Karel Čapek: Der Krieg mit den Molchen

Der visionäre Weltbestseller aus dem Jahr 1936 neu übersetzt

In einer Bucht vor Sumatra entdeckt Kapitän Jan van Toch eine ungewöhnlich intelligente und lernfähige Spezies von Riesenmolchen. Er richtet sie darauf ab, Perlen zu fischen, und baut schnell ein florierendes und expandierendes Geschäft auf. Nach seinem Tod verkaufen seine Geschäftspartner die sich schnell vermehrenden Molche als billige Unterwasser-Arbeitskräfte in die ganze Welt. Mittlerweile haben sie schon zu sprechen und den aufrechten Gang gelernt – und wurden sogar für gefährliche Kriegseinsätze trainiert und mit Waffen ausgestattet. Plötzlich wendet sich das Blatt, und die Molche lehnen sich gegen die Menschen auf: ein unbarmherziger Krieg beginnt. Mit seinem beißenden Witz und Erfindungsreichtum sowie seiner großen stilistischen Bandbreite lässt sich Karel Čapeks überraschend aktueller Klassiker von 1936 in Doris Koubas verspielter Neuübersetzung als eindringliche Warnung nicht zuletzt vor blindwütigem Fortschrittsglauben, kapitalistischer Ausbeutung und aufziehendem Faschismus lesen.

»Lange hat mich keine Erzählung mehr so gefesselt und gepackt. Ihr satirischer Blick für die abgründige Narrheit Europas hat etwas absonderlich Großartiges.«
Thomas Mann über »Der Krieg mit den Molchen«

Leseprobe

1. Der merkwürdige Kapitän van Toch

Sollten Sie einmal auf einer Landkarte die kleine Insel Tana Masa suchen, finden Sie selbige direkt auf dem Äquator, etwas westlich von Sumatra; aber wenn Sie an Bord der Kandong Bandoeng Kapitän van Toch fragen, bei welcher Insel er hier gerade vor Anker geht, wird er ein Weilchen schimpfen und dann sagen, Tana Masa sei das dreckigste Nest der gesamten Sunda-Inseln, genauso verflucht wie Pini oder Banyak und noch übler als Tana Bala; und der einzige hier lebende – mit Verlaub: Mensch, denn die lausigen Batak zählten nicht mit – sei ein ständig besoffener Handelsagent, Mischling, halb Kubu, halb Portugiese, und gottloserer Betrüger und schlimmeres Schwein als Kubu und Weißer zusammen; »und wenn auf dieser Welt irgendetwas verflucht ist, mein Herr, dann das verfluchte Leben auf der verfluchten Insel Tana Masa«. Worauf Sie vielleicht fragen werden, warum er dann ausgerechnet hier seinen verfluchten Anker wirft für, scheint’s, ganze drei verfluchte Tage; darauf wird der Kapitän verärgert schnauben und raunzen, seine Kandong Bandoeng steuere er nicht nur wegen irgendeiner verfluchten Kopra oder wegen Palmöl her, das verstehe sich von selbst, »und im Übrigen, mein Herr, geht Sie das gar nichts an – ich kümmere mich hier um meine verfluchten Befehle, und Sie, mein Herr, kümmern sich bitte um Ihren eigenen Kram«. Und dann wird Kapitän van Toch lang und breit losschimpfen, wie sich das für einen älteren, aber noch durchaus rüstigen Kapitän auf großer Fahrt gehört.

Sobald Sie Kapitän van Toch jedoch Ihre vorlaute Fragerei ersparen und ihn einfach weiterraunzen und schimpfen lassen, erfahren Sie mehr. Man sieht ihm an, dass er etwas auf dem Herzen hat; sobald Sie ihn lassen, kommt ihm die Galle hoch. »Sehen Sie, mein Herr«, beschwert er sich, »diese Kerls bei uns in Amsterdam, diese verfluchten Juden da oben, entscheiden: Perlen, Mensch – das ist es! Auf zur Jagd nach Perlen, weil Perlen, da sind jetzt alle ganz verrückt nach!« Und dann spuckt der Kapitän verächtlich aus. »Das weiß man doch, von wegen Pinkepinke in Perlen anlegen. Das kommt davon, dass ihr Menschen immer irgendetwas wollt, irgendeinen Krieg anzetteln oder so. Angst ums Geld, das ist alles. Und das, mein Herr, nennt man dann Krise.« Kapitän van Toch überlegt, ob er sich einlassen soll auf ein Gespräch über Volkswirtschaft, denn die ist ja nun in aller Munde. Doch dafür ist es hier vor Tana Masa zu heiß und der Kapitän zu träge, so dass er lediglich abwinkt und brummt: »Perlen, das sagt sich so leicht, mein Herr – auf Ceylon ist der Bestand auf fünf Jahre im Voraus geplündert, und auf Formosa ist das Perlenfischen schlicht verboten. Und dann heißt es: ›Kapitän van Toch, auf zu neuen Jagdgründen! Versuchen Sie’s doch mal bei diesen verfluchten Inselchen, vielleicht finden Sie dort noch ganze Perlmuschelbänke …‹ «

Biografisches zu Karel Čapek

Karel Čapek, (* 9. Januar 1890 in Malé Svatoňovice, Österreich-Ungarn; † 25. Dezember 1938 in Prag, Tschechoslowakei) war ein tschechischer Schriftsteller, Übersetzer, Journalist und Fotograf. Er gilt als einer der wichtigsten Autoren der tschechischen Literatur des 20. Jahrhunderts und ist für seine Science Fiction bekannt, darunter der Roman Der Krieg mit den Molchen und Schauspiel R.U.R., auf welches das internationale Wort „Roboter“ zurückgeht. Neben Prosawerken und Dramen verfasste Čapek auch zahlreiche Feuilletons, Kinderbücher und Reiseberichte.

Karel Čapek war der Sohn des Landarztes Antonín Čapek und der Božena Čapková, geborene Novotná. Er wuchs mit seinen älteren Geschwistern Helena und Josef in der ostböhmischen Kleinstadt Úpice auf. Die Geschwister verbrachten die Ferien regelmäßig im nahegelegenen Hronov, wo die Großeltern eine Mühle besaßen. Nach der Grundschule in Úpice besuchte Čapek ab 1901 das Gymnasium in Königgrätz, das er 1905 aufgrund der Gründung eines geheimen antiösterreichischen Schülervereins vorzeitig verlassen musste. Er wechselte nach Brünn, wo seine Schwester mit ihrem Ehemann, dem Rechtsanwalt František Koželuha, lebte. 1907 übersiedelte er gemeinsam mit seinen Eltern an die Prager Kleinseite. In Prag traten er und sein Bruder Josef stets als Einheit auf (Gebrüder Čapek). Sie kleideten sich als exzentrische Dandys und publizierten gemeinsam verfasste Geschichten und journalistische Beiträge. Karel absolvierte 1909 die Matura am Akademischen Gymnasium.

Von 1909 bis 1915 studierte er an der Philosophischen Fakultät der Prager Karls-Universität, dazwischen auch an der Berliner Universität und zusammen mit seinem Bruder an der Sorbonne. Rasch wurden die beiden Brüder Teil des vibrierenden kulturellen Lebens von Paris. Ab seinem 21. Lebensjahr litt Karel Čapek an der Bechterewschen Krankheit, weshalb ihn zeitlebens chronische Schmerzen plagten.[4] Wegen seiner Krankheit wurde er im Ersten Weltkrieg nicht eingezogen.

Am 29. November 1915 promovierte Čapek mit einer Arbeit über Ästhetik zum Doktor der Dr. phil. Er war kurzfristig 1916/1917 als Erzieher beim Grafen Prokop Lažanský auf Schloss Chyše und als Bibliothekar des Museums des Königreichs Böhmen tätig. Ab 1917 wirkte Čapek als Journalist bei den Národní listy. Da ihn die nationalistischen Tendenzen der Zeitung nach Kriegsende störten wechselte er 1920 als Redakteur zu den Lidové noviny. Čapeks Übersetzungen moderner französischer Poesie wurde von der dichterischen Avantgarde um Vítězslav Nezval begeistert aufgenommen. Daneben war er von 1921 bis 1923 Dramaturg und Regisseur am Prager Theater in den Weinbergen.

Čapek gilt als der Hauptinitiator des Stammtisches Pátečníci, der Freitagsrunde, die sich ab 1925 meist in seiner Wohnung traf und der neben den Gebrüdern Čapek und weiteren Intellektuellen auch der tschechoslowakische Präsident Tomáš Garrigue Masaryk angehörte. Von 1925 bis 1933 gehörte Karel Čapek dem tschechoslowakischen PEN-Klub an. 1923 bereiste er Italien, 1924 England, 1929 Spanien, 1931 Holland, 1936 Dänemark, Schweden und Norwegen.

Čapek heiratete am 26. August 1935 nach 14 Jahren Bekanntschaft die Schauspielerin und Schriftstellerin Olga Scheinpflugová (1902–1968), eine Tochter des Journalisten Karel Scheinpflug. Von einer Hochzeit war ihm aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands jahrelang abgeraten worden. Als Hochzeitsgeschenk erhielten die Eheleute vom Generaldirektor der Dobříšer Hüttenwerke Václav Palivec eine Villa am Teich Strž bei Stará Huť zur lebenslangen Nutzung. Die Villa wurde zu Čapeks letztem Hauptwohnsitz. Bei der Beseitigung von Hochwasserschäden am Strž zog sich Čapek eine Lungenentzündung zu, an der er verstarb. Am 29. Dezember 1938 wurde er auf dem Vyšehrader Friedhof beigesetzt.

Werk

Karel Čapek widmete sich einem breiten Arbeitsfeld: Realismus, Drama und Utopische Literatur. Sein Werk gilt als meisterhaftes Beispiel der tschechischen Sprache. Inhaltlich finden sich eine klare Beobachtungsgabe der Gesellschaft sowie häufig ein satirischer, treffsicherer Humor. International ist Karel Čapek für seine Werke bekannt, die der Science-Fiction zugerechnet werden. Er steht darin Schriftstellern wie Aldous Huxley und George Orwell nahe.

Viele von Karel Čapeks Werken behandeln ethische Aspekte neuer Entwicklungen, wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts absehbar waren. Beispiele sind die industrielle Massenproduktion, Massenvernichtungswaffen oder die Begegnung mit anderen Intelligenzen (Roboter in R.U.R., Amphibien in Der Krieg mit den Molchen). Der Roman Das Absolutum oder die Gottesfabrik zeichnet ein pessimistisches Bild vom Umgang der Menschen mit ungeahnten Möglichkeiten. Bei der Atomspaltung wird nebenbei das „Absolutum“ freigesetzt, die Essenz des Göttlichen. Seine Verfügbarkeit gibt der Menschheit theoretisch Zugang zu Utopia, doch Machtdenken und Selbstsucht führen zu Sektierertum und Missionsbewegungen sowie schließlich zu einem sinnlosen, weltweiten Krieg. Noch düsterer ist „Krakatit“ (1924) mit seinem besessenen, an Dostojewski gemahnenden Helden, der das Zerstörungspotential der Atomkraft entfesselt.

Daneben verfasste Karel Čapek Detektivgeschichten, Romane, Märchen und Schauspiele; auch ein Buch zum Gartenbau stammt aus seiner Feder. Ein immer wiederkehrendes Thema ist die Frage „Was ist Wissen“, die insbesondere in „Das Absolutum oder Die Gottesfabrik“ und in der Romantrilogie bestehend aus „Hordubal“, „Ein Meteor“ und „Ein gewöhnliches Leben“ beleuchtet wird. Čapek war insgesamt sieben Mal für den Nobelpreis für Literatur nominiert, erhielt ihn aber nie.

Philosophische und gesellschaftspolitische Positionen

In seiner Studienzeit wurde Čapek von der amerikanischen Philosophie des Pragmatismus beeinflusst, der ihn mit seinem Fokus auf die praktischen Wirkungen des Handelns überzeugte. In seinen Werken warnt Čapek vor kommenden Katastrophen. Zudem sieht er die Macht der Diktaturen voraus, prangert die Übermacht von Industriekonzernen an und mahnt ganz allgemein einen Platz für den Einzelnen an. Ray Bradbury, Salman Rushdie und Brian Aldiss sowie Dan Simmons können zu den literarischen Erben Karel Čapeks gezählt werden.

Seine produktivste Schaffensperiode lag in der Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik (1918–1938). Mit Präsident Masaryk verband ihn eine enge Freundschaft. Diese Beziehung zwischen Schriftsteller und Politiker hat später Václav Havel inspiriert. In den 1930-er Jahren setzte Karel Čapek sein literarisches Talent zunehmend dafür ein, um vor der Bedrohung durch Nationalsozialismus und Faschismus zu warnen. Im Drama Die weiße Krankheit zeigt er die Gefahr aufziehender totalitärer Regimes und ihrer Kriegsabsichten auf. Der „Marschall“, Hitler gemeint, wird dort zitiert: „So eine kleine Nation hat gar kein Recht auf Leben“.

Der Gestapo galt Čapek (nach dem Präsidenten Masaryk) als „Staatsfeind Nummer 2“. Die Zerschlagung der Tschechoslowakei musste er nicht mehr miterleben. Sein Bruder Josef wurde bereits 1939 als einer der Ersten verhaftet. Er durchlitt die KZs in Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen, bis er schließlich Anfang April 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Fleckfieber starb.

Nachwirkung

Im Drama „R.U.R.“ taucht erstmals der Begriff Roboter (robot) auf, der heute in zahlreichen Sprachen Verwendung findet. Das Wort wurde von Josef Čapek geprägt, der es aus dem westslawischen robota (Fronarbeit bzw. ursprünglich Arbeit allgemein) ableitete.

Nach dem Februarumsturz 1948 tat sich das kommunistische Regime der Tschechoslowakei schwer, Karel Čapek anzuerkennen, da er nie von der Überlegenheit einer Diktatur des Proletariats gegenüber anderen Gesellschaftsformen überzeugt gewesen war. Zudem war er eine Symbolfigur der „bourgeoisen“ Ersten Republik. Trotzdem stellte das Regime den weltweit bekannten Erfolgsautor und Antifaschisten nicht ganz ins Abseits. Ab 1954 erschienen Čapeks Werke stark zensiert in mehreren Auflagen in der Tschechoslowakei, übersetzt auch im Aufbau-Verlag in der DDR sowie in anderen Ländern des Ostblocks. Ideologisch nicht konforme Werke wurden dabei außen vor gelassen.

Der Asteroid (1931) Čapek trägt seinen Namen. In seinem letzten Wohnsitz bei Stará Huť befindet sich seit 1963 eine Gedenkstätte, in seinem Geburtsort Malé Svatoňovice im Okres Trutnov ein Museum. Seit 1994 wird der Karel-Čapek-Preis vergeben. (Quelle: Wikipedia)

Karel Čapek: Der Krieg mit den Molchen, Verlag: S. FISCHER, übersetzt von: Doris Kouba, ISBN: 978-3-10-397652-6

Ruge – Der Reporter des 20. Jahrhunderts

Biografie von Christian Neef

Moskau, Peking, Washington, Pasternak und Perestroika, chinesische Kulturrevolution, amerikanische Bürgerrechtsbewegung und deutsche Ostpolitik … Gerd Ruge war ein entscheidender Protagonist des demokratischen Journalismus nach 1945, der den Menschen in Deutschland ein Fenster zur Welt geöffnet hat.

Den Menschen zuhören und sie verstehen – kaum einer hat diese Prämisse mehr beherzigt als Gerd Ruge. Bis heute verkörpert er das, was man unter objektivem und dennoch empathischem Journalismus versteht. Christian Neef hat seinen in Deutschland einzigartigen, umfangreichen Nachlass gesichtet. Seine Biografie zeichnet nicht nur das Leben dieses außergewöhnlichen Reporters nach, sondern erzählt auch von den wichtigsten weltpolitischen Umbrüchen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Ruge oft direkt vor Ort erlebte.

„Ruge neigte niemals zur Hektik, spielte sich nicht auf, sondern blieb seinem Stil treu: mit ruhigen Fragen dem Zuschauer Einsicht in Entwicklungen in der Welt zu geben. Er hat den Deutschen beigebracht, sich nicht so wichtig zu nehmen in der Welt. So, wie er selbst sich nicht so wichtig genommen hat. Dabei war er einer der Wichtigsten“, sagt Klaus Hillenbrand von der taz. Und eine Kollegin ergänzt: „Es war faszinierend, ihm zu zuhören und bei der Arbeit zuzuschauen. Ihm verdanke ich wundervolle Einblicke in meinen Beruf“, schreibt die ZDF-Aulsandskorrespondentin Katrin Eigendorf in ihrem Buch „Erzählen was ist“.

Zum Autor

Christian Neef, geboren 1952 im brandenburgischen Perleberg, studierte in Leipzig Journalistik und Geschichte. Der ausgewiesene Experte für Russland, Osteuropa und Afghanistan lebte 16 Jahre in Moskau. U. a. war er zehn Jahre stellvertretender Auslandschef des Spiegel. Heute arbeitet er als freier Autor zu Themen über Russland und Osteuropa. Er veröffentlichte mehrere Bücher zur russischen Geschichte, zuletzt über den Untergang der deutschen Gemeinde von St. Petersburg nach 1917.

Leseprobe

„Eine ruhige Straße am Rande des Münchner Stadtbezirks Bogen-
hausen. Gepflegte Villen und Einfamilienhäuser stehen hier, Wohn-
orte für gut situiertes Bürgertum. Es gibt viel Grün, aber auch die
alten Gründerzeitbauten sind nicht weit und jene Stelle, an der in der
Poschingerstraße einst die Thomas-Mann-Villa stand.
Das Haus, in dem der Journalist Gerd Ruge bis zu seinem Tode
lebte, fällt aus dem Rahmen. Es ist eine lang gezogene Wohnanlage
aus Beton, zur Zeit der Olympischen Spiele Anfang der 1970er-Jahre
erbaut. Häuser dieser Art werden heute als brutalistisch abgetan,
weil der Beton auch an der Fassade und im Innenraum genüsslich
zelebriert worden ist. Aber dieses Haus ist keine jener Wohnmaschi-
nen, die im Stil des »béton brut« entstanden, sondern elegant im
orangefarbenen Innern, mit viel Holz, Stahl und Glas sowie enorm
großen Terrassen auf beiden Seiten, fast so groß wie die Innenräume.
Diese Terrassen waren Ruges Welt, er liebte sie, weil sie von Meisen,
Zaunkönigen, Amseln und Rotkehlchen bevölkert waren, manch-
mal auch von Eichhörnchen. Deswegen wollte er hier nicht weg,
selbst als er das verlockende Angebot einer großen Altbauwohnung
in Schwabing bekam.
Er hatte zwei Wohnungen zu einer zusammengelegt, schon um
seine Bibliothek mit den mehreren Tausend Bänden unterzubekom-
men. Jeder, der ihn besuchte, bestaunte die vielen Bücher und Schall-
platten, die er von seinen Aufenthalten in Russland, Amerika und
China mitgebracht hatte, auch die Rollbilder, Plastiken, Ikonen und
kunsthandwerklichen Objekte – ein Sammelsurium, das in den Jahr-
zehnten seiner Korrespondentenarbeit zustande gekommen war und 12
bei dessen Betrachten man spürte, dass es sich vor allem um Erinne-
rungsstücke handelte.
Zwei Etagen tiefer, das sahen die Besucher nicht, hatten sich in
einem riesigen, vollgestopften Hobbyraum Schätze ganz anderer
Art angehäuft. Dort waren Dutzende Kisten und Kartons gestapelt,
dazwischen lagerten Taschen und selbst Plastiktüten – die Hinter-
lassenschaft eines Journalistenlebens. Diese hatte sich über die Zeit
auch auf die Keller eines weiteren Hauses sowie auf die Wohnung
selbst verteilt, in ziemlich chaotischer Manier.
Gerd Ruge starb im Oktober 2021, im 94. Lebensjahr. Als seine
Tochter die Wohnung aufzulösen begann, fand sie diesen Nach-
lass. Was quoll in den Kellern und in der Wohnung nicht an den
unterschiedlichsten Stellen hervor! Ordner und Hefter, Dokumen-
tenmappen und lose Papiere – in kleinen Koffern oder Schubläden
aufbewahrt –, ganze Briefstapel und Unmengen an Fotos. Selbst im
alten Bauernschrank in der Wohnung waren noch irgendwelche
Akten untergebracht.
Erst nach und nach ließ sich der Faden in diesem Knäuel finden,
an dem entlang man den Fund ordnen konnte. Es zeigte sich, dass
diese Hinterlassenschaft eine Art Chronik ist und die Geschichte von
mehr als 70 Jahren widerspiegelt – anhand von Manuskripten und
Sendeberichten, Presseartikeln und Rezensionen sowie dienstlichen
und privaten Briefen, die bereits Ende der 1930er-Jahre beginnen.
Der Fund entpuppte sich als ein Geschichtsbuch der bewegten Jahr-
zehnte nach dem Zweiten Weltkrieg – ja als eines der in Deutschland
politisch vielleicht interessantesten Archive der Nachkriegszeit.“

Christian Neef, Ruge – Der Reporter des 20. Jahrhunderts, Propyläen Verlag, Einbandart, Hardcover mit Schutzumschlag, Seitenanzahl, 496 Seiten, ISBN 9783549110133

Ein Mann zwischen drei Frauen im Schatten des Holocaust

Isaac B. Singers Roman „Feinde, die Geschichte einer Liebe“

„Nie zuvor gab es bei den sonst eher langweiligen Nobelfeiern so viel zu lachen … Endlich begegnet man einem Nobelpreisträger, der ausgesprochenen Humor hat, seine Umwelt und sich selbst nicht so tierisch ernst nimmt, allen zugänglich ist und frisch von der Leber weg über alles zwischen Himmel und Erde plaudert“, heißt es in einem von dem Journalisten E. Michael Salzer geschriebenen Text über die 1978 erfolgte Übergabe des Literaturnobelpreises an den aus Polen stammenden und bis zu seinem Tod in den USA lebenden Schriftsteller Isaac Bashevis Singer.

Blickt man auf dessen Biographie lässt die Beschreibung Salzers nichts oder scheinbar nichts davon ahnen. 1902 in Leoncin in Polen geboren, wächst Singer in der Familie eines pietistischen Rabbis auf, der aus religiösen Gründen in puritanischer Manier auf jeglichen Luxus und die Wohnung dekorierende Elemente wie Gemälde, Statuen, Teppiche verzichtete. Viele weltliche Dinge wie Theaterbesuche oder sogar die Vergnügungen am jüdischen Purimfest waren im Hause Singer verpönt, da der Vater sie als nichtigen und sündigen Tand ablehnte.

Wie Professor Lars Gyllenstein in seiner Verleihungsrede bei der Überreichung des Nobelpreises formuliert, ist die Welt, in der Singer aufwächst, „die Welt des osteuropäischen Judentums – zugleich sehr reich und sehr arm, eigenartig und exotisch, aber – hinter seiner fremdartigen Gewandung – auch vertraut mit jeder nur denkbaren menschlichen Erfahrung. Diese Welt wurde ausgelöscht durch eines der brutalsten Verbrechen, das je über die Juden und andere Menschen in Polen gekommen ist.“ Gyllenstein spricht damit den durch das deutsche Nazi-Regime begangenen Massenmord nach der Eroberung Polens im Jahre 1939 an. Dieses Schicksal wird Singer erspart bleiben, da er 1935 durch seinen älteren Bruder, der 1933 in den Redaktionsstab der großen jiddischen Tageszeitung Forverts nach New York berufen worden war, die Chance erhält, in die USA einzureisen.

Erste Einflüsse

Was Singer schon sehr früh beeinflusst, ist die jiddische Sprache. Nach den Ausführungen Gyllensteins ist sie „bis an den First gefüllt mit Märchen und Geschichten, mit Weisheit, Aberglaube und Erinnerungen an eine uralte Geschichte, die diesen Menschen nichts an Abenteuern und Leid erspart. Der Hasid-Pietismus, dem Singers Vater anhing, war eine Art volkstümlicher jiddischer Mystizismus. Gelegentlich schlug er um in Prüderie und kleingläubige, ergebene Unterwerfung unter das Gesetz. Aber er konnte sich auch orgiastischer Besessenheit und messianischer Verzückung öffnen.“

Isaac erhielt zunächst eine traditionelle jüdische Erziehung, er studierte die Tora, die Kabbala und andere jüdische Bücher. 1921 kehrte Singer wieder nach Warschau zurück, um sich am fortschrittlich-orthodoxen Tachkemoni-Seminar zum Rabbiner ausbilden zu lassen. 1923 wurde er als Korrektor für eine moderne jiddische Zeitschrift tätig. Nach diesem Zwischenschritt in Bilgorai kehrte er nach Warschau zurück, wo er selbst zu schreiben begann. Daneben fertigte er vor allem Literaturkritiken und Übersetzungen an. 1932 engagierte er sich als Mitbegründer der Literaturzeitschrift Globus.

Neuanfang in New York

1935 ließ sich Singer in New York nieder und wurde ein produktiver und anerkannter jiddischer Autor, der vor allem im „Forverts“ publizierte. 1943 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Sein 1950 erschienener Roman „Die Familie Moschkat“ (The Family Moskat) wurde in englischer Sprache veröffentlicht. Hier erzählte er die Geschichte über die Vernichtung des polnischen Judentums. Allgemeine Bekanntheit erlangte Singer dann mit der 1953 erschienenen amerikanischen Übersetzung seiner 1945 entstandenen Kurzgeschichte „Gimpel der Narr“ durch Saul Bellow. 1957 folgten dann der Roman „Der Zauberer von Lublin“, 1962 „Jacob der Knecht“ und 1967 „The Manor“. Das dann 1969 von ihm herausgegebene Buch „The Estate“ bildete den Abschluss der epischen Trilogie („The Family Moskat“, „The Manor“ und „The Estate“) in der das Auseinanderbrechen alter Familien durch soziale, finanzielle und auch menschliche Veränderungen im modernen Zeitalter dargestellt wird. Im Jahre 1974 wurde Isaac Singer der National Book Award für seinen Roman „Feinde – die Geschichte einer Liebe“ verliehen, 1978 erhielt er dann als bislang einziger jiddischer Schriftsteller für sein Gesamtwerk den „Nobelpreis für Literatur: „für seine eindringliche Erzählkunst, die mit ihren Wurzeln in einer polnisch-jüdischen Kulturtradition universale Bedingungen des Menschen lebendig werden lässt“, wie in der Begründungsschrift anlässlich der Preisverleihung nachzulesen ist.

Singers Werk steht im Spannungsfeld zwischen Religion und Moderne, Mystizismus und rationaler Einsicht. Charakteristisch ist aber auch die tiefe Verbundenheit mit der jüdischen Mystik (Kabbala), der talmudischen Ethik, Tradition und Folklore sowie eine große naturwissenschaftliche Bildung und Vertrautheit mit der Philosophie – vor allem mit Spinoza, Schopenhauer, Eduard von Hartmann und Otto Weininger.

Sein wichtigstes schriftstellerisches Vorbild war Knut Hamsun, den er mehrmals ins Jiddische übersetzt hat. Singer ist in vielen literarischen Stilen und Themenkreisen zu Hause. In seinen Werken bewegt er sich frei vom Mittelalterlichem bis zum Modernen, vom Naturalismus zum Fantastischen und von psychologischen Schilderungen bis hin zum mystischen Erzählen. Die Protagonisten von Singers Erzählungen leben häufig am Rande der jüdischen Gesellschaft: geistig Gestörte, Kriminelle oder Prostituierte. In vielen seiner Geschichten geht es um Sexualität und das Heilige sowie deren wechselseitige Beziehung.

Herman, Yadwiga, Mascha und Tamara

Ein Paradebeispiel für das Thema und die Bedeutung der Sexualität ist der Roman „Feinde – die Geschichte einer Liebe“. Er entspricht einem Credo des Autors, der auf Nachfrage zu dem Thema Folgendes sagte: „Die Bibel und der Talmud sind voll von Sex-Stories. Wenn diese Heiligen sich nicht schämen, warum soll ich es tun. Ich bin doch kein Heiliger? Wenn es einen Gott gibt, so stelle ich mir ihn als einen Liebhaber vor. Gemäß der Kabbala lieben alle Seelen im Himmel.“

Tragikkomischer Protagonist ist der aus Polen stammende Hermann Broder, der dem Holocaust durch großes Glück entkommen ist und in New York als Reden- und Vortragsschreiber für einen Rabbi, der mehr an seinen geschäftlichen Interessen als an seinen religiösen Verpflichtungen und Aufgaben interessiert ist, sein Dasein fristet.

Gefangen zwischen seiner religiösen Erziehung und Bildung in der Tradition des osteuropäischen Judentums und seinem eher weltlichen und modernen Leben in den USA droht er zermahlen zu werden. Damit nicht genug machen ihm seine eher moralwidrigen Beziehungen zu gleich drei Frauen arg zu schaffen. Da ist zum einen seine geistig eher schlicht gestrickte Ehefrau und ehemalige Dienstmagd seiner Eltern, Yadwiga, die er aus Dankbarkeit, dass sie ihm das Leben nach dem Überfall Deutschlands auf Polen das Leben gerettet hat, in dem sie ihn auf einem Heuboden vor den Nazi-Schergen versteckte, zum anderen seine Geliebte und intellektuell höchst beschlagene Mascha, die den Schrecken des Holocaust nur knapp überlebt hat, und zum dritten seine weitere Ehefrau Tamara, von der er geglaubt hatte, dass sie mitsamt den Kindern tödliches Opfer des Holocaust war. Eine Annonce in der Zeitung, in der er gesucht wird, gibt den Hinweis, dass sie überlebt hat und in New York lebt.

Herman Broder, der sich eigentlich aus allem raushalten will und auch kaum Kontakt zu seinen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern hat, laviert zwischen seinen Frauen, zwischen Religion und dem Leben als Bigamist, wendet sich mal der einen, mal der anderen Frau zu, vertieft sich mal in die traditionellen jüdischen Schriften wie der Thora und dem Talmud, während er gleichzeitig vor dem Hintergrund des Holocaust an der Existenz Gottes zweifelt.

In der Tradition eines guten Geschichten-Erzählers mit einer glasklaren Sprache, psychologischem Feingefühl und viel Humor erzählt Isaac B. Singer vom Leben der dem Holocaust entronnenen und in die USA geflüchteten Juden, die wie Broder zwischen Tradition und Moderne gefangen sind. Mit

„Feinde – die Geschichte einer Liebe“ wie auch seinen weiteren Werken gewährt er dem Leser einen vielfältigen Blick in eine ganz andere Kultur, die durch den Holocaust fast völlig verschwunden, aber durch das Erzählen bewahrt worden ist. Eine absolute Leseempfehlung.

Nachtrag

In einer Vorbemerkung zu dem Roman schreibt Isaac B. Singer, der das Glück hatte, dem Holocaust entkommen zu sein, Folgendes: „Wenn ich auch nicht das Privileg habe, durch die Hölle von Hitlers Massenvernichtung gegangen zu sein, habe ich jahrelang in New York mit Flüchtlingen zusammengelebt, die diese Feuerprobe durchgemacht haben. Darum möchte ich gleich sagen, daß dieser Roman keineswegs die Geschichte des typischen Flüchtlings, seines Lebens und seiner Kämpfe ist. Wie in dem meisten meiner erzählerischen Werke wird in diesem Buch ein Ausnahmefall dargestellt – mit einzigartigen Helden und einer einzigartigen Verflechtung der Ereignisse. Die Figuren sind nicht nur Nazi-Opfer, sondern auch Opfer ihrer eigenen Persönlichkeiten und Schicksale. Wenn sie in das allgemeine Bild passen, so deswegen, weil die Ausnahme die Regel bestätigt. In der Literatur ist die ausnahme tatsächlich die Regel. …“

Text unter Verwendung von Wikipedia

erschienen im Coron Verlag Lachen am Zürichsee

Feldpostbriefe bilden die Grundlage

Neues Buch über das Schicksal eines Grafschafters im Zweiten Weltkrieg

„… oft kommen russische Spähtrupps, bestehend aus Zuchthäuslern, wie man aus Gefangenenaussagen entnehmen konnte. Da müssen wir sehr aufpassen, damit wir nicht überrascht und einkassiert werden. Wir stehen zweimal nachts drei Stunden. Oft war es schon über 30 Grad kalt, da friert einem bald die Nase ab. Stehe ich in finstrer Mitternacht, so einsam an der Oka wacht …“ – so steht es in einem am 14. Dezember 1941 geschriebenen Feldpostbrief von dem aus Lage stammenden Gerhard Strootmann und macht deutlich, was er und seine Kameraden im Zweiten Weltkrieg vor Ort an Schrecklichem erlebten.

Sein Schicksal ist beispielhaft für das viele andere seiner Generation: Dem 1921 in Lünen-Brambauer geborenen Gerhard Strootmann war kein gutes Los beschieden. Kaum 18 Jahre alt wurde er 1938 zum sogenannten „Arbeitsdienst“ eingezogen, 1941 wurde er als Soldat zunächst in den von Deutschland besetzten Teil Frankreichs beordert und im gleichen Jahr in die von Deutschland überfallene Sowjetunion. Dort starb er am 4. Februar 1942 durch einen Kopfschuss.

An dieses Schicksal möchte sein Neffe Jürgen erinnern und hat sich dazu auf eine umfangreiche Recherche begeben. Das Ergebnis – in Kooperation mit dem früheren GN-Redakteur Andreas Meistermann – liegt jetzt mit diesem „Eine verheizte Jugend“ betitelten Band vor.

Er umfasst unter anderem einen Einblick in die Geschichte der Familie Strootmann und insbesondere die Geschichte Gerhard Strootmanns, eine historische Einordnung der Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg und zahlreiche Dokumente, die glücklicherweise erhalten geblieben sind. Den Schwerpunkt bilden die von Gerhard Strootmann geschriebenen Feldpostbriefe, die im Original erhalten geblieben sind. Sie wurden zunächst von Gerhards Schwester aufbewahrt. Nach ihrem Tod im Jahre 2014 wurden sie an einen ihrer Neffen übergeben, in dessen Händen sie sich bis heute befinden.

Nachtrag

Dass die Sicht auf das Schicksal dieser Männer und vieler anderer, die im Zweiten Weltkrieg als Soldaten bei den Eroberungsfeldzügen der Nationalsozialisten dienten, höchst unterschiedlich und zum Teil auch höchst umstritten ist, soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an Inschriften auf Denkmälern, die noch lange der „Helden-Ideologie“ früherer Zeiten verhaftet waren, an das Schweigen über die Verbrechen der Nationalsozialisten im Nachkriegs-Deutschland, an die von dem Unternehmer und Mäzen Jan-Philipp Reemtsma im Jahre 1995 ins Leben gerufene und erregt diskutierte Wehrmachtsausstellung, die die Verbrechen der deutschen Wehrmacht dokumentierte, und an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren, an das mit vielen Veranstaltungen, Fernsehdokumentationen und Artikeln in zahlreichen Magazinen, Zeitschriften und Zeitungen erinnert wurde – unter anderem in der Titelgeschichte des „Spiegel“, 2025, Nr. 19, die ebenfalls Kriegsverbrechen, Gewalt und Judenmord thematisiert – zum Teil auch von Angehörigen, die sich mit der Geschichte ihrer Großväter und Urgroßväter beschäftigen und zu erschreckenden Ergebnissen kamen. Aber auch in der Grafschaft Bentheim beschäftigten sich Betroffene mit dem Thema. Zu verweisen ist auf Veröffentlichungen in den Grafschafter Nachrichten (Artikel „Auf Spurensuche nach vermisstem Großvater“ am 20. Mai 2025) , im vom Heimatverein Grafschaft Bentheim herausgegeben Bentheimer Jahrbuch 2025 (Artikel „Ein Soldatenschicksal“) und auf das Buch „Schüsse in der Stille“ von Celina Keute, die das Leben ihres Urgroßvaters Hermann Kronemann schildert, der mit 17 in den Krieg musste und ihn glücklicherweise überlebte.

Was die Beschreibung des Schicksal des Gefreiten Gerhard Strootmann angeht, ist anzumerken, dass neben allgemeinen geschichtlichen Fakten und den glücklicherweise im Original erhaltenen Feldpostbriefen die persönlichen Informationen über Gerhard ausschließlich aus der Familie Strootmann kommen. Wie sein Neffe Jürgen Strootmann im Gespräch erläutert, der die Geschichte seiner Familie in einer Mappe gesammelt und zusammengefasst hat, geht es ihm um ein differenziertes Bild: „Ich möchte, dass eine ganze Generation Jugendlicher und junger Männer, der auch Gerhard angehörte, und die vom Regime manipuliert, ausgenutzt und verheizt wurde, nicht in eine Schublade gesteckt wird, wo sie nicht hingehört.“

Ein weiteres, auch persönliches Motiv für Jürgen Strootmann liegt in der Bewahrung einer Erinnerungskultur, die aufgrund der langen Zeit, die seit den Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges zurückliegen, droht, vergessen zu werden. „Onkel Gerhard, der Erstgeborene meiner Großeltern, hatte, seitdem ich mich erinnern kann und ich überhaupt von meinen Eltern und Großeltern irgendwas über die Vergangenheit unserer Familie erfahren habe, immer einen großen Stellenwert. Bei jeder Familienfeier wurde seiner und allen anderen Verstorbenen der Familie gedacht. Allerdings leider nur, solange meine Oma Maria, die Mutter von Gerhard, noch bei uns in Lage lebte. Sie starb 1988 … Der Mittelpunk unserer Familie war nicht mehr da. In den darauf folgenden Jahren traf man sich aber zu Ostern und Weihnachten immer noch in Lage. Um den Familienzusammenhalt aufrecht zu erhalten. Das ging jahrelang gut, bis es dann doch zu bröckeln begann. Jahrzehnte später verstarben in unregelmäßigen Abständen, die leider immer kürzer wurden, die meisten meiner Tanten und Onkel, also die Brüder, Schwestern, Schwäger und Schwägerinnen von Gerhard … es ist mir ein Anliegen … nicht nur die Erinnerung an Onkel Gerhard und sein tragisches Schicksal wach zu halten, sondern auch den nachfolgenden Generationen ein Bewusstsein für ihre Wurzeln, ihre Herkunft und den traditionellen Werten zu vermitteln“, heißt es dazu in dem Buch.

Jürgen W. Strootmann, Eine verheizte Jugend – Gerhard Strootmann, 1921 – 1942, Schicksal – Sehnsucht – Feldpostbriefe. Das Buch kann per E-Mail an j.strootmann62@gmail.com bestellt werden.

Wolf Biermanns unveröffentlichte Tagebücher erscheinen am 7. Oktober im Penguin Verlag

Zum 90. Geburtstag und 50. Jahrestag der Ausbürgerung | Zudem erscheint ein neuer Gedichtband, ein Kinderbuch sowie die Neuedition seines Gesamtwerks bei Penguin Random House.

Fünf Jahrzehnte nach seiner skandalösen Ausbürgerung aus der DDR und kurz vor seinem 90. Geburtstag am 15. November 2026 öffnet Wolf Biermann sein persönlichstes Archiv: Unter dem Titel »Ihr löscht das Feuer mit Benzin« erscheint am 7. Oktober im Penguin Verlag der Auftakt einer mehrere Bände umfassenden Edition der bisher unveröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen. Herausgegeben werden die Bücher vom Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, in diesem Band ediert er Auszüge der Tagebücher aus den Jahren 1965 bis 1989. Sie liefern eindrückliche, tief bewegende Einblicke in das Leben und Denken eines Mannes, der das DDR-Regime radikal herausforderte und dessen Lieder und Gedichte für Generationen die Fahne der Freiheit symbolisieren.

Ein historisches und zugleich literarisches Ereignis – die Tagebücher von Wolf Biermann erscheinen im Penguin Verlag

Seit seinem 16. Lebensjahr führt Wolf Biermann Tagebuch. In über 200 Büchern dokumentiert er mit analytischer Schärfe, in poetischer Verdichtung und intellektueller Unabhängigkeit ein Leben im Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik. Biermanns Beobachtungen, Selbsthinterfragungen und Zeitzeugnisse sind eine Chronik der deutschen Nachkriegsgeschichte – aus der Innensicht eines Autors, der wie kaum ein anderer die Zerrissenheit und spätere Vereinigung Deutschlands literarisch reflektiert hat.

»Dem einst geteilten und nun wieder ganzen Land hat er sein dichterisches Werk vermacht. Und was für eines: Wer unter Deutschlands Dichtern seit Heinrich Heine hat so messerscharf politisch reimen und gleichzeitig auch so zärtliche Gedichte über die Liebe und die schönen Seiten des Lebens schreiben können?« – Joachim Gauck

»Ihr löscht das Feuer mit Benzin. Tagebücher – Über Verbot, Ausbürgerung und Mauerfall« konzentriert sich auf die Tagebücher der Jahre 1965 bis 1989 – ausgehend von jenem dramatischen Jahr, in dem der populäre, regimekritische Liedermacher unter strengste Überwachung gestellt und mit Publikations- und Auftrittsverbot belegt wurde. Nach seinem legendären Konzert am 13. November in Köln wurde Biermann am 16. November 1976 ausgebürgert und durfte bis 1989 nicht wieder in die DDR einreisen.

Die internationale Protestwelle gegen diese Ausbürgerung markiert einen Wendepunkt der deutsch-deutschen Geschichte. Biermanns Tagebücher zeigen einen Künstler zwischen Gefahr und Freiheit, zwischen Hoffnung und Verzweiflung – und offenbaren eine Stimme, die trotz aller Repression nie verstummte. Kowalczuks sorgfältige Edition der Originalschriften macht in einem hochspannend zu lesenden Buch nun erstmals erlebbar, mit welcher Radikalität, Klarheit und poetischen Kraft Biermann das totalitäre System herausforderte.

Das hochwertig ausgestattete Buch wird neben den Tagebuchpassagen auch Faksimiles ausgewählter Tagebuchseiten sowie Briefe und Fotografien enthalten.

Das Gesamtwerk und zwei weitere Bücher bei Penguin Random House

Der neue Gedichtband: »Mit uralten Kinderaugen. Gedichte 2006 – 2026« I Penguin Verlag
Biermann veröffentlicht neue Gedichte – Texte von hoher Aktualität, nah am Puls der Zeit und in Biermanns einzigartig poetischer Sprache. Zum ersten Mal werden die Gedichte der Jahre 2006 bis 2026 veröffentlicht. Ein poetisches Resümee zweier Jahrzehnte – persönlich, politisch, zärtlich, humorvoll und zornig zugleich.

Das Kinderbuch: »Der kleine Herr Moritz« I Tulipan Verlag
Feiner Witz und große Leichtigkeit zeichnen Biermanns Kinderbuch aus: »Der kleine Herr Moritz« erzählt von der Kraft der Fantasie, der Freiheit und dem Mut, anders zu sein – ein Buch für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Vor 50 Jahren zum ersten Mal erschienen, war es zeitweise Schullektüre und wurde nun neu illustriert von Carlotta Marín Pérez.

Mit der Edition der Tagebücher, dem neuen Gedichtband und dem Kinderbuch liegt damit im Herbst 2026 eine erste dreifache Werkschau vor, die das Schaffen Biermanns in seiner ganzen Bandbreite sichtbar macht. Zudem vertritt Penguin Random House nun die Rechte am Gesamtwerk von Wolf Biermann, das ab Herbst sukzessive publiziert wird.

Im Biermann-Jahr 2026 wird Wolf Biermann mit zahlreichen Projekten präsent sein: Neben den Buchpublikationen erscheinen zwei Musikalben, darunter das »Essentials«-Album mit seinen bekanntesten Songs. Der Dokumentarfilm „Biermann“ kommt am 29. Oktober bundesweit in die Kinos. Konzerte und Veranstaltungen finden in Hamburg, Leipzig, Köln und Berlin statt.

Auf den Krisenherden dieser Welt unterwegs

Neues Buch von Katrin Eigendorf

Sie gehört ohne Zweifel zu den mutigsten deutschen Journalistinnen: Katrin Eigendorf, die für das ZDF direkt vor Ort von den Krisenherden dieser Welt berichtet.

Seit Kurzem liegt ihr neues Buch mit dem Titel „Erzählen, was ist – Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege“ vor, in dem sie von ihrer Tätigkeit als Sonderkorrespondentin berichtet – und das auf eine sehr persönliche Art tut. Sie lässt die Leserinnen und Leser neben den politischen Fakten auch an ihrer Sicht der Dinge teilhaben. Katrin Eigendorf ist dort unterwegs, wo die Welt ins Wanken geraten ist – in der Ukraine, wo sie Soldaten an der Front begleitet, oder in Afghanistan, wo sie von mutigen Frauen in Afghanistan berichtet, die Mädchen in Untergrund-Schulen unterrichten, aber auch von den Taliban, die 2021 die Macht zurückgewonnen haben und ein weiteres mal die Frauen unterdrücken. Es sind existenzielle, häufig auch schmerzhafte Begegnungen, mit Menschen, deren Geschichten die Reporterin erzählt. Nicht aus der Distanz, nur aus der Nähe, aus der eigenen Anschauung und Anteilnahme berichtet sie über Kriege. Was sie dort erlebt, wie in der zurückeroberten ukrainischen Stadt Isjum, wo sie auf von den Russen hinterlassene Leichenberge stößt, ist erschreckend.

Was zur Zeit auf der Welt von Afghanistan über den Gazastreifen bis hin zum Angriffskrieg der Russen gegen die Ukraine und auch in anderen Regionen passiert, bringt Katrin Eigendorf präzise auf den Punkt: „Wir erleben heute, wie Grenzen systematisch überschritten und verschoben werden. Grenzen von Ländern, Grenzen der Menschlichkeit, des Ressourcenverbrauchs. Wir bewegen uns in eine scheinbar grenzenlose Welt, in der fast alles möglich scheint – und zugleich alles ins Rutschen gerät. Das nutzen Autokraten wie Putin, Trump oder Xi zu ihrem Vorteil. Und nicht nur sie. In Deutschland erteilt ein Ladenbesitzer Juden Hausverbot. In Afghanistan verweigern die Taliban verletzten Frauen nach einem Erdbeben ärztliche Hilfe, weil diese nicht von Männern berührt werden dürfen. In Gaza lässt die israelische Regierung Menschen verhungern, im Iran lassen die Mullahs Frauen foltern und ermorden, weil sie ihre Haare nicht bedecken. Russland überfällt sein Nachbarland, und in den USA darf ein gewählter Präsident willkürlich Jagd auf Menschen machen und diese deportieren lassen. Es ist eine Welt der Grenzverschiebungen.“

Dabei war zu Beginn ihrer journalistischen Karriere Ende der 1980-er Jahre die Welt von sehr viel Hoffnung erfüllt, wie sie weiterschreibt: „Der Beginn meiner journalistischen Laufbahn ist geprägt vom Fall der Mauer und dem Ende der Sowjetunion. Es schien damals, als befände sich die Demokratie auf dem Siegeszug. Francis Fukuyama sprach vom Ende der Geschichte. Die Vorstellung, dass auf den Trümmern einer Monarchie und eines jahrzehntelangen Sowjetregimes eine funktionierende Marktwirtschaft und Demokratie entstehen können, zog mich nach Russland – voller Hoffnung. Im Westen wuchs damals die Überzeugung, Reformen könnten von außen gefördert werden.“

Doch diese Hoffnungen trogen, wie die nachfolgenden Jahre zeigten. Und das gilt auch für den Westen, allen voran die USA mit Präsident Donald Trump. Ebenso in seinem Fall bringt sie die von ihm vollzogenen Grenzverschiebungen auf den Punkt: „Es ist ihm gelungen, so viel Macht in seinen Händen zu konzentrieren, wie kein amerikanischer Präsident zuvor. Er und die MAGA-Bewegung sind dabei, die demokratischen Institutionen, Traditionen und ihr Regelwerk systematisch zu zerstören, mit dem Ziel, ein autokratisches Regime zu errichten.“

Dass dergleichen geschehen konnte, begründet sie unter anderem mit einer technischen Entwicklung, die immer mehr die Wahrnehmung von Informationen beeinflusst: Das Internet und die mit ihm verbundenen „sozialen Medien“. Deren immer größer werdende Macht datiert sie auf das Jahr 2014 zurück: „Wir werden überflutet mit Informationen, und viele Menschen haben das Gefühl, die Orientierung zu verlieren. Eine Entwicklung, die spätestens seit 2014 erkennbar ist. Mit gezielter Desinformation ist es Russland gelungen, das Vertrauen in die Wahrheit zu erschüttern. Social Media haben den Autokraten von heute schier unbegrenzte Möglichkeiten der Manipulation gegeben. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz wird die Grenzen in einem Ausmaß weiter verschieben, das wir noch nicht kennen.“

Mit ihrem Buch will sie ein Zeichen gegen diese Entwicklung setzen. Sie glaubt an die Wahrheit und an ihre Profession als Journalistin. So ist es ihr ein großes Anliegen, über Menschen zu berichten, die sich gegen die um sich greifenden autokratischen Denkweisen und Strukturen ankämpfen: „Hoffnung machen mir die vielen Begegnungen mit Menschen, die teilweise unter hohen Risiken für ihre Freiheit eintreten. Ihre Geschichten zu erzählen ist mein Anliegen …“

Eine ihrer Stationen: die Zarghona High School in Kabul, ein Jahr nach der Machtübernahme durch die Taliban. Dort trifft Katrin Eigendorf für einen Fernsehbericht auf die Direktorin, die trotz eines allgemeinen Schulverbotes für Mädchen durch die Taliban Unterricht erteilt, allerdings nur noch für 2000 statt für 8000 Schülerinnen. Und auch damit soll Schluss sein: „Für die Mädchen der sechsten Klassen soll es der letzte Schultag ihres Lebens sein. Ich versuche mir vorzustellen,was das bedeutet, wie die Mädchen sich fühlen mögen“, berichtet die Journalistin. Richtig traurig wird es zum Schluss des Besuches, als eine Lehrerin Katrin Eigendorf mit folgenden Worten verabschiedet: „»Bitte erzähle das, was die Mädchen erleben, bitte berichte davon«, sagt sie leise, bevor wir uns verabschieden. Wir werden uns nicht wiedersehen und auch nicht telefonieren, aber manchmal, so habe ich gelernt, ist es wichtig, eine Telefonnummer notiert zu haben.

Diese und weitere Erfahrungen solcher Art führen die Autorin auch dazu, über ihren Beruf zu reflektieren und eine Haltung dazu zu gewinnen: „Wie geht es dir nach solchen Begegnungen, wie kommst du damit klar, in Ländern zu sein, wo Menschen so viel Unrecht angetan wird? Es sind Fragen, die mir immer wieder gestellt werden. Gar nicht komme ich damit klar, lautet meine Antwort. Manchmal komme ich mir in eine Zeit versetzt vor, die ich als Kind nur aus Spielfilmen kannte. Die Brutalität, die Unterdrückung und diese Erbarmungslosigkeit. Das war irgendwie das Mittelalter, dessen Grausamkeit wir durch den Humanismus überwunden zu haben schienen. Hier in Afghanistan ist all das Realität.Es zu sehen ist schlimm, es zu spüren, den Menschen nahe zu sein, und sei es auch nur für wenige Stunden oder einen Tag, macht mich traurig. Das, was meinen Beruf ausmacht, ist auch das, was schmerzt. Nur wenn ich mit den Menschen, die ich treffe, eine Verbindung eingehe, kann ich ihre Geschichten so erzählen, wie es mir richtig erscheint.“

Katrin Eigendorf spricht aber nicht nur mit den unterdrückten Mädchen und Frauen, sondern auch mit denen, die das zu verantworten haben: den Taliban. Ortswechsel: das Büro des Vizeregierungssprechers Bilal Karimi. Was dort passiert, ist typisch für das frauenfeindliche Verhalten der Taliban. Karimi will sich eigentlich weigern, ein Interview mit einer Frau zu führen, lässt es aber dann doch zu. Richtig ärgerlich wird er, als Eigendorf folgende Frage stellt: „Wo im Koran steht geschrieben, dass Mädchen nach der sechsten Klasse keine Schule besuchen dürfen?«, frage ich. Ich erkenne sofort den Ärger im Gesicht des Mannes. Er bemüht sich, ruhig zu antworten, und erklärt mir etwas von oben herab: »Sie sollten auf Dinge, die mit dem Islam zu tun haben, nicht oberflächlich schauen. Das ist ein Land, das 43 Jahre für seine spirituellen und islamischen Werte gekämpft hat.“ Nach weiteren kritischen Fragen ist das Gespräch beendet.

Eigendorf weiß aber trotzdem, wie weit sie gehen kann, und welche Regeln sie befolgen muss, um aus einem von den Taliban beherrschten Land überhaupt noch berichten zu können. Ihr zu Seite steht ein afghanisches Zweimann-Team, das die „feinen Linien“ kennt, die nicht überschritten werden sollten. Sie bekommt entgegen ihren Befürchtungen nach dem Interview aber auch bestätigt, dass sie sich richtig verhalten und die nötige Sensibilität bewiesen hat: „Wir besprechen genau, was aus ihrer Sicht möglich ist und was Probleme schaffen könnte. Oft sind sie viel mutiger als ich. Sie sind der Meinung, dass das Gespräch gut gelaufen ist, denn ich war kritisch, habe mich aber höflich, fair und respektvoll verhalten. Ähnlich ist es auch mit unseren Berichten.“ Das sagt ihr auch ein weiterer journalistischer Kollege: „Solange du sachlich bleibst und nichts verdrehst oder aufbauschst, ist es okay«, erklärt mir Farid, ein weiterer langjähriger afghanischer Kollege immer wieder.“

Journalistische Tugenden, die auch hier gelten, und Umgangsformen, die in Deutschland auch als Sekundärtugenden bezeichnet werden, helfen bei der Arbeit auch unter erschwerten Bedingungen, wie Eigendorf schreibt: „Ein falsches Wort, eine falsche Darstellung kann nicht nur unsere Kollegen oder auch

Gesprächspartner in Gefahr bringen, es kann auch dazu führen, dass wir beim nächsten Mal kein Visum und keine Akkreditierung bekommen. Es ist ein schmaler Grat zwischen der Möglichkeit, hier zu arbeiten, und dem journalistischen Wert, zu berichten, was ist. Nach fast jeder größeren Geschichte müssen die afghanischen Mitarbeiter Gespräche mit den Behörden führen. Es ist dann besonders wichtig, dass meine Schilderungen wahrheitsgetreu sind. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, doch leider erlebe ich vor allem in Afghanistan, dass sich die Menschen von westlichen Medien oft klischeehaft und falsch dargestellt sehen.“ So erhält der Leser neben einer genauen Beschreibung der Verhältnisse vor Ort auch Einblicke in die Regeln guten journalistischen Handwerks.

Weiter geht es im Buch mit einer differenzierten Analyse der Taliban und ihren unterschiedlichen Ausrichtungen, mit Berichten aus anderen Krisenregionen der Welt sowie persönlichen Erfahrungen und Betrachtungen; und durch diese gelungene Mischung gelingt es Eigendorf, komplexe Sachverhalte verständlich auf den Punkt zu bringen. Kurzum: eine lohnenswerte Lektüre über die schwierigen politischen Verhältnisse auf dieser Welt, die dem Leser Orientierung über manchmal kaum zu überblickende Zusammenhänge bietet.

Katrin Eigendorf, Erzählen, was ist – Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege, S. Fischer Verlag, 256 Seiten, ISBN: 978-3-10-397699-1

Auf den Spuren von Uta Danella und Hedwig Courths-Mahler

Zutiefst verunglücktes Roman-Debüt von Judith Hoersch

Mit „Niemands Töchter“ hat die 1981 in Köln geborene Judith Hoersch vor Kurzem ihr Debüt als Romanautorin gegeben. Hört oder liest man ihren Namen wird sie zumeist mit etwas anderem verbunden: mit ihren Auftritten als Schauspielerin in Serien und Spielfilmen.

So verkörpert sie seit acht Jahren die Titelrolle der Hebamme Lena Lorenz in der gleichnamigen Erfolgsreihe im ZDF und ist dadurch einem treuen wie breiten Publikum bekannt. Bereits mit 18 Jahren stand Hoersch erstmals vor der Kamera. Seither wirkte sie in zahlreichen TV- und Film-produktionen mit und etablierte sich sowohl im dramatischen als auch im komödiantischen Fach und ist unter anderem durch ihre Rollen in Fernsehfilmen und Reihen wie „Der Kriminalist“ (ZDF), „Im Spessart sind die Geister los“ (ARD), „Starfighter“ (RTL), „Taunuskrimi“ (ZDF), „Tatort Kiel“ (ARD) und „Meine Nachbarn mit dem dicken Hund“ (ARD) bekannt.

Auf der Kinoleinwand war sie unter anderem in „Männer wie wir“, „Buddy“, „Die Klasse von ’99“ und „A Cure for Wellness“ zu sehen. Der Kinofilm „Schneeflöckchen“, in dem Hoersch die Titelfigur spielte und zudem den Titelsong beisteuerte, gewann zahlreiche internationale Preise.

Literatur hat aber schon länger ihr Leben begleitet. Von ihrem Vater, einem Journalisten, wurde sie schon früh in die Geheimnisse des Schreibens von Geschichten eingewiesen. Selbst schrieb sie Kurzgeschichten, Songtexte und Gedichte; und schon mit elf verfasste sie eine umfassende Liebesgeschichte. Ebenfalls durch das Elternhaus wurde bei Judith Hoersch die Leidenschaft für die Musik geweckt. Neben der Schauspielerei spielen sowohl die Literatur als auch die Musik bis heute eine große Rolle in ihrem Leben.

In ihrem beim Piper Verlag erschienen Debütroman, der auch als Hörbuch vorliegt, erzählt sie die Geschichte zweier Mädchen, die etwas verbindet. Alma wächst in den 1980er- Jahren in der Eifel auf, fühlt sich aber fremd in ihrer Familie. Denn über ihre Herkunft wird geschwiegen. Viele Jahre später fehlt auch Isabell ihre Mutter schmerzlich. Diese Leerstelle in ihrer Vergangenheit beeinflusst ihre Gegenwart, ihr Fühlen und Denken und ihr eigenes Familienleben.

In einer Kurzbeschreibung von Verlagsseite wird der Roman wie folgt weiter beschrieben: „Als sich Almas und Isabells Wege auf schicksalshafte Weise kreuzen, entfaltet sich zwischen Polaroids und verlorenen Träumen eine Geschichte, die die beiden Frauen über Generationen hinweg verbindet.
Ihr Leben lang waren Niemands Töchter auf der Suche nach ihrem Platz im Leben, und gemeinsam finden sie ihn, wo sie ihn am wenigsten erwartet haben. Ein berührender Roman über das, was wir verlieren, das, was bleibt – und die Kraft, die man daraus schöpft, das eigene Glück zu suchen.

Judith Hoerschs Debut erforscht zeitlose Fragen, wie Identität, die Suche nach der eigenen Herkunft und den Einfluss von Familienwunden.“

So wie diese tränenreiche, kitschige und nach Uta Danella und Konsorten klingende Kurzbeschreibung nichts Gutes ahnen lässt, so ist leider auch der Roman. Gleich zu Anfang sind folgende Zeilen zu lesen, die einem Leser oder einer Leserin, die sich auf einen anspruchsvollen Roman mit interessanten und vom Verlag versprochenen Themen wie Identität, Herkunft und beschädigten Familienbiografien freuen, die Haare zu Berge stehen: „Mutter und Tochter verließen Arm in Arm den Bahnsteig. Alma sah ihnen hinterher und blieb allein zurück. Eine Sehnsucht füllte ihr Herz. Ein Gefühl, so alt und wund. Für sie würde es ein solches Wiedersehen, eine solche Nähe und Liebe nie wieder geben. Alma ließ sich auf die Bank fallen und vergrub den Kopf zwischen den Händen. Ein tiefer Schluchzer löste sich in ihr. Sie weinte um Oma Hedwig und Opa Jupp. Um Gabriele und auch um sich. Und für einen kaum wahrnehmbaren Moment roch sie Veilchenpastillen und spürte die warmen Hände ihre Mutter in ihrem Haar.“

Es ist verwunderlich, wie eine 1981 geborene Autorin so schreibt, als wäre sie nicht nur eine Epigonin Uta Danellas, sondern als wollte sie auch noch auf den Spuren Hedwig Courths-Mahlers wandeln. Bei allem Verständnis für ein vermeintlich einfühlsames Schreiben, mit dem sich die Autorin der von Trauer besetzten Stimmung ihrer Protagonistin annimmt oder anzunehmen scheint, bleibt hier nur festzuhalten, dass die von ihr gewählte Sprache zutiefst rückständig, oberflächlich und vor Kitsch triefend ist – und ohne jegliche literarische Qualität.

Über das Ende einer Beziehung und den Beginn eines Neuanfangs – USA kontra Europa

Das neue Buch von Zeit-Journalist Holger Stark

Ein Thema beherrscht mehr als alles andere den politischen Diskurs: der Konflikt zwischen den USA und Europa – immer mehr zugespitzt von dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der mit seinen unerhörten Forderungen, Grönland und Kanada, aber auch andere Länder der Erde für sich und seine politischen wie wirtschaftlichen Interessen einzuverleiben, den Rest der westlichen Welt mehr als nur vor den Kopf stößt. Er sagt ihnen den Kampf an. Ehemalige Verbündete werden, ausgelöst durch die Politik Trumps, die nur das Recht des Stärkeren und unbegrenzten materiellen Vorteil zu kennen scheint, und in der Gewaltenteilung, Menschenrechte, Pressefreiheit und die Unabhängigkeit der Justiz sich durch Willkür aufzulösen scheinen, zu neuen Kontrahenten, die nichts mehr verbindet. Stark bringt das im Vorwort zu seinem Buch auf den Punkt: „Trump kennt keine Freunde, nur Gegner und Unterworfene. Für ihn gelten keine Gesetze, internationale Abkommen sind bestenfalls lästig, Bündnisse haben nur dann einen Wert, wenn sie ihm nutzen. Die Idee des demokratischen Westens als ordnendes Weltprinzip mit all seinen Problemen, Unzulänglichkeiten und seiner schwierigen Vergangenheit wirkt wie eine zerkratzte Folie aus alten, anderen Zeiten.“

Wie es dazu kommen konnte, schildert der stellvertretende Chefredakteur der Zeit, Holger Stark, langjähriger Korrespondent in den USA und ausgewiesener Kenner der dortigen Verhältnisse, anschaulich und auf den Punkt genau in seinem neuen Buch „Das erwachsene Land – Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance“.

Aufgewachsen in den 1970-er Jahren in West-Berlin, gewissermaßen an vorderster Front des Ost-West-Konfliktes, der zunächst bis 1989, dem Jahr des Zusammenbruchs der DDR und nachfolgend der Sowjetunion, die Welt prägte, erlebte er in der damals noch geteilten Stadt die politischen Konflikte hautnah. Unmittelbarer konnte es kaum sein. Wie er berichtet, wurde er damit schon in jungen Jahren im familiären Kreis konfrontiert. So war sein Vater Anfang der 1960er-Jahre im Widerstand gegen die Mauer aktiv, die Berlin in zwei Teile schnitt, er hatte Molotowcocktails auf den sogenannten »antifaschistischen Schutzwall« geworfen und später mitgeholfen, an der Bernauer Straße einen Fluchttunnel von West-Berlin nach Ost-Berlin zu graben.

Vor diesem Hintergrund ist die jugendliche Faszination des Autors für die USA, die gerade in West-Berlin für Werte wie Freiheit und Demokratie stand, während die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten, zu der auch die DDR gehörte, konkrete Beispiele vor Ort für Diktatur und Unfreiheit waren, mehr als nachvollziehbar.

Das verklärte Bild von den USA bekommt bei Holger Starck aber auch Risse. Denn er weiß, dass es in der Geschichte dieses Staates immer wieder Widersprüche zwischen dem selbst behaupteten Anspruch, ein „land of the free“ zu sein, und dem tatsächlichen politischen Handeln gibt: „Sie brachten nicht nur Mauern zum Einstürzen, sondern auch Demokratien in Lateinamerika, sie versprühten Charme am Broadway und Agent Orange in Vietnam. Sie waren anziehend und abstoßend, hocherregend und eiskalt, faszinierend und irritierend zugleich. Ein Land, das kaum jemanden gleichgültig lässt. Und ein Land, das für den Rest der Welt Referenzpunkt ist, ob es will oder nicht. Insbesondere für uns Deutsche, die von den Amerikanern (und Russen, Franzosen und Briten) vom Nationalsozialismus befreit worden waren, wofür sie zeitlose Dankbarkeit verdient haben.“

Im Rahmen seiner späteren Tätigkeit als USA-Korrespondent wird er davon noch mehr mitbekommen. Stark schreibt: „Wer sich mit den USA journalistisch beschäftigt, riskiert allerdings immer auch einen Blick in die Finsternis. 2010 koordinierte ich für den Spiegel die Arbeit an den geheimen Kriegstagebüchern der US-Armee aus Afghanistan und dem Irak, wir werteten zusammen mit Wikileaks rund 250.000 vertrauliche Depeschen des US-Außenministeriums aus, die ein Kaleidoskop der amerikanischen Außenpolitik waren und einen intimen Blick in den Maschinenraum der Macht ermöglichten, auch in seine düsteren Winkel. 2013 arbeitete ich mit Edward Snowdens NSA-Dokumenten, die er, geschockt vom Ausmaß der Überwachung, an uns Journalisten weitergereicht hatte. Unsere Enthüllung, dass der Geheimdienst NSA auch die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört hatte, machte Weltschlagzeilen und löste eines der größten Beben im deutsch-amerikanischen Verhältnis seit der Wiedervereinigung aus.“

Aktuell ist die Situation nicht besser. Ein Präsident wie Donald Trump ist noch weiter entfernt von den Werten wie Freiheit und Demokratie, für die die USA einst hohes Ansehen genoss.

Wie es so weit kommen konnte, erläutert Stark im ersten Teil seines Buches und bringt das schon in seinen Vorbemerkungen auf den Punkt: „Donald Trump ist das Ergebnis mehrerer großer gesellschaftlicher Krisen, die sich in den USA zu einem perfekten Sturm verdichtet haben: Die Krise der weißen Arbeiter- und Mittelklasse, die zu den Verlierern der Globalisierung zählt und die am schwersten von der Finanzkrise 2008 betroffen war, verbindet sich mit einer tiefen gesellschaftlichen Erschöpfung nach zwei auszehrenden Kriegen in Afghanistan und dem Irak. Das Ergebnis ist eine trotzige Weigerung vieler US-Amerikaner, sich mit dem Rest der Welt abzugeben. Und der Sound der sozialen Medien wirkt dabei wie ein riesiger Gefühlsverstärker.“

Zur vertieften Ursachenforschung bedarf es eines Blickes in die Geschichte, zurück in die 1970-er Jahre. Infolge des verlorenen Vietnam-Krieges und der damit verbundenen Kosten sind die USA nicht nur in eine gesellschaftliche, sondern auch in eine ökonomische Krise geraten. Damit nicht genug, lassen 1973 die arabischen Ölstaaten wie Saudi-Arabien, Iran, Irak und Kuweit, aber auch Venezuela, die Muskeln spielen und drehen an der Preisschraube, die schnell auf über 70 Prozent steigt. Daran vermögen auch die auf Richard Nixon folgenden Präsidenten Gerald Ford und Jimmy Carter nichts zu ändern.

Nach außen erfolgreich wirkt die Präsidentschaft von Ronald Reagan. Mit erheblichen Steuererleichterungen beschert er der Wirtschaft neues Wachstum. Gleichzeitig betreibt er eine exorbitante militärische Aufrüstung; und das hat Folgen. Die Staatsschulden steigen, begleitet von einer Hochzinspolitik, in unermessliche Höhen. Diese Politik will sein Nachfolger George Bush fortführen, doch angesichts des Haushaltsdefizites sieht er sich genötigt, die Steuern zu erhöhen, trotz seines vollmundigen Wahlversprechens („Read my lips: No more taxes“) es nicht zu tun. Nach einer Amtsperiode ist Schluss.

Auftritt Bill Clinton: Dem Politiker der Demokraten gelingt es während seiner zwei Amtszeiten von 1992 bis 2000, das Haushaltsdefizit und auch weitere wirtschaftliche Probleme wieder in den Griff zu kriegen und auch weitere. Diesen Erfolg belegt Autor Holger Stark anschaulich mit einem umjubelten Auftritt Clintons im Jahre 1999 vor dem US-amerikanischen Abgeordnetenhaus und mit einem Ausschnitt aus dessen Rede, der es auf den Punkt bringt, was erreicht worden ist: »Heute Abend stehe ich vor Ihnen, um darüber zu berichten, dass Amerika den längsten ökonomischen Aufschwung in Friedenszeiten in seiner Geschichte erschaffen hat«, ruft Clinton, unterbrochen von donnerndem Applaus, »mit 18 Millionen neuen Arbeitsplätzen, mit Löhnen, die doppelt so stark wie die Inflation steigen, mit der höchsten Zahl an Eigenheimbesitzern, der geringsten Zahl an Sozialhilfebeziehern seit 30 Jahren und der niedrigsten Arbeitslosenquote in Friedenszeiten seit 1957.« Die Vereinigten Staaten seien die »dynamischste, wettbewerbsfähigste, Arbeitsplätze schaffende Wirtschaft« in der Geschichte der Welt … Sogar den Staatshaushalt hat er sanieren können. Aus einem Haushaltsloch von 290 Milliarden Dollar im Jahr 1992 ist sieben Jahre später ein Überschuss von 70 Milliarden Dollar geworden.

Wie Stark weiter schreibt, „ist Amerika in diesen letzten Monaten des ausgehenden Jahrtausends in blendender Verfassung. Der Warschauer Pakt und die Sowjetunion sind zerfallen, der Westen und allen voran die USA haben den Wettbewerb der politischen Systeme im Kalten Krieg gewonnen.“ Dazu kommen außenpolitische Erfolge wie die Befriedung des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien.

Doch diese Erfolge trügen, wie Stark anfügt: „Das 21. Jahrhundert verspricht, zu einem goldenen, einem amerikanischen Zeitalter zu werden. Stattdessen beginnt Amerikas größte Krise seit den Bürgerrechtsunruhen der 1960er-Jahre.“

Was ist geschehen? Am 20. Januar 2001, zwei Jahre nach der umjubelten Rede von Clinton, wird dessen Nachfolger George W. Bush von den Republikanern in das Amt des Präsidenten der USA eingeführt. Und im ersten Jahr seiner Präsidentschaft passiert etwas, das die ganze Welt erschüttern wird: Der 11. September. Zwei von arabischen Terroristen entführte Passagierflugzeuge fliegen in die beiden Türme des World Trade Centers in New York, ein drittes wird in Richtung des Pentagon, des Verteidigungsministeriums der USA, gelenkt, ein weiteres stürzt während eines Kampfgetümmels zwischen Passagieren und den Terroristen ab. Befohlen hat diese Anschlagsserie Osama bin Laden, Chef der Terrororganisation al Qaida, die von Afghanistan aus operiert. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte werden die USA auf eigenem Territorium angegriffen.

Die dramatischen Folgen bringt Holger Stark auf den Punkt: „Es ist ein Angriff nicht nur auf Amerika, sondern auf den ganzen Westen, seine glitzernde, freizügige Kultur, seinen Hedonismus, aber auch den geopolitischen Vormachtanspruch. Aus dem Wohlstandsland wird eine Nation im Krieg. Zum ersten und bislang einzigen Mal in ihrer Geschichte ruft die NATO, das westliche Verteidigungsbündnis den Verteidigungsfall aus, festgehalten in Artikel 5 des NATO-Vertrages. Der Angriff auf die USA gilt damit als Angriff auf alle Mitgliedstaaten. Das ist die Idee des Bündnisses: einer für alle, alle für einen. In den kommenden 20 Jahren werden dänische, britische, italienische, kanadische, französische und deutsche Soldaten in Afghanistan kämpfen und sterben. 40 Nationen ziehen mit den USA in den Krieg, 59 deutsche Soldaten lassen ihr Leben.“

Doch das ist den Falken um Vizepräsident Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, seinen Vize Paul Wolfowitz und den Strategen Karl Rove nicht genug. Begründet mit der sich als Lüge herausstellenden Behauptung, dass der Irak über geheime Chemiewaffen verfüge und somit eine Gefahr für den Westen darstelle, „marschieren amerikanische Truppen am 20. März 2003 im Irak ein, stürzen den Diktator Saddam Hussein und in der Folge das Land ins Chaos.“ In Wirklichkeit, schreibt Stark, geht es der Bush-Regierung darum, die heimischen Rüstungs- und Erdölkonzerne profitieren zu lassen.

Ein Riss tut sich auf zwischen den USA und dem Rest des Westens, vor allem den Ländern Europas. Bis auf Großbritannien ziehen diese nicht mit in den Krieg gegen den Irak. „Mit dem Irak-Krieg beginnt die erste Phase der Entfremdung zwischen Amerika und dem Rest des Westens, insbesondere Europas. Während man den Afghanistan-Krieg als gerechten Feldzug betrachten konnte, als eine Reaktion auf Terroristen mit einer tödlichen Ideologie, die in einem Failing state Unterschlupf gefunden hatten, ist der Feldzug im Irak das hässliche Antlitz des US-Imperialismus. Und es zeigt sich eine wichtige inhaltliche Differenz, die in den Trump-Jahren noch wachsen wird: Europa versteht sich als Hüterin einer regelbasierten Weltordnung. Einen Krieg beginnen, einfach so, weil es einer Regierung und ihrer Rüstungsindustrie passt, das ist in diesem Verständnis nicht vorgesehen. Die USA wiederum machen das, was für Amerika gut ist. Wenn die Regeln des Völkerrechts nicht passen, dann werden sie eben gebeugt. Oder gleich ganz ignoriert“, schreibt der Autor und bringt das Dilemma, das sich zwischen den eigentlich Verbündeten auftut, haargenau zum Ausdruck.

Und Stark weist auch auf weitere Folgen der Kriege in Afghanistan und den Irak hin, die nicht so im Fokus stehen – die der entstandenen Kosten, deren Dimensionen ihre Wirkung bei der Bevölkerung hinterlassen: „Die Vereinigten Staaten, so viel steht fest, zahlen nicht nur im weltweiten Ansehen, sondern auch daheim einen brutalen Preis für ihre imperialen Abenteuer. Im Sommer 2011, auf dem Höhepunkt der Kriege in Afghanistan und dem Irak, befinden sich 200.000 amerikanische Soldaten im Kampfeinsatz. Alles in allem sind rund um die Welt etwa 500.000 GIs verstreut, mehr als das Doppelte von dem, was Bill Clinton als Präsident autorisiert hatte. Im Afghanistan-Krieg starben 2461 amerikanische Soldaten, weitere 20.000 wurden verletzt. Der Krieg am Hindukusch kostete nach einer Bilanz des US-Verteidigungsministeriums mindestens 825 Milliarden Dollar, andere Schätzungen gehen von zwei Billionen aus. In den acht Jahren des Irak-Feldzuges starben 4493 amerikanische Soldaten, 31.993 Militärangehörige wurden verletzt. Der Krieg kostete nach einer Bilanz des US-Verteidigungsministeriums mindestens 757,8 Milliarden Dollar.“

Das Handeln der Bush-Regierung hat schwerwiegende wirtschaftliche und politische Schäden hinterlassen, deren Auswirkungen bis heute zu spüren sind, wie Stark erläutert: „Tausende tote Amerikaner, Zehntausende Verletzte und Kosten im Bereich von Billionen – das sind Dimensionen, die selbst die reichste Nation der Welt nicht einfach bewältigen kann. Als Clinton seinem Nachfolger Bush das Amt übergibt, verzeichnet der US-Haushalt einen Überschuss von 236 Milliarden Dollar. Mit Beginn des Afghanistan-Kriegs, für den die Bush-Regierung hohe Kredite aufnehmen muss, stürzt der Haushalt ins Minus. Über die Jahre kollabieren die US-Staatsfinanzen, mit neuen Schulden in astronomischer Höhe von 1294 Milliarden im Jahr 2010. In einem einzigen Jahr betragen die zusätzlichen (!) Schulden der USA damit rund das Dreifache des derzeitigen Haushalts Deutschlands. Bis heute haben sich die amerikanischen Finanzen davon nicht erholt. Diese Lage muss man kennen, wenn man über Trumps Wirtschaftspolitik redet. Die Zölle, die Trump im Frühsommer 2025 verhängen wird, haben auch das Ziel, die außer Kontrolle geratene Staatsverschuldung zu bändigen, um Amerika wieder handlungsfähig zu machen. Alles in allem betragen die Schulden der Vereinigten Staaten im März 2025 die unvorstellbare Summe von 36,5 Billionen US-Dollar. Selbst für eine hyperpotente Ökonomie wie die amerikanische ist das dramatisch. Die Verschuldung entspricht mehr als 123 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA. Der private Reichtum in den USA mag gigantisch sein – aber die Schulden des Staates sind es auch. Nach Standard & Poor’s und Fitch Ratings hat im Mai 2025 auch Moody’s die amerikanische Kreditwürdigkeit herabgestuft, erstmals seit 100 Jahren, fast ein Jahrhundert nach dem Schwarzen Freitag 1929. Neue Kredite werden somit teurer.“

Wie Stark deutlich macht, stehen die USA vor fast unüberwindlichen Problemen; und es droht die Gefahr, ihre Stellung als globale Vormacht zu verlieren. Er zitiert die Historiker Peter Heather und John Rapley, die die Entwicklung in den USA mit dem Niedergang des weströmischen Reichs im späten 4. und frühen 5. Jahrhundert verglichen haben, als Rom die finanziellen Mittel ausgingen, die Germanen an den Rändern einfielen und das persische Reich ungehindert emporsteigen konnte, um Rom schließlich herauszufordern: „Die westliche Hälfte des Römischen Reichs kollabierte, als die Zentrale nicht mehr über genügend Mittel verfügte, um ihren fiskalischen Gesellschaftsvertrag zu erfüllen und die Interessen ihrer steuernzahlenden und einnehmenden Eliten zu schützen“, argumentieren die beiden Briten. Beide Systeme, das Römische Reich wie die Vereinigten Staaten von Amerika, „wurden zum Zeitpunkt ihres vermeintlichen Wohlstandsmaximums von Krisen heimgesucht“, so Heather und Rapley. „Auf lange Sicht kam es in beiden zu periodischen Verschiebungen der Epizentren wirtschaftlicher und politischer Dominanz.“ Eine Verschiebung, wie sie die USA derzeit erleben. Das Persien von einst heißt heute China.“

Das Ergebnis der Präsidentschaft von George W. Bush: „Als Bush abtritt, hinterlässt er ein seelisch verwundetes, ökonomisch angeschlagenes, politisch überreiztes Land. Mehr als 75 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner sind jetzt der Meinung, ihr Land bewege sich in die falsche Richtung“, schreibt Stark und begründet damit das in der Bevölkerung vorherrschende Denken, das mit einer anderen politische Ausrichtung verbunden ist, der „Sehnsucht nach einer Rückbesinnung auf Amerika, die die Gesellschaft erfasst hat.“

Diese Sehnsucht spiegelt sich in unterschiedlichen politischen Lagern wieder, und aus unterschiedlichen Gründen, wie der Autor schreibt: „Die einen, auf der Linken, aus der Sorge vor dem Verlust ureigener amerikanischer Werte in Guantanamo, Abu Ghraib und anderswo, wo Gefangene gefoltert wurden, um ihnen Geständnisse abzutrotzen. Die anderen, auf der Rechten, weil sie nicht einsehen, dass GIs in den afghanischen Bergen und irakischen Tälern sinnlos sterben, während die Farmer in Iowa und Kohlearbeiter in Kentucky ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. Schon die demokratischen Präsidenten Barack Obama und Joe Biden haben diese Forderung in ihren Amtszeiten wieder und wieder vorgetragen. Donald Trump hat sie mit seiner Drohung, aus der NATO auszutreten und den amerikanischen Schutzschirm künftig nur noch als eine Art Dienstleistung zu vermieten, lediglich auf die Spitze getrieben. Wer heute in den USA als Politiker gewählt werden will, muss den Wählerinnen und Wählern glaubhaft versichern, sich zuerst um die Sorgen der Amerikaner zu kümmern und keine teuren Abenteuer in Übersee zu finanzieren.“

Auftritt Donald Trump: Stark datiert dessen erstes Erscheinen als Politiker auf den Januar 2015, als der bei einer Veranstaltung der Republikaner in einem Theater in Des Moines, Iowa, auftritt; und Stark ist als Journalist dabei: „An einem frostigen Samstag im Januar 2015 tritt in einem Theater in Des Moines, Iowa, ein Mann auf die Bühne, den die Öffentlichkeit bislang nur als Immobilieninvestor und Entertainer kennt … Als Donald John Trump schließlich begleitet von Rockmusik auf die Bühne tritt, zieht er einen Zettel aus dem Jackett. Er hat sich sorgfältig vorbereitet auf diesen Auftritt inmitten diverser republikanischer Politiker, trotzdem umweht ihn ein überraschender Hauch von Unsicherheit. Als taste er sich noch vor. Als wisse er nicht, wie er auf andere wirke. Trump ist formeller angezogen als die meisten anderen Republikaner auf der Bühne. Scott Walker beispielsweise, der Gouverneur von Wisconsin, trägt ein hellblaues Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Trump hingegen kommt in einem schwarzen Anzug, einem weißen Hemd und mit einer zu langen roten Krawatte, die später zu seinem Markenzeichen werden wird. Knapp eine halbe Stunde lang redet Donald Trump, er zieht über den amtierenden US-Präsidenten Barack Obama her, aber auch über seine republikanischen Parteifreunde Mitt Romney und Jeb Bush, Männer von gestern allesamt, spottet Trump, die ihre Chance gehabt hätten. Er sagt, die USA verlören Arbeitsplätze, die Arbeitslosenquote sei hoch, das Land verschuldet, Amerikas Straßen seien kaputt, die Brücken marode. Noch könne man das Land sanieren, erzählt er uns, aber es müsse jetzt schnell geschehen. Er wisse, was zu tun sei, er habe viel Geld verdient, indem er gegen andere Länder gewettet habe, er komme hervorragend mit großen Staatschefs aus. Die Vereinigten Staaten könnten bald wieder an der Spitze der Welt stehen, aber dafür müsse sich fundamental etwas ändern. Zum Beispiel die Handelsabkommen der USA mit anderen Ländern. »Jedes der Handelsabkommen, das wir abgeschlossen haben, stinkt zum Himmel«, behauptet er schon damals … Er sagt: »Ich bin ein Erbauer. Dinge zu erschaffen ist das, was ich am besten kann. Und wir brauchen einen Erbauer.« Nur er könne Amerika zu alter Größe zurückführen. Make America great again. Im Saal, nach Trumps Rede, stehen die Menschen auf und jubeln. Er bekommt mehr Applaus als alle anderen Redner vor und nach ihm. Es ist die Geburtsstunde des Politikers Donald J. Trump. Etwas von epochaler Wucht hat an diesem Samstag im Januar 2015 begonnen: der Versuch, die Weltgeschichte umzuschreiben.“

Was dann folgt ist allgemein bekannt: Die Wahl Trumps zum Präsidenten, seine Lügen und Ausraster, die Denunzierung politischer Gegner und missliebiger Medien und der Sturm zahlreicher seiner Anhänger auf das Capitol, nachdem er sich weigerte, die verlorene Wahl im Jahre 2020 anzuerkennen. Allgemein bekannt ist auch, womit seine zweite Amtszeit einhergeht: neben den schon angeführten Sachverhalten weitere Versuche, die Unabhängigkeit der Justiz zu unterhöhlen, den Kampf gegen kritische Meinungen noch massiver anzugehen und auch Manches, was bisher nicht vorstellbar schien: der selbst erhobene Anspruch auf die Annektierung souveräner Staaten und das Kidnappen des Präsidenten eines ebenfalls souveränen Staates wie mit dem Venezolaner Maduro geschehen.

Holger Stark belässt es in seinem Buch aber nicht allein mit der wirklich gelungenen Skizzierung der politischen Entwicklungen, die zur Präsidentschaft Trumps führten, sondern hat auch die veränderten politischen Rahmenbedingungen für den künftigen Umgang Deutschlands und Europas mit den USA im Blick. Der vielfach preisgekrönte Journalist und Bestsellerautor sagt, worauf sich Deutschland jetzt einstellen muss: Auf der Grundlage diverser Gespräche mit hochrangigen Regierungsvertretern in Berlin, Brüssel und Washington rekonstruiert er die Versäumnisse der vergangenen 25 Jahre – und entwirft ein präzises Bild, wie ein Leben jenseits von Amerika aussehen könnte. 35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es für Deutschland an der Zeit, erwachsen zu werden.

Holger Stark, „Das erwachsene Land – Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance“, Propyläen Verlag, Hardcover mit Schutzumschlag, 336 Seiten , ISBN 9783549110188, DE 26 Euro, AT 26,80 Euro

Ein Tagesausflug nach Colmar

Fachwerk, Altstadt und französisches Lebensgefühl – von Thomas Gatzemeier

Hier verlangsamt sich der Schritt fast von selbst. Die Petite Venise ist kein Ort, den man durchquert, sondern einer, an dem man hängen bleibt. Das Wasser liegt ruhig zwischen den Häusern, als hätte es sich an sie gewöhnt. Fachwerk, Putz, Dächer – alles spiegelt sich leicht verzerrt, nichts drängt nach vorne.

Der Flaneur nimmt wahr, wie nah hier gebaut wurde. Die Häuser stehen nicht dekorativ am Ufer, sie stehen am Wasser, weil es früher so sein musste. Die Lauch – der Fluss – war Arbeitsraum, Transportweg, Grenze und Verbindung zugleich. Dass heute Restaurant-Tische dort stehen, wo einst Boote anlegten, ist keine Verklärung, sondern eine Verschiebung der Nutzung.

Die Schwäne treiben durch das Bild wie ein ruhiger Kommentar. Sie gehören längst dazu, so wie das leise Stimmengewirr von den Tischen. Wer einen Tagesausflug nach Colmar macht, merkt hier, dass das französische Lebensgefühl weniger mit Sehenswürdigkeiten zu tun hat als mit dem selbstverständlichen Nebeneinander von Alltag und Geschichte. Man sitzt, man schaut, man bleibt einen Moment länger als geplant. Nur. Es sitzen eher Touristen als Franzosen hier. Zumindest am Tage.

Colmar hat diese Fassaden, die man nicht „besichtigt“, sondern irgendwann bemerkt. Man läuft unter ihnen hindurch wie unter einem Dach aus Geschichte. Fachwerk, helle Felder, Fensterläden, die offenstehen, als würde gleich jemand hinausschauen. Und dann: die irritierenden Figuren. Sie hängen da nicht wie etwas, das immer schon da gewesen wäre. Eher wie eine Setzung der Gegenwart. Skelettartig, mit Flügeln, deutlich als Requisit zu erkennen. Ein Eingriff, der das historische Haus nicht erklärt, sondern kurz aus dem Gleichgewicht bringt. Der Flaneur mag solche Stellen. Nicht, weil sie „schön“ sind, sondern weil sie zeigen, dass eine Altstadt nicht nur Vergangenheit ist. Colmar ist eine Bühne und mittlerweile voll auf Tourismus ausgerichtet. Und manchmal reicht ein einziges Stück Dekoration, um diese Bühne sichtbar zu machen.

Das gehört eigentlich nicht zu dem französischen Lebensgefühl, das man bei einem Tagesausflug nach Colmar sucht. Denn die Tradition tritt hier als Kulisse in Erscheinung und wird nicht als Alltag empfunden. Alte Häuser tragen neue Zeichen und werden zum Spektakel. Manchmal dezent, manchmal mit Absicht zu laut. Und während man noch überlegt, ob das Spiel ernst gemeint ist, hat man schon wieder ein paar Schritte gemacht. Colmar lässt einen nicht festhalten. Es lässt einen weitergehen. Oder man wird von den Massen weiter geschoben. Und dies alles wegen ein oder zwei Filmen die in Asien berühmt waren.

Wer bei seinem Tagesausflug durch Colmar läuft, stößt früher oder später auf diese kleinen, unscheinbaren Institutionen: diese Tabac-Presse Läden. Läden, die in Frankreich jahrzehntelang mehr war als Verkaufsstelle für Zigaretten. Man kaufte dort Zeitung und Briefmarken, gab eventuell ein Paket ab, füllte ein Lottoschein aus, wechselte ein paar Worte – und ging mit dem Gefühl hinaus, dass der Alltag hier noch eine Theke hat.

Das Schild in der Gasse ist fast schon ein kleines Zeitdokument. „Presse“ steht meist noch ganz oben, aber darunter sieht man, wie sich das Geschäft verschiebt: „Cigares“ und inzwischen „Vape“. Der Tabakkonsum geht zurück, die Regeln werden strenger, und die Läden reagieren pragmatisch. Wo früher vor allem Zigarettenstangen über den Tresen gingen, kommen heute Lotterie (FDJ), E-Zigaretten, Zubehör, manchmal auch Paketservices und kleine Convenience-Artikel dazu. Nicht als Lifestyle, eher als Überlebensform.

Für viele Deutsche aus dem Grenzgebiet war Frankreich lange ein Ziel mit sehr konkretem Grund: Zigaretten. Nicht nur wegen der Preise, sondern auch wegen des „anderen Geschmacks“ und dieses schwer greifbaren französischen Lebensgefühls, das man sich gleich mitkaufte. Namen wie Gauloises oder Gitanes hatten etwas von Film und Caféhaus, während internationale Marken wie Marlboro, Camel oder Lucky Strike eher das Vertraute bedienten und heute schon allein wegen Trump verachtet sind. Der Einkauf war für manche ein Ritual: rüberfahren, kurz durch eine Altstadt gehen, die Luft anders finden, und dann mit einem Päckchen Alltag nach Hause zurückkehren. Heute wirkt das wie eine Erinnerung aus einer Übergangszeit. Und genau deshalb passt so ein Schild so gut in einen Tagesausflug nach Colmar: Es zeigt nicht nur Fachwerk und hübsche Fensterläden, sondern auch, wie sich eine Stadt im Kleinen verändert. Nicht im Museum, sondern an einer ganz normalen Hauswand, in einer engen Gasse, zwischen Tradition und Anpassung.

Der Schwendi-Brunnen auf der Place de l’Ancienne Douane stammt ursprünglich aus dem Jahr 1898. Entworfen wurde er von Auguste Bartholdi, der mit der Figur des Lazare de Schwendi eine historische Persönlichkeit der Stadt ins Zentrum stellte. Immerhin hat Bartholdi die Freiheitstatue von New York entwurfen. Im Jahr 1940 verschwand der Brunnen jedoch aus dem Stadtbild. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Anlage zerstört; das Elsass war zu dieser Zeit von Deutschland besetzt. Über die konkreten Umstände des Abbruchs – ob kriegsbedingt, aus materialtechnischen Gründen oder durch administrative Entscheidungen – geben die Quellen keine eindeutige Auskunft.

Belegt ist lediglich, dass der Brunnen seine ursprüngliche Gestalt verlor und nach dem Krieg in veränderter Form wieder aufgebaut wurde. Heute steht er erneut auf dem Platz, nicht als unverändertes Denkmal, sondern als sichtbares Zeichen einer unterbrochenen Geschichte. Man darf jedoch annehmen, dass die Nazis den Bildhauer hassten, weil er die Freiheitsstatue entworfen hatte. An solchen Ecken bleibt man stehen, ohne es zu planen.

Das Eckhaus schiebt sich in den Blick, als wolle es sagen: Hier beginnt etwas anderes. Die Straße öffnet sich kurz, dann zieht sie sich wieder zusammen. Fachwerk, Farbe, Fensterläden – alles bekannt, und doch jedes Mal neu zusammengesetzt. Der Flaneur nimmt wahr, dass diese Häuser nicht nur Kulisse sind. Unten wird gegessen, getrunken, gesprochen. Oben gewohnt. Die klare Ordnung der Fassaden erzählt von einer Zeit, in der Bauweise auch Haltung war. Gleichzeitig ist alles gegenwärtig: Markisen, Tafeln, Stimmen. Die Altstadt von Colmar lebt davon, dass sie sich benutzen lässt. Ein Tagesausflug nach Colmar führt zwangsläufig an solchen Punkten vorbei. Nicht als Ziel, sondern als Übergang. Man steht kurz, schaut nach links, nach rechts – und geht weiter, ohne genau zu wissen, warum dieser Ort im Gedächtnis bleibt. Gerade deshalb bleibt er. Hier geht man nicht einfach vorbei.

Der Weg am Wasser zwingt zur Langsamkeit. Der Langsamkeit eines Flaneurs. Links die Häuser, dicht an dicht, jedes anders gefasst, und doch Teil derselben Reihe. Rechts der Kanal, ruhig, fast gleichgültig gegenüber dem Treiben.

Der Flaneur beobachtet, wie sich dieser Ort benutzt anfühlt. Menschen bleiben stehen, lehnen am Geländer, schauen ins Wasser oder auf die Fassaden gegenüber. Das Viertel war einmal Arbeitsraum; heute ist es ein Ort des Gehens und Verweilens. Beides schließt sich nicht aus.

Ein Tagesausflug nach Colmar findet an solchen Stellen sein Maß. Man sieht nicht nur Fachwerk und Altstadt, man spürt, wie nah hier Geschichte und Gegenwart beieinanderliegen. Der Weg führt weiter, aber er lässt einen nicht eilig werden. Hier schaut der Flaneur nach oben. Nicht, weil etwas spektakulär wäre, sondern weil sich das Leben an der Fassade zeigt. Balkone, Fensterläden, Blumenkästen – nichts davon ist Bühne, alles ist Gebrauch. Die Häuser wirken bewohnt, nicht ausgestellt. Die Balkone erzählen von einer anderen Art, Raum zu denken. Nicht als abgeschlossene Einheit, sondern als etwas, das sich nach außen fortsetzt. Man stellt etwas ab, man lehnt sich hinaus, man lässt Dinge hängen. Das Fachwerk hält das zusammen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

In der Petite Venise sind solche Ansichten oft nur ein paar Schritte vom Wasser entfernt. Ein Tagesausflug nach Colmar besteht dann nicht aus einem Ziel, sondern aus Blicken wie diesem. Man geht weiter, aber der Gedanke bleibt kurz hängen – an einem Balkon, an einem Fenster, an der Selbstverständlichkeit, mit der hier gewohnt wird. Oder doch alles Unterkünfte von Airbnb? Man wird es nicht erfahren. Aber wo wohnen all die Asiaten, die hier herumwuseln?

Manchmal reicht es, sitzen zu bleiben. Der Flaneur hebt den Blick, nicht aus Neugier, sondern aus Ruhe. Über dem Tisch spannen sich Markisen, Schirme, Streben. Nichts davon ist geplant für den Blick nach oben, und doch ergibt es eine Ordnung. Eine zufällige Architektur entstanden aus dem Wunsch nach „Beschirmung“.

Hier sitzt man geschützt, leicht abgeschirmt vom Himmel, und hört das, was eine Altstadt eben mit sich bringt: Stimmen, Geschirr, Schritte. Auf dem Tisch ein Flammkuchen, daneben ein Glas elsässischer Riesling. Keine Inszenierung, sondern Alltag. Die Markisen erzählen davon, wie sehr diese Stadt darauf eingestellt ist, draußen zu sitzen – auch dann, wenn der Raum eigentlich fehlt.

Ein Tagesausflug nach Colmar besteht nicht nur aus Wegen und Plätzen. Er besteht auch aus diesen Pausen. Aus Blicken, die nichts festhalten wollen. Man isst, man trinkt, man schaut nach oben – und merkt erst später, dass genau das geblieben ist. Das sind die Momente, an die man im harschen deutschen Alltag sehnsüchtig denkt.

In der Adventszeit zeigt sich Colmar von einer besonders dichten Seite. Schaufenster werden zu Bühnen, dekoriert bis in den letzten Winkel, als müsse jedes Detail mit dem Strom der Besucher konkurrieren. Wer hier stehen bleibt, merkt schnell, dass es nicht mehr um Stille geht, sondern um Sichtbarkeit. Wie sich die Stadt in diesen Wochen verändert, was der Weihnachtszauber mit dem Stadtraum macht – und warum der Andrang selbst zum Thema wird –, darüber geht es in meinem Text „Colmar im Weihnachtswahn“. Ein Blick hinter die Kulissen einer Stadt, die im Winter besonders viele Blicke auf sich zieht.

Der figürliche Fassadenschmuck bündelt, was als elsässisch gelesen werden soll: Störche, Tracht, ländliche Tiere, ein angedeutetes Fachwerkhaus. Alles ist klar erkennbar, alles auf einmal und hübsch beieinander. Solche Darstellungen gehören zur Volkskunst des Elsass und sollen des Touristen Herz erfreuen. Sie sind keine überlieferten Hauszeichen, sondern bewusst gesetzte Bilder, entstanden im Spannungsfeld von regionaler Identität, die schon längst verschwunden ist und touristischer Erwartung der erfüllt werden muss. Der Storch steht dabei als zentrales Symbol für Heimat und Beständigkeit, die Trachtfiguren verweisen weniger auf gelebte Geschichte als auf deren Bildtradition.

Für den Flaneur ist dieses Element kein Schmuck im architektonischen Sinn. Es ist eine Erzählung an der Wand. Colmar zeigt sich hier nicht als gewachsene Stadt, sondern als Stadt, die die Erwartungen ihrer Besucher kennt – und diese sichtbar befriedigt. Da kommt dann schon mal der Chinese vorbei und denkt: huch haben die es heimelig.

Die Rue des Marchands ist eine jener Straßen, in denen Colmar sein Tempo zeigt – das Tempo der Touristen. Fachwerk, Fensterläden, Ausleger und Markisen bilden eine dichte Abfolge, die kaum Pausen lässt. Hier geht man nicht verloren, hier wird man weitergeschoben – von Geschäft zu Geschäft, von Blick zu Blick. Für den Flaneur ist diese Straße weniger Ort des Verweilens als des Beobachtens. Man liest an den Fassaden, wie sich die Altstadt organisiert: oben gewohnt, unten verkauft, dazwischen Geschichte und Gegenwart eng verzahnt. Ein Tagesausflug nach Colmar führt fast zwangsläufig hierher, weil sich an solchen Straßen das französische Lebensgefühl der Stadt besonders deutlich zeigt – geschäftig, dicht, und doch eingebettet in historische Formen. Und gerade diese Straße war für mich reizvoll, da die Fassaden Patina zeigten und nicht als Schauflächen für die Besucher herausgeputzt waren. An solchen Plätzen sammelt sich die Stadt. Fachwerk, Geschäfte, Wegweiser und Menschen kreuzen sich auf engem Raum. Nichts ist monumental, alles wirkt gewachsen. Der Flaneur bleibt kurz stehen, nicht weil etwas hervorsticht, sondern weil sich hier vieles überlagert.

Ein Tagesausflug nach Colmar führt unweigerlich durch solche Übergangsräume. Zwischen Museum, Altstadt und Einkaufsstraße zeigt sich das französische Lebensgefühl der Stadt in Bewegung: ein kurzer Blick, ein Richtungswechsel, ein weiterer Schritt durch die Geschichte, die hier selbstverständlich Teil des Alltags ist.

Auch wenn es einem recht heimelig beim Anblick der alten Fachwerkhäuser wird, darf man nicht vergessen, wie mühselig das Leben in der Zeit war, als diese Häuser „Neubauten“ waren. Aber der Flaneur an sich und ich im Besonderen bin ein positiv denkender Mensch und vertiefe mich ungern in Dinge, die meine Fröhlichkeit negativ beeinflussen könnten. Es kommt schon noch härter, wenn ich von den Grünewaldaltartafeln stehe. Wenn Sie möchten, so lesen Sie „Otto Dix trifft Grünewald in Colmar“.

Kulinarische Zwischenstationen beim Tagesbesuch in Colmar

Irgendwann setzt man sich. Nicht aus Hunger allein, sondern weil die Stadt es nahelegt. Bistro, Taverne, ein Tisch am Rand – das gehört zu einem Tagesausflug nach Colmar wie das Fachwerk zur Fassade. Die elsässische Küche ist dabei klar umrissen und unterscheidet sich deutlich von dem, was man sonst in Frankreich erwartet.

Der Flammkuchen, hier selbstverständlich Tarte flambée genannt, ist kein Gericht für den großen Auftritt. Dünner Teig, Sauerrahm, Zwiebeln, Speck – mehr braucht es nicht. Er kommt nicht als Hauptgang, sondern als Begleiter, oft in mehreren Varianten, geteilt am Tisch. Weniger Mahlzeit als Rhythmusgeber. Deutlicher wird die Eigenständigkeit bei der Choucroute garnie. Sauerkraut, Würste, gepökeltes Fleisch – kräftig, sättigend, ohne jede Leichtigkeit und sehr ans Deutsche erinnernd. Diese Küche schaut nicht nach Paris, sondern über den Rhein nach Osten oder auch nach Bayern. Auch der Baeckeoffe, ein langsam gegarter Ofeneintopf aus Fleisch, Kartoffeln und Zwiebeln, gehört zu dieser Tradition des Geduldigen und Bodenständigen. Fast unscheinbar, aber charakteristisch sind die Fleischschnacka: gefüllte Nudelscheiben, in der Pfanne gebraten. Ein Restegericht ursprünglich, heute fester Bestandteil der regionalen Küche. Nichts davon will modern sein, alles will bleiben. Und das macht diese Küche so sympatisch.

Dazu werden elsässische Weine getrunken – Riesling, Pinot Blanc, Gewürztraminer. Trocken, aromatisch, ohne Umwege. Sie begleiten das Essen, sie kommentieren es nicht. Auch hier zeigt sich der Unterschied zu anderen Regionen Frankreichs: weniger Inszenierung, mehr Selbstverständlichkeit.

Wer in Colmar isst, merkt schnell, dass Essen hier kein Ereignis ist, sondern Teil des Gehens. Man setzt sich, man isst, man steht wieder auf – und nimmt etwas mit, das nicht nur satt macht. Wer Colmar besucht, sitzt früher oder später draußen. Nicht, weil das Wetter perfekt wäre, sondern weil es dazugehört. Das Draußensitzen ist in Frankreich keine saisonale Ausnahme, sondern Teil der Stadtkultur. Tische stehen nicht am Rand, sie stehen im Raum. Man schaut, man wird gesehen, man bleibt.

Gerade in der Altstadt von Colmar wird diese Haltung sichtbar. Zwischen Fachwerkhäusern, Winstuben und kleinen Restaurants wird der Platz zum Wohnzimmer. Essen und Trinken sind dabei fast nebensächlich. Wichtiger ist das Verweilen, das langsame Gespräch, das Gefühl, Teil des Stadtbildes zu sein. Dass wir diese Form der Außengastronomie inzwischen auch in Deutschland übernommen haben, ist ein Glück. In Colmar aber merkt man, woher sie kommt: aus einer Selbstverständlichkeit heraus, die Öffentlichkeit nicht zu meiden, sondern zu nutzen. Draußensitzen ist hier keine Mode – es ist eine Haltung.

Fassadenschmuck in Colmar – Ein Alleinstellungsmerkmal?

Beim Gang durch die Altstadt fällt auf, dass viele Fassaden mehr zeigen als bloß Architektur. Neben dem historischen Fachwerk treten Objekte, Figuren und ganze Arrangements, die bewusst in das Stadtbild eingreifen. Gießkannen, Werkzeuge oder Tiere ersetzen den klassischen Blumenschmuck und machen die Häuser selbst zu Schauflächen. Dieser Fassadenschmuck ist keine überlieferte Bauform, sondern eine zeitgenössische Praxis. Es handelt sich häufig um saisonale oder geschäftsbezogene Dekorationen, die das „Märchenbild“ der Altstadt gezielt verstärken. Besonders zur Weihnachtszeit wird diese Inszenierung sichtbar, wenn Colmar den öffentlichen Raum bewusst bespielt und als eigenes Programm vermarktet.

So entsteht ein Spannungsfeld zwischen historischer Substanz und heutiger Erzählfreude. Die Häuser bleiben, was sie sind – Zeugnisse einer alten Stadt –, doch ihre Fassaden werden ergänzt, kommentiert, manchmal auch überzeichnet. Colmar zeigt sich hier nicht nur als bewahrte Altstadt, sondern als gestalteter Stadtraum, in dem Tradition und Inszenierung nebeneinander existieren aber auch vor dem globalen Tourismus eine große Verbeugung machen. Nicht jeder Einheimische klatscht da in die Hände. Ja manche ballen sie in der Tasche zur Faust. Aber man lebt hier sehr gut von mir und all den anderen welche die Stadt überfluten.

Zum Autor:

Am dunkelsten Tag des Jahres 1954 im sächsischen Döbeln geboren, wurde Thomas Gatzemeier ungefragt von einem katholischen Pfarrer getauft. Als Kind buk er heimlich einen Kuchen, der als Brot gut ankam. Dieses scheinbare Missgeschick inspirierte ihn dazu, eine Ausbildung als Schrift- und Plakatmaler zu absolvieren, um Pinsel und Stift zu beherrschen. Er arbeitete anschließend auch als Steinmetzgehilfe und Grabsteindesigner. Nach dieser Grundausbildung studierte er Malerei und Grafik an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo Arno Rink und Volker Stelzmann zu seinen Lehrern zählten. 1980 beendete er sein Studium und ist seitdem als freier Künstler, Autor, Kunsthändler, Blogger und Freizeitkoch tätig. Konflikte mit den Machthabern der SBZ (Sozialistische Besatzungszone, später DDR) und ein mehrjähriges Ausstellungsverbot bewegten ihn 1986 dazu, die SBZ zu verlassen.

Danach lebte er vorwiegend in Karlsruhe, verbrachte aber auch längere Zeit in Zürich und nahe Worpswede. Von 2006 bis 2015 hatte er ein weiteres Atelier in Leipzig. Nach 34 Jahren Hauptwohnsitz in Karlsruhe verlegte der Wanderer zwischen den Welten im Februar 2020 seinen Wohnsitz endgültig nach Leipzig.

Nähere Informationen: Thomas Gatzemeier, Gottschallstraße 24, 04157 Leipzig, Telefon: 0172 610 25 35, E-Mail: info@thomas-gatzemeier.de

Museumsquartier Osnabrück stellt Programm für den Februar vor

Guten Tag, wie fühlst du dich grade? Diese Frage steht am Beginn einer Workshopreihe Ende Februar, die Raum für gemeinsames Nachdenken, Spüren und Zuhören eröffnet. In drei kostenfreien Formaten laden der Künstler Ariel Reichman und eingeladene Gäste dazu ein, sich mit Sicherheit, emotionalem Erbe und den Auswirkungen gesellschaftlicher und politischer Gegenwart auseinanderzusetzen.
Mit körperlichen Übungen, klanglichen Experimenten und einem vertiefenden Vortrag entstehen kollektive Momente der Wahrnehmung und des gemeinsamen Austauschs.

Termin 13. Februar

16 Uhr Treffpunkt Museumskasse, Sonderführung »Von Henkern, Folter und Hexenwahn«.
Bei dieser Führung im Bucksturm, dem ehemaligen Gefängnis der Stadt, erfahren die Teilnehmer vom Leben und Handwerk eines Henkers, von Folter, Haft und den berühmtesten Gefangenen. Begleitet werden sie auf dieser Tour auch zu den Orten der Osnabrücker Hexenprozesse, und sie hören von den Schicksalen der Opfer und der Täter. Preis 4 Euro pro Person, zuzüglich Eintritt.

Termin 14. Februar

15.30 Uhr im Felix-Nussbaum-Haus Kuratorinnenführung mit Dr. Mechthild Achelwilm durch die Ausstellung »Ariel Reichmann. Keiner soll frieren!«
In dieser Führung gibt die Kuratorin Einblick in die Arbeiten von Ariel Reichman, der persönliche Erinnerungen mit Fragen nach Empathie, Verletzlichkeit und gesellschaftlicher Verantwortung verbindet. Ausgehend vom Werk Felix Nussbaums reflektiert Reichman die Gegenwart im Spiegel der NS-Vergangenheit und fragt, was von Geschichte in Dingen, Bildern und Denkweisen fortwirkt.
Preis 4 Euro pro Person, zuzüglich Eintritt.

Termin 14. Februar

10 bis 18 Uhr »Photo Academy: Selbstinszenierung« Workshop am Valentinstag.

Wie wirken Licht und Raum auf den eigenen Körper? Welcher Bildausschnitt erzählt welche Geschichte? Welche Pose, welcher Blick, welches Objekt unterstützt die gewünschte Darstellung? Diesen Fragen widmet sich ein eintägiger Workshop für ambitionierte Fotograf:innen mit Verdiana Albano, Preisträgerin des Nachwuchspreises des „Felix Schoeller Photo Awards“.
Bitte mitbringen: Kamera oder Smartphone, ggf. Speicherkarte, Stativ, optional Blitz oder Dauerlicht, persönliches Material (Objekte, Fotos, Texte), analoge Filter, ein Laptop zur Bildauswahl.
Die Teilnahme kostet 99 Euro regulär, 30 Euro für Studenten – die ersten drei Studenten nehmen kostenfrei teil. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Eine Platzreservierung kann nur bei Vorkasse garantiert werden.

Termin 26. Februar

18.30 Uhr im Veranstaltungssaal »Wo der Name wohnt« – Lesung und Gespräch mit Ricarda Messner.

Den Worten ihres Urgroßvaters Salomon folgend, findet Ricarda Messner ein Fenster im ehemaligen Rigaer Ghetto und zeichnet von dort aus die Wege von vier Generationen nach – vom sowjetischen Lettland der siebziger Jahre bis nach Deutschland.
Eintritt: 9 Euro / ermäßigt 7 Euro – Eine Kooperation mit dem Literaturbüro Westniedersachsen und der Volkshochschule Osnabrück.

Workshops von und mit Ariel Reichman

Termin 28. Februar

13 Uhr »What does safety feel like? | Wie fühlt sich Sicherheit an?« mit Shay Kukui und Ariel Reichman.

Die Tänzerin Shay Kukui leitet zusammen mit Ariel Reichman verschiedene Körperübungen an. Ist es möglich, in unserem Museum einen kollektiven Moment der Entspannung und Erleichterung in Bezug auf unsere aktuelle politische und soziale Welt zu erleben?
Teilnahme kostenfrei, in englischer Sprache.

Termin 28. Februar

15 Uhr »What does safety sound like? | Wie klingt Sicherheit?« mit Shabnam Parvaresh und Ariel Reichman.

Die Musikerin Shabnam Parvaresh und Ariel Reichman arbeiten mit den Teilnehmenden an der Frage „Wie klingt Sicherheit?“. Gemeinsam werden die subjektiven und kollektiven Klänge des Sich-sicher-fühlens erforscht.
Teilnahme kostenfrei, Deutsch/Englisch.

Termin 1. März

14 Uhr im Veranstaltungssaal: »Emotionales Erbe und das Vermächtnis von Traumata | Emotional inheritance and the legacy of trauma« mNähereit Dr. Galit Atlas (per Videokonferenz) und Ariel Reichman (vor Ort)
Die Psychoanalytikerin Dr. Galit Atlas lädt in diesem Vortrag mit anschließendem Gespräch ein. Sie untersucht, wie die unbewussten Verbindungen zu den Traumata unserer Vorfahren unser emotionales Erleben und Verhalten beeinflussen.
Teilnahme kostenfrei, in englischer Sprache

Nähere Informationen: Museumsquartier Osnabrück, Lotter Straße 2, 49078 Osnabrück, Deutschland, Telefon: 05413232237, E-Mail: museum@osnabrueck.de, Internet:
http://www.museumsquartier-osnabrueck.de