Licht wird Farbe. Reisen nach Tunesien

Ausstellung im Franz Marc-Museum

Was geschieht, wenn Künstler:innen in ein anderes Licht aufbrechen, in ungewohnte Räume und Landschaften, deren Farben, Formen und Architekturen den eigenen Blick verändern? Das Franz Marc Museum geht dieser Frage nach und präsentiert zwei Reisen: den mehrmonatigen, bislang wenig erforschten Aufenthalt von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky in Tunis und Umgebung 1904/05 sowie die berühmte Tunisreise von Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet im Frühjahr 1914. Die Ausstellung zeigt, wie aus Reiseeindrücken Bilder wurden, und fragt zugleich, wie der koloniale Blick diese Bilder formte.

Die erste Reise: Münter und Kandinsky, 1904/05

Am 25. Dezember 1904 erreichten Gabriele Münter und Wassily Kandinsky Tunis und blieben bis zum 5. April 1905 in Tunesien. Für das Paar bot die Reise auch die Möglichkeit, dem Münchener Alltag zu entkommen und längere Zeit gemeinsam zu leben. Da das Wetter zunächst ungewöhnlich schlecht war, hielten sie sich in den ersten Wochen vor allem in Tunis auf. Später führten sie Ausflüge nach La Marsa und Karthago; im März reisten sie nach Sousse und Kairouan.

Münters Tagebuch lässt den Verlauf des Aufenthalts ungewöhnlich genau nachvollziehen. Münter hielt ihre Eindrücke in Fotografien, Skizzen und Gemälden fest. Ihre Aufnahmen zeigen Straßenszenen, Gebäude sowie Begegnungen mit der tunesischen Bevölkerung und dienten teilweise als Ausgangspunkt für spätere Arbeiten. Auch Kandinsky griff gelegentlich zur Kamera. In den Gemälden beider treten neben einer impressionistisch geprägten Wiedergabe des Lichts bereits vereinfachte Formen und klarer gegeneinandergesetzte Farbflächen hervor. Die Reise bedeutete keinen plötzlichen Stilbruch, verstärkte jedoch künstlerische Entwicklungen, die bereits zuvor begonnen hatten.

Die zweite Reise: Klee, Macke und Moilliet, 1914

Im April 1914 reisten Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet für knapp zwei Wochen durch Tunesien. Anders als der längere Aufenthalt Münters und Kandinskys war ihre Reise von Beginn an als gemeinsame Studienreise angelegt. Moilliet kannte das Land bereits von früheren Aufenthalten und vermittelte wichtige Kontakte. Von Tunis führte ihr Weg über St. Germain und Hammamet nach Kairouan. Dort notierte Klee in seinem Tagebuch: »Die Farbe hat mich. […] Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.« Da er seine Aufzeichnungen später überarbeitete, ist der Eintrag weniger als unmittelbares Reisedokument denn als rückblickende Deutung zu verstehen. Dennoch verweist er auf die große Bedeutung, die Klee dem Aufenthalt für seine künstlerische Entwicklung beimaß. In seinen Aquarellen verwandelte er Architektur und Landschaft zunehmend in transparente Farbflächen und rhythmische Bildstrukturen.

Auch für Macke wurde die Reise zu einer Phase intensiver künstlerischer Arbeit. In seinen Aquarellen verdichtete er Straßenszenen und Märkte zu leuchtenden Farbflächen, ohne den Bezug zum beobachteten Motiv aufzugeben. Daneben fotografierte er Menschen und Alltagsszenen. Nach seiner Rückkehr nach Bonn griff er auf dieses Material zurück und entwickelte einzelne Motive in Zeichnungen und Gemälden weiter. Die Reise wirkte in seinem Werk somit über den unmittelbaren Aufenthalt hinaus. Moilliet kannte Tunesien bereits und war maßgeblich an der Organisation der Reise beteiligt. In seinen Aquarellen scheinen nordafrikanische Städte und Landschaften in leichten Farbsetzungen fast zu schweben.

Ein Aufbruch mit Ambivalenz Tunesien war seit 1881 französisches Protektorat. Die Reisenden bewegten sich in kolonial geprägten Infrastrukturen und auf touristischen Routen. Reiseführer, Fotografien, Postkarten, Ausstellungen und Vorstellungen vom „Orient“ prägten mit, was sie sahen, sammelten und künstlerisch verarbeiteten. „Mit ›Licht wird Farbe‹ bringen wir die berühmte Tunisreise von 1914 mit dem weniger bekannten Aufenthalt Gabriele Münters und Wassily Kandinskys zusammen. Dabei fragen wir nicht nur, wie Tunesien die Kunst dieser fünf Künstler:innen veränderte, sondern auch, mit welchen Erwartungen sie auf das Land blickten. Gerade diese Verbindung eröffnet einen neuen Blick auf vermeintlich vertraute Werke“, so Jessica Keilholz-Busch, Direktorin des Franz Marc Museums. Ein Thema mit Bezug zum Haus Die reisenden Künstler:innen waren mit dem Namensgeber des Museums verbunden: Franz Marc war mit August Macke befreundet und gab 1912 gemeinsam mit Wassily Kandinsky den Almanach Der Blaue Reiter heraus, zu dessen Kreis Gabriele Münter zählte. Paul Klee stand in engem künstlerischem Austausch mit dem Umfeld des Blauen Reiters. Auch sind Werke von Klee, Macke und Münter aus der Sammlung des Franz Marc Museums in der Ausstellung zu sehen.

Franz Marc besuchte 1910 die Ausstellung »Meisterwerke muhammedanischer Kunst«. Die dort gezeigten Teppiche und Metallarbeiten beeindruckten ihn nachhaltig. Marc stellte Kandinskys abstrakte Malerei der islamischen Kunst gegenüber und erkannte in deren »Farben- und Kompositionskunst« eine Herausforderung für die »einseitige Begrenztheit unserer europäischen Begriffe von Malerei«. Diese Öffnung des Blicks wurde wenig später zu einem wichtigen Gedanken des Blauen Reiters.

Die Präsentation umfasst rund sechzig Exponate, darunter Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Druckgrafik und Fotografien. Bedeutende Leihgaben stammen aus dem Lenbachhaus München, dem Kunstmuseum Bern, der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung und der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Wichtige Einzelwerke kommen u. a. aus der Sammlung Scharf-Gerstenberg der Staatlichen Museen zu Berlin, dem Schloßmuseum Murnau, dem Stadtmuseum München, dem Leopold Hoesch-Museum in Düren, dem Museum Würth in Künzelsau und dem Museo Castello San Materno in Ascona. Ergänzt werden sie durch Leihgaben aus Privatbesitz.

Begleitprogramm

Führungen

Direktorinnenführung 5. November 2026, 15–16 Uhr

Jessica Keilholz-Busch (Kuratorin und Direktorin des Franz Marc Museums) führt durch die Ausstellung und gibt Einblicke in die Entstehung der Präsentation und die kunsthistorischen Fragestellungen, die der Ausstellung zugrunde liegen. 5 € (mit Anmeldung)

Expertinnenführung 5. Dezember 2026, 15–16 Uhr

Mit Farben bauen. Paul Klees Reise nach Tunis Cathrin Klingsöhr-Leroy (Vorstand der Kaldewei Kulturstiftung und ehemalige Direktorin des Franz Marc Museums) führt durch die Ausstellung und legt einen Schwerpunkt auf die Arbeiten Paul Klees. 5 € (mit Anmeldung)

Neujahrsführung mit Sektempfang 1. Januar 2027, 11 Uhr

Mit Kunst ins neue Jahr: Diese besondere Führung präsentiert ausgewählte Werke und Geschichten der Ausstellung. Im Anschluss lädt das Franz Marc Museum zu einem Glas Sekt im Café Franz am See ein. 10 € (mit Anmeldung, Sekt inklusive)

Vortrag Bilder einer Reise. Gabriele Münter, August Macke und ihre Blicke auf Tunesien 10. Dezember 2026, 18 Uhr

Stephan Sagurna (Fotograf und Bildwissenschaftler, Münster) und Daniel Oggenfuß (Restaurator am Lenbachhaus, München) werfen einen genaueren Blick auf die Fotografien von Münter und Macke, die während der Tunesienreisen entstanden. 5 € (Anmeldung empfohlen)

Workshops für Jugendliche und Erwachsene Aquarellieren mit Naturfarben 17. Oktober 2026, 11–14 Uhr

Nach einem gemeinsamen Ausstellungsbesuch mit dem Museumspädagogen Michael Sterna können die Teilnehmenden Naturfarben selbst herstellen und direkt für ihre Aquarellmalerei nutzen. 30 € (maximal 10 Personen, mit Anmeldung)

Aquarellmalen 28. November 2026 und 9. Januar 2027, jeweils 11–14 Uhr

Wie lassen sich Licht, Farbe und Atmosphäre mit wenigen Pinselstrichen einfangen? Von der Ausstellung inspiriert entdecken die Teilnehmenden mit der Künstlerin Angela Stauber die besonderen Möglichkeiten der Aquarellmalerei. 30 € (maximal 10 Personen, mit Anmeldung) Mitmachraum Im Mitmachraum des Museums können die Besuchenden selbst mit Aquarellfarben experimentieren. Inspiriert von den Werken der Ausstellung darf hier beobachtet, ausprobiert und frei gestaltet werden (Konzeption: Anna Schölß und Michael Sterna).

Ausstellungskatalog

Jessica Keilholz-Busch (Hg.): Licht wird Farbe. Reisen nach Tunesien Beiträge von Annegret Hoberg, Isabelle Jansen und Jessica Keilholz-Busch Grafik: Schmid/Widmaier, München Broschur, 128 Seiten, 122 Abbildungen, 2 Karten Erscheinungstermin: 11.10.2026, ISBN: 978-3-9824-6175-5, Preis: 28 Euro. Erhältlich im Franz Marc Museum und über den Onlineshop.

Dauer und Öffnungszeiten

11. Oktober 2026 bis 17. Januar 2027. Oktober: Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr November bis Januar: Dienstag bis Sonntag 10–17 Uhr. Geschlossen am 24. und 31. Dezember. An Feiertagen geöffnet, auch wenn diese auf einen Montag fallen.

Nähere Informationen: Franz Marc Museum, Franz Marc Park 8–10, 82431 Kochel am See, Telefon: Internet: http://www.franz-marc-museum.de

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