Bis zum 31. Oktober 2027 im Pei-Bau
Vor Kurzem wurde im Deutschen Historischen Museum (DHM) eine Ausstellung eröffnet, auf die sich der Museumsverein besonders freut. Sie stellt Objekte der historisch gewachsenen Sammlung ins Zentrum – und lädt dazu ein, Geschichte neu zu entdecken: als Bewegung durch Zeit und Raum. Ein Highlight für den Verein: Es sind drei „seiner“ Objekte zu sehen.
Das kunstvoll gravierte Straußenei mit Motiven aus Jan Huygen van Linschotens Itinerario haben Besucher vielleicht schon in der Ausstellung „Was ist Aufklärung?“ bewundert, wo es im Kontext der Wunderkammern gezeigt wurde. „Objekte. Geschichte. Geschichten“ betrachtet dieses außergewöhnliche Stück nun in der Tiefe und zeigt es gemeinsam mit van Linschotens Itinerario, die der Museumsverein 2024 finanziert hat. Gemeinsam veranschaulichen sie den Machtkampf im globalen Handel des 17. Jahrhunderts und dessen enge Verflechtung mit dem Kolonialismus der Frühen Neuzeit.
Erstmals ist nun der als „Gästebuch aus Glas“ bekannte Willkomm-Becher der Grafen von Oettingen in einer Ausstellung im DHM zu sehen. Das einzigartiges Zeugnis aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges eröffnet einen eindrucksvollen Blick auf die Spannungen jener Epoche. Seit dem Ankauf 2022 hat Sammlungsleiter und Kurator Dr. Wolfgang Cortjaens mit seinem Team zu diesem Kleinod geforscht. Das Ergebnis dieser Arbeit sehen die Besucher in einer Medienstation, die Personen, die den Willkomm-Becher signiert haben, und den Kontext ihres Besuches bei den Grafen von Oettingen beleuchtet.
Im ersten Teil der Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung” widmet sich der Kurator und Sammlungsleiter Angewandte Kunst und Grafik Wolfgang Cortjaens der Sammlung des DHM als solcher. Der Ausstellungsrundgang folgt fünf prägenden Epochen der wechselvollen Hausgeschichte zwischen 1883 und 2006: Als repräsentatives Waffenarsenal der preußischen Könige im frühen 18. Jahrhundert errichtet, befand sich ab 1883 die „Ruhmeshalle der brandenburgisch-preußischen Armee” im Zeughaus. Zu seiner weiteren Geschichte gehört im 20. Jahrhundert die Beanspruchung zunächst durch das nationalsozialistische Regime als Heeresmuseum und ab 1952 die Rolle als zentrales sozialistisches Geschichtsmuseum der DDR, dem Museum für deutsche Geschichte. Mit der Wiedervereinigung 1990 übernahm das drei Jahre zuvor in West-Berlin gegründete Deutsche Historische Museum das Zeughaus und seine Sammlungen.
Im zweiten Teil der Ausstellung rücken Orte, Schauplätze und Regionen in den Fokus. Ausgewählte Objektgeschichten erzählen von umkämpften Herrschaftsräumen, von globalem Handel, Kolonisierung und der Erschließung neuer Räume ebenso wie von verschwundenen Orten, von Grenzen, Flucht und Exil. Der Rundgang folgt dabei keiner strikten Chronologie, sondern stellt unterschiedliche Epochen in ein Spannungsverhältnis zueinander.
Ein kartografisches Leitsystem macht sichtbar, woher ausgewählte Objekte stammen und welche Wege sie im Laufe der Zeit zurückgelegt haben. Ergänzt wird diese visuelle Reise durch persönliche Einblicke: In Interviews kommen Zeitzeug:innen ebenso zu Wort wie Wissenschaftler:innen aus der Abteilung Sammlungen und eröffnen spannende Perspektiven auf die Geschichte hinter den Objekten.
Das Begleitprogramm – Objekt im Blick
Welche Geschichten erzählen die Objekte der Ausstellung – über sich, ihre Zeit und unsere Sammlung? An vier Terminen rückt das DHM eins der Objekte in den Fokus und folgt seinen Spuren.
1. Juli, 18.30 Uhr
Der osmanische Turbanhelm – Mit Deniz Erduman-Çalış, Aaron Jochim und Helen Pfeifer
5. August, 18.30 Uhr
Der Morgenrock der Königin Luise von Preußen – Mit Birte Förster und Julia Franke
2. September, 18.30 Uhr
Das „Lied der Deutschen“ – Mit Daniel Morat, Pamela M. Potter und Yvonne Wasserloos
7. Oktober, 18.30 Uhr
Die Ortenburg-Bibel – Mit Matthias Miller, Ursula Rautenberg und Stefan Wild
Speed Dating mit der Sammlung
Sechs Objekte in 60 Minuten: An vier Terminen lädt das Team der Ausstellung dazu ein, ausgewählten Objekten näherzukommen. Bei jedem Gong geht es weiter – doch am Ende bleibt Zeit, noch einmal genau hinzusehen.
8. Juli, 18.30 Uhr, mit Dorlis Blume, Projektleiterin, Martin Koch, Projektassistent, und Simon Sacha, Wissenschaftlicher Volontär
12. August, 18.30 Uhr, mit Wolfgang Cortjaens, Kurator, Martin Koch, Projektassistent, und Simon Sacha, Wissenschaftlicher Volontär
9. September, 18.30 Uhr, mit Dorlis Blume, Projektleiterin, Wolfgang Cortjaens, Kurator, und Simon Sacha, Wissenschaftlicher Volontär
14. Oktober, 18.30 Uhr, mit Dorlis Blume, Projektleiterin, Wolfgang Cortjaens, Kurator, und Martin Koch, Projektassistent
Publikation zur Ausstellung
Spielerische Allianzen. Bernsteinpolitik und höfische Kultur in der Frühen Neuzeit
Zwischen 1590 und 1620 entstanden im Umfeld des preußischen Hofes in Königsberg zahlreiche Brettspielkästen für Mühle, Schach und Tric Trac, die einen künstlerischen Höhepunkt der Bernsteinverarbeitung markieren. In diesem Band wird erstmals der Entstehungskontext der kostbaren Kunstkammerobjekte vor dem Hintergrund höfischer (Spiel-)Kultur und dynastischer Bündnispolitik untersucht.
Die Erwerbung einer Königsberger Brettspielkassette von 1607 durch das Deutsche Historische Museum gab 2021 den Anlass, diese kulturhistorisch signifikante Untergruppe der preußischen „Bernstein-Diplomatie“ interdisziplinär zu erforschen. Der Museumsverein hat diese Forschung unterstützt und die interdisziplinäre Tagung „Spielerische Allianzen. Staatskunst, Kriegskunst und Fortuna in der Frühen Neuzeit“, die am29. Februar und 1. März 2024 im DHM stattfand, finanziert.
Die 13 Beiträge des Bandes verbinden kunst-, kultur- und wirtschaftshistorische Perspektiven und machen den Ostseeraum als strategischen Brennpunkt der Zeit „um 1600“ greifbar.
Herausgegeben von: Fritz Backhaus, Wolfgang Cortjaens, Thomas Weißbrich, Berlin 2026, 256 Seiten, 100 Abbildungen, Deutscher Kunstverlag, ISBN 978-3-422-80427-2.
Nähere Informationen: Museumsverein des Deutschen Historischen Museums, Unter den Linden 2, 10117 Berlin, Telefon: +49 30 814535510, E-Mail: kontakt@dhm-museumsverein.de