Feldpostbriefe bilden die Grundlage

Neues Buch über das Schicksal eines Grafschafters im Zweiten Weltkrieg

„… oft kommen russische Spähtrupps, bestehend aus Zuchthäuslern, wie man aus Gefangenenaussagen entnehmen konnte. Da müssen wir sehr aufpassen, damit wir nicht überrascht und einkassiert werden. Wir stehen zweimal nachts drei Stunden. Oft war es schon über 30 Grad kalt, da friert einem bald die Nase ab. Stehe ich in finstrer Mitternacht, so einsam an der Oka wacht …“ – so steht es in einem am 14. Dezember 1941 geschriebenen Feldpostbrief von dem aus Lage stammenden Gerhard Strootmann und macht deutlich, was er und seine Kameraden im Zweiten Weltkrieg vor Ort an Schrecklichem erlebten.

Sein Schicksal ist beispielhaft für das viele andere seiner Generation: Dem 1921 in Lünen-Brambauer geborenen Gerhard Strootmann war kein gutes Los beschieden. Kaum 18 Jahre alt wurde er 1938 zum sogenannten „Arbeitsdienst“ eingezogen, 1941 wurde er als Soldat zunächst in den von Deutschland besetzten Teil Frankreichs beordert und im gleichen Jahr in die von Deutschland überfallene Sowjetunion. Dort starb er am 4. Februar 1942 durch einen Kopfschuss.

An dieses Schicksal möchte sein Neffe Jürgen erinnern und hat sich dazu auf eine umfangreiche Recherche begeben. Das Ergebnis – in Kooperation mit dem früheren GN-Redakteur Andreas Meistermann – liegt jetzt mit diesem „Eine verheizte Jugend“ betitelten Band vor.

Er umfasst unter anderem einen Einblick in die Geschichte der Familie Strootmann und insbesondere die Geschichte Gerhard Strootmanns, eine historische Einordnung der Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg und zahlreiche Dokumente, die glücklicherweise erhalten geblieben sind. Den Schwerpunkt bilden die von Gerhard Strootmann geschriebenen Feldpostbriefe, die im Original erhalten geblieben sind. Sie wurden zunächst von Gerhards Schwester aufbewahrt. Nach ihrem Tod im Jahre 2014 wurden sie an einen ihrer Neffen übergeben, in dessen Händen sie sich bis heute befinden.

Nachtrag

Dass die Sicht auf das Schicksal dieser Männer und vieler anderer, die im Zweiten Weltkrieg als Soldaten bei den Eroberungsfeldzügen der Nationalsozialisten dienten, höchst unterschiedlich und zum Teil auch höchst umstritten ist, soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an Inschriften auf Denkmälern, die noch lange der „Helden-Ideologie“ früherer Zeiten verhaftet waren, an das Schweigen über die Verbrechen der Nationalsozialisten im Nachkriegs-Deutschland, an die von dem Unternehmer und Mäzen Jan-Philipp Reemtsma im Jahre 1995 ins Leben gerufene und erregt diskutierte Wehrmachtsausstellung, die die Verbrechen der deutschen Wehrmacht dokumentierte, und an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren, an das mit vielen Veranstaltungen, Fernsehdokumentationen und Artikeln in zahlreichen Magazinen, Zeitschriften und Zeitungen erinnert wurde – unter anderem in der Titelgeschichte des „Spiegel“, 2025, Nr. 19, die ebenfalls Kriegsverbrechen, Gewalt und Judenmord thematisiert – zum Teil auch von Angehörigen, die sich mit der Geschichte ihrer Großväter und Urgroßväter beschäftigen und zu erschreckenden Ergebnissen kamen. Aber auch in der Grafschaft Bentheim beschäftigten sich Betroffene mit dem Thema. Zu verweisen ist auf Veröffentlichungen in den Grafschafter Nachrichten (Artikel „Auf Spurensuche nach vermisstem Großvater“ am 20. Mai 2025) , im vom Heimatverein Grafschaft Bentheim herausgegeben Bentheimer Jahrbuch 2025 (Artikel „Ein Soldatenschicksal“) und auf das Buch „Schüsse in der Stille“ von Celina Keute, die das Leben ihres Urgroßvaters Hermann Kronemann schildert, der mit 17 in den Krieg musste und ihn glücklicherweise überlebte.

Was die Beschreibung des Schicksal des Gefreiten Gerhard Strootmann angeht, ist anzumerken, dass neben allgemeinen geschichtlichen Fakten und den glücklicherweise im Original erhaltenen Feldpostbriefen die persönlichen Informationen über Gerhard ausschließlich aus der Familie Strootmann kommen. Wie sein Neffe Jürgen Strootmann im Gespräch erläutert, der die Geschichte seiner Familie in einer Mappe gesammelt und zusammengefasst hat, geht es ihm um ein differenziertes Bild: „Ich möchte, dass eine ganze Generation Jugendlicher und junger Männer, der auch Gerhard angehörte, und die vom Regime manipuliert, ausgenutzt und verheizt wurde, nicht in eine Schublade gesteckt wird, wo sie nicht hingehört.“

Ein weiteres, auch persönliches Motiv für Jürgen Strootmann liegt in der Bewahrung einer Erinnerungskultur, die aufgrund der langen Zeit, die seit den Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges zurückliegen, droht, vergessen zu werden. „Onkel Gerhard, der Erstgeborene meiner Großeltern, hatte, seitdem ich mich erinnern kann und ich überhaupt von meinen Eltern und Großeltern irgendwas über die Vergangenheit unserer Familie erfahren habe, immer einen großen Stellenwert. Bei jeder Familienfeier wurde seiner und allen anderen Verstorbenen der Familie gedacht. Allerdings leider nur, solange meine Oma Maria, die Mutter von Gerhard, noch bei uns in Lage lebte. Sie starb 1988 … Der Mittelpunk unserer Familie war nicht mehr da. In den darauf folgenden Jahren traf man sich aber zu Ostern und Weihnachten immer noch in Lage. Um den Familienzusammenhalt aufrecht zu erhalten. Das ging jahrelang gut, bis es dann doch zu bröckeln begann. Jahrzehnte später verstarben in unregelmäßigen Abständen, die leider immer kürzer wurden, die meisten meiner Tanten und Onkel, also die Brüder, Schwestern, Schwäger und Schwägerinnen von Gerhard … es ist mir ein Anliegen … nicht nur die Erinnerung an Onkel Gerhard und sein tragisches Schicksal wach zu halten, sondern auch den nachfolgenden Generationen ein Bewusstsein für ihre Wurzeln, ihre Herkunft und den traditionellen Werten zu vermitteln“, heißt es dazu in dem Buch.

Jürgen W. Strootmann, Eine verheizte Jugend – Gerhard Strootmann, 1921 – 1942, Schicksal – Sehnsucht – Feldpostbriefe. Das Buch kann per E-Mail an j.strootmann62@gmail.com bestellt werden.

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