Zwischen Nonkonformismus und Selbstbefragung – Von Thomas Gatzemeier

1985 war für mich ein Jahr zwischen Hoffnung und Resignation. Das Ausstellungsverbot hatte mich von der Öffentlichkeit abgeschnitten, die Ausbürgerung stand noch bevor. In dieser Zeit entstanden Bilder, die weniger Antworten geben als Fragen stellen – Fragen nach Freiheit, Würde und dem menschlichen Leib.

Mann im Käfig

Das wohl eindrücklichste und aussagekräftigste Gemälde dieses Jahres – im Jahr vor meiner Ausbürgerung aus der DDR – ist die Arbeit „Mann im Käfig“. Ist die „Sitzende“ – weiter hinten im Beitrag – wie auch andere Bilder dieser Zeit noch nah am menschlichen Leib, so beginnt sich dieser beim Mann im Käfig bereits aufzulösen. Die Figur geht einerseits in der Malerei auf, andererseits wird sie zu einer geschundenen, fleischlichen Masse. Der Leib verliert seine Konturen. Er scheint eingezwängt, deformiert und jeder Bewegung beraubt.

Der expressive Duktus verrät meine intensive Auseinandersetzung mit den deutschen Expressionisten. Ebenso beschäftigte ich mich damals mit Willem de Kooning und Francis Bacon. Beide zeigten mir, dass Malerei weit mehr sein kann als die Darstellung eines Menschen. Farbe und Pinselstrich vermögen innere Zustände unmittelbar sichtbar zu machen. Nicht das Abbild interessierte mich, sondern der Ausdruck. Der „Mann im Käfig“ wurde für mich zum Sinnbild der damaligen Situation.

Nach meinem Ausreiseantrag lebte ich mit dem Bewusstsein, dass jederzeit eine Verhaftung möglich sein konnte. Das Ausstellungsverbot, ständige Schikanen und eine völlige Ungewissheit bestimmten den Alltag. Der Käfig steht deshalb nicht nur für einen äußeren Ort. Er beschreibt ebenso einen seelischen Zustand.

Dennoch möchte ich eines anmerken: Starke Kunst entsteht selten im luftleeren Raum. Sie braucht Reibung, Widerstand und Erfahrungen, die nach bildhaftem Ausdruck verlangen. Innere und äußere Bedingungen verdichten sich zu Bildern. Rückblickend gehört „Mann im Käfig“ für mich zu den Arbeiten, in denen dies am unmittelbarsten sichtbar wird.

Licht im Keller

Das Gemälde „Licht im Keller“ besitzt einen ambivalenten Charakter. Einerseits sehen wir zwei nackte Figuren, deren Leiber schutzlos dem Blick des Betrachters ausgesetzt sind. Andererseits erinnert der kahle Kellerraum mit der grellen Lampe an eine Verhörsituation oder einen Ort, an dem Macht ausgeübt wird. Das Bild erzählt jedoch keine konkrete Geschichte. Es lässt Raum für eigene Assoziationen.

Das harte Licht der Lampe trifft die linke Figur beinahe schmerzhaft. Der Leib scheint sich unter der Helligkeit zu winden, als würde das Licht selbst zur Bedrohung werden. Die zweite Figur sitzt mit vor der Brust verschränkten Armen daneben und schaut zu. Sie greift nicht ein. Ob sie Beobachter, Zeuge oder selbst Gefangener ist, bleibt offen.

Mich interessierte damals weniger die Schilderung einer bestimmten Situation als die Atmosphäre. Ein einfacher Kellerraum genügte, um Gefühle von Unsicherheit, Ausgeliefertsein und Verletzlichkeit hervorzurufen. Gerade weil das Bild nichts eindeutig erklärt, entfaltet es seine Wirkung.

Rückblickend sehe ich in „Licht im Keller“ eine Arbeit, in der der menschliche Leib nicht mehr nur dargestellt wird. Er wird zum Träger einer seelischen Verfassung. Das Licht beleuchtet nicht nur die Figuren – es legt ihre Verletzlichkeit offen.

Antike Szene mit Krieger

Auch 1985 beschäftigte ich mich intensiv mit den antiken Mythen, insbesondere mit Homers Odyssee. Mich faszinierte, wie wenig sich der Mensch im Laufe der Jahrtausende verändert hat. Macht, Gewalt, Angst, Hoffnung und Überlebenswille begegnen uns bei Homer ebenso wie in unserer Gegenwart. Wer Geschichte ernst nimmt, erkennt darin weniger vergangene Zeiten als den Menschen selbst.

Die „Antike Szene mit Krieger“ erzählt deshalb keine Geschichte aus der Antike. Sie benutzt die Antike als Spiegel. Der Krieger könnte ebenso gut in Troja kämpfen wie in jeder anderen Epoche. Die Zeiten ändern sich, der Mensch erstaunlich wenig.

Auch hier taucht wieder das Gittermotiv auf. Es erscheint nicht mehr als Käfig, sondern als eine Struktur, die den Bildraum durchzieht und den Leib einengt. Rückblickend erkenne ich darin ein Motiv, das mich in dieser Zeit immer wieder beschäftigte. Wahrscheinlich war es weniger Absicht als Ausdruck meiner damaligen Lebenssituation.

Von heute aus betrachtet wirken viele Bilder des Jahres 1985 erstaunlich dunkel. Das wurde mir allerdings erst bewusst, als ich wenige Tage nach dem Zusammenbruch der zweiten deutschen Diktatur wieder durch die Städte im Osten fuhr. Plötzlich sah ich Farben, die ich jahrelang kaum wahrgenommen hatte. Das Grau des Alltags hatte sich unmerklich auch in meine Palette eingeschlichen.

Vielleicht erklärt das auch, weshalb sich manche Kunsthistoriker bis heute mit der ostdeutschen Malerei jener Jahre schwertun. Wer die Atmosphäre dieser Zeit nicht selbst erlebt hat, betrachtet die Bilder oft nur unter stilistischen oder politischen Gesichtspunkten. Dabei erzählen sie zunächst von einer existenziellen Erfahrung. Man muss sie nicht theoretisch sezieren. Es genügt manchmal, sie einfach anzuschauen.

Paar auf dem Bett

Neben der bedrückenden und oftmals bedrohlichen Lebenssituation jener Jahre ging das Leben natürlich weiter. Und zu diesem Leben gehörten auch Liebe, Erotik und Sinnlichkeit. Das Gemälde „Paar auf dem Bett“ zeigt zwei Menschen beim Liebesspiel. Doch es ging mir nie darum, eine intime Szene zu illustrieren. Mich interessierte vielmehr der menschliche Leib in seiner existenziellen Dimension.

Seit den ersten bildnerischen Darstellungen des Menschen gehört die Darstellung von Erotik selbstverständlich zur Kunst die „Venus von Willendorf“ ist wohl das bekannteste Beispiel aus der Steinzeit.

Auf griechischen Vasen, in römischen Fresken, in den Radierungen eines Rembrandt, den Akten eines Tizian oder später bei Egon Schiele und Pablo Picasso wird der Mensch nicht nur als schönes Wesen gezeigt, sondern als liebendes, begehrendes und verletzliches. Erotik war nie bloß ein Thema unter vielen. Sie gehört zum Menschsein.

Auch in diesem Bild lösen sich die beiden Leiber teilweise in der Malerei auf. Sie verschmelzen miteinander und werden zu einer gemeinsamen Form. Nicht der anatomisch richtige Körper interessiert mich, sondern das Sichtbarmachen einer Erfahrung. Der expressive Farbauftrag und die Überlagerung der Formen sollen das ausdrücken, was sich mit Worten kaum beschreiben lässt.

Wenn ich heute auf diese Arbeit schaue, fällt mir auf, wie selbstverständlich wir damals mit dem menschlichen Leib umgingen. Heute scheint mir der öffentliche Umgang widersprüchlicher geworden zu sein. Einerseits ist der Mensch überall präsent, andererseits wächst die Scheu vor seiner unverstellten Darstellung. Kunst gerät schnell unter Rechtfertigungsdruck. Der nackte Leib wird häufiger moralisch bewertet als künstlerisch betrachtet.

Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb der Mensch in meiner heutigen Malerei kaum noch vorkommt. Nicht weil mich der menschliche Leib nicht mehr interessiert, sondern weil sich der gesellschaftliche Blick auf ihn verändert hat. Eine offene Darstellung verlangt heute bisweilen mehr Rechtfertigung als noch vor vierzig Jahren. Diese Form der stillen Selbstzensur wollte ich für mich nicht akzeptieren. Stattdessen habe ich andere Bildwelten gefunden, in denen ich dieselben Fragen nach Verletzlichkeit, Vergänglichkeit und Schönheit weiterverfolgen kann.

Verbeugung

Auf die sinnliche Nähe des Gemäldes „Paar auf dem Bett“ folgt mit „Verbeugung“ beinahe zwangsläufig die andere Seite menschlicher Beziehungen. Liebe und Begehren gehören zum Leben, aber ebenso Enttäuschung, Trennung und der Wunsch nach Versöhnung.

Die beiden Figuren sind einander zugewandt und doch nicht miteinander verbunden. Die linke Gestalt wirkt verschlossen und abweisend. Die rechte Figur scheint sich weit nach vorn zu beugen, fast als bitte sie um Verzeihung oder darum, die zerbrochene Beziehung wieder aufnehmen zu dürfen. Ob diese Bitte erhört wird, bleibt offen. Gerade dieses Ungewisse verleiht dem Bild seine Spannung.

Mich interessierte nicht die Schilderung einer konkreten Geschichte. Es ging mir um einen Zustand, den wohl jeder Mensch kennt: den Augenblick, in dem Nähe plötzlich Distanz wird und Worte nicht mehr ausreichen. Dann spricht der Leib. Seine Haltung verrät mehr als jedes Gesicht.

Auch malerisch setzt sich hier fort, was bereits in den vorhergehenden Arbeiten manifest ist. Die Figuren beginnen ihre festen Konturen zu verlieren. Arme, Hände und Leiber verschränken sich mit dem Farbauftrag und gehen teilweise in der Malerei auf. Nicht die anatomische Richtigkeit stand im Vordergrund, sondern die Frage, wie sich eine seelische Erschütterung in Farbe und Form übersetzen lässt.

Rückblickend sehe ich „Verbeugung“ als ein Bild über Verletzlichkeit. Nicht die Trennung selbst wird dargestellt, sondern der Moment davor – jener kurze Augenblick, in dem noch Hoffnung besteht und doch bereits spürbar ist, dass sich zwei Menschen voneinander entfernen.

In der Manege

Natürlich war es riskant, sich mit den Machthabern der zweiten deutschen Diktatur anzulegen. Diese Erfahrung bildet den Hintergrund vieler Arbeiten aus dem Jahr 1985. Dennoch erzählen die Bilder keine politischen Geschichten. Sie handeln vom Menschen in Situationen der Unsicherheit und Bedrohung.

Das Gemälde „In der Manege“ zeigt einen Akrobaten, der mit einer maskenartigen Kopfbedeckung an einer frei schwebenden Schaukel hängt. Über ihm, am linken Bildrand, erscheinen lediglich die Füße einer weiteren Figur. Wer dieser Mensch ist, bleibt offen. Ist es ein Artist? Ein Dompteur? Ein Beobachter? Oder gar derjenige, der über das Schicksal des Akrobaten entscheidet?

Mich interessierte gerade diese Ungewissheit. Die Manege erscheint als Ort der Vorführung. Jeder ist sichtbar, jeder wird beobachtet, jeder kann abstürzen. Der Akrobat bewegt sich scheinbar frei durch den Raum und ist doch vollständig von den Gesetzen der Manege abhängig.

Auch die Maske verändert den Blick auf den Menschen. Sie verbirgt die Persönlichkeit und macht aus dem Individuum eine Figur, die stellvertretend für viele stehen könnte. Der menschliche Leib bleibt sichtbar, das Gesicht entzieht sich dagegen jeder eindeutigen Identifikation. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Spannung des Bildes.

Heute sehe ich „In der Manege“ weniger als ein Bild über politische Macht als über die Zerbrechlichkeit menschlicher Freiheit. Die Manege wird zum Sinnbild einer Welt, in der jeder seinen Platz kennt, beobachtet wird und jederzeit den Halt verlieren kann.

Der Affektierte

Heute begegnet man immer wieder Kunstwissenschaftlern, die das künstlerische Selbstbildnis kurzerhand in die Schublade des Selfies stecken. Das wirkt auf mich ungefähr so, als würde man Michelangelos David mit einer Schaufensterpuppe vergleichen. Beides stellt einen Menschen dar – mehr Gemeinsamkeiten gibt es kaum.

Seit Jahrhunderten gehört das Selbstbildnis zu den wichtigsten Aufgaben der Malerei. Rembrandt, Dürer, van Gogh, Käthe Kollwitz oder Francis Bacon nutzten den eigenen Leib nicht aus Eitelkeit, sondern als Gegenstand der Selbstbefragung. Das Selbstbildnis ist kein Blick in den Spiegel, sondern ein Blick nach innen.

In meinem Selbstbildnis „Der Affektierte“ stelle ich mir dieselben Fragen. Wer bin ich? Wie sehen mich andere? Und sehe ich mich selbst vielleicht ebenso? Die Hände tasten das Gesicht beinahe suchend ab. Sie wirken, als wollten sie eine Maske abnehmen oder prüfen, was hinter der eigenen Erscheinung verborgen liegt.

Der Titel ist bewusst doppeldeutig gewählt. Ist die dargestellte Figur tatsächlich affektiert? Oder ist es lediglich der Blick des Betrachters, der sie so wahrnimmt? Das Bild gibt darauf keine Antwort. Es lebt gerade von dieser Unsicherheit.

Rückblickend erkenne ich darin eine Arbeit, die weniger ein Porträt als eine Selbstuntersuchung ist. Der menschliche Leib wird zum Medium der Frage nach der eigenen Identität. Vielleicht gehört gerade diese Bereitschaft, sich selbst ebenso kritisch zu betrachten wie die Welt um sich herum, zum Wesen jeder ernsthaften Kunst.

Ein Paar

Ist es ein griechischer Gott, der die Frau umklammert und davonträgt? Oder sehen wir lediglich ein Paar in einer dramatischen Umarmung? Das Bild beantwortet diese Frage nicht. Es bewegt sich bewusst zwischen Mythos und Wirklichkeit.

Unwillkürlich denkt man an die großen Raubgeschichten der Kunstgeschichte. An den Raub der Sabinerinnen, an Europa und den Stier, an Persephone, an jene antiken Mythen, in denen Liebe, Macht, Gewalt und Schicksal untrennbar miteinander verbunden sind. Solche Motive beschäftigten Künstler über Jahrhunderte. Nicht weil sie Entführungen verherrlichten, sondern weil sie extreme menschliche Situationen sichtbar machten.

Auch mich interessierte damals weniger eine konkrete Geschichte als die Verdichtung einer existenziellen Erfahrung. Der menschliche Leib wird zum Ausdrucksträger von Kraft und Gegenkraft, von Nähe und Widerstand. Die beiden Figuren verschmelzen beinahe zu einer einzigen Form. Wer trägt wen? Wer hält fest? Wer befreit sich? Das bleibt offen.

Natürlich stellt sich auch die Frage, weshalb ein Maler überhaupt ein solches Motiv wählt. Geht es um den Mythos? Um die Erzählung? Ich glaube, eher nicht. Malerei lebt von Spannung. Sie braucht Gegensätze, Bewegung und Reibung. Harmonie allein ergibt selten ein starkes Bild. Erst dort, wo Kräfte aufeinanderstoßen, beginnt Malerei lebendig zu werden.

Vielleicht erklärt das auch, weshalb Künstler seit Jahrtausenden auf dieselben Themen zurückkommen. Nicht weil sie alte Geschichten nacherzählen möchten, sondern weil sich am Menschen wenig verändert hat. Liebe, Begehren, Verlust, Macht und Gewalt gehören zu den Konstanten unserer Existenz. Jede Generation findet dafür ihre eigene Bildsprache.

Sitzende

Nach den vielen Bildern voller Bedrohung, Unsicherheit, Erotik und Selbstbefragung erscheint die „Sitzende“ beinahe wie ein Ruhepol. Die Dramatik ist nicht verschwunden, sie hat lediglich ihre Gestalt verändert. Sie ist nach innen gewandert.

Die junge Frau sitzt zusammengesunken auf einem Stuhl. Sie verbirgt ihr Gesicht hinter den Armen. Ob sie schläft, nachdenkt oder verzweifelt ist, bleibt offen. Gerade diese Offenheit macht das Bild für mich bis heute interessant. Es erzählt keine Geschichte und verlangt keine eindeutige Deutung.

Mich beschäftigte damals weniger die Darstellung eines Modells als die Frage, wie sich eine innere Verfassung malerisch ausdrücken lässt. Der menschliche Leib spricht oft deutlicher als ein Gesicht. Die Haltung verrät Erschöpfung, Rückzug oder Nachdenklichkeit. Jeder Betrachter wird darin etwas anderes erkennen.

Rückblickend sehe ich in der „Sitzenden“ irgendwie einen Schlusspunkt dieser Werkgruppe die ich bisher hier vorgestellt habe. Viele der Themen des Jahres 1985 sind hier noch einmal gegenwärtig: die Konzentration auf den menschlichen Leib, die Reduktion auf das Wesentliche und die Suche nach einer Malerei, die nicht illustriert, sondern Erfahrungen sichtbar macht.

Vielleicht braucht jede Werkgruppe einen Moment der Ruhe. Nach den Käfigen, den Mythen, den Liebenden, den Kriegern und den Selbstbefragungen bleibt am Ende ein Mensch, der schweigt. Später werde ich weiter daran arbeiten. Denn auch das Schreiben ist eine Form der Selbstvergewisserung.

Als diese Bilder entstanden, wusste ich nicht, dass ich sie einmal als zusammenhängende Werkgruppe betrachten würde. Ich malte nicht für eine Ausstellung und schon gar nicht für den Kunstmarkt. Ich malte, weil ich gar nicht anders konnte. Vierzig Jahre später erkenne ich, dass all diese Arbeiten dieselben Fragen umkreisen: Freiheit und Begrenzung, Nähe und Distanz, Mythos und Wirklichkeit, vor allem aber den menschlichen Leib als Ausdrucksträger existenzieller Erfahrungen.

Der Nonkonformismus jener Jahre war für mich nie Selbstzweck. Er ergab sich aus dem Versuch, den eigenen Weg zu gehen und der Malerei treu zu bleiben. Vielleicht verbindet genau das diese Bilder bis heute – nicht ihre Entstehung in einer Diktatur, sondern ihre Weigerung, einfache Antworten zu geben. Später – im Westen – musste ich mich dann mit Kunst gegen Gewalt beschäftigen.

Zum Autor:

Am dunkelsten Tag des Jahres 1954 im sächsischen Döbeln geboren, wurde Thomas Gatzemeier ungefragt von einem katholischen Pfarrer getauft.

Als Kind buk er heimlich einen Kuchen, der als Brot gut ankam. Dieses scheinbare Missgeschick inspirierte ihn dazu, eine Ausbildung als Schrift- und Plakatmaler zu absolvieren, um Pinsel und Stift zu beherrschen. Er arbeitete anschließend auch als Steinmetzgehilfe und Grabsteindesigner. Nach dieser Grundausbildung studierte er Malerei und Grafik an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo Arno Rink und Volker Stelzmann zu seinen Lehrern zählten. 1980 beendete er sein Studium und ist seitdem als freier Künstler, Autor, Kunsthändler, Blogger und Freizeitkoch tätig.

Konflikte mit den Machthabern der SBZ und ein mehrjähriges Ausstellungsverbot bewegten ihn 1986 dazu, die SBZ zu verlassen. Danach lebte er vorwiegend in Karlsruhe, verbrachte aber auch längere Zeit in Zürich und nahe Worpswede. Von 2006 bis 2015 hatte er ein weiteres Atelier in Leipzig. Nach 34 Jahren Hauptwohnsitz in Karlsruhe verlegte der Wanderer zwischen den Welten im Februar 2020 seinen Wohnsitz endgültig nach Leipzig.

Nähere Informationen: Thomas Gatzemeier, Gottschallstraße 24, 04157 Leipzig, Telefon: 0172 610 25 35, E-Mail: info@thomas-gatzemeier.de

Vom Ausstellungsbanner zum Design Objekt

Museum Reinhard Ernst und die AMD Akademie Mode & Design in Wiesbaden kooperieren

Was geschieht mit dem Werbebanner, wenn eine Ausstellung endet? Anstatt das 9 x 9 Meter große Kunststoffbanner zu entsorgen, entschied sich das Museum Reinhard Ernst (mre) in Zusammenarbeit mit Studierenden der AMD für einen nachhaltigeren Weg: Sie entwarfen und realisierten eine passende Produktkollektion, die seit dem 23. Juni im Museum Reinhard Ernst präsentiert wird.

Das Werbemittel zeigte ein Detail des Gemäldes „Sea Level“ (1976) von Helen Frankenthaler und zierte zuvor eine Hausfassade an der Schwalbacher Straße. Eine Gruppe von zehn Studentinnen und Studenten des vierten und sechsten Semesters der Studiengänge Mode und Design sowie Mode und Designmanagement unter der Leitung von Prof. Ilona Kötter und Prof. Paula Knorr hat das Werbemittel neu interpretiert und wiederverwendet. Die Entwürfe spielen mit Frankenthalers fließenden Farbflächen und übersetzen ihre Malerei in zeitgemäße, nützliche Designs.

Nach einer Einführung in die Do’s und Dont’s bei der Produktentwicklung für das Sortiment eines Museumsshops, legten die Studentinnen und Studenten los. Jedes Produkt ist durch den individuellen Zuschnitt des Banners ein Unikat und wird in einer Kleinauflage produziert. Die Kollektion umfasst drei Produkte: eine Vase, eine versatil einsetzbare Tasche für Pinsel und Stifte sowie einen Schlüsselanhänger.

Ines Gutierrez, Leitung Shop und Digital Marketing beim mre: „Im Rahmen dieser Zusammenarbeit durften wir die Kunst Helen Frankenthalers und die DNA des Museums Reinhard Ernst an die Studentinnen und Studenten vermitteln. Es war richtig schön zu sehen, wie dieser Input in den Gestaltungsprozess eingeflossen ist. Wir sind begeistert von den kreativen Ansätzen und Entwürfen der Studierenden.“

Charlotte Kneupper, eine der am Projekt beteiligten Studentinnen, sagt: „Es ist eine wertvolle und spannende Erfahrung, den gesamten Weg vom ersten Entwurf bis hin zum fertigen Produkt begleiten zu dürfen. Das besondere an diesem Projekt ist es, viel auszuprobieren und zu experimentieren. Auch das gestalten einer gesamten Produktlinie und vieler Unikate, zeigt uns, wie komplex und vielfältig nachhaltiges Design sein kann.“

Nähere Informationen: Museum Reinhard Ernst, Wilhelmstraße 1, 65185 Wiesbaden, Telefon: +49 (0)611 76388880, E-Mail: info@museumre.de

Museum Küppersmühle für Moderne Kunst zeigt: Jaume Plensa – Invisible

Bis November zu sehen

Meine Arbeit will immer Brücken bauen, Fragen stellen, Schönheit in den Alltag der Menschen bringen; Verbindungen zwischen Menschen schaffen, ohne dass Hautfarbe, Ideologie, Religion oder Geographie eine Rolle spielen“ – Jaume Plensa

Jaume Plensa findet seine Modelle auf der ganzen Welt. Im Zentrum seines Schaffens steht dabei der Mensch – insbesondere die weibliche Figur. Die Ausstellung bringt rund 50 eindrucksvolle Frauenporträts ins MKM und eröffnet einen faszinierenden Einblick in das Werk eines Künstlers, dessen Arbeiten Menschen weltweit berühren. International bekannt wurde Plensa durch seine monumentalen Arbeiten im öffentlichen Raum, die seit mehr als zwei Jahrzehnten auf allen Kontinenten zu sehen sind. Zu seinen jüngsten Höhepunkten zählt das Project „Secret Garden“, das im Sommer 2025 anlässlich der Salzburger Festspiele auf dem Residenzplatz in Salzburg präsentiert wurde. In Deutschland realisierte er unter anderem die Großskulpturen „Laurelle“ (2024) in Bonn Bad-Godesberg, „Body of Knowledge“ (2010) in Frankfurt am Main und „Gläserne Seele“ (2000) in Potsdam. Heute gilt Jaume Plensa als einer der bedeutendsten universellen Künstler der Gegenwart. Bereits vor dem Museum empfängt die Besucherinnen und Besucher des Museums die monumentale Skulptur „Flora“ (2021). Ein weiterer Höhepunkt erwartet sie im Siloraum mit „Invisible Anna“ (2018): Ein großer transparenter Kopf aus Edelstahlstäben entfaltet hier eine ebenso kraftvolle wie poetische Präsenz und beherrscht den Raum mit seiner stillen Ausstrahlung.

Jeder Mensch ist ein ‚Ort‘. Jede Frau, jeder Mann, jedes Kind, jeder ältere Mensch ist ein bewohnbarer Raum, bewegt und sich entfaltend; ein ‚Ort‘ in der Zeit, in der Geographie, in Volumen und in Farbe.“

Ganze Städte gebaut aus Körpern, die sich wie Türen öffnen und schließen. Flackernde Lichter. Immer wenn ein Mensch stirbt, schließt sich ein Haus und ein ‚Ort‘ geht verloren. Meine Arbeit ist ihr Gedächtnis. Die eingefrorene Fixierung so vieler, vieler Körper, die sich entfalten und in der Flüchtigkeit des Lichts verschwinden.“

Mein Werk ist ihre Verkörperung.“ – Jaume Plensa

Die Werke Plensas sind gleichermaßen rätselhaft wie inspirierend. Sie laden zur Kontemplation über Identität, Schönheit, Vergänglichkeit und menschliche Verbundenheit ein. Der Schriftsteller Clemens J. Setz fasst die Wirkung der Arbeiten in seinem Essay für die begleitende Publikation prägnant zusammen: „Vor ihnen stehend, bleiben wir allein mit uns selbst, und das nicht eingeschüchtert oder unerfüllt, sondern beschenkt und eigentümlich erhöht.“

Anlässlich der Ausstellung erscheint eine großformatige Publikation im Wienand Verlag mit Ausstellungsansichten, einem Gespräch zwischen Walter Smerling und Jaume Plensa sowie einem Essay von Clemens J. Setz.

Nähere Informationen: Museum für moderne Kunst Küppersmühle, Philosophenweg 55, 47051 Duisburg, Telefon 0203 30194811, E- Mails: kasse@museum-kueppersmuehle.de (für Kasse und Information), buchung@museum-kueppersmuehle.de (für Buchung von Führungen und Workshops) und office@museum-kueppersmuehle.de (für Stornierungen und Fragen zu Tickets), Internet: www.museum-kueppersmuehle.de. Geöffnet ist von Freitag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr.

Die Bedeutung der Kopie in der Kunst (Von Thomas Gatzemeier)

Was uns das Gotische Haus in Wörlitz über Originale und Erinnerung lehrt

Als ich das gotische Haus im Wörlitzer Park betrat, war dies eine Überraschung, denn die Bedeutung der Kopie in der Kunst wurde mir bei diesem Besuch klar.

Natürlich war ich von der Fülle der Kunst überrascht, die hier versammelt war. Jedoch hing zwischen den Gemälden von Lucas Cranach, dessen Reformatorenporträts und diversen Fürstenbildnissen auch eine großformatige schwarz-weiße Reproduktion des Dessauer Fürstenaltars. Das Original befindet sich längst in der Anhaltischen Gemäldegalerie im Georgium. Ich berichtete darüber. Dennoch hat man seinen verwaisten Platz im gotischen Haus nicht leer gelassen.

Für den modernen Museumsbesucher wirkt dies zunächst befremdlich. Weshalb zeigt man in einer bedeutenden Kunstsammlung eine Reproduktion? Wäre es nicht ehrlicher, die Lücke sichtbar zu machen oder mit anderem „Kunstmaterial“ aus- und aufzufüllen? Die Frage verrät bereits, wie sehr sich unser Blick auf Kunst verändert hat.

Die Kopie als Lehrmeister und die Bedeutung der Kopie in der Kunst

Heute gilt das Original nahezu als heilig. Museen werben mit ihm, Sammler bezahlen Millionen dafür, und ganze Industrien leben von seiner Aura. Die Kopie hingegen erscheint vielen als minderwertiger Ersatz.

Über Jahrhunderte dachte man anders. Die europäische Kunstgeschichte wäre ohne Kopien kaum denkbar. Junge Künstler lernten ihr Handwerk durch das Kopieren großer Vorbilder. Raffael studierte Leonardo, Rubens studierte Tizian, Generationen von Akademieschülern zeichneten nach antiken Skulpturen und alten Meistern. Die Kopie war kein Zeichen mangelnder Kreativität, sondern ein Weg zur Erkenntnis. Diese ist uns heute augenscheinlich abhandengekommen und durch – oft minderwertige Authentizität – ersetzt wurden. Man kopierte nicht, weil man nichts Eigenes zu sagen hatte. Man kopierte, um zu verstehen.

Die Kopie existiert neben dem Original fast gleichberechtigt

Genau in diesem Geist entstand die Kunstsammlung des gotischen Hauses. Fürst Franz von Anhalt-Dessau schuf hier keine Schatzkammer für den Kunstmarkt. Er sammelte Geschichte. Über vierzig Jahre trug er Gemälde, Glasmalereien, Bildnisse und historische Fragmente zusammen, um seinen Besuchern die Entwicklung europäischer Kultur vor Augen zu führen. Dabei spielte die Frage nach dem Original nicht immer die entscheidende Rolle.

In den Räumen begegnet man qualitätvollen Kopien nach Anton van Dyck ebenso wie Originalen aus der Werkstatt Lucas Cranachs. Ein Porträt Kaiser Karls V. konnte seinen historischen Bildungsauftrag auch dann erfüllen, wenn es nicht unmittelbar von der Hand des berühmten Meisters stammte. Entscheidend war die Geschichte, die das Bild erzählte. Fürst Franz sammelte daher nicht allein Kunstwerke. Er sammelte historische Zusammenhänge.

Der Dessauer Fürstenaltar

Besonders deutlich wird dies am Dessauer Fürstenaltar von Lucas Cranach dem Älteren. Das Werk gehört zu den bedeutendsten Zeugnissen der Reformationszeit in Anhalt. Heute befindet sich das Original in der Anhaltischen Gemäldegalerie. Im Gotischen Haus erinnert eine Reproduktion an seinen einstigen Platz innerhalb der Sammlung.

Gerade diese Reproduktion besitzt eine tiefere Bedeutung. Sie verweist darauf, dass nicht nur das einzelne Kunstwerk wichtig ist, sondern auch der Ort, an dem es gezeigt wurde.

Das gotische Haus ist mehr als eine Ansammlung wertvoller Objekte. Die Räume selbst sind Teil des Kunstwerks. Fürst Franz entwickelte eine sorgfältig durchdachte Hängung, in der Cranachs, Reformatorenbilder, Herrscherporträts und historische Erinnerungsstücke miteinander kommunizieren. Entfernt man ein Werk vollständig, geht ein Teil dieser Erzählung verloren. Also ist die Bedeutung der Kopie in der Kunst auch ein Akt der Erinnerung. Die Reproduktion bewahrt deshalb nicht allein das Bild. Sie bewahrt einen Gedanken.

Die Erfindung des Originals

Vielleicht würde Fürst Franz unsere heutige Kunstwelt sogar mit Verwunderung betrachten. Der moderne Kunstmarkt verehrt das Original wie eine Reliquie. Sein Wert bemisst sich häufig weniger nach seiner Aussage als nach seiner Einzigartigkeit. Der Name des Künstlers wird wichtiger als die Geschichte des Bildes. Nicht selten erzielt ein Werk Millionenbeträge, während seine inhaltliche sowie künstlerische Bedeutung kaum noch diskutiert wird.

Im 18. Jahrhundert stand dagegen oft eine andere Frage im Mittelpunkt: Was können wir aus diesem Werk lernen und genügt es den künstlerischen Ansprüchen?

Die Sammlung des gotischen Hauses entstand in einer Zeit der Aufklärung. Bildung galt als Voraussetzung einer freien Gesellschaft. Kunst sollte nicht überwältigen, sondern Erkenntnis ermöglichen.

Vielleicht erklärt dies auch den Unterschied zwischen Wörlitz und vielen heutigen Prestigeprojekten. Der Wörlitzer Park entstand noch in einer Epoche, in der Herrschaft wenigstens den Anspruch erhob, sich durch Bildung, Landschaftskunst und geistige Offenheit zu legitimieren. Betrachtet man dagegen die ästhetischen Sehnsüchte heutiger Oligarchen und Potentaten, ahnt man nichts Gutes.

Wahrscheinlich entstünden überwachte Luxusfestungen, monumentale Zufahrten und jene peinlich-theatralischen Triumphbögen, für die selbst Donald Trump eine Schwäche zu besitzen scheint. Wörlitz dagegen wollte nicht überwältigen, sondern verfeinern.

Ohne Kopien wäre Kultur verloren

Die schwarz-weiße Wiedergabe des Dessauer Fürstenaltars erinnert deshalb an etwas, das heute fast vergessen scheint. Kultur entsteht nicht allein durch Originale. Sie entsteht durch Überlieferung, Erinnerung und Weitergabe. Bibliotheken bewahren Abschriften. Museen zeigen Reproduktionen. Kunsthistoriker arbeiten mit Fotografien. Studenten lernen an Nachbildungen. Selbst unser Wissen über viele verlorene Werke verdanken wir alten Kopien. Die Kopie war daher über Jahrhunderte kein Makel. Sie war ein Werkzeug der Bildung.

Vielleicht ist die Bedeutung der Kopie in der Kunst die eigentliche Botschaft des gotischen Hauses. Zwischen Cranachs, Fürstenporträts und Glasgemälden erzählt die Sammlung nicht nur von der Geschichte Europas. Sie erinnert zugleich daran, dass Erkenntnis wichtiger sein kann als Besitz und dass der Wert eines Kunstwerks nicht immer dort beginnt, wo sein Marktpreis endet.

Zum Autor:

Am dunkelsten Tag des Jahres 1954 im sächsischen Döbeln geboren, wurde Thomas Gatzemeier ungefragt von einem katholischen Pfarrer getauft.

Als Kind buk er heimlich einen Kuchen, der als Brot gut ankam. Dieses scheinbare Missgeschick inspirierte ihn dazu, eine Ausbildung als Schrift- und Plakatmaler zu absolvieren, um Pinsel und Stift zu beherrschen. Er arbeitete anschließend auch als Steinmetzgehilfe und Grabsteindesigner. Nach dieser Grundausbildung studierte er Malerei und Grafik an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo Arno Rink und Volker Stelzmann zu seinen Lehrern zählten. 1980 beendete er sein Studium und ist seitdem als freier Künstler, Autor, Kunsthändler, Blogger und Freizeitkoch tätig.

Konflikte mit den Machthabern der SBZ und ein mehrjähriges Ausstellungsverbot bewegten ihn 1986 dazu, die SBZ zu verlassen. Danach lebte er vorwiegend in Karlsruhe, verbrachte aber auch längere Zeit in Zürich und nahe Worpswede. Von 2006 bis 2015 hatte er ein weiteres Atelier in Leipzig. Nach 34 Jahren Hauptwohnsitz in Karlsruhe verlegte der Wanderer zwischen den Welten im Februar 2020 seinen Wohnsitz endgültig nach Leipzig.

Nähere Informationen: Thomas Gatzemeier, Gottschallstraße 24, 04157 Leipzig, Telefon: 0172 610 25 35, E-Mail: info@thomas-gatzemeier.de

Neues aus der Welt der Kunst in den Niederlanden

In der neuen Ausgabe der Museumstijdschrift findet der Leser oder die Leserin viele Tipps über Kunstausstellungen in den Niederlanden und manches mehr aus der Welt der Kunst. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Sommerreihe von Freilichtausstellungen – Lustwarande in Tilburg (Von Edo Dijksterhuis)

In der Oude Warande, dem barocken Sternenwald von Tilburg, verlockt die Jubiläumsausgabe von Lustwarande die Besucher, sich mit dem Grün des barocken Jagdparks zu identifizieren. Mit einem ertrunkenen Buchenbeet, Baumbondage, Baumumarmungen und Skulpturen aus Abfallmaterial stellt die Ausstellung Menschen, Technologie und Natur gegenüber. Die Vorstellung, dass wir uns technologisch aus der Klimakrise herausarbeiten können, erhält hier eine ‚Rückkehr zur Natur-Erwiderung‘ – ohne menschliche Einfallsreichtum völlig abzuschreiben.

Wir bemerkten Anfang 2024 die Folgen des Klimawandels, als es in Europa extrem stark regnete, Flüsse über ihre Ufer traten und ganze Landflächen weggespült wurden. Auch die Oude Warande in Tilburg blieb nicht unversehrt. Ein großes Buchenfeld wurde überflutet, und da die Gemeinde keine Entwässerungsmaßnahmen ergriff, ertranken die Bäume. Das Gefühl war unvermeidlich. Im jahrhundertealten Park wurde ein hässliches Loch angelegt, und es wird mindestens ein Jahrhundert dauern, bis die neue Bepflanzung wieder dem Standard entspricht.

Als Ugo Rondinone (1964) die Landschaftsnarbe sah, zog er sofort seinen ursprünglichen Beitrag zu Lustwarande zurück. Statt einer Bildhauergruppe entwarf er eine einzelne, aber viel größere Skulptur. White Blue Monk (2021) besteht aus zwei übermalten bronzenen Felsbrocken. Auf dem unteren Block in Mary-Blau wurde ein kleinerer, weißer, runder Block angebracht. Mit diesen einfachen Mitteln entsteht eine abstrakte Figur, die ihre Arme ausstreckt – als Segen oder als beschwörende Geste. Rondinones Mönch steht mitten in der Trauer um die entwurzelte Buche als eine Art Schutzpatron oder spiritueller Hüter der Natur. Aber auch als Maskottchen von Lustwarande, an dem er zum fünften Mal teilnimmt.

Zero-Waste-Künstler

Outdoor-Kunstveranstaltungen finden oft an wunderbaren Orten statt, aber Lustwarande schlägt den Jackpot an. Die Oude Warande in Tilburg wurde zwischen 1712 und 1715 angelegt und gilt als der am besten erhaltene barocke Sternwald der Niederlande. Nach der damaligen Gartenmode sollten Statuen und Follies das labyrinthartige Wegesystem vervollständigen, aber dazu kam es nie. Der Auftraggeber, Prinz Wilhelm von Hessen-Kassel, zog um und ließ sein geistiges Kind unvollendet zurück. Dies änderte sich schließlich im Jahr 2000, als die Organisatoren von Lustwarande doch Statuen aufstellten.Lustwarande sollte ein Einzelstück sein, war aber so erfolgreich, dass die internationale Skulpturen-Manifestation zu einem wiederkehrenden Ereignis wurde. Und trotz der Streichung der Subvention – durch dieselbe Gemeinde, die die Buchen ertränkt hat – wird nun das 25-jährige Jubiläum gefeiert.

In den frühen Ausgaben – mit Werken von Berlinde De Bruyckere, Franz West und Anish Kapoor – diente der Park als herrliche Kulisse für erstklassige Arbeiten. Allmählich gibt es mehr Wechselwirkung zwischen Kunst und Kontext, besonders in dieser Ausgabe. Der Titel „Material Worlds“ bezieht sich auf die erneuerte Wertschätzung für das Greifbare und Authentische in diesem Zeitalter virtueller Zoom-Meetings und 3D-Drucke. Aber vor allem geht es um unsere Beziehung zur Natur, die das Material für Kunstwerke liefert und manchmal einen hohen Preis dafür zahlt.

Chloé Royer (1989) stellt treffend die erstickende Beziehung zwischen Mensch und Natur mit ihren Metallringen dar, die wie eine Form von Fesselung um Stämme hängen. Su Melo (1976) versucht, die Beziehung zu ihren Tree Huggers wiederherzustellen, indem sie Keramikhauben an Bäume hängt, in die man den Kopf stecken kann, während man liebevoll die Arme um den Stamm legt. Und die Arbeit von Jan Eric Visser (1962) ist vollkommen naturfreundlich. Der ‚Zero-Waste-Künstler‘ verwendet für seine Skulpturen nie neues Material, sondern stellt alles aus recyceltem Abfall her. Wie das weggeworfene Plastikmüll, das er aus dem Verbrennungsofen bewahrte und als Ode an die Zirkularität in eine Gruppe gewundener Skulpturen verwandelte.

Beweis für Einfallsreichtum

Mit wenigen Ausnahmen – wie den eulenartigen Köpfen von Nicole Eisenman (1965) und den Salzanemonen von Meri Karapetyan (1998) – dominiert eine abstrakte visuelle Sprache, die die Fähigkeit zur Assoziation schön fördert. Zum Beispiel erinnern die massiven Aluminiumskulpturen von Katleen Vinck (1976) an maßstabsgetreue Raumschiffmodelle. Und Phyllida Barlow (1944–2023) scheint ein Kaninchen zwischen gestapelten Klavieren zerquetscht zu haben.

Viel organischer sind die eingeengten Stücke, die Patricia Ayres (1975) hoch oben im Baum aufgehängt hat. Oder der Baum von Kokou Ferdinand Makouvia (1989), der einem mutierten Dickdarm ähnelt, dessen Bänder in den umliegenden Wald führen. Diese Werke sind eine Antwort auf die Cyborg-Philosophie der 1990er Jahre. Damals zeigte die Fusion mit Technologie den Weg in eine posthumane Zukunft. Heute unterordnen Künstler die Technologie dem organischen Leben, mit einem tiefen Glauben an die widerstandsfähige Natur, die uns Menschen und unsere Erfindungen überdauern wird.

Aber schreiben Sie Menschen nicht komplett ab. Bosco Sodi (1970) experimentierte mit Ton, Sand, Wasser und verschiedenen Brennstoffen, bis er Keramikblöcke einer Größe herstellen konnte, die laut physikalischen Gesetzen nicht vollständig aus dem Ofen zu entfernen ist. Zu Säulen gestapelt, stehen sie in der Nähe von Rondinones Mönch auf dem Buchenfriedhof, als Beweis für die Einfallsreichtum, mit der wir hoffentlich auch das Chaos beseitigen können, das wir uns selbst angerichtet haben.

Nähere Informationen: Lustwarande, Park de Oude Warande, Bredaseweg 441, Tilburg, Telefon: +31 013545757, E-Mail: info@lustwarande.org, Internet: http://www.lustwarande.org

Sondi gewinnt die Jubiläumsausgabe des Volkskrant Kunstpreises

Die Künstlerin Sondi, Künstlername Sondi Rumohr, hat den Volkskrant Kunstpreis 2026 gewonnen. Die Juryvorsitzende Ingrid van Engelshoven gab den Gewinner im Monopole, dem neuen Kunstraum des Stedelijk Museum Schiedam, bekannt. Die Jury lobt Sondi für „ein Werk, das sowohl persönlich als auch politisch Anklang findet“.

Der Volkskrant Kunstpreis feiert in diesem Jahr sein zwanzigjähriges Jubiläum und ehrt talentierte Künstler bis zum Alter von 35 Jahren, die in den Niederlanden leben oder arbeiten. Der Jurypreis beträgt 10.000 Euro. Neben Sondi (1994) wurden afra eisma (1993), Levi van Gelder (1995) und Malik Saïb-Mezghiche (1993) nominiert.

Laut Jury gelingt es Sondis Werk, persönliche Verletzlichkeit mit breiteren sozialen Themen zu verbinden. Im Jurybericht wird ihr Werk als dringend und nachdenklich beschrieben. „In einer Zeit, in der Gewalt allgegenwärtig scheint, findet dieser Künstler Raum für Verletzlichkeit, Vorstellungskraft und Hoffnung“, sagte die Jury. Er sieht „großes Potenzial“ in Sondi und erwartet, dass sie sich in den kommenden Jahren zu einer wichtigen Stimme der zeitgenössischen Kunst entwickelt.

Stereotypisierung in Spielen

In der Ausstellung „Volkskrant Visual Art Prize 2026“ präsentiert Sondi die multimediale Installation „Play Pretend“. Darin untersucht sie, wie der Körper unter anderem durch Bilder, Projektionen und Stereotype aus der Spielwelt geformt wird. Die Jury lobt die Art und Weise, wie Unbehagen und Sanftheit in ihrem Werk koexistieren. „Die harte und konfrontative Realität rassistischer Stereotype und Gewalt fließt auf bewegende Weise in traumhafte Bilder von Frieden und Ruhe über“, heißt es im Jurybericht.

Anne de Haij, Direktorin des Stedelijk Museum Schiedam und Monopole, bezeichnet Sondis Arbeit als aktuell und hoffnungsvoll. „Sondi spricht darüber, dass schwarze Spielcharaktere sehr stereotyp sind und welche Vorurteile das bei den Spielern hervorrufen kann. Anschließend verleiht sie dem Ganzen ihre eigene positive Note in ihrer Arbeit. Wir brauchen dringend so inspirierende und hoffnungsvolle Botschaften durch Kunst.“

Die Ausstellung mit Werken der vier Nominierten ist bis zum 2. August im Monopole in Schiedam zu sehen. Besucher können bis zum 12. Juli für ihren Lieblingskünstler abstimmen. Zusätzlich zum Jurypreis wird auch ein Publikumspreis von 2500 Euro vergeben. Beide Preise werden vom Schiedam De Groot Fund bereitgestellt.

Magie erwacht zum Leben in der Kunsthal KAdE

Man hört es, bevor man es sieht: Im ersten Raum von „Mundo Mágico“ begrüßt die Kunsthal KAdE Besucher mit beruhigender, meditativer Musik – ein völlig anderes Erlebnis als das geschäftige Treiben des Eemplein vor den Türen der Kunsthal. Der Titel bedeutet magische Welt, und die Ausstellung hält dieses Versprechen ein. Jeder Raum ist einem anderen Künstler gewidmet; Optisch variiert ihre Arbeit stark. Das magische Element kehrt immer wieder zurück: In Farbe, Material und Thema rufen die Werke jedes Mal eine andere Welt hervor.

Die Arbeit von Julien Creuzet (1986) sollte man nicht verpassen. Ganz am Anfang blickt man auf die Haupthalle, wo man später landet. Da sind seine Multimedia-Skulpturen. Die fließenden Formen lassen die Bilder scheinbar bewegen, als würden sie zur Musik tanzen. Der gesamte Raum ist der Bewegung gewidmet: Bildschirme zeigen flüssige Animationen, die zusammen mit Bildern und Ton ein Ganzes bilden.

Im Obergeschoss teilt „Green Clouds“(2021) von Daniel Steegmann Mangrané (*1977) einen der Räume in zwei Teile. Das Werk besteht aus einem Vorhang aus Metallketten, durch die man hindurchgeht, um voranzukommen. Das wirkt in einem Museum etwas unangenehm, aber die Platzierung macht deutlich, dass Berührung hier Teil des Kunstwerks ist. Der Besucher betrachtet nicht nur die magische Welt, sondern bewegt sich buchstäblich durch sie.

Nähere Informationen: Kunsthal KAdE, Eemhuis, Eemplein 77, Amersfort, Telefon +31 334225030, E-Mail: info@kunsthalkade.nl, Internet: www.kunsthalkade.nl

Gewinnspiel: Tickets für das Abendprogramm mit Carlijn Kingma

Die Museumstijdschrift kann 2×2 Tickets (Einsendeschluss 27. Juni) für das Abendprogramm rund um die Ausstellung „Carlijn Kingma – Die Maschinerie des öffentlichen Wohnungsbaus“ im Museum Singer Laren vergeben.

Am Mittwoch, 1. Juli, führen der Künstler Carlijn Kingma und der investigative Journalist Thomas Bollen durch „The Machinery of Public Housing“, Kingmas monumentale Zeichnung über das System hinter der Wohnungskrise. Im Theatersaaldes Museumswird der Wohnungsmarkt Schritt für Schritt analysiert: von politischen Entscheidungen und Geldflüssen bis hin zu den Konsequenzen auf der Straße.

Wohnen ist eine grundlegende Lebensnotwendigkeit, aber für viele Menschen ist bezahlbarer Wohnraum unerreichbar. Laut Kingma und Bollen ist die Wohnungskrise kein Zufall, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen und finanzieller Mechanismen. Am Abend zeigen sie, wie die Maschine funktioniert, wo sie stecken bleibt und welche Knöpfe gedreht werden können. Der Abend entspricht genau der gleichnamigen Ausstellung, die ab dem 30. Juni in der Singer Laren zu sehen ist.

Neben Kingma und Bollen gehören zu den Gästen Maaike Schoon, Autorin von „Why You Can’t Afford a House“, und Edwin Buitelaar, Professor für Land- und Immobilienentwicklung. Weitere Redner werden später bekannt gegeben. Der Abend wird in Zusammenarbeit mit Follow the Money organisiert.

Das Abendprogramm findet am Mittwoch, 1. Juli, im Museum Singer Laren statt. Der Theatersaal ist ab 19.30 Uhr geöffnet; Das Programm dauert von 20 bis 21.30 Uhr. Anschließend gibt es die Möglichkeit, die Ausstellung bis 22.30 Uhr zu besuchen.

Das Museumsmagazin sprach mit Carlijn Kingma über ihre Arbeitsweise, die Entstehung von „The Machinery of Public Housing“ und die Art und Weise, wie sie komplexe Systeme in Bilder übersetzt. Das vollständige Interview erscheint am 24. Juni in der Museumtijdschrift, dem digitalen Magazin in der App.

Nähere Informationen: Museum Singer Laren, Oude Drift 1, 1251 BS Laren, Telefon: (035) 5393939, E-Mail: museum@singerlaren.nl

Neue Generation – Leidenschaft für Keramik

In der Ausstellung „Neue Generation – Leidenschaft für Keramik“ werden die Besucherinnen und Besucher mit der überraschenden und vielseitigen Arbeit einer neuen Generation internationaler Keramiker vertraut gemacht. Was treibt diese jungen Macher an? Woher nehmen sie ihre Inspiration, wer hat ihnen den Beruf beigebracht und welche Träume wollen sie verwirklichen? Zu entdecken sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Keramikern aus verschiedenen Ländern und das Publikum kann sich von ihrer innovativen Sicht und Leidenschaft für Keramik überraschen lassen. Die Ausstellung ist bis 6. Dezember im Keramikzentrum Tiendschuur zu sehen.

Die Skulpturen von Ioana Tămaș (RO/NL) spiegeln emotionale Metamorphosen durch amythische Ästhetik wider. Die Betrachter sind eingeladen, zu entdecken, was die Formen persönlich in ihnen hervorrufen. Ein wiederkehrendes Element in den Skulpturen sind die spitzen Beine, die an Wurzeln erinnern – Symbole für Wachstum, Reichen und die Suche nach Stabilität. Darüber hinaus werden oft lithografische Techniken verwendet, um Muster oder Porträts hinzuzufügen.

Nähere Informationen: Keramikzentrum Tiendschur, Kasteellaan 8, Tegelen, Telefon: +31 773260213, E-Mail: info@tiendschuur.net, Internet: www.tiendschuur.net

Bitte berühren

Silber stimuliert die Sinne in der neuen Ausstellung „Please Touch“. In ihr schärft das Niederländische Silbermuseum das Bewusstsein für eine uralte Museumsregel: „Nicht anfassen“. Während Museen heutzutage fast alle ihre Objekte hinter Glas schützen, lädt „Please Touch“ Besucherinnen und Besucher in manchen Fällen ein, die Werke zu berühren.

Nähere Informationen: Niederländisches Silbermuseum, Kazerneplein 4, Schoonhoven, Telefon: +31 182385612, E-Mail: info@zilvermuseum.nl, Internet: www.zilvermuseum.nl

Doppelausstellung „Embroidery in Motion“ und „Who gave you wings?“

Die Ausstellung „Embroidery in Motion“ spiegelt die wunderbaren Möglichkeiten der Stickerei wider. Das Museum de Kantfabriek zeigt zusammen mit Mitgliedern von SteekPlus, einer nationalen Gruppe von Textilkünstlern, alle möglichen Facetten der Stickerei, von funktionaler und traditioneller bis hin zu zeitgenössischer Arbeit.

Wer hat dir Flügel gegeben?

„Wer hat dir Flügel gegeben?“ ist eine besondere Installation von Nellie de Mulder. Eine Kiste voller alter Spitzen- und Stickmuster war der Ausgangspunkt. Das Werk hat eine tiefere persönliche Bedeutung und besteht aus vierzig Kinderkleidern, die im Raum zwischen Vergangenheit und Gegenwart schweben.

Nähere Informationen: Museum de Kantfabriek, Americaanseweg 8, Horst, Telefon: +31 773981650, E-Mail: info@museumdekantfabriek,nl, Internet: www.museumdekantfabriek.nl

Museumsmagazin Nr. 4 • 2026 ist erschienen

über aktuelle Museumssammlungen, alte Drucke und zeitlose Straßenfotografie

Inhalt

Museum-Kort: die schönsten Ausstellungen im In- und Ausland

  • Pyke Koch & Charley Toorop: zwei figurative Maler, zwei künstlerische Gegensätze, nun Seite an Seite
  • Doppeltes Interview mit Lisa Konno & Paul Kooiker: Ein Modedesigner und ein Fotograf über ihre Hassliebe zur Mode
  • Kolumne: Pauline Broekema über die Arbeit des Schriftstellers und Künstlers Octavie Wolters
  • Kollektionspräsentationen: Ein frischer Blick auf Ihre eigenen Sammlungen? Drei Museen geben das Vorbild
  • Kho Liang Ie: Kosmopolitischer Modernist und Vorläufer des niederländischen Designs
  • Lou Loeber: Der sozialistische Maler wollte mit Farbe, Harmonie und Vielschichten erheben
  • Antony Gormley: Ein Besuch im Atelier des Bildhauers und seiner dreißig Assistenten im Herzen Londons
  • Rembrandts Radierungen: Seine Druckgrafik zeugt von ungezügelter Kreativität und kommerzieller Einfallsreichtum
  • Levitt & Van der Elsken: Ein schüchterner Amerikaner und ein frecher Niederländer als Begründer der Straßenfotografie
  • Ruud Kuijers Atelier und das Final Piece über den Choreografen William Forsythe

Geteilte Ansichten. Kunsthalle Bielefeld x Sammlung KiCo

Teil I: Vom Teilen und Geteiltsein – 4. Juli bis 2. Oktober

Was passiert, wenn wir teilen – Ideen, Räume, Verantwortung? Mit „Geteilte Ansichten“ eröffnet die Kunsthalle Bielefeld ein umfassendes, zweiteiliges Ausstellungsprojekt, das das Teilen als ästhetisches, soziales und politisches Prinzip ins Zentrum rückt. Die Schau verbindet Werke aus der Sammlung KiCo mit Positionen aus der Sammlung der Kunsthalle Bielefeld. Die Stiftung KiCo wurde 2009 von Doris Keller-Riemer und Hans-Gerd Riemer ins Leben gerufen – mit der Zielsetzung, nicht nur in einer privaten Sammlung zu münden, sondern sich in kontinuierlicher Zusammenarbeit mit öffentlichen Museen zu entwickeln.

Folgende Künstlerinnen und Künstler werden mit ihren Werken vertreten sein: Mary Bauermeister, Georg Baselitz, Thomas Bayrle, Monica Bonvicini, Martin Brockhoff, Teresa Burga, Robert Delaunay, Thomas Demand, Nicole Eisenman, Lyonel Feininger, Lucio Fontana, Isa Genzken, Barbara Klemm, Daniel Knorr, Maria Lassnig, Konrad Lueg, Michel Majerus, Rita McBride, Sarah Morris, Matthias Müller, Senga Nengudi, Marcel Odenbach, Helga Paris, Charlotte Posenenske, Gerhard Richter, Ulrich Rückriem, Karin Sander, Tomás Saraceno, Jörg Sasse, Philipp Timischl, Wolfgang Tillmans, Oscar Tuazon, Günther Uecker, Clemens von Wedemeyer und James Welling.

Geteilte Ansichten. Kunsthalle Bielefeld x Sammlung KiKo

Teil II: Willst Du mit mir gehen? 17. Oktober 2026 – 21. Februar 2027

„Man muss einsteigen in die Malerei mit beiden Füßen“, so beschrieb die Künstlerin Maria Lassnig ihren künstlerischen Prozess in einem Interview. Ihr Werk „Füße“ (1987/89) aus der Sammlung KiCo steht zeichenhaft für den zweiten Teil der Ausstellung, in der neue mögliche Gangarten mit der Sammlung der Kunsthalle Bielefeld eingeschlagen werden und sich zugleich neue Standpunkte eröffnen. „Miteinander gehen“ bedeutet, dass Werke aus zwei Sammlungen zusammenfinden und miteinander ins Gespräch kommen, sich gegenseitig ergänzen, erweitern, hinterfragen und auch widersprechen.
Folgende Künstlerinnen und Künstler werden mit ihren Werken vertreten sein: Nevin Aladağ, Ketuta Alexi-Meskhishvili, Alexander Archipenko, Willi Baumeister, Julius Heinrich Bissier, Shannon Bool, Monica Bonvicini, Andrea Bütter, Alexander Calder, Robert Delaunay, Sonia Delaunay-Terk, Nicole Eisenman, Ceal Floyer, Günter Fruhtrunk, Christoph Girardet, Dominique Gonzalez-Foerster, Katharina Grosse, Hella Guth, Marcia Hafif, Charline von Heyl, Sheila Hicks, Gerhard Hoehme, Wassily Kandinsky, Ellsworth Kelly, Daniel Knorr, Maria Lassnig, Michel Majerus, Agnes Martin, László Moholy-Nagy, Matthias Müller, Senga Nengudi, Kenneth Noland, Francis Offman, Blinky Palermo, Sigmar Polke, Arnulf Rainer, Man Ray, Franziska Reinbothe, Gerhard Richter, Adrian Schiess, Phil Sims, Tony Smith, Eduard J. Stoecklin und Herbert Wilmsmeyer.

Nähere Informationen: Kunsthalle Bielefeld, Artur-Ladebeck-Straße 5, 33602 Bielefeld, Telefon: 0521 32999500, Fax: 0521 329995050, E-Mail: info@kunsthalle-bielefeld.de. Die Kunsthalle ist am Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr, am Mittwoch von 11 bis 21 Uhr geöffnet.

Symphonie der Farben. Paul Signac und der Neoimpressionismus

Ausstellung im Museum Barberini ab 4. Juli zu sehen

Den höchsten Grad an Leuchtkraft und Harmonie zu erreichen – diesem Ziel verschrieb sich Paul Signac, als er Mitte der 1880er-Jahre mit Georges Seurat eine neue Malweise in die Kunst einführte. Die Ausstellung „Symphonie der Farben. Paul Signac und der Neoimpressionismus“ beleuchtet vom 4. Juli bis 11. Oktober im Museum Barberini als erste umfassende Signac-Schau in Deutschland seit 30 Jahren die zentrale Rolle des Künstlers innerhalb der Bewegung des Neoimpressionismus und geht seinem Einfluss als Theoretiker, Netzwerker und Ausstellungsorganisator nach.

Die Ausstellung – eine Kooperation mit der Kunsthal Rotterdam – präsentiert sein künstlerisches Werk von den frühen Uferlandschaften des passionierten Seglers über seine Interieur- und Porträtmalerei bis zu den sozialutopisch aufgeladenen Bildern der Côte d’Azur, die er als Motivschatz für die Moderne erschloss. Sie umfasst über 90 Werke, von denen mehr als ein Drittel von Paul Signac stammen. Sie stehen im Dialog mit Gemälden von Lucie Cousturier, Henri-Edmond Cross, Maximilien Luce, Camille Pissarro, Théo van Rysselberghe, Jeanne Selmersheim-Desgrange, Georges Seurat, Jan Toorop und anderen.

Nähere Informationen: Museum Barberini, Friedrich-Ebert-Str. 115, 14467 Potsdam, E-Mail: info@museum-barberini.de, Internet: http://www.museum-barberini.de

Maria Franck-Marc. Neue Ausstellung im Franz Marc Museum

Mit der Ausstellung „Maria Franck-Marc“ widmet das Franz Marc Museum Maria Franck-Marc (1876–1955) erstmals eine Einzelausstellung – in einem Jahr mit zwei Jubiläen: dem 150. Geburtstag der Künstlerin und dem 40. des Museums.

Franck-Marc war eng mit dem Kreis des Blauen Reiters verbunden und nahm 1912 an dessen zweiter Ausstellung teil. Dennoch stand ihr künstlerisches Werk lange im Schatten ihrer Rolle als Ehefrau und Nachlassverwalterin Franz Marcs. Die Ausstellung stellt sie als eigenständige künstlerische Position in den Vordergrund.
Rund 30 Gemälde, Zeichnungen und textile Arbeiten aus öffentlichen Sammlungen und Privatbesitz zeigen die besondere Sensibilität der Künstlerin für Farbe, Form und Rhythmus: Blumenstücke, Landschaften, Naturstudien, Stillleben und Kinderdarstellungen. Einige Werke werden erstmals öffentlich präsentiert. Seit Jahrzehnten wurde ihr Schaffen nicht mehr in diesem Umfang zusammengeführt.

Ausstellungsmagazin: Jessica Keilholz-Busch (Hg.): Maria Franck-Marc, Texte von Carla Heussler, Annegret Hoberg und Jessica Keilholz-Busch, Interview mit Andreas Müssig, 92 Seiten, 58 Abbildungen, Erscheinungstermin: 21. Juni 2026, ISBN: 978-3-9824-6173-1, Preis: 6 Euro

Nähere Informationen: Franz Marc Museum, Franz Marc Park 8–10, 82431 Kochel am See, Telefon: Internet: http://www.franz-marc-museum.de

Neues aus der Welt der Kunst in den Niederlanden

In der neuen Ausgabe der Museumstijdschrift findet der Leser oder die Leserin viele Tipps über Kunstausstellungen in den Niederlanden und manches mehr aus der Welt der Kunst. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Sommerreihe von Freiluftausstellungen – BlowUp Jubilee in Den Haag – Von Edo Dijksterhuis

Sommer bedeutet: Freizeit, Sonne und Kunst im Freien. Edo Dijksterhuis wird in den kommenden Monaten für die Museumtijdschrift Außenkunstveranstaltungen besuchen. Diesmal ist Den Haag an der Reihe, wo BlowUp Art sein fünftes Jubiläum mit einer Jubiläumsausgabe voller Publikumslieblingen aus früheren Jahren feiert. Das Museumsviertel Den Haag wird vorübergehend von aufblasbarer Kunst in XXL-Größe eingenommen: Glühbirnen, Eier, Blasen und politisch aufgeladene Luft.

Wenn Sie mit der Auswahl an Geschäften zu beschäftigt sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sie sie übersehen: Die Glühbirne von Theo Botschuijver (*1943). Aber wenn man es einmal gesehen hat, lässt das Bild einen nicht mehr los. Wie ein surrealistischer Zeppelin hängt die übergroße Glühbirne hoch oben in der Kuppel der Haagse-Passage. Eine verträumte Ode an die Technologie, die längst von LED-Beleuchtung abgelöst wurde.

Die Open-Air-Ausstellung ‚BlowUp Art‘ in Den Haag zeigt seit fünf Jahren aufblasbare Kunst bekannter und weniger bekannter Künstler im Museum Quarter: Arbeiten, die gleichzeitig groß und leicht sind und manchmal überraschend gut in der Stadt versteckt sind. Die meisten luftgefüllten Skulpturen sind jedoch weniger verborgen: Sie schweben im Hofvijver oder sind über dem Lange Voorhout verstreut, wo sie selbst auf dem wöchentlichen Antiquitätenmarkt nicht übersehen werden können.

Steve Messam (*1969) hat sogar das gesamte Prison Gate mit seiner ‚Bubbletecture‘ vereinnahmt. In der Nähe des Groene Zoodje, wo zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert Hinrichtungen stattfanden, sieht es so aus, als hätte der Brite ein riesiges Stück dunkelgrünen Lehms durch die Unterführung gedrückt und dann einen Tunnel darin gegraben. Dicke Blasen kleben auf beiden Seiten an der Fassade.

Eier im Hofvijver

Botschuijver, der Mann der Glühbirne, macht seit den 1960er Jahren ‚aufblasbare Kunst‘. Er war bereits ein Pionier, als Andy Warhol und Claes Oldenburg das Medium international populär machten. Seitdem haben zahlreiche Künstler diese Kunstform ausübt, die den fröhlichen Reiz eines Hüpfburgs in einem Kinderparadies und eine so vorübergehende Monumentalität wie die Luftversorgung hat. Das bekannteste Werk ist wahrscheinlich „Complex Pile“(2007) von Paul McCarthy, ein fünfzehn Meter hoher Hundekot, der 2009 im Uithof in Utrecht als Überblick über seine ‚Aufblasbaren‘ präsentiert wurde.

Die zwanzig Werke des BlowUp Jubilee sind deutlich weniger subversiv als das. Es ist leichtfüßige Kunst, in mehr als einer Hinsicht. Kuratorin Mary Hessing, Gründerin des Designmagazins „WOTH“,lud viele Designer ein, und ihre Beiträge drehen sich mehr um visuelle Wirkung als um konzeptionelle Tiefe. Zum Beispiel entwickelte Marcel Wanders (*1963), der einst eine Vase entwarf, indem er Eier in ein Kondom stopfte und diese Form goss, eine Sammlung silberfarbener Eier, die das Wasser des Hofvijvers widerspiegeln. Und das Designstudio Kiki & Joost führt eine riesige, violette Spaghetti-Kette, die mit Pfeilen zwischen den Bäumen bemalt ist, zum Eingang der Künstlergesellschaft Pulchri.

Es ist bemerkenswert, wie gut die oft bunt gefärbten und übertrieben großen Werke in die urbane Umgebung einfügen. Ein feines Stück Styling. Zum Beispiel passt das Gelb von „The Knocking Calendar“ (2024) von John Körmeling (*1951) perfekt zur Fassade des Hotels „Des Indes“ dahinter. Die meisten Passanten kommen wahrscheinlich nicht weiter als zu einer Beobachtung und bezeichnen die Arbeit als Donut oder Schwimmring. Und das, während das Werk einen astronomischen Zyklus von 19 Jahren darstellt, basierend auf Körmelings komplexen Berechnungen. Da es jedoch keine Textzeichen gibt, bleibt diese Bedeutungsebene unterbelichtet.

Pinker Turm

In anderen Werken sind die zusätzlichen Schichten etwas leichter zu lesen. Zum Beispiel erkennt man in Studio Jobs Muschelpfanne leicht eine Anspielung auf den belgischen Surrealisten Marcel Broodthaers. Und Sigrid Calon (*1969) wurde für „Gazebo“(2024) vom Torentje inspiriert, der bescheidenen Ecke des Binnenhofs, in der der Ministerpräsident sein Büro hat. In Calon wird dieses Machtzentrum zu einem rosa Pavillon mit einem baiserartigen Deck, das von wackeligen Säulen getragen wird. Besonders passend, da der Binnenhof seit Jahren für Renovierung geschlossen ist und der erste offen schwule Ministerpräsident vorübergehend in einem alternativen Torentje arbeiten muss.

Und es gibt weitere Werke, die, getarnt durch die sommerliche Fröhlichkeit, kritische Stiche austeilen. Das Nächstliegende, was einer Aussage am nächsten kommt, ist Steve Messam (*1969) mit „Orange“(2022). Das Werk besteht aus einer spitzen grünen Krone, die über der Statue Wilhelms von Oranien drapiert ist. Als ob die Krone der amerikanischen Freiheitsstatue, die eindeutig ein paar Nummern zu groß ist, über die Schultern des Vaters des Landes gezogen worden wäre. Während die Spitzen im Wind in alle Richtungen flattern, droht Willem fast in seiner provisorischen Kopfbedeckung zu ersticken.

Das Museum Rotterdam erhält zwei Gemälde von Meistern des 17. Jahrhunderts

Das Museum Rotterdam hat zwei Gemälde von Meistern des 17. Jahrhunderts als Geschenk erhalten. Die Werke von Abraham Hondius und Adriaen Verboom stammen aus einer Privatsammlung und bilden laut Museum eine wichtige Ergänzung der Sammlung der Rotterdamer Gemälde. Die Werke aus dem siebzehnten Jahrhundert werden bald einen Platz am neuen Standort des Museums, Het Steiger, erhalten.

Das Gemälde von Abraham Hondius (*ca. 1625/30 – +1691), „Callisto und Arcas“, war bereits 1994 in der Ausstellung ‚Rotterdam Masters from the Golden Age‘ zu sehen. Hondius ist vor allem für seine lebendigen Jagd- und Tierdarstellungen bekannt, doch dieses Werk zeigt eine mythologische Szene aus Ovids Metamorphosen. Darin verwandeln sich Callisto und ihr Sohn Arcas in die Sternbilder Großer und Kleiner Bär.

Das Gemälde von Adriaen Verboom (*ca. 1628 – +ca. 1670) ist ebenfalls eine wichtige Ergänzung der Sammlung. Verboom spezialisierte sich auf Waldlandschaften und ließ sich von italienischen Landschaften inspirieren, obwohl er selbst nie nach Süden reiste. Bei der gespendeten Arbeit reisen Reisende mit Eseln durch eine hügelige Landschaft mit hohen Bäumen, einer Ruine und warmem Abendlicht. Die Figuren wurden von Johannes Lingelbach (*1622 – +1674) gemalt.

Kuratorin Liesbeth van der Zeeuw bezeichnet die Ankäufe als wichtig, weil sie „die enorme Vielseitigkeit und das hohe Niveau der Rotterdamer Malerei im siebzehnten Jahrhundert“ zeigen. Die Spende erfolgt zu einem besonderen Zeitpunkt: Das Museum Rotterdam hat kürzlich die Schlüssel zu Het Steiger, dem neuen Standort des Stadtmuseums, erhalten. Das Rekonstruktionsdenkmal befindet sich am ersten Hafen von Rotterdam, nahe dem Ort, an dem die Stadt entstand. Die beiden Gemälde werden in Zukunft dort einen Platz in der Sammlungspräsentation erhalten.

Nähere Informationen: Museum Rotterdam, Coolhaven 375, 3015 GC Rotterdam, Telefon: 010 217 6767, E-Mail: info@museumrotterdam.nl

Über die Zukunft nachdenken im Next Nature Museum

Am 5. Juni wurde bekannt gegeben, dass der Earth Overshoot Day dieses Jahres auf den 30. Juli fällt: der Tag, an dem die Menschheit mehr natürliche Ressourcen verbraucht hat, als die Erde in einem Jahr auffüllen kann. Diese Spannung zwischen Mensch, Natur und Fortschritt spielt auch im Next Nature Museum in Eindhoven eine Rolle. Besucher sind eingeladen, über eine Zukunft nachzudenken, in der Technologie zunehmend Teil der Natur wird.

In Geolift (2026) betrittst du eine kleine Hütte für eine Reise zum Kern der Erde, viel tiefer als der Mensch je war. Sobald sich die Türen schließen, ziehen Schichten von Erde, Steinen und Rohstoffen an den Wänden vorbei. Der Aufzug scheint langsam und immer weiter unter die Oberfläche zu sinken. Der Effekt funktioniert überraschend gut: Für einen Moment vergisst man, dass man einfach nur in einem Museum steht.

Vom Erdkern zur Vision der Zukunft

Schon vor dem Betreten ist klar, dass das Next Nature Museum ein Museum der Zukunft ist. Das Museum befindet sich im futuristischen Evoluon, dem ehemaligen Philips-Technologiemuseum, das an eine gelandete fliegende Untertasse erinnert. Im Inneren erstrecken sich die Ausstellungen über vier ineinandergreifende Ringe, wie Treppen eines Amphitheaters: vom Ursprung der Erde bis zu unseren digitalen Gewohnheiten.

Die Ausstellung „Es war einmal… Die Erde“ füllt den unteren Ring. Die Präsentation beleuchtet den Ursprung des Planeten, die Rohstoffe, die den technologischen Fortschritt ermöglichten, und die Auswirkungen industrieller Revolutionen. Ein visuelles Highlight ist „Turtles All The Way Down“ (2026), eine Skulptur von neun goldenen Schildkröten, die von einem leuchtenden Globus überragt werden. Das Werk bezieht sich auf die Idee, dass die Erde auf einer Schildkröte ruht. Das verleiht der Ausstellung auch eine philosophische Schicht: Sie handelt nicht nur von der Geschichte des Planeten, sondern auch von den Geschichten, mit denen Menschen versuchen, diese Geschichte zu verstehen.

„RetroFuture“, die Dauerausstellung des Museums, beleuchtet, wie die Menschen früher über die Zukunft nachdachten: von fliegenden Autos bis hin zu ultramodernen Gebäuden. Diese Zukunft hat sich nie vollständig verwirklicht. Unsere Vorstellungen von Technologie, Nachhaltigkeit und digitalem Fortschritt werden sich wahrscheinlich auch später als veraltet erweisen.

Unbehagen im Massagesessel

Next Nature ist optimistisch, was Technologie angeht, aber am interessantesten sind die kritischen Reflexionen darüber. Im „Digital Wellness Center“, einem Raum im oberen Bereich, muss der Besucher sein Handy in einem Spind verstauen – und dann dreht sich alles um die Frage, welchen Platz Technologie in unserem Leben einnimmt.

Auf dem riesigen Bildschirm von „Scroll Wall“(2025) ist das Scrollen deutlich schwieriger als auf einem normalen Handy. Und „Dancing in the Frame“(2025) ist eine Tanzfläche im Rahmen eines Telefonbildschirms. „Techno Privilege“(2025) kombiniert einen entspannenden Massagesessel mit einem anregenden Fragebogen zu technologischen Privilegien und Klimawandel. Dieser Widerspruch funktioniert gut: Während dein Körper beruhigt wird, wirst du dazu gebracht, unangenehm zu denken.

Das „Digital Wellness Center“ ist eine starke Schlussfolgerung. Die großen Themen ziehen sich hier im Alltag wieder: das Telefon in der Hand und die digitalen Systeme, zu denen man unbemerkt gehört. Das Next Nature Museum zeigt Technologie nicht als Feind, aber auch nicht als selbstverständliche Rettung. Die Zukunft ist hier keine vorgefertigte Antwort, sondern eine Frage, mit der der Besucher selbst weitergehen muss.

Nähere Informationen: Next Nature Museum, Noord Brabantlaan 1a, Eindhoven, Telefon: +31 402504620, Internet: www.evoluon.com

Anouk Griffioen – Solange es noch da ist

Unter dem Titel „Solange es noch da ist“ findet die erste Einzelausstellung der Rotterdamer Künstlerin Anouk Griffioen (*1979) im Kröller-Müller Museum statt. Sie hat eine große Faszination für Natur, Erinnerung und Vergänglichkeit und fertigt große, oft wandgroße Zeichnungen aus Kohle an. Als Zuschauer tritt man manchmal buchstäblich in ihre Welt ein. Der Ausgangspunkt der Ausstellung ist ein Foto, das Griffioens Vater am Tag ihrer Geburt in Enschede gemacht hat. Basierend auf den Tausenden von Fotos, die ihr Vater gemacht hat, besucht sie alle Orte, an denen ihre Familie einst lebte, und fotografiert sie. Griffioen stellt ihre Fotos neben die der Vergangenheit und integriert die Veränderungen in virtuosen Kohlezeichnungen monumentaler Größe. Diese umgeben dich oder werden als Triptychon präsentiert, als kondensierte Erinnerungen. Jetzt, wo es noch da ist, kann es morgen weg sein.

Nähere Informationen: Kröller-Müller Museum, Houtkampweg 6, 6731 AW Otterlo/Niederlande
E-Mail:
info@krollermuller.nl und Telefon: +31(0)318591241. Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Aus dem Nichts

Mit seinem 50-jährigen Jubiläum ist Almere eine relativ junge Stadt, erbaut auf Land, das einst Meer war – ohne uralte Mythen, aber voller Geschichten, die noch nicht erzählt wurden. In der neuen Ausstellung „Aus dem Nichts“geben sieben (inter)nationale Künstler diesem Ort, was alte Städte von Natur aus besitzen: ihre eigenen Mythen. Sie laden dazu ein, anders zu betrachten, wie Geschichten entstehen und wie Kunst einen Ort bewohnbar macht.

Nähere Informationen: Kunstmuseum M, Esplanade 10, Almere, Telefon: +31 362030467, E-Mail: info@jijbentm.art, Internet: http://www.jijbentm.art-

Unter unseren Füßen

Ein Viertel der Niederlande besteht aus Gras. Die Zurückhaltung dieser Klingen sagt viel über den zeitgenössischen Menschen aus. Wenn man auf die leeren, grünen Felder in den Niederlanden und im Ausland blickt, stellt sich die Frage, welche Geschichten darin enthalten sind. Was passiert zwischen, auf und unter dieser Ebene? In der Gruppenausstellung „Under Our Feet“ verbindet Gras die Kunstwerke von acht renommierten Künstlern – als Thema, Material und Metapher. Diese Ausstellung entstand anlässlich einer Residenz von PolakvanBekkum. Im Frühjahr 2024 blieben sie drei Monate lang in unserem Zeichenstudio, um an großformatigen Grazing-Choreografien zu arbeiten.

Gastkuratorin Lieneke Hulshof kuratierte anschließend diese Gruppenausstellung mit Werken von Femke Gerestein, Katarina Jazbec, Saskia, Noor van Imhoff, PolakvanBekkum, Diana Scherer, Samah Shihadi, Co Westerik und Henk Wildschut. Gemeinsam zeigen die Werke in Onder Onze Voeten, dass sich unter der scheinbar neutralen, grünen Oberfläche eine Vielzahl persönlicher, poetischer und politischer Geschichten verbirgt.

Nähere Informationen: Drawing Centre Diepenheim, Grotestraat 17, Diepenheim, Telefon: +31 547352143, E-Mail: info@drawingcentre.nl, Internet: http://www.drawingcentre

Newsletter der Kunsthalle Bremen

Newsletter der Kunsthalle Bremen

Letzte Ausstellungstage – Am 5. Juli ist Schluss

Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom

Auf den Spuren des Malers Friedrich Nerly (1807–1878): Ab in den Süden – das war der große Trend in der Romantik. Auch Nerly ging bereits früh nach Italien. Er arbeitete in Rom, Tivoli und Olevano, damals wie heute Hotspots der Künstler und Touristen. An der Küste entlang reiste er nach Neapel und bis Sizilien. Dabei entstanden sonnendurchflutete Zeichnungen und Aquarelle vor der Natur, die ihm als Grundlage für Gemälde dienten. Zusammen mit der aufwendig restaurierten „Campagnalandschaft mit Aqua Claudia“ von 1836, einem Hauptwerk des Künstlers, und zahlreichen anderen Gemälden sind sie in einer großen Ausstellung zu sehen.

La Kunstalle parla italiano con la mostra di Friedrich Nerly! Die letzten Gelegenheiten für diese Reise im Rahmen einer Führung auf Italienisch sind am Sonntag, 14. Juni und 5. Juli um 11.30 Uhr.
Natürlich gibt es auch weiterhin öffentliche Führungen auf Deutsch: jeden Freitag, Samstag und Sonntag um 15 Uhr.

Nerly in Venedig. Von Gondeln und Palästen

In jungen Jahren ging Friedrich Nerly nach Italien. Nachdem er in Rom und Mailand gelebt hatte, zog es ihn nach Venedig: Was nur als kurzer Stopp auf dem Weg zurück nach Deutschland geplant war, entwickelte sich zu einem lebenslangen Aufenthalt. Während der 41 Jahre vor Ort wurde er der bekannteste lebende Künstler der Stadt. Aus dieser Schaffenszeit stammen auch seine berühmtesten Motive: die Markussäule im Mondschein und der Blick auf den Canal Grande. In der Kabinettausstellung sind neben 50 Papierarbeiten, darunter brillante Impressionen venezianischer Fenster, gotischer Architektur und schwarzer Gondeln, auch zwei Gemälde mit diesen Erfolgsmotiven zu sehen.

Aktuelle Ausstellung Remix. Photographie – Fiktion und Wahrheit – bis 28. Februar 2027

Kann man Photographie heute noch glauben? Und welche Aufgabe kann sie übernehmen in Zeiten von KI und Deep Fakes? Die Kunsthalle erweitert ihre Sammlungsausstellung Remix um vier Räume und zeigt dort eine Auswahl historischer und zeitgenössischer Photographie. Präsentiert werden Arbeiten von Bernd und Hilla Becher, Candida Höfer, Richard Mosse, Sebastian Riemer, Ricarda Roggan, Thomas Ruff, August Sander, Taryn Simon, Thomas Struth und Heinrich Zille. Die Photographien sind teils Neuzugänge aus der eigenen Sammlung, teils Dauerleihgaben aus der Sammlung Ültzen sowie Leihgaben aus der Sammlung Lothar Schirmer. Viele der ausgestellten Kunstwerke sind zum ersten Mal in der Kunsthalle Bremen zu sehen.
Tipp: Die nächsten Termine für öffentliche Führungen am Sonntag, 28. Juni und 5. Juli 2026, jeweils um 11 Uhr.

Ausstellungsvorschau & Dackel-Treff im Juni

Der Dackel. Eine Ikone geht Gassi – Vom 31. Oktober 2026 bis 28. März 2027

Das Highlight im Herbst: Eine Ausstellung mit hochkarätigen historischen und aktuellen Werken wird erstmals dem Dackel in der Kunst folgen. Neben Malerei, Zeichnung, Photographie, Video, Installation und Performance gibt es Einblicke in Populärkulturelles, Buchillustration, Deko- und Spielzeugdesign – und auch den Versuch, die Perspektive des Dackels selbst einzunehmen.

Einladung: Schon jetzt befindet sich die Kunsthalle im Dackelfieber und lädt anlässlich des bevorstehenden Welttags der Dackel alle Menschen, die einen Dackel besitzen, zu einem Presse- und Fototermin mit ihrem Hund auf die Grünflächen an der Kunsthalle ein. Am Freitag, 19. Juni, können sich Zwei- und Vierbeiner ab 11.30 Uhr vernetzen und beschnuppern. Gegen 12.30 Uhr ist ein Gruppenfoto mit Dackel geplant.

Nähere Informationen: Kunsthalle Bremen, Am Wall 207, 28195 Bremen, Telefon: +49 (0)421 – 32 9080, Fax +49 (0)421 – 32908470, E-Mail: info@kunsthalle-bremen.de