Friedensreich Hundertwasser – Paradiese kann man nur selber machen

Das Felix Nussbaum-Haus in Osnabrück bietet einen Kosmos von rund 80 Grafiken, Fotografien, Zitaten und Filmmaterial über den Maler, Architekturdoktor, ökologischen Aktivisten und Philosophen.

Der Name Friedensreich Hundertwasser lässt an Bilder in bunter Farbigkeit, mit geschwungenen Linien und märchenhaften Architekturen denken. Seine Traumwelten sind weltbekannt. Berühmt-berüchtigt wird Friedensreich Hundertwasser für die Vision eines Paradieses auf Erden – einem Leben des Menschen in Harmonie mit der Natur, geformt durch individuelle Kreativität. Sein Leben und Schaffen stellt er in den Dienst dieser Vision. In öffentlichen Reden, Briefen, Manifesten oder Demonstrationen vertritt er seine ökologischen und zugleich gesellschaftskritischen Positionen. In Architekturen und gelebtem Umweltschutz lässt er sie real werden. Seine Apelle sind heute noch immer relevant.

Friedensreich Hundertwasser möchte die Menschen öffnen für das Schöne, ihre schöpferischen Fähigkeiten aktivieren und ein Bewusstsein für die Natur und die Notwendigkeit ihres Schutzes anstoßen. Bei dem Aspekt des „Öffnens“ setzt die Ausstellung „Friedensreich Hundertwasser – Paradiese kann man nur selber machen“ an: In einem Kosmos von rund 80 Grafiken, Fotografien, Zitaten und Filmmaterial werden die Besucher des Felix Nussbaum-Hauses im Museumsquartier Osnabrück noch bis zum 31. August für das Wahrnehmen sensibilisiert, mit Fragen zum Reflektieren angestoßen und mit Mitmach-Stationen zum Erschaffen eingeladen. Hundertwassers Werk ist ohne die Unmittelbarkeit eines kindlichen Blicks auf die Welt und die Leichtigkeit von Kinderzeichnungen nicht denkbar. Gemäß seinen Worten: „Warum man die Kinder nicht malen lässt am Trottoir ihre Figuren und an den Wänden und Mauern der Straßen ihre Linien zeichnen? … Lasst die Kinder sprechen…“ möchte die Ausstellung auch das junge Publikum zu Wort und zum Bild kommen lassen und die Erwachsenen einladen, zusammen mit den Kindern durch ihre Augen zu blicken.

Für Jugendliche und Erwachsene, die tiefer in das Thema Friedensreich Hundertwasser einsteigen möchten, bietet die Ausstellung Einführungstexte in die sieben Kapitel der Ausstellung und ausgewählte Hundertwasser-Texte zur Diskussion.

Die Ausstellung ist in Kooperation mit der Ernst Barlach Museumsgesellschaft Hamburg entstanden.

Zu Friedensreich Hundertwasser

Das Werk und Wirken von Friedensreich Hundertwasser (geb. als Friedrich Stowasser in Wien) zählt zu den bedeutendsten Beiträgen innerhalb der Kunstgeschichte der Nachkriegsmoderne. Als wichtiges Mitglied der internationalen Avantgarde in den 1950er-Jahren in Paris entwickelte er seine einzigartige Bildsprache. Eines der zentralen Motive seiner farbstarken Bildwelt ist die Spirale.
Wenn Hundertwasser heute als einer der populärsten europäischen Künstler unserer Zeit gilt, so hat sein graphisches Werk einen großen Beitrag dazu geleistet. Sein Ziel in der Kunst der Graphik war es, innerhalb einer Auflage nicht nur Farb-, sondern auch Formvariationen zu schaffen mit dem Ergebnis, dass jedes Blatt einer Auflage farbig und gestalterisch verschieden ist von allen anderen: ein Unikat.
Hundertwassers Einsatz für eine natur- und menschengerechtere Architektur und sein bahnbrechendes ökologisches Engagement entfaltete sich aus seinem Glauben an die Kraft der Natur und die individuelle Kreativität. Seit den 1980er-Jahren realisierte er Architekturprojekte, in denen es das Fensterrecht und die Baummieter gibt, den unebenen Boden, Wälder auf dem Dach und Spontanvegetation. Seine Bauten zeugen von seinem Einsatz für Vielfalt anstelle von Monotonie, für Romantik, für das Organische und für unreglementierte Unregelmäßigkeiten, für die Spontanvegetation und für ein Leben in Harmonie mit der Natur.
Im Zentrum seines ökologischen Handelns standen Baumpflanz- und Begrünungsaktionen, die Wiederherstellung natürlicher Kreisläufe, der Schutz des Wassers und der Kampf für eine abfallfreie Gesellschaft.

Seine gesellschaftskritischen und ökologischen Positionen verbreitete er mit Manifesten, Briefen, Reden und öffentlichen Demonstrationen, in denen er die reine Funktionalität aller Lebensbereiche, die ungehemmte Wachstumsdoktrin sowie die Anpassung an einen gesellschaftlichen Konformismus kritisierte.

Nähere Informationen: Museumsquartier Osnabrück, Lotter Straße 2, 49078 Osnabrück, E-Mail: museum@osnabrueck.de, Telefon: 0541 323-2207 oder 0541 323-2237. Geöffnet ist das Museum Dienstag bis Freitag: 11 bis18 Uhr, Samstag und Sonntag:10 bis 18 Uhr.

Feuer und Flamme – eine Ausstellung von „weben+“

Eine Ausstellung im Tuchmacher Museum Bramsche zeigt das Handwerk des Webens.

Die Farben des Feuers sind Inspiration für diese Ausstellung und Symbol zugleich: Sie stehen für die Begeisterung, das Entbranntsein für das Handwerk Weben. Die Wanderausstellung zum 20-jährigen Bestehen des Vereins „weben+“, die noch bis zum 7. September im Tuchmacher Museum Bramsche zu sehen ist, macht deutlich, dass Handweben nicht nur eine Technik zum Herstellen von Geweben ist, sondern immer auch Ausdruck kreativer Arbeit.

Bekleidung, Heimtextilien, Meterware und künstlerische Arbeiten: Die Exponate aus allen Bereichen der Handweberei zeigen den Entwicklungsprozess der Arbeit, den Weg von der ersten Idee über Skizzen, Farbzusammenstellung, Garnauswahl, Bindungen, Webtechnik und Nachbehandlung bis zum fertigen Gewebe. Die ungewöhnliche Ausstellung gibt tiefe Einblicke in den spannenden Schaffensprozess der Weber:innen und ihre Begeisterung für die Handweberei.

Lange bevor das Handweben 2023 von der Deutschen UNESCO-Kommission in die Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde, gründete sich im Jahr 2000 der Verein „weben+“ mit dem Ziel, die textile Kultur des Handwebens zu erhalten, zu fördern und weiterzuentwickeln. Seitdem werden die handwerklichen Fertigkeiten und das Wissen um sie nicht nur durch Ausstellungen, sondern auch in Fortbildungen, Fachgruppen und zahlreichen anderen Aktivitäten weitergegeben.

Heute gehören dem Verein 400 Mitglieder an. 32 Handweberinnen und Handweber von ihnen haben ihre Arbeiten zur Ausstellung beigesteuert und den Entstehungsprozess in einer Begleitbroschüre dokumentiert, die im Museum erhältlich ist.

Nähere Informationen: Tuchmacher Museum Bramsche, Mühlenort 6, 49565 BramscheTelefon: 05461 94510, E-Mail: info@tuchmachermuseum.de

„Behind Beauty“ – Hinter den Kulissen der Schönheitsindustrie

Ausstellung im LWL-Museum Textilwerk in Bocholt

Mode und Accessoires, Kosmetik und Düfte aber auch Chirurgie, Sport und Ernährung – all das und noch viel mehr ist Teil der Schönheitsindustrie, die weltweit für mehr 500 Milliarden US-Dollar Umsatz im Einzelhandel sorgt. Doch wo kommen die Trends her? Wer bestimmt, was „Schönheit“ ist und wie Mann oder Frau sie erreichen können?

Mit vielen interaktiven Ausstellungseinheiten präsentiert das LWL-Museum Textilwerk in Bocholt noch bis zum 1. November 2026 auf über 600 Quadratmetern auch die Rolle der Werbung und der Medien sowie den Einfluss von Social Media.

Das Spektrum der rund 800 Exponate reicht von Kleidern und formender Wäsche über Lockenwickler, Rasierer, Lippenstifte und Utensilien aus dem Fitnessstudio bis hin zu denen der Schönheitschirurgie wie Spritzen und Brustimplantate. Höhepunkte sind unter anderem Kleid und Krone der ersten und einzigen deutschen Miss Universe Marlene Schmidt (1961) sowie ein Yves Saint Laurent-Kostüm von Marlene Dietrich aus den 1970-er Jahren.

Videointerviews mit Protagonisten und Protagonistinnen der Branche, darunter ein Schönheitschirurg, die Chefin einer Kosmetikfirma, die Betreiberin einer Model-Agentur und ein Curve-Model, geben Einblicke in verschiedene Geschäftsfelder. Viele Mitmach-Stationen, Spiegel, ein Laufsteg und eine Selfie-Station laden dazu ein, sich mit der eigenen Einstellung zum Thema Schönheit zu beschäftigen.

Öffentliche Führung durch die Sonderausstellung finden jeden Sonntag um 15 Uhr statt. Am Donnerstag, 18. September, und am Donnerstag, 30. Oktober, jeweils in der Zeit von 18 – 20 Uhr, wird eine Kuratorführung mit einem Glas Sekt für 10 Euro inklusive Eintritt angeboten. Für eine Gruppenführung „Behind Beauty“ von zirka 60 Minuten werden 45 Euro zuzüglich Eintritt berechnet.

Nähere Informationen: LWL-Museum Textilwerk, Weberei: Uhlandstraße 50, 46397 Bocholt, Spinnerei (auch Postadresse): Industriestraße 5, 46395 Bocholt, Telefon 02871 21611-210, Fax 02871 21611-266, E-Mail textilwerk@lwl.org

„Color everywhere“ im Josef Albers-Museum

Für Frühjahr und Sommer 2025 hat sich das Josef Albers Museum die Farbe in den Ausstellungsraum geholt. Mit „Color Everywhere“ zeigt das Museum noch bis zum 31. August im Erweiterungsbau vier künstlerische Positionen, die sich auf unterschiedliche Weise mit Farbe, Material und Raum auseinandersetzen. Über die Werke von vier Künstlern – Polly Apfelbaum (*1955), Karla Black (*1972), Carlos Cruz-Diez (1923–2019), Christof John (*1984) – wird Farbe nicht nur räumlich, sondern auch körperlich erfahrbar sein. Bewegung und Farbwahrnehmung sind elementare Teile der Arbeiten von Cruz-Diez, während John durch geometrische Farb-Form-Kompositionen das Auge verwirrt. Zugleich hat Farbe unterschiedliche Auftritte wie in den pastellfarbenen Skulpturen von Black oder farbenfrohen Bodenarbeiten von Apfelbaum.

Nähere Informationen: Museumszentrum Quadrat, Anni-Albers-Platz 1, 46236 Bottrop, Telefon: 02041 372030, Fax: 02041 3720344, E-Mail-Adresse: quadrat@bottrop.de

Rembrandt in der Twenthe

Ab dem 6. September sind im Rijksmuseum Twenthe zwei außergewöhnliche Porträts von Rembrandt van Rijn zu sehen: kleine, intime Werke, die den Charakter und die Handwerkskunst des größten Künstlers der Niederlande zum Ausdruck bringen.

Die Gemälde wurden von dem Twenter Unternehmer und Kunstsammler Henry Holterman erworben, der sie als Dauerleihgabe an das Rijksmuseum in Amsterdam übergab. Dank der großzügigen Zusammenarbeit der Familie Holterman mit dem Rijksmuseums können die Werke nun sechs Monate lang in Enschede bewundert werden.

Jan und Jaapgen – klein, aber fein

Die Gemälde zeigen Jan Willemsz van der Pluym und Jaapgen Caerlsdr., ein Ehepaar aus Leiden, das über ihren Sohn mit Rembrandt verwandt war. Die nur 20 Zentimeter hohen Porträts entstanden wohl als persönliche Geste, als Gefälligkeit des Meisters. Lange Zeit blieben sie in Privatsammlungen unter dem Radar, bis sie 2023 bei Christie’s als „das letzte Rembrandt-Paar in Privatbesitz“ versteigert wurden. Dank der Familie Holterman sind sie nun für die Öffentlichkeit zugänglich.

Freier Eintritt für alle Kinder und Jugendliche

Die Porträts sind die einzigen Werke Rembrandts, die im östlichen Teil der Niederlande zu sehen sind. Für viele ist dies der Moment, um das Werk dieses Meisters zum ersten Mal im wirklichen Leben zu sehen, aus nächster Nähe und vor Ort. Dank der Unterstützung der Familie Holterman wurde ein umfangreiches Bildungsprogramm mit kostenlosem Bustransport für Studenten aus allen vierzehn Gemeinden von Twente entwickelt. Aber auch außerhalb der Schulzeit können Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre Rembrandts Werke sehen. Sie haben immer freien Eintritt in das Rijksmuseum Twenthe.

Nähere Informationen: Rijksmuseum Twenthe, Lasondersingel 129-131, 7514 BP, Enschede, Telefon +31 53201 2000, Internet www.rijksmuseumtwenthe.nl. Geöffnet ist das Museum dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr.

Ein anderer west-östlicher Diwan oder vielmehr ein west-östliches Bett

Zu Joseph Roths Roman „Die Geschichte von der 1002. Nacht“

Weltbekannt sind die „Geschichten aus tausendundeiner Nacht“. Was zunächst nach orientalischen Märchen und Geschichten voller Spannung und exotischem Reiz klingt, hat einen dramatischen und für eine gewisse Frau oder mehrere Frauen lebensbedrohlichen Hintergrund.

Als der König Schahriyar feststellen muss, dass seine Gattin Ehebruch begeht, ist sein Vertrauen in Frauen und ihre Treue nachhaltig zerstört. Er beschließt, nur noch für jeweils eine Nacht zu heiraten, um seine sexuellen Bedürfnisse zu stillen, und am nächsten Tag aus Angst vor Untreue seine junge Gattin zu ermorden. Scheherazade, die Tochter seines Wesirs, will diesen Kreislauf der Gewalt mit einer List durchbrechen. Nachdem sie mit Schahriyar in der Nacht das Bett geteilt hat, erzählt sie ihm anschließend eine Geschichte, unterbricht diese jedoch bei Morgengrauen an ihrer spannendsten Stelle – heute würde man es Cliffhanger nennen – , wodurch der König – begierig darauf, das Ende zu hören – die Hinrichtung aufschiebt. Da Scheherazade jedoch immer wieder neue Geschichten erzählt beziehungsweise geschickt weitere in eine bereits begonnene einwebt, wiederholt sich der Prozess eintausend weitere Nächte lang. Am Ende rückt der König innerlich ab von seinem Schwur, seine Frau nach der Hochzeitsnacht zu töten, und gewährt ihr Gnade. Scheherazade durchbricht so erfolgreich den Kreislauf der Gewalt.

Bei den „Geschichten aus tausendundeiner Nacht“ handelt es sich um eine Sammlung von mehr als 550 Geschichten aus dem arabischen, persischen und indischen Kulturraum und gilt als Klassiker der Weltliteratur. Die Erzählungen aus tausendundeiner Nacht umfassen verschiedene Genres, darunter Liebesgeschichten, Abenteuergeschichten und Anekdoten bis hin zu Schilderungen mit offenem erotischen Charakter.

Der Ursprung der Geschichten wird um 250 vermutet: und über die Jahrhunderte sind viele dazugekommen. Das ursprüngliche Werk ist nicht erhalten. Als älteste (nur teilweise erhaltene) Handschrift gilt die Gallandt-Handschrift. aus dem 15. Jahrhundert. Zahlreiche der Erzählungen finden sich auch in anderen Erzähl- und Märchensammlungen der klassischen arabischen und persischen Literatur.

Jahrhunderte nach dem König Schahriyar gibt es immer noch mächtige bis allmächtige orientalische Herrscher, die es im Übermaß nach Frauen gelüstet und dabei keinen Widerstand gelten lassen wollen, nicht einmal den der Frau. Doch manches Gelüst der beschriebenen Art kann erhebliche Schwierigkeiten nach sich ziehen – insbesondere wenn der Weg solch eines Herrschers vom Morgenland in Richtung Abendland führt.

Aber zunächst von Anfang an: „Im Frühling des Jahres 18.. begann der Schah-in-Schah, der heilige, erhabene und große Monarch, der unumschränkte Herrscher und Kaiser aller Staaten von Persien, ein Unbehagen zu fühlen, wie er es noch niemals gekannt hatte.“ – mit diesem Satz beginnt der Roman „Die Geschichte von der 1002. Nacht“ von Joseph Roth, in dem er von großem Witz beseelt ein weiteres Mal die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der österreichisch-ungarischen Monarchie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschreibt – und das anhand einer Geschichte, die so schräg und skurril ist, dass sie den Leser zunächst staunen macht und am Glauben an dessen Wahrheit zweifeln lässt.

Was passiert? Wegen seines Unbehagens konsultiert der Schah seinen Obereunuchen Patominos, der ihm als Berater zur Seite steht und der auch einen Rat hat: „Herr, Eure Sehnsucht zielt nach exotischen Ländern, nach den Ländern Europas, zum Beispiel.“ Aber der Schah hat noch ein weiteres Problem: „Patominos“, sagte der Schah, „du weißt, daß ich schon wochenlang keine Frau mehr angerührt habe.“ Was soll ein Eunuch dazu sagen? In seiner Weisheit spricht Patominos: „… man muß sagen, daß Menschen meiner besonderen Art nicht viel von derlei Dingen verstehen.“ Was er hingegen versteht in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse ist, dass „die Männer dem Gesetz der Abwechslung unterworfen sind. Es ist ein trügerisches Gesetz; denn es gibt keine Abwechslung.“ Das gilt insbesondere für die Mächtigen; und der Schah scheint verstanden zu haben: „Wolltest du damit gesagt haben, daß ich dieser Abwechslung halber irgendwohin fahren sollte?“ Der kluge Patominos antwortet: „Ja Herr …, um sich zu überzeugen, daß es keine gibt.“ Und Patominos hat auch schon eine Idee. Er rät zu einer Reise nach Wien. Diese Passage wie auch die folgende deutet schon den großen Humor Roths an: „Der Herrscher erinnerte sich: „Mohammedaner waren dort schon vor vielen Jahren gewesen.“ „Herr es gelang ihnen damals leider nicht, in die Stadt zu kommen. Auf dem Stefansdom stünde sonst heute nicht das Kreuz, sondern unser Halbmond!“ „Alte Zeiten, alte Geschichten. Wir leben in Frieden mit dem Kaiser von Österreich.“ „Jawohl, Herr!“ „Wir fahren!“ befahl der Schah … Und es geschah, wie er befohlen hatte.“

Von Persien nach Wien

Dass ein Staatsbesuch so einiges an Aufwand mit sich bringt, ist klar. So reist der Schah mit seinem aus 365 Frauen bestehenden Harem an, und was er sonst noch mitbringt an Gefolge, Kleidung und vielem mehr, birgt auch logistische Anforderungen. Bei diesen Dingen gibt es nur ein kurzfristiges Problem mit dem Gepäck.

Große Probleme hingegen bringen die sexuellen Bedürfnisse des Schahs mit sich. Auf einem Ball zu seinen Ehren im Redoutensaal, Schauplatz für Bankette und Konzerte an der Wiener Hofburg, gegeben, begehrt er die Gräfin Helene W. Die Gräfin, mit dem Grafen W., einem „Sektionschef im Finanzministerium“, verehelicht, liebte einst den jungen Rittmeister Alois Franz Baron von Taittinger. Ebendieser Baron von Taittinger wird, wie es der Zufall will, während des Staatsbesuchs des Schahs „zur besonderen Verwendung abkommandiert“, weil er ein besonderes Talent für den Umgang mit Frauen hat. Da die Gräfin dem Schah für eine Liebesnacht – wegen unterschiedlicher Auffassungen über Frauen im Morgen- und im Abendland – unmöglich zugeführt werden kann und den unbeholfenen Wiener Gastgebern das Problem schier unlösbar erscheint, tritt Taittinger in Aktion. Er meint, die Gräfin W. gleiche seiner Freundin Mizzi Schinagl wie eine Zwillingsschwester. Mizzi, Tochter des Ofensetzers Alois Schinagl aus Sievering, einem Stadtteil Wiens, „arbeitet“ bei Frau Josephine Matzner im Bordell. Die Prostituierte hatte dem Baron einen Sohn geboren und ihn Alois Franz Alexander genannt. Taittinger zahlt keine Alimente, sondern hat Mizzi ein Geschäft einrichten lassen. Nebenbei ist Mizzi weiterhin im Bordell „tätig“.

Mit Kleidung und Accessoires aus dem Fundus des Wiener Burgtheaters ausgestattet, wird Mizzi als Adlige ausstaffiert, und der Schah wird zu der vorgeblichen „Gräfin“ ins Bordell lanciert. Der Herrscher ist mit der Mizzi im Bett so zufrieden, dass er ihr am nächsten Morgen eine Kette aus drei Reihen schwerer großer Perlen im Wert von ungefähr 50.000 Gulden zum Geschenk machen lässt.

So weit so gut, wäre da nicht die Situation, dass sich herumspricht, was sich an jenem Abend und in der folgenden Nacht ereignet hat. Das hat Folgen für manche Beteiligte. Joseph Roth gelingt ein weiteres Mal eine analytisch genaue Beschreibung der Gesellschaft der österreichisch-ungarischen Monarchie von den niederen bis zu den höheren Ständen.

Auf der einen Seite steht der Baron Taittinger, Paradebeispiel für den Niedergang dieser einstmals großen Nation. Von wenig Ehrgeiz beseelt, versieht er seinen Militärdienst mit möglichst wenig Aufwand – er verantwortet das Kasino, in dem sich die Offiziere zu Speis und Trank treffen – und besticht durch eine schier unglaubliche Mischung aus Arroganz, Gleichgültigkeit, Dummheit und charakterlicher Schwäche. Seine Beteiligung an der Affäre mit dem Schah und der vermeintlichen Gräfin W. bringt ihn allmählich um seine gesellschaftliche Stellung. Richtig schlimm wird es für ihn, als der schmierige Redakteur Bernhard Lazik die Geschichte Mizzis und somit auch Taittingers peinliche Affäre unter dem Titel „Die Perlen von Teheran“ veröffentlicht. Und Taittinger gibt diesem Lazik, der ihn in den Abgrund stürzen wird, aus Unwissenheit – er liest weder Zeitung, noch kann er komplexe Zusammenhänge verstehen und brenzlige Situationen einschätzen – auch noch das Geld für die Veröffentlichung. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt dabei ein intriganter Vertreter der geheimen Polizei, der über die ganze Geschichte genau Bescheid weiß.

Auf der anderen Seite steht seine ehemalige und später neue Geliebte Mizzi, der ein Auf und Ab ihres Lebens widerfährt. Mit den geschenkten Perlen des Schahs ist Mizzi auf einmal eine reiche Frau, spielt Madame und lebt auf großem Fuße. Doch klug ist sie nicht. Ein gewisser Franz Lissauer erschleicht sich Mizzis Vertrauen und eröffnet in ihrer von dem Baron eingerichteten Pfaidlerei, einem Geschäft, in dem Hemden, Bett- und Kurzwaren verkauft werden, einen schwunghaften „Handel“ mit gefälschter Brüsseler Spitze. Als Lissauers Betrug auffliegt, hat auch die geizige Frau Matzner, Inhaberin des Bordells, in dem Mizzi arbeitet, deren Geld teilweise in der Pfaidlerei steckt, herben finanziellen Verlust zu beklagen. Sie strengt einen Prozess gegen Lissauer an. Der Betrüger wird verurteilt, aber auch Mizzi bekommt als Mitwisserin sechzehn Monate Gefängnis. Die erträgt sie geduldig. Von dort schreibt sie den Baron Taittinger an, den sie immer noch liebt und der erkennt, welche Mitschuld er an ihrem Schicksal hat.

Auch hier versagen seine Instinkte, was den Umgang mit den niederen Schichten betrifft, mit denen man sich angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse in einer autokratischen Aristokratie nicht einlassen sollte. Er besucht sie trotzdem, von einer Mischung aus Schuld, schlechtem Gewissen und Liebe getrieben, was seine Lage nicht verbessert. Das bleibt nicht unverborgen. Aus der Armee wegen angeblicher nervlicher Zerrüttung entlassen, treibt er sich jetzt in den Kreisen der Mizzi auf, die am Prater beheimatet sind und dort ihren Geschäften wie einem Karussell oder anderem nachgehen. Der Abgrund für Taittinger, aus der gehobenen Gesellschaft gestoßen und bei der niederen Gesellschaft nie angekommen und dort auch verhasst, rückt immer näher. Mizzi hingegen, die kurz noch von einer neuen gehobenen Stellung als Frau Baronin träumt, rappelt sich auf und verdient ihr Geld mit einem von Taittinger mitfinanzierten Wachsfigurenkabinett. Sie überlebt die Affäre.

Wie Dieter Kliche schreibt, hat die Begegnung Taittingers mit Mizzi einen an „Arthur Schnitzler gemahnenden „Reigen“ von Betrug, Gleichgültigkeit, Liebe und Geld ausgelöst, in den alle im Roman agierenden Figuren auf diese oder jene Weise verstrickt sind. Es ist eine Parodie auf das „felix austria“ und die „belle èpoque“ des Wiens der Jahrhundertwende. Und es ist mehr als diese Parodie: wieder im Niedergang einer Persönlichkeit der schlimme Weg einer Erkenntnis. Die Affäre hängt Taittinger an und verunsichert ihn … Sein bislang ausreichendes Wertungssystem „charmant“, „langweilig“ und „fad“ genügt nicht mehr, und eine neuartige, vorher nicht gekannte, ihn verwirrende Gefühlsmischung von Mitleid, Kummer, Bangnis, Weh, Schmerz, Scham, Sehnsucht, Liebe und Verlorenheit stellt sich ein.“

Klassiker der Moderne – von Van Gogh bis Picasso

Vorschau auf eine Ausstellung im Museum de Fundatie in Zwolle

Um 1900 veränderte sich viel in der Gesellschaft und in der Kunst. Es war die Zeit der Arbeiter- und Frauenbewegungen, der Industrialisierung und Urbanisierung, der wissenschaftlichen Entdeckungen. Damit veränderte sich auch die Kunst.

Die Wirklichkeit erwies sich als eine andere, als man bisher dachte, so dass die Künstler sich mit der Aufgabe zu beschäftigen hatten, wie diese Wirklichkeit sich in der Malerei darstellen lässt. Maler experimentierten mit Farbe, Form, Bewegung. Sie repräsentierten eine Stimmung oder eine innere Vision. Alltägliche Themen treten an die Stelle mythischer oder biblischer Geschichten.

Eine Auswahl aus der Sammlung Fundatie, die unter dem Titel „Klassiker der Moderne – von Van Gogh bis Picasso“ vom 6. September bis zum 1. Februar im Museum de Fundatie in Zwolle zu sehen ist, zeigt, wie die Moderne in den Niederlanden blühte und welchen Einfluss sie auf spätere Generationen von Herstellern hatte.

Vincent van Gogh, der 1886 nach Paris ging, hatte einen großen Einfluss auf die nachfolgenden Maler. Sein intensiver Umgang mit Farbe und sein lockerer Pinselstrich inspirierten auch Isaac Israëls, der 1903 in die französische Hauptstadt reiste und unter anderem das Nachtleben malte; und die nächste Generation von Malern wie Leo Gestel, Jacoba van Heemskerck und Jan Sluijters ging noch einen Schritt weiter – für sie spielte die Farbe eine große Rolle. Picasso und Telting experimentieren dagegen in ihren Werken aus den 1940-er und 1980-er Jahren vor allem mit der Form. Das Experiment der Moderne scheint halt lange nach.

Nähere Informationen: Museum de Fundatie, Blijmarkt 20, 8011 NE Zwolle, Telefon 0031 572388188, E-Mail info@museumdefundatie.nl und Internet www.museumdefundatie.nl. Geöffnet ist es dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.

Chourouk Hriech – Im 17. Himmel

Ausstellung im Museum de Fundatie in Zwolle

„In the 17th Heaven“ ist eine neue Kunstinstallation der Künstlerin Chourouk Hriech. Das Museum de Fundatie in Zwolle hat sie eingeladen, ein Kunstwerk zu schaffen, das zur Ausstellung „At Home with Ter Borch“ (siehe Artikel auf dieser Seite) passt. Diese Aufgabe ist Teil des Programms „Kunst im Vide“. Zu sehen ist es vom 6. September bis zum 16. August 2026 in der Vide und im Auditorium des Museum de Fundatie in Zwolle.

Auf den ersten Blick scheint es wenig Verbindung zwischen Hriech und der Familie Ter Borch zu geben. Sie lebten in einer anderen Zeit, kommen aus verschiedenen Ländern und machen sehr unterschiedliche Arbeiten. Eines haben sie aber vor allem gemeinsam: Sie zeichnen. Die Art und Weise, wie die Häuser auf den Gemälden der Familie Ter Borch dargestellt sind, und die alten Gebäude in Zwolle inspirieren Hriech.

In den Gemälden sieht sie viele schöne Details: kunstvolle Formen, Teppiche, Seidenkleidung, Musikinstrumente, Marmor, Fliesen und Tische. Diese Dinge zeigen viel über den niederländischen Handel, die Macht, den Reichtum und die Traditionen aus.

„Im 17. Himmel“ ist ein Kunstwerk, das aus Zeichnungen an den Wänden des Vide und des Auditoriums sowie aus Videos besteht. Hriech bringt Altes und Neues zusammen und verwendet Elemente aus dem heutigen Zwolle und dem Zwolle des 17. Jahrhunderts. In dieser Arbeit geht Hriech der Frage nach, wie Objekte, Landschaften und Gebäude – oft aus anderen Ländern – Teil unserer Kunst und Geschichte geworden sind. Und wie diese Dinge uns helfen, die Welt zu verstehen und uns ein Bild von der Welt zu geben.

Im Zuschauerraum sind zwei Videos zu sehen. Diese wurden in Zusammenarbeit mit Kindern aus den Gruppen 5a und 5b der Parkschool in Zwolle erstellt. Sie erfanden Geschichten, die Hriechs Zeichnungen begleiteten. Das macht die Arbeit noch persönlicher und lebendiger. Hriech nennt dies „die Reise der Vorstellungskraft“.

Wie eine Landschaft ist „In the 17th Heaven“ eine Einladung, Zeichnungen als Ort der Fantasie und Erinnerung zu betrachten. Ein Ort, an dem neue Geschichten entstehen können – gemeinsam und alleine.

Chourouk Hriech (*1977) lebt und arbeitet in Marseille, Frankreich. Sie nutzt Zeichnung, Installation, Performance, Video und Fotografie als Werkzeuge, um Raum und Zeit zu erforschen. Ihre Arbeiten – auf Papier, Wänden und umgebenden Objekten – laden zum Nachdenken über antike und zeitgenössische Architekturen, reale und imaginäre Figuren, Tiere, Pflanzen und Chimären ein. In der Verschränkung von urbanen und alltäglichen Motiven folgt ihre Kunst mit Gelassenheit dem chaotischen Lauf der Welt und verkörpert den Wunsch nach Widerstand und Utopie. Im Kern ist ihre Arbeit eine Ode an das Leben und das Lebendige.

Hriechs Arbeiten wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, darunter zuletzt auf der 17. Biennale von Lyon, Frankreich (2024), dem Museum of Tomorrow, Rio de Janeiro, Brasilien (2023), dem Drawing Lab, Paris, Frankreich (2022) und der Art Factory, Daegu, Südkorea (2022).

Nähere Informationen: Museum de Fundatie, Blijmarkt 20, 8011 NE Zwolle, Telefon 0031 572388188, E-Mail info@museumdefundatie.nl und Internet www.museumdefundatie.nl. Geöffnet ist es dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.

Zum Roman „Die Beichte eines Mörders“ von Joseph Roth

Semjon Semjonowitsch Golubtschik: ein politischer Prototyp

Das große erzählerische Talent von Joseph Roth, das den an der europäischen Historie des 19. und 20. Jahrhunderts interessierten Leser sofort mitnimmt, hatte ich ja schon gelobt. Da kann es dann auch nicht ausbleiben, das von mir noch weitere Werke dieses Autors in die Hand genommen wurden.

An dieser Stelle soll es um die „Beichte eines Mörders – erzählt in einer Nacht“ gehen, zuerst 1936 beim Verlag Allert de Lange in Amsterdam erschienen, der sich vor dem Hintergrund der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der damit verbundenen Flucht und Vertreibung vieler Schriftsteller auf deutsche Exilliteratur spezialisiert hatte.

Schon drei Jahre befindet sich der Autor im Exil, aber entgegen den Schwierigkeiten manch anderer Autoren, die das gleiche Schicksal wie Joseph Roth erlitten haben, bleibt dieser produktiv und findet auch Möglichkeiten zur Veröffentlichung.

Diese Zeit des Exils ist auch die, in der die Handlung des Romans „Beichte eines Mörders“ spielt. Der Ich-Erzähler, selber Exilant, ist wie der Autor in einem Hotel in Paris untergekommen. Viel Zeit verbringt er dort in dem russischen Restaurant „Tari Bari“, dass durch eine besondere Eigenart besticht oder diesen Eindruck zu erwecken weiß: Dort scheint die Zeit wie aufgehoben zu sein: „Eine blecherne Uhr hing an der Wand. Manchmal stand sie, manchmal ging sie falsch; sie schien die Zeit verhöhnen zu wollen“, schreibt Roth.

Einer der Gäste, zumeist russische Exilanten, die vor den kommunistischen Herrschern geflohen sind, fällt dem Ich-Erzähler besonders auf, denn er hat den Eindruck, „daß (dies)er in jeder Stunde des Tages im Restaurant „Tari-Bari“ anzutreffen sei.“

Wichtiger aber ist, welch widersprüchlichen Eindruck dieser Gast hinterlässt, der im Roman später eine große, wenn nicht sogar die größte Rolle spielen wird: „… das sonst ehrliche und sympathische Angesicht des Mannes bekam, wenn er lächelte, nicht gerade einen widerwärtigen, wohl aber einen gleichsam verdächtigen Zug. Sein Lächeln war war nicht etwas Helles, es erhellte also nicht das Gesicht, sondern es war trotz aller Freundlichkeit düster, ja, wie ein Schatten huschte es über das Angesicht …“

Noch viel wichtiger als die Auffälligkeit und der äußere Eindruck des Gastes, den er beim Ich-Erzähler erweckt, ist aber die Geschichte, die dieser zu erzählen hat, und die sofort an bürgerliche Dramen des 18. und 19. Jahrhunderts erinnert, in denen der Konflikt zwischen der noch herrschenden Aristokratie und dem aufstrebenden Bürgertum gespiegelt wird; und das hat mit der Zeit zu tun, in der die Vorgeschichte des Romans spielt, Jahre vor dem Ersten Weltkrieg im zaristischen Russland.

Golubtschik, so heißt dieser seltsame Gast, hat durchaus eine spannende Geschichte zu erzählen, die den Leser in Atem hält. Er ist ein unehelicher Sohn des Fürsten Krapotkin, aber ehelich der Sohn des einfachen Försters Golubtschik. Die Mutter war mit dem Fürsten fremdgegangen. Als Gymnasiast fordert der Junge in Odessa von seinem Vater, er wolle Krapotkin heißen und auch als solcher von diesem anerkannt werden. Der Fürst lacht ihn aus und speist ihn mit einem Geschenk ab. Golubtschik entfernt sich wie ein begossener Pudel. Zuvor macht er auf dem fürstlichen Schloss noch die Bekanntschaft seines Halbbruders, des jungen Fürsten Krapotkin. Dieser tückische Junge wird aber vom alten Fürsten geliebt. Golubtschik will – getrieben von unbändigem Ehrgeiz und unbedingtem Hass – den Halbbruder vernichten, koste es, was es wolle. An seiner Seite hat er den undurchsichtigen, mephistophelischen und aus Ungarn stammenden „Hopfenkommissionär“ Jenö Lakatos, der ihn als vermeintlicher Freund in seinem Anliegen zu unterstützen scheint, doch in Wirklichkeit sich als Verräter erweist. Durch dessen Intrige gerät er bei der Polizei in Verdacht, ein Dieb zu sein; und wie ein böser Geist, den man nicht los wird, taucht dieser immer wieder im Leben Golubtschicks auf.

Eingeschüchtert lässt sich Golubtschik im Gefängnis als Spitzel anwerben und wird Agent bei der Ochrana, der politischen Geheimpolizei des zaristischen Russland. Eine der ersten Aufgaben: sich das Vertrauen oppositioneller oder revolutionärer Kräfte zu erschleichen, um sie zu Aussagen zu verleiten, die diese ins Gefängnis bringen. Aus dieser Tätigkeit als Spion, gepaart mit dessen unbedingten Willen und Ehrgeiz, in die Fußstapfen eines Fürstensohnes zu treten, entwickelt Autor Joseph Roth eine Geschichte, die an die großen Romanciers des 19. Jahrhunderts wie Victor Hugo, Emile Zola oder Guy de Maupassant erinnert. Das gilt auch für den Protagonisten, der allmählich in einen moralischen Zwiespalt gerät. Einerseits genießt er die Macht, die er durch seine Tätigkeit verliehen bekommt – samt Geld, schönen Frauen und einem nur nach außen scheinendem gesellschaftlichen Status als vermeintlicher Fürstensohn -, andererseits weiß er um die Schlechtigkeit seines Tuns, hadert damit, lässt aber davon nicht ab. Und letztendlich erweist er sich nur als eine Figur, die in einem intriganten Spiel von unbekannten Fäden gezogen wird und bei dem irgendwann keiner mehr weiß, wer auf welcher Seite steht. Was übrigens die von Golubtschick eingestandenen Morde angeht, darf der Leser gespannt sein – aber auch, was dessen tragisches und zum Schluss armseliges Schicksal angeht.

Gedrungen von verborgenen Kräften, von Hass und Neid ebenso beseelt wie von unbändigem Ehrgeiz sowie moralisch schwach ohne inneren Kompass wird Golubtschick zum Prototypen für das beginnende 20. Jahrhundert und dessen politischer Akteure aus den unteren Reihen, die sich ebenso wie ihre Führer zum Täter machen – sowohl für das bolschewistische Russland als auch für das nationalsozialistische Deutschland. Einmal mehr erweist sich Joseph Roth als hellsichtiger Autor, der die politischen Entwicklungen seiner Zeit erkennt und auf den Punkt genau zu beschreiben weiß.

Über einen weiteren von Joseph Roth im Exil geschriebenen Roman: „Tarabas – ein Gast auf dieser Erde“

Österreicher, Jude, Katholik, kaisertreuer Legitimist, Offizier, Journalist, Dichter, Revolutionär, Sozialist, Konservativer – diese Zuschreibungen von Dieter Kliche in einem Essay treffen auf einen der interessantesten österreichischen Schriftsteller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu: Joseph Roth (*1894 +1939).

Nachdem ich schon in einem vorherigen Artikel über diesen Journalisten und Romanschriftsteller und insbesondere seinen Roman „Die Kapuzinergruft“ geschrieben hatte, ließ mich das Interesse einfach nicht los; und so nahm ich mir gleich einen weiteren Roman Roths vor: Tarabas – ein Gast auf dieser Erde“.

Mit seiner schnörkellosen Sprache und seinem großen erzählerischen Talent gelingt es Joseph Roth wie schon in seinen anderen Romanen, den Leser im Nu in den Bann zu ziehen und ihn insbesondere für seine Hauptfigur, den Gutsbesitzersohn Nikolaus Tarabas, einzunehmen; und das nicht gerade, weil der von sympathischem Charakter ist, sondern vielmehr weil er eine höchst interessante und zwiespältige Persönlichkeit ist, dessen Leben und Handeln von den geschichtlichen und politischen Entwicklungen seiner Zeit geprägt ist – wie das vieler Menschen, die in der Zeit rund um den Ersten Weltkrieg gelebt haben.

Wer ist dieser Nikolaus Tarabas, der aus dem galizischen Dorf Koryla in Russland stammt und die Technische Hochschule in St. Petersburg besucht? Ohne, das Roth es genauer ausformuliert, erkennt Tarabas oder wird durch andere Mitstudenten auf die gesellschaftlichen Verhältnisse im Zarenreich aufmerksam gemacht, das von einer kleinen aristokratischen und korrupten Kaste beherrscht wird, die ihren Reichtum allein der schweren und äußerst mühseligen Arbeit ihrer Leibeigenen verdanken. Der Unterschied zwischen arm und reich ist exorbitant; und beeinflusst von revolutionärem Gedankengut aus dem Westen Europas, dessen Bandbreite sich von sozialdemokratischen, sozialistischen, sozialutopischen, kommunistischen bis hin zu anarchistischen Ideen erstreckt, bestimmt die Frage nach sozialer Gerechtigkeit und nach der Gleichberechtigung aller die Diskussion in zunächst kleinen politischen Zirkeln, die sich an den Universitäten entwickeln, aber auch in intellektuellen Kreisen. Berühmte Beispiele dafür sind der Schriftsteller Fjodor Dostojewski und der Philosoph und Revolutionär Wladimir Lenin.

Aber zurück zu Nikolaus Tarabas: Er beteiligt sich, beeinflusst von studentischen Kameraden, an einem Anschlag auf einen zaristischen Gouverneur; und das hat Folgen. Vor Gericht wird er zwar freigesprochen, aber von seinem Vater von Haus und Hof verwiesen und mit Geld dazu überredet, nach Amerika auszuwandern. Roth bringt die Situation des Tarabas kurz und knapp auf den Punkt: „Der junge Tarabas verließ die Heimat, unbesonnen, wie er zwei Jahre vorher Revolutionär geworden war. Er folgte der Neugier, dem Ruf der Ferne, sorglos und kräftig und voller Zuversicht auf ein „neues Leben“.

Doch dass will nicht gelingen. Amerika wird nicht seine Heimat. Orientierungs- und haltlos bewegt er sich durch die Steinwüste New Yorks, lässt sich treiben, die Gedanken voller Heimweh. Einziger Halt ist die Liebe zu einem Mädchen, die ebenfalls aus Russland stammt und von der er hofft, dass wenigstens sie ihn verstehe. Von Eifersucht getrieben wird dieses Mädchen Auslöser einer Schlägerei zwischen Tarabas und dem Wirt, bei dem das Mädchen beschäftigt ist. Bevor die Polizei kommt, tritt Tarabas die Flucht an – mit der Befürchtung im Kopf, dass er den Wirt womöglich erschlagen hat. Der erste Teil einer Weissagung einer Zigeunerin auf einem Jahrmarkt, dass er ein Mörder, aber auch ein Heiliger sei, scheint sich zu bewahrheiten.

Auf der Flucht bekommt er eine Nachricht mit, die seinem Leben eine neue Wende gibt: Eine Zeitung vermeldet den Beginn des Krieges zwischen Österreich und Russland, der schließlich Auslöser des Ersten Weltkrieges wird. Der ursprüngliche Gedanke, sich dem ersten Polizisten auszuliefern, den er antrifft, ist sofort vergessen. Tarabas wendet sich an die russische Botschaft, um sich als Soldat registrieren zu lassen. Ein Schiff bringt ihn in die alte Heimat: „Gebräunt, gekräftigt, neugierig auf die Heimat und begierig auf den Krieg, verließ Tarabas eines Morgens im Hafen von Riga das Schiff.“

Glückliche Umstände begleiten seine Rückkehr. Von dem früheren Prozess wegen des Anschlages auf den Gouverneur ist Dank der Beziehungen und dem Geld seines Vaters keine Rede mehr, die Gnade des Zaren und eine Ernennung zum Leutnant sind erteilt.

Tarabas ist sofort von seiner neuen Mission mehr als beseelt: „Seiner Meinung nach war er es, der dem Zaren die Gnade erwies, im dreiundneunzigsten Infanterieregiment als Leutnant zu dienen. Es wäre ein schwerer Schaden der russischen Armee widerfahren, wenn man Tarabas degradiert hätte“, schreibt Roth über die Gedankengänge seinen Helden, dessen vermessenes Selbstbild keine Grenzen mehr zu kennen scheint.

In seiner neuen Rolle als Krieger für das Vaterland angekommen, lässt er diese seine Mitmenschen spüren. Im Zug auf dem Weg zu seiner Familie nennt er sich einen „Kurier des Zaren“ und beansprucht ein Coupé allen für sich. Der Krieg macht ihn zum entfesselten Menschen, der keine Grenzen mehr zu kennen scheint. Den Respekt und die Liebe seiner Familie fordert er bei seiner Heimkehr – kurz bevor es für ihn an die Front geht – mit seiner neuen Autorität ein, spürt aber, dass er beides nicht bekommt; und als er seine Cousine verführt, schmeißt ihn sein Vater ein weiteres Mal aus dem Haus.

Im Krieg wird Tarabas als außerordentlicher Frontoffizier wegen seines unerbittlichen Kampfeswillens und seines todesverachtenden Mutes zum Hauptmann befördert. Er führt die Untergebenen mit eiserner Faust, lässt töten und tötet. Was als soldatische Tugend des Tarabas von seinen Vorgesetzten geschätzt wird, ist, so wie es Roth schreibt, in Wirklichkeit dessen Todessehnsucht, wie sie in vielen Ländern Europas um sich gegriffen hat. Die alte Welt taumelt ihrem Untergang entgegen; und die neue Welt, zumindest in Russland, kündigt sich in der Revolution an, die die zaristische Herrschaft mit Gewalt beendet. Die damit verbundenen Konsequenzen und politischen Schlussfolgerungen blendet Tarabas aus. Er macht weiter wie bisher und hält die Reste seiner Kompanie zusammen – auch mit Stock und Fäusten.

Doch dann tritt ein wildfremder rothaariger Soldat, ein Jude, auf. Ohne genau zu wissen, woran es liegt, spürt oder meint Tarabas zu spüren, dass von diesem eine zunächst unsichtbare Gefahr für ihn ausgeht. Eines Tages tritt der bei Tarabas vor und behauptet, die Revolutionhabe gesiegtund der BürgerTarabas könne nach Hause gehen. Der Hauptmann aber lässt sich nicht entmachten – schon gar nicht von einem Juden, den er für einen sicheren Unheilsbringerhält. Tarabas dringt zu den neuen Machthabern vor, tritt resolut auf und wird tatsächlich als Oberst eingesetzt. Er soll in der Garnison Koropta ein Regimentaufstellen, nicht weit von seinem Heimatort Koryla entfernt.

Dort geriert er sich als allmächtiger Herrscher, der er aber nur scheinbar ist. Aber das kann er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Tarabas wirkt wie ein Prototyp für grenzenlose Machtanmaßung, dem die Herrschaft über Menschen eine Selbstverständlichkeit ist und der in Zeiten des Krieges und damit einhergehenden politischen Veränderungen zu meist kurzfristiger Größe gelangt.

Zu seinem Machtzentrum bestimmt er den Gasthof des von ihm verachteten Juden Kristianpoller, der für ihn und seine Offizier alles an Essen und Trinken bereitzustellen hat, was verfügbar ist. Dort werden Gelage gefeiert; und durch seine unbändige Trunksucht droht Tarabas allmählich, die Kontrolle über seine Garnison und den Ort Koropta zu verlieren. Damit nicht genug, werden ihm auch seine Grenzen aufgezeigt. Die militärische Macht übt der nur nach außen schwach wirkende General Lakubeit aus, ehemals Advokat von Tarabas’ Vater und Vertreter der neuen Herrscher, der über die familiären Angelegenheiten des Tarabas ebenso Bescheid weiß wie über die Geschehnisse in Amerika. Er ordnet an, dass der frischgebackene Oberst ein Regiment aufzustellen und aus in Koropta herumlungernden Männer zu rekrutieren habe. Bei einer Inspektion macht General Lakubeit seinen Oberst Tarabas darauf aufmerksam, dass unzuverlässige Soldaten zu entwaffnen und aus dem Regiment zu entfernen sind – ein Vorbote der späteren stalinistischen Säuberungsaktionen, bei der Millionen tatsächliche oder vermeintliche Feinde der bolschewistischen Herrschaft zu Tode kommen. Tarabas lässt die „Entlassungskandidaten“ betrunken machen.

Dann entgleisen die Ereignisse. Im Gasthof Kristianpollers wird ein Marienbild entdeckt. Dem Wirt wird unterstellt, einen heiligen Ort geschändet zu haben. Betrunkene Bauern und Soldaten beginnen ein Pogrom gegen die jüdische Minderheit. Ohnmächtig steht Tarabas den Ereignissen gegenüber. Auch seine Getreuenkommen bei den Ausschreitungen durch Christenhand um. Um die Juden vor weiteren Übergriffen zu schützen, befiehlt er, dass diese ihre Häuser nicht verlassen dürfen. Da läuft ihm der rothaarige jüdische Bethausdiener Schemarjah über den Weg. In seiner Wut misshandelt ihn der Oberst. Tarabas meint zu Recht, Schemarjah sei der Vater jenes rothaarigen Revolutionärs, der ihn nach Hause schicken wollte.

Tarabas erkennt, nachdem er das Verbrechen an Schemarjah begangen hat – er hat ihm den Bart ausgerissen – dass er ein Unhold ist, ein Mörder sogar. Er will büßen, will seinen ganzen mörderischen Glanz ablegen. Deshalb legt er die Zeichen seiner Macht ab und wird zum bettelnden Landstreicher. Dieses entbehrungsreiche Leben ruiniert die Gesundheit des vormals robusten, kerngesunden Soldaten.

Wie Dieter Kliche in einem Essay über die Exilromane Joseph Roths schreibt, hat „Tarabas, ein Gast auf dieser Erde“ einen deutlichen Bezug auf die politischen Verhältnisse in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Kliche schreibt: „Tarabas“ wie auch der Napoleon-Roman „Die Hundert Tage“, der ein Jahr später erscheint, zeigen die Machtanmaßung und die Usurpation von Herrschaft über Menschen als Hybris.“ Er erkennt aber auch weitere Bezüge: „Bereits der Titel verweist auf das Motiv der Gewalt: der Name Tarabas assoziiert in gleicher Weise den biblischen Mörder Barabas, den – anstelle von Jesus – die Juden bei Pilatus freibitten, wie den gewalttätigen Kosakenführer Taras Bulba in Gogols gleichnamiger Novelle.“ Kliche verweist auch auf den Literaturwissenschaftler Claudio Magris, der mehrere von Roth geschriebene Werke als „Bildungsromane mit religiösem Hintergrund“ bezeichnet.

Ein weiterer Verweis Kliches bezieht sich auf die Zweiteilung des Romans „Tarabas“ in „Die Prüfung“ und „Die Erfüllung“. Sie erinnert ihn „an Dostojewskis „Schuld und Sühne“, vor allem aber an die Struktur mittelalterlicher Heiligenlegenden, in denen die wunderbare Bekehrung eines Sünders zur Buße und schließlich zu seiner Heiligsprechung führt. Die Romanlegende ist dabei von weiteren christlichen Motiven durchsetzt: die verzückte Marienverehrung der Soldaten und Bauern, die Motive von Weissagung und Pilgerschaft, von Martyrium, Demut und Selbstverleugnung. Die christliche Legende liefert ein Gleichnis für individuelle Erlösung innerhalb eines sozialen Chaos, einer aus den Fugen geratenen Welt.“ Darüber hinaus erkennt Kliche im Roman „Tarabas“ einen jüdisch-religiösen Hintergrund, basierend auf der Tradition chassidischer Geschichten.

Kurzum: Roth ist wie mit „Die Kapuzinergruft“ auch bei „Tarabas“ ein Roman gelungen, der plastisch die Ereignisse rund um den Ersten Weltkrieg und dessen fatale Nachwirkungen am Beispiel der von ihm geschilderten zeittypischen Protagonisten zu schildern weiß. Eine absolute Leseempfehlung.