Einiges zum Museum und Park Kalkriese

Mehr als 2000 Jahre nach der Schlacht zwischen Römern und Germanen ist Kalkriese auch heute noch ein besonderer Ort. Seit über 30 Jahren finden hier wissenschaftliche Untersuchungen zur Varusschlacht statt, und Jahr für Jahr bietet die archäologische Forschung neue Einblicke in das tragische Kriegsgeschehen.

Kalkriese ist allerdings nicht nur ein spektakulärer Fundort, sondern zugleich ein Bodendenkmal, dessen Charakter und Ausdehnung Forschung und Denkmalpflege vor bisher ungekannte Herausforderungen stellt. Viele Universitäten und Forschungsinstitute unterschiedlicher Disziplinen sind aus diesem Grund in die Untersuchungen eingebunden.

Doch die Forschung allein steht hier nicht im Mittelpunkt, hinzu kommt als zentrale Aufgabe die Vermittlung an eine breite Öffentlichkeit.

Das Museum am Schauplatz des Geschehens versteht sich als Schaufenster aktueller Wissenschaft. Ausstellungen präsentieren neueste Ergebnisse, Führungen und Vorträge liefern Einblicke in die laufende Forschung und unsere Veranstaltungen finden immer neue Wege, die Geschichte in Worte, Bilder und Töne zu fassen.

Seit der Eröffnung im Jahr 2002 wurde das Museum mehrfach ausgezeichnet, darunter 2004 als erste archäologische Einrichtung in Deutschland mit dem Europa Nostra Award als europäisches Kulturerbe.

Archäologische Forschungen zur Varusschlacht

Die Wahrheit liegt im Boden. Mit archäologischen Methoden wird die Vergangenheit ans Tageslicht geholt und zum Sprechen gebracht.

Die Suche nach dem Ort der Varusschlacht drehte sich 500 Jahre lang im Kreis. Anhand der wenigen römischen Schriftquellen versuchte man das historische Ereignis zu lokalisieren. Doch was Heinrich Schliemann mit der Ilias in der Hand bei der Auffindung von Troja gelang, blieb bei der Suche nach dem Ort der Varusschlacht ohne Erfolg. Die Texte führten bislang an keinen Ort – oder an zu viele. Jeder Vorschlag blieb nur Mutmaßung. Helfen kann hier einzig die Archäologie, die anhand von Ausgrabungen zu dem Schlachtort führt. Auch Kalkriese wurde schon im 19. Jahrhundert von keinem geringeren als dem damals schon renommierten Historiker Theodor Mommsen vorgeschlagen. Seine These konnte jedoch erst über 100 Jahre später bestätigt werden.

Seit 1989 wird die Region Kalkriese systematisch archäologisch erforscht; seit 1998 erfolgt die Forschung in Kooperation mit der Universität Osnabrück. Auf 50 km² geht das Kalkrieser Archäologie-Team auf Spurensuche. Tausende von römischen Funden sprechen eine klare Sprache: Hier sind römische Truppen vernichtend geschlagen worden. Vieles spricht dafür, dass dies in der Varusschlacht geschah.

Nun gibt es erstmals einen konkreten Ort, an dem sich über die Varusschlacht diskutieren lässt. Die Situation ist für die Forschung einmalig. Wie passen moderne Archäologie und die Schriften antiker Autoren zusammen? Die Archäologie erlaubt Einblicke in die Geschehnisse vor Ort, zu denen sich die Texte ausschweigen. Es gibt kein ähnlich gut untersuchtes antikes oder historisches Schlachtfeld. Wie an keinem anderen Platz lassen sich hier vor allem die Geschehnisse untersuchen, die nach Ende der eigentlichen Kämpfe einsetzten: die Plünderungen und Siegesrituale. Das, was wahrscheinlich auf jedem Schlachtfeld der Welt passierte – und noch passiert –, kann hier mitunter detailliert in den Blick genommen werden. Und wir erhalten Einblicke in die Ausstattung eines römischen Expeditionsheers, die kaum ein anderer Fundplatz bieten kann. Hier sehen wir eine Truppe auf dem Marsch, mit ihrem Gepäck und persönlichen Habseligkeiten. Das meiste haben die Plünderer zwar mitgenommen, doch es blieb genug für die heutige Forschung zurück. Und jede weitere Ausgrabung kann neue Überraschungen bieten, wie der 2018 entdeckte römische Schienenpanzer eindrücklich belegt. Bislang wurde eine solche Körperrüstung noch nie vollständig gefunden.

Park und Architektur

Auf dem sogenannten Oberesch konnten seit 1990 die meisten Hinweise auf das Kampfgeschehen zwischen Römern und Germanen entdeckt werden. Im Jahr 2000 wurde hier der Park des Museums eröffnet. Er erstreckt sich über eine Fläche von über 10 Hektar. Architektur und Landschaftsgestaltung wurden von Mike Guyer und Annette Gigon zusammen mit dem Büro Zulauf Seippel Schweingruber, alle aus der Schweiz, entwickelt.

Der hier realisierte Ansatz erwies sich für viele Folgeprojekte im In- und Ausland als wegweisend. So wurde weder Ort noch Ereignis rekonstruiert und stattdessen inmitten der Landschaft am Kalkrieser Berg ein einzigartiger Reflexionsraum geschaffen. So bietet der Park dem Besucher eine spannende Kulisse für eigene Überlegungen zur Varusschlacht und ermuntert zu Erkundung durch Gehölz und Gestrüpp.

Kinder können mit dem Rätselspiel »Der Spurensucher« den Ort auf eigene Faust erkunden. Doch der Park hat noch mehr zu bieten: kleine Bäche, schmale Brücken, den Kletterwald oder den Themenrundgang »Undercover«, an dem sie Mister Reagan Wurmsky empfängt, um sie in die »Unterwelt« zu begleiten.

Auch eine Fülle von Veranstaltungen findet alljährlich im Park statt. Zu den bekanntesten gehören die Römer- und Germanentage und das Forum Kalkriese und überdies sorgt auch die Natur im Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter für Abwechslung.

Schienenpanzer

Der Kalkrieser Schienenpanzer ist der älteste bekannte Schienenpanzer der römischen Welt. Er ist nahezu vollständig und außergewöhnlich gut erhalten. Diese aus mehreren Metallplatten zusammengesetzte Rüstung schützte über Jahrhunderte die Oberkörper der römischen Legionäre. Obwohl der Schienenpanzer zur festen Ausstattung der römischen Armee gehörte und in römischer Zeit vielfach abgebildet wurde, gibt es kaum Funde, die uns über das reale Erscheinungsbild und die technischen Details dieser Schutzrüstung in Kenntnis setzen.

Nach einer Stippvisite im Britischen Museum in London ist der Schienenpanzer ab dem 5. April 2025 wieder in Kalkriese zu sehen. Als einer der Highlightfunde der Sammlung erweitert der Schienenpanzer die Dauerausstellung zur Varusschlacht und ermöglicht den Besucherinnen und Besucher einzigartige Einblicke. Im Jahr 2018 bei Ausgrabungen im Museumspark entdeckt, hat dieser Fund nicht nur in Fachkreisen für Aufsehen gesorgt.

Zeichen des Friedens – Schulprojekt zum Thema 80 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa durch die vollständige Kapitulation der deutschen Wehrmacht. 2025 jährt sich dieser Tag, der wie kein anderer für die doppelte Befreiung von Krieg und Nationalsozialismus und einen Neuanfang steht, zum 80sten Male.

Das Museum und Park Kalkriese nimmt dieses wichtige Datum zum Anlass, um den Blick auf 54 aktuelle, internationale Konflikte in der Welt zu richten und zu verdeutlichen, dass Kriege keine abstrakte Vergangenheit, sondern bittere Realität sind.

Dazu präsentieren Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 9 bis 11 der Schulen in Stadt und Landkreis Osnabrück das Projekt „Zeichen des Friedens“. Die Schülerinnen und Schüler haben sich intensiv mit den Konflikten auseinandergesetzt, ihre Ursachen, Auswirkungen und mögliche Lösungsansätze untersucht und aufgezeigt, wie diese Konflikte das Leben der betroffenen Menschen prägen.

Das Projekt „Zeichen des Friedens“ geht über eine rein theoretische Auseinandersetzung mit Geschichte und Politik hinaus – es ist ein kreatives Statement. Im Kunstunterricht sind eindrucksvolle Friedenszeichen entstanden, die mit kraftvollen Botschaften an das Publikum appellieren.

Noch bis zum 2. November werden die im Rahmen des Projektes gestalteten Friedenszeichen im Museumspark ausgestellt. Im Ausstellungszeitraum erhalten Besucher freien Eintritt zum Museumspark.

Nähere Informationen: Varusschlacht im Osnabrücker Land gGmbH – Museum und Park Kalkriese, Dr. Stefan Burmeister, Geschäftsführer, Venner Straße 69, D – 49565 Bramsche-Kalkriese, Telefon: 0049 (0)54689204-0, Fax 0049 (0)54689204-45, E-Mail kontakt@kalkriese-varusschlacht.de

Ausstellung über erste Dokumentationen von NS-Verbrechen im Deutschen Historischen Museum

Auf welche Weise verarbeiteten die Nachkriegsgesellschaften die Erfahrung von Gewalt und Vernichtung, die der Zweite Weltkrieg und die gewaltsame Besetzung weiter Teile Europas durch das nationalsozialistische Deutschland verursacht hatte? Eine bisher übersehene, aber historisch prägende Form der Auseinandersetzung bildeten Ausstellungen, die unmittelbar nach Kriegsende von 1945 bis 1948 in vielen europäischen Ländern von Institutionen, Gruppierungen und Akteuren ganz unterschiedlicher Herkunft organisiert wurden. In Zeiten sozialer Not, politischer Unsicherheit, anhaltender Gewalt und unklarer Zukunftsperspektiven zielten die Ausstellungen darauf ab, die Auswirkungen des Holocaust und der nationalsozialistischen Verbrechen zu dokumentieren und zu visualisieren.

Das Deutsche Historische Museum zeigt noch bis zum 23. November unter dem Titel „Gewalt ausstellen: Erste Ausstellungen zur NS-Besatzung in Europa 1945 – 1948“ die Geschichte dieses gesamteuropäischen Phänomens anhand früher Ausstellungen in London, Paris, Warschau, Liberec und Bergen-Belsen. Der Fokus richtet sich auf die unterschiedlichen Formen und Inhalte, mit denen die damaligen Ausstellungsmacherinnen und -macher – darunter meist NS-Verfolgte und Holocaust-Überlebende – die Gewaltereignisse, den Widerstand, die Täter und den Verlust des kulturellen Erbes thematisierten. Sichtbar werden zudem die unterschiedlichen Zukunftsvorstellungen, die sich in diesen Ausstellungen niederschlugen.

Ghetto-Glück“: Ein Kilim aus dem Ghetto Łódź – von Dr. Zofia Trębacz

Die Ausstellung enthält viele ungewöhnliche Exponate. Eine ganz besondere Stellung nimmt ein Kilim – eine dekorative, flachgewebte Teppichart – aus dem Ghetto Łódź ein, wie Dr. Zofia Trębacz vom Emanuel-Ringelblum Jüdisches Historisches Institut in Warschau in ihrem Beitrag schildert. In der Ausstellung wird das Objekt dem breiten Publikum zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten zugänglich gemacht.

Wie der Kilim in die Sammlungen des nach Emanuel Ringelblum benannten Jüdischen Historischen Instituts in Warschau gelangt ist, wo er sich heute befindet, weiß man nicht. Die erste erhaltene Information stammt von der Eröffnung des vom Jüdischen Historischen Institut in Warschau gegründeten Museums des Martyriums und Kampfes vom 18. April 1948, als der Kilim in der Begleitausstellung „Martirologye un Kamf / Martyrologia i walka“ (Martyrium und Kampf) gezeigt wurde.

Aufgrund dessen ist davon auszugehen, dass der Kilim aus den Sammlungen der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission stammte, die beim Zentralkomitee der Juden in Polen angesiedelt war. Die Historische Kommission entstand im August 1944 in Lublin und wurde im Herbst in die Zentrale Jüdische Historische Kommission umgewandelt[1]. Seit März 1945 befand sich ihr Sitz in Łódź. Wichtigste Aufgabe dieser Institution war die Dokumentation der Verbrechen gegen das jüdische Volk. Sie lieferte auch Material für die Kriegsverbrecherprozesse in Polen und in Nürnberg. Ihre Mitglieder betrieben außerdem wissenschaftliche Forschungen und publizierten u.a. Quellenstudien. Sie sammelten zudem Archivmaterial aus unterschiedlichen Ghettos und Lagern, Akten der Judenräte, der Besatzungsbehörden, Institutionen und Privatpersonen sowie Urkunden ehemaliger jüdischer Gemeinden. Die Kommission besaß Zweigstellen in mehreren Städten. 1947 beschloss das Präsidium des Zentralkomitees der Juden in Polen, die Kommission in das Jüdische Historische Institut mit Sitz an der Tłomackie-Straße 5 in Warschau umzuwandeln, in dem wieder aufgebauten Gebäude des Vorkriegs-Instituts für Judaistik und die Judaistische Hauptbibliothek. Seit 2009 trägt das Institut den Namen von Emanuel Ringelblum – dem Historiker, Aktivisten und Gründer des Geheimen Archivs des Warschauer Ghettos, des sogenannten Ringelblum-Archivs. Er wurde im März 1944 von den Deutschen ermordet[2].

Die Interessen der Mitarbeiter der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission waren derart breit gefächert, dass ihre Sammlungen sowohl Dokumente als auch von Juden während des Kriegs angefertigte Objekte unterschiedlicher Art umfassten. Ein bedeutender Teil davon war die Sammlung von Gegenständen, die im ehemaligen Ghetto von Łódź gefunden wurden waren – Gemälde, Skulpturen, aber auch Objekte, die für den zivilen und militärischen Bedarf der Wirtschaft des NS-Staates produziert worden waren. Dazu zählte vermutlich auch der erwähnte Kilim.

Er ist in der Teppichweberei („Teppich-Ressort“) im Ghetto Łódź hergestellt worden. Er hat die Maße 110 cm x 160 cm. Im zentralen Teil zeigt er eine Szene nach einem Motiv entworfen von Józef Kowner: die Gestalten von vier Juden – höchstwahrscheinlich drei Frauen mit Kopftüchern und ein Mann mit Hut – bei der Arbeit, die auf der gepflasterten Straße im Kreis sitzen oder hocken. Der Kilim ist mit Textilstreifen und Stoffresten auf Kettenfäden aus grauen Schnüren gewebt. Das vielfarbige Mittelfeld wird von einem schwarzen, schmalen Rahmen sowie einer breiten grauen Bordüre eingefasst. Die Fransen bestehen aus angeknüpften Schnüren in zwei Farben: Grau und Weiß. Im unteren Teil des Kilims steht die in arabischen und hebräischen Ziffern gewebte Jahreszahl: 1942. Im oberen Teil hingegen findet sich in jiddischer Sprache die ironische Aufschrift: Geto-glikn, „Ghetto-Glück“.

Trotz der extrem schwierigen Lebensbedingungen im Ghetto blieb der Humor oft erhalten. Man mag darin einen Versuch sehen, sich an die widrige Wirklichkeit anzupassen, sich mit ihr zu arrangieren. Dennoch waren die humorvollen Sprüche und Scherze, die man häufig nur versteht, wenn man auch den Kontext ihrer Verwendung kennt, auch für die Chronisten des Ghettolebens etwas Überraschendes und Notierenswertes. In diesem konkreten Fall sind die Worte „Ghetto-Glück“ über einer Illustration, die Juden bei der Arbeit für die deutsche Wirtschaft zeigt, ein ironischer Kommentar zum Schicksal der dargestellten Personen. War doch die Zwangsarbeit für den Feind zugleich die einzige Möglichkeit der Errettung. In der Realität des Ghettos Łódź war die Beschäftigung in einer Fabrik oder Werkstatt das Kriterium, das am ehesten vor dem Transport ins Vernichtungslager bewahren konnte.

Im Ghetto Łódź existierten viele verschiedene Abteilungen und Ressorts, d.h. Fabriken und Werkstätten, die für den Bedarf der deutschen Wirtschaft produzierten. Während des gesamten Bestehens des Ghettos waren dort zwischen 27 und 32 sogenannte Agenden tätig, in denen 13.000–14.000 Arbeiter beschäftigt waren[3]. Mit der Zeit verwandelte sich das Ghetto Łódź in eine Art Arbeitslager. Das kam in der Maxime des Leiters der Jüdischen Verwaltung, Mordechaj Chaim Rumkowski, zum Ausdruck: „Unser einziger Weg ist die Arbeit“. Die bereits 1940 begonnene Strategie wurde in den folgenden Jahren weiterentwickelt. Die im Ghetto Łódź funktionierenden Ressorts setzten in der Praxis die Idee des Überlebens durch Arbeit um – indem sie für die deutsche Wirtschaft produzierten, sollten sie die Nützlichkeit der Jüdinnen und Juden unter Beweis stellen. Beschäftigung fanden darin auch Künstler*innen die Jubiläums-Alben herstellten, die die Arbeit der Ressorts propagandaartig im besten Licht präsentierten. Eines von ihnen war das Gedenkalbum des Teppichressorts, das von Szyja (Jehoszua) Klugmann geleitet wurde. Das Objekt hat den Krieg überdauert und ist Teil der Sammlungen des Jüdischen Historischen Instituts. Es stellt die Entstehungsgeschichte und die Arbeit des Instituts von Juni 1941 bis Oktober 1943 dar und zeigt Muster von Wandteppichen, die auf der vom Ressort im Ghetto Łódź organisierten Ausstellung am 26. Dezember 1942 gezeigt worden waren.

Einer der in der Werkstatt beschäftigten Künstler war Józef Kowner (1895–1967), der schon in der Vorkriegszeit als Maler bekannt gewesen war. Im Ghetto Łódź galt er als „reifer Künstler mit individuellem Stil[4]. Seine Wohnung war Treffpunkt von Maler*innen, Schriftsteller*innen, Schauspieler*innen und Musiker*innen. Kowners Gemälde aus jener Zeit zeichnen sich durch eine ungewöhnlich lebhafte Farbgebung aus. Auf verblüffend farbige Weise stellt er Szenen aus dem Leben des geschlossenen Viertels dar – vor allem die Ghettostraße und die Arbeit. Ein großer Teil seiner Werke hat den Krieg überdauert, einige davon haben den Weg in die Sammlungen des Jüdischen Historischen Instituts gefunden.

Die wachsende Zahl der Bestellungen und die minimalen Arbeitskosten waren für die Deutschen eine Zeit lang Grund genug, das Ghetto Łódź bestehen zu lassen. Dennoch erwies sich die Vorstellung, durch Arbeit überleben zu können, angesichts der Vernichtungspläne als Illusion.

Der Beschluss zur endgültigen Liquidierung des Ghettos Łódź fiel im Frühjahr 1944. Zu der Zeit hielten sich in ihm fast 77.000 Juden auf. Im August 1944 setzten die Deportationen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ein. Mit einem der letzten Transporte verließen Rumkowski und seine engsten Familienangehörigen das Ghetto Łódź.

Vom Ghetto Łódź sind ungewöhnlich vielfältige Dokumente erhalten. Sie stammen vor allem aus der jüdischen und der deutschen Verwaltung und beinhalten zudem zahlreiche persönliche Papiere und Fotografien. Erhalten ist auch eine reiche Kollektion von Bildern und Objekten des Kunsthandwerks, die in die Sammlungen des Jüdischen Historischen Instituts aufgenommen wurde. Hierzu gehört auch der hier thematisierte Kilim.

In den Sammlungen dieser Institution befinden sich auch zwei andere Objekte von ähnlichem Charakter. Das eine ist ein ebenfalls in der Teppich-Ressort hergestellter Kilim für Aron Jakubowicz, den Leiter des Zentralbüros der Ressorts. Auf grauem Hintergrund steht in rosa-schwarzer Schrift auf Jiddisch: „An das Zentralbüro der Arbeitsressorts. Herrn Aron Jakubowicz. Wir melden, dass wir im Zeitraum 1.07[.]–31.12.1941 11.138 m² Teppiche hergestellt und 49.920 kg Abfälle verarbeitet haben. Der Leiter des Teppich-Ressorts Jehoszua Klugman.“Die blaue Bordüre weist einen schmalen rosafarben en Innenstreifen auf. Die untere Seite wurde mit Fransen versehen.

Bei dem anderen Objekt handelt es sich um einen Wandbehang, der am selben Ort produziert wurde. Der obere Rand ist mit einem Streifen aus rotem Stoff benäht, der untere mit grau-roten Fransen abgeschlossen. Mit roter Strickwolle ist auf grauem Grund die jiddische Aufschrift gestickt: „Der Vorsitzende M. Ch. Rumkowski ist ein Symbol für jüdischen Geist und Schaffenskraft“.

Der heutige Blick auf den in Frage stehenden Kilim aus dem Ghetto Łódź unterscheidet sich erheblich von dem, was vermutlich den Ausstellungsmachern von 1948 vorschwebte. Damals wurde er als Ausdruck der Repressionen und der Leiden der Juden unter deutscher Besatzung präsentiert. Heute haben wir auch einen Blick für seinen künstlerischen Wert. Wir sehen ihn unter anderem als Beispiel dafür, wie die jüdische Verwaltung sich bemühte, die Schaffenden zu unterstützen, weil sie in ihnen wichtige Vertreter der Gesamtgesellschaft sah. Zugleich erzählt das vom Urheber gewählte Sujet des Kilims in seiner Art auch von den unmenschlichen Arbeitsbedingungen im Ghetto Łódź. Es ermöglicht uns so einen nuancierteren Blick, vertieft unser Wissen, unsere Empfindsamkeit, und zwingt zur Reflexion.

Literatur:

[1] Näheres vgl. Agnieszka Haska, „‚Festhalten und verewigen‘: Die Tätigkeit der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission“, in: Raphael Gross und Agata Pietrasik (Hrsg.), Gewalt ausstellen: Erste Ausstellungen zur NS-Besatzung in Europa, 1945–1948, Berlin 2025, S. 162–171.

[2] Näheres vgl. Samuel D. Kassow, Ringelblums Vermächtnis. Das geheime Archiv des Warschauer Ghettos, Reinbek 2010.

[3] Julian Baranowski, Łódzkie getto 1940–1944/The Łódź Ghetto 1940–1944: Vademecum, Łódź 2009, S. 43.

[4] Jakub Bendkowski, „Józef Kowner. Malarz getta łódzkiego“ in: Jakub Bendkowski und Zofia Trębacz (Hrsg.), Uchwycić getto. Codzienność getta łódzkiego oczami artystów, Warschau 2025, S. 151.

Nähere Informationen: Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, 10117 Berlin, E-Mail: info@dhm.de. Das Museum ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Ausstellung über den Bentheimer Grenzlandausschuss im Stadtmuseum Nordhorn

Als Reparationsforderungen für die im Zweiten Weltkrieg entstandenen Schäden und Verluste forderten die Niederlande 1946 die Abtretung von Gebieten entlang der westdeutschen Grenze. Betroffen waren 18 Landkreise in einer Linie von Borkum bis nach Aachen. Eines der größten Gebiete stellte dabei die Niedergrafschaft dar. Diese Pläne waren auch der Anschub für den Emslandplan, der am 5. Mai 1950 vom Bundestag beschlossen wurde.

Vor diesem historischen Hintergrund wurde am 12. Februar 1947 der Bentheimer Grenzlandausschuß gegründet, als sich in Bentheim die Regierungspräsidenten und die sechzehn Landräte der von den niederländischen Gebietsansprüchen betroffenen Kreise im deutsch-niederländischen Grenzgebiet versammelten und Protest gegen jegliche Abtretung deutschen Territoriums an die Niederlande erhoben. Den Vorsitz führte der Landrat des Landkreises Grafschaft Bentheim, Dr. Rudolf Beckmann.
Der Ausschuß nahm in Form eines Gutachtens Stellung zu Gebietsansprüchen und zu wirtschaftlichen und wasserwirtschaftlichen Forderungen der Niederlande, unter anderem die Forderung von Kohle-, Kali- und Ölkonzessionen sowie nach Beschränkung der Ein- und Ausfuhr in deutschen Seehäfen. Ein Aufgabenschwerpunkt war die Beratung und rechtliche Vertretung von deutschen Landwirten, deren Grundstücke (sogenannte Traktatgrundstücke) auf niederländischem Territorium aufgrund des Pariser Reparationsabkommens vom 14. Januar 1946 in den Niederlanden beschlagnahmt worden waren. Seit 1952 verhandelten die Bundesrepublik Deutschland und die Niederlande über die Rückgabe der Traktatgebiete. Zu diesem Zweck wurde eine deutsch-niederländische Studienkommission eingesetzt, der auch Vertreter des Bentheimer Grenzlandausschusses angehörten. Die Verhandlungen endeten mit dem deutsch-niederländischen Ausgleichsvertrag vom 8. April 1960, der die Rückgabe der 1949 unter niederländische Verwaltung gestellten Grundstücke an die Bundesrepublik Deutschland und den Verlauf der gemeinsamen Grenze regelte. Die offizielle Auflösung des Bentheimer Grenzlandausschusses erfolgte am 12. Februar 1964.

Die Tätigkeiten, Organisation und Wirkung dieses Gremiums, das sich als „Demokratie von der Basis aus“ verstand, stehen im Mittelpunkt der neuen Sonderausstellung im Stadtmuseum Nordhorn im NINO-Hochbau an der NINO-Allee. Die offizielle Eröffnung erfolgt am Sonntag, 28. September, 11.30 Uhr. Die Begrüßung der Gäste wird von Dr. Werner Rohr, Vorsitzender des Grafschafter Museumsvereins, vorgenommen. Das Grußwort wird von Uwe Fietzek, Landrat der Grafschaft Bentheim, gehalten, die Eröffnungsrede von Nadine Höppner, Museumsleiterin. Die Ausstellung ist bis zum 8. März 2026 zu sehen.

Zum Stadtmuseum Nordhorn

Das Stadtmuseum Nordhorn zeigt im 1. Obergeschoss im NINO-Hochbau auf einer Fläche von mehr als 1200 Quadratmetern die große Textil- und Modegeschichte Nordhorns. Über 100 Jahre lang galt der Satz „Nordhorn hängt am Baumwollfaden“. Zu Beginn der 1960-er Jahre zählten die großen Textilbetriebe der Stadt – NINO, Povel und Rawe – noch fast 12.000 Mitarbeiter, die Jahr für Jahr Millionen Meter Stoff produzierten. Eine Zeit, in der insbesondere das Unternehmen NINO in die „Champions League“ der europäischen Textilindustrie aufstieg. Wie viele andere in Westeuropa ansässige Textilfabriken mussten auch NINO, Povel und Rawe den Verwerfungen der in den 1970-er Jahren einsetzenden Globalisierung Tribut zollen. Im Sommer 2001 stellte mit Rawe die letzte der einst „Großen Drei“ Nordhorner Textilfabriken die Produktion ein. Die Grafschafter Textil- und Bekleidungsindustrie stellte sich neu auf – von Stoff- und Zutatenhändlern über die Mode- und Arbeitskleidung bis hin zur Qualitätssicherung zeigt das Stadtmuseum auch die Textilwelt in der Grafschaft Bentheim heute.

In der Dauerausstellung im NINO-Hochbau präsentiert das Museum zahlreiche Fotografien, Film- und Fernsehreportagen, Betriebszeitschriften, Gemälde, Arbeitsurkunden und Objekte rund um die Grafschafter Textilindustrie. Die Exponate verbinden sich zu einem umfassenden Einblick in die Arbeitswelt der Industriegeschichte Nordhorns. Einzigartiger Bestandteil der Ausstellung sind dabei die Einblicke in die bundesweit einzigartige Sammlung von Industrie- und Modefotografien, unter anderem mit Aufnahmen der Fotografen Rudolf Bulla, Charles Compére, Otto Steinert, Ferdinand Tesch, Alfred Tritschler oder Dr. Paul Wolff.

Stichwort: Textilkultur


Die Dauerausstellung des Stadtmuseums ist eine Hommage an die Mode- und Werbewelt der Nordhorner Textilindustrie. Eine ständig wechselnde Auswahl aus den mehr als 100.000 Fotografien der Museumssammlung, Modezeitschriften, Original-Kleidungsstücken aus NINO-, Povel- und Rawe-Stoffen, Hunderte von Musterbüchern und Mustercoupons, Kollektionskataloge und Werbeartikeln aus der NINO-, Povel- und Rawe-Historie vereinen sich zu einer Zeitreise durch die von den Nordhorner Textilern inspirierte Modewelt der Nachkriegsjahrzehnte.

Ein großer Teil der ausgestellten Modefotografien entstand im Zuge der zwischen 1950 und 1990 mit Millionenaufwand in Szene gesetzten Markenwerbung für Kleidung aus NINO-Stoffen wie der berühmten „NINO-Flex-Mantel“. Modereportagen illustrierten weltweit in Zeitschriften wie „Vogue“, „Stern“, „Brigitte“, „Petra“, „Film und Frau“ oder auch der 60er-Kultzeitschrift „TWEN“. Zu entdecken gibt es Bilder von Fotografen-Legenden wie Helmut Newton, F.C. Gundlach, Guy Bourdin, Frank Horvat, Hans-Günther Kaufmann, Charlotte March, Christa Peters, Rico Puhlmann oder Regina Relang. Themeninseln erzählen zudem die Geschichte der Zusammenarbeit von NINO mit berühmten Desigern wie Karl Lagerfeld, Daniel Hechter oder Heinz Oestergaard.

Zur Abrundung der Zeitreise durch die Textil- und Modewelt lädt das Stadtmuseum jeden ein, im „Dressing Room“ historische Kleidung selbst auszuprobieren.

Nähere Informationen: Stadtmuseum im NINO-Hochbau, NINO-Allee 11, 1. Obergeschoss links, 48529 Nordhorn, Telefon: 05921 721500, E-Mail: kontakt@stadtmuseum-nordhorn.de, Internet: www.stadtmuseum-nordhorn.de. Das Museum ist dienstags bis samstags von 14 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 18 uhr geöffnet.

Quellen: Deutsche Digitale Bibliothek / Bundesarchiv, Internetseite des Stadtmuseums Nordhorn

„Herbst 89 – Auf den Straßen von Leipzig“ für den Grimme Online Award nominiert

Die interaktive Graphic Novel „Herbst 89 – Auf den Straßen von Leipzig“, ein Serious Game des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin, ist für den renommierten Grimme Online Award 2025 nominiert worden. Manche kennen das Spiel vielleicht aus der Ausstellung „Roads not taken. Oder: Es hätte auch anders kommen können“. Die Abstimmung ist noch bis zum 1. Oktober 2025, 23.59 Uhr, über die Internetseite des Museums möglich.

Worum geht es in dem Spiel?

„Herbst 89 – Auf den Straßen von Leipzig“ lädt dazu ein, in einer interaktiven Graphic Novel in die Rolle unterschiedlicher Akteure zu schlüpfen und aus deren Perspektive die friedlichen Proteste vom 9. Oktober 1989 in Leipzig zu erleben.

An diesem Tag gingen über 70.000 Menschen auf die Straße, um gegen das DDR-Regime zu protestieren. Viele fürchteten eine gewaltsame Niederschlagung der Proteste. Jene Ereignisse, welche als Schlüsselmomente der „Friedlichen Revolution“ in die Geschichte eingehen sollten, waren keineswegs absehbar. Sie waren das Ergebnis von konkreten Entscheidungen und Handlungen, teils auch von Zufällen.

In der Graphic Novel können die Spielerinnen und Spieler den Verlauf dieses historisch bedeutsamen Tages – zum Beispiel in der Rolle der Bürgerrechtlerin Sabine T. oder des Bereitschaftspolizisten Thomas Z. – erleben und durch eigene Entscheidungen beeinflussen. Wird es gelingen, den Tag friedlich zu halten?

Über den Museumsverein Deutsches Historisches Museum

Bereits Anfang des Jahrtausends nahm der Gedanke Gestalt an, einen Förderverein für das Deutsche Historische Museum (DHM) zu gründen. Zwar war die finanzielle Ausstattung des Hauses verhältnismäßig gut, dagegen war es „zu wenig in der Öffentlichkeit verankert“, wie sich Felix Pongratz, Gründungsmitglied und Schatzmeister des 2004 gegründeten Museumsvereins erinnert. „Man wollte mehr Rückhalt in der Bevölkerung und auch mehr Prominenz an der Seite“. Ehrenpräsident des jungen Vereins wurde Hans-Dietrich Genscher, langjähriger deutscher Außenminister und selbst eine herausragende Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Erster Vorsitzender war der ehemalige ZDF-Intendant Prof. Dieter Stolte. Immer mehr Unterstützerinnen und Unterstützer kamen hinzu, sodass der Museumsverein aktuell über 800 Mitglieder zählt. Die Mitglieder lernen „ihr“ Museum in einem abwechslungsreichen Mitgliederprogramm kennen, schauen hinter die Kulissen und lauschen bei den Zeughaus-Gesprächen prominenten Gästen in der Diskussion über aktuelle Themen der Geschichte und Gegenwart.

Inzwischen gehört das DHM sicher zu den bekanntesten Museen Deutschlands. Neben dem Begeistern für das DHM und für Geschichte ist die Unterstützung des Museums beim Bewahren nach wie das wichtigste Anliegen des Vereins. „Wir springen ein, wenn das Museum selbst etwas nicht leisten kann“, erklärt Felix Pongratz den Grundgedanken. Der Verein kauft Objekte für die Sammlung des DHM und fördert unterschiedlichste Projekte, seien es Publikationen, Restaurierungen oder Workshops.

Manchmal sind es finanziell kleine Beiträge, wie etwa die Finanzierung der Restaurierung der Standuhr von Johann Pfister, die weniger als 20 Mitgliedsbeiträge gekostet hat, aber für die Präsentation der Uhr in der Dauerausstellung dringend notwendig war. Mal sind es große Vorhaben, die nur mit einer Spendenaktion realisiert werden kann. Hier lässt sich zum Beispiel der mit dem DHM gemeinsam finanzierte Ankauf des Gemäldes „Zerstörung 2″ von Felix Nussbaum aufführen, bei dem der Museumsverein neben gesparten Vermögen aus Mitgliedsbeiträgen auf eine Spendenaktion angewiesen war. 45.000 Euro kamen dabei zusammen. Das Gemälde soll in der neuen Ständigen Ausstellung mit zwei weiteren Gemälden von Felix Nussbaum ausgestellt werden, um eine Opferperspektive auf Verfolgung im Nationalsozialismus zu veranschaulichen.

Nähere Informationen: Museumsverein des Deutschen Historischen Museums, Unter den Linden 2, 10117 Berlin, E-Mail: dhm-museumsverein.de

Feuer und Flamme – eine Ausstellung von „weben+“

Eine Ausstellung im Tuchmacher Museum Bramsche zeigt das Handwerk des Webens.

Die Farben des Feuers sind Inspiration für diese Ausstellung und Symbol zugleich: Sie stehen für die Begeisterung, das Entbranntsein für das Handwerk Weben. Die Wanderausstellung zum 20-jährigen Bestehen des Vereins „weben+“, die noch bis zum 7. September im Tuchmacher Museum Bramsche zu sehen ist, macht deutlich, dass Handweben nicht nur eine Technik zum Herstellen von Geweben ist, sondern immer auch Ausdruck kreativer Arbeit.

Bekleidung, Heimtextilien, Meterware und künstlerische Arbeiten: Die Exponate aus allen Bereichen der Handweberei zeigen den Entwicklungsprozess der Arbeit, den Weg von der ersten Idee über Skizzen, Farbzusammenstellung, Garnauswahl, Bindungen, Webtechnik und Nachbehandlung bis zum fertigen Gewebe. Die ungewöhnliche Ausstellung gibt tiefe Einblicke in den spannenden Schaffensprozess der Weber:innen und ihre Begeisterung für die Handweberei.

Lange bevor das Handweben 2023 von der Deutschen UNESCO-Kommission in die Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde, gründete sich im Jahr 2000 der Verein „weben+“ mit dem Ziel, die textile Kultur des Handwebens zu erhalten, zu fördern und weiterzuentwickeln. Seitdem werden die handwerklichen Fertigkeiten und das Wissen um sie nicht nur durch Ausstellungen, sondern auch in Fortbildungen, Fachgruppen und zahlreichen anderen Aktivitäten weitergegeben.

Heute gehören dem Verein 400 Mitglieder an. 32 Handweberinnen und Handweber von ihnen haben ihre Arbeiten zur Ausstellung beigesteuert und den Entstehungsprozess in einer Begleitbroschüre dokumentiert, die im Museum erhältlich ist.

Nähere Informationen: Tuchmacher Museum Bramsche, Mühlenort 6, 49565 BramscheTelefon: 05461 94510, E-Mail: info@tuchmachermuseum.de

„Behind Beauty“ – Hinter den Kulissen der Schönheitsindustrie

Ausstellung im LWL-Museum Textilwerk in Bocholt

Mode und Accessoires, Kosmetik und Düfte aber auch Chirurgie, Sport und Ernährung – all das und noch viel mehr ist Teil der Schönheitsindustrie, die weltweit für mehr 500 Milliarden US-Dollar Umsatz im Einzelhandel sorgt. Doch wo kommen die Trends her? Wer bestimmt, was „Schönheit“ ist und wie Mann oder Frau sie erreichen können?

Mit vielen interaktiven Ausstellungseinheiten präsentiert das LWL-Museum Textilwerk in Bocholt noch bis zum 1. November 2026 auf über 600 Quadratmetern auch die Rolle der Werbung und der Medien sowie den Einfluss von Social Media.

Das Spektrum der rund 800 Exponate reicht von Kleidern und formender Wäsche über Lockenwickler, Rasierer, Lippenstifte und Utensilien aus dem Fitnessstudio bis hin zu denen der Schönheitschirurgie wie Spritzen und Brustimplantate. Höhepunkte sind unter anderem Kleid und Krone der ersten und einzigen deutschen Miss Universe Marlene Schmidt (1961) sowie ein Yves Saint Laurent-Kostüm von Marlene Dietrich aus den 1970-er Jahren.

Videointerviews mit Protagonisten und Protagonistinnen der Branche, darunter ein Schönheitschirurg, die Chefin einer Kosmetikfirma, die Betreiberin einer Model-Agentur und ein Curve-Model, geben Einblicke in verschiedene Geschäftsfelder. Viele Mitmach-Stationen, Spiegel, ein Laufsteg und eine Selfie-Station laden dazu ein, sich mit der eigenen Einstellung zum Thema Schönheit zu beschäftigen.

Öffentliche Führung durch die Sonderausstellung finden jeden Sonntag um 15 Uhr statt. Am Donnerstag, 18. September, und am Donnerstag, 30. Oktober, jeweils in der Zeit von 18 – 20 Uhr, wird eine Kuratorführung mit einem Glas Sekt für 10 Euro inklusive Eintritt angeboten. Für eine Gruppenführung „Behind Beauty“ von zirka 60 Minuten werden 45 Euro zuzüglich Eintritt berechnet.

Nähere Informationen: LWL-Museum Textilwerk, Weberei: Uhlandstraße 50, 46397 Bocholt, Spinnerei (auch Postadresse): Industriestraße 5, 46395 Bocholt, Telefon 02871 21611-210, Fax 02871 21611-266, E-Mail textilwerk@lwl.org

„Ivna Esajas – In The Garden of My Good Days“

In The Garden of My Good Days“ ist die erste museale Einzelausstellung der Amsterdamer Künstlerin Ivna Esajas in den Niederlanden. Zu sehen ist sie vom 6. September 2025 bis 2. Februar 2026 im „Museum de Fundatie“ in Zwolle.

In dieser Ausstellung erkundet Ivna Esajas Wege, den Raum des Museums herauszufordern und ihren Platz im wörtlichen und übertragenen Sinne zu behaupten. Mit ihrer Arbeit weigert sie sich, festen Vorstellungen von Schönheit oder Perfektion zu entsprechen. Das Werk existiert, und das ist wertvoll genug.

Oft sind es Gedichte, die Ivna inspirieren und in denen sie einen Sinn findet. Sie nähern sich dem Kern ihres Werks, ohne es zu erklären oder ihm eine ausdrückliche Botschaft zu geben. So kann man als Betrachter das Werk auch selbst interpretieren. Der Titel der Ausstellung stammt aus dem Gedicht „The Ragged and the Beautiful“ der jamaikanischen Dichterin und Schriftstellerin Safiya Sinclair.

Ivna schafft großformatige Zeichnungen auf Leinwand, Kompositionen von Figuren, die den Alltag und die Welt der Schwarzen und deren Vorstellungswelt erkunden. Die Figuren sind miteinander verbunden, teilen ihre Körper, berühren und halten sich gegenseitig, als ob ihr individuelles Gleichgewicht von ihrer Einheit, Solidarität, Freude und Liebe abhängt. Weit entfernt von jeglichem äußeren Urteil oder Zwang.
Ihr Werk entsteht intuitiv. Sie folgt den Linien auf der Leinwand, erkundet Form und Zwischenform. Linien, die Vergangenheit und Gegenwart, persönliche Geschichten und Erinnerungen miteinander verbinden. Diese Geschichten und Erinnerungen wandern durch das Universum und verbinden Vergangenheit und Gegenwart mit dem, was wir sehen und fühlen.

Ivna Esajas hat ein Atelier in Amsterdam Zuidoost, bei der Open Ateliers Stichting (Kruitberg). Sie erwarb ihren Master am Sandberg Institut im Programm „Blacker Blackness“ (2023). Im Jahr 2024 erhielt sie das Stipendium des Mondriaan-Fonds „Artist Start“.
Ihre Arbeiten wurden bereits in einer Einzelausstellung im „Metro54“ in Amsterdam (2024) und in verschiedenen Gruppenausstellungen gezeigt, unter anderem im „CBK Zuidoost“ (2024), im „Kunstenlab“ (2023) und bei den Open Ateliers Zuidoost (2023).

Nähere Informationen: Museum de Fundatie, Blijmarkt 20, 8011 NE Zwolle, Telefon 0031 572388188, E-Mail info@museumdefundatie.nl und Internet www.museumdefundatie.nl. Geöffnet ist es dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.

Maria Abramović und MAI im Dialog mit Joseph Beuys

Zum ersten Mal tritt die international renommierte Künstlerin Marina Abramović mit dem Marina Abramović Institute (MAI) in einen direkten künstlerischen Dialog mit dem Erbe von Joseph Beuys, einem der einflussreichsten Wegbereiter der Aktionskunst. Veranstaltungsort ist das Schloss Moyland. Eröffnet wird die Ausstellung am 13. Juli, 14.30 Uhr.

Zugleich ist es das erste Mal, dass sich das MAI und die beteiligten Künstlerinnen und Künstler in einem langfristigen Projekt mit den Beständen einer sammelnden Institution auseinandersetzen. Bereits 2005 reinterpretierte Abramović Beuys‘ ikonische Performance „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ im New Yorker Guggenheim Museum.

Die Ausstellung im Museum Schloss Moyland bringt nun die Dokumentation der beiden Inszenierungen zusammen und präsentiert sie im Kontext historischer Plastiken, Archivmaterialien und Zeichnungen von Beuys aus der Sammlung. Im März war im Rahmen eines interdisziplinären Residenzprogramms eine Gruppe von dreizehn internationalen Performance-Künstlerinnen und -Künstlern eingeladen, Beuys’ künstlerische Herangehensweisen zu erforschen und neue ortspezifische Performances für das Museum Schloss Moyland zu entwickeln.

Während der Ausstellung sind die Performances im Schloss und im Park des Museums zu sehen. Die Ausstellung erweitert somit den Rezeptionsrahmen der künstlerischen Arbeiten sowohl von Beuys als auch Abramović und bietet neue Perspektiven auf die Schnittstellen von Performance, Aktionskunst und Archivforschung.

Eine künstlerische Verbindung über Generationen hinweg

Ein zentraler Fokus der Ausstellung liegt auf der ikonischen Performance „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ von Joseph Beuys aus dem Jahr 1965 und ihrer Re-Performance durch Marina Abramović. Beuys führte diese Aktion erstmals in Düsseldorf auf: Mit Honig und Blattgold bedeckt, schob und zog er das Tier mit seinen Händen und Zähnen durch den Raum der Galerie Schmela. Vierzig Jahre später brachte Marina Abramović Beuys’ Werk in einen neuen Kontext: In ihrer legendären Performance-Serie „7 Easy Pieces“ (2005) im New Yorker Guggenheim Museum rekonstruierte sie ikonische Arbeiten der Performancekunst – darunter auch von Beuys.

Die Ausstellung stellt die beiden Inszenierungen erstmals direkt gegenüber. Während Beuys als Mann aus der deutschen Kriegsgeneration einst die Bilder dem Hasen „erklärte“, wird diese Aufgabe nun von einer Frau und Künstlerin der Nachkriegsgeneration aus dem kommunistischen Jugoslawien aufgegriffen. So entsteht die einmalige Möglichkeit, die symbolische Bedeutung des toten Hasen in der neu eröffneten Ausstellungshalle des Museums, aus zwei unterschiedlichen Perspektiven zu erleben.

Joseph Beuys hat seit den 1960er Jahren entscheidend zur Entwicklung der Performancekunst beigetragen. Indem er seine skulpturalen Arbeiten erweiterte und den eigenen Körper als Medium nutzte, ebnete er den Weg für nachfolgende Künstlergenerationen. Marina Abramović, Ulay und zahlreiche mehr stehen in dieser Linie und entwickeln sie weiter.

Eine neue Generation internationaler Performance-Künstler

Das interdisziplinäre Residenzprogramm verbindet dreizehn herausragende Performance- Künstlerinnen und Künstler, die aus verschiedenen Teilen der Welt auf das Erbe von Beuys und Abramović treffen. Das Marina Abramović Institute (MAI) setzt erstmals im Museum Schloss Moyland eine Residency um, in deren Rahmen neue Performances entstehen. Inspiriert von Beuys’ Werken, der Sammlung und den Archivalien entwickelten die Performerinnen und Performer neue Arbeiten, die speziell für das Museum Schloss Moyland und das umliegende Parkgelände konzipiert wurden. Die Performances finden täglich während der Öffnungszeiten statt – acht Stunden pro Tag, an jedem dritten Donnerstag im Monat sogar zehn Stunden. Mit ihren individuellen Perspektiven, kulturellen Erfahrungen und performativen Ansätzen setzen sich die Künstlerinnen und Künstler mit dem Denken von Joseph Beuys auseinander und übertragen seine Impulse in einen zeitgenössischen Kontext. Dabei entstehen Performances, die nicht nur den Beuys-Bestand des Museums auf völlig neue Weise aktivieren, sondern auch eine unmittelbare, lebendige Interaktion zwischen Kunst, Ort, Raum und Besuchern schaffen.

So interessiert sich Sandra Johnston speziell für die Verbindungen, die Beuys nach Irland unterhielt, wo er zum Aufbau der zeitgenössischen Kunstszene entscheidend beitrug.

Martin Toloku beschäftigt sich mit ritualistischen Handlungen in Beuys‘ Schaffen.

Michelle Samba richtet den Blick auf Beuys‘ Institutions- und Verwaltungskritik und verbindet dies mit ihrer eigenen Biografie.

In seinen feinsinnigen Reflexionen über den Körper in der Natur bringt Eşref Yıldırım poetisch-performative Ebenen zum Vorschein.

Luisa Sancho-Escanero, Evan Macrae Williams und Yan Jun Chin vom Pfalztheater Kaiserslautern zeigen ebenfalls ein großes Interesse an Körperlichkeit – insbesondere an den tänzerischen Elementen in Beuys‘ zeichnerischem und performativen Werk.

In der Arbeit von Virginia Mastrogiannaki greift die Künstlerin auf die Europäische Verfassung und die Reden von Anacharsis Cloots zurück – jenem visionären Revolutionär aus Kleve, der von Beuys als geistiger Verbündeter verehrt wurde.

Das Interesse von Maria Stamencović Herranz gilt der Verknüpfung politischer Unruhen und kollektiver revolutionärer Handlungen, zu Beuys‘ Zeiten und in der Gegenwart.

Isaac Chong Wai, der 2024 in der Hauptausstellung der Biennale von Venedig zu sehen war und schon 2022 eine Ausstellung im Dialog mit Beuys im Museum Schloss Moyland realisierte, überträgt Beuys’ Interesse an alltäglichen Handlungen und Materialien in ein transformiertes Raumgefüge.

Die Preisträgerin des Förderpreises des Landes NRW 2023, Cristiana Cott Negoescu beschäftigt sich mit ritualisierten Handlungen unter inhumanen Arbeitsbedingungen. Ihre Performance verweist auf gesellschaftliche Themen des globalen Kapitalismus.

Rubiane Maia spannt den Bogen zwischen den ökologischen Herausforderungen unserer Zeit – einer Frage, die Joseph Beuys bereits früh beschäftigte – und den historischen Handelsrouten des Kolonialismus und der Sklaverei, die unsere Gegenwart bis heute beeinflussen.

Francesco Marzano, der zu den Studenten von Marina Abramović im ersten Jahrgang der Pina Bausch-Professur an der Folkwang Universität der Künste Essen gehörte, kommt ursprünglich aus der Musik. Er wird sich mit dem Rhythmus des individuellen und kollektiven Atmens beschäftigen. Durch den globalen Dialog zwischen aktuellen Performance-Strömungen und historischen Archivmaterialien entsteht ein einzigartiger Prozess und ein neuer multiperspektivischer Austausch zum Oeuvre von Beuys. Die Ausstellung verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Utopien der Zukunft, erforscht das performative Potenzial von Beuys’ Schaffen neu und hinterfragt die Grenzen des Museums.

Nähere Informationen: Stiftung Museum Schloss Moyland, Am Schloss 4, 47551 Bedburg-Hau, Telefon: +49 (0)2824 9510-60, E-Mail: info@moyland.de. Geöffnet ist Sommer (1. April bis 31. Oktober), Montag 11 bis 17 Uhr (nur Parkanlage), Dienstag bis Freitag 11 bis 18 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertage 10 bis18 Uhr, Winter (1. November bis 31. März), Montag 11 bis 17 Uhr (nur Parkanlage), Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr.