Biografie von Christian Neef
Moskau, Peking, Washington, Pasternak und Perestroika, chinesische Kulturrevolution, amerikanische Bürgerrechtsbewegung und deutsche Ostpolitik … Gerd Ruge war ein entscheidender Protagonist des demokratischen Journalismus nach 1945, der den Menschen in Deutschland ein Fenster zur Welt geöffnet hat.
Den Menschen zuhören und sie verstehen – kaum einer hat diese Prämisse mehr beherzigt als Gerd Ruge. Bis heute verkörpert er das, was man unter objektivem und dennoch empathischem Journalismus versteht. Christian Neef hat seinen in Deutschland einzigartigen, umfangreichen Nachlass gesichtet. Seine Biografie zeichnet nicht nur das Leben dieses außergewöhnlichen Reporters nach, sondern erzählt auch von den wichtigsten weltpolitischen Umbrüchen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Ruge oft direkt vor Ort erlebte.
„Ruge neigte niemals zur Hektik, spielte sich nicht auf, sondern blieb seinem Stil treu: mit ruhigen Fragen dem Zuschauer Einsicht in Entwicklungen in der Welt zu geben. Er hat den Deutschen beigebracht, sich nicht so wichtig zu nehmen in der Welt. So, wie er selbst sich nicht so wichtig genommen hat. Dabei war er einer der Wichtigsten“, sagt Klaus Hillenbrand von der taz. Und eine Kollegin ergänzt: „Es war faszinierend, ihm zu zuhören und bei der Arbeit zuzuschauen. Ihm verdanke ich wundervolle Einblicke in meinen Beruf“, schreibt die ZDF-Aulsandskorrespondentin Katrin Eigendorf in ihrem Buch „Erzählen was ist“.
Zum Autor
Christian Neef, geboren 1952 im brandenburgischen Perleberg, studierte in Leipzig Journalistik und Geschichte. Der ausgewiesene Experte für Russland, Osteuropa und Afghanistan lebte 16 Jahre in Moskau. U. a. war er zehn Jahre stellvertretender Auslandschef des Spiegel. Heute arbeitet er als freier Autor zu Themen über Russland und Osteuropa. Er veröffentlichte mehrere Bücher zur russischen Geschichte, zuletzt über den Untergang der deutschen Gemeinde von St. Petersburg nach 1917.
Leseprobe
„Eine ruhige Straße am Rande des Münchner Stadtbezirks Bogen-
hausen. Gepflegte Villen und Einfamilienhäuser stehen hier, Wohn-
orte für gut situiertes Bürgertum. Es gibt viel Grün, aber auch die
alten Gründerzeitbauten sind nicht weit und jene Stelle, an der in der
Poschingerstraße einst die Thomas-Mann-Villa stand.
Das Haus, in dem der Journalist Gerd Ruge bis zu seinem Tode
lebte, fällt aus dem Rahmen. Es ist eine lang gezogene Wohnanlage
aus Beton, zur Zeit der Olympischen Spiele Anfang der 1970er-Jahre
erbaut. Häuser dieser Art werden heute als brutalistisch abgetan,
weil der Beton auch an der Fassade und im Innenraum genüsslich
zelebriert worden ist. Aber dieses Haus ist keine jener Wohnmaschi-
nen, die im Stil des »béton brut« entstanden, sondern elegant im
orangefarbenen Innern, mit viel Holz, Stahl und Glas sowie enorm
großen Terrassen auf beiden Seiten, fast so groß wie die Innenräume.
Diese Terrassen waren Ruges Welt, er liebte sie, weil sie von Meisen,
Zaunkönigen, Amseln und Rotkehlchen bevölkert waren, manch-
mal auch von Eichhörnchen. Deswegen wollte er hier nicht weg,
selbst als er das verlockende Angebot einer großen Altbauwohnung
in Schwabing bekam.
Er hatte zwei Wohnungen zu einer zusammengelegt, schon um
seine Bibliothek mit den mehreren Tausend Bänden unterzubekom-
men. Jeder, der ihn besuchte, bestaunte die vielen Bücher und Schall-
platten, die er von seinen Aufenthalten in Russland, Amerika und
China mitgebracht hatte, auch die Rollbilder, Plastiken, Ikonen und
kunsthandwerklichen Objekte – ein Sammelsurium, das in den Jahr-
zehnten seiner Korrespondentenarbeit zustande gekommen war und 12
bei dessen Betrachten man spürte, dass es sich vor allem um Erinne-
rungsstücke handelte.
Zwei Etagen tiefer, das sahen die Besucher nicht, hatten sich in
einem riesigen, vollgestopften Hobbyraum Schätze ganz anderer
Art angehäuft. Dort waren Dutzende Kisten und Kartons gestapelt,
dazwischen lagerten Taschen und selbst Plastiktüten – die Hinter-
lassenschaft eines Journalistenlebens. Diese hatte sich über die Zeit
auch auf die Keller eines weiteren Hauses sowie auf die Wohnung
selbst verteilt, in ziemlich chaotischer Manier.
Gerd Ruge starb im Oktober 2021, im 94. Lebensjahr. Als seine
Tochter die Wohnung aufzulösen begann, fand sie diesen Nach-
lass. Was quoll in den Kellern und in der Wohnung nicht an den
unterschiedlichsten Stellen hervor! Ordner und Hefter, Dokumen-
tenmappen und lose Papiere – in kleinen Koffern oder Schubläden
aufbewahrt –, ganze Briefstapel und Unmengen an Fotos. Selbst im
alten Bauernschrank in der Wohnung waren noch irgendwelche
Akten untergebracht.
Erst nach und nach ließ sich der Faden in diesem Knäuel finden,
an dem entlang man den Fund ordnen konnte. Es zeigte sich, dass
diese Hinterlassenschaft eine Art Chronik ist und die Geschichte von
mehr als 70 Jahren widerspiegelt – anhand von Manuskripten und
Sendeberichten, Presseartikeln und Rezensionen sowie dienstlichen
und privaten Briefen, die bereits Ende der 1930er-Jahre beginnen.
Der Fund entpuppte sich als ein Geschichtsbuch der bewegten Jahr-
zehnte nach dem Zweiten Weltkrieg – ja als eines der in Deutschland
politisch vielleicht interessantesten Archive der Nachkriegszeit.“
Christian Neef, Ruge – Der Reporter des 20. Jahrhunderts, Propyläen Verlag, Einbandart, Hardcover mit Schutzumschlag, Seitenanzahl, 496 Seiten, ISBN 9783549110133