Mehr Frauen! Bremer Künstlerinnen auf Papier

Vom 22. Juli bis 8. November in der Kunsthalle Bremen

Die Kunsthalle Bremen hat ihre Sammlung von Zeichnungen von Bremer Künstlerinnen im Rahmen eines Forschungsprojektes genauer untersucht und eine bemerkenswerte Erkenntnis gemacht: Im Verhältnis zum männlich geprägten Gesamtbestand der Kunsthalle Bremen bewahrt das Kupferstichkabinett überdurchschnittlich viele Zeichnungen von Bremer Künstlerinnen. Neben Paula Modersohn-Becker tauchen weitere Namen auf, die bislang kaum bekannt sind.

Eine Auswahl von 60 Werken wird in der Ausstellung „Mehr Frauen! Bremer Künstlerinnen auf Papier“ vom 22. Juli bis 8. November 2026 in der Kunsthalle präsentiert. Paula Modersohn-Becker genießt heute weltweiten Ruhm. Wer aber kennt ihre Mitstreiterinnen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ebenfalls in der Bremer Kunstszene aktiv waren: Clara Rilke Westhoff, Marie Bock, Anna Plate, Margarethe von Reinken, Agnes Sander-Plump, Dora Bromberger, Elisabeth Noltenius, Gustava Tölken oder Olga Bontjes van Beek?

Die Sammlung von Zeichnungen Bremer Künstlerinnen umfasst insgesamt mehr als 1800 Werke, davon stammt fast ein Viertel von Frauen. Wie kam es zu dieser Schaffenskraft, obwohl Künstlerinnen damals doch systematisch ausgebremst wurden? Bis 1919 durften Frauen beispielsweise nicht an den staatlichen Kunstakademien studieren, sodass ihre Ausbildung erheblich erschwert war. Die Bremer Künstlerinnen setzten sich durch Netzwerkarbeit gegen die Ausgrenzung zur Wehr: Sie gründeten 1899 den „Bremer Malerinnenverband“ oder traten ab 1928 der „Gemeinschaft deutscher und oesterreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen“ (GEDOK) bei.

Die Ausstellung verfolgt die Verbindungslinien zwischen den Künstlerinnen sowie ihre Verwurzelung in Bremen und dem Umland: In den Orten Worpswede, Fischerhude und Dötlingen lebten sie Tür an Tür. Dort unterrichteten sie die nachfolgende Generation im Malen und Zeichnen – bewusst in Abgrenzung zu den Akademien. Es sind Künstlerdynastien entstanden wie die Familien Modersohn, Plump oder Breling. Zuletzt sind aus den Bekanntschaften in den Künstlerinnenorten und bei der GEDOK tiefe Freundschaften erwachsen.

Forschungsprojekt

Die Ausstellung bildet den Abschluss des Forschungsprojekts „Handzeichnungen HB“, in dem mehr als 1.800 Zeichnungen untersucht wurden. Die Erschließung umfasste unter anderem die Zuschreibung an eine Künstlerin, die Bestimmung von Motiv, künstlerischer Technik und Objektmaßen sowie die Erfassung von Provenienzmerkmalen. Neben der Ausstellung und einem Katalog werden die Ergebnisse im Online-Katalog der Kunsthalle Bremen und darüber hinaus in übergeordneten Datenbanken wie dem Graphikportal und der Deutschen Digitalen Bibliothek zugänglich gemacht. So stehen sie sowohl der Forschung als auch einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung.

Veranstaltungen:

Sonntag, 26. Juli, 15 Uhr: Öffentliche Kuratorinnen-Führung mit Friederike Quander Donnerstag, 6. August, 13 Uhr: Kunstpause mit Dr. Brigitte Reuter Donnerstag, 20. August, 13 Uhr: Kuratorinnen-Kunstpause mit Dr. Nina Janssen Samstag, 12. September, 17 Uhr: Figurentheater für Erwachsene „Paula. Selbst“ mit Mensch, Puppe! (Premiere; weitere Termine unter kunsthalle bremen.de/kalender) Sonntag, 13. September 15 Uhr: Öffentliche Kuratorinnen-Führung mit Dr. Nina Janssen Samstag, 19. September 12 und 14 Uhr: Öffentliche Führung für die Teilnehmenden des Deutschlandtreffens der Urban Sketchers mit Dr. Nina Janssen Donnerstag, 8. Oktober, 13 Uhr: Kunstpause mit Norah Limberg (Künstlerinnenverband Bremen, GEDOK) Donnerstag, 15. Oktober, 13 Uhr: Kuratorinnen-Kunstpause mit Friederike Quander.

Nähere Informationen: Kunsthalle Bremen, Am Wall 207, 28195 Bremen, Telefon: +49 (0)421 – 32 9080, Fax +49 (0)421 – 32908470, E-Mail: info@kunsthalle-bremen.de

Über den Bäumen: „ Kijk Uit Attention“

Kunstwerk im Kröller Müller-Museum wieder geöffnet

Krijn Giezen entwarf „Kijk Uit Attention“ als einen ‚unkonventionellen Spaziergang durch den Wald‘. Der Weg im Skulpturenpark des Museums Kröller Müller in Otterlo besteht aus einem Weg, der an der Skulptur „Gewei (Geweihe)“ von John Rädecker beginnt und zu einer 87 Meter langen Treppe führt, die über die Bäume auf dem französischen Berg hinausragt.

Öffnungszeiten

„Kijk Uit Attention“ von Krijn Giezen ist von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Bei schlechtem Wetter wie Regen, starkem Wind, Schnee und Gewittern ist das Kunstwerk geschlossen.

Zur Sicherheit gelten beim Zugriff auf das Kunstwerk folgende Bedingungen:

  • (Schul-)Gruppen sind nicht erlaubt;
  • maximal 20 Personen dürfen gleichzeitig auf dem Kunstwerk sein;
  • Sie müssen mindestens 18 Jahre alt sein;
  • Du musst in guter körperlicher Verfassung sein;
  • Du betrittst die Arbeit auf eigene Gefahr.

Um Zugang zu erhalten:

  1. Neben dem Kunstwerk befindet sich ein Schild mit einem QR-Code. Scanne den Code mit deinem Handy und folge den Anweisungen auf der geöffneten Seite.
  2. Nach der Genehmigung erhalten Sie einen persönlichen QR-Code. Der QR-Code ist den ganzen Tag gültig.
  3. Öffne das Drehkreuz mit diesem Code.

Das Drehkreuz schließt automatisch, wenn 20 Personen auf dem Kunstwerk sind, und öffnet sich wieder, sobald ein Besucher geht.

Nähere Informationen: Das Kröller-Müller-Museum ist dienstags bis sonntags von10 bis 17 Uhr geöffnet. Kontakte sind unter der Telefonnummer (0031) 0318 591241, im Internet auf www.kmm.nl und per Email an info@kmm.nl möglich.

Neues aus der Welt der Kunst in den Niederlanden

In der neuen Ausgabe der Museumstijdschrift findet der Leser oder die Leserin viele Tipps über Kunstausstellungen in den Niederlanden und manches mehr aus der Welt der Kunst. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Beziehung zur dunklen Seite – Charley Toorop und Pyke Koch im Museum More (Von Joke Wolf)

Die Ausstellung „Charley Toorop & Pyke Koch – Alles oder Nichts“ im Museum More in Gorssel basiert auf einem originellen und zugleich völlig logischen Vergleich. Noch nie zuvor hat ein Museum die Werke von Charley Toorop so eins-zu-eins neben denen von Pyke Koch gezeigt. Oder besser gesagt, man sollte es umgekehrt sagen: Kochs Arbeit neben Toorops, denn er war nicht nur zehn Jahre jünger, sondern sah in vielerlei Hinsicht zu ihr auf.

Auf dem großen Banner zu Beginn der Ausstellung stehen Fragmente von Porträts der beiden Maler nebeneinander. Links befindet sich die linke Hälfte eines Selbstporträts von Charley Toorop (*1891 – +1955), das sie 1934 anfertigte, rechts die rechte Hälfte von „Mercedes de Barcelona“ von Pyke Koch (*1901 – +1991) von 1930. Beide Werke sind realistisch gemalt und beide Frauen haben bemerkenswert große Augen. Koch hatte gerade erst mit dem Malen begonnen, als er dieses Gemälde schuf. Rückblickend würde Toorop sagen, dass Kochs frühe Werke unter ihrem Einfluss entstanden seien; sie lernten sich kennen, als Koch fünfzehn Jahre alt war.

Umfangreiche Biografien

Koch als auch Toorop stehen dieses Jahr wieder im Rampenlicht mit jeweils einer umfangreichen Biografie. Museum More zeigt eine große Auswahl an Kunstwerken beider Künstler. Einige sind äußerst bekannt, wie Toorops „Meal of the Friends“von 1932–33 oder Kochs „Shooting Gallery“von 1931.

Gleichzeitig wurden auch überraschende, weniger bekannte Werke beider Künstler ausgestellt. Zum Beispiel Toorops „Kleiner Zirkus“von 1927, neben Kochs „Puppenshow“von 1930, beide aus Privatsammlungen. Es gibt auch Seiten aus einem Fotoalbum von Toorop, mit Fotos von Abendessen mit Familie und (Künstler-)Freunden, bei denen Koch gelegentlich anwesend war.

Die Präsentation ist nüchtern, mit weißen Wänden und nur einer kurzen Texteinleitung zu den einzelnen Themen. Bei den einzelnen Kunstwerken werden nur der Titel und Name des Künstlers klein in der Nähe der Sockel genannt. Eine Betrachtungsübung: Besucher können mit dem Auge beurteilen, ob ein Werk von Toorop oder von Koch stammt. Die Themen sind kunsthistorisch, sie folgen den verschiedenen traditionellen Kategorien, unter denen man die Bilder einordnen kann: Stillleben, Porträts, Jahreszeiten, Landschaften und Stadtansichten. Außerdem gibt es einige spezifischere Themen, wie Jahrmarkts- und Zirkusszenen.

Manchmal sieht man, dass die Künstler sich gegenseitig direkt inspiriert haben müssen, wie im Fall von „Kermis in Middelburg mit Selbstporträt“(Toorop, 1926) und „Kermis in Utrecht“(Koch, 1928–1929). Die Künstler teilen sich die ‚flache‘ Art, wie sie die vielen Attraktionen einer Messe darstellen. Während Toorop jedoch weiterhin an eine mehr oder weniger realistische Darstellung bleibt, mit einer Straße unten und einem Himmel darüber, verwandelt Koch das in eine viel chaotischere Kakophonie.

Rechtsextreme Praktiken

Die Gastkuratoren Carel Blotkamp und Mieke Rijnders haben sich entschieden, die visuellen Ähnlichkeiten hervorzuheben. Es ist verständlich, dass Gemälde aus verschiedenen Epochen manchmal nebeneinander aufgehängt werden. Auffällig ist jedoch, dass gerade jetzt, da rechtsextreme Parteien in den Niederlanden und im Rest der Welt immer mehr Unterstützung gewinnen, der politischen Distanz, die Mitte der 1930er Jahre zwischen den beiden Künstlern entstand, keine Beachtung geschenkt wird.

In der Einleitung wird kurz angedeutet, dass die Künstler politisch und sozial weit voneinander entfernt waren: „Toorop auf der Seite des Sozialismus und des Kommunismus, Koch auf der Seite des Faschismus“. Bei einer Ausstellung mit Werken von Pyke Koch 2017 in Utrecht erhielt dessen Mitgliedschaft im faschistischen Verbond van Dietsche Nationaalsolidaristen, kurz Verdinaso, mehr Aufmerksamkeit. Koch schloss sich 1934 dieser Bewegung an; Nach 1940 engagierten sich Mitglieder dieses Kreises in nationalsozialistischen Organisationen.

„Selbstporträt mit schwarzem Stoff“von 1937, ebenfalls in Gorssel ausgestellt, war und ist daher politisch farbig. Unabhängig davon, wie der Künstler später darauf zurückblickte, wurde das Selbstporträt zum Aushängeschild der Kultuurkamer, der von den deutschen Besatzungstruppen gegründeten Institution, die eine ‚positive germanische Haltung‘ propagierte. Koch war Mitglied der Kultuurkamer und entwarf 1942–1943 sogar eine Serie von Briefmarken mit ‚germanischen‘ Symbolen. Dafür wurde er 1950 verurteilt; er durfte ein Jahr lang nicht ausstellen.

Gorssel dreht sich nicht um diese aufgeladene biografische Geschichte, und das ist ein Verlust. So angenehm es auch sein mag, die Kunstwerke anhand von Komposition, Farbverwendung und Motivwahl zu betrachten und zu vergleichen, bleibt der biografische Kontext relevant, besonders bei Kunst aus dieser Zeit. Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen ist es unmöglich, die Werke von der zunehmend düsteren Welt zu trennen, aus der sie entstanden sind.

Nähere Informationen: Museum More, Hoofdstraat 28, 7213 CW Gorssel, Telefon: +31 575 760 300, E-Mail: info@museummore.nl

Sommerführer zu Kunststädten – Paris

Wir müssen Paris Kunstliebhabern nicht erklären. Der Louvre, Musée d’Orsay, Musée Rodin: Jeder kennt die großen Namen. Da das Centre Pompidou nun bis 2030 vorerst geschlossen ist, ist es an der Zeit, über die ständigen Adressen hinauszublicken. Wo wird es diesen Sommer stattfinden? Und was ist einen Umweg wert?

Museen von Luxusmarken

Eine Zeit lang galt Paris als Kunststadt der Vergangenheit: schön, aber zu teuer und weniger aufregend als London oder Berlin. Die Stadt setzt sich nun wieder auf die Landkarte, und Luxusmarken spielen dabei eine auffällige Rolle. Die Fondation Louis Vuitton besitzt ein Frank-Gehry-Gebäude im Bois de Boulogne, die Bourse de Commerce zeigt die Sammlung von François Pinault, Gründer der Luxusgruppe Kering, bekannt für Marken wie Gucci, Saint Laurent und Balenciaga, und die Fondation Cartier eröffnete im Oktober 2025 ihr neues Zuhause in der Place du Palais-Royal: einem ehemaligen Kaufhaus gegenüber dem Louvre, renoviert vom Architekten Jean Nouvel.

Diesen Sommer präsentiert die Fondation Cartier ‚Exposition Générale‘, einen Überblick über vierzig Jahre Sammeln. Mit „Calder – Rêver en équilibre“ entscheidet sich Fondation Louis Vuitton für Bewegung: Mobile, Stabilisatoren, Drahtfiguren und der Miniaturzirkus Cirque Calder schweben durch Gehrys Gebäude. An der Bourse de Commerce erforscht ‚Chiaroscuro‘ das Erbe des Chiaroscuro, wobei mehr als hundert Werke aus der Pinault-Sammlung Hell und Dunkelheit, Sichtbarkeit und Verschwinden gegenüberstellen.

Praktisch: Die Fondation Cartier befindet sich an der Place du Palais-Royal, fußläufig vom Louvre, Palais-Royal und der Bourse de Commerce. Die Bourse de Commerce und die Fondation Cartier lassen sich problemlos an einem Tag zusammenführen. Die Fondation Louis Vuitton befindet sich weiter westlich, im Bois de Boulogne. Tipp: Berechne dafür separate Reisezeiten. Überprüfen Sie die Zeitfenster im Voraus, besonders bei beliebten Ausstellungen.

Kunst im öffentlichen Raum

Im Innenhof des Palais-Royal, eines historischen Gebäudekomplexes in der Nähe des Louvre, befindet sich „Les Deux Plateaux“ (1985–86) von Daniel Buren (1938), eines der berühmtesten Kunstwerke im öffentlichen Raum von Paris. Die schwarz-weiß gestreiften Säulen stehen in engen Reihen zwischen den klassischen Fassaden. Einige ragen kaum über den Boden hinaus, andere ragen wie durchgeschnittene Säulen aus dem Pflaster empor.

Als es 1986 vorgestellt wurde, führte das Werk zu heftigen Debatten. Heute wird er bestiegen, fotografiert und als Treffpunkt genutzt. Buren stellte keine eigenständige Statue auf einen Platz, sondern legte ein zweites Raster über die bestehende Architektur. So kann man die Symmetrie, den Höhenunterschied und die Leere im Innenhof noch besser erkennen.

Wenn Sie mehr Zeit haben, fahren Sie weiter nach Issy-les-Moulineaux. Als hätte jemand eine Zeichnung von Jean Dubuffet (1901–85) auf monumentale Dimensionen vergrößert: So steht „Tour aux figures“ (1986–88) im Parc départemental de l’Île Saint-Germain, direkt außerhalb von Paris. Die 24 Meter hohe und 12 Meter breite Skulptur erhebt sich zwischen Rasenflächen, Bäumen und Sportplätzen. Die Außenansicht ist frei zugänglich. Mit einer Reservierung kann man auch eintreten, wo ein gewundenes Korridorsystem durch den Turm verläuft.

Praktisch: „Les Deux Plateaux“ liegt in der Nähe des Louvre, der Bourse de Commerce und der Fondation Cartier. Die „Tour aux figures“ befindet sich außerhalb des Zentrums. Tipp: Rechnen Sie mit zusätzlicher Reisezeit. Der Außenbereich ist während der Öffnungszeiten des Parks frei zugänglich. Der Innenbereich kann nur mit einer Führung besucht werden, von März bis Oktober und nach Reservierung.

Studiomuseen am linken Ufer

Es gibt mehrere kleine Künstlermuseen am linken Ufer. Im Musée Bourdelle, dem ehemaligen Atelier von Antoine Bourdelle (1861–1929), stehen Stuck, Bronze und Arbeitszimmer zwischen Arbeitsplätzen, Hochhallen und Innenhöfen. Bourdelle arbeitete viele Jahre als Assistent von Auguste Rodin (1840–1917), entwickelte später eine kantigere, schwerere visuelle Sprache.

Das Institut Giacometti ist Alberto Giacometti (1901–66) gewidmet, der jahrzehntelang in Montparnasse arbeitete. Sein Atelier wurde rekonstruiert, mit Möbeln, persönlichen Gegenständen und bemalten Wänden. Diesen Sommer steht seine surrealistische Periode im Mittelpunkt von ‚Surrealist Giacometti‘. Das Musée Zadkine gehört ebenfalls zu dieser Liste. Im ehemaligen Haus und Atelier von Ossip Zadkine (1890–1967), nahe den Luxemburger Gärten, stehen Skulpturen zwischen hellen Räumen und einem stillen Garten.

Praktisch: Das Musée Bourdelle, das Institut Giacometti und das Musée Zadkine liegen relativ nah beieinander am linken Ufer und lassen sich leicht mit Montparnasse und Jardin du Luxembourg kombinieren. Das Musée Bourdelle ist von Dienstag bis Sonntag geöffnet; Die Dauerausstellung ist kostenlos. Tipp: Für das Institut Giacometti und das Musée Zadkine prüfen Sie im Voraus die verfügbaren Sendezeiten und aktuelle Öffnungszeiten.

Albert Kahn – Weltarchiv in einem Garten

Auf der Westseite von Paris, in Boulogne-Billancourt, liegt das Musée départemental Albert-Kahn. Bankier und Förderer Albert Kahn (1860–1940) schickte ab Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Fotografen und Kameraleute um die Welt. Ihre Aufgabe: Festzuhalten, wie die Welt aussah, bevor sie sich für immer verändern würde. Das Ergebnis, Archives de la Planète, besteht aus frühen Farbfotografien und Filmen aus Dutzenden von Ländern. Seit 2022 befindet sich die Sammlung in einem neuen Gebäude des Architekten Kengo Kuma. Das Museum befindet sich zwischen Gärten mit französischen, englischen und japanischen Landschaften, Pavillons und Wasserfunktionen.

Praktisch: Das Musée départemental Albert-Kahn befindet sich in Boulogne-Billancourt, außerhalb des Zentrums, aber leicht erreichbar mit der U-Bahn. Verbringen Sie nicht nur Zeit im Museum, sondern auch in den Gärten. Die Kombination aus Skulpturenarchiv, Architektur und Landschaft macht diesen Besuch lohnenswert.

Praktisch

Pässe & Tickets
Wenn Sie mehrere Museen und Denkmäler besuchen möchten, können Sie vom Paris Museum Pass profitieren. Überprüfen Sie im Voraus, welche Orte teilnehmen: Private Institutionen wie die Fondation Cartier, die Fondation Louis Vuitton und die Bourse de Commerce nutzen ihre eigenen Tickets.

Buchen Sie im Voraus
Viele Pariser Museen arbeiten mit Zeitfenstern. Buchen Sie also im Voraus, besonders für beliebte Ausstellungen und für die geführte Tour durch Dubuffets „Tour aux figures“. Bitte beachten Sie, dass viele Museen montags geschlossen sind.

Essen und Schlafen
in Paris ist besonders abends geschäftig. Buchen Sie Restaurants pünktlich, besonders mit mehr als zwei Personen. Rund um Montparnasse und Saint-Germain-des-Prés befinden sich klassische Künstlercafés wie „La Rotonde“ und Café de Flore. Wenn Sie auch die Nacht unter Kunst verbringen möchten, können Sie das Hôtel Grand Amour im 10. Arrondissement oder außerhalb von Paris La Folie Barbizon bei Fontainebleau ansehen.

Sommerreihe von Freiluftausstellungen – Sonsbeek in Arnheim

Unter dem Titel „Ich brauche keinen Garten, ich teile mir einen Park“, entlehnt vom Arnheimer Plakatkollektiv Loesje, dreht sich die Freiluftausstellung Sonsbeek 13 um die Frage, wie Erinnerungen geformt, bewahrt und weitergegeben werden. Diese Ausgabe blickt zurück und ruft zugleich in die Zukunft: mit Kunstwerken über die Geschichte Arnheims und des Parks, aber auch über das Erinnern im Allgemeinen.

Die 19.Ausgabe von Sonsbeek findet im Jahr 2049 statt. Das klingt wie eine trockene Aussage aus dem Mund von Sonsbeek-Regisseur Orlando Maaike Gouwenberg, aber in diesem einen Satz stehen Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart. In 23 Jahren wird die älteste wiederkehrende europäische Kunstmanifestation im öffentlichen Raum genau ein Jahrhundert lang existieren. Sonsbeek wurde 1949 vom stellvertretenden Vorsitzenden des Tourismusbüros von Arnhem ins Leben gerufen, um der zerstörten Stadt Touristeneinkünfte zu verschaffen und den traumatisierten Bewohnern eine helfende Hand zu bieten. Der Hunger nach Kunst erwies sich als enorm. Es wurden 125.000 Besucher gezählt.

Sonsbeek wurde ursprünglich als Triennale gegründet und zeigte internationale Skulpturen. Sowohl der dreijährliche Rhythmus als auch die Betonung der Bildhauerei wichen in den 1960er Jahren einem anderen Format. Unter Kuratoren wie Wim Beeren und Jan Hoet entwickelte sich Sonsbeek zu einer hochkarätigen Plattform für bildende Kunst in allen Bereichen, die sich oft über die Grenzen des Parks, nach dem es benannt ist, hinausging. Die Tatsache, dass für jede Ausgabe ein neuer Kurator und eine neue Organisation eingestellt wurde, hielt das Ganze spannend, verursachte aber auch Instabilität. Dies zeigte sich erneut im Jahr 2022, als die Treuhänder aus Protest gegen ein unsicheres Arbeitsumfeld zurücktraten und Sonsbeek mit einem Zusammenbruch drohte. Die Gemeinde Arnheim entschied jedoch, dass das Ereignis gerettet werden müsse, und stellte erstmals in der Geschichte von Sonsbeek einen festen Jahresbeitrag bereit. Dieser Beitrag gibt dem Regisseur so viel Vertrauen in die langfristige Zukunft, dass sogar ein Weg bis zum hundertjährigen Jubiläum bereits vorgezeichnet ist.

Der Ausgangspunkt ‚Erinnerung als lebendiger Akt‘, formuliert von den Gastkuratorinnen Amira Gad und Christina Li für die aktuelle Ausgabe, passt zu diesem erweiterten Horizont. Die von ihnen ausgewählten Kunstwerke handeln von der Geschichte Arnheims und des Parks, aber auch vom Erinnern im Allgemeinen.

Erste bronzene trans Frau
Mit ihrer roten weiblichen Figur im Wasser am Rand des Parks bezieht sich Mounira Al Solh (1978) auf die Phönizier, die vor Tausenden von Jahren aus ihrer Heimat Libanon um die Welt reisten. Die Frau hat ein Boot auf dem Kopf und ein Ruder in der Hand. Aber auch einen Koffer und ein Mobiltelefon, oft das Einzige, was heutige Libanesen bei sich haben, wenn sie vor dem Krieg fliehen – vergleichbar mit Arnhemmers 1944. Das Werk heißt „Und Europa floh“, und die Tatsache, dass Europa auch der Name der phönizischen Prinzessin ist, die vom griechischen Obergott Zeus entführt wurde, schließt den Kreis.

Verkörperte Erinnerung findet sich auch in Puppies Puppies (1989). Diese trans Frau dokumentiert jede Phase ihres Übergangsprozesses, indem sie regelmäßig einen Abdruck ihres Körpers anfertigt. Ihr vorübergehender Zustand, der später nur noch Erinnerung ist, wird dann in Bronze verewigt. Als erste Bronzestatue einer trans Frau weltweit schreibt das Werk auch Geschichte.

Völlig zeitgenössisch ist die Kombination aus 3D-gedruckten Blobs aus synthetischem Harz und Sensoren, die Femke Herregraven (1982) verwendet, um Bodentemperatur und Wasserströmungen an Orten im Park zu messen, wo sich früher Arnheims erstes Industriegebiet befand. KI übersetzt diese Daten in Bilder eines Kunstwaldes, die auf einem großen LED-Bildschirm im Teich angezeigt werden. Das Werk ruft eine mögliche Zukunft aus Daten hervor, die nicht gespeichert sind. Dadurch kann das Bild nicht wiederholt werden und wird sofort selbst zur Erinnerung.

Blumenteppich

Wie die illustren Ausgaben aus den 1970er Jahren hat auch die aktuelle Ausgabe Orte in der Stadt. So wickelte Larry Achiampong (1984) einen Teil von Ubbo Scheffers Skulpturengruppe „Burgers“ auf dem Bürgersteig der Polizeistation in eine panafrikanische Flagge. Nicht, um das Werk zu löschen, wie einige Passanten dachten, sondern um eine zusätzliche Ebene hinzuzufügen: die historisch schwierige Beziehung zwischen schwarzen Mitgliedern der bürgerlichen Familie und der Staatsgewalt. Etwas weiter entfernt hat Anne-Mie van Kerckhoven (1951) einen farbenfrohen Blumenteppich in Form einer Galaxie mit Topfpflanzen angelegt – ein astronomisches Phänomen, das wir nur sehen, wenn es Millionen Jahre alt ist. Nach Sonsbeek werden die 32.940 Pflanzen unter den Besuchern verteilt – um sie als Andenken mit nach Hause zu nehmen.

Das Rozet-Kunstzentrum zeigt Werke des inzwischen verstorbenen On Kawara (1932–2014), der bereits an Sonsbeek 1971 teilnahm, indem er ein Telegramm mit dem Text ‚I AM STILL ALIVE‘ schickte. Unter dem Titel „Reines Bewusstsein“ wurden sieben seiner berühmten Dattelgemälde in einem Kindergarten in Arnheim aufgehängt, in der Erwartung – oder Hoffnung –, dass sie bei den Kindern eine Erinnerung hervorrufen. Erwachsene Gehirne werden an derselben Stelle durch Archivboxen in Regalen stimuliert: Sonsbeeks eigenes physisches Gedächtnis. Aufgrund der organisatorischen Volatilität wurden sie nie bestellt oder auch nur ausgepackt. Aber das wird jetzt passieren. Die nächsten 23 Jahre sollten genug Zeit bieten, um die Vergangenheit zu rekonstruieren.

Sonsbeek 13 kurz zusammengefasst

Zu sehen
sind Kunstwerke von achtzehn Künstlern, von denen zwölf neue Werke auf Auftragsbasis schufen, verteilt über Park Sonsbeek und das Stadtzentrum von Arnhem.

Zeit
Planen Sie mindestens anderthalb Stunden für den Park ein; Wenn du alles sehen willst, brauchst du einen halben Tag.

Verkehr
Leicht erreichbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Werke im Park liegen fußläufig voneinander entfernt. Ein OV-Fiets wird für die Arbeiten in der Stadt empfohlen.

Pause
Im Park bieten das Besucherzentrum Molenplaats und die City Villa Sonsbeek Möglichkeiten für einen Snack und ein Getränk. Im Zentrum ist die Auswahl groß und vielfältig.

Verpassen
Sie nicht „Future Untold“ von Afaina de Jong, ein Werk, das irgendwo zwischen Skulptur und Architektur liegt und in dem Besucher gemeinsam Erinnerungen an die Zukunft schaffen können.

Was macht diese Außenausstellung besonders?
Sonsbeek 13 stellt einen optimistischen Neustart der ältesten Open-Air-Kunstveranstaltung Europas dar, und die Ausstellung spiegelt ein erneuertes Selbstbewusstsein wider. Anspielungen auf Erinnerungen und Erinnerungen machen das Ganze zu einem wunderschön vielschichtigen Ganzen.

Ausstellungsbesuch + Führung ‚Himmlisches Gewölbe‘ + Buch ‚Die Schicksale‘

Erleben Sie, wie der Himmel die Form eines Gewölbes im Celestial Vault“ (1999) annehmen kann, einem künstlichen Krater des amerikanischen Landschaftsmalers James Turrell in den Dünen bei Kijkduin. Für Abonnenten des Museummagazins wurde gemeinsam mit dem Kunstzentrum Stroom Den Haag ein ausführliches Programm zu diesem kosmischen Kunstwerk zusammengestellt.

In Stroom werden Sie durch eine Ausstellung der Künstlerin Ana María Gómez López geführt, die unter anderem das originale maßstabsgetreue Modell des Hemels Gewölbe zeigt. Nach dem Mittagessen besichtigen Sie das Kunstwerk selbst. Die Teilnehmer erhalten außerdem das Buch „Die Abenteuer“ von Sacha Bronwasser mit Rabatt (im Wert von 24,99 €). In dieser Sammlung literarischer Geschichten spielt ein Kunstwerk die führende Rolle.

Nähere Informationen: Stroom Den Haag, Hogewal 1, 2514 HA Den Haag, Internet: http://www.stroom.nl

Verzaubert – Gemälde und Skulpturen von Kenne Grégoire

Seit dem 24. April präsentiert das Jopie Huisman Museum die Ausstellung Verzaubert mit einer Auswahl der schönsten Gemälde und Skulpturen von Kenne Grégoire. Dank großzügiger Leihgaben von Museen und Privatpersonen wurde erstmals eine große Retrospektive seiner Werke der letzten fünfzig Jahre – darunter sehr aktuelle Gemälde und Skulpturen – zusammengestellt. Die Besucher tauchen in seine faszinierende Realität mit wunderschön gedeckten Tischen, besonderen Menschen und wunderbarer Natur ein.

Mit der Realität spielend

Mit seiner phänomenalen Maltechnik des 17. Jahrhunderts und einem anspruchsvollen Farbgebrauch ruft Grégoire eine intensive Atmosphäre hervor. Auf den ersten Blick wirken seine Motive sehr gewöhnlich, doch er verleiht ihnen durch sein feines Spiel mit Perspektive und sorgfältige Kompositionen eine neue Bedeutung. Er mag „genau wie das echte Ding“ und scheut sich nicht vor Tricks, um die Illusion zu suggerieren – zum Beispiel von Dreidimensionalität. Auf diese Weise verführt er einen dazu, genauer hinzusehen: „Ich versuche, den Betrachter dazu zu bringen, scheinbar banale Themen mit neuen Augen zu betrachten.“

Schönheit gewöhnlicher Dinge

„Es sollte nicht nur um dieses Äußere gehen, die Geschichte muss darüber gegangen sein. Was der Lauf der Zeit mit Menschen und ihren Dingen macht, das möchte ich vorschlagen.“

Seine Hauptmotivation ist, die Schönheit sichtbar zu machen. Aber auf eine Weise, die ein Gefühl von Vergänglichkeit erlebt. Genau wie Jopie Huisman stellt er Alltagsgegenstände wie gebrauchte Dosen, rostige Töpfe, abgenutzte Lumpen und abgenutzte Kleidung ins Rampenlicht. Er stellt sie so dar, dass sie eine Geschichte hervorrufen. Was machen diese leeren Gläser, schmutzigen Teller und eine schlafende Katze und ein Mädchen auf dem Tisch? Grégoire gibt ihnen sozusagen eine Hauptrolle in einer Filmszene, die er scheinbar planlos gestoppt hat. Mit der entfremdenden Perspektive verstärkt er auch subtil die Andeutung einer filmischen Bewegung.

Nähere Informationen: Jopie Huisman Museum, Noard 6, Workum, Telefon: +31 515543131, E-Mail: info@jopiehuismanmuseum.nl, Internet: http://www.jopiehuismannmuseum.nl

Ina van Zyl – Woher kommst du?

Seit dem 16. Juni präsentiert das SCHUNCK Museum in Heerlen die erste große niederländische Museumsretrospektive des Werks der Malerin Ina van Zyl (1971). „Where Are You From“ vereint fast dreißig Jahre Werk, von ihren frühen südafrikanischen Comics bis hin zu aktuellen Gemälden. Die Ausstellung zeigt, wie Van Zyl eine eigenständige visuelle Sprache entwickelte, in der Intimität, Spannung und Präzision im Mittelpunkt stehen.

Van Zyl ist bekannt für ihre extremen Nahaufnahmen von Körperfragmenten, Blumen, Früchten und Gegenständen. Die präzise Maltechnik, die geschichtete Struktur und die gesättigten Farben machen ihre Bilder sowohl einladend als auch verstörend. Kunstkritiker Dominic van den Boogerd beschreibt, wie Van Zyl „in der prosaischen Natur der Dinge um sie herum – Objekte, Lebensmittel, Körper und Landschaften – eine erbärmliche Tragödie erkennt, die zugleich absurd ist.“ Diese Spannung zwischen Alltäglichem und Entfremdendem ist eine Konstante in ihrem Werk.

Nähere Informationen: SCHUNCK, Bongerd 18, Heerlen, Telefon: +31 455772200, E-Mail: info@schunck.nl, Internet: www.schunck.nl

Christoph Ruckhäberle – Die vierte Wand

Tanzen, reden, trinken, kämpfen. Die Figuren in den Werken von Christoph Ruckhäberle (1972) scheinen mitten in einem Stück eingefroren zu sein. Ruckhäberles Figuren sind lebendig, sie haben etwas Zeitloses an sich, und die Szenen wirken manchmal entfremdend. Das spricht die Fantasie an: Wie sind diese Menschen zusammen in einem Raum gelandet? Was machen sie? Wohin gehen sie? Lass deine Fantasie freien Lauf. In der vierten Wand hängen Ruckhäberles Zeichnungen und Gemälde an der bunten Tapete, die er ebenfalls entwirft. Große Muster bilden den Hintergrund seiner Figuren und lassen einen das Gefühl haben, selbst auf der Bühne zu stehen.

Nähere Informationen: Drents Museum, Brink 1, Assen, Telefon: +31 592377773, E-Mail: info@drentsmuseum.nl, Internet: http://www.drentsmuseum.nl

Ausstellung Fantasie & Form. Adolf Erbslöhs Weg in die Moderne bis 27. September verlängert

Ein Schlüsselakteur der Moderne

Das Franz Marc Museum zeigt eine umfassende Ausstellung zu einem prägenden Protagonisten der Münchner Avantgarde. Adolf Erbslöh (1881–1947) zählt zu den einflussreichen, oft übersehenen Malern der Moderne. Die Ausstellung lädt dazu ein, seine eigenständige Bildwelt neu zu entdecken. Als Mitbegründer und späterer Vorsitzender der Neuen Künstlervereinigung München stand er im Zentrum der Avantgarde um Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky und Franz Marc.

Mit seiner Kunst und seiner engen Vernetzung innerhalb der Münchner Kunstszene prägte Erbslöh das künstlerische Klima um 1910 entscheidend mit – jenes Umfeld, aus dem der Blaue Reiter hervorging. Mit seinem Essay „Phantasie und Form“ formulierte er 1929 zentrale Gedanken seines Kunstverständnisses. Fantasie erscheint darin nicht als Gegensatz zur Ordnung, sondern als deren Ursprung: „Das Kunstwerk ist Gestaltung, formgewordene Phantasie.“

Die Ausstellung greift diesen Gedanken auf und zeigt, wie Erbslöh aus inneren Vorstellungen eine eigenständige Bildsprache entwickelte. Er bewegte sich zwischen expressiver Farbigkeit und einem zunehmend konstruktiven Bildaufbau. Seine Werke verbinden leuchtende Farben, klare Linien und ein waches, reflektiertes Sehen. Von den impressionistischen Anfängen über die Begegnung mit der Kunst Paul Cézannes und der Kubisten bis zu den tektonischen Landschaften der 1920er-Jahre verfolgt die Ausstellung eine zentrale Frage seines Schaffens: Wie lässt sich die flüchtige Vielheit der Erscheinungen in eine bleibende Bildordnung überführen?

Das Franz Marc Museum, dessen Forschungsschwerpunkt und Sammlung eng mit der Münchner Avantgarde verbunden sind, präsentiert in dieser Ausstellung rund 40 Gemälde. Leihgaben kommen u.a. aus der Hamburger Kunsthalle, dem Kunstpalast Düsseldorf, dem Leopold-Hoesch-Museum Düren und dem Schloßmuseum Murnau. Viele Werke stammen aus Privatbesitz und sind teilweise erstmals öffentlich zu sehen. Kuratiert wird die Ausstellung von Jessica Keilholz-Busch, Direktorin des Franz Marc Museums.

Biografie

Adolf Erbslöh wurde 1881 in New York geboren und wuchs in Barmen bei Wuppertal auf. 1904 zog er zum Studium nach München, damals eines der lebendigsten Zentren der europäischen Avantgarde. Prägender als die akademische Ausbildung war für ihn das künstlerische Umfeld: Auf Reisen nach Frankreich, Italien und in die Niederlande lernte er die aktuellen Strömungen der Moderne kennen; auch die Münchner Szene um die Neue Secession und die Scholle inspirierte ihn. Um 1908 setzte Erbslöh sich intensiv mit den Farbtheorien des Neoimpressionismus auseinander und begann, Farbe als strukturierendes Element des Bildes zu begreifen. Zur gleichen Zeit lernte er über Alexej von Jawlensky den Kreis um Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Marianne von Werefkin kennen. 1909 gehörte er zu den Begründern der Neuen Künstlervereinigung München (NKVM).

Deren Ziel, innere Erfahrung in eine bildnerische Ordnung zu überführen, entsprach seinem eigenen künstlerischen Denken. Erbslöh nutzte die Landschaft als zentrales Experimentierfeld. Vor allem in den Bergen bei Brannenburg am Inn sowie in städtischen Parks fand er Motive, in denen sich Formen staffeln und zu einer konstruierten Ordnung fügen ließen. Seine Arbeiten fanden auch unter seinen Zeitgenoss:innen große Beachtung. 1910 schrieb Franz Marc bewundernd: „Erbslöh’s neue Sachen sind glänzend.“ Einen wichtigen Impuls erhielt seine Arbeit durch die Auseinandersetzung mit Paul Cézanne, dessen Werke Erbslöh 1910 in München kennenlernte. Cézannes Vorstellung eines architektonisch gebauten Bilds als autonome Ordnung aus Farbe, Fläche und Volumen beeinflusste ihn nachhaltig.

Der Erste Weltkrieg markierte eine tiefe biografische Zäsur. 1915 wurde Erbslöh eingezogen, ab 1916 arbeitete er als Kriegsmaler in Frankreich und Flandern. Er hielt an seinem formalen Prinzip fest und gestaltete zerstörte Landschaften als rhythmisch gegliederte, tektonische Strukturen.

Nach dem Krieg verdichtete Erbslöh seine Bildauffassung weiter. In den 1920er-Jahren entwickelte er zunehmend streng konstruierte Kompositionen mit pyramidal verschachtelten Bildelementen und klar gegliederten Licht- und Schattenzonen. Ab 1934 zog sich Erbslöh nach Irschenhausen im Isartal zurück. Die Nationalsozialisten diffamierten seine Werke als „entartet“ und drängten ihn aus dem öffentlichen Kunstleben. 1947 starb er in Irschenhausen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt sein Werk zunächst weniger Aufmerksamkeit, blieb jedoch weiterhin in bedeutenden Sammlungen vertreten und war in Ausstellungen präsent. Die Ausstellung im Franz Marc Museum trägt dazu bei, Adolf Erbslöh neu zu entdecken und seine Bedeutung für die Moderne herauszustellen: als Künstler, der die Freiheit der Fantasie mit der Klarheit der Form versöhnt.

Nähere Informationen: Franz Marc Museum, Franz Marc Park 8–10, 82431 Kochel am See, Telefon: Internet: http://www.franz-marc-museum.de

Neues aus der Welt der Kunst in den Niederlanden

In der neuen Ausgabe der Museumstijdschrift findet der Leser oder die Leserin viele Tipps über Kunstausstellungen in den Niederlanden und manches mehr aus der Welt der Kunst. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Das neue Kind in der Stadt – Rembrandts stürmisches Jahr 1632 – Von Erik Spaans

Werden wir jemals aufhören, über Rembrandt zu reden? Wahrscheinlich nicht – ganz sicher nicht, wenn es darum geht, wie er einer der berühmtesten Künstler aller Zeiten werden konnte. In „Rembrandt 1632 – Entstehung einer Marke“ konzentriert sich die Gemäldegalerie Alte Meister in Kassel auf das Jahr, in dem Rembrandt Leiden gegen Amsterdam eintauschte, seinen Einstieg in die Porträtmalerei machte und sein Name rasch kommerziellen Wert gewann. 1632 war Rembrandts Wirbelwindjahr.

Im Jahr 1632 fiel vieles zusammen. Rembrandt verließ Leiden endgültig, um sich in Amsterdam niederzulassen, ging eine Partnerschaft mit dem Kunsthändler und Unternehmer Hendrick Uylenburgh ein und beherrschte ein neues Fachgebiet: Porträtmalerei. Er knüpfte seine ersten Kontakte zum Hof in Den Haag und begann seine berühmte Leidenschaftsreihe. Seine Amsterdamer Karriere begann ebenfalls mit dem begeisterten Empfang von „The Anatomy Lesson of Dr. Nicolaes Tulp“ – mit diesem beeindruckenden Gruppenporträt setzte sich der ‚Neuling in der Stadt‘ in einem Schlag an die Spitze.

Wahnsinniges Arbeitstempo

Von diesem Moment an galt er als einer der begehrtesten und bestbezahlten Künstler Amsterdams. Eine der produktivsten auch: Eine Übersicht zu Beginn der Ausstellung macht deutlich, dass Rembrandt 1632 mindestens 32 Gemälde und sechs Radierungen schuf. Und das zählt noch nicht einmal seine umfangreiche Zeichnungsproduktion! Rembrandt konnte mit diesem wahnsinnigen Arbeitstempo nicht mithalten: Ende der 1640er Jahre war seine Produktion auf drei oder vier Gemälde pro Jahr gesunken.

Wer davon ausgeht, dass ein bedeutender Teil des 1632 entstandenen Werks in Kassel zu sehen ist, wird enttäuscht. Wir müssen auf seine berühmtesten Porträts aus jenem Jahr verzichten. Gemälde wie „Die Entführung Europas“ und „Der Mann mit dem Turban“ fallen auf, doch das Fehlen der Anatomielektion ist besonders auffällig. Schade. Aber irgendwie auch verständlich. Kassel hat schlicht nicht den Status und die finanzielle Kapazität des Kunsthistorischen Museums in Wien, wo vor anderthalb Jahren das Bonbonglas noch weit geöffnet war.

Ein Vergnügen, selbst ohne Meisterwerke

Aber nun die gute Nachricht: „Rembrandt 1632“ ist eine überraschend schöne Ausstellung. Den Zusammenstellern ist es gelungen, ein wunderschönes Bild des damaligen Amsterdam zu schaffen. Werke von Rembrandt werden von Zeitgenossen gespiegelt – insbesondere von seinem Kollegen Jan Lievens, der mit einer Reihe starker Übernahmen vertreten ist. Das Fehlen von „The Anatomy Lesson“ wird auf spielerische Weise durch eine Videopräsentation ausgeglichen, in der Tulp und seine Kollegen zum Leben erwachen. Selbstporträts zeigen das wachsende Selbstbewusstsein des Malers, der sich immer eleganter kleidet. Kopien aus unserem eigenen Studio laden Sie ein, ein Spiel „Unterschiede erkennen“ zu spielen.

Zu den ausgestellten Gemälden, die Schülern oder Assistenten zugeschrieben werden, gehört hochwertige Arbeiten. Ein Gemälde eines kahlköpfigen alten Mannes zum Beispiel, das als Werkstattkopie an das Depot in Kassel verurteilt wurde. Diese atemberaubend genau bemalte Tronie verdient einen Platz in der Dauerausstellung.

Auch wunderschön: Anhängerporträts, die verloren gegangen waren und vorübergehend wiedervereint wurden. Der Mann, der seinen Stift schneidet, scheint in der Gegenwart seiner Frau, die aus Wien gekommen ist, aufzuhellen. Dies gilt auch für die Porträts der besten Freunde Jacques de Gheyn III und Maurits Huygens. In ihrem Testament ließen die Freunde festhalten, dass ihre Porträts zusammenbleiben müssten. Glücklicherweise ist das jetzt wieder der Fall.

Nähere Informationen: Gemäldegalerie Alte Meister, Hessen Kassel Heritage, Schloss Wilhelmshöhe, Schlosspark 1, 34131 Kassel, Telefon: +49 (0)561 316 80-123, E-Mail:
service@heritage-kassel.de und info@heritage-kassel.de

Otobong Nkanga erhält den Sikkens Prize 2026

Der international renommierte Künstler Otobong Nkanga wird den Sikkens Prize 2026 erhalten, eine internationale Auszeichnung für innovativen Farbeinsatz in Kunst und Design. Der Biennale-Preis wird an einen Künstler oder ein Kollektiv vergeben, das einen wichtigen Beitrag im Bereich der Farbe leistet. Otobong Nkanga (*1974) erhält eine Summe von 75.000 Euro. Die Preisverleihung findet am Montag, 26. Oktober, statt, danach eröffnet ihre Einzelausstellung ‚Humus Blues‘ im Singer Laren.

Laut der Jury zeigt Nkanga, woher Farbe kommt: von der Erde, der Gemeinschaft und dem Leben selbst. In ihren Skulpturen, Teppichen, Zeichnungen und Installationen spielen Pigmente, Mineralien und Rohstoffe eine zentrale Rolle. Sie erscheinen als Träger von Geschichten über Landschaften, Abbau, Wiederaufbau, Macht und Wandel. Ihre Arbeit verbindet Körper und Landschaft, das Lokale und das Globale, das Persönliche und das Politische.

Farbe als fundamentale Kraft

Der Sikkens-Preis wurde erstmals 1959 an den Architekten und Designer Gerrit Rietveld verliehen. Seitdem ging der Preis unter anderem an Donald Judd, Bridget Riley, Hella Jongerius, David Chipperfield, Le Corbusier, Piet Oudolf und Pipilotti Rist. Der Preis beträgt 75.000 Euro, davon sind 50.000 Euro für persönliche Entwicklung und 25.000 Euro für ein spezielles Farbprojekt vorgesehen. Nkanga gibt das Preisgeld für ein Projekt seiner Stiftung, die Carved to Flow Foundation, aus.

Ausstellung im Museum Singer Laren

Zum ersten Mal ehrt die Sikkens Stiftung den Preisträger mit einer Ausstellung. ‚Humus Blues‘ ist vom 27. Oktober 2026 bis zum 28. Februar 2027 im Museum Singer Laren zu sehen. Mit Skulpturen, Textilien, Zeichnungen, Gemälden, Fotografien und Poesie bietet die Ausstellung eine facettenreiche Einführung in Nkangas Werk. In ihren Arbeiten erforscht sie die Verbundenheit von Menschen, Landschaft und Rohstoffen sowie Themen wie Identität, Macht und Veränderung. Darüber hinaus sind monumentale Werke von Nkanga in der Jubiläumsausstellung der AkzoNobel Kunststiftung in Amsterdam zu sehen.

Nähere Informationen: Museum Singer Laren, Oude Drift 1, 1251 BS Laren, Telefon: (035) 5393939, E-Mail: museum@singerlaren.nl

Protest und Anarchie im Designmuseum Den Bosch

Die Punk-Mentalität des Grafikdesigners Jamie Reid (*1947 – +2023) zeigt sich in seinem gesamten Werk. Themen wie Ökologie, Frieden und Antifaschismus tauchen immer wieder auf. Die Collage „Nature Still Draws a Crowd“ (1974) zeigt ein Stadion voller Menschen, die staunend auf eine kleine Baumgruppe starren: eine dystopische Vision der Zukunft, in der die Natur zur Seltenheit geworden ist. Reid gestaltete das Plakat „Pussy Riot“ (2012) als Protest gegen die Verhaftung und Inhaftierung von Mitgliedern der gleichnamigen russischen Punkband. Sein Einsatz von Cut-and-Paste-Techniken verleiht seiner Arbeit eine rohe, direkte visuelle Sprache, die eng mit der Punk-Ästhetik verbunden ist, die er selbst mitgeprägt hat.

Reid ist vor allem für seine Entwürfe für die Sex Pistols bekannt, die britische Punkband, die sich mit Musik und Stil der etablierten Ordnung widersetzte. Die Band kritisierte die Regierung, die königliche Familie und den Konsumismus. Reids Entwürfe passten nahtlos dazu. „Anarchy in the UK“ (1976) zeigt einen zerrissenen Union Jack, wobei der Titel scheinbar mit Sicherheitsnadeln und Büroklammern an der Flagge befestigt ist. Die Briefe erinnern an einen Lösegeldbrief. Dieser Collage-Stil verleiht dem Werk einen DIY-Charakter, der typisch für die Punk-Szene ist: Kleidung, Accessoires und vorhandene Bilder wurden geschnitten, bearbeitet und wiederverwendet. Auch für Reid war die Erosion der Symbole des Status quo eine Form des Protests.

Nähere Informationen: Designmuseum Den Bosch, De Mortel 4, ´s-Hertogenbusch, Telefon: +31 736273680, E-Mail: info@designmuseum.nl, Internet: http://www.designmuseum.nl

‚Bewegen‘ im Shoe Quarter

Was sagen uns deine Schuhe über dich aus? Und was passiert, wenn du anfängst, damit zu tanzen? In „Bewegung! – Tanz als Akt der Freiheit“ werden Sie entdecken, wie Tanzschuhe nicht nur Bewegung ermöglichen, sondern auch Geschichten über Freiheit, Identität und Stil erzählen. Vom klassischen Ballett über Breakdance und von Swing bis Vogue: Diese Ausstellung zeigt, wie Schuhe die Tanzfläche und die Gesellschaft bewegen.

Tanz ist mehr als nur ein Schritt oder eine Darbietung. Innerhalb verschiedener Gemeinschaften ist Tanz eine Möglichkeit, sich selbst zu zeigen, Raum zu beanspruchen und sich verbunden zu fühlen. „Beweg dich!“ zeigt, wie Schuhe eine stille, aber kraftvolle Rolle dabei spielen. Eine inspirierende, interaktive Familienausstellung für alle Altersgruppen: von jungen Tanzliebhabern bis hin zu Designkennern.

Nähere Informationen: Shoe Quarter, Raadhuisplein 1, 5141 KG Waalwijk, Telefon: +31 (0)416332738, E-Mail: info@schoenenqwartier.nl

Mach Lärm – Verlangen. Praktikum. Veränderung

„Mach Lärm: Verlangen. Praktikum. Veränderung“ ist die letzte Ausgabe der führenden Positions-Reihe des Van Abbemuseums in ihrer heutigen Form. Für diese Ausstellung, die auf die großen Veränderungen im Museum, in Eindhoven und in der Gesellschaft reagiert, vereint die 2024 ernannte leitende Kuratorin Zippora Elder aktuelle künstlerische Praktiken, die sich durch Kühnheit, Antrieb und Exzentrik auszeichnen. Flexibilität, Choreografie und das Theatralische stehen im Mittelpunkt. Darüber hinaus wird daran gearbeitet, den Museumskontext in eine Klangbox zu verwandeln: eine Bühne und einen Museumsclub zum Zuhören und Auftreten mit mehreren Generationen.

Die Ausstellungen der Positions-Reihe begannen vor zehn Jahren und stehen für Raum für Experimente und unabhängig präsentierte Künstlerpositionen. In Zeiten breiter Sorge fördert „Positions #9“ Bewegung, Verbindung und Präsenz mit einer Mischung aus besonderen Solo-Präsentationen, Auftritten und Workshops: „Macht Lärm, öffnet eure Gefühle, stellt euch euren Wunsch vor und macht eine andere Welt wahr“ ist das Motto.

Nähere Informationen: Van Abbemuseum, Bilderdijklaan 10, Eindhoven, Telefon: +31 402381000, E-Mail: info@vanabbemuseum.nl, Internet: www.vanabbemuseum.nl

State of Wander – Kunst und Natur in Bewegung

Wie betrachten wir die Natur? Und wie beeinflusst unsere Vergangenheit diese Sichtweise? Mit „State of Wander“ erleben die Besucher des Het-Loo-Palastes in Apeldoorn zeitgenössische Kunst, die neue Einsichten ermöglicht. Künstler, Designer und Forscher aus den Niederlanden und dem Ausland lassen sich vom Palast Het Loo inspirieren: vom Palast bis zu den barocken Gärten. Ihre Arbeit lädt einen ein, innezuhalten, umherzuwandern und erneut hinzusehen.

Auf dem Bassecour, im Palast, in den Gärten und im Palastpark entdecken Sie Besucher 11 neue Kunstprojekte. Sie zeigen, wie sich die Vorstellungen von Natur und Mensch im Laufe der Jahrhunderte von der Renaissance bis zur Gegenwart verändert haben.

Diese Werke wurden speziell für Den Het Loo-Palast geschaffen und zeigen, wie sich die Vorstellungen von Natur und Menschen im Laufe der Jahrhunderte verändert haben. State of Wander vermittelt eine neue Perspektive auf Kunst, Kulturerbe und unsere Beziehung zur Natur.

Nähere Informationen: Het-Loo-Palast, Koninklijk Park 16, Apeldoorn, Telefon: +31 55772, E-Mail: info@paleishetloo.nl, Internet: www.paleishetloo.nl

Über das Anderssein

„On Being Elsewhere“ vereint Werke von Tessa Langeveld, Geertje Brandenburg und Rossella Nisio. In dieser Gruppenausstellung blickt das Haus Concordia auf die Schnittstelle von Film und bildender Kunst und zeigt Werke von Künstlern, die mit Film, Video und bewegtem Bild als autonome visuelle Werke experimentieren. Das zentrale Thema der Ausstellung ist die Idee des Zwischenraums, inspiriert vom emotionalen Raum für Bewegung, der in Enschede zu finden ist.

Nähere Informationen: Concordia, Langestraat 56, Enschede, Telefon: +31 5343000999, E-Mail: communicatie@concordia.nl, Internet: www.concordia.nl

Museum Lehmbruck präsentiert: Dejan Sarić. In Between

Vom 3. Juli bis 13. Dezember

Für das Lehmbruck Museum hat der Bildhauer und Maler Dejan Sarić ein Gesamtkunstwerk geschaffen: Malerei, Zeichnung, Objektkunst und Architektur verbinden sich zu einem faszinierenden Kosmos von Farben, Formen und ihren Spiegelungen.

Im Zentrum der Studioausstellung stehen zwei begehbare Installationen, von denen eine speziell für die Räumlichkeiten des Museums entworfen wurde. Es handelt sich um Holzkonstruktionen, die nach außen hin nicht preisgeben, was den Eintretenden im Inneren erwartet. Die erste Version von Place to Be hat im Sommer 2024 im Düsseldorfer Kunstpalast im Rahmen der Ausstellung „DIE GROSSE“ erhebliche Aufmerksamkeit erweckt.

Wer sich in die Konstruktion hineinbegibt, findet sich umgeben von teils farbigen, teils transparenten Streifen und Reflektionen. Bei der Bewegung durch den Raum entstehen fortlaufend neue Eindrücke: Man sieht sich selbst in immer wieder neuen Perspektiven und Ausschnitten. Es entsteht ein Labyrinth, doch die Desorientierung löst in diesem Fall eher Freude als Unbehagen aus. Die beweglichen farbigen Elemente können vom Betrachtenden eigenhändig umpositioniert werden, so dass der Raum sich ständig verändert.

Die neue, speziell für die Ausstellung entwickelte Arbeit kehrt die Position der farbigen Streifen und Spiegel um: Haben vorher die Spiegel die Außenwände gebildet und die Streifen das Innere, so hängen nun zahlreiche Spiegelstreifen von der Decke herab und die Wände sind mit Farbmustern bedruckt. Ein kleiner Lufthauch versetzt die schmalen Spiegel in Bewegung und lässt einen kaleidoskopischen Eindruck entstehen. Unsere Reflektionen und somit auch wir selbst werden Teil des Kunstwerks. Beide Arbeiten spielen mit unserer Wahrnehmung und der Fasziniation von Farben und Spiegelungen. Durch die Kombination von statischen und beweglichen Elementen entstehen dynamische Raumsituationen, die je nach Standpunkt und Bewegung anders wahrgenommen werden.

Zwei frühere Ölgemälde von 2009, die im Bereich der Werkstatt ausgestellt sind, lassen erkennen, auf welcher Basis die farbigen Muster der großen Installationen entstanden sind: Die Innenwände der begehbaren Installationen sind abfotografierte und vergrößerte Bilder dieser Reihe. Es sind Raster aus farbigen, zum Teil leicht verwischten Streifen, die sich überlagern, Zwischenräume und eine netzartige Struktur bilden.

Farbige Ellipsen kennzeichnen die ausgestellte Serie von acht großformatigen Zeichnungen aus dem Jahr 2020. Dejan Sarić spielt hier mit einer Abfolge von Farben, deren Grundmuster, nämlich Form und Anordnung, immer gleich bleibt, nur wird bei jeder Zeichnung jeweils ein Element der vorangegangenen weggelassen. Durch dieses einfache Mittel entstehen immer wieder unterschiedliche Farbstimmungen. Das Format der Zeichnungen entspricht in etwa der Größe eines Menschen, so dass die betrachtenden Personen und die exzentrischen „Augen“ der Ellipsen sich in Blickhöhe gegenüberstehen.

Auf das menschliche Maß bezogen sind auch die 33 kleinen Reliefs, die in der Ausstellung eine lange Reihe bilden. Die aus jeweils vier quadratischen Modulen zusammengesetzen Elemente sind 2024 bis 2026 entstanden und verstehen sich als Modelle für architektonische Räume. Der Maßstab beträgt 1:20, so dass jedes Viertelquadrat etwa zwei Meter hoch und breit ist. Aus den Modulen lassen sich Räume und Korridore, Gassen und Kreuzungen bilden.

So greifen alle Motive und Werkreihen der Ausstellung ineinander und sind zusammengehörige Elemente in verschiedenen Maßstäben. Grundlegend für das Verständnis des Werkbegriffs von Dejan Sarić ist das Gegenüber beziehungsweise das Miteinander von Werk und Mensch. Folgerichtig ist die Präsentation „In Between“ eine Einladung, Kunst nicht nur zu betrachten, sondern sie durch Bewegung und Interaktion zu erfahren.

Biografie

Dejan Sarić wurde 1966 im früheren Jugoslawien, in Smederevska Palanka, Serbien, geboren. Nach einigen Semestern an der Fachhochschule für Medizin in Belgrad begannn er 1989 ein Studium der Malerei an der Fakultät für bildende Kunst der Universität der Künste in Belgrad. 1994 bis 1997 war er dort Meisterschüler an der Fakultät für bildende Kunst bei Prof. M. Stevanović. Von 1998 bis 2002 absolvierte er im Rahmen eines DAAD-Stipendiums ein Gaststudium für Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Magdalena Jetelová. Seit 2010 ist er Mitglied des Vereins der Düsseldorfer Künstler 1844. 2024 begann er eine Tätigkiet als Gastdozent an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, Alfter bei Bonn. Dejan Sarić lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Nähere Informationen: Lehmbruck Museum, Friedrich-Wilhelm-Straße 40, 47051 Duisburg, Telefon: +49 (0)203 283-3294, Fax: +49 (0)203 283-3892, E-Mail: infolehmbruckmuseum.de

Eine neue Website

Das Museum de Fundatie in Zwolle hat eine neue Website. Diese Website wurde unter der neuen Unternehmensidentität des Museum de Fundatie erstellt.

Sie ist frischer, klarer und mit mehr Platz für alles, was das Museum de Fundatie ausmacht: Kunst, Schöpfer, Besucher, Geschichten, Orte und Begegnungen. Die neue Website wurde vom Kreativstudio „Avec Sans“ entworfen und erstellt, und die Inhaltsbearbeitung wurde von der KV Kennisontwikkeling übernommen.

Wer die neue Website besucht, findet schneller den Weg zu dem, was es zu sehen gibt, und erledigt es. Nicht nur in den Museen in Zwolle und Heino, sondern auch entlang der Kunstwegen und an anderen Orten, an denen das Museum de Fundatie Gast ist. Praktische Informationen zu Öffnungszeiten, Tickets, Barrierefreiheit und Barrierefreiheit sind klar organisiert, damit ein Besuch leichter geplant werden kann.

Raum für Vertiefung

Aber die Website ist mehr als nur ein praktischer Leitfaden. Es gibt auch viel Raum für Vertiefung. In neuen Abschnitten können Sie Geschichten hinter Ausstellungen lesen, Künstler treffen, entdecken, wie Kunstwerke und Ausstellungen entstehen, und in die Geschichte des Museums und seiner Sammlung eintauchen.

Familien, Schulen und Besucher mit Fragen zur Barrierefreiheit erhalten ebenfalls einen klareren Platz. Unter dem Titel „Kunst ohne Barrieren“ zeigt das Museum de Fundatie, wie das Museum einen Besuch gewährleistet, der für möglichst viele Menschen angenehm, verständlich und willkommen ist.

Darüber hinaus wird dem gesamten Museumserlebnis mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Ein Besuch im Museum de Fundatie bedeutet nicht nur, Kunst zu betrachten, sondern auch durch besondere Gebäude zu schlendern, durch den Skulpturenpark zu schlendern, im Museumscafé zu plaudern, etwas aus dem Museumsladen zu nehmen oder an einer Aktivität teilzunehmen.

Mit der neuen Website möchte das Museum de Fundatie die Besucher besser in die Vielfalt des Angebotes des Museums einführen. Die Seite orientiert sich an dem Ziel des Museums, ein offener, dynamischer, verbindender und neugieriger Ort für ein breites Publikum zu sein.

Nähere Informationen: Museum de Fundatie, Blijmarkt 20, 8011 NE Zwolle, Telefon 0031 572388188, E-Mail info@museumdefundatie.nl und Internet www.museumdefundatie.nl. Geöffnet ist es dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.

Eine Postkarte führt zum Erfolg

DHM restituiert Bronzerelief an die Stadt Dinant

Manchmal ist es ein unscheinbares Objekt, das eine ganze Geschichte ins Rollen bringt: Im Fall eines Bronzereliefs aus der Sammlung des Deutschen Historischen Museums (DHM) war es eine Postkarte aus dem Jahr 1930. Sie zeigt ein Denkmal in der belgischen Stadt Dinant mit einem Relief, das sich bis vor kurzen in der Sammlung des DHM befand. Erste Recherchen zeigten, dass die Reliefplatte später am Denkmal fehlte.

Die historische Aufnahme wurde zum Ausgangspunkt intensiver, proaktiver Provenienzrecherchen, die nun in der Restitution des Kunstwerks gipfelten: Am 12. Juni 2026 übergab Raphael Gross, der Präsident der Stiftung Deutsches Historische Museum, das Bronzerelief des belgischen Bildhauers Frans Huygelen (*1878 – +1940) im Rahmen einer offiziellen Zeremonie an die Stadt Dinant.

Erinnerung an ein deutsches Kriegsverbrechen

Das um 1927 entstandene Relief war Teil eines Denkmals, das an die Erschießung von über 670 belgischen Zivilistinnen und Zivilisten durch deutsche Soldaten am 23. August 1914 erinnert. Die Ereignisse gehören zu den schwersten Kriegsverbrechen der frühen Phase des Ersten Weltkriegs und prägen bis heute das historische Gedächtnis der Stadt.

Richard Fournaux, Bürgermeister von Dinant, würdigte die Rückgabe als wichtigen Schritt: „Seit den Massakern und der Zerstörung der Stadt am 23. August 1914 fiel es den Einwohnern von Dinant schwer, sich resilient zu zeigen und die Beziehungen zum deutschen Volk wieder aufzubauen. […] obwohl wir alle zu Europäern geworden waren. Im Mai 2001 haben wir gemeinsam unsere Versöhnung gefeiert. Seitdem haben sich die Kontakte vervielfacht.  Die Rückgabe des Bronzereliefs stellt eine neue, äußerst symbolträchtige und feierliche Etappe dar.“

Auch der deutsche Botschafter in Belgien, Martin Kotthaus, betonte die Bedeutung des Ereignisses für die deutsch-belgischen Beziehungen: „Die glückliche Rückkehr des Bronzereliefs […] schließt eine Lücke in der Versöhnung zwischen Dinant, Belgien und Deutschland. […] Gerade heute, da wir wieder Hass und Gewalt im Osten unseres Kontinents sehen, müssen wir uns stets bewusst sein, dass Frieden und Versöhnung möglich, aber nicht selbstverständlich sind. Ein jeder von uns kann dazu beitragen. Jeden Tag. Ich bin […] den Menschen in Dinant zutiefst dankbar für die ausgestreckte Hand und Freundschaft der letzten Jahrzehnte und freue mich sehr, dass das Bronzerelief am 12. Juni 2026 nach Hause kommt.“

Das Relief war 1942 während der deutschen Besatzung auf Anweisung des deutschen Kriegskommandanten von Dinant und Philippeville entfernt worden. Vermutlich wurde es anschließend nach Berlin in das damalige Heeresmuseum im Zeughaus gebracht und ging später mit der Gründung 1952 in den Bestand des Museums für Deutsche Geschichte (MfDG) über. Nach der Wiedervereinigung 1990 übernahm das DHM die Sammlungen des MfDG.

Provenienzforschung mit positiven Konsequenzen

Die Rückgabe des Reliefs steht exemplarisch für die zentrale Aufgabe der Provenienzforschung am DHM: die Herkunft von Sammlungsobjekten zu klären und historische Unrechtskontexte offenzulegen. Raphael Gross unterstrich die Bedeutung der Restitution: „Es ist für das DHM ein wichtiges Anliegen, dass das Werk nun nach fast 100 Jahren an seinen ursprünglichen Ort in Dinant zurückkehrt.“

Mehr als hundert Jahre nach den Ereignissen des Ersten Weltkriegs zeigt dieser Fall, dass Provenienzforschung nicht nur der Klärung von Besitzverhältnissen dient, sondern auch einen Beitrag zu Erinnerung, Verantwortung und Versöhnung leisten kann.

Nähere Informationen: Museumsverein des Deutschen Historischen Museums, Unter den Linden 2, 10117 Berlin, Telefon: +49 30 814535510, E-Mail: kontakt@dhm-museumsverein.de

Neues aus der Welt der Kunst in den Niederlanden

In der neuen Ausgabe der Museumstijdschrift findet der Leser oder die Leserin viele Tipps über Kunstausstellungen in den Niederlanden und manches mehr aus der Welt der Kunst. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Vorschau: Interview mit Carlijn Kingma über die Maschinerie hinter der Wohnungskrise

Eine Schlange führt an den Schaltern vorbei, Geld fließt durch Rohre und Politiker drehen am unteren Ende Hebel. In der monumentalen Zeichnung The Machinery of Public Housing vereint Carlijn Kingma die niederländische Wohnungsnot in einer großen Karte. Ihre gezeichnete Welt ist das Ergebnis umfangreicher Forschung. Kingmas Werk ist ab dem 30. Juni in Singer Laren zu sehen. „Wir haben ein System eingerichtet, das Ungleichheit fördert.“

Am 24. Juni veröffentlichte das digitale Magazin Museumtijdschrift+ ein Interview mit Carlijn Kingma über ihre Arbeitsweise, die Entstehung von „The Machinery of Public Housing“ und die Art und Weise, wie sie komplexe Systeme in Bilder übersetzt. Hier ein Auszug:

Mit dem dünnsten technischen Zeichenstift zeichnete Carlijn Kingma (1991) eine monumentale Karte von 113 mal 150 Zentimetern. Die Maschinerie des öffentlichen Wohnungsbaus zeigt die Wohnungskrise als ein großes, komplexes Apparat, in dem Geldströme, Regeln, Interessen und politische Entscheidungen ständig miteinander interagieren. Links befindet sich der bestehende Wohnungsbestand, rechts die schwächelnde Neubauproduktion. An der Spitze stehen die Banken, unten die politische Arena. Dazwischen bewegen sich Mieter, Hausbesitzer, Wohnungsbaugesellschaften, Projektentwickler und Gemeinden durch dieselbe Maschine.

Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit der Online-Forschungsplattform Follow the Money ins Leben gerufen. Es gibt auch eine animierte Videotour davon. Eine Reproduktion von Die Maschine des öffentlichen Wohnungsbaus wurde zuvor an verschiedenen Orten in den Niederlanden gezeigt, und das Original ist nun erstmals in Singer Laren ausgestellt, zusammen mit mehreren Karikaturen, in denen Kingma einzelne Mechanismen aus der Wohnungskrise weiter erläutert.

Zweitausend Stunden

„Ich begann mit The Machinery of Public Housing ungefähr, als ich mit ihr schwanger wurde.“ Kingma betrachtet das neugeborene Baby auf ihrem Schoß. Es ist ein warmer Tag in einem Jugendstilhaus in Zutphen, wo sie mit ihrem Freund und Partner Thomas Bollen lebt und arbeitet. Ihre Schwangerschaft dauerte neun Monate; Im gleichen Zeitraum arbeitete sie insgesamt etwa zweitausend Stunden an der Zeichnung. Normalerweise zieht sich Kingma während der Zeichnungsphase eines Projekts monatelang zurück. Sie arbeitet lange Stunden und konzentriert sich konzentriert auf das Papier. Mit einem Baby auf dem Schoß ist es weniger einfach, Arbeit und Alltag zu trennen.

„Kunstfertigkeit und Elternschaft zu verbinden, ist ziemlich suchend. Jetzt liegt ein Baby neben mir, wenn ich zeichne. Ich höre draußen mit ihr Podcasts und Hörbücher, und ich habe einen Weg gefunden, mit meinem Skizzenbuch im Kinderwagen zu arbeiten. Dann schaut sie sich ein wenig die Bäume an.“ So wie Arbeit und Privatleben in dieser Zeit miteinander verflochten sind, zeigt Kingma in ihren Zeichnungen, wie soziale Systeme das tägliche Leben beeinflussen – in diesem Fall etwas so Grundlegendes wie Wohnen.

Unbekanntes Gebiet

Nach zwei Jahren Forschung in Zusammenarbeit mit Bollen wandelte Kingma niederländischen Sozialwohnungen in ein gezogenes System um. Wohnen ist eine grundlegende Lebensnotwendigkeit, aber für immer mehr Menschen ist ein Dach über dem Kopf unerreichbar. Laut Kingma und Bollen ist die aktuelle Wohnungskrise nicht von selbst entstanden: Das System wurde so angepasst, dass das Leben immer weniger um ein sicheres und komfortables Zuhause geht und immer mehr um Immobilienbesitz und Kapitalwachstum.

Kingma nennt sich selbst Kartografin. „Für mich kommen hier die Rollen von Forscherin und Künstler zusammen.“ Sie vergleicht ihre Arbeitsweise mit dem Betreten von unbekanntem Terrain. „Es fühlt sich an, als würde ich mit meinem Freund Thomas in ein Land eintreten, in dem ich noch nie war. Wir reisen durch diese Welt, während die Menschen uns den Weg zeigen und sagen: So sieht die Landschaft aus. Die Karte wächst langsam und wird immer detaillierter. Du musst all diese Teile sammeln und sie wie Puzzleteile zusammensetzen.“

Weiterlesen und Gewinnspiel

Das vollständige Interview mit Carlijn Kingma kann seit dem 24. Juni in der Museumtijdschrift+-App in der Museumtijdschrift-App gelesen werden. Am Mittwoch, 1. Juli, wird die Ausstellung von einem Abendprogramm begleitet, mit Carlijn Kingma, Thomas Bollen, der Autorin Maaike Schoon, Professor Edwin Buitelaar und weiteren Rednern. Die Museumstijdschrift kann 2×2 Tickets für das Abendprogramm verschenken.

Nähere Informationen: Museum Singer Laren, Oude Drift 1, 1251 BS Laren, Telefon: (035) 5393939, E-Mail: museum@singerlaren.nl

König eröffnet restauriertes Kunstwerke im Kröller-Müller-Museum später

Eigentlich sollte der niederländische König Willem-Alexander am Freitag, 26. Juni, das restaurierte Kunstwerk „Kijk Uit Attention“ (1986–2005) im Skulpturengarten des Kröller-Müller-Museums in Otterlo eröffnen. Dieser Termin ist wegen der Hitze verschoben worden.

Das Werk von Krijn Giezen (*1939 – +2011) besteht aus einem ungewöhnlichen Spaziergang durch den Wald, der zu einer 87 Meter langen Treppe über den Baumwipfeln führt. Giezen entwarf das Werk eigens für den Skulpturengarten des Kröller-Müller-Museums. Nach einem langen Realisierungsprozess wurde „Kijk Uit Attention“ 2005 vorgestellt. Während der jüngsten Restaurierung wurde die Treppe in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Seitengeländer wurden auch am unteren Teil der Treppe, der im Sand liegt, angebracht.

Die Treppe hat 300 Stufen und bietet einen Blick über einen Teil des Nationalparks De Hoge Veluwe. Seit Samstag, 27. Juni, kann die Öffentlichkeit das Kunstwerk wieder besteigen.

Nähere Informationen: Das Kröller-Müller-Museum ist dienstags bis sonntags von10 bis 17 Uhr geöffnet. Kontakte sind unter der Telefonnummer (0031) 0318 591241, im Internet auf www.kmm.nl und per Email an info@kmm.nl möglich.

Wie Wein im Glas – Kolumne von Pauline Broekema

Als Kolumnistin für die Museumstijdschrift teilt Pauline Broekema in jeder Ausgabe ihre persönlichen künstlerischen Beobachtungen. In dieser Kolumne von Nr. 4 • 2026 trifft sie die Künstlerin und Schriftstellerin Octavie Wolters in ihrem Atelier und dem umliegenden Naturschutzgebiet. Wolters fühlt sich in dieser Natur zu Hause, wo sie Inspiration für ihre Drucke und Texte findet.

In der Nähe ihres Hauses und Ateliers, im ehemaligen Dorf Maasniel, heute ein Stadtteil von Roermond, befindet sich ein Naturschutzgebiet. Der Künstler und Schriftsteller Octavie Wolters (1977) geht dort fast jeden Tag. Immer zusammen mit ihrem Partner und mit Wiesje, dem Hund. Dort zu gehen ist ihre Art, sich zu entspannen, zu entspannen und Inspiration für ihre Arbeit zu sammeln. Es kann alles sein, was sie im Wald, in der Nähe der Felder oder am Wasser betrifft. Eine Elster, die aufblickt, wenn sie vorbeigeht, drei Seidenreiher in einer Reihe oder eine Amsel, deren Krallen fest um einen Ast klammern.

In einer ihrer Sammlungen von Drucken und Kurzgeschichten seufzt sie: „Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, warum um alles in der Welt Menschen die Welt bereisen wollen, wenn so viel Schönheit in Reichweite liegt.“ Kürzlich informierte sie ihre zahlreichen Follower in den sozialen Medien, die sie regelmäßig mit Tipps versorgt, dass ihre Jacke ein imaginäres Etikett hat, auf dem steht: „Mag keine Feiertage“.

Nah an der Heimat

Warum zieht sie es vor, abgesehen von gelegentlichen Ausflügen, in der Nähe ihres Zuhauses zu bleiben? Ich habe sie nicht gefragt, als wir uns kennengelernt haben. Aber wenn ich über unser Gespräch nachdenke und ihre Arbeiten betrachte, Linolschnitte oft in Kombination mit Texten, komme ich wieder zu dem Schluss, dass das, was sie dort um die Ecke findet, für sie genug ist. Das reicht, um zu tun, was sie will. Sie stellt sich vor, was sie berührt und beschäftigt. Noch mehr Eindrücke und Bilder bringen noch mehr Trubel in ihren Kopf. Und so viel muss dort verstaut werden. Denn unzählige Themen halten sie beschäftigt. Zum Beispiel über die Welt nachzudenken, nah und fern, darüber, wie wir Menschen zusammengesetzt sind, was uns verbindet, was Freiheit gibt und was Trost spendet.

Im Kopf Bild formuliert

Von zu Hause aus hat sie viel Liebe zur Natur und Kunst geerbt. Nach dem Studium der niederländischen Sprache und Literatur, nach dem, was sie als ‚einen verschlungenen Weg‘ bezeichnet, wurde die Kunstfertigkeit zum ultimativen Ziel.

Wenn sie während eines Spaziergangs auf etwas stößt, das sie in irgendeiner Weise berührt oder ihr Auge streichelt, beginnt der Prozess. So wie eine Autorin über den Verlauf der Geschichte, die Charakterzeichnung und die Dialoge nachdenkt, formuliert sie in ihrem Kopf das Bild, das sie erschaffen möchte. Sie liebt diesen Prozess. Ich dachte nachts im Bett über diese eine Frage nach. Wie bringe ich aufs Papier, was ich gesehen und gefühlt habe? Das Glück, die Sanftheit, die Inspiration und manchmal der Trost, den sie daraus zog. „Ich mag diese Denkweise“, sagt sie. Es ist wunderbar, ein solches Ausgangsbild, wie Wein im Glas, in meinem Kopf herumtanzen zu lassen und es wachsen zu lassen.“

So entsteht ein Druck. Das Schneiden des darauffolgenden Linoleums ist eine Technik, die zu ihr passt. Sie liebt das Ausbohren, weil es so einen schönen Rhythmus hat und man beim Abschneiden von Linoleum so schön „sauber“ wird.

Scheunenschwalbe

Ich sehe dieses Vergnügen im Rhythmus des Hervorstechens im Druck der Magnolie und der Schlucke. Es ist der Tulpenbaum aus ihrem eigenen Garten. Jedes Jahr ist sie erstaunt, wie der Baum aus dem Winter entsteht und sich im Frühling entfaltet. Man würde denken: Dann gibt sie diesen aufkeimenden Knospen viel Rosa. Aber das tut sie nicht, und dadurch macht sie die Arbeit noch stärker. Die weiße Blüte gab ihnen nur hier und da einen Farbflieger. Dein Auge macht dann den Rest und mischt den rosa Streifen mit dem Weißen. Das verleiht den Blumen ein charakteristisches helles Rosa und bildet einen festlichen Kontrast zum leuchtenden pastellrosa des Himmels.

Die Scheunenschwalbe ist gerade von einer Reise von Tausenden von Kilometern von seinem afrikanischen Nahrungsgebiet zurückgekehrt. Sie feiert den Frühling. Bald wird sie spektakulär mit anderen Schwalben durch die Luft gleiten. Wolters begegnet ihnen regelmäßig in ihrem Wandergebiet. Sie können hinüberfliegen. Manchmal so tief, dass du denkst, du spürst sie. Dass sie dein Gesicht mit ihren Flügelspitzen streifen. Dass sie dich berühren, so wie der Schluck des Drucks es tut.

Kann Liebe ein Foto sein

Bereits seit 40 Jahren arbeiten die international renommierten Fotografen Inez van Lamsweerde (NL, 1963) und Vinoodh Matadin (NL, 1961) zusammen. Dieses besondere Jubiläum ist der Grund, warum das Kunstmuseum Den Haag das Duo, ursprünglich aus den Niederlanden, zu einer großen Retrospektive einlädt, in der sie auf vierzig Jahre künstlerische Zusammenarbeit zurückblicken.

In der Retrospektivausstellung “Can love be a Photograph – 40 Years of Inez & Vinoodh” wird deutlich, dass das Fotografenduo ständig neue Stile und Techniken erkundet. Anfang der 1990er Jahre gehörten sie zu den ersten Fotografen, die die Möglichkeiten der digitalen Bildgebungstechnologie als Medium erforschten. Sie entwickeln einen unverwechselbaren Stil visueller Verführung, kombiniert mit provokativem Erzählen.

Inez & Vinoodh sind sowohl in der Kunst- als auch in der Modewelt tätig. Seit den 1990er Jahren haben sie bahnbrechende Leitartikel für Publikationen wie Vogue, V Magazine, Visionaire, The New York Times Magazine und W Magazine erstellt. Ihr innovativer Ansatz zeigt sich auch in Kampagnen und Modefilmen für Marken wie Balenciaga, Balmain, Calvin Klein, Chanel, Dior, Gucci, Louis Vuitton, Miu Miu, Valentino und Yohji Yamamoto. Darüber hinaus haben Inez & Vinoodh ihr Fachgebiet auf die Welt von Film und Video ausgeweitet. Sie haben bahnbrechende Musikvideos für Künstler wie Lady Gaga, Björk, Rihanna, Kanye West und Paul McCartney sowie andere inszeniert.

Nähere Informationen: Kunstmuseum Den Haag, Stadhouderslaan 41, Den Haag, Telefon: +31 703381111, E-Mail: info@kunstmuseum.nl, Internet: www.kunstmuseum.nl

Staphorst und die Fotografie – Eine schöne und manchmal schwierige Geschichte

Seit 1937 besteht in dem niederländischen Dorf Staphorst ein Fotoverbot. Eine einzigartige kommunale Verordnung, die noch gilt, aber selten durchgesetzt wird. Obwohl Staphorster es nicht mögen, ohne gefragt fotografiert zu werden, ist ihr Interesse an Fotos groß. In der Tradition des Dorfes gibt es eine Reihe fester ‚Fotomöglichkeiten‘, die sich leicht vom Rest der Niederlande unterscheiden. Zum Beispiel gibt es die Hochzeitsfotos, die ‚Danke, dass Sie bei unserer Hochzeit waren‘-Fotos und die jährlichen ‚Schreibtischfotos‘, auf denen alle Mütter mit Kind für die Kinderklinik aufgenommen werden.

Die Spannung zwischen Anziehung und Abstoßung steht im Zentrum dieser Ausstellung, die gemeinsam mit Wim van Sinderen (ehemaliger Kurator des Haager Museum für Foto) als außerordentlicher Berater geschaffen wurde. Der wichtigste gemeinsame Faden sind natürlich die farbenfrohen Kostüme. Ein Phänomen, das allmählich weniger und damit immer interessanter zu fotografieren wird. Bekannte Fotografen wie Stephan Vanfleteren, Annie van Gemert und Martijn van der Griendt arbeiteten an dieser Ausstellung zusammen.

Nähere Informationen: Museum Staphorst, Gemeenteweg 67, Staphorst, Telefon: +31 522462526, E-Mail: info@museumstaphorst.nl, Internet: http://www.museumstaphorst.nl

Zwischen Nonkonformismus und Selbstbefragung – Von Thomas Gatzemeier

1985 war für mich ein Jahr zwischen Hoffnung und Resignation. Das Ausstellungsverbot hatte mich von der Öffentlichkeit abgeschnitten, die Ausbürgerung stand noch bevor. In dieser Zeit entstanden Bilder, die weniger Antworten geben als Fragen stellen – Fragen nach Freiheit, Würde und dem menschlichen Leib.

Mann im Käfig

Das wohl eindrücklichste und aussagekräftigste Gemälde dieses Jahres – im Jahr vor meiner Ausbürgerung aus der DDR – ist die Arbeit „Mann im Käfig“. Ist die „Sitzende“ – weiter hinten im Beitrag – wie auch andere Bilder dieser Zeit noch nah am menschlichen Leib, so beginnt sich dieser beim Mann im Käfig bereits aufzulösen. Die Figur geht einerseits in der Malerei auf, andererseits wird sie zu einer geschundenen, fleischlichen Masse. Der Leib verliert seine Konturen. Er scheint eingezwängt, deformiert und jeder Bewegung beraubt.

Der expressive Duktus verrät meine intensive Auseinandersetzung mit den deutschen Expressionisten. Ebenso beschäftigte ich mich damals mit Willem de Kooning und Francis Bacon. Beide zeigten mir, dass Malerei weit mehr sein kann als die Darstellung eines Menschen. Farbe und Pinselstrich vermögen innere Zustände unmittelbar sichtbar zu machen. Nicht das Abbild interessierte mich, sondern der Ausdruck. Der „Mann im Käfig“ wurde für mich zum Sinnbild der damaligen Situation.

Nach meinem Ausreiseantrag lebte ich mit dem Bewusstsein, dass jederzeit eine Verhaftung möglich sein konnte. Das Ausstellungsverbot, ständige Schikanen und eine völlige Ungewissheit bestimmten den Alltag. Der Käfig steht deshalb nicht nur für einen äußeren Ort. Er beschreibt ebenso einen seelischen Zustand.

Dennoch möchte ich eines anmerken: Starke Kunst entsteht selten im luftleeren Raum. Sie braucht Reibung, Widerstand und Erfahrungen, die nach bildhaftem Ausdruck verlangen. Innere und äußere Bedingungen verdichten sich zu Bildern. Rückblickend gehört „Mann im Käfig“ für mich zu den Arbeiten, in denen dies am unmittelbarsten sichtbar wird.

Licht im Keller

Das Gemälde „Licht im Keller“ besitzt einen ambivalenten Charakter. Einerseits sehen wir zwei nackte Figuren, deren Leiber schutzlos dem Blick des Betrachters ausgesetzt sind. Andererseits erinnert der kahle Kellerraum mit der grellen Lampe an eine Verhörsituation oder einen Ort, an dem Macht ausgeübt wird. Das Bild erzählt jedoch keine konkrete Geschichte. Es lässt Raum für eigene Assoziationen.

Das harte Licht der Lampe trifft die linke Figur beinahe schmerzhaft. Der Leib scheint sich unter der Helligkeit zu winden, als würde das Licht selbst zur Bedrohung werden. Die zweite Figur sitzt mit vor der Brust verschränkten Armen daneben und schaut zu. Sie greift nicht ein. Ob sie Beobachter, Zeuge oder selbst Gefangener ist, bleibt offen.

Mich interessierte damals weniger die Schilderung einer bestimmten Situation als die Atmosphäre. Ein einfacher Kellerraum genügte, um Gefühle von Unsicherheit, Ausgeliefertsein und Verletzlichkeit hervorzurufen. Gerade weil das Bild nichts eindeutig erklärt, entfaltet es seine Wirkung.

Rückblickend sehe ich in „Licht im Keller“ eine Arbeit, in der der menschliche Leib nicht mehr nur dargestellt wird. Er wird zum Träger einer seelischen Verfassung. Das Licht beleuchtet nicht nur die Figuren – es legt ihre Verletzlichkeit offen.

Antike Szene mit Krieger

Auch 1985 beschäftigte ich mich intensiv mit den antiken Mythen, insbesondere mit Homers Odyssee. Mich faszinierte, wie wenig sich der Mensch im Laufe der Jahrtausende verändert hat. Macht, Gewalt, Angst, Hoffnung und Überlebenswille begegnen uns bei Homer ebenso wie in unserer Gegenwart. Wer Geschichte ernst nimmt, erkennt darin weniger vergangene Zeiten als den Menschen selbst.

Die „Antike Szene mit Krieger“ erzählt deshalb keine Geschichte aus der Antike. Sie benutzt die Antike als Spiegel. Der Krieger könnte ebenso gut in Troja kämpfen wie in jeder anderen Epoche. Die Zeiten ändern sich, der Mensch erstaunlich wenig.

Auch hier taucht wieder das Gittermotiv auf. Es erscheint nicht mehr als Käfig, sondern als eine Struktur, die den Bildraum durchzieht und den Leib einengt. Rückblickend erkenne ich darin ein Motiv, das mich in dieser Zeit immer wieder beschäftigte. Wahrscheinlich war es weniger Absicht als Ausdruck meiner damaligen Lebenssituation.

Von heute aus betrachtet wirken viele Bilder des Jahres 1985 erstaunlich dunkel. Das wurde mir allerdings erst bewusst, als ich wenige Tage nach dem Zusammenbruch der zweiten deutschen Diktatur wieder durch die Städte im Osten fuhr. Plötzlich sah ich Farben, die ich jahrelang kaum wahrgenommen hatte. Das Grau des Alltags hatte sich unmerklich auch in meine Palette eingeschlichen.

Vielleicht erklärt das auch, weshalb sich manche Kunsthistoriker bis heute mit der ostdeutschen Malerei jener Jahre schwertun. Wer die Atmosphäre dieser Zeit nicht selbst erlebt hat, betrachtet die Bilder oft nur unter stilistischen oder politischen Gesichtspunkten. Dabei erzählen sie zunächst von einer existenziellen Erfahrung. Man muss sie nicht theoretisch sezieren. Es genügt manchmal, sie einfach anzuschauen.

Paar auf dem Bett

Neben der bedrückenden und oftmals bedrohlichen Lebenssituation jener Jahre ging das Leben natürlich weiter. Und zu diesem Leben gehörten auch Liebe, Erotik und Sinnlichkeit. Das Gemälde „Paar auf dem Bett“ zeigt zwei Menschen beim Liebesspiel. Doch es ging mir nie darum, eine intime Szene zu illustrieren. Mich interessierte vielmehr der menschliche Leib in seiner existenziellen Dimension.

Seit den ersten bildnerischen Darstellungen des Menschen gehört die Darstellung von Erotik selbstverständlich zur Kunst die „Venus von Willendorf“ ist wohl das bekannteste Beispiel aus der Steinzeit.

Auf griechischen Vasen, in römischen Fresken, in den Radierungen eines Rembrandt, den Akten eines Tizian oder später bei Egon Schiele und Pablo Picasso wird der Mensch nicht nur als schönes Wesen gezeigt, sondern als liebendes, begehrendes und verletzliches. Erotik war nie bloß ein Thema unter vielen. Sie gehört zum Menschsein.

Auch in diesem Bild lösen sich die beiden Leiber teilweise in der Malerei auf. Sie verschmelzen miteinander und werden zu einer gemeinsamen Form. Nicht der anatomisch richtige Körper interessiert mich, sondern das Sichtbarmachen einer Erfahrung. Der expressive Farbauftrag und die Überlagerung der Formen sollen das ausdrücken, was sich mit Worten kaum beschreiben lässt.

Wenn ich heute auf diese Arbeit schaue, fällt mir auf, wie selbstverständlich wir damals mit dem menschlichen Leib umgingen. Heute scheint mir der öffentliche Umgang widersprüchlicher geworden zu sein. Einerseits ist der Mensch überall präsent, andererseits wächst die Scheu vor seiner unverstellten Darstellung. Kunst gerät schnell unter Rechtfertigungsdruck. Der nackte Leib wird häufiger moralisch bewertet als künstlerisch betrachtet.

Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb der Mensch in meiner heutigen Malerei kaum noch vorkommt. Nicht weil mich der menschliche Leib nicht mehr interessiert, sondern weil sich der gesellschaftliche Blick auf ihn verändert hat. Eine offene Darstellung verlangt heute bisweilen mehr Rechtfertigung als noch vor vierzig Jahren. Diese Form der stillen Selbstzensur wollte ich für mich nicht akzeptieren. Stattdessen habe ich andere Bildwelten gefunden, in denen ich dieselben Fragen nach Verletzlichkeit, Vergänglichkeit und Schönheit weiterverfolgen kann.

Verbeugung

Auf die sinnliche Nähe des Gemäldes „Paar auf dem Bett“ folgt mit „Verbeugung“ beinahe zwangsläufig die andere Seite menschlicher Beziehungen. Liebe und Begehren gehören zum Leben, aber ebenso Enttäuschung, Trennung und der Wunsch nach Versöhnung.

Die beiden Figuren sind einander zugewandt und doch nicht miteinander verbunden. Die linke Gestalt wirkt verschlossen und abweisend. Die rechte Figur scheint sich weit nach vorn zu beugen, fast als bitte sie um Verzeihung oder darum, die zerbrochene Beziehung wieder aufnehmen zu dürfen. Ob diese Bitte erhört wird, bleibt offen. Gerade dieses Ungewisse verleiht dem Bild seine Spannung.

Mich interessierte nicht die Schilderung einer konkreten Geschichte. Es ging mir um einen Zustand, den wohl jeder Mensch kennt: den Augenblick, in dem Nähe plötzlich Distanz wird und Worte nicht mehr ausreichen. Dann spricht der Leib. Seine Haltung verrät mehr als jedes Gesicht.

Auch malerisch setzt sich hier fort, was bereits in den vorhergehenden Arbeiten manifest ist. Die Figuren beginnen ihre festen Konturen zu verlieren. Arme, Hände und Leiber verschränken sich mit dem Farbauftrag und gehen teilweise in der Malerei auf. Nicht die anatomische Richtigkeit stand im Vordergrund, sondern die Frage, wie sich eine seelische Erschütterung in Farbe und Form übersetzen lässt.

Rückblickend sehe ich „Verbeugung“ als ein Bild über Verletzlichkeit. Nicht die Trennung selbst wird dargestellt, sondern der Moment davor – jener kurze Augenblick, in dem noch Hoffnung besteht und doch bereits spürbar ist, dass sich zwei Menschen voneinander entfernen.

In der Manege

Natürlich war es riskant, sich mit den Machthabern der zweiten deutschen Diktatur anzulegen. Diese Erfahrung bildet den Hintergrund vieler Arbeiten aus dem Jahr 1985. Dennoch erzählen die Bilder keine politischen Geschichten. Sie handeln vom Menschen in Situationen der Unsicherheit und Bedrohung.

Das Gemälde „In der Manege“ zeigt einen Akrobaten, der mit einer maskenartigen Kopfbedeckung an einer frei schwebenden Schaukel hängt. Über ihm, am linken Bildrand, erscheinen lediglich die Füße einer weiteren Figur. Wer dieser Mensch ist, bleibt offen. Ist es ein Artist? Ein Dompteur? Ein Beobachter? Oder gar derjenige, der über das Schicksal des Akrobaten entscheidet?

Mich interessierte gerade diese Ungewissheit. Die Manege erscheint als Ort der Vorführung. Jeder ist sichtbar, jeder wird beobachtet, jeder kann abstürzen. Der Akrobat bewegt sich scheinbar frei durch den Raum und ist doch vollständig von den Gesetzen der Manege abhängig.

Auch die Maske verändert den Blick auf den Menschen. Sie verbirgt die Persönlichkeit und macht aus dem Individuum eine Figur, die stellvertretend für viele stehen könnte. Der menschliche Leib bleibt sichtbar, das Gesicht entzieht sich dagegen jeder eindeutigen Identifikation. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Spannung des Bildes.

Heute sehe ich „In der Manege“ weniger als ein Bild über politische Macht als über die Zerbrechlichkeit menschlicher Freiheit. Die Manege wird zum Sinnbild einer Welt, in der jeder seinen Platz kennt, beobachtet wird und jederzeit den Halt verlieren kann.

Der Affektierte

Heute begegnet man immer wieder Kunstwissenschaftlern, die das künstlerische Selbstbildnis kurzerhand in die Schublade des Selfies stecken. Das wirkt auf mich ungefähr so, als würde man Michelangelos David mit einer Schaufensterpuppe vergleichen. Beides stellt einen Menschen dar – mehr Gemeinsamkeiten gibt es kaum.

Seit Jahrhunderten gehört das Selbstbildnis zu den wichtigsten Aufgaben der Malerei. Rembrandt, Dürer, van Gogh, Käthe Kollwitz oder Francis Bacon nutzten den eigenen Leib nicht aus Eitelkeit, sondern als Gegenstand der Selbstbefragung. Das Selbstbildnis ist kein Blick in den Spiegel, sondern ein Blick nach innen.

In meinem Selbstbildnis „Der Affektierte“ stelle ich mir dieselben Fragen. Wer bin ich? Wie sehen mich andere? Und sehe ich mich selbst vielleicht ebenso? Die Hände tasten das Gesicht beinahe suchend ab. Sie wirken, als wollten sie eine Maske abnehmen oder prüfen, was hinter der eigenen Erscheinung verborgen liegt.

Der Titel ist bewusst doppeldeutig gewählt. Ist die dargestellte Figur tatsächlich affektiert? Oder ist es lediglich der Blick des Betrachters, der sie so wahrnimmt? Das Bild gibt darauf keine Antwort. Es lebt gerade von dieser Unsicherheit.

Rückblickend erkenne ich darin eine Arbeit, die weniger ein Porträt als eine Selbstuntersuchung ist. Der menschliche Leib wird zum Medium der Frage nach der eigenen Identität. Vielleicht gehört gerade diese Bereitschaft, sich selbst ebenso kritisch zu betrachten wie die Welt um sich herum, zum Wesen jeder ernsthaften Kunst.

Ein Paar

Ist es ein griechischer Gott, der die Frau umklammert und davonträgt? Oder sehen wir lediglich ein Paar in einer dramatischen Umarmung? Das Bild beantwortet diese Frage nicht. Es bewegt sich bewusst zwischen Mythos und Wirklichkeit.

Unwillkürlich denkt man an die großen Raubgeschichten der Kunstgeschichte. An den Raub der Sabinerinnen, an Europa und den Stier, an Persephone, an jene antiken Mythen, in denen Liebe, Macht, Gewalt und Schicksal untrennbar miteinander verbunden sind. Solche Motive beschäftigten Künstler über Jahrhunderte. Nicht weil sie Entführungen verherrlichten, sondern weil sie extreme menschliche Situationen sichtbar machten.

Auch mich interessierte damals weniger eine konkrete Geschichte als die Verdichtung einer existenziellen Erfahrung. Der menschliche Leib wird zum Ausdrucksträger von Kraft und Gegenkraft, von Nähe und Widerstand. Die beiden Figuren verschmelzen beinahe zu einer einzigen Form. Wer trägt wen? Wer hält fest? Wer befreit sich? Das bleibt offen.

Natürlich stellt sich auch die Frage, weshalb ein Maler überhaupt ein solches Motiv wählt. Geht es um den Mythos? Um die Erzählung? Ich glaube, eher nicht. Malerei lebt von Spannung. Sie braucht Gegensätze, Bewegung und Reibung. Harmonie allein ergibt selten ein starkes Bild. Erst dort, wo Kräfte aufeinanderstoßen, beginnt Malerei lebendig zu werden.

Vielleicht erklärt das auch, weshalb Künstler seit Jahrtausenden auf dieselben Themen zurückkommen. Nicht weil sie alte Geschichten nacherzählen möchten, sondern weil sich am Menschen wenig verändert hat. Liebe, Begehren, Verlust, Macht und Gewalt gehören zu den Konstanten unserer Existenz. Jede Generation findet dafür ihre eigene Bildsprache.

Sitzende

Nach den vielen Bildern voller Bedrohung, Unsicherheit, Erotik und Selbstbefragung erscheint die „Sitzende“ beinahe wie ein Ruhepol. Die Dramatik ist nicht verschwunden, sie hat lediglich ihre Gestalt verändert. Sie ist nach innen gewandert.

Die junge Frau sitzt zusammengesunken auf einem Stuhl. Sie verbirgt ihr Gesicht hinter den Armen. Ob sie schläft, nachdenkt oder verzweifelt ist, bleibt offen. Gerade diese Offenheit macht das Bild für mich bis heute interessant. Es erzählt keine Geschichte und verlangt keine eindeutige Deutung.

Mich beschäftigte damals weniger die Darstellung eines Modells als die Frage, wie sich eine innere Verfassung malerisch ausdrücken lässt. Der menschliche Leib spricht oft deutlicher als ein Gesicht. Die Haltung verrät Erschöpfung, Rückzug oder Nachdenklichkeit. Jeder Betrachter wird darin etwas anderes erkennen.

Rückblickend sehe ich in der „Sitzenden“ irgendwie einen Schlusspunkt dieser Werkgruppe die ich bisher hier vorgestellt habe. Viele der Themen des Jahres 1985 sind hier noch einmal gegenwärtig: die Konzentration auf den menschlichen Leib, die Reduktion auf das Wesentliche und die Suche nach einer Malerei, die nicht illustriert, sondern Erfahrungen sichtbar macht.

Vielleicht braucht jede Werkgruppe einen Moment der Ruhe. Nach den Käfigen, den Mythen, den Liebenden, den Kriegern und den Selbstbefragungen bleibt am Ende ein Mensch, der schweigt. Später werde ich weiter daran arbeiten. Denn auch das Schreiben ist eine Form der Selbstvergewisserung.

Als diese Bilder entstanden, wusste ich nicht, dass ich sie einmal als zusammenhängende Werkgruppe betrachten würde. Ich malte nicht für eine Ausstellung und schon gar nicht für den Kunstmarkt. Ich malte, weil ich gar nicht anders konnte. Vierzig Jahre später erkenne ich, dass all diese Arbeiten dieselben Fragen umkreisen: Freiheit und Begrenzung, Nähe und Distanz, Mythos und Wirklichkeit, vor allem aber den menschlichen Leib als Ausdrucksträger existenzieller Erfahrungen.

Der Nonkonformismus jener Jahre war für mich nie Selbstzweck. Er ergab sich aus dem Versuch, den eigenen Weg zu gehen und der Malerei treu zu bleiben. Vielleicht verbindet genau das diese Bilder bis heute – nicht ihre Entstehung in einer Diktatur, sondern ihre Weigerung, einfache Antworten zu geben. Später – im Westen – musste ich mich dann mit Kunst gegen Gewalt beschäftigen.

Zum Autor:

Am dunkelsten Tag des Jahres 1954 im sächsischen Döbeln geboren, wurde Thomas Gatzemeier ungefragt von einem katholischen Pfarrer getauft.

Als Kind buk er heimlich einen Kuchen, der als Brot gut ankam. Dieses scheinbare Missgeschick inspirierte ihn dazu, eine Ausbildung als Schrift- und Plakatmaler zu absolvieren, um Pinsel und Stift zu beherrschen. Er arbeitete anschließend auch als Steinmetzgehilfe und Grabsteindesigner. Nach dieser Grundausbildung studierte er Malerei und Grafik an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo Arno Rink und Volker Stelzmann zu seinen Lehrern zählten. 1980 beendete er sein Studium und ist seitdem als freier Künstler, Autor, Kunsthändler, Blogger und Freizeitkoch tätig.

Konflikte mit den Machthabern der SBZ und ein mehrjähriges Ausstellungsverbot bewegten ihn 1986 dazu, die SBZ zu verlassen. Danach lebte er vorwiegend in Karlsruhe, verbrachte aber auch längere Zeit in Zürich und nahe Worpswede. Von 2006 bis 2015 hatte er ein weiteres Atelier in Leipzig. Nach 34 Jahren Hauptwohnsitz in Karlsruhe verlegte der Wanderer zwischen den Welten im Februar 2020 seinen Wohnsitz endgültig nach Leipzig.

Nähere Informationen: Thomas Gatzemeier, Gottschallstraße 24, 04157 Leipzig, Telefon: 0172 610 25 35, E-Mail: info@thomas-gatzemeier.de