühne und ihrer Scheinrealität, verbunden mit dem Ziel der Darstellung der großen gesellschaftlichen Konflikte wie Krieg, Revolution, Ökonomie und soziale Ungerechtigkeit, werfen die beiden Autoren einen Blick auf zentral agierende Gruppen, deren soziale Umstände und Interessen. Besonders im Fokus stehen das Bürgertum, die Bauern, die Fabrikanten und die Kriegsveteranen.

Von Szene zu Szene machen die beiden Autoren einen räumlichen Sprung, mal in Richtung des Hauses eines Amtsrichters und seiner Familie oder des Hauses und Ladenlokals eines Lebensmittelhändlers, die beide stellvertretend für das Bürgertum stehen, mal in Richtung der Villa eines Fabrikanten, der wie andere Fabrikanten für das wirtschaftliche System des Kapitalismus steht, mal in die Versammlungsräume eines Veteranenvereins, deren Mitglieder für den überkommenen Geist des Militarismus stehen.

Ein Soldat kehrt heim

Das Stück beginnt mit der Rückkehr des Nordhorners und gerade zum Amtsrichter ernannten, ehemaligen Hauptmanns Johann Elinkmann aus dem Ersten Weltkrieg – nach fünf bitteren Jahren an der Front und im Schützengraben. Nach einem kurzen Willkommen durch die Familie drehen sich die Gespräche schnell um die allgemein herrschende und auch sie betreffende wirtschaftliche Not, um die Geld fressende Inflation und die aktuelle Politik. Unruhen versetzen das Bürgertum in Angst. Verhaftet im reaktionären Geist des Kaisertums merkt Elinkmann nicht, wie er selbst zum Opfer dieses Kaisertums geworden ist. Feinde und die Ursache auch seiner wirtschaftlichen Not verortet er bei den aufständischen Arbeitern und Soldaten und bei den sie vertretenden Parteien wie der KPD und der SPD.

Auch andere werden von den Ereignissen eingeholt. Der Lebensmittelhändler Wegbünder will von der um sich greifenden Spekulation, ausgelöst durch die Hyper-Inflation, profitieren, erkennt aber nicht die Feinheiten des Spekulationswesens und gibt sich dem Alkohol und seinen literarischen Träumereien hin.

Obwohl ebenfalls Opfer eines überkommenen Systems, schwören die Mitglieder eines Veteranen-Vereins auf das untergegangene Kaiserreich, das ihnen ihr Elend verursacht hat. Die Stimme eines Einzelnen, der schildert, wie ihn der Krieg körperlich als auch psychisch ruiniert hat, wollen sie nicht hören.

Im Geheimen kommt gleichzeitig die Sehnsucht nach den durch die Demokratie geschaffenen Freiheiten zum Ausdruck. Das gilt insbesondere für Frau Elinkmann, die einerseits der traditionellen Ordnung verhaftet ist, andererseits aber von den neuen Möglichkeiten für Frauen weiß, ihr Leben zu gestalten. Bei einem Kaffeekränzchen mit Freundinnen berichtet sie von ihren Träumen und Wünschen.

Was die Nordhorner Fabrikanten angeht, sind sie zwar auch dem Geist des Kaiserreiches verhaftet, aber im Gegensatz zu den anderen gesellschaftlichen Gruppierungen wissen sie ihre Interessen auch in Notsituationen wahrzunehmen. Die Hyper-Inflation verschafft ihnen zwei gute Gelegenheiten: ihre Schulden mit wertlosen Reichsmark zu bezahlen und ihre Waren gegen stabile Gulden zu verkaufen.

Mit ihrem Stück, das auf realen Geschehnissen vor Ort und bekannten historischen Figuren der Nordhorner Stadtgeschichte basiert, spannen die beiden Autoren einen großen, vielfältigen und inhaltsreichen Bogen um die historischen Ereignisse in Deutschland – mit dem Fokus auf Nordhorn – nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und dessen spezifischen Auswirkungen auf unterschiedliche gesellschaftlichen Klassen. Im Sinne Brechts könnte man von einem Lehrstück in dessen Tradition sprechen. Aber trotz gelegentlich holzschnittartiger Dramaturgie, die die Darsteller manches mal nur als Träger von Informationen und politischen Äußerungen oder Botschaften erscheinen lässt, wird ein lebendiges Bild der damaligen Zeit vermittelt.

Zu den Autoren:

Mit der Heimatgeschichte bestens vertraut ist der Nordhorner Historiker Dr. Werner Rohr. Er ist Mitinitiator der Geschichtswerkstatt der Volkshochschule, Autor von zahlreichen Büchern und Artikeln sowie ehemaliger Vorsitzender des Trägervereins des Stadtmuseums Nordhorn. Engagiert ist Rohr bei der Theaterwerkstatt als Darsteller und Mitglied des geschäftsführenden Vorstands. Von ihm stammt auch das Stück „Lindenallee – Die Straße der SA“, das von der Theaterwerkstatt mit großem Erfolg in der Kornmühle und im Capitol aufgeführt wurde. Als zweites Stück liegt jetzt „Inflation 1923 in Nordhorn – Ruin des Bürgertums “ vor, das auf einer Idee von ihm basiert und in dem auch Figuren aus dem ersten Stück eine Rolle spielen. Zur Seite stand ihm als Co-Autor Reinhard Prüllage, der als Redner, Rezitator, Fotograf, Künstler und Vorsitzender des Ateliers Sägemühle in Nordhorn tätig ist.

Nähere Informationen: http://www.theaterwerkstatt-nordhorn.de

Neues aus der Welt der Kunst in den Niederlanden

In der neuen Ausgabe der Museumstijdschrift findet der Leser oder die Leserin viele Tipps über Kunstausstellungen in den Niederlanden und manches mehr aus der Welt der Kunst. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Sommerführer zu Kunststädten – London

London hat so ziemlich alles im Bereich der Kunst. Von großen Publikumslieblingen über temporäre Kunsträume in leerstehenden Gebäuden, von einem Architekturpavillon im Park bis hin zu Sammlungen, in denen Kunst und Alltagsleben verschmelzen. Wohin solltest du diesen Sommer gehen? Das Museumsmagazin listet es für Sie auf, inklusive einer Reise nach Cambridge.

Die großen Publikumsmagneten

Wir beginnen mit den großen Museen, die wie immer groß sind. In ‚Frida: The Making of an Icon‘ untersucht Tate Modern, wie Frida Kahlo (1907–54) zu einer globalen Ikone wurde. Neben mehr als dreißig Gemälden sind Fotografien, Dokumente und Werke von Künstlern ausgestellt, die von ihrer visuellen Sprache und Selbstpräsentation beeinflusst wurden. Die Ausstellung läuft bis zum 3. Januar 2027.

Tate Britain konzentriert sich auf James McNeill Whistler (1834–1903). Flussansichten, Porträts und Werke aus seinen Jahren in Paris und London werden mit seinem berühmten Arrangement in Grey and Black Nr. 1 zusammengeführt, besser bekannt als Whistlers Mutter, das normalerweise im Musée d’Orsay hängt. Ausgestellt bis zum 27. September.

Zwei weitere Schwergewichte folgen später im Jahr. Ab dem 10. September wird der fast tausend Jahre alte Bayeux-Wandteppich im British Museum ausgestellt; Die Tickets sind für die ersten Monate bereits ausverkauft. Ab dem 21. November wird die National Gallery erstmals alle neun bekannten gemalten Porträts von Jan van Eyck zusammenbringen.

Praktisch: Frühzeitig für die Wechselausstellungen der Tate Modern, Tate Britain, des British Museum und der National Gallery buchen. Die ständigen Sammlungen sind kostenlos. Tate Modern und Tate Britain können leicht über eine Bootsverbindung auf der Themse kombiniert werden.

Kunst entlang des Südufers

Entlang des Südufers der Themse befinden sich etablierte Museen und neue Kunstinitiativen in fußläufiger Entfernung. Die Hayward Gallery, Teil des Southbank Centre, verbindet deutlich brutalistische Architektur mit experimentellen Ausstellungen. Diesen Sommer wird Anish Kapoor (1954) das gesamte Gebäude, einschließlich der drei Außenterrassen, mit neuen und vertrauten Skulpturen, Gemälden und Installationen füllen. Die Ausstellung läuft bis zum 18. Oktober.

Weiter östlich, zwischen Tate Modern und Borough Market, eröffnete Ende Juni die Hypha Gallery South Bank in einem ehemaligen Bürogebäude. Hypha Studios verleiht leerstehenden Gebäuden vorübergehend eine neue Funktion als Ateliers und Ausstellungsräume. Der neue Standort ist das bisher größte Projekt der Organisation mit drei Galerien, einem Projektraum und Arbeitsräumen für Künstler. Die kahlen Wände, unfertigen Böden und sichtbaren Bauten wurden bewusst erhalten; Das Palais de Tokio, das innovative Pariser Zentrum für zeitgenössische Kunst, diente als Inspirationsquelle. Hypha besitzt keine permanente Sammlung. Die wechselnden Präsentationen mit Skulpturen, Installationen und ortsspezifischer Kunst bieten einen Einblick in Künstler und Initiativen außerhalb der etablierten Museumswelt.

Praktisch: Starten Sie in der Hayward Gallery und gehen Sie entlang der Themse in Richtung Tate Modern und Hypha Gallery South Bank. Der Borough Market ist in der Nähe und eignet sich als Zwischenstopp, kann aber um die Mittagszeit sehr voll sein. Überprüfen Sie im Voraus das aktuelle Programm der Hypha Gallery.

Kunst, Architektur und Design in Kensington

In den Kensington Gardens können Kunst, Architektur und Design in einem einzigen Spaziergang kombiniert werden. Für die fünfundzwanzigste Ausgabe des jährlichen Serpentine Pavilion wählte Serpentine das mexikanische LANZA-Atelier. Der Pavillon, genannt Serpentine, besteht aus gewundenen Backsteinmauern mit Öffnungen, Nischen und Sitzbereichen. Das Design bezieht sich auf das englische ‚crinkle-crankle walls‘: wellenförmige Gartenmauern, die aufgrund ihrer Form stabil bleiben und weniger Ziegel haben.

In der Nähe befindet sich Pénétrable BBL Jaune (1999; Aufführung 2023) von Jesús Rafael Soto (1923–2005). Tausende gelber Kunststoffstränge hängen an einem Stahlrahmen und bilden eine Skulptur, durch die Besucher hindurchgehen können.

Drinnen gibt es auch viel zu sehen. In Serpentine North werden neuere Gemälde des kürzlich verstorbenen David Hockney (1937–2026) bis zum 23. August gezeigt, neben seinem monumentalen Fries Ein Jahr in der Normandie (2020–21). In Serpentine South präsentiert Cecily Brown (1969) Gemälde, in denen Körper, Bäume und Parklandschaften bis zum 6. September in bewegte Pinselstriche zerfallen.

Vom Park aus kann man zum V&A gehen, wo ‚Schiaparelli – Fashion Becomes Art‘ die innovativen Designs und den bleibenden Einfluss der Modedesignerin Elsa Schiaparelli (1890–1973) hervorhebt. Etwas weiter westlich bietet das Design Museum mit seiner Dauerausstellung „Designer Maker User“ einen Überblick über modernes Design, von Architektur und Mode bis hin zu Grafikdesign und digitaler Kultur.

Praktisch: Serpentine North und Serpentine South sind nur wenige Gehminuten voneinander entfernt. Der Pavillon, die Skulptur von Soto und die Ausstellungen sind kostenlos. Das V&A ist etwa zwanzig Gehminuten entfernt und freitags bis 22 Uhr geöffnet. Das Design Museum befindet sich weiter westlich; Die ständige Präsentation ist kostenlos zugänglich.

Museen aus Privatsammlungen entstanden

In London gibt es mehrere Museen, die aus Privatsammlungen hervorgegangen sind. Hinter der stattlichen Fassade des Sir John Soane’s Museum in Lincoln’s Inn Fields wartet ein Labyrinth aus engen Korridoren, Oberlichtern und Räumen voller Gemälde, Skulpturen, Gebäudefragmente und archäologischer Funde. Der Architekt und Sammler John Soane (1753–1837) nutzte das Gebäude als Wohnhaus, Büro und Unterrichtsraum. Spiegel vergrößern die Räume, Licht fällt durch versteckte Öffnungen und Wände klappen auf, um noch mehr Gemälde freizulegen. Das Haus ist daher nicht nur ein Museum, sondern auch eine architektonische Betrachtungsmaschine.

In fußläufiger Entfernung besitzt die Courtauld Gallery im Somerset House eine kompakte, aber außergewöhnliche Sammlung impressionistischer und postimpressionistischer Kunst. Zu den Höhepunkten zählen Édouard Manets Un bar aux Folies-Bergère (1882) und Vincent van Goghs Selbstporträt mit bandagiertem Ohr (1889).

Weiter südlich befindet sich die Dulwich Picture Gallery, eines der ersten speziell errichteten öffentlichen Kunstmuseen der Welt, entworfen von Sir John Soane. Die Sammlung umfasst mehr als sechshundert Gemälde von Rembrandt, Rubens, Canaletto und Van Dyck sowie anderen. Ab dem 28. Juli zeigt ‚Portrait of a City – A Century of American Photography‘ mehr als hundert Fotos über ein Jahrhundert urbanes Leben in den Vereinigten Staaten.

Praktisch: Das Sir John Soane’s Museum und die Courtauld Gallery lassen sich problemlos an einem Tag vereinen. Der Soane ist frei zugänglich, aber aufgrund des begrenzten Platzes kann eine Warteschlange entstehen. Die Dulwich Picture Gallery befindet sich außerhalb des Stadtzentrums und verdient einen separaten halben Tag; das Museum mit Dulwich Village und Dulwich Park zu kombinieren.

Eine Stadt innerhalb der Stadt

Das Barbican Centre ist nicht nur ein Zentrum für Musik, Theater, Film und bildende Kunst, sondern auch einer der bekanntesten brutalistischen Komplexe Londons. Das Architekturbüro Chamberlin, Powell and Bon entwarf eine nahezu unabhängige Stadt mit Betonwege, Terrassen, Wohntürmen, Innenhöfen und Wasserfunktionen. Versteckt zwischen all dem Beton befindet sich das Barbican Conservatory, ein tropisches Gewächshaus mit Tausenden von Pflanzen und Bäumen.

In der Barbican Art Gallery zeigt „Project a Black Planet“ den Einfluss des Panafrikanismus auf Kunst und Kultur ab den 1920er Jahren. Mehr als 250 Gemälde, Installationen, Plakate, Zeitschriften und Filme aus Afrika, Europa, Nord- und Südamerika zeigen, wie Künstler Ideen über Freiheit, Solidarität und eine gemeinsame schwarze Zukunft geprägt haben. Die Ausstellung läuft bis zum 6. September.

Praktisch: Sie nehmen sich nicht nur Zeit für die Ausstellung in der Barbican Art Gallery, sondern auch für einen Spaziergang durch den Komplex. Das Barbican Konservatorium ist frei zugänglich, aber nur an ausgewählten Tagen geöffnet. Überprüfe die Tagesordnung im Voraus und reserviere bei Bedarf einen Termin.

Der East London

Art Walk kann auch zu Fuß entdeckt werden, zum Beispiel indem man einem Teil der Line folgt. Diese öffentliche Kunstroute verläuft entlang der Wasserwege und des Greenwich-Meridians, vom Queen Elizabeth Olympic Park bis zur O2-Arena. Entlang des Weges stehen Skulpturen und Installationen zwischen Kanälen, ehemaligen Industriegebieten, Neubauten und städtischer Natur.

Zum Beispiel passiert man das monumentale ArcelorMittal Orbit (2012) von Anish Kapoor, Quantum Cloud (2000) von Antony Gormley, eine wolkenartige Stahlstruktur, in der eine menschliche Figur thront, und Types of Happiness (2019) von Yinka Ilori: zwei meter hohe, bunt gefärbte Stühle an den Royal Docks mit Wachsmustern.

Praktisch: Du musst nicht die ganze Strecke laufen. Wählen Sie zum Beispiel den nördlichen Teil um Stratford und den Olympic Park oder gehen Sie über die Greenwich Peninsula und überqueren Sie mit der Seilbahn die Themse zu den Royal Docks. Die Linie ist kostenlos und kann in separaten Abschnitten begangen werden; Überprüfen Sie die aktuelle Strecke im Voraus auf der Website von The Line.

Außerhalb Londons

Wenn Sie einen Tag übrig haben, können Sie den Zug nach Cambridge nehmen. Dort können Sie Kettle’s Yard besuchen, das ehemalige Zuhause des Sammlers und ehemaligen Tate-Mitarbeiter Jim Ede (1895–1990) und seiner Frau Helen. Von 1957 bis 1973 lebten sie dort unter ihrer Sammlung moderner Kunst, Möbel, Keramik, Textilien und Naturobjekte.

Die Sammlung umfasst Werke von Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts wie Ben Nicholson, Barbara Hepworth, Henry Moore, Joan Miró und Constantin Brâncuși. Doch Kettle’s Yard fühlt sich kaum wie ein Museum an. Gemälde und Skulpturen stehen zwischen Pflanzen, Muscheln, Möbeln und sorgfältig arrangierten Kieselsteinen. Ede platzierte alles so, dass Licht, Material und Form zusammen ein harmonisches Ganzes bilden.

Praktisch: Die Zugfahrt vom Bahnhof King’s Cross nach Cambridge dauert etwa eine Stunde; vom Bahnhof Cambridge sind es etwa dreißig Minuten zu Fuß. Der Eintritt in Kettle’s Yard ist frei, aber aufgrund des begrenzten Platzes werden Zeitfenster genutzt. Buche im Voraus, besonders an Wochenenden.

Pässe und Tickets

Viele Dauerausstellungen in London sind kostenlos zugänglich, darunter Tate Modern, Tate Britain, National Gallery, National Portrait Gallery und V&A. Serpentine, Sir John Soane’s Museum und Kettle’s Yard sind ebenfalls kostenlos. Für die Courtauld Gallery und die Dulwich Picture Gallery ist eine Eintrittskarte erforderlich. Buchen Sie im Voraus für beliebte Wechselausstellungen, Kettle’s Yard und alle geführten Touren. Reservierungen sind in der Regel nicht notwendig für die ständigen Sammlungen der großen Nationalmuseen. Der Wandteppich von Bayeux wird voraussichtlich sehr beliebt sein; Die erste Ticketserie ist bereits ausverkauft.

Kluge Kombination

Machen Sie täglich eine Route durch einen Teil der Stadt:

  • South Bank: Hayward Gallery, Tate Modern, Hypha Gallery und Borough Market
  • Kensington: Serpentine-, V&A- und Designmuseum
  • Zentrum: Sir John Soanes Museum, Somerset House und die Courtauld Gallery
  • Ost-London: Folgen Sie einem Teil der Line um Stratford und Olympic Park herum oder gehen Sie die Greenwich Peninsula entlang und nehmen Sie die Seilbahn zu den Royal Docks.
  • Außerhalb des Zentrums: Dulwich Picture Gallery oder ein Tagesausflug nach Kettle’s Yard

Sonderausleihe von Jan Mankes, ausgestellt im Museum Belvédère

Das Museum Belvédère zeigt bis zum 20. September das Bild „Ziege an einem blühenden Baum“ von Jan Mankes bis zum 20. September. Das Gemälde ist seit 1969 nicht mehr in einem Museum ausgestellt. Das Werk wurde für eine begrenzte Zeit von Bert und Willemien Veldman-Marsman ausgeliehen und wird schließlich als Vermächtnis in die Sammlung des Museum Belvédère aufgenommen.

Zukünftiger Erwerb

Mit einer Größe von nur 15 mal 10 Zentimetern ist „Kleine Ziege mit einem blühenden Baum“ (1914) eines der kleinsten Gemälde von Jan Mankes (1889–1920). Er fertigte das Werk während seiner friesischen Zeit an, als er in De Knipe lebte und Inspiration in den Obstgärten und Tieren in seiner unmittelbaren Umgebung fand. Die Leihgabe steht im Einklang mit der geplanten Erweiterung des Museum Belvédère, das sich im friesischen Oranjewoud befindet. Das neue Gebäude, das das Museum Completion nennt, schafft mehr Platz für die Präsentation der Dauerausstellung. Die Sammler haben angekündigt, dass sie das Gemälde zu einem späteren Zeitpunkt dem Museum übergeben werden.

Nähere Informationen: Museum Belvédére, Oranja Nassaulaan, Herrenveen, Telefon +31513644999, E-Mail: info@museumbelvedere.nl, Internet: www.museumbelvedere.nl

7x Kunsttipps für und mit Kindern

Zuhören, aufnehmen, spazieren gehen und selbst etwas schaffen: Es gibt in den Sommerferien auch viel mit (Enkel)Kindern im und um das Museum zu tun. Entdecken Sie gemeinsam die Geheimnisse berühmter Künstler, gehen Sie auf ein Blind Date mit einem Kunstwerk oder lassen Sie sich von Woody und Buzz durch das Rijksmuseum führen. Das Museumsmagazin listet sieben Tipps für drinnen, draußen und unterwegs auf.

Mit Woody und Buzz durch das Rijksmuseum

Anlässlich des neuen Films „Toy Story 5“ stehen Spielzeuge diesen Sommer im Mittelpunkt des Rijksmuseums. Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren können einer speziellen Toy Story-Route mit einem kostenlosen Aktivitätsheft folgen. Gemeinsam mit Woody, Buzz und ihren Freunden führen sie Spiele und Aufgaben durch und entdecken, wie Kinder im Laufe der Altersgruppen spielen. Im Toy Story Studio sind frühe Skizzen der bekannten Filmfiguren zu sehen, und Besucher können sich selbst zeichnen. Es gibt auch einen täglichen Zeichenworkshop: Kinder denken hinter einer Staffelei, in der in der Ehrengalerie ihre Lieblingsfigur aus Toy Story erscheinen könnte. In der Galerie werden sie außerdem herausgefordert, ein Spiel aus dem siebzehnten Jahrhundert auszuprobieren.

Praktisch: Sommerprogramm Disney und Toy Story • Rijksmuseum, Amsterdam • 4. Juli bis 16. August • Route für 6–12 Jahre, Pop-up-Wagen ab 4 Jahren • kostenlos, ohne Museumseintritt

Familiengeschichte auf Papier im Museum W

Schlangen, Krokodile, Drachen und besondere Pflanzen bevölkern Danielle Lemaires Zeichnungen und Wandteppiche. In der Ausstellung „History is my company“ zeigt sie, wie ihre indonesische Familiengeschichte ihre Kunst beeinflusst. Während spezieller Sommerworkshops können Kinder nach dem Ausstellungsbesuch ihre eigenen Geschichten zeichnen. Mit Bleistift und Fantasie bringen sie Erinnerungen, Familienmitglieder und imaginäre Figuren auf Papier zusammen.

Praktisch: Zeichenworkshops bei ‚Geschichte ist meine Firma‘ • Museum W, Weert • 12. und 19. August • 8–14 Jahre • 2,50 Euro Materialkosten, ohne Museumseintritt.

Blind Date mit einem Kunstwerk im Kröller-Müller-Museum

Mit dieser Familienaktivität des Kröller-Müller-Museums beginnt der Museumsbesuch schon vor der Abreise. Nach der Registrierung erhalten die Teilnehmer zu Hause ein Paket mit drei kreativen Aufgaben, die sich auf ein Kunstwerk aus der Sammlung beziehen. Welche Arbeit das ist, bleibt vorerst ein Geheimnis. Erst während des letzten Einsatzes im Museum findet das Treffen statt, und es wird klar, wie die selbstgemachten Tonwerke, Gebäude oder andere Funde damit zusammenhängen. Auf diese Weise werden Kinder herausgefordert, ein Kunstwerk länger und aufmerksamer zu betrachten.

Praktisch: Blind Date mit einem Kunstwerk • Kröller-Müller-Museum, Otterlo • den ganzen Sommer, auf Wunsch • für die ganze Familie geeignet • kostenlose Aktivitäten, ohne Museumseintritt.

(Laufend) entlang Street Art durch Den Haag

Kunst betrachten und sich bewegen in drei neuen Laufstrecken vom Mauritshuis und Nationale-Nederlanden. Die etwa fünf, zehn und fünfzehn Kilometer langen Routen führen an großen Wandgemälden vorbei, die über Den Haag verstreut sind. Sechs Street-Art-Künstler ließen sich von Gemälden aus der Mauritshuis-Sammlung inspirieren, darunter „Diana und ihre Nymphen“ von Johannes Vermeer und „Vase mit Blumen“ von Jan Davidsz de Heem. Bei Kindern kann man natürlich auch den kürzesten Weg langsamer gehen und unterwegs nach Ähnlichkeiten zwischen den Wandgemälden und den Originalgemälden suchen.

Praktisch: Routen entlang der Street Art laufen • verschiedene Orte in Den Haag • den ganzen Sommer über allein • geeignet für die ganze Familie • Routen von etwa 5, 10 und 15 Kilometern • kostenlos.

Suche durch Huis Zypendaal

Wie konnten Menschen auf die Toilette gehen, wenn es keine Toiletten gab? Warum durften Kinder früher nicht mit Erwachsenen am Tisch sitzen? Während besonderer Familientage in Huis Zypendaal entdecken die Kinder, wie das tägliche Leben im Landhaus in Arnhem früher war. Nach einer kurzen Führung können Familien das Haus selbst mit der Schnitzeljagd „Ich sehe, ich verstehe“ besichtigen. Kinder suchen in jedem Raum nach erkennbaren Gegenständen. Die Schnitzeljagd ist auch für Kinder geeignet, die noch nicht lesen können. Draußen erwartet auch eine zweite Suche durch den Park.

Praktisch: Familientage mit Schnitzeljagd „Ich sehe, ich verstehe“ • Huis Zypendaal, Arnheim • 22. August • Führungen zu 12 und 13 Stunden, Dauer 30–45 Minuten • kostenlos, ohne Eintritt

Fakt oder Meinung?

Wie weiß man eigentlich, ob etwas wahr ist? Im Kinderpodcast „Sure?“ vom Teylers Museum untersuchen die Podcast-Macherin Dide Vonk und das Kinderpanel de Zekerweters, wie Wissenschaft funktioniert. Durch abenteuerliche Geschichten und spielerische Szenen geht es darum, Forschung zu kontrollieren, Experimente zu wiederholen und Wissenschaftler zu erleben, die ihre Ideen anpassen müssen. Auf diese Weise lädt der Podcast Kinder dazu ein, kritisch zuzuhören und selbst nachzudenken. Geeignet für einen regnerischen Nachmittag, aber auch für den Rücksitz auf dem Weg zu einem Museum.

Praktisch: Podcast „Möchten Sie sicher sein?“• kann über die üblichen Podcast-Apps gehört werden • ist durchgehend verfügbar • ab 7 Jahren • kostenlos.

Kunsträtsel im Fernsehen

Wer ist Banksy? Wer hat den berühmten Urinalbrunnen erfunden? Und warum erfand Joseph Beuys eine spektakuläre Geschichte über seine Kriegsvergangenheit? In der fünfteiligen Jugendserie „Investigation Art Mysteries“ machen sich die Filmemacher Martijn Blekendaal und Finbarr Wilbrink auf die Suche nach Antworten. Jede Folge dreht sich um ein ungelöstes Rätsel aus der modernen Kunst, berührt aber gleichzeitig auch größere Fragen zu Identität, Freundschaft, Ausgrenzung und dem Mut, man selbst zu sein. So wird Kunstgeschichte wie ein aufregender Detektiv erzählt.

Praktisch: Fernsehprogramm Investigation Art Mysteries • ZappDoc auf NPO 3 und NPO Start • ab dem 9. August über fünf Wochen, jeden Sonntag um 19.25 Uhr • ab 9 Jahren • kostenlos

Martine Gutierrez – Wunderkind

Wird ein Künstler geboren, oder ist er gemacht? Wird die Identität einer Person von Geburt an festgelegt, oder ist sie noch nicht entdeckt worden? Martine Gutierrez behandelt diese Fragen in der großen Einzelausstellung „Wunderkind“ und hebt die Bedeutung von Kreativität und Ausdruck hervor – Eigenschaften, die sie seit ihrer Kindheit zu der international gefeierten Künstlerin gemacht haben, die sie heute ist.

Identity ist eine Performance

Martine Gutierrez arbeitet als interdisziplinäre Künstlerin mit Fotografie, Video, Musik und Performance. Durch Selbstporträts und filmische Tableaus interpretiert sie das Identitätskonzept nicht nur als Material, sondern auch als Methode neu. Auf der 58. Biennale von Venedig erregte sie mit ihrer Serie gestaltwandelnder Selbstporträts die Aufmerksamkeit der internationalen Kunstwelt, in denen ihr Körper als Schauplatz für Transformation und Kritik dient. ‚Identität ist eine Performance‘, sagt sie: ‚Mit ein wenig Übung kann man so ziemlich alles sein.‘

Kindheit als ‚Schwelle zum Selbst‘

Martine sieht die Kindheit als die ‚Schwelle zum Selbst‘, und Kunst war ihr Medium in einer bewussten, kontinuierlichen Praxis der persönlichen Neuerfindung. Die Ausstellung Wunderkind besteht aus Puzzleteilen, die zusammen das Rätsel Martine bilden und dabei bisher unbekannte Kunstwerke aus ihrer Kindheit verwenden.

Martine wurde 1989 geboren und hat eine amerikanische Mutter sowie einen guatemaltekischen Vater. Schon in jungen Jahren spielte sie mit den Erwartungen, die durch Namen und körperliche Merkmale hervorgerufen werden. Sie wurde von anderen sowohl als männlich als auch weiblich angesehen und fügte ihrem Namen „Martín“ ein ‚e‘ hinzu, um Geschlechterstereotypen zu vermeiden. Ihre vielschichtige Identität und ihre ‚Stand-ins‘ in Selbstporträts sind eine Fortsetzung zwanghafter Verhaltensweisen aus ihrer Kindheit, in der Realität und Mythos sowohl austauschbar als auch untrennbar miteinander verbunden bleiben. Wunderkind lädt den Betrachter ein, in Martines Welt einzutreten – indem es ein Portal des Lebens in einer kontinuierlichen Performance schafft und die Grundlage einer künstlerischen Praxis aufdeckt, die in der kontinuierlichen Konstruktion und Dekonstruktion des Selbst verwurzelt ist.

Spielzeuge als Avatare

In Wunderkind sehen wir viele Spielzeuge – manchmal über Generationen weitergegeben und aus Martines Kindheit erhalten, manchmal von ihr selbst gefertigt –, die immer neue Erzählungen inspirieren, die sowohl persönlich als auch kollektiv sind. Für Kinder wie Martine, von denen erwartet wurde, sich an starre kulturelle Normen zu halten, wurden Spielzeuge zu Avataren. Diese Originalsammlungen greifen sowohl auf ihre Familienarchive als auch auf ihren multikulturellen Hintergrund zurück und ermöglichen es, Autobiografie mit Kunst zu verbinden.

Die Künstlerin und ihre Mutter

„Today’s Martine“ gehen noch einen Schritt weiter und spiegeln die Renaissance-Größen wider, mit denen sie bereits in ihrer Jugend verglichen wurde. Als Stellvertreterin für Leonardo Da Vinci malt sie ein Porträt von sich selbst als berühmte Mona Lisa. Und in Vitruvian Woman stellt sie den idealen männlichen Körper als ihren eigenen dar. In ihrer zeitgenössischen Neuinterpretation von Michelangelos Die Schöpfung Adams übernimmt Martine die Stelle von Adam und die ausreichende Hand von Martines Mutter die der Hand Gottes; Es ist ein intimer Dialog zwischen der Künstlerin und ihrem Schöpfer. 2025 erhielt Martine Gutierrez ein Guggenheim-Stipendium für ihre Arbeit an Wunderkind. Dieses lang erwartete neue Werk wird diesen Sommer erstmals im Huis Marseille zu sehen sein.

Nähere Informationen: Huis Marseille, Museum für Fotografie, Keizersgracht 401, Amsterdam, Telefon: +31 2053118989, E-Mail: info@huismarseille.nl, Internet: www.huismarseille.nl

Form und Heimat

Nationalismus ist die einflussreichste Ideologie der modernen Welt. Selbst diejenigen, die am King’s Day kein Orangen-Tompouce essen, wissen, was „typisch niederländische“ Direktheit oder Geselligkeit bedeutet. Und wer könnte sich eine Welt ohne Pässe, Grenzen und Staatsbürgerschaft vorstellen? Das Vaterland ist die höchste Autorität und kann alles von dir verlangen. Unsere Nationalität scheint völlig selbstverständlich, sogar steinfest. Aber das ist sie nicht.

Der Nationalstaat ist eine relativ neue Erfindung, bei der Design eine große Rolle spielt. Es ist nicht umsonst, dass nationale Banknoten und Regierungsgebäude als prestigeträchtige Entwurfsaufträge gelten. Die Autorität des Staates beruht auf gestalteten Symbolen und Ritualen: der Nationalflagge, der Nationalhymne, dem Staatswappen. In der Zwischenzeit sind die Bundesstaaten zu einer Art Marketingunternehmen geworden. Mit kommerziellen Kampagnen, Touristenattraktionen und sozialen Medien versuchen sie, ihr eigenes Stück unseres kollektiven Bewusstseins zu erobern. Unser Leben ist voller bekannter und weniger bekannter Designs, die uns daran erinnern, wo unsere Loyalitäten liegen sollten.

Die Ausstellung „Form und Vaterland“ untersucht erstmals die Beziehung zwischen Design und Nationalstaat. Was ist ein Staat, wer hat das Recht, einen Staat zu gründen, und welche Designs werden dafür benötigt? Wie wird etwas zu einem nationalen Symbol, und wer entscheidet darüber? Trotz ihres starren Rufs scheint die nationale Identität formbar und wandelbar zu sein. Nationale Symbole beanspruchen die Ewigkeit, werden aber in jeder Generation neu hinterfragt. Bis heute ist Nationalismus ein treibender Faktor in blutigen Eroberungskriegen und demokratischen Bewegungen für gleiche Rechte. Mit Flaggen, Modellen, Kostümen, Fotografien und Karten aus Dutzenden verschiedener Länder präsentiert „Form and Fatherland“ erstmals eine vergleichende Designgeschichte des Nationalstaates – die wichtigste Erfindung der modernen Zeit.

Nähere Informationen: Designmuseum Den Bosch, De Mortel 4, ´s-Hertogenbusch, Telefon: +31 736273680, E-Mail: info@designmuseum.nl, Internet: www.designmuseum.nl

Alter Schmerz

„Oud Zeer“ (Alter Schmerz) ist eine Initiative der Open Mind Foundation, der Burma Siam Railway Commemoration Foundation und der Pakan Baroe Railway (SHBSS), in Zusammenarbeit mit einer vielfältigen Gruppe eurasischer Niederländer, Niederländer (Totoks), Molukken, Chinesen aus Indonesien (Peranakan), Indoafrikaner und Papuas.

Die reisende Innen- und Außenausstellung Oud Zeer zeigt persönliche Geschichten von Menschen mit Wurzeln in Niederländisch-Ostindien/Indonesien. Durch Porträts und Familiengeschichten wird deutlich, wie Krieg, Migration, Identität und generationenübergreifende Auswirkungen immer noch eine Rolle im Leben vieler Niederländer spielen.

Damit reflektieren wir über eine gemeinsame Geschichte, die Jahrhunderte zurückreicht. Was einst als Handel zwischen den Niederlanden und Indonesien begann, entwickelte sich zu einem System der Dominanz und Ausbeutung. Ab 1816 wurden die Niederländisch-Ostindien offiziell eine Kolonie. Während des Zweiten Weltkriegs folgte die japanische Besatzung, und kurz darauf, von 1945 bis 1949, folgte ein gewaltsamer Entkolonisierungskrieg. Diese Phasen hinterließen auf beiden Seiten tiefe Narben.

Zwischen 1945 und 1968 verließen mehr als 300.000 Menschen die Niederländisch-Ostindien und Indonesien in Richtung Niederlande: Eurasische Niederländer, Niederländer (Totoks), Molukken, Chinesen aus Indonesien (Peranakan), Indoafrikaner und Papuas. Viele wurden gezwungen, ihre Häuser zu verlassen, trugen die Folgen von Krieg und Entwurzelung und kamen in ein Land, das oft kalt und fremd wirkte.

Geschichten lange Zeit ignoriert

Für Oud Zeer sprachen Familienmitglieder miteinander über ihre gemeinsame Geschichte. Die Ausstellung zeigt nicht nur Schmerz und generationenübergreifende Einflüsse, sondern auch Resilienz, Identität, Verbundenheit und die Kraft des weitergegebenen Erbes. Ab dem 15. August 2025 wird die Ausstellung Old Pain durch die Niederlande reisen.

Nähere Informationen: Atrium Den Haag, Spui 70, Den Haag, Telefon: +31 703533629, E-Mail: info@atriumcityhall.nl, Internet: http://www.atriumcityhall.nl