Über den Prototypen eines amerikanischen Geschäftsmannes der 1920-er Jahre

Sinclair Lewis und sein Roman „Babbitt“

Bei der Durchsicht meiner im Coron Verlag Lachen am Zürichsee erschienenen Sammlung von Werken, die mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurden, bin ich nach Isaac B. Singer auf einen weiteren amerikanischen Autor und Roman gestoßen, der mein Interesse geweckt hat: „Babbitt“ von Sinclair Lewis.

Obwohl die Ehrung bereits im Jahr 1930 erfolgte, hat der Roman nichts von seiner Aktualität verloren. Er beschreibt am Beispiel einer amerikanischen, mittelgroßen Stadt namens Zenith gesellschaftliche Verhältnisse, wie sie sich auch noch heute widerspiegeln, zwar gewandelt in ihrem äußeren Erscheinungsbild, aber nicht in ihrer Substanz.

Stockholm, 10. Dezember 1930

Es ist der Tag, an dem zum ersten Mal der Literaturnobelpreis an einen Autor aus den Vereinigten Staaten von Amerika verliehen wurde: Sinclair Lewis. Bisher hatten nur europäische Autoren und mit Babindranath Tagore ein britisch-indischer Autor diesen Preis gewonnen. Wie der Literaturwissenschaftler Dr. Gunnar Ahlström in seinem Beitrag „Kleine Geschichte der Zuerkennung des Nobelpreises an Sinclair Lewis“ erläuterte, hatte es vonseiten des Literaturnobelpreis-Komitees lange Zeit große Vorbehalte gegen die USA gegeben. Es wurde als das „Land der abenteuernden Auswanderer und Goldgräber gesehen, ein Paradies für Großgeschäftemacher, für die Parvenüs der Wall-Street mit ihren von Goldplomben blitzenden Gebissen … als Musterbeispiel einer Zivilisation ohne Kultur.“ Und was die Literatur anging, wurden bekannte Autoren wie Mark Twain und James Fenimore Cooper als Vertreter der Jugendliteratur angesehen, und Jack London und Upton Sinclair als Autoren, die ihre Leserschaft vor allem in Arbeiterkreisen fanden. Aus der „Betrachtung der akademischen Dichterwarte … sah man in ihnen reichlich ungehobelte Schreibnarren, die sich am Rande der Literatur bewegten.“

Was diesen Blick wandelte, führt Ahlström auf den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg und auf die Politik des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson zurück, der bei den Verhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg wie dem Vertrag von Versailles die Stimme seines Landes geltend machte und auf die politische Ordnung Europas Einfluss nahm. Die Neugierde auf ein Land, von dem die Europäer bisher nur ein „reichlich verzerrtes Bild“ hatten, war geweckt, und das galt auch für die Literatur. Es entwickelten sich Kontakte zwischen europäischen Intellektuellen und amerikanischen Autoren wie Theodor Dreiser, H. L. Mencken und Sinclair Lewis, die mit Ahlströms Worten eine gemeinsame Sache verband: „Sie rissen den Tröpfen die Maske vom Gesicht, begossen das Mediokre mit Spott und vernichtendem Ätzstoff, ihre Anklagen und ihre Weigerung, sich etwas vormachen zu lassen, entsprachen dem Unbehagen, das man auch in London und Paris empfand.“

Die Neugierde war allmählich auch bei den Vertretern der Schwedischen Akademie, die über die Preisvergabe entschied, geweckt worden und galt insbesondere Sinclair Lewis, der mit Romanen wie „Main Street“, „Babbitt“ und „Martin Arrowsmith“ nicht nur in den USA große Erfolge feierte, sondern gleichfalls in Europa. Was sie begeisterte, war, dass Lewis mit seinem Werk einen kritischen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in seinem Land warf, die nach seiner Auffassung von Konsumdenken, Doppelmoral, von verquerem Überlegenheitsgefühl und geistiger Beschränktheit gekennzeichnet seien, wie er selbst in seiner Rede anlässlich der Preisverleihung zum Ausdruck brachte.

Biografie und Werke

Harry Sinclair Lewis (*7. Februar 1885 in Sauk Centre, Minnesota; †10. Januar 1951 in Rom) war ein amerikanischer Schriftsteller, der durch seine gesellschaftskritischen und satirischen Romane berühmt wurde. 1930 wurde ihm als erstem Amerikaner der Nobelpreis für Literatur zugesprochen.

Sinclair Lewis wurde in Sauk Centre, Minnesota als Sohn eines Arztes geboren. Nach seinem Studium an der Yale-Universität arbeitete er an der von Jack London in New Jersey gegründeten sozialistischen Schule. Nach vielen Reisen durch Europa ließ er sich zunächst als Journalist und Übersetzer in New York nieder, bis er Privatsekretär von Jack London wurde. 1912 erschien sein wenig beachteter Roman „Hyke and the Aeroplane“. Es folgten „Unser Herr Wrenn“ (1914), „Der Erwerb“ (1917), „Hauptstraße“ (1920), ein satirischer Roman über das Kleinstadtleben in Minnesota, der zu einem sensationellen kommerziellen Erfolg geriet, und schließlich seine bedeutendsten Romane „Babbitt“ (1922), „Dr. med. Arrowsmith“ (1925) und „Elmer Gantry“ (1927).

Sinclair Lewis schuf einen neuen Typ des amerikanischen Romans, der nicht länger an den britischen literarischen Geschmack anknüpfte. Er reflektiert den Bedeutungsverlust des ländlichen Amerikas und seiner Sitten, die Transformation von Dörfern in Kleinstädte. Lewis bemühte sich besonders um die genaue Darstellung und Kritik des amerikanischen Kleinbürgertums und Mittelstandes und klärte die Leser über die Scharlatanerie in der Medizin oder den Humbug einiger Vertreter der amerikanischen Geistlichkeit auf. Die schonungslose Darstellung machte ihn zu einem von konservativen und rechten Kreisen heftig kritisierten, aber erfolgreichen Schriftsteller und brachte ihm den Spitznamen „Der Staubaufwirbler“ ein.

Sinclair Lewis, der nach den großen Erfolgen in den 1920-er und 1930-er Jahren noch weitere Romane schrieb, die aber von der Literaturkritik durchgängig negativ beurteilt wurden und sich schlecht verkauften, starb 1951 in Rom durch die Folgen seines fortgeschrittenen Alkoholismus. Ein Roman, an dem er zu dieser Zeit arbeitete, blieb unvollendet. (mit Verwendung von Wikipedia)

Zum Roman „Babbitt“

Der Leser lernt den Protagonisten George Babbitt beim morgendlichen Erwachen kennen, das vermutlich viele schon so erlebt haben. Halb versunken noch in süßen Träumen – bei ihm im Fokus ein Elfenkind -, schrillt ihn ein Wecker aus den Federn, der von den Pflichten des Tages kündet: dem gemeinsamen Frühstück mit der Familie und der Arbeit im Büro. Eigentlich möchte er diesen Pflichten entfliehen, zurück in die Kissen sinken, doch der Wecker ist unerbittlich. Mit einer eher miesepetrigen Laune wohnt er grummelnd dem Frühstück bei und macht sich dann auf den Weg.

Und wer ist dieser George Babbitt? Ein 46-jähriger, wohlgenährter, eigentlich selbstzufriedener Haus- und Grundstücksmakler, der sich in der mittelgroßen Stadt Zenith eines guten Rufes und allseitiger Beliebtheit erfreut – und das auch unbedingt will. Die Geschäfte laufen gut, er ist geachtetes Mitglied in mehreren Clubs und Gesellschaften und natürlich auch ein braver Kirchengänger, kurzum ein typischer Vertreter der amerikanischen Mittelschicht, bei der sich alles um Folgendes dreht: materiellen Wohlstand und gesellschaftliches Ansehen.

Was sich in Wirklichkeit dahinter verbirgt – Heuchelei, provinzielle Engstirnigkeit und die Abwehr alles Neuen – , erschließt sich erst allmählich.

Schleichend macht sich bei Babbitt ein Gefühl des Unbehagens breit. Seine Versuche, in noch höhere gesellschaftliche Kreise zu stoßen, mißlingen. Dazu ist er nicht gewieft genug. Auch sein Familienleben missfällt ihm. Die Kinder versteht er nicht mehr und seiner Frau, die er nicht aus großer Liebe geheiratet hat und daher auch nicht seine erste Wahl war, kann er immer weniger abgewinnen. Dergleichen ergeht es ihm mit seinem Freundes- und Bekanntenkreis, bei denen sich immer die gleichen Rituale, Gesprächsthemen und Alltagsvergnügungen abspielen.

Mit boshaftem Witz und satirischer Schärfe beschreibt Autor Sinclair Lewis den drohenden Untergang seines Protagonisten, dessen erster Fluchtversuch aus seinem zur Routine gewordenen Leben noch ein kleiner ist. Statt mit seiner Familie in den Urlaub zu fahren, gönnt er sich ein paar Tage mit seinem Freund Paul, dem das eigene Leben noch mehr zuwider ist. Statt seinen musikalischen Leidenschaften zu folgen, ist der in die Fußstapfen seines Vaters getreten und verkauft Dachpappe; und aus seiner einst attraktiven Frau – eigentlich Babbitts Favoritin aus Jugendzeiten – ist ein hysterisches Weib geworden, die ihm das Leben zur Hölle macht.

Aber nach der Auszeit mit Paul beginnt für Babbitt wieder der Alltag. Geschäfte – auch hart am Rande der Legalität – werden gemacht, es gibt Konflikte mit den Kindern, die er nicht so im Griff hat, wie er es sich wünscht, und es kommt zu einem Verbandstreffen, bei dem Alkohol und andere Frauen eine Rolle spielen. Einen Erfolg kann Babbitt noch verbuchen, als er zum Vizepräsidenten des angesehen Boosters Clubs gewählt wird.

Eine tragische Wendung nimmt das routinemäßige Leben, als Paul seine Frau nach einem weiteren Streit mit einem Pistolenschuß schwer verletzt. Babbitt will ihm mit allen Mitteln helfen, sogar einem Meineid, doch Paul ergibt sich resigniert seinem Schicksal.

Das wirft Babbitt aus den gewohnten Bahnen seines Lebens. Er möchte weg von Arbeit, Familie und gesellschaftlichen Zwängen. In der Begleitung eines indianischstämmigen Führers macht er sich auf den Weg in die Natur – auf der Suche nach Freiheit jenseits der Zivilisation, aber dieser Versuch ist eine Illusion und scheitert kläglich. Gegen Gewohnheiten ist Babbitt machtlos.

Zunehmend orientierungslos geraten auch seine politischen Überzeugungen, wenn sie überhaupt als solche bezeichnet werden können, ins Wanken. Als Republikaner steht er Gewerkschaften und linken politischen Überzeugungen – vom „Teufelswerk“ Sozialismus erst gar nicht zu reden – eigentlich kritisch bis ablehnend gegenüber. Doch dann trifft er auf Seneca Douane, einen Anwalt und Oppositionspolitiker aus Zenith, der an der Seite der Gewerkschaften steht. Babbitt, dessen politische Haltung in Wirklichkeit inhaltlich kaum fundiert ist und eher als opportunistisch bezeichnet werden kann, und der Konfrontationen möglichst aus dem Weg geht, kommt ins Gespräch mit seinem früheren Schulkameraden. Ein gewisses Verständnis für ein anderes politisches Denken entsteht oder scheint zu entstehen.

Eine große Wucht in der politischen Welt Zeniths entfaltet ein von den Gewerkschaften initiierter Streik, der sogar zum Einsatz der Nationalgarde führt. Babbitts geordnetes und harmonisches Weltbild zerbricht. Neu ordnen kann er es nicht. Immer noch werden seine Gedanken und Gefühle von einem Widerwillen gegen sein bisheriges Leben bestimmt, doch dann tritt in Tanis Judique in sein Leben, eine Kundin, die nach einer Wohnung sucht. Mit dieser Begegnung und dem Kennenlernen ihrer vergnügungssüchtigen Clique verbunden ist Babbitts Abgleiten in Alkohol, Zigaretten und Parties; und er beginnt auch eine Affäre mit Junis, während seine Frau für längere Zeit bei ihrer kranken Schwester weilt.

Unbemerkt bleibt dieses Abgleiten nicht. Immer mehr Leute aus seinem alten Freundes- und Bekanntenkreis wenden sich ab, das Geschäft droht den Bach herunterzugehen. Damit nicht genug, gerät er auch politisch von mehreren Seiten unter Druck. Aus Widerstand gegen ein befürchtetes politisches Chaos und unter dem Eindruck des nicht ohne Gewalt abgegangenen Streiks gründen konservative und auch reaktionäre Kräfte die sogenannte Brave Bürger-Liga, die „Ordnung“ schaffen will und auch vor Gewalt gegen politische Gegner nicht zurückschreckt. Babbitt wird gedrängt, dieser Liga beizutreten, aber Trotz hält ihn zunächst noch davon ab. Gemäß seinem schwachen Charakter fügt er sich dann doch in die gewohnte Ordnung, wird glühendes Mitglied der Liga und führt sein früheres Leben mit Arbeit, Familie und seinen alten Bekannten und Freunden wie gewohnt fort.

Sinclair Lewis hat mit „Babbitt“ einen der wichtigsten gesellschaftskritischen Romane des 20. Jahrhunderts geschrieben, der tiefe Einsichten über die USA nach dem Ersten Weltkrieg vermittelt: über die Menschen, deren Denken, über gesellschaftliche und politische Verhältnisse, die sich zu wiederholen scheinen.

Foto: Coron Verlag Lachen am Zürichsee

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