Expedition Weltmeere – kulturhistorisch und immersiv

Etwa 70 Prozent der Erdoberfläche ist mit Wasser bedeckt, davon sind 96,5 Prozent Meerwasser. Müsste die Erde nicht eigentlich „Planet Wasser“ heißen? Die Weltmeere gelten als der Ursprung allen Lebens auf der Erde. Sie bieten Rohstoffe, Energie, Nahrung, Transportwege und funktionieren als Klimamaschine. Die kulturhistorische und immersive Ausstellung Expedition Weltmeere, die noch bis zum 6. April in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen ist, beleuchtet nicht nur die „oberflächliche“ Beziehung zwischen Mensch und Meer, sondern taucht auch in die geheimnisvollen submarinen Gefilde ein.

Bereits seit 4000 Jahren nutzen Menschen die Wasserwege als globalen Highway, deshalb mutet es geradezu paradox an, dass wir heute über die Oberflächen von Mond und Mars mehr wissen als über die Weltmeere, deren Tiefen lediglich zu fünf Prozent erforscht sind. Die Weltmeere waren stets imaginäre Räume, die Sehnsüchte weckten, Fantasie anregten, aber auch Ängste schürten. Seit jeher spielten sie beim Austausch zwischen Völkern und Kontinenten eine Schlüsselrolle: Waren, Ideen und Religionen verbreiteten sich immer auch auf dem Seeweg. Die Meere wurden auf der Suche nach Siedlungsmöglichkeiten, nach Gold, Gewürzen und neuen Wissensquellen überquert. So entstanden in einem jahrhundertelangen Prozess von Interaktionen vielfältige Verbindungen und Netzwerke rund um den Globus.

Bereits in der Frühzeit war die Seefahrt ein Mittel ökonomischer und machtpolitischer Expansion: Wer die Meere beherrschte, hatte auch am Land das Sagen. Der beschämendste Aspekt dieses transkontinentalen Strebens nach Macht und Reichtum war der Handel mit versklavten Menschen aus Afrika (15. bis 19. Jahrhundert), deren Schwerstarbeit den Wohlstand Europas und der Vereinigten Staaten von Amerika überhaupt erst ermöglichte. Die Ozeane und Meere sind der größte zusammenhängende Lebensraum unseres Planeten. Da sie Wärme und CO2 in großen Mengen speichern, haben sie maßgeblichen Einfluss auf Wetter und Klima. Umgekehrt nehmen sie und ihre Ökosysteme durch die Auswirkungen des Klimawandels erheblichen Schaden. Auch Überfischung, industrielle Nutzung, intensiver Schiffsverkehr und die anthropogene Verschmutzung drohen die faszinierende Vielfalt der Weltmeere zu vernichten.

Zu den Zielen der 2021 gestarteten UN-Ozeandekade gehört neben Maßnahmen zum Schutz der Meere auch das Bestreben, das Wissen über die Ozeane zu verbreiten und stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Das Thema Weltmeere bietet unzählige Betrachtungsperspektiven und Zugänge. Die Ausstellung Expedition Weltmeere richtet den Fokus auf das lustvolle Erforschen und Erkunden unterschiedlicher Facetten der marinen Welten, deren Transformationsprozesse sowie die vielfältigen kulturellen Beziehungen zwischen Mensch und Meer. Sie hebt die Schönheit der rätselhaften Lebensräume unter Wasser hervor und weist gleichzeitig hin auf ihre Bedrohung durch Verschmutzung, Lärm, Übernutzung mariner Ressourcen und den vom Menschen verursachten Klimawandel.

Die Ausstellung konzentriert sich auf drei große Themenschwerpunkte: Die Tiefsee mit ihren rätselhaften Lebenswelten und dem fragilen Ökosystem, die Weltmeere als umkämpfter Wirtschaftsraum und Grundlage der Globalisierung und schließlich die Weltmeere als Sehnsuchtsort und Transferraum für Menschen und Ideen. Diese geheimnisvollen Gefilde waren schon immer eine Inspirationsquelle für Fantasie und Kreativität: Neben Originalobjekten aus Natur, Wissenschaft und Technik führen historische wie zeitgenössische Kunstwerke die gefährdete Schönheit der marinen Flora und Fauna vor Augen und animieren zum Nachdenken über die wechselvolle Beziehung zwischen Mensch und Meer.

Die beiden immersiven Stationen in der Ausstellung, Der Fahrstuhl in die Tiefsee und Die Unterwasserstation, vermitteln neueste wissenschaftliche Erkenntnisse in einem zeitgemäßen Format. Bei der Station Der Fahrstuhl in die Tiefsee sind Assoziationen mit der Nautilus, dem berühmten Unterwasserboot des Kapitän Nemo, durchaus naheliegend. Der Fahrstuhl wurde als eine Kabine für mehrere Personen konzipiert, deren „Fenster“ aus großen Monitoren bestehen, auf denen auf acht „Etagen“ die dort lebende Meeresflora und -fauna in Originalaufnahmen zu sehen sind. Die Unterwasserstation erzählt die Geschichte der Endurance, des vermutlich berühmtesten Expeditionsschiffs der Wissenschaftsgeschichte, mit dem der Polarforscher Ernest Shackleton 1914 zu seiner Trans-Antarktis Expedition aufbrach. Das Schiff sank 1915, ohne sein Ziel zu erreichen, sein Wrack wurde erst 2022 in 3008 Metern Tiefe entdeckt – eine weltweite Sensation. Die realitätsnah gestaltete Unterwasserstation bietet den Ausgangspunkt für die Erkundung des Wracks der Endurance auf dem Meeresboden.

Ausstellungstexte

Die Weltmeere sind der Ursprung allen Lebens auf der Erde. Sie bilden das größte zusammenhängende Ökosystem auf unserem Planeten und sind Lebensraum für geschätzt mehr als zwei Millionen Arten. Für unser Leben sind sie unentbehrlich als Klimaregulator und Sauerstoffproduzent. Sie liefern Nahrung, Rohstoffe und Energie. Und obwohl sie etwa 70 Prozent der Erdoberfläche bedecken, wissen wir mehr über Mond und Mars als über die Weltmeere. Unsere Ausstellung taucht in diese geheimnisvollen submarinen Gefilde ein und beleuchtet die komplexe Beziehung zwischen Mensch und Meer. Im Mittelpunkt stehen das Erforschen und Erkunden der marinen Welten. Wir feiern ihre Bedeutung und ihre Schönheit und verweisen gleichzeitig auf ihre Gefährdung. Wir präsentieren die Weltmeere als Wirtschaftsräume und Transferzonen für Menschen, Waren und Ideen. Und wir erzählen von den Ozeanen als Quelle kreativer Fantasie und der Abenteuerlust sowie als Ursprung tiefer Ängste gleichermaßen. In der Mitte der von den Vereinten Nationen 2021 ausgerufenen Dekade der Ozeane und im Jahr der Nachhaltigkeit in der Bundeskunsthalle will die Ausstellung das Wissen über die Weltmeere und ihre existenzielle Bedeutung stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken.

Der Blaue Planet

Vom Weltall aus betrachtet, erscheint die Erdkugel in einem kräftigen Blau. Das liegt an der Größe der Ozeane, die zirka 70 Prozent der Erdoberfläche bedecken. Seit der Mensch sich aufgemacht hat, die Ozeane zu erobern, nutzt und erforscht er sie, bedroht aber auch deren Existenz. Um sich auf See zu orientieren, sind Schiffe auf Navigationsinstrumente und Karten angewiesen. Früher mussten die Seeleute ihren Weg mit Hilfe der Gestirne finden, um anhand der Position der Himmelskörper den eigenen Standort zu bestimmen. Heute vertrauen sie auf moderne Techniken wie Radar und GPS. Trotz ihrer riesigen Ausdehnung sind die Unterwasserwelten immer noch wenig erforscht. Dabei sind die vielfältigen marinen Lebensräume mit ihrem überwältigenden Reichtum an Flora und Fauna nicht nur der Ursprung allen Lebens auf unserem Planeten, sondern auch ein Reich voller Wunder und Rätsel. Doch die Ozeane sind zunehmend bedroht. Das größte zusammenhängende Ökosystem der Erde leidet unter menschengemachten Problemen wie Lärm, Vermüllung, Übernutzung mariner Ressourcen und Klimawandel.

Die Kunst der Navigation

Solange es die Seefahrt gibt, nutzten Menschen Hilfsmittel, um sich auf dem Meer zu orientieren. Zunächst waren es die Sterne, der Sonnenstand und die Küstennavigation. Seit dem Mittelalter gehörten das Astrolabium, der Kompass sowie Portolankarten mit ihren Seerouten zur Grundausstattung der Schiffe. Die Erfindung des Sextanten und des Chronometers zur Bestimmung der Breiten- und Längengrade im 18. Jahrhundert machte, zusammen mit den ersten wissenschaftlichen Weltkarten, eine präzise Navigation möglich. Im Zuge der ersten großen Expeditionen erfolgte schließlich im 19. Jahrhundert die Kartierung der Meeresfläche und die Tiefenmessung. In der heutigen Navigation, die für die Sicherheit und die Erforschung der Weltmeere unverzichtbar ist, werden traditionelle und moderne Methoden wie Radar, Echolot und GPS verwendet.

Unterwasserwelten

„Die vielleicht größte Entdeckung des 20. Jahrhunderts über den Ozean war die Entdeckung des Ausmaßes unserer Unwissenheit“, stellt Sylvia Earl, eine der weltweit führenden Meeresforscherinnen, ernüchtert fest. Zwar haben die meereskundlichen Expeditionen seit dem 19. Jahrhundert das Wissen über die Unterwasserwelten erweitert, doch die Weltmeere sind heute in ihrer Gesamtheit lediglich zu fünf Prozent erforscht. Die gerade stattfindende technologische Revolution bietet neue Möglichkeiten, diese unbekannten Welten zu ergründen. Dabei stellt sich heraus, dass das Leben in den Meeren genauso bunt und vielfältig ist wie auf dem Festland. Die abwechslungsreichen Geländeformationen und mehr als zwei Millionen Arten stehen für die schier grenzenlose Vielfalt des marinen Lebensraums. Diese geheimnisvollen Gefilde sind seit jeher auch eine ergiebige Inspirationsquelle für die menschliche Fantasie und Kreativität.

Bedrohte Lebensräume

Die Ozeane geraten zunehmend aus der Balance. Das größte zusammenhängende Ökosystem auf unserem Planeten leidet unter den von Menschen verursachten Schäden wie Lärm, Vermüllung, Übernutzung mariner Ressourcen und Klimawandel. Insbesondere die Erwärmung der Meere bedroht die Lebensräume zahlreicher Meeresbewohner. Durch die Aufnahme von Kohlendioxid und die Vermischung des Treibhausgases mit dem Wasser versauern die Ozeane. Die jüngsten Messungen am Great Barrier Reef vor der Küste Australiens belegen, dass die Schäden durch die Korallenbleiche ein Rekordausmaß erreicht haben. Eine weitere Gefahr stellen die zirka 150 Millionen Tonnen Plastikmüll dar, die in den Ozeanen treiben und sich in fünf riesigen Müllstrudeln sammeln.Die nicht abbaubaren Mikroplastikpartikel dringen in alle Meeresregionen vor und gefährden hunderte von Tierarten, die das Plastik mit ihrer Nahrung aufnehmen.

Die Globalisierung der Weltmeere

Seit jeher spielten die Weltmeere beim Austausch zwischen Völkern und Kontinenten eine Schlüsselrolle. Man überquerte sie auf der Suche nach neuen Siedlungsmöglichkeiten, Rohstoffen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. So entstanden bereits in der Frühzeit vielfältige Verbindungen und Netzwerke rund um den Globus. Die Weltmeere waren auch immer, spätestens jedoch seit dem Beginn der Globalisierung im 15. Jahrhundert, ein umkämpfter Wirtschaftsraum und Schauplatz des Strebens nach Macht und Reichtum, an dem alle seefahrenden Nationen beteiligt waren. Heute sind die Meere das Rückgrat der globalen Wirtschaft. Zunehmend wurden die Ozeane in die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Systeme eingebunden. Heute betrachtet man sie nicht nur als geografische Räume, sondern als Orte vielfältiger Interaktionen, die internationale Regelungen und Kontrollen erfordern. Die globale Vernetzung und zunehmende menschliche Nutzung der Meere führen zu bedrohlichen ökologischen Problemen. Auch hier ist internationale Zusammenarbeit erforderlich, um eine nachhaltige Nutzung ihrer Ressourcen sicherzustellen.

Ozeane im Austausch

Seit Tausenden von Jahren existierten auf den Ozeanen zahlreiche Seewege und Netzwerke, und auch untereinander waren die Weltmeere stets verbunden. Das 15. und 16. Jahrhundert markiert jedoch einen großen Umbruch. Die damaligen europäischen Versuche, auf dem Seeweg nach Indien zu gelangen, führten zu Entdeckungen, die die Weltmeere auf eine neue Art und Weise miteinander verknüpften. Von nun an zogen sich neue Seerouten kreuz und quer über die Ozeane, und zwischen den Kontinenten wurde ein Schiffsverkehr mit einem weltweiten Austausch von Waren, Menschen, Tieren und Pflanzen etabliert. Die Erschließung neuer Seewege ging mit dem Beginn der Kolonisierung und Besiedlung der neu entdeckten Territorien durch Europäer einher. Diese Expansionspolitik auf den Weltmeeren setzte sich auch nach dem so genannten „Entdeckerzeitalter“ fort.

Globale Handelsrouten

Maritime Handelsrouten waren seit jeher Achsen des wirtschaftlichen und kulturellen Austauschs zwischen Regionen und Kontinenten. Im 16. Jahrhundert gelang es den europäischen Kolonialmächten mit nautischen und logistischen Kenntnissen, aber auch mit Waffengewalt, die Grundlage für ein weltumspannendes maritimes Handelsnetzwerk zu schaffen. Mitte des 19. Jahrhunderts begann mit der Einführung der Dampfschiffe ein neues Zeitalter. Diese schnellere und zuverlässigere Transportmöglichkeit wirkte sich auch auf die Weltwirtschaft aus. Heute werden ca. 90 % des internationalen Güterverkehrs auf dem Seeweg abgewickelt. Möglich machte dies die Erfindung des standardisierten Containers 1956. Die einfache wie geniale Idee, Waren nicht einzeln als Stückgut, sondern gebündelt zu transportieren, revolutionierte den Welthandel und wurde zum Symbol der Globalisierung.

Profit um jeden Preis ‒ Der transatlantische Sklavenhandel

Der europäische Sklavenhandel zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert stellt eines der größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Es wirkt bis heute in allen Teilen der Welt nach. Die Kolonialmächte zwangen zirka 13 Millionen Afrikaner in die Sklaverei, um sie auf den profitbringenden Plantagen in der neuen Welt als praktisch kostenlose Arbeitskräfte einzusetzen. Neben Waren wie Gold, Gewürze, Zucker, Tabak und Baumwolle wurde auch die Handelsware Mensch transportiert. Aus verschleppten Menschen wurden „Sklaven“, denen man alle Rechte und jegliche Humanität absprach. Die Überfahrt fand unter menschenunwürdigen Bedingungen auf speziell für diesen Zweck umgebauten und ausgerüsteten Sklavenschiffen statt. Mehr als 1,8 Millionen Menschen verloren dabei ihr Leben. Erst mit der Sklavenbefreiung in den USA 1865 endete die institutionell legitimierte Sklaverei in den Industrienationen.

Weltmeere als Ressource: Fischerei

Seit Jahrzehnten schrumpfen die Fischbestände in den Weltmeeren. Die Ursachen liegen in der industriellen Fischerei mit großen Fangflotten und moderner Technik, aber auch im illegalen Fischfang, fehlenden Kontrollen, hohen Fischkonsum und Aquakulturen. Die Folgen der Überfischung sind dramatisch: Die Fischpopulationen brechen zusammen, marine Ökosystem werden durch den Einsatz von Schleppnetzen zerstört oder geraten ins Ungleichgewicht, und viele Menschen verlieren dadurch ihre Lebensgrundlage. Die Lösungen im Kampf gegen die Überfischung sind bekannt: eine nachhaltige Fischerei mit festgelegten Höchstfangquoten und Schutzzeiten sowie marine Schutzgebiete, in denen gar nicht oder nur eingeschränkt gefischt werden darf. Aber auch ein verändertes Verhalten der Verbraucher, weniger oder bewusster Fisch zu konsumieren und dabei auf Zertifizierungen wie das MSC-Siegel (Marine Stewardship Council) zu achten, ist wichtig.

Weltmeere als Ressource: Rohstoffe

Neben der Öl- und Gasgewinnung aus dem Meeresboden, die mittlerweile ein Drittel der weltweiten Förderung ausmacht, sind es die mineralischen Rohstoffe aus der Tiefsee, die eine zentrale Rolle für die Zukunft spielen. Denn Manganknollen, Massivsulfide und Kobaltkrusten liefern wertvolle Metalle und seltene Erden für moderne Technologien. Diese Rohstoffe, die auf dem Meeresboden jenseits der nationalen Hoheitsgebiete (mehr als 200 Seemeilen vor der Küste) zu finden sind, werden im Internationalen Seerechts übereinkommen der Vereinten Nationen von 1982 als das „gemeinsame Erbe der Menschheit“ bezeichnet. Ihr kommerzieller Abbau hat noch nicht begonnen und ist hoch umstritten. Er ist nur mit der Genehmigung der Internationalen Meeresbodenbehörde möglich, die entsprechende Lizenzen vergibt und verhindern soll, dass nur reiche Industrienationen oder Konzerne von den Rohstoffen profitieren.

Schutz der Meere

„Wir müssen die Ozeane retten, wenn wir uns selbst retten wollen“, erklärte die Seerechtsexpertin, Ökologin und Publizistin Elisabeth Mann Borgese (Anm.: Bekannt wurde die Tochter von Thomas Mann durch den Dokumentarfilm „Die Manns“ von Heinrich Breloer) bereits in den 1960er-Jahren. Heute ist die Bedrohung für die Weltmeere und somit für unsere gesamte Lebensgrundlage durch Verschmutzung, Lärm, Übernutzung mariner Ressourcen und den vom Menschen verursachten Klimawandel mehr als dramatisch. Die im Jahr 2021 gestartete Ozeandekade der Vereinten Nationen hat sich daher zum Ziel gesetzt, durch gemeinsame Forschungsprojekte, Handlungsstrategien und Informa tionskampagnen bis 2030 einen gesunden und nachhaltig bewirtschafteten Ozean zu schaffen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss auch das Wissen über den Ozean und seine massive Gefährdung stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Gerade jetzt, in Zeiten der geopolitischen Krise ist der Dialog zwischen Wissenschaft, Politik, NGOs und Zivilgesellschaft von höchster Bedeutung.

Ozeane als Transferraum für Menschen und Ideen

Die Beziehung zwischen Mensch und Meer ist so alt wie die Menschheit selbst. Sie ist von dem Wunsch geprägt, die grenzenlosen Weiten der Ozeane zu erkunden und zu erschließen. So entwickelten sich die Weltmeere zu einer Transferzone, deren Passagen auch für unterschiedliche Migrationsbewegungen offenstehen. Die Beweggründe hierfür sind vielfältig: Politische und religiöse Motive, Hoffnung auf eine bessere wirtschaftliche und soziale Zukunft haben Millionen Menschen auf die Reise geschickt. Mit den Menschen reisten auch Ideen zu neuen Ufern. Die Hafenstädte entwickelten sich zu Informationsbörsen und Umschlagplätzen für Nachrichten aus aller Welt. Ob die Ideale der Französischen Revolution oder die vibrierenden Tanzrhythmen der afrikanischen Diaspora – sie alle verbreiteten sich ebenfalls übers Meer. Die menschliche Wahrnehmung des Meeres wurzelt in einem Spannungsfeld zwischen Wissensaneignung und der Sehnsucht nach dem Unbekannten. Seit der Frühzeit befeuerten die Mythen über mächtige Seegottheiten und furchterregende Ungeheuer in den Meerestiefen Abenteuerlust und Fantasie der Menschen gleichermaßen.

Migration übers Meer

Die Migration über das Meer hat viele Facetten: Die Beweggründe der Menschen reichen von freiwilliger Auswanderung bis zur lebensrettenden Flucht. Schon in prähistorischer Zeit migrierten Menschen über die Weltmeere. So begann die polynesische Besiedlung hunderter von Inseln im Pazifik bereits um 1500 v. Chr. Der Atlantik erlebte eine erste große Migrationswelle im späten 15. Jahrhundert. Sie brachte Europäer, vor allem aber Millionen von versklavten Menschen aus Afrika nach Amerika. Eine weitere Migrationswelle folgte im 19. Jahrhundert, als schätzungsweise mehr als 50 Millionen Menschen aus Europa nach Nord- und Südamerika auswanderten. Die Hauptursachen hierfür waren wirtschaftliche Not, politische Umbrüche und religiöse Verfolgung. Diese Motive bedingen bis heute die Migration über die Meere auf der ganzen Welt. Neben Krieg, Armut und Verfolgung gehört mittlerweile auch der Klimawandel dazu.

Transatlantischer Ideentransfer – Die Haitianische Revolution

Im 18. Jahrhundert entwickelten sich die Hafenstädte der europäischen Kolonien in der Karibik zu bedeutenden Knotenpunkten eines weitgespannten Informationsnetzes. So verbreiteten sich die Ideale der Französischen Revolution von 1789 auch über den Seeweg. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte weckte Hoffnungen bei vielen versklavten Menschen, die auf den Zuckerrohrplantagen der französischen Kolonie Saint-Domingue Schwerstarbeit leisteten. Doch eine Abschaffung der Sklaverei in Übersee war nicht vorgesehen. 1791 erhoben sich Tausende Sklaven gegen die Plantagenbesitzer. Nach einem brutalen Bürgerkrieg riefen die siegreichen Aufständischen am 1. Januar 1804 den ersten und einzigen von ehemaligen Sklaven gegründeten Staat der Weltgeschichte aus. In Anlehnung an den ursprünglichen indigenen Namen der Insel hieß er fortan Haiti.

Sagen, Mythen, Abenteuer

In allen Kulturen gibt es Sagen, Mythen und Legenden, die von in den Meeren lebenden furchteinflößenden Wesen erzählen. Diese Meeresungeheuer beschäftigen seit alters die Fantasie der Menschen: Sie sind riesengroß, bringen Schiffe zum Kentern und töten Menschen. Sie verkörpern eine zerstörerische Macht, während die Meeresgottheiten das Meer, seine Bewohner und die Naturgewalten repräsentieren. Götter wie Poseidon oder Triton gehören der antiken Mythologie an, in vielen außereuropäischen Kulturen spielen Meeresgottheiten wie die nordische Sedna jedoch nach wie vor eine wichtige Rolle. Die Vorstellung von geheimnisvollen „ozeanischen Mächten“ hat auch in der modernen Welt nichts von ihrer Faszination verloren. Doch bereits Jules Verne zeigte, dass die Tiefsee kein Ort des Schreckens, sondern der Entdeckung ist, und inspirierte so Genera tionen von Forschenden, die Unterwasserwelten zu erkunden.

635 Tage im Eis – Die British Imperial Trans-Antarctic Expedition von Ernest Shackleton

Angetrieben von dem Ziel, als erster den antarktischen Kontinent zu durchqueren, bricht der Polarforscher Ernest Shackleton (1874–1922) am 8. August 1914 zu seiner Antarktis-Expedition auf. Doch sein Schiff, die Endurance, erreicht den Eiskontinent nie. Wenige Seemeilen vor dem Ziel bleiben Shackleton und seine 28-köpfige Besatzung im Packeis stecken. Von den Eismassen eingeschlossen und schließlich zerquetscht, sinkt ihr Schiff im November 1915. Es folgt eine der dramatischten Rettungsaktionen der Forschungsgeschichte, die im August 1916 ein glückliches Ende findet. 10 Mehr als 100 Jahre später macht sich der Unterwasserarchäologe Mensun Bound mit seinem hochspezialisierten Team auf die Suche nach der Endurance. Am 5. März 2022 ist die Sensation perfekt – das Sonarbild des nahezu unzerstörten Wracks geht um die Welt.

Publikation

Begleitend zur Ausstellung erscheint eine Publikation Expedition Weltmeere. Magazin zur Ausstellung. Herausgeber ist die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland Mit über 40 Beiträgen aus Wissenschaft und Kunst von David Barrie, Daniela Baumann, Rachel L. Carson, Katharina Chrubasik, Volker Dehs, André Freiwald, Rainer Froese, Amitav Gosh, Gerd Hoffmann-Wieck, Florian Huber, Andrea Koschinsky, Mark Lenz, Agnieszka Lulińska , Olaus Magnus, Ina Makosi, Nele Matz-Lück, Alexander Meier-Dörzenbach, Katja Mintenbeck, Maike Nicolai, Martin Papirowski, Grischka Petri, Henriette Pleiger, Heike Raphael-Hernandez, Iris Schröder, Felix Schürmann, Simon Schwartz, Julia Sigwart, Dava Sobel, Christiane Stahl, Solvin Zankl, darunter Interviews mit Antje Boetius, Mensun Bound, Boris Herrmann und Katja Matthes Umfang und Format Broschur, 21 x 29,7 cm 194 Seiten, 190 farbige Abbildungen Deutsche Ausgabe Hirmer Verlag, München Preis: 19,90 Euro, Buchhandelspreis: 25 Euro.

Nähere Informationen: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH Museumsmeile Bonn, Helmut-Kohl-Allee 4, 53113 Bonn, Telefon: +49 228 9171-200, Fax: +49 228 234154, E-Mail: info@bundeskunsthalle.de

Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne

Die Welt der Arbeit ist im Umbruch. Vertraute Berufsbilder verändern sich in rasantem Tempo. Homeoffice und künstliche Intelligenz sorgen für Freiheitsgewinne, schaffen zugleich aber auch neue Abhängigkeiten. Flexibilität und Resilienz sind gefragt.

Vergleichbare Entwicklungen prägten bereits das frühe 20. Jahrhundert, als die Modernisierung der Arbeitswelt ebenso tiefgreifende Veränderungen hervorrief wie heute. Künstlerinnen und Künstler reagierten auf diese Umbrüche, indem sie den technischen Fortschritt feierten, soziale Ungerechtigkeiten anprangerten und Visionen einer künftigen Gesellschaft entwickelten.

Die Ausstellung „Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne“, die noch bis zum 12. April 2026 im Rheinisches Landesmuseum für Archäologie, Kunst- und Kulturgeschichte zu sehen ist, eröffnet verschiedene Perspektiven auf die Arbeitswelt der Moderne zwischen 1890 und 1940. Sie reflektiert die Hoffnungen und Herausforderungen der damals lebenden Menschen anhand von Kunstwerken, Publikationen und Alltagsobjekten. Ikonen der Neuen Sachlichkeit wie Leo Breuers „Kohlenmann“ von 1931 treten in einen Dialog mit Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern wie Otto Dix, Conrad Felixmüller, Hannah Höch und Franz Wilhelm Seiwert. Weniger bekannte Positionen, etwa von Magnus Zeller, Sella Hasse oder Thea Warncke vervollständigen das Bild.

In jedem Ausstellungskapitel schlagen interaktive Bereiche einen Bogen vom Gestern ins Heute und laden zum Mitmachen ein. Schließlich ist kaum etwas so eng mit unserem eigenen Leben verwoben wie die Frage: Wie wollen wir zukünftig arbeiten?

Katalog zur Ausstellung

Der ausstellungsbegleitende Katalog „Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne“ gibt einen vollumfänglichen Einblick in die Themen und Exponate der Ausstellung. Über 220 hochwertige Abbildungen begleiten die wissenschaftlichen Beiträge.

Der 256 Seiten umfassende Katalog erscheint im Hirmer Verlag und ist an der Museumskasse für 39 Euro zu erwerben (Buchhandelspreis 50 Euro).

Das LVR-Landesmuseum Bonn

Das LVR-Landesmuseum Bonn zeigt Schätze der Archäologie, Kunst- und Kulturgeschichte aus über 400.000 Jahren. Es ist das einzige kulturgeschichtliche Museum im Rheinland und zeichnet mit seinen Exponaten die Entwicklung der Region von den Anfängen bis zur Gegenwart nach.

Kern der musealen Arbeit ist die Bewahrung, Sammlung, Präsentation, Vermittlung und Erforschung von kunst- und kulturhistorischen Zeugnissen. Diesen Aufgaben hat sich das LVR-Landesmuseum Bonn leidenschaftlich verschrieben und ist zudem ein national und international führendes archäologisches Forschungsinstitut.

Der Träger des LVR-Landesmuseums Bonn ist der Landschaftsverband Rheinland.

Die Geschichte des Museums

Das LVR-Landesmuseum Bonn ist eines der ältesten Museen in Deutschland. Es kann mittlerweile auf eine spannende, über 200-jährige Geschichte zurückblicken.

Die Anfänge

Am 4. Januar 1820 wurde in Bonn das „Antiquitätenkabinett Rheinisch-Westphälischer Alterthümer“ gegründet – auch genannt „Museum vaterländischer Alterthümer“. Dieses durch einen Erlass des bedeutenden preußischen Staatskanzlers Karl August Fürst von Hardenberg ins Leben gerufene Museum gilt als der frühste Vorgänger des heutigen LVR-LandesMuseums.

„Die Königl. Preußische Regierung hat durch eine Anordnung des Fürsten Staatskanzlers vom 4. Januar 1820 einen neuen Beweis gegeben, welches Intereße sie für die Bildung und für den Flor der Wissenschaften und Künste in den Rheinisch-Westfälischen Provinzen nimmt, indem durch ein planmäßiges und zusammenhängendes Verfahren die zerstreuten Bruchstücke aus der altdeutschen und Römischen Zeit vor Zerstörung, Verstümmelung und Zersplitterung sichergestellt werden sollen.“ (Preußischen Staats-Zeitung, 4. März 1820)

Aufgabe des Museums waren die Ausgrabung, die Erhaltung und das Sammeln von Artefakten aus der Vor-und Frühgeschichte und von Zeugnissen der römischen Anwesenheit im Rheinland. Leider stand die Anfangszeit des Museums unter weniger guten Vorzeichen als erhofft: Nach zwei Jahren verstarb 1822 Fürst von Hardenberg und Wilhelm Dorow, der erste Direktor, verließ das Museum. Ohne eigene Räumlichkeiten, ohne substantielle staatliche Förderung und am Desinteresse der Bevölkerung leidend, musste das Museum versuchen, seinen Platz in der Bonner Kulturlandschaft zu finden.

Neugründung: Das Provinzialmuseum

Die Lage des Museums verbesserte sich – oder viel eher: Änderte sich gänzlich – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auf Beschluss des Provinziallandtags in Düsseldorf wurde 1874 die Gründung des Provinzialmuseums Bonn initiiert. Treibende Kraft war hier insbesondere Ernst aus’m Weerth, der später der erste Direktor des Provinzialmuseums wurde. Das Museum sollte, nicht zuletzt im Lichte eines neu erwachten Interesses für die Historie der eigenen Nation, die kulturelle Geschichte des Rheinlands von seinen Anfängen bis zur Gegenwart abbilden. Die Sammlung dieses neu gegründeten Provinzialmuseums setzte sich aus der bereits bestehenden Sammlung des „Museums vaterländischer Alterthümer“ und aus der Sammlung des Vereins von Altertumsfreunden im Rheinlande zusammen. Die ursprüngliche Funktion des Museums, die archäologischen Zeugnisse sowohl durch Grabung, Forschung und Bewahrung zu erhalten, wurde bestätigt und die enge Zusammenarbeit mit der Bodendenkmalpflege gefestigt.

Die Gründung des Provinzialmuseums umfasste zudem eine strukturelle Erneuerung: Das Museum unterstand nun der „Provinzialverwaltung der Rheinlande“ – der Vorläuferorganisation des heutigen Landschaftsverbands Rheinland (LVR). Dieser Umstand sollte in der Zukunft durchaus große Bedeutung für das Museum haben.

Nach seiner Gründung hatte auch das Provinzialmuseum mit einer gewissen Raumnot zu kämpfen, da dem Museum kein eigenes Gebäude zur Verfügung stand. Ein Teil der Sammlung war zwar beständig in der Universität Bonn untergebracht, andere Sammlungskonvolute mussten jedoch immer wieder ihren Standort wechseln. Eine optimale Nutzung der Sammlung war so kaum möglich. Der Einzug des Provinzialmuseums in das eigene Haus am heutigen Standort in der Colmantstraße erfolgte 1893. Dank des Neubaus konnte die Sammlung nun zusammenhängend präsentiert werden.

Auch im Provinzialmuseum wurde die Sammlung durch Grabungen, Ankäufe und Schenkungen beständig erweitert und verändert. Das Sammeln von Gemälden, obwohl nicht vollkommen vernachlässigt, stand dabei nicht unbedingt im Fokus der Sammlungsentwicklung des Hauses. Im Jahr 1902 wurde der Stadt Bonn eine Leihgabe von 226 Gemälden aus der Sammlung des Ehepaars Wesendonck angeboten. Die Bilder wurden 1909 von der Stadt an das Museum gegeben. Zunächst eine Leihgabe, wurden viele Stücke der Sammlung 1925 dem Wesendonck Erben durch das Museum und die Stadt Bonn abgekauft. So vervielfachte sich der Bestand an Gemälden – Alte Meister und aktuellere Kunst – am Beginn des neuen Jahrhunderts sprunghaft. Tatsächlich wurde der Umfang der Sammlung damit so groß, dass nun ein dringend benötigter Anbau realisiert wurde.

Das Museum in der NS-Zeit

Die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland 1933-1945 ging am Museum keinesfalls spurlos vorbei. Bereits kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 erhielt das SA und NSDAP Mitglied Hans-Joachim Apffelstaedt als neuer Kulturdezernent im Rheinland großen Einfluss auf das Museum und wusste diesen zu nutzen, um die eigenen kulturpolitischen Ideen umzusetzen.

Mit der Übernahme der Rheinischen Provinzialverwaltung durch den Nationalsozialisten Heinrich Haake wurden Umstrukturierungen des Museums großzügig finanziert – mangelnde finanzielle Mittel waren in den Jahren zuvor noch ein ständiges Hemmnis in der Entwicklung des Museums gewesen – und eine inhaltliche Neuausrichtung der Präsentation vorgenommen. Das Museum sollte als Prestigeobjekt der Nationalsozialisten den neuen Typus eines Museums abbilden, das eine „volksnahe Bildungsstätte“ sein und die nationalsozialistische Ideologie kulturpolitisch untermauern sollte. So wurden in der Ausstellung die provinzialrömischen Objekte zu Gunsten der Vor- und Frühgeschichte weit in den Hintergrund gerückt. Es sollte ein Fokus auf vermeintlich deutsche Vorfahren gelegt werden, römisches galt als uninteressant und in der Vergangenheit über Gebühr bevorzugt. 1934 wurde zudem der Name von „Provinzialmuseum Bonn“ in „Rheinisches Landesmuseum“ geändert.

Während der Umgestaltung wurden Objekte veräußert, die nicht in das angestrebte Konzept passten. Beispielsweise wurde ein großer Teil der Wesendonck-Sammlung 1935 in einer Auktion bei Lempertz in Köln versteigert. Für die Realisierung der nationalsozialistischen Ansprüche an das Haus erhielt das Museums immer neue finanzielle Mittel von der Rheinischen Provinzialverwaltung und Sponsoren, die zu nicht unerheblichen Teilen für den Ankauf von Gemälden genutzt wurden.

Bei den Neuerwerbungen wurde ein Schwerpunkt auf solche Gemälde rheinischer und flämisch-niederländischer Maler gelegt, die als „artverwandt“ galten. Viele dieser Kunstwerke wurden durch Apffelstaedt und den Leiter der Gemäldegalerie des Museums, Franz Rademacher, in Paris, Amsterdam und Brüssel gekauft. Die Kunstwerke stammten häufig aus Sammlungen, die zuvor ihren Besitzern und Besitzerinnen enteignet worden waren oder deren Besitzer bzw. Besitzerinnen sich durch Flucht und Emigration zum Verkauf ihrer Sammlungen genötigt sahen.

Obwohl das Museum Ende August 1939 für das Publikum geschlossen wurde und große Teile der Sammlung in verschiedene Kunstschutzdepots verbracht wurden, konnte der Verlauf des Krieges das Akquirieren von neuen Exponaten nicht bremsen: Noch in der ersten Hälfte des Jahres 1944 reisten Mitarbeiter des Museums nach Frankreich, um im besetzten Paris bei Galeristen und in Museen Gemälde für die Sammlung zu kaufen.

Viele der Gemälde, die in dieser exzessiven Ankaufphase während des Krieges ins Rheinische Landesmuseum bzw. dessen Schutzdepots gelangten, wurden direkt nach Ende des Krieges und der Öffnung der Depots von den Alliierten an die Herkunftsländer zurückgegeben. Über die Herkunft und den Umgang mit Objekten, die zur Zeit des Nationalsozialismus oder mit potenziell belasteter Provenienz nach dem Krieg in den Besitz des Museums gelangten, finden im LVR-LandesMuseum andauernde Provenienzforschungen statt.

Neuausrichtung nach dem Krieg

Das Jahrzehnt nach dem Krieg war von der Beseitigung der Kriegsschäden und der Wiedereinrichtung des Museums geprägt. Im Zuge der danach erfolgten Neuaufstellung richtete sich das Rheinische Landesmuseum an den Bedürfnissen der Besucher*innen und den aktuellsten musealen Standards aus. So war bereits zu Beginn der 1970er Jahre ein museumspädagogisches Angebot im Haus angesiedelt, das auch für die kleinsten Bürger und Bürgerinnen den Besuch im Museum spannend und interessant gestaltete.

Mit dem Jahr 1998 begann ein aufwendiger Umbau des Museums in dessen Zuge eine ganz neue Dauerausstellung konzipiert wurde. Es wurden sogenannte Themenrundgänge eingerichtet, in denen unter thematischen Aspekten Objekte unterschiedlicher Epochen und Gattungen gemeinsam präsentiert wurden. Mit dieser Art der Präsentation sollten die Querverbindungen und Zusammenhänge zwischen den Objekten der Sammlung verdeutlicht und ein Netz von Bezügen über die Jahrhunderte hinweg geknüpft werden. Diese Rundgänge standen beispielsweise unter den Überschriften: Von Göttern zu Gott, Macht und Mächte und Kelten im Rheinland.

Es war und bleibt der Anspruch des Museums die Geschichte des Rheinlandes an möglichst viele Menschen vermitteln zu können und das kulturelle Erbe zu bewahren, zu präsentieren und zu erforschen. Um diesem Leitgedanken gerecht zu werden, finden am LVR-Landesmuseum fortdauernde Forschungen zu aktuellen Funden und archäologischen, historischen Fragestellungen statt.

Ein neues Kapitel

Im Jahr 2018 nahm das LVR-Landesmuseum Bonn (diesen Namen trägt das Museum seit 2008) Umbaumaßnahmen in Angriff, um dem eigenen Anspruch an Partizipation und Inklusion gerecht zu werden. Das Museum möchte allen Menschen einen spannenden, informativen und kurzweiligen Besuch des Hauses ermöglich. Deswegen wird weiter daran gearbeitet, die Liegenschaft komplett barrierefrei zu gestalten und die Ausstellungen sollen gänzlich inklusiv und interaktiv werden.

An dieser Leitidee ausgerichtet, wird derzeit die Dauerausstellung überarbeitet: Sie wird komplett neugestaltet und ermöglicht nach der Fertigstellung einen Streifzug durch 400.000 Jahre Geschichte. Dafür wurde die Einteilung nach Themenrundgängen aufgegeben und ein ganz neues Ausstellungskonzept erstellt. Die Objekte werden in Zukunft entlang des roten Fadens der Zeit epochengeschichtlich-thematisch präsentiert. Als erster Bereich ist die Neandertaler-Rotunde nach diesem Konzept realisiert. Das zweite Obergeschoss mit der Zeit des Mittelalters bis zur Gegenwart wurde im Herbst 2023 eröffnet. In der zweiten Jahreshälfte 2025 folgt das erste Obergeschoss mit archäologischen Zeugnissen der Vor- und Frühgeschichte, der Römerzeit und des Frühmittelalters.

Die Geschichte des Museumsgebäudes

Der Charakter des LVR-Landesmuseums ist eng mit dem Museumsgebäude verbunden. Das Landesmuseum versteht sich als Ort, der alle Menschen einlädt, Geschichte zu erleben, Wissen zu vertiefen und Fragen zu stellen – der dabei stets wandelbar bleibt und auf die Herausforderungen der Zeit eingeht.

Die Notwendigkeit eines Gebäudes

Ein Großteil der Sammlung des „Antiquitätenkabinetts“ (der Vorläuferinstitution des LVR-Landesmuseums) war in Räumlichkeiten des Schlosses der Universität Bonn untergebracht, wo er – mit kurzen Zwischenstationen einige Exponate beispielsweise im Kapitelsaal des Bonner Münsters – die meiste Zeit seit der Gründung des Museums 1820 auch verblieb.

Mit der Gründung des Provinzialmuseums 1874 wurde das Vorhaben, ein eigenes Museumsgebäude zu erhalten, forciert. Hermann Schaaffhausen sprach sich für das Grundstück des Königlichen Gymnasiums an der Koblenzer Straße (der heutigen Adenauerallee) aus, da er die Nähe zur Universität bevorzugte. Er konnte sich mit diesem Vorhaben nicht durchsetzen und es wurde beschlossen, das Grundstück Urban Colmants an der heutigen Colmantstraße anzukaufen. Der Neubau des Museums nach Plänen von Clemens Guinbert wurde am 8. April 1890 begonnen und die Arbeiten dauerten bis 1893. In diesem neuen Museum konnte die Sammlung nun zusammenhängend und nutzungsorientiert präsentiert werden – die Zielgruppen waren allerdings hauptsächlich Gelehrte und Studenten der Archäologie. Von einem „Museum für alle“ war man damals noch weit entfernt.

Das ursprüngliche Museumsgebäude wurde bereits nach wenigen Jahren durch einen Anbau erweitert. Dieser Anbau, der im Jahr 1909 eröffnet wurde, war deshalb notwendig, weil die Gemälde der Wesendonck-Sammlung, die als Leihgabe ins Provinzialmuseum gekommen waren, sonst keinen adäquaten Platz gehabt hätten. Durch das stetige Wachsen der Sammlung war ohnehin bereits ein gewisser Platzmangel deutlich geworden.

Der Neubau wurde als zweigeschossiger Flügelbau in Richtung Bachstraße ausgeführt, der die auch heute noch prominente Oberlichthalle umfasste.

Kriegsschäden

In den 1930er Jahren fanden abermals bauliche Maßnahmen statt. Sie standen unter der Prämisse, das Gebäude und die Architektur der Ausstellungsräume den Anforderungen der Nationalsozialisten an das Museum als „volksnahe Bildungsstätte“ anzupassen.

Im zweiten Weltkrieg wurde das Museum geschlossen und die meisten Exponate ausgelagert. Sehr große Steinobjekte waren jedoch für den Transport zu schwer und wurden daher im Museum durch Sandsäcke, Holzplatten oder provisorische Backsteinwände geschützt. Außerdem blieben auch kleinere archäologische Funde in den Magazinschränken im Keller.

Am 28. Dezember 1944 wurden das Haus und das Gelände von drei Bomben getroffen und zu großen Teilen zerstört. Im vorderen Bereich des Gebäudes wurde die Eingangstreppe und die Fassade beschädigt, wodurch sich der Giebel des Dachs verschob und die Statik dieses Teils des Hauses beeinträchtigt wurde. Der gesamte hintere Teil des Altbaus wurde zerstört, wobei auch der vordere Teil des Anbaus beschädigt wurde. Durch die einstürzenden Wände und Decken des Museums wurde die Kellerdecke durchschlagen und die unterirdischen Magazinräume zerstört. Die dort gelagerten Objekte gingen dabei verloren.

Weitere Schäden am Gebäude entstanden in den letzten Wochen des Kriegs: Durch die Sprengung der Rheinbrücke im Frühjahr 1945 stürzten instabil gewordene Teile der Fassade des Altbaus ein.

Aus Altbau wird Neubau

1953 wurde entschieden, den beschädigten Altbau abzureißen. Somit blieb nur noch der hintere Teil des Museumsbaus erhalten, der nach dem Krieg renoviert wurde und in dem das Museum seit 1950 wieder einen Teil seiner Sammlung präsentierte. An die Stelle des abgerissenen Altbaus sollte ein Neubau treten und mit dem bestehenden Gebäude – das seitdem als „Altbau“ bezeichnet wird – verbunden werden. Nach den Plänen des Wiesbadener Architekten Rainer Schell wurde zwischen 1963 und 1967 ein zur damaligen Zeit wegweisender Bau errichtet. Die Verwendung von Beton und Glas in einer sehr klaren Formsprache machte den neuen Museumsbau zu einem typischen Gebäude der Moderne. Das Gebäude erhielt, dem Namen des Architekten entsprechend, die umgangssprachliche Bezeichnung „Schellbau“.

Um die Ausstellung modernen Ansprüchen anzupassen, orientierte man sich bei der Errichtung des Schellbaus und der Präsentation der Objekte an den aktuellen Standards von Ausstellungswesen und museumspädagogischem Wissen. Die Vitrinen wurden nicht mit Objekten vollgestopft, sondern jedes Exponat sollte die Chance erhalten, auf den Besuchenden zu wirken. Das bedeutete allerdings, dass es viel mehr Objekte gibt, die es wert sind, gezeigt zu werden, als es letztlich in die Ausstellung schafften. Tatsächlich wird nur ein Bruchteil der Sammlungen im Museum gezeigt. Der überwältigende Großteil des Bestands wird in Depots gelagert. Diese befinden sich sowohl in Bonn wie auch in Meckenheim, wo ein eigenes Depotgebäude errichtet wurde.

Neues ab der Jahrtausendwende

In den 1990er Jahren wurden Pläne für einen abermaligen Umbau des Museums beschlossen. Der Schellbau sollte an aktuelle Standards der musealen Präsentation, Ökologie und Technik angepasst werden. Für dieses Vorhaben wurde die Architektengruppe Stuttgart in Zusammenarbeit mit Knut Lohrer und Dieter K. Keck beauftragt. Die umfassende bauliche Neugestaltung begann 1998 und war nicht im laufenden Betrieb zu realisieren, weswegen das Museum für das Publikum schließen musste. Die zunächst auf drei Jahre angelegte Schließungs- und Umbauzeit verlängerte sich, wodurch das Museum erst im November 2003 wiedereröffnete.

Die Fassade des Neubaus wird seit dem Umbau durch eine Holzverkleidung geprägt, der eine gläserne Hülle vorgesetzt ist. Dadurch entstand zwischen der Holzfassade und der Glaswand eine Fläche, die als erster Ausstellungsraum architektonische Exponate enthält.

Mit den Holzbalken, die waagerecht und schräg zur Fassade verlaufen, soll der Eindruck von alten Grabungskisten erweckt werden. Grabungskisten sind Kästen – früher aus Holz, heute aus Plastik – in denen die Funde bei Grabungen gelagert und transportiert werden. Das LVR-Landesmuseum ist letztlich solche eine Kiste: Voller spannender Funde und Objekte. Die Glashülle, die das Haus umgibt, spielt ebenfalls mit musealen Ausstattungsgegenständen: Wie eine Vitrine schützt das Glas das Haus und lässt dennoch den Blick ins Innere zu. Im Gebäude selbst werden die verwendeten Materialien Holz, Glas und Beton aufgegriffen und eine helle, offene Gestaltung erreicht.

Die 1998-2003 ausgeführten Erneuerungen wurden 2019/2020 durch Arbeiten im Erd- und Untergeschoss ergänzt. Dafür wurden Herrmann & Bosch engagiert, die bereits in den Umbau zur Jahrtausendwende involviert waren. Während des laufenden Betriebs wurden eine neue Gestaltung des Foyers und der Einbau eines zentralen, gläsernen Aufzugschachts durchgeführt. Zudem wurden im Bereich des Neandertalers die neuen Gestaltungselemente der Dauerausstellung umgesetzt. Mithilfe von klaren Linien, einem deutlichen Leitsystem, Licht und partizipativen Angeboten wird ein ganz neues, inklusives und interaktives Museumserlebnis geschaffen.

Nähere Informationen: Rheinisches Landesmuseum für Archäologie, Kunst- und Kulturgeschichte, Colmanstraße 14 – 16, 53115 Bonn, Telefon: 0228 2070351, E-Mail: info@landesmuseum-bonn,lvr.deKunst- und

Maritime Mode im Nationalen Maritimen Museum

Kapitänsjacken, Kabelpullover und eine Tasche in Form einer Perle: Die Ausstellung „Oceanista“, die noch bis zum 12. April 20026 im National Maritime Museum in Amsterdam zu sehen ist, ist ein Fest für die Augen. Die erste Modeausstellung des Museums zeigt, wie viele Alltagskleidungsstücke maritime Wurzeln haben.

Aber die entscheidenden Fragen – warum bestimmte Stile so beharrlich zurückkehren, was sie bedeuten – bleiben unbeantwortet. Inhaltlich bleibt es oberflächlich.

Was macht die Kapitänsjacke zu einem so beständigen Modefavoriten? Die steife, blaue Jacke mit goldenen Streifen und glänzenden Knöpfen kehrt immer wieder in die Mode zurück, sei es in Form von Vintage-Jacken oder zeitgenössischen Neuinterpretationen. Modemarken wie Balmain und Thom Browne haben es bereits mehrfach genutzt. Während ihrer Konzertreihe „Love Boat“ im Jahr 2012 trugen die „Toppers“ passende blau-weiße Kapitänsanzüge, die von oben bis unten mit Pailletten bedeckt waren. Was sagt diese anhaltende Faszination für die Marineuniform über uns als Menschen aus?

Maritime Wurzeln

Jedenfalls ist diese Faszination keine Einzelerscheinung. Die Ausstellung zeigt den weitreichenden Einfluss des Lebens in und um Ozeane auf die Mode, anhand einer Auswahl zeitgenössischer und historischer Modestücke, die – direkt oder indirekt – aus der maritimen Welt hervorgegangen sind. Ein Teil dieser Auswahl wurde vom dänischen M/S Maritime Museum bestimmt, von dem das National Maritime Museum die Ausstellung übernahm. Das Museum ergänzte die Auswahl weiter, hauptsächlich mit Leihgaben von niederländischen Museen und Bekleidungsmerken, darunter Kassl, Duran Lantink und Martan.

„Oceanista“ ist in Räume mit unterschiedlichen Themen unterteilt, die zeigen, wie das Meer die Mode auf unterschiedliche Weise beeinflusst hat. Es ist überraschend – wie im Museum zu sehen, dass ganz alltägliche Kleidung maritime Wurzeln hat. Manche sind so häufig, dass man vergessen würde, dass sie von dort stammen. Der Kabelpullover zum Beispiel ist, wie das bretonische gestreifte Hemd, ein klassisches Fischerkleidungsstück. Oder der gelbe Gummiregenmantel, eine Ableitung des jahrhundertealten Ölmantels, der erfunden wurde, um nassen Stürmen standzuhalten. Er bestand aus Baumwolle, die in Leinöl, Bienenwachs und Terpentin getaucht war und gelb gefärbt war, um auf dem Schiffsdeck oder an der Küste besser sichtbar zu sein.

Ein anderer Raum zeigt Entwürfe, die eine Ode an die mystische Schönheit des Meereslebens sind. Es gibt eine Tasche von Simone Rocha in Form einer vergrößerten, eiförmigen Perle und ein Kleid von Botter in tropischen Fischfarben, gefertigt aus dünnem Organza mit ausgeschnittenem Schuppenmuster. Im Mittelpunkt steht ein Kleid von Iris van Herpen mit einem Rock aus Seidenschichten, die wie fließendes Wasser wirbeln oder wie Tentakel nach oben kriegen – je nachdem, wie man es betrachtet.

Unbeantwortete Fragen

Es ist eine reiche und erfrischende Auswahl an Kleidungsstücken und Accessoires, die durch das Design der Ausstellung optisch gut in Szene gesetzt werden: Bühnen in Form von Papierbooten, wellenförmige Trennwände, hängende Fischernetze statt Vitrinen. „Oceanista“ ist eine wunderschöne Ausstellung, aber inhaltlich bleibt sie an der Oberfläche. Dass viel Mode vom Meer inspiriert ist, wird nach ein paar Räumen klar – aber die interessanten Fragen bleiben weitgehend unbeantwortet. Warum entschieden sich so viele Designer für Kapitänsjacken? Was bedeuten die verrückten Paillettenanzüge von „De Toppers“ eigentlich? Wann wurden Ölschalen zu Modeartikeln, und was sagt das über diese Zeit aus? Die Ausstellung hätte von mehr Klarheit in der Art der Präsentation profitiert, zumal die Ausstellung keinen Katalog hatte.

Das hätte auch klarer gemacht, warum „Oceanista“ gerade jetzt relevant ist.

Das Museum selbst betont diese Relevanz, indem es feststellt, dass die maritime Welt eine Quelle der Kreativität für eine nachhaltige Zukunft ist. Doch die Geschichte über Nachhaltigkeit bleibt auch recht allgemein und dreht sich manchmal mehr um das nachhaltige und zeitlose Aussehen maritimer Stile – Ölmäntel, Segelanzüge, Kabelpullover – als um die spezifischen Probleme, die die Modeindustrie für marine Ökosysteme und für die Technologien und Systeme, die damit umgehen, verursacht.

Glücklicherweise erzählen manche Designs diese tieferen Geschichten unabhängig voneinander. Wie der von Charlotte McCurdy entworfene Regenmantel, der das harte Aussehen einer öligen Jacke hat, aber aus Meeresalgen besteht: ein nachhaltigeres Material, das aus dem Meer selbst stammt. Der Designer Niño Divino verwendet kunstvolles Falten und Knoten mit handbemaltem Stoff und mit Fischernetzen, um die Geschichte von Fischern in der Karibik zu erzählen, die mit den Folgen der Kolonialgeschichte zu kämpfen haben. Solch maritime Mode bedarf kaum der Worte. (Text von Nora Veerman, erschienen in der Museumstijdschrift)

Nähere Informationen: Het Scheepvaart National Maritime Museum, Kattenburgerplein 1, 1018 KK Amsterdam, Telefon: 020 523 2222, E-Mail: info@hetscheepvaartmuseum.nl

Jan Fleischhauer hat es bei „Eingesperrt mit Jan Fleischhauer“ auf ZDF versemmelt – eine Mischung aus unfreiwilliger Komik und mangelndem Sachverstand

Als der Öffentlich Rechtliche Rundfunk mal überlegte, auch einer konservativen oder vielleicht auch mal einer rechter gesinnten Meinung Öffentlichkeit zu verleihen, gab es eine Julia Ruhs, die das mal machen sollte – die Debatten darüber und das Ende sind bekannt.

Am Dienstag sah ich nun den ehemaligen Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer, den ich für einen streitbaren, aber intellektuell kompetenten Vertreter seines Faches gehalten habe, und der wie Julia Ruhs auch so was eher Konservatives oder Rechter Gesinntes liefern sollte. Und war enttäuscht. Vielleicht lag es an dem Medium und der Form, in der das gelaufen ist: einer kleinen auf ihn unpassend zugeschnittene Talkshow auf ZDF nach dem heute journal update mit dem Titel „Eingesperrt mit Jan Fleischhauer“.

Sein Kontrapart war eine Katja Diehl, die sich wohl für eine andere Art von Mobilität im Bereich Verkehr einsetzt – mehr ÖPNV und so. Erster Eindruck: Die komisch-bunte Hose, die streng wirkende Brille, eine gewisse Freudlosigkeit und vielleicht ein Zahnproblem, das eine Hälfte ihres Gesichtes ein wenig unrund aussehen ließ. Sie war ja bemüht, dem vermeintlich komischen Format einer launigen Plauderei noch eine gewisse Lustigkeit beizufügen, was nicht so recht gelingen wollte. Humor will gelernt sein!

Die Studio-Atmosphäre: ein wenig Klaus Krömer, ein wenig klaustrophobisch, aber immerhin mit einem VW Cabrio aus früheren Zeiten geschmückt, ein paar Verkehrszeichen und anderem Gedöns – und mit einer Bushaltestelle von wegen ÖPNV. Und die beiden waren eingesperrt, was angesichts mancher Situation mit Mann und Frau in dieser Kombination – erinnert sei an Fritzl und Kampusch, vielleicht noch Marc Dutronc – von ebenfalls unfreiwilliger Komik in den Bereich des Schreckens gerät.

Sei es drum. Der schlecht gekleideten und eher mißmutigen Aktivistin Frau Diehl steht ein seriös gekleideter älterer, aber sehr nervös und unsicher wirkender und vor allem nicht telegener Herr Fleischhauer gegenüber, der sich einerseits in seiner Auto-Nostalgie suhlt und andererseits behauptet, die Verkehrswende in Richtung E-Mobilität als Ursache für den Stellenabbau in der Automobilbranche zu betrachten. Das mag so sein, obwohl ausgewiesene Autoexperten wie Ferdinand Dudenhöfer der Branche eher attestieren, technologische Entwicklungen verpennt zu haben, richtig wissen tut er es nicht so, denn als studierter Literaturwissenschaftler ist er vielleicht nicht so im Thema, was er auch zugibt.

Das verbindet ihn wiederum mit Frau Diehl, die auch keine ausgewiesene Expertin für das Thema Mobilität ist, sondern auch Literaturwissenschaften studiert hat. Sie möchte eine Wende in Richtung des öffentlichen Personennahverkehrs, hat sicherlich dafür auch Argumente, aber keine substanziellen, die beweisbar zeigen, wie das auch praktisch umgesetzt werden kann – abgesehen von ein paar kleinen Projekten.

Irgendwann redeten sie nach ihrer ergebnislosen Plauderei unabhängig voneinander über den anderen und stellten fest, dass sie in unterschiedlichen Welten leben; und dann ist es vorbei.

Glücklicherweise dauert es nur eine halbe Stunde; und wenn ich nicht alleine mit meiner Meinung stehe, wird sich das Format auch schnell erledigt haben.

Die ikonischen Museen des verstorbenen Architekten Frank Gehry

Vor Kurzem ist der amerikanische Architekt Frank Gehry (1929–2025) verstorben. Mit seinem verspielten architektonischen Stil hinterließ Gehry einen wichtigen Eindruck im Erscheinungsbild zeitgenössischer Museen. Er machte sogar Städte damit weltberühmt.

Biografisches und ein Überblick über seine ikonischsten Museen

Frank Gehry wurde 1929 in Toronto, Kanada, als Frank Owen Goldberg geboren, ein Kind jüdischer Einwanderer. Er studierte Architektur an der University of Southern California in Los Angeles und änderte später seinen Namen in Frank Gehry.

In den 1980-er Jahren machte er sich mit ikonischen Gebäuden einen Namen, die alle traditionellen architektonischen Regeln brechen: Regeln über Schönheit, über Materialverwendung und sogar physikalische Regeln über die Schwerkraft. Er hatte eine Vorliebe für glänzendes Metall und Hightech-Kunststoffe.

Als Architekt wurde Gehry vom Dekonstruktivismus beeinflusst, bei dem Gebäude aus einzelnen Elementen errichtet werden. Im Fall von Gehry führte dies zu Fassaden in gestapelten geometrischen Formen, als wäre sein Entwurf als Modell auf dem Boden auseinandergefallen und dann in der falschen Reihenfolge wieder zusammengeklebt worden. 1989 gewann er den Pritzker-Preis, auch bekannt als Nobelpreis für Architektur.

Doch seine expressive Architektur war nicht ohne Kontroversen. So würde er spektakuläre Architektur schaffen und den größenwahnsinnigen Wünschen der Großunternehmen entsprechen. Aber seine Gebäude werden auf der ganzen Welt geliebt. Er hinterließ auch einen wichtigen Eindruck im Prestige zeitgenössischer Museen. Aus klassischen Gebäuden, die Kunst dienen, sind Gehrys Museen zu eigenständigen Kunstwerken hervorgegangen. Nicht, was man im Museum sehen kann, aber das Gebäude selbst ist die Hauptattraktion.

Frank Gehrys Einfluss reichte sogar über seinen Tod hinaus. Im Jahr 2026 – nach einer Bauphase von zwanzig Jahren – wird sein Guggenheim-Museum in Abu Dhabi eröffnet.

Die wichtigsten Museen von Frank Gehry

Vitra Design Museum, Weil am Rhein (1989)

Als Gehry Ende der 1980er Jahre beauftragt wurde, das neue Design Museum für den Möbelhersteller Vitra zu entwerfen, war er bereits ein großer Name in den USA. Mit diesem ersten Gebäude in Europa schafft er sofort eine mächtige Visitenkarte. Das Betongebäude ähnelt am ehesten einer Origami-Konstruktion. Im Inneren bietet der fragmentierte Grundriss spannende Ausblicke zwischen den verschiedenen Ausstellungsräumen. Gehry hat das Museum als Sammlung quadratischer Kisten abgeschafft.

Guggenheim-Museum, Bilbao (1992)

1992 war Bilbao eine graue Industriestadt in einer baskischen Ecke Spaniens. 1993 sieht die Welt eine Stadt voller Reiz und Flair – alles dank des titanverkleideten Guggenheim-Museums. Bei hellem Tageslicht glänzt das Gebäude wie ein Diamant; In der roten Abendsonne sieht es aus wie eine atmosphärische Laterne. Der große Erfolg des Guggenheims zieht Besucher aus aller Welt an und verschafft der Stadt einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung. Dies ist als der ‚Bilbao-Effekt‘ bekannt. Museen auf der ganzen Welt wollen ebenfalls einen Gehry, um ihr Image zu verbessern.

Fondation Louis Vuitton, Paris (2014)

Mit Baukosten von 126 Millionen Euro ist die Fondation Louis Vuitton in Paris das teuerste und prestigeträchtigste Museum in Gehry. Das Gebäude sieht aus wie ein riesiges Segelschiff mit zwölf wallenden Segeln. Die Fassade besteht aus mehr als zehntausend halbtransparenten Fensterteilen, von denen keiner gleich ist. Hinter der spektakulären Fassade befindet sich eine traditionelle Stapelung von Betonvolumen. Das Museumsgebäude, das von der bekannten Luxusmarke in Auftrag gegeben wurde, wird daher mit gemischten Kritiken aufgenommen. Hat der Gehry-Trick nachgelassen?

LUMA, Arles (2021)

Als Maja Hoffmann, die wohlhabende Erbin der Schweizer Chemiefirma Roche, ein privates Museum für die Familienkunstsammlung errichten lässt, ist es nur logisch, dass sie Gehry fragt. Es ist inzwischen allgemein bekannt, dass er mit einer visuellen Geste ein Museum auf die Landkarte setzen kann. Gehry entwarf einen 56 Meter hohen Turm für das LUMA-Museum in Arles im Süden Frankreichs, der am ehesten einem riesigen Bienenstock ähnelt. Obwohl Gehry sagt, er sei von Vincent van Goghs Gemälde Die Sternennacht aus dem Jahr 1889 inspiriert worden. Die Edelstahlblöcke beziehen sich auf die zerklüfteten Felsformationen der nahegelegenen Hügel, die sich in Cézannes Werk widerspiegeln. Wieder einmal liefert Gehry ein hochkarätiges Museumsgebäude. (Text aus Museumstijdschrift)

Neue Ausstellung im DHM: „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“

Was ist gemeint, wenn von „Natur“ die Rede ist? Auf diese Frage sind in der deutschen Geschichte sehr unterschiedliche Antworten gegeben worden. Regierungen sowie religiöse und politische Bewegungen haben den Begriff der Natur definiert – und für sich beansprucht. In der neuen Ausstellung zeigt das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin, wie unterschiedlich „Natur“ zu verschiedenen Zeiten im Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht verstanden und politisch eingesetzt wurde. Der schillernde und vielseitige Begriff der „Natur“ wird in seiner historischen Breite und Tiefe ausgelotet.

Die Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“, die noch bis zum 7. Juni 2026 im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums zu sehen ist, blickt auf Beispiele aus 800 Jahren deutscher Geschichte zurück: Ausgehend von Hildegard von Bingens Begriff der göttlichen „Grünkraft“ im 12. Jahrhundert spannt die Kuratorin Julia Voss den Bogen bis zu den Naturkonzepten im geteilten Deutschland, der Umweltpolitik und der frühen Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er Jahre. Die Vereinnahmung des angeblich Natürlichen war zudem eine der ideologischen Grundlagen für die NS-Diktatur, die sowohl die „äußere“ als auch die „innere“ Natur mit einer Unzahl von Gesetzen in ihre Definitionsmacht und Gewalt bringen wollte. Die „Nürnberger Gesetze“ und das „Reichsnaturschutzgesetz“ waren aufeinander bezogen und wurden im gleichen Jahr erlassen: 1935.

Nach einem Prolog werden in der Ausstellung historische Etappen dieses Bedeutungswandels durchschritten: In fünf chronologisch angeordneten Themenräumen öffnen verschiedene Stationen historische Fenster auf Ereignisse oder Entwicklungen, in denen das Naturverständnis markant geprägt oder verändert wurde. Diese Stationen werden jeweils mit einem Tier oder einer Pflanze eingeleitet. Die Ausstellung rückt dabei unterschiedliche Landschaften in den Fokus: von den Kulturlandschaften des Mittelalters über die Wüstungen des Dreißigjährigen Krieges und den im 19. Jahrhundert zum Mythos aufgestiegenen „deutschen Wald“ bis zu den Lausitzer Tagebaulandschaften in der DDR im 20. Jahrhundert.

Die Untersuchung geht über die Fokussierung auf Themen des Natur- oder Umweltschutzes hinaus, die in Zeiten des Klimawandels häufig ins Zentrum gestellt werden. Gegenstand der Betrachtung sind nicht alleine die gegenwärtige Aufladung und die heutige semantische Bedeutung von „Natur“, sondern die sich verändernden Vorstellungen in der deutschen Geschichte. Die heutigen Debatten sollen durch die historischen Perspektiven bereichert werden.

Die Publikationen zur Ausstellung: Natur und deutsche Geschichte. Im Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht

„Natur” ist ein vielschichtiger und schillernder Begriff, der in der deutschen Geschichte überraschende Wandlungen durchlief. Von Hildegard von Bingens Konzept der „Grünkraft” bis zur Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er-Jahre: Im Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht haben Regierungen sowie unterschiedlichste politische und religiöse Bewegungen ihren je eigenen Naturbegriff definiert und für sich beansprucht. Natur und deutsche Geschichte zeigt Umbrüche und Verschiebungen in den Naturvorstellungen aus 800 Jahren. Anhand von beispielhaften Ereignissen aus der Zeit des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, der Zeit der Industrialisierung, des Nationalsozialismus sowie des geteilten Deutschlands wird Geschichte in Geschichten erzählt, gerahmt von Gesprächen mit herausragenden Historikern. Jede historische Epoche wird mit einem Tier oder einer Pflanze eingeleitet: vom Wolf und Beluga-Wal über die Eiche, die Kartoffel und das Usambaraveilchen bis zur Burgunder-Traube. Historische Rezepte spiegeln die Bedeutung von Lebensmitteln und Essgewohnheiten wider. Ein reich illustrierter Bildband, der die kontrastreichen Transformationen von Naturvorstellungen in der deutschen Geschichte vom Mittelalter bis in die 1970er-Jahre anhand ausgewählter Stationen anschaulich macht.

Herausgegeben von: Raphael Gross und Julia Voss für das Deutsche Historische Museum Berlin 2025, 248 Seiten, Matthes & Seitz Berlin, ISBN 978-3-7518-4041-5, 28 Euro.

Publikation 2: Historische Urteilskraft 06. Magazin des Deutschen Historischen Museums

Das Titelthema der sechsten Ausgabe befasst sich mit den politischen Bedeutungen des Naturbegriffs in der deutschen Geschichte. Insgesamt umspannt der Untersuchungszeitraum der Beiträge 900 Jahre.

In drei einführenden Artikeln geben Annette Kehnel, Jutta Nowosadtko und Frank Uekötter einen Überblick über die wechselvollen Naturbeziehungen in Mittelalter, Neuzeit und im 19. und 20. Jahrhundert. Margot E. Fassler erkundet Hildegard von Bingens Begriff der „viriditas“ (Grünkraft) im 12. Jahrhundert, Hiram Kümper behandelt die Natur als Ressource bei der Hanse und Viktoria Urmersbach schreibt über das Bild vom Wald im 18. Jahrhundert, Nils Franke untersucht Natur und Ideologie im Nationalsozialismus. Tilo Wesche stellt die Dialektik der Naturverhältnisse bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno vor. Stephen Milder thematisiert die Anfänge der Anti-Atomkraftbewegung und Astrid M. Eckert erläutert das Nationalparkprogramm der späten DDR.

Daneben macht sich Volker Braun im Einführungsessay als „Freund präziser Abweichungen“ Gedanken über die Strapazen der Urteilskraft. Die Fotografin Laura J. Padgett erstellte einen Foto-Essay zur Lage des barocken Zeughauses in Berlin-Mitte, den Annett Gröschner mit ihren Überlegungen zur historischen Verortung des Zeughauses begleitet. Liliane Weissberg stellte Lorraine Daston, Martha C. Nussbaum sowie Neil MacGregor die Frage: „Was bedeutet Aufklärung?“ und Ansbert Baumann beleuchtet die Geschichte des Gastarbeiterfußballs in der Bundesrepublik. Anna-Carolin Augustin beschäftigt sich mit Schenkungen des Museums für deutsche Geschichte aus dem Jahr 1990 an das United States Holocaust Memorial Museum. Ulinka Rublack, Stephanie Neuner, Brigitte Reineke und Mathias Lang trafen sich in unserer Gemäldesammlung, um einige Details und ihre Bedeutung aus den Augsburger Monatsbildern herauszuarbeiten. Julia Franke ordnet die Elefanten-Sammlung Juliane Webers ein in den historischen und Sammlungskontext – Juliane Weber war die langjährige Büroleiterin von Bundeskanzler Helmut Kohl. Sie verstarb im Dezember 2023.

Herausgegeben von: Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin 2024, 104 Seiten, ISBN 978-3-86102-234-3, ISSN 2626-8094, 12 Euro, zzgl. Porto.

Nähere Informationen: Museumsverein des Deutschen Historischen Museums, Unter den Linden 2, 10117 Berlin, Telefon: +49 30 814535510, E-Mail: kontakt@dhm-museumsverein.de

Verortet – Auf den Spuren von C&A in Sneek

Gründungsorte haben etwas beinahe Mystisches. Sie sind mehr als nur geografische Punkte – sie stehen für Identität und Tradition. Noch heute steht das kleine Fachwerkhaus des von Friedrich Krupp gegründeten Stahlkonzerns wie ein Fremdkörper auf dem Gelände der Essener Firmenzentrale. Die Garage, in der Steve Jobs und Steve Wozniak den ersten Apple-Rechner zusammenlöteten, steht heute unter Denkmalschutz. Unternehmen brauchen historische Ankerpunkte. Bisweilen jedoch geraten sie in Vergessenheit – wie etwa bei C&A.
Lange Zeit galt das Haus am Oosterdijk 7/9 in Sneek als Gründungsort von C&A. Bis vor Kurzem hatte eine Tafel am heutigen Gebäude – ein Doppelhaus mit zwei Boutiquen – daran erinnert. Tatsächlich stand hier das erste Ladengeschäft von Clemens und August Brenninkmeijer, das sie 1860 eröffneten – fast 20 Jahre nach Unternehmensgründung. Denn schon 1841 hatten sich Clemens und August Brenninkmeijer selbstständig gemacht und zunächst als Wanderhändler gearbeitet. Wo aber genau stand das Haus, in dem sie ihr erstes Magazin hatten und von wo aus sie ihren ersten eigenen Geschäften nachgingen? Wo nahm die Geschichte von C&A tatsächlich ihren Anfang?
Die Ausstellung „Verortet – Auf den Spuren von C&A in Sneek“, die vom 26. November bis 26. April 2026 in den Räumlichkeiten der Draiflessen Collection in Mettingen im Rahmen der Reihe „Das Forum“ zu sehen ist, spürt anhand von Fotos, Memoiren, Geschäftsbüchern und Verwaltungsunterlagen dem Ort nach, wo die Brüder Clemens und August 1841 ihr Unternehmen gründeten. Die Besucherinnen und Besucher dürfen sich auf eine spannende, vielschichtige Entdeckungsreise durch Archive, Stadtgeschichte und Unternehmensgedächtnis freuen.

Nähere Informationen: Draiflessen Collection, Georgstraße 18, 49497 Mettingen, Telefon: +49 (0)5452. 9168-3500, E-Mail: info@draiflessen.com. Öffnungszeiten Mittwoch bis Sonntags von 11 bis 17 Uhr, jeder erste Donnerstag im Monat von 11 bis 21 Uhr. Montags und Dienstags ist geschlossen.

Freie Künstlergemeinschaft Schanze zu Gast in Mettingen, Ibbenbüren und Dörenthe

Die diesjährigen Herbstgäste der drei Kunstvereine in Mettingen, Ibbenbüren und Dörenthe kommen aus der Region – genauer gesagt aus Münster. Die „Freie Künstlergemeinschaft Schanze“, eine traditionsreiche Vereinigung mit über 100-jähriger Geschichte, präsentiert in allen drei Häusern vom 15. November bis zum 14. Dezember ein breites Spektrum zeitgenössischer Kunst unter dem Titel „Innere Reise“.

Die Künstler:innen zeigen Werke aus den Bereichen Malerei, Grafik, Fotografie, Plastik und Installation. Der Titel „Innere Reise“ dient als roter Faden und verweist auf die individuellen künstlerischen Prozesse, die von Gedanken, Wahrnehmungen, Erlebtem und Intuition geprägt sind. Die Ausstellung lädt dazu ein, sich auf eine Reise durch persönliche Perspektiven, emotionale Tiefen und gesellschaftliche Themen zu begeben.

Mit dabei sind: Erhard Wilde, Natascha Fix, Margit M. Hübschen, Mark Tippmann, Michael Hassels, Jan Homeyer, Thomas M. Hartmann, Rupert König, Wilhelm Wahner, Dieter van Offern und Miriam Przygoda.

Ihre Werke thematisieren unter anderem Natur und zwischenmenschliche Beziehungen (Wilde), fantasievolle Bildgeschichten mit Van Gogh (Homeyer), Spuren der Natur und menschlicher Realität (Hartmann), Licht und Bewegung in der Fotografie (Wahner), gesellschaftliche Phänomene wie Panik und Perfektion (Tippmann), Kritzelzeichnungen und Pop-Art-Elemente (Hassels), lakonischen Realismus und emotionale Distanz (van Offern), ökologische und feministische Positionen in der Bildhauerei (Hübschen), Collagen aus persönlichen Fotoreisen (Fix), Zeichnungen und Schnitzarbeiten aus Selbstreflexion (König) und Gemälde und Linolschnitte als Ausdruck innerer Atmosphären (Przygoda).

Die Eröffnung am 15. November erfolgt um 15 Uhr im Kunstspeicher Mettingen, um 16.30 Uhr im Kunstverein Ibbenbüren und um 18 Uhr im Kulturspeicher Dörenthe. Geöffnet ist sie an allen drei Standorten am Samstag und Sonntag jeweils von 14 bis 17 Uhr.

Nähere Informationen: Kulturspeicher Dörenthe, Hafenstraße 14, 49479 Ibbenbüren, Telefon +49 5455 960094, E-Mail: info@kulturspeicher-doerenthe.de, Schultenhof Mettingen, Bergstraße 9, 49497 Mettingen, Telefon +49 5452 5213, E-Mail: info@schultenhof-mettingen.de und Kunstverein Ibbenbüren, Klosterstraße 21, 49477 Ibbenbüren, E-Mail: info@kunstverein-ibbenbueren.de.

Ausstellung in Osnabrück: „Die Weimarer Republik – Deutschlands erste Demokratie“

Die Weimarer Republik ist ein spannendes Kapitel deutscher Geschichte, welches mehr Beachtung verdient hat. Als erste deutsche Demokratie schuf sie viele der Grundlagen, auf denen unsere Gesellschaft heute noch basiert. Zugleich ist sie ein Lehrstück dafür, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, sondern immer wieder erkämpft und verteidigt werden muss. Um diese Botschaften zu vermitteln, wurde vom Weimarer Republik e. V. unter dem Titel „Die Weimarer Republik – Deutschlands erste Demokratie“ ein innovatives Ausstellungskonzept umgesetzt, das einen Erlebnisraum mit multimedialen Elementen schafft.

Am Multimediatool können verschiedene Filmformate zur Geschichte der Weimarer Republik ausgewählt werden. Durch eine moderne Erzählweise bieten die Filme einen kurzweiligen Einblick in die wichtigsten Aspekte der Weimarer Jahre. Außerdem werden Bezüge zur Gegenwart aufgezeigt, um den Besuchern die Zusammenhänge zwischen geschichtlichen und aktuellen Ereignissen zu verdeutlichen.

Die Inhalte der Filme können an den 16 Ausstellungstafeln zu verschiedenen Aspekten der Weimarer Republik vertieft werden. So greift die Ausstellung nicht allein politische Themen, sondern auch kulturelle, wirtschaftliche und soziale Fragestellungen jener Zeit auf, die auch 100 Jahre später wichtige Erkenntnisse bieten: Was führte zum Zusammenbruch des Kaiserreichs und zur Gründung der Republik? Und wieso galt ihre Verfassung als die damals fortschrittlichste der Welt? Wie wirkte sich die Hyperinflation von 1923 auf das Leben der Menschen aus? Worauf beruht der »Mythos Weimar« in den vermeintlichen »Goldenen Zwanzigern«? Wer war für die Zerstörung der Republik verantwortlich? Dabei werden die Debatten und Problemlagen durch zeitgenössische Fotografien, Plakate und Zeichnungen auf interessante Weise veranschaulicht.

Zu sehen ist diese Ausstellung in den Räumlichkeiten des Erich Maria Remarque-Friedenszentrums am Markt 6 in Osnabrück.

Offiziell eröffnet wird sie am Donnerstag, 11. November, 19 Uhr. Eine Einführung erfolgt durch den wissenschaftlichen Referenten Christian Schneebeck. Der Eintritt ist frei. Zu sehen ist die Ausstellung in Osnabrück bis zum 18. Januar 2026.

Nähere Informationen: Weimarer Republik e.V., Theaterplatz 4, 99423 Weimar, Telefon 03643 7792821 und Internet www.weimarer-republik.net / Erich Maria Remarque-Friedenszentrum Stadt Osnabrück, Markt 6, 49075 Osnabrück / Erich Maria Remarque-Archiv, Arbeitsstelle Krieg und Literatur, Ansprechpartner Claudia Junk, Telefon: 0541/323-4525, E-Mail junk@osnabrueck.de, Alice Cadeddu, Telefon: 0541/323-4549, E-Mail: cadeddu@osnabrueck.de, Öffnungszeiten: Bis auf Weiteres sind Recherchen im Archiv nur nach vorheriger Terminabsprache möglich. / Erich Maria Remarque-Ausstellung, Telefon Info allgemein: 0541/323-3292, Führungen: Martin Siemsen, Telefon: 0541/323-2109 und E-Mail: siemsen.m@osnabrueck.de. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 bis 13 Uhr und 14 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag jeweils von 11 bis 17 Uhr.

Europäische Realisten im Museum „MORE“ in Gorssel

Genau 100 Jahre nach der wegweisenden Ausstellung „Die Neue Sachlichkeit (1925)“ zeigt das Museum „MORE“ in Gorssel/NL noch bis zum 2, Februar 2026 fast 80 neorealistische Meisterwerke aus 20 Ländern. Diese internationale Ausstellung ist keine Reprise, sondern bietet einen neuen Blick auf den Realismus in Europa zwischen den Weltkriegen. In Zusammenarbeit mit den Kunstsammlungen Chemnitz – Museum Gunzenhauser in Deutschland bringt „MORE“ große Namen und vergessene Stimmen in dieser Größenordnung zum ersten Mal in den Niederlanden zusammen. Mit Künstlern von Finnland bis Spanien und von Ungarn bis England, mit Werken von Otto Dix, Meredith Frampton, Aleksandra Beļcova, Lotte Laserstein, Ángeles Santos Torroella, Gerda Wegener und anderen. Kurzum: Die Ausstellung bietet ein reiches Spektrum an realistischen Porträts, Stadtansichten und Stillleben, an Malerei zwischen Stille und Sturm.

Neuer Realismus in einer turbulenten Welt

Lange Zeit war Realismus in der Kunst ein Synonym für altmodisch, klassisch oder gar reaktionär. Doch gerade die Zeit zwischen 1919 und 1939 zeigt ein anderes Bild. In der turbulenten Zwischenkriegszeit entstand in ganz Europa innovative realistische Kunst, die radikal mit den bisherigen (figurativen) Kunstbewegungen brach. Die Neorealisten griffen nicht so sehr auf eine nostalgische Vergangenheit zurück, sondern wollten das Hier und Jetzt ihrer eigenen Zeit so klar und wahrheitsgetreu wie möglich festhalten. Darüber hinaus schien die abstrakte Bildsprache der 1910er Jahre manchen unfähig, die Schrecken des Ersten Weltkriegs, die beunruhigenden gesellschaftspolitischen Entwicklungen, ein neues Menschenbild und eine andere intime Innenwelt auszudrücken.

Bahnbrechend

Künstler aus ganz Europa lernten auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen die Werke der anderen kennen, begaben sich an künstlerische Hotspots wie Paris, Berlin oder Rom, tauschten sich aus und nahmen sie mit zurück in ihre Heimatländer. Das Ergebnis dieser grenzüberschreitenden Dynamik zeigt, wie international und facettenreich die Wiederentdeckung der Figuration war. Diese jungen Künstler mit ihrer ganzen Vielfalt ihres neuen Realismus bildeten die Avantgarde ihrer Generation.

Italien, Frankreich und Deutschland waren die Motoren dieser Bewegung, die in den 1920er und 1930er Jahren führend und dominant wurde. Der Einfluss von Bewegungen wie „Pittura Metafisica“ und „Novecento Italiano“ reichte weit über Italien hinaus. Die realistische Malerei konnte rätselhafte und befremdliche Züge annehmen und sich auf monumentale Themen konzentrieren. In Paris blühte der Klassizismus auf: die „retour à l’ordre“, die nach dem Krieg Frieden und Harmonie suchte. In Deutschland gab Gustav Friedrich Hartlaub mit seiner bahnbrechenden Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ (1925) einer breiten Bewegung den Namen, die von der nüchternen, wahrheitsgetreuen Malerei bis zur messerscharfen Gesellschaftskritik von Otto Dix und George Grosz reichte.

Ihre eigene Bildsprache

Aber auch außerhalb dieser Zentren blühten eine Reihe neuer Varianten des Realismus. In Großbritannien setzten Künstler wie Meredith Frampton und William Roberts neue Akzente, indem sie zwischen fotografischer Präzision und sozialem Engagement balancierten. In Osteuropa gingen die Länder ihre eigenen Wege: Ungarische und polnische Künstler suchten die Verbindung zu ihren eigenen Traditionen, während Lettland einen „postexpressionistischen Realismus“ entwickelte. Auch in neuen Staaten wie Jugoslawien und der Tschechoslowakei wurde die Kunst als Mittel der nationalen Identität eingesetzt. In den Niederlanden wurde der Neorealismus zum Stil von Künstlern wie Pyke Koch, Carel Willink und Charley Toorop, die internationale Einflüsse in eine ganz eigene Bildsprache übersetzten. Es ist schwierig, ein genaues Enddatum für diesen „neuen Realismus“ festzulegen. In Deutschland folgte eine Wende nach 1933, als die Nationalsozialisten diese Form der Avantgardekunst als „entartet“ bezeichneten. In den Niederlanden und anderen Ländern erreichte sie ihren Höhepunkt, bis der Zweite Weltkrieg die Kunstproduktion zum Erliegen brachte.

Polyphon

Frühere Retrospektiven legten oft den Schwerpunkt auf westeuropäische, männliche Künstler. In der Zwischenzeit hat sich dieses Bild erheblich erweitert, da Mittel- und Osteuropa und weibliche Macher stärker in den Fokus gerückt werden. Eine Ausstellung wie „European Realities“ beweist, wie reich, vielfältig und aktuell diese (Mal-)Kunst ist. Und es zeigt auch, dass der Realismus in der Zwischenkriegszeit kein eindeutiger Stil war, sondern eine vielstimmige Bewegung, die Grenzen überwand. Es erfordert eine breitere Sicht der Kunstgeschichte – eine, die Unterschiede, Gemeinsamkeiten und vergessene Stimmen berücksichtigt.

Buch

Waanders Publishers wird ein reich bebildertes Buch in niederländischer/englischer Sprache veröffentlichen, mit einer Einführung in die Ausstellung von Anja Richter und Florence Thurmes und einem Essay von Julia Dijkstra. Ab sofort in unserem Museumsshop und online in unserem Webshop erhältlich.

Liste der Künstler

Folgende Künstlerinnen und Künstler sind vertreten: Robert Angerhofer, Aleksandra Beļcova, Giorgio de Chirico, Marcus Collin, Heinrich Maria Davringhausen, Fortunato Depero, Kate Diehn-Bitt, Otto Dix, Ferdinand Erfmann, Emanuel Famíra, Roberto Fernández Balbuena, Stina Forssell, Arvid Fougstedt, Meredith Frampton, Acke Hallgren, Krsto Hegedušić, Johan van Hell, Karl Hubbuch, Martin Hubrecht, Raoul Hynckes, August Jansen, Torsten Jovinge, Alexander Kanoldt, Dick Ket, Moïse Kisling, Vilma Kiss, Pyke Koch, Béla Kontuly, Sonja Kovačić-Tajčević, Tone Kralj, Lisa Elisabeth Krugell, Kazimierz Kwiatkowski, Lotte Laserstein, Chris Lebeau, Ludolfs Liberts, Jānis Liepiņš, Rafał Malczewski, Jenő Medveczky, Johan Mekkink, Omer Mujadžić, Martin Nagy, Ernst Nepo, Václav Vojtěch Novák, Väinö Nuuttila, Eduard Ole, Lotte B. Prechner, William Roberts, Cagnaccio di San Pietro, Ángeles Santos Torroella, Johannes Lodewijk Schrikkel, Georg Schrimpf, Zur Gmina Sleńdziński gehören die Dörfer und Siedlungen Franz Sedlacek, Ester Šimerová-Martinčeková, Ludomir Sleńdziński, Leonore Maria Stenbock-Fermor, Niklaus Stoecklin, Charley Toorop, Marijan Trepše, Ante Trstenjak, Kiril Tsonev, Remedios Varo Uranga, Karl Völker, Vlasta Vostřebalová-Fischerová, Ilmari Vuori, Gerda Wegener und Carel Willink.

Vertretene Länder

Die ausgestellten Bilder stammen aus folgenden Ländern: Österreich, Bulgarien, Kroatien, Tschechische Republik, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Ungarn, Italien, Lettland, Niederlande, Polen, Spanien, Slowakei, Slowenien, Schweden und Schweiz.

Nähere Informationen: Museum MORE, Hooftstrad 28, 7213 CW Gorssel, Telefon +31 575 760 306, Internet www.museummore.nl. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, und Burg Ruurlo, Vordenseweg 2, 7261LZ Ruurlo. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.