Eine Galerie in der Fabrik

Auf dem Gelände der ehemaligen Textilfabrik B. W. Stroetmann in Emsdetten befindet sich ein interessanter Standort für die Kunst.

Es war im Jahr 1990, als die Stadt Emsdetten auf die Initiative und Idee des damaligen Stadtdirektors Dr. Hanspeter Knirsch einging und ein Umnutzungs-Konzept für das 1922 errichtete und seit 1985 leerstehende Maschinen- und Kesselhaus der ehemaligen Textilfabrik B.W. Stroetmann auf den Weg brachte. Mit dabei waren auch der im Dezember 1991 gegründete Verein Galerie Münsterland, dem die Stadt Emsdetten im März 1993 die Trägerschaft über das Gebäude zusprach, und der Kunstverein Emsdetten.

1992 wurde mit dem Umbau nach den Plänen des Emsdettener Architekten Hermann Josef Farwick begonnen; und bereits ein Jahr später konnten die Arbeiten abgeschlossen werden. Geschaffen wurde ein weiteres Ausstellungsforum für zeitgenössische Bildende Kunst außerhalb der Metropolen.

Schwerpunkte der Arbeit des Vereins Galerie Münsterland sind die Kooperation mit anderen kulturellen Einrichtungen der Region und die Förderung junger, herausragender Künstlerinnen und Künstler. Außergewöhnliche Ausstellungen sowie internationale und interkulturelle Projekte haben immer wieder überregionale Aufmerksamkeit erlangt. Zu nennen in diesem Zusammenhang sind das Projekt „Genesis“, bei dem Künstler aus Zimbabwe zu Gast waren, oder das Projekt „Kimchi und Sauerkraut, bei dem Künstler aus Deutschland und Südkorea in einen kreativen Dialog traten. Bekannt geworden sind auch verschiedene kunstpädagogische Aktivitäten, die die Galerie organisiert hat, wie „Wege übers Blau“ im Rahmen des Städtebau-Projekts „Regionale 2004“.

Unterstützung erhält die Galerie bei ihrer Arbeit auch über die Kunststiftung Nordrhein-Westfalen und die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes.

Geleitet wird die Galerie von Niina Valavuo. Sie hat Kunstgeschichte, Skandinavistik und Komparatistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität in Bonn studiert. Später absolvierte sie an der Fernuniversität Hagen ein Aufbaustudium in Kulturmanagement. Zudem ist sie zertifizierte PR-Referentin. Seit mehr als 20 Jahren ist Niina Valavuo als Kulturmanagerin unterwegs: vor allem im Bereich zeitgenössische bildende Kunst, aber auch für spartenübergreifende Projekte – Literatur, Musik, Tanz, Theater, Film. Sie hat zahlreiche Kulturprojekte entwickelt, kuratiert und durchgeführt: mit den Schwerpunkten Kunst im öffentlichen Raum sowie partizipative und inklusive Kunstprojekte. Die Konzeption und Realisation interdisziplinärer Rahmen- und Sonderveranstaltungen runden ihr Profil ab. Seit Juni 2024 ist Niina Valavuo Mitglied im Kulturrat Münsterland.

Mit dabei: Der Kunstverein Emsdetten

In dem Gebäude ist auch der Kunstverein Emsdetten ansässig. Dreimal im Jahr stellt der Verein neben arrivierten Künstlerinnen und Künstlern auch junge und jüngste Nachwuchstalente aus. Der Emsdettener Kunstverein wurde 1983 auf Anregung ortsansässiger Künstler und Kunstinteressierter gegründet. Das Interesse war so groß, dass sich schon am Abend der Gründung zirka 60 Personen als potentielle Mitglieder eintrugen. Heute hat der Emsdettener Kunstverein rund 110 Mitglieder; und seit der Gründung können die Verantwortlichen auf mehr als 100 Ausstellungen mit namhaften Künstlern wie K.O. Götz, Fred Thieler, Christo & Jeanne-Claude, Ralph Fleck, Helle Jetzig, Daniel Tschannen und Michael Schönholtz zurückblicken.

Zuletzt war die die Ausstellung „OST/WEST“ mit Werken der Berliner Künstlerin Bettina Scholz zu sehen. Sie hat Malerei/Freie Kunst an der Kunsthochschule Berlin Weissensee und am Chelsea College of Art in London studiert und 2012 als Meisterschülerin in der Klasse von Prof. Antje Majewski abgeschlossen. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Kunsthalle Rotterdam, den Deichtorhallen Hamburg, der Kunsthalle Exnergasse in Wien und dem Künstlerhaus Bethanien Berlin gezeigt. 2016 gewann sie (zusammen mit Lola Göller) den Open Call für Ausstellungsprojekte der Kunsthalle Exnergasse in Wien für das Konzept „Antenna Futura“. Sie wurde 2014 für den Hans-Purrmann-Preis nominiert, 2020 für den Preis der Kunsthalle Lingen und 2022 für den Konrad-von-Soest Preis des LWL- Museum für Kunst und Kultur, Münster. Seit November 2021 ist sie Professorin für Malerei an der Alanus Hochschule, Mannheim/Alfter bei Bonn.

Nähe zur Innenstadt

Die Galerie Münsterland liegt gemeinsam mit dem sozio-kulturellen Zentrum „Stroetmanns Fabrik“ und der „Ems-Halle“ (Sport- und Konzerthalle für bis zu 3000 Besucher) auf dem Gelände der ehemaligen Textilfabrik in der Parkanlage Hof Deitmar. Ein „Säulengarten“ sowie großzügig gestaltete Außenanlagen verbinden die Gebäude miteinander. Die Anlage befindet sich in direkter Nachbarschaft zur Innenstadt und bildet auch dadurch ein einzigartiges Veranstaltungszentrum im Münsterland. Die Räume der Galerie Münsterland haben durch zurückhaltende architektonische Eingriffe den unverwechselbaren Charakter der alten Industrieanlage bewahrt.

Geöffnet sind die Räumlichkeiten am Donnerstag und Freitag von 16 bis 19 Uhr, am Samstag von 15 bis 18 Uhr und am Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Bauhauskunst in Bottrop

Dem bedeutenden Bauhauskünstler und gebürtigen Bottroper Josef Albers (*1888 +1976) hat die Stadt im Ruhrpott ein Museum gewidmet, das mehr als einen Besuch lohnt.

Biografisches zu Josef Albers

Der im Jahre 1888 geborene Josef Albers, Maler, Kunsttheoretiker, Kunstpädagoge und eine der führenden Figuren am Bauhaus, wuchs als Sohn des Malermeisters Lorenz Albers und seiner Frau Magdalena im Ruhrpott in Bottrop auf.

Bevor allerdings seine künstlerische Laufbahn begann, ging sein beruflicher Weg von 1902 bis 1905 zunächst zur Präparandenschule Langenhorst, der unteren Stufe der Volksschullehrerausbildung. Danach besuchte er von 1905 bis 1908 das Lehrerseminar in Büren und unterrichtete bis 1913 als Volksschullehrer in Bottrop.

Eine seiner ersten intensiveren Begegnungen mit der Kunst hatte Albers im Jahre 1908, als er zum ersten Mal Werke von Paul Cézanne und Henri Matisse im Folkwang Museum in Hagen sah. Eine weitere künstlerische Prägung erfolgte durch die Begegnung mit dem Werk des niederländischen Künstlers Piet Mondrian. Von ihm inspiriert, malte er 1913 sein erstes abstraktes Bild. Nach dem Studium an der Königlichen Kunstschule in Berlin von 1913 bis 1915 sowie an der Kunstgewerbeschule in Essen von 1916 bis 1919 setzte er von 1919 bis 1920 seine Studien an der Akademie der Bildenden Künste in Berlin und bei dem berühmten Künstler und Kunstprofessor Franz von Stuck an der Kunstakademie in München fort.

Von dort aus wechselte er an das Bauhaus in Weimar. Albers belegte den Vorkurs bei Johannes Itten und besuchte die Glasmalereiwerkstatt. 1923 berief ihn Walter Gropius in das Kollegium des Bauhauses. Hier vertrat er die klassische Bauhausauffassung, nach der die Gesetze jeglicher künstlerischer Tätigkeit gleichermaßen aus der Funktion des Werkstücks wie aus den Gegebenheiten des Materials entwickelt werden müssen. Er erhielt einen Lehrauftrag für den Vorkurs und wurde noch als Geselle Werkmeister in der Glasmalereiwerkstatt. Walter Gropius berief ihn 1925 zum Jungmeister.

Von 1925 bis 1928 leitete er am Bauhaus Dessau gemeinsam mit László Moholy-Nagy den Vorkurs. Nach dessen Weggang 1928 war Albers alleiniger Leiter des Vorkurses und bis 1929 Leiter der Tischlerei-Werkstatt. Am Berliner Bauhaus war Albers von 1932 bis 1933 bis zur Auflösung des Bauhauses Leiter des Vorkurses und Lehrer für Zeichnen und Schrift.
Nach der von der totalitären Nazi-Regierung beschlossenen Schließung des Bauhauses emigrierten Albers und seine Frau, die Bauhaus-Studentin Anneliese Fleischmann, in die Vereinigten Staaten. Hier wurden sie auf Empfehlung des Museum of Modern Art an das Black Mountain College in Ashville, North Carolina, berufen. Albers unterrichtete dort bis 1949 Kunst. Sein Unterricht zog junge Künstler nach Ashville. Zu ihnen zählten beispielsweise so bekannte Namen wie Willem de Kooning, Robert Motherwell und Robert Rauschenberg. Seit 1936 erhielt Albers weltweit zahlreiche Gastprofessuren, unter anderem an der Graduate School of Design an der Harvard University, an der Cincinnati Art Academy in Ohio, an der Yale University in New Haven, an der Architekturschule der Universidad Católica in Santiago de Chile und an der Hochschule für Gestaltung in Ulm (HfG).

Sein künstlerisches Schaffen, das in der Serie „Hommage to the Square“ gipfelte, wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Albers erhielt unter anderem 1958 den Konrad-von-Soest-Preis des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, 1964 die Medaille des Jahres vom American Institute of Graphic Arts, New York, und 1968 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. 1973 wurde er Fellow der American Academy of Art and Sciences, Boston; und insgesamt 14-mal wurde ihm in den Vereinigten Staaten, in Kanada und in Europa die Ehrendoktorwürde verliehen. Darüber hinaus war er 1955 auf der ersten documenta in Kassel vertreten. Eine weitere Ehrung wurde Josef Albers im Metropolitan Museum of Art in New York zuteil, wo für ihn als erstem lebenden Künstler eine Retrospektive ausgerichtet wurde. 1976 starb Josef Albers in Orange, Connecticut.

Zum Werk von Josef Albers

„Ich möchte Augen öffnen“, sagte Josef Albers über das Ziel, das er mit seiner Kunst und seiner Lehre verfolgte. Der Satz war so etwas wie das Motto des Künstlers und späteren Bauhaus-Meisters. Sein künstlerisches Schaffen war trotz seiner Tätigkeit als Werkmeister der Werkstatt für Glasmalerei jedoch nicht nur auf die Glasmalerei beschränkt, sondern umfasste unter anderem auch die Malerei, Graphik und Fotografie, Typographie, das Design und den Möbelbau. Seine Satztische gelten als stilprägende Klassiker der Moderne und sind bis heute nachgefragt. Lehre und künstlerisches Arbeiten waren für Josef Albers untrennbar miteinander verbunden. Er lehrte seine Studenten, Farbe neu zu sehen und diskutierte mit ihnen über das sich immer wieder verändernde Gesicht der Farbe und den Verlust aller Gewissheit: „Nur der Schein trügt nicht“, schrieb er in einer seiner vielen Veröffentlichungen. Farben seien keine absoluten Werte, erklärte er, ihre Wirkung hänge in erster Linie davon ab, in welchen Formen und Formkombinationen sie auftreten.

Was Josef Albers damit meinte, wird vor allem in den Werken deutlich, die er in der Nachkriegszeit geschaffen hat. Aus der systematischen Beschäftigung mit Linie, Raum, Fläche und Farbe begann er nach der Emigration 1933 in die USA mit seiner Serie quadratischer Farbräume, die er „Homage to the Square“, „Hommage an das Quadrat“, nannte. Heute wird man kaum eine Ausstellung zur Abstraktion der Nachkriegszeit finden, in der Albers bahnbrechende Serie nicht präsent wäre. Albers Werk zeichnet sich vor allem durch seine intensive Beschäftigung mit Farbe aus. Ausgehend von der Farbtheorie des Bauhauses erforschte er systematisch die Wechselwirkungen zwischen Farbflächen und deren Wahrnehmung durch den Betrachter. Sein Hauptwerk „Interaction of Color“ von 1963 gilt bis heute als Meilenstein der modernen Farbenlehre.

In der schon angesprochenen Serie „Hommage an das Quadrat“ setzte Albers diese Erkenntnisse in eindrucksvoller Weise um. Die Bilder bestehen aus mehreren, ineinander geschachtelten Farbquadraten, deren Zusammenspiel die visuelle Wahrnehmung des Betrachters herausfordert. Durch den Einsatz ungemischter, scharfkantiger Farben erzeugte Albers subtile Effekte der Farbmodulation und -irritation. Neben dieser Farbforschung zeichnete sich Albers Werk auch durch eine klare, geometrische Formensprache aus. Seine Glasfenster-Entwürfe für das Bauhaus sowie seine Möbelentwürfe zeugen von einer ausgeprägten Affinität zu reduzierter Ästhetik und funktionaler Formgebung.

Museumszentrum „Quadrat“

Am 4. September 1976 wurde in Bottrop am Rande des Stadtgartens das Museumszentrum „Quadrat“ eröffnet. Der Name nimmt Bezug auf das Werk von Josef Albers, der 1970 die Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt erhielt. Josef Albers schenkte der Stadt Bottrop im Rahmen dieser Ehrung sechs Bilder und einige Grafiken. Diese Schenkung war dann für die Stadt Bottrop zunächst der Anstoß für die Planung eines Erweiterungsbaus an das schon bestehende Heimatmuseum durch den Stadtarchitekten Bernhard Küppers.

Nach dem Tod von Josef Albers vermachte seine Witwe Anni Albers der Stadt im Rahmen einer großzügigen Schenkung weitere Kunstwerke ihres Mannes, verbunden mit dem Wunsch, sein Schaffen in Bottrop permanent sichtbar zu machen. Daraufhin wurde ein weiterer Gebäudeteil geplant und 1983 eröffnet. Auch dieser griff in seiner baulichen Form das Quadrat als wesentliches Element der Gestaltung auf. Der Grundriss der Ausstellungsfläche ist aus einem Quadrat von 28 x 28 Meter Seitenlänge entwickelt worden, in den ein kleineres Quadrat mit den Maßen 14 x 14 Meter eingestellt ist. Vier lichte Bauten aus Glas und Stahl fügen sich zu einer Einheit, die klare, sachliche Form des Gebäudeensembles bildet in der naturnahen Parklandschaft einen faszinierenden Blickfang.

Am 19. Oktober 2022 wurde aufgrund der großen Publikumsresonanz ein Erweiterungsbau für Wechselausstellungen eröffnet. Das Schweizer Architekturbüro Gigon/Guyer hat dafür einen zweigeschossigen Neubau konzipiert, der neben 700 Quadratmetern Ausstellungsfläche zwei großzügige Werkräume für die Programme der Bildung und Vermittlung beinhaltet. Das gesamte Ensemble fügt sich auch nach der Erweiterung harmonisch in den Park mit beeindruckend altem Baumbestand und signifikanten Skulpturen internationaler Künstler ein.

Das gezeigte Werk von Josef Albers ist sehr vielfältig. Nach einigen weiteren Ankäufen und Schenkungen in den vergangenen Jahrzehnten umfasst die Bottroper Albers-Sammlung heute rund 350 Werke und ist damit die weltweit größte öffentliche Sammlung von Werken des Künstlers. Von Gemälden, Glasarbeiten, Fotomontagen, Resopalgravuren hin zu Druckgrafiken und Zeichnungen ist das künstlerische Lebenswerk von Albers umfassend erfahrbar. Im Bestand sind frühe Arbeiten, darunter Selbstporträts, Ansichten Bottrops und des Münsterlands. Aus seiner Zeit am Bauhaus zeigt das Museum unter anderem Glasarbeiten und Fotomontagen. In den USA, wo Anni und Josef Albers nach der Flucht vor der Nazi-Diktatur seit 1933 lebten, entstand seine umfangreichste künstlerische Arbeit. Aus dieser Zeit sind in Bottrop herausragende Werke zu sehen, wie etwa die „Variants“, als deren Vorbilder mexikanische Lehmziegelhäuser gelten dürfen. Einen Höhepunkt in Josef Albers künstlerischer Entwicklung stellt seine schon angesprochene Werkreihe „Homage to the Square“ dar. Von diesem Typus quadratischer Bilder hat er bis zu seinem Tod weit über 2000 Gemälde erschaffen, von denen eine große Anzahl in Bottrop ausgestellt ist.

Kurzum: Das Josef Albers-Museum bewahrt die weltweit umfangreichste öffentliche Josef Albers-Sammlung und erforscht, dokumentiert, kontextualisiert und vermittelt in Ausstellungen und Publikationen dessen Oeuvre. Neben diesem Schwerpunkt zeigt das Museum in Einzel- und Gruppenausstellungen Werke internationaler Künstlerinnen und Künstler und beherbergt eine Sammlung mit Arbeiten von unter anderem Ulrich Erben, Günter Fruhtrunk, Bernhard Fuchs, Sabine Funke, Raimund Girke, Hubert Kiecol, Aurélie Nemours, Simone Nieweg, Bridget Riley und Rosemarie Trockel.

Nähere Informationen: Museumszentrum Quadrat, Anni-Albers-Platz 1, 46236 Bottrop, Telefon: 02041 372030, Fax: 02041 3720344, E-Mail-Adresse: quadrat@bottrop.de

Wir da oben und die da von unten

Betrachtungen zum „Zauberberg“ von Thomas Mann

Es ist schon eine merkwürdige Geschichte, die Thomas Mann in seinem 1924 erschienenen monumentalen Roman „Der Zauberberg“ erzählt. Da kommt mit Hans Castorp ein Sohn aus großbürgerlichen Verhältnissen von Hamburg nach Davos, um seinen Cousin Joachim Ziemsen, der sich dort wegen einer Lungenerkrankung in einem Sanatorium aufhält, für drei Wochen zu besuchen und bleibt für sieben Jahre, bis 1914 die damalige Welt erschüttert wird.

Bevor ich aber über meine Lektüre des Romans berichte, muss ich vorausschicken, dass ich vorher die monumentale Verfilmung von Hans W. Geissendörfer aus dem Jahre 1982 gesehen hatte, von der ich trotz mancher gängiger Kritik an Literaturverfilmungen immer noch sehr begeistert bin. Es war vor allem die schauspielerische Leistung von Christoph Eichhorn in der Rolle des Hans Castorp, die mich sofort für dieses große Kinoerlebnis einnahm.

Es reist dieser blasiert wirkende und noch sehr lebensunerfahrene Bürgersohn, Student der Ingenieurswissenschaften für das Schifffahrtswesen und von zuhause aus mit einem großen Erbe ausgestattet, von seiner Heimatstadt nach Davos in eine ganz andere Welt, in die Welt des Zauberbergs, in der Krankheit, Tod und ein zumeist dahinplätschernder Alltag, geprägt von üppigen Mahlzeiten, Liegekuren, Untersuchungen, Behandlungen, Spaziergängen und abendlichen Vergnügungen, das Leben der Kurgäste bestimmen und die Zeit dahinfließen lassen.

Es ist die ganz andere Luft in bergigen Höhen, es sind die Erzählungen seines Cousins über das befremdliche Leben im Sanatorium, der Sanatoriums-Alltag und die Begegnungen mit den teilweise von Thomas Mann karikaturenhaft überzeichneten Figuren seines Romans – von der äußerst dummen Frau Stöhr über das tratschhafte Fräulein Engelhart und den unterwürfigen Herrn Wehsal bis hin zum charismatischen Mynheer Peperkorn – , die Hans Castorp zu Beginn des Romans verwirren und überfordern. Manches Mal wirkt er so, als sei er besoffen oder zumindest total durcheinander; und die durch Überforderung ausgelösten Ermüdungserscheinungen zwingen ihn in den ersten Tage zu früher Bettruhe. Es war für mich faszinierend zu sehen, wie Christoph Eichhorn diese wiederkehrende komplexe Stimmungs- und Gedankenlage eines zeitweisen Nervenbündels schauspielerisch umzusetzen wusste.

Aber bevor ich mich in meinen Betrachtungen über den Film verliere, der neben weiteren grandiosen Schauspielerinnen und Schauspielern wie Rod Steiger, Margot Hielscher, Alexander Radszun, Rolf Zacher und Hans-Christian Blech durch seine üppige Ausstattung und grandiose Landschaftsbilder immer noch besticht, zurück zum Roman und seinem Helden. Ich muss gestehen, dass mir in jungen Jahren bei der ersten Lektüre die Satzungetüme Thomas Manns sehr aufstießen und ich – kaum bis zur Hälfte durchgekommen – den „Zauberberg“ für viele Jahre zur Seite legte. Im zweiten Anlauf hat es dann vor Kurzem geklappt, auch wenn es viel Zeit in Anspruch nahm.

Mann ohne Eigenschaften, ein Parzifal vielleicht?

Wer ist denn nun dieser Hans Castorp? Äußerlich ist er ja schon beschrieben worden, aber für wen oder was steht er als literarische Figur? Dazu gibt es die verschiedensten Beschreibungen. Für den einen ist er ein unbeschriebenes Blatt, das im Laufe des Romans gewissermaßen vollgeschrieben wird mit den Erlebnissen und Gesprächen, die ihm auf dem Zauberberg widerfahren, für den anderen ein „Mann ohne Eigenschaften“ wie Ulrich aus dem gleichnamigen Roman von Robert Musil, wiederum andere bemühen den Parzival von Wolfram von Eschenbach, der, von nichts wissend, in eine fremde Welt gestoßen wird. In einem Artikel der Zeit hat es der bekannte Schriftsteller Martin Mosebach auf den Punkt gebracht, wie es mit Hans Castorp bestellt ist: „Der Jüngling Castorp, keineswegs dumm, aber denkungewohnt und über das hinaus, was er im Gymnasium erfahren hat, nicht weiter unterrichtet … wird zum willigen Objekt vielfältiger Bildungsanstrengungen – er wird von dem Freimaurer und Humanisten Settembrini in die Grundlagen der Aufklärung und des Republikanismus eingeweiht, von (dem Jesuiten) Naphta in den anthropologischen Pessimismus der Gegenaufklärung, er erhält ein ausführliches anatomisches Privatissimum vom Chefarzt (Hofrat Berends) des Sanatoriums, sammelt Erfahrungen in der Liebe, in der Psychoanalyse und Parapsychologie und in der Malerei und geht immer wieder das Wagnis des Selberdenkens ein.“

Settembrini und Naphta – zwischen Aufklärung und heiligem Terror

Um das von Mosebach Geschriebene zu verstehen, bedarf es einiger Erklärungen, insbesondere zu den Herren Settembrini und Naphta. Beide nehmen sich Hans Castorps an und versuchen, dessen Weltbild zu beeinflussen. Der Journalist und Schriftsteller Settembrini ist ein enthusiastischer und unbeirrbarer Vertreter der Philosophie der Aufklärung, ein Anhänger des Humanismus, des Fortschritts und der Demokratie. Sein Gegenpart ist der Jesuit und ehemalige Lehrer Naphta. Er glaubt wie der Großinquisitor aus Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ nicht an die Fähigkeit des Menschen, vernünftig zu handeln, sieht die wissenschaftlichen Erkenntnisse – ausgehend von der kopernikanischen Wende – als kontraproduktiv an, da sie die christlich-metaphysische Bedeutung der Erde als von Gott geschaffener zentraler Planet und der auf ihr lebenden Menschen als höchste Krönung der Schöpfung auf ein Minimum reduziert habe, und übt vernichtende Kritik an dem sogenannten Fortschritt, der nur den Interessen des bürgerlichen Kapitalismus diene, kurz der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Aus seinem durchaus nihilistischen Denken heraus fordert er den heiligen Terror, der durchaus Ähnlichkeiten mit der Inquisition des 15. Jahrhunderts hat.

Was die Auseinandersetzung zwischen diesen extremen Gegenpolen des philosophischen Denkens bei Hans Castorp auslöst, stellt sich für Mosebach wie folgt dar: „Da lässt Thomas Mann seinen Parzifal über all das, was er in naiver Faszination aufgeschnappt hat, mit eigenen Worten unter wiederholter Aufputzung der sich ihm eingeprägt habenden Begriffe darauflosphilosophieren … In enthusiastischer Folgsamkeit vorgetragen, einer Bereitschaft, sich Dinge zu eigen zu machen, deren Tragweite ihm gar nicht bekannt ist, werden große Gedankengebäude zu drolligen Schlagwortgirlanden …“

Was die Liebe, die Psychoanalyse und Parapsychologie angeht, mit der Hans Castorp auf dem Zauberberg in Berührung kommt, bedarf es auch einiger Erklärungen. Dass Hans Castorp in der Liebe angesichts seines Alters und der zumeist noch von Prüderie geprägten Gesellschaft ebenso ein unbeschriebenes Blatt ist wie in den schon angesprochenen Angelegenheiten, nimmt nicht weiter wunder. Die einzige erotische Erfahrung vor seinem Aufenthalt im Sanatorium ist der Besuch eines Bordells. Auf dem Zauberberg ist es die geheimnisumwitterte und nicht minder faszinierende Clawdia Chauchat, die trotz mancher Anzeichen ihrer Erkrankung die Aufmerksamkeit Hans Castorps auf sich zieht – zunächst nur dadurch, dass sie beim Eintritt in den Speisesaal die Tür hinter sich zuknallen lässt. Daraus wird mehr, soll aber hier nicht weiter ausgeführt werden.

Was heute Psychoanalyse genannt wird, heißt in Thomas Manns Roman Seelenzergliederung und ist zu damaliger Zeit der letzte Schrei, ausgelöst vor allem durch Sigmund Freud. Für das Thema zuständig ist der Assistent des Chefarztes, Dr. Edhin Krokowski, eine mysteriöse, fast rasputinhafte Figur, der regelmäßig gut besuchte Vorträge zu diesem Thema hält.

Schräge Züge nimmt es auf dem Zauberberg an, als ausgelöst durch ein seltsames Ereignis, ein neuer Hype die Szenerie dort bestimmt. Auch hier ist Hans Castorp involviert. Auf dem Zauberberg macht das Gerücht die Runde, dass eine gewisse Ellen Brand, ein neunzehnjähriges Mädchen aus Dänemark, über magische Kräfte verfüge, was dazu führt, dass mit ihr spiritistische Sitzungen durchgeführt werden, bei denen vermeintliche parapsychologische Effekte eine große Rolle spielen. Alle scheinen des Glaubens zu sein, mit den Toten in Kontakt treten zu können.

Und dann geht auf einmal alles ganz schnell und dem Ende zu. Unter der Überschrift „Der große Stumpfsinnn“ beschreibt Mann, wie sich die Bewohner zumeist jeder für sich in einer atemlosen Hektik mit allen möglichen Arten der Ablenkung von der Briefmarkensammlung über das Legen von Patiencen bis hin zu den schon angesprochenen spiritistischen Sitzungen beschäftigen.

Was aber noch viel schlimmer ist: der Ausbruch von Gewalt unter den Bewohnern, aber auch zwischen Bewohnern und Personal, aus nichtigen Anlässen. Eine der schlimmsten Folgen: das durch einen Streit ausgelöste Duell zwischen Settembrini und Naphta, das tödlich endet.

Alles endet mit dem großen Donnerknall: der Verkündigung des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges. Alle Bewohner verlassen den Zauberberg und Hans Castorp findet sich unvermittelt als Soldat in der Schlacht von Langemarck wieder.

Zeitgeschichtliche Aspekte

Was den Zauberberg als Ort und symbolische Bedeutung ausmacht, stehen hier natürlich Krankheit und Tod – wie in vielen anderen Werken Thomas Manns – deutlich im Fokus. Was aber bei der Lektüre noch auffallender ist, ist der Eindruck, in eine hermetisch abgeschnittene Welt einzutreten, die eine so ganz andere ist als die da unten, wo die Bewohner oder Patienten ursprünglich hergekommen sind. In aller Ruhe absolvieren sie bis kurz vor dem „Donnerknall“ auf dem Zauberberg ihren Sanatoriums-Alltag zwischen Liegekuren, dem Einnehmen von Mahlzeiten, kleinen Spaziergängen und abendlichen Vergnügungen. Und wenn jemand an seiner Lungenerkrankung stirbt, wird alles getan, damit es so wenig wie möglich auffällt.

Martin Mosebach schreibt in seinem Artikel von einer „Lungenheilanstalt, in welchem die Insassen aus den gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen ihrer Herkunft über viele Jahre herausgelöst sind und sich in einer Ausnahmesituation befinden.“

Ganz anders sieht die Welt außerhalb des Zauberbergs aus. Immer wieder drohen Konflikte zwischen den westlichen Großmächten aufgrund ihrer imperialen Bestrebungen; an allen Seiten wird aufgerüstet. Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle, wie Mosebach ausführt: „ … die Länder, aus denen diese Kranken stammen, befanden sich in den Jahren vor dem großen Krieg ja keineswegs im Zustand zeitvergessener Trance. Gern sieht man die Vorkriegszeit als Phase der Dekadenz, man sieht überall die Anzeichen eines Endes – die Kunst und Literatur sind nicht unschuldig an diesem Bild, das sich vor die explosive ökonomische Aktivität, die Entdeckungen der Naturwissenschaften, die Erschließung ganzer Kontinente schiebt, ein allgemeines Erstarken, das am Ausbruch des Weltkonfliktes durchaus ursächlich beteiligt war. So ist denn die Szenerie der zeitlos verdämmernden Lungenkranken weniger eine Parabel der ausgehenden Kaiserreiche, als (vielmehr) Ausdruck eines tiefen Gefühls der Unwirklichkeit, das bei manchen durch Krieg und Revolution entstanden sein mag, als tausendjährige Monarchien wie die Seifenblasen zerplatzten.“

Von dem von Mosebach angesprochenen Gefühl der Unwirklichkeit war ja auch Thomas Mann betroffen. Er hatte den Krieg befürwortet und war vom Bestand des preußisch-deutschen Kaiserreiches überzeugt.

Erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wandelte sich sein politisches Denken hin zur Demokratie. 1933 emigrierte Thomas Mann nach der Machtübernahme des totalitären Nazi-Regimes von Deutschland in die USA und wurde dort zum führenden Sprecher für die Wiederherstellung einer Demokratie in Deutschland.

Kurzum: Trotz der Satzungetüme Thomas Manns und manch sehr komplexen Ausführungen zum Thema der Zeit als auch zu anderen Themen lohnt sich die Lektüre, bei der manche Kritiker auch Parallelen zu aktuellen politischen Entwicklungen zu erkennen glauben – nicht ganz zu unrecht.

Bauhaus-Kunst in Borghorst

„Maßstab ist die Natur – Unzulänglich werden wir Menschen ins Leben gestellt. Unzulänglich ist auf Vollkommenheit bezogen. Das sollten wir sehr ernst sehen. Trägheit ist gegeben, damit wir in ihrer Überwindung zu Charakter kommen.“ (Heinrich Neuy)

Im nahen Münsterland ist ein Museum beheimatet, das dem Leben und Werk des 2009 verstorbenen Bauhaus-Künstlers Hermann Neuy gewidmet ist.

Zur Person:

Der am 27. Juli 1911 im Wallfahrtsort Kevelaer am Niederrhein geborene Hermann Neuy gehörte zu den jüngsten Künstlern des Bauhauses, der dort sein Studium im Jahre 1930 begann, es aber aufgrund der zugespitzten politischen Ereignisse vor dem Hintergrund der sich ankündigenden Herrschaft des Nationalsozialismus nicht beendete. Schon im März 1932 ließ er sich für ein praktisches Seminar beurlauben und kehrte nicht wieder ans Bauhaus zurück. Erst mehr als 50 Jahre später sollte er das Bauhaus wieder besuchen.

Sein Interesse für die Kunst entwickelte sich aber schon eine Zeit vorher mit einem prägenden Erlebnis. Am Weihnachtsabend 1925 bekam Heinrich Neuy seinen ersten Malkasten und begann, ermuntert durch den Landschaftsmaler Josef Pauels, mit Landschafts- und Porträt-Studien. Im gleichen Jahr nahm er auch eine Lehre im Tischlerhandwerk auf. Nach dem Abschluss der Tischlerlehre besuchte Neuy die Kunstgewerbeschule in Krefeld. Seine dort entstandenen Möbel- und Einrichtungsentwürfe zeichneten sich durch klare Funktionalität und Strenge aus, wie es auch dem Bauhaus-Stil entsprach. Von 1930 bis 1932 besuchte er diese in Dessau und wurde in seinem künstlerischen und handwerklichen Schaffen von so bedeutenden Lehrern wie Wassily Kandinsky, Josef Albers und Ludwig Mies van der Rohe geprägt.

Um nach seinem abgebrochenen Studium für seinen Lebensunterhalt und den seiner Frau zu sorgen, übernahm er die Tischlerei seines Schwiegervaters in Steinfurt-Borghorst. Ein weiteres Mal bestimmten die politischen Ereignisse das Leben von Heinrich Neuy im Jahre 1940. Infolge des von den Nationalsozialisten begonnenen Zweiten Weltkrieges wurde er Soldat in der Luftwaffe. 1944 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft und später in englische Kriegsgefangenschaft. Seine Zeit dort verbrachte er mit dem Malen von Porträts seiner Mitgefangenen, die er Jahrzehnte später einmal zu einer Bilderserie mit Köpfen aus geometrischen Mustern verarbeitete. In englischer Kriegsgefangenschaft hatte er dann das Glück, einem älteren schottischen Militärarzt zu begegnen, der ihm die Möglichkeit und das entsprechende Material verschaffte, seine abstrakte Malerei fortzusetzen. Es entstanden fünf „Gewitter“-Bilder sowie umfangreiche Zyklen zu den Themen „Lyrik“ und „Freude“. Im Oktober 1947 endete die Kriegsgefangenschaft und Heinrich Neuy kehrte nach Steinfurt-Borghorst zurück, wo er seinen Tischlereibetrieb und das Geschäft für Möbel und Kunsthandwerk weiterbetrieb. Er begann erneut mit der Lehrlingsausbildung. Dabei engagierte er sich in einem pädagogisch ganzheitlichen Sinne, nahm auch zahlreiche Mädchen zur Tischler-Ausbildung an und sah eine besondere Herausforderung darin, sozial auffälligen Jugendlichen neue Orientierungen zu bieten.

1960 begann er wieder mit Ausstellungen seiner künstlerischen Werke. Als Maler und Zeichner richtete Neuy sein Interesse vor allem darauf, durch Form und Farbe Phänomene wie Charaktereigenschaften, Jahreszeiten und insbesondere musikalische Klänge sichtbar zu machen. In diesem Zusammenhang arbeitete er auch mit dem in Borghorst lebenden Komponisten Buster Flood zusammen, der Heinrich Neuys Bilder vertonte, während sich dieser von den Musikstücken zu bildhaften Kompositionen inspirieren ließ. Dem Aquarell räumte er in seinem Werke besonderen Raum ein.

Weitere Stationen im Kurzüberblick

1970 trat Heinrich Neuy dem Welbergener Kreis bei, 1971 begann er mit der Aquarellserie „Architektura“, 1987 mit dem Zyklus „Klassische Charakterbilder“, 1989 eröffnete er eine eigene Galerie, 1991 erhielt er den Kulturpreises der Stadt Steinfurt, 1994 kehrte er nach 62 Jahren mit einer eigenen Bilderausstellung an das Bauhaus Dessau zurück, und 1996 wurde anlässlich seines 85. Geburtstages das von ihm geschaffene Kunstobjekt „Energie, Rechtschaffenheit, Aktivität“ feierlich enthüllt. Nach einem langen und erfüllten Leben verstarb Heinrich Neuy im Jahre 2003.

Ein Museum zu Ehren von Heinrich Neuy

Kurz nach seinem Tod wurde die Heinrich Neuy-Stiftung ins Leben gerufen, um das Leben und Werk von Heinrich Neuy für die Nachwelt zu erhalten. 2011 konnte nach der mehrjährigen Restaurierung und Erweiterung des aus dem Jahre 1668 stammenden Stiftskurienhauses in Steinfurt-Borghorst das Heinrich Neuy Bauhaus Museum am Standort Kirchplatz eröffnet werden.

Entstanden ist ein kleines, aber feines Refugium, in dem „Alt“ und „Neu“ aufeinander treffen und beide sich harmonisch ergänzen.

Das 1668 erstmals erwähnte Stiftskurienhaus der Stiftsdame Margareta Cornelia von Merveldt des ehemaligen Kanonissen- und Damenstiftes Borghorst wurde behutsam restauriert und durch einen dreigeschossigen verglasten Anbau zum Garten hin „geöffnet“ und erweitert. Im Erdgeschoss befinden sich ein Museumsshop, ein Café und ein Restaurant.

Im Obergeschoss trifft der Besucher auf helle, freundlich und großzügig gestaltete Ausstellungsflächen und die Stiftsbibliothek mit einer historischen Darstellung des ehemaligen Damenstifts Borghorst.

Ausgestellt werden vorwiegend Arbeiten von Heinrich Neuy, anderen Bauhaus-Schülern und Bauhaus-Lehrern in Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen. Geöffnet hat sich die Heinrich Neuy-Stiftung auch für die Sammlungen und Nachlässe anderer „Bauhäusler“, um diese auch dauerhaft komplett erhalten zu können – eine wahre Bereicherung.

Das Museum, das sich auch über die Region hinaus einen guten Namen gemacht hat, möchte darüber hinaus die Besucherinnen und Besucher in die Gedankenwelt des Bauhauses einführen. Mit den Initiatoren des Bauhauses sowie den zahlreichen Lehrern und Studenten entstand vor allem in den 1920-er Jahren eine neue Sprache der Gestaltung, die zahllose Klassiker in Architektur, Design und Malerei hervorgebracht hat. Bis heute beeinflusst diese ungewöhnliche sowie äußerst kreative Epoche nachhaltig viele Bereiche des Wohnens.

Zu diesem Zweck sind im Heinrich Neuy Bauhaus Museum neben den schon erwähnten Ausstellungen auch Türklinken, Lampen, Lichtschalter, Tapeten, Glas, Keramik und Möbel – allesamt aus Entwürfen von Bauhaus-Künstlern stammend – zu sehen. Ergänzend werden Vorträge angeboten und Projekte begleitet und entwickelt.

Der Um- und Erweiterungsbau für das Museum wurde vorwiegend mit ehrenamtlichem Engagement gestaltet. In der Bauphase konnten erhebliche Eigenleistungen mit Unterstützung des Denkmalpflegewerkhof e.V. Steinfurt und des terra nova e.V., Ochtrup, erbracht werden. Dazu kamen finanzielle Zuwendungen privater wie auch gewerblicher Förderer aus der Region. So konnten rund 50 Prozent der Mittel generiert werden. Gefördert wurde die Maßnahme auch durch Mittel des Landes Nordrhein-Westfalen, der NRW-Stiftung, des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe und der Stadt Steinfurt.

Auch das Museum wird überwiegend ehrenamtlich geführt; unterstützt durch Mitarbeiter mit Behinderungen in einem kleinen Integrationsbetrieb. Darüber hinaus können immer wieder Förderer aus der Region gewonnen werden.




Kunstbetrachtungen, Teil 17

Werkstatus in den unterschiedlichen Künsten

Der aufmerksame Leser dieser Reihe wird es noch im Kopf haben, worum es in der letzten Folge ging: um die Unterscheidung der Künste aufgrund ihrer spezifischen Eigenschaften und Besonderheiten.

Zuletzt griff Georg W. Bertram, Autor des Buches „Kunst – Eine philosophische Einführung“, an dem sich die Kunstbetrachtungen orientieren, einen Aspekt auf, mit dem sich der amerikanische Philosoph Nelson Goodman beschäftigt hatte: der Unterscheidung zwischen allographischen und autographischen Künsten. Zu den allographischen Künsten zählt Goodman Musik und Literatur, zu den autographischen Künsten Architektur, Plastik und Malerei. Thematisiert wird der Unterschied zwischen einem einmaligen Original und der Vervielfältigung eines künstlerischen Werkes wie einem Roman, einer Komposition oder einem Gedicht.

Einen weiteren Aspekt greift Bertram selbst auf: „den Werkstatus in den unterschiedlichen Künsten.“ Der betrifft die Materialität, wie der Autor ausführt: „Es gibt Künste ( Architektur, Plastik und Malerei), in denen man die Werke davontragen kann. In anderen Künsten (Literatur und Musik) hingegen lassen sich nur Notationen (Aufzeichnungen) von Werken von Ort zu Ort bewegen. Werke gibt es bei diesem zweiten Typ von Künsten erst dann, wenn es zu einer Darbietung kommt.“

Bei dem zweiten Typ von Künsten spricht der Autor diesen eine gewisse Immaterialität zu, die aber nicht absolut sei. Der Philosoph Hans-Georg Gadamer unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen statuarischen und transitorischen Künsten.

Georg W. Bertram ist sich bei der von ihm und anderen Autoren unternommenen Abgrenzung der verschiedenen Künste aufgrund ihrer spezifischen Eigenschaften aber auch bewusst, dass nicht jede Unterscheidung 100-prozentig ist. Als Beispiel nennt er den Tanz und die Musik, die sowohl eine zeitliche als auch eine räumliche Dimension haben, und stellt die Frage: „Gehen hier nicht Räumlichkeit und Zeitlichkeit, körperliche Materialität und Immaterialität der Choreographie ineinander über? Und wie steht es mit der Musik? Ist Musik nicht auch an eine Form der Räumlichkeit gebunden? Bedarf die Immaterialität der melodischen und harmonischen Kombinationen nicht zutiefst einer materiellen Realisierung?“

Diese Fragestellungen sieht er auch bei der von Lessing vorgenommenen Aufteilung zwischen Raum- und Zeitkünsten und schreibt: „Wer eine Skulptur einfach nur einen Augenblick betrachtet, wird sie nicht gut als Skulptur erfahren können. Das Nebeneinander der Plastik bedarf des Nacheinanders, um sich zu entfalten. Aber auch ein … Bild wird nicht mit einem Schlag erfasst. Es will vielmehr „gelesen“ werden. Unterschiedliche Zusammenhänge und Abgrenzungen auf dem Bild müssen in einer solchen Lektüre erprobt werden. Ein Bild hat so gerade als Kunstwerk, also als Gegenstand eines Selbstverständigungsgeschehens, eine zeitliche Dimension.“

Nietzsches Unterscheidung der Künste

Mit der von dem Altphilolologen und Philosophen Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) im Jahre 1872 verfassten Schrift „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ erweitert Bertram seine Betrachtungen in Bezug auf die Unterscheidung der Künste. Wie er ausführt, spricht Nietzsche nicht von Grenzen oder Unterscheidungen, „sondern von zwei unterschiedlichen ästhetischen Prinzipien.“ Dabei greift dieser auf Götter der Antike zurück, die für unterschiedliche Prinzipien oder Lebensweisen stehen: Dionysos und Apoll.

Bertram schreibt: „Auf der einen Seite steht Dionysos, der Gott des Rausches und der Ekstase. Ihm gegenüber profiliert Nietzsche auf der anderen Seite Apollo, den Gott des Traumes und des schönen, harmonischen Scheins. Nietzsche sieht in diesen beiden Götterfiguren zwei Prinzipien verkörpert, die er als äußerst bedeutsam für die antike Kultur begreift.

Mehr zu den dionysischen und apollinischen Künsten folgt in Teil 18 der Kunstbetrachtungen.

Kunstbetrachtungen, Teil 16

Möglichkeit ästhetischer Erfahrung mit Prosa

Wie sich der geneigte Leser vielleicht noch erinnern mag, ging es in der letzten Folge der Kunstbetrachtungen um die Unterscheidung zwischen Raum- und Zeitkünsten, ausgehend von Gotthold Ephraim Lessings Schrift „Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie“.

Ebenfalls erklärt wurde die Kunst, die des Raumes bedarf.

Im Gegensatz dazu steht die Literatur, die den Zeitkünsten zugerechnet wird. Autor Georg W. Bertram erläutert: „Wird mir ein Gedicht oder eine Prosa vorgetragen, kann ich die Augen schließen. Ich kann in einem kleinen Raum, im Freien oder in einem Fahrzeug unterwegs sein: Dieser Unterschied betrifft die Möglichkeiten ästhetischer Erfahrungen mit dem jeweiligen Text nicht wesentlich. Was ich hingegen benötige, um den Text ästhetisch erfahren zu können, ist Zeit. Der hat eine bestimmte Dauer, innerhalb deren er sich entfaltet. Seine ästhetischen Elemente stehen nicht nebeneinander, sondern nacheinander.“

Gleiches gilt nach Lessing für die Musik: „Unter die Zeitkünste ist nach Lessing auch die Musik zu rechnen. Auch für die Musik gilt, dass sie Zeit benötigt, um stattfinden zu können. Ich kann schon ein einfaches musikalisches Thema nicht erfassen, wenn ich es nach zwei Sekunden abbreche. Mehr noch als die Literatur hat die Musik eine Dauer, die ihr gesetzt ist … Die Musik kann zudem – mehr als Lessing sich vielleicht vorstellen konnte – unabhängig von einem bestimmten Raum ästhetisch erfahren werden. Ob mein Konzertsaal die Berliner Philharmonie ist, eine Terrasse, das Auto oder bloß ein kleiner Kopfhörer beim Spaziergang: In jedem Fall lässt die Musik sich ästhetisch erfahren“, führt Bertram weiter aus.

Was aber unterscheidet die angesprochenen Künste noch? Für Bertram ist zu trennen zwischen Künsten, die aufgeführt werden müssen, „und solchen für die das nicht zutrifft.“ Weiter schreibt Bertram: „Musik und Literatur sind Aufführungskünste … Bei ihnen kommt es zu einem Unterschied zwischen Vorlage und Realisierung. Ein gedrucktes Exemplar … steht als solches jenseits der Frage, ob es als Kunst bestehen kann oder nicht. Erst in meiner Lektüre rückt es in die Dimension ästhetischer Wahrhaftigkeit. Ein solcher Unterschied spielt hingegen bei Raumkünsten nicht in gleicher Weise eine Rolle. Zwar gibt es auch bei der Architektur Vorlagen; diese sind aber nicht das Werk … Im Fall der Architektur ist das Werk letztlich auf den realisierten Bau beschränkt. Genauso ist es im Falle von Plastiken und Bildern. Auch in ihrem Fall zählt die faktische Realisierung als das Werk. Erst wenn eine solche Realisierung ausgestellt wird, ist das Werk für einen Rezipienten zugänglich … Zeitkünste sind Aufführungskünste; Raumkünste hingegen Ausstellungskünste.“

Allographische und autographische Künste

In diesem Zusammenhang kommt Bertram auf den US-amerikanischen Philosophen Nelson Goodman zu sprechen, der in seiner Schrift „Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie“ von allographischen und autographischen Künsten spricht und nach Bertram eine noch andere Unterscheidung zwischen Zeit- und Raumkünsten vornimmt.

Allographisch sind Künste in Goodmans Lesart diejenigen, bei denen die „Unterscheidung zwischen einem Original und einer Fälschung keinen Sinn gibt.“ So kann ein Buch mehrere Male gedruckt werden, ohne dass eine Fälschung vorliegt.

Anders ist es in der Kunst. Bertram macht dies beispielhaft klar: „Ein zweites Exemplar von Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ stellt … mindestens eine Kopie, wenn nicht gar eine Fälschung dar. All die Künste – wie die Literatur, die Musik, aber auch der Tanz … sind allographisch. Bei Architektur, Plastik und Malerei ist das nicht so … Jede Realisierung stellt so ein Original, einen Autographen dar.“

Discotheken- und Jugendkultur in der Region

Der Nordhorner Historiker Werner Straukamp ist einer der Autoren des Ausstellungskataloges „Charly für ´ne Mark – Eine Disco im Museum“. Anlass war die „Eröffnung“ einer Land-Discothek im Museumsdorf Cloppenburg.

Meine erste Erinnerung an den Besuch einer Discothek liegt schon über 40 Jahre zurück. Ich war zu Besuch bei meinen Cousins in Werlte. Dort saßen wir oft im Zimmer meines ältesten, leider sehr früh verstorbenen Cousins Michael, und hörten mit der damals besten Technik, die High Fidelity, kurz Hi Fi, zu bieten hatte, die prägende Musik der 1960-er und 1970-er Jahre von Deep Purple über Uriah Heep und Jethro Tull bis hin zu Santana, Doors und Pink Floyd.

Auf dem Bike zur Disco

Eines Tages machte ich im Rahmen meines Besuchs zwei besondere Erfahrungen, die mir heute noch unvergesslich sind: Ich durfte auf einem Motorrad mitfahren und ein bisschen Easy Rider-Luft schnuppern, und zum ersten Mal in meinem Leben, ich mochte 16 oder 17 Jahre alt sein, sollte ich eine Disco von innen erleben dürfen – damals für mich noch etwas sehr Besonderes. Der Weg führte nach Bippen bei Fürstenau, wo es das legendäre „Fiz Oblon“ gab.

Mit großen Augen betrachtete ich die im Flackerlicht tanzenden Menschen mit ihren so ganz anderen Klamotten, als ich sie kannte. Die Musik, die ich von Michael kannte, wurde hier auch gespielt, aber natürlich in einer ganz anderen Lautstärke. Ich war begeistert, aber zum Tanzen noch zu schüchtern, bewegte nur ein wenig Kopf und Füße. Die erste Nervosität wich, als ich eine Zigarette in der rechten Hand, und in der anderen ein Bier hatte.

So waren lange Haare bei Männern nichts Ungewöhnliches“

Zwischendurch saßen wir dann auch in einem schummrig beleuchteten Raum, bestückt mit alten, gemütlichen Möbeln, Emaille-Werbeschildern und Bildern mit gelegentlich befremdlichen Motiven an den Wänden. Hier hing man einfach ab und ich betrachtete die Leute, die ebenfalls ganz anders waren, als die, die ich sonst so kannte. So waren lange Haare bei Männern nichts Ungewöhnliches, und natürlich durften Jeans, Rüschenhemden und Leder nicht fehlen, ebenso wenig selbst gedrehte Zigaretten.

Auslöser für die Erinnerung an diese Zeit war 2021 die Veröffentlichung eines Kataloges, der aus Anlass der „Neueröffnung“ der Diskothek „Zum Sonnenstein“ herausgebracht wurde. Es handelte sich dabei um eine „Neueröffnung der besonderen. Sie erfolgte auf dem Gelände des Museumsdorfes Cloppenburg. Die einstige Landgaststätte „Zum Sonnenstein“ im kleinen Ort Harpstedt bei Bremen war in den 1960-er Jahren ein Tanzlokal mit Livemusik und regelmäßigem „Sängerwettstreit.“ 1973 wurde die Gaststätte zu einer Discothek umgewandelt. Nach der Schließung im Jahre 2014 ist das „Zum Sonnenstein“ inklusive der kompletten Inneneinrichtung und der Musik- beziehungsweise DJ-Technik komplett erhalten geblieben. 2018 wurde das ganze Gebäude abgebaut und im Museumsdorf Cloppenburg wieder aufgebaut. Seit dieser Zeit wird die Discothek mit zugehörigem Bistrobereich, Musik- und Lichtanlage, beleuchteter Tanzfläche, DJ-Pult, Plattensammlung, Barhockern und Biergläsern den Besucherinnen und Besuchern präsentiert.

Einer der Autoren des Kataloges ist der Nordhorner Historiker Werner Straukamp. Sein umfangreicher Artikel trägt den Titel „Discotheken- und Jugendkultur entlang der Bundesstraße 213 – 1965 bis 1989“.

Wie Straukamp in einem Gespräch berichtete, war das Projekt des Wiederaufbaus der Discothek der Auftakt einer konzeptionellen Neuorientierung. Dessen früherer Leiter Uwe Meiners hatte es sich vorgenommen, auch die Wohn-, Freizeit- und Konsumkultur der Nachkriegszeit darzustellen.

Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt durch ausführliche Forschungsarbeiten, die ihren Widerhall in dem Katalog fanden. Nachdem Werner Straukamp in einem Zeitungsartikel vom 1:1-Wiederaufbau der Discothek „Zum Sonnenstein“ erfahren hatte, setzte er sich mit Uwe Meiners zusammen.

Aufwändige Recherche

Dabei entstand die Idee, statt einer allgemeinen Disco-Kultur in der Bundesrepublik Deutschland einen eher regionalen Rahmen zu wählen und die Geschichte der Landdiscotheken entlang der B 213 vom Grenzübergang Frensdorfer Haar bei Nordhorn bis nördlich nach Delmenhorst zu betrachten.

Aufwändig Recherchearbeiten begannen. So galt es für die Autoren, neben den Tageszeitungen der Region alle Exemplare der damals bekannten Pop- und Rockzeitschriften wie Bravo, Sounds, Pop, Twen und Spex auf das Stichwort Discothek hin zu sichten. Entsprechende Materialien fanden sie unter anderem in einem Institut der Universität Münster und in der Bibliothek der Universität in Oldenburg, aber natürlich auch vor Ort bei den Grafschafter Nachrichten oder in kommunalen Archiven.

Wie dem liebevoll gestalteten, inhaltsreichen und unterhaltsam zu lesenden Katalog zu entnehmen ist, fand die Disco-Kultur in der Grafschaft Bentheim ihren Anfang im Jahre 1967 am Hohenkörbener Weg in Nordhorn. Der italienische Gastronom Guiseppe Bertoncin eröffnete dort in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Friseursalons das „Whisky A Go-Go“. Es kamen danach unter anderem das nach dem Hit einer Band aus den USA benannte „Little Annie Fanny“ und das „Capri“ im Nordhorner Stadtteil Blanke.

Aber auch kleinere Orte der Grafschaft wurden vom Disco-Fieber erfasst. In Bad Bentheim wurden das „Oldtimer“ und das „Domino“ eröffnet, in Schüttorf ein weiteres „Whisky A Go-Go“ und das „Tiffany“. Zunächst wenig passierte in der Niedergrafschaft, bis junge Leute 1971 die Interessengemeinschaft Beatfans Emlichheim gründeten. Mit Erfolg. Werner Straukamp schreibt: „Man nimmt die Sache selbst in die Hand. Im Clubraum am Bremarkt finden ab Ende Mai 1971 regelmäßig Disco-Abende statt.“ Weitere Discotheken folgten; und der Boom schien kein Ende zu nehmen. Wie Straukamp weiter schreibt „sind allein im südlichen Weser-Ems-Raum … Woche für Woche mindestens 60.000 Besucher zu verzeichnen.“ Eine Zahl, die bis Anfang der 1980-er Jahre auf bis zu 200.000 ansteigt. Aus eigener Erfahrung berichtete der Historiker und Autor, dass damals ein sogenanntes Disco-Hopping nicht ungewöhnlich war. Das hieß, dass man schaute, welche Musik so lief und welche Leute so da waren, und wenn es nicht passte, fuhr man einfach weiter zum nächsten Laden.

Sein Ende fand der Boom der Landdiscos im Laufe der 1980-er Jahre. Professionell geführte Großraumdiscotheken liefen ihnen den Rang ab, und die zunehmende Mobilität machte es auch nicht einfacher. Noch ein paar Jahre länger hielt sich die Disco-Kultur in den Jugendzentren. So boomte das JZ Nordhorn bis in die Hälfte der 1990-er Jahre.

Auch zu diesem Aspekt wie auch zu den damals organisierten Musikfestivals hat Werner Straukamp Materialien zusammengetragen, die deutlich machen, wie engagierte junge Leute eigene, von den Erwachsenen unkontrollierte Räume entdeckten und für sich einnahmen. Diese konnten aus Platzgründen nur in Teilen im Katalog veröffentlicht werden. Daher ist der komplette Forschungsbericht als frei herunterladbare pdf-Datei auf der Webseite des Museumsdorfes Cloppenburg veröffentlicht worden.

Longplayer“ als pdf

Die Aspekte, die der Nordhorner Historiker in seinem sogenannten „Longplayer“ ausführlicher beleuchtet hat, sind vielfältig. Aktuell zur Erscheinung des Kataloges und der pdf-Datei konnte Straukamp auf die besonderen Entwicklungen der Disco-Kultur in Zeiten von Corona eingehen, die zum Beispiel von Partyabenden per „Drive-in-Disco“ geprägt waren, und das Geschehen auf den Parkplatz beziehungsweise in das private Auto verlegt wurde. So etwas versuchte vor Ort beispielsweise das „Index“ in Schüttorf, das im Mai und Juni 2020 eine ganze Reihe von Auto-Discopartys veranstaltete.

Die einstige Jugend kommt in die Jahre.“

Weitere besondere Entwicklungen, die Straukamp in seinem Forschungsbericht aufgreift, betreffen die Musealisierung und die Retromanie, die in den 2000-er Jahren in Verbindung mit Pop-, Disco- und Jugendkultur ensteht. Das, was früher neu, subversiv und bei der Mehrheit der Gesellschaft zunächst verpönt war, wird zum Gegenstand von wissenschaftlichen Betrachtungen oder Ausstellungen in bildungsbürgerlichen Orten wie Museen. Und manche Retro-Disco, die eine ältere Klientel (Ü30, Ü50 etc.) anspricht oder sich vergangenen Zeiten (80-er oder 90-er Jahre Party) widmet, wirkt wie eine Nostalgie-Veranstaltung, die auch sentimentale Züge annehmen kann. Die einstige Jugend kommt in die Jahre.

Viel ausführlicher als im Katalog „Charly für ´ne Mark“ widmet sich Straukamp in seinem „Longplayer“ auch den Entwicklungen, die zur Entwicklung einer eigenen Jugendkultur in der Bundesrepublik Deutschland geführt haben. Wie der Historiker dazu unter anderem ausführt, hatte damals der hohe Anteil der Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung, heute bekannt unter dem Namen „Babyboomer“, und das Wirtschaftswunder daran einen wesentlichen Anteil.

Lange Themenliste

Die Liste der in dem „Longplayer“ behandelten Themen ist aber noch breitgefächerter und reicht von der Entwicklung einer Festival- und Open Air-Kultur über die Entstehung von Jugendzentren bis hin zu Politik, Mode und Werbung.

Nähere Informationen: werner.straukamp@web.de und http://www.museumsdorf.de

Erinnerungen an einen Besuch der Museumsinsel Hombroich

Kunst parallel zur Natur“

1987 ist die Museumsinsel Hombroich entstanden. Aus einem Park mit historischem Baum- und Pflanzenbestand hat sich ein einmaliges Ensemble aus Landschaft, Architektur und Kunst entwickelt.

Von den idyllischen Ausläufern des Flusses Erft umgrenzt, befindet sich bei Neuss die Museumsinsel Hombroich. Entstanden ist sie aus einem bereits 1816 errichteten Park mit historischem Baum- und Pflanzenbestand.

Es war der Düsseldorfer Kunstsammler Karl-Heinrich Müller, der1982 den schon lange verwilderten Park erwarb, ihn um eine angrenzende Ackerfläche erweiterte und daraus in Kooperation mit dem Gartenarchitekten Bernhard Korte ein einzigartiges Ensemble aus Landschaft, Architektur und Kunst schuf. Dabei stand die Balance zwischen Naturbelassenheit und pflegendem Eingriff im Mittelpunkt.

Balance zwischen Eingriff und Naturbelassenheit

Eine weitere wichtige Person bei diesem Projekt war der Bildhauer Erwin Heerich. Er übersetzte seine streng geometrischen skulpturalen und zeichnerischen Werke ins Architektonische. So entstanden zehn begehbare Objekte mit Außenseiten aus niederländischem Abbruch-Feldbrandstein.

Zu nennen ist auch noch der Maler Gotthard Graubner, der für die Präsentation von Ausstellungen zuständig war. Sein Konzept sah vor, dass Kunst und kulturhistorische Gegenstände aus zwei Jahrtausenden miteinander in den Dialog treten.

Dritter im Bunde war der schon erwähnte Landschaftsarchitekt Bernhard Korte. Er realisierte eine Ideallandschaft, die Topographie und Geschichte des Ortes ebenso berücksichtigt wie die gemeinsam entwickelte Vision „Kunst parallel zur Natur.“ Das gesamte Gelände ist von schon vorhandenen Geländestufen ebenso geprägt wie von früheren Verläufen des Flusses Erft.

Die Insel wird gepflegt, als ob sie nicht gepflegt wird.“ (Bernhard Korte, Landschaftsarchitekt)

Ein Schwerpunkt der Sammlung, die ein bemerkenswertes breites Spektrum aufweist, liegt in der europäischen Moderne zum Ende des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Zu entdecken sind Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und künstlerisch geprägte Gebrauchsgegenstände von so bekannten Namen wie Hans Arp, Constantin Brancusi, Marcel Breuer, Alexander Calder, Paul Cézanne, Alberto Giacometti, Yves Klein, Gustav Klimt, Henri Matisse, Francis Picabia und Kurt Schwitters.

Zu nennen ist auch der Künstler Anatol Herzfeld. Der Bildhauer, Maler und Aktionskünstler Anatol Herzfeld (1931-2019) studierte parallel zum Polizeidienst von 1964 bis 1972 bei Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie. 1972, 1977 und 1982 beteiligte er sich an der documenta in Kassel, 1975 initiierte er die Freie Akademie Oldenburg. Von 1983 bis zu seinem Tod hatte Anatol Herzfeld sein Atelier auf dem Gelände von Museum Insel Hombroich. Sein Nachlass umfasst zahlreiche Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen sowie Fotos und Filme zu seinen Aktionen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in archäologischen Artefakten von der Früh- bis zur Neuzeit sowie in Ostasiatika.

Die anfangs private Sammlung entstand dabei weder aus kunsthistorischer Mission noch aus Kriterien regelhafter Vollständigkeit, sondern aus individueller Leidenschaft der Sammler und dem Interesse an möglichst unterschiedlichen Positionen. In den Gebäuden und auf dem Gelände der Museumsinsel Hombroich ist sie gewissermaßen als ständige Installation im Wechsel des Tageslichts und der Jahreszeiten zu sehen.

Ergänzung durch Raketenstation

Wer die Museumsinsel Hombroich besucht, sollte natürlich auch die benachbarte „Raketenstation“ im Blick haben, die ebenfalls von Karl-Heinrich Müller erworben wurde. Die ehemalige Nato-Raketenstation wird seit 1994 komplementär zu Museum Insel Hombroich als Ort der Entwicklung von Kunst und Architektur und als Lebens-und Arbeitsraum für Künstler aus den Bereichen Kunst, Literatur und Musik genutzt. An ihrer Umgestaltung und Neubebauung beteiligten sich die Künstler und Architekten Raimund Abraham, Tadao Ando, Dietmar Hofmann, Erwin Heerich, Oliver Kruse, Katsuhito Nishikawa, Claudio Silvestrin und Álvaro Siza.

Per Kirkeby-Areal

Das nach Per Kirkeby benannte Areal ermöglicht in fünf Bauten des dänischen Künstlers Kunstinstallationen und die Realisierung weiterer künstlerischer Formate (Drei Kapellen), darunter die Sammlung Kahmen und das vom Clemens Sels-Museum Neuss betriebene Feld-Haus-Museum für Populäre Druckgrafik.

Ausstellung Raimund Abraham – Erdbeben der Stille

Noch bis November 2025 ist die Ausstellung „Raimund Abraham – Erdbeben der Stille“ zu sehen. Mit dem Haus für Musiker (Planung seit 1994, Ausführung 2006–2017) existiert auf der Raketenstation Hombroich bei Neuss neben dem Wohn- und Geschäftshaus an der Berliner Friedrichstraße eines der beiden in Deutschland realisierten Bauwerke des österreich-amerikanischen Architekten Raimund Abraham (1933–2010). Der außergewöhnliche Rundbau ist nicht nur sein letztes fertiggestelltes Gebäude, sondern steht darüber hinaus beispielhaft für die Radikalität Abrahams. Und auch für das ambitionierte und am Ende nicht realisierte Hombroicher Raumortlabor steuerte er 2003 noch den Entwurf einer Wohnsiedlung bei, die sich mit komplexen Bezugslinien wie ein künstlicher Horizont in die Landschaft legen sollte. Fast bedeutsamer als die realisierten Gebäude sind aber Abrahams Zeichnungen und imaginären Architekturen. Mit der Aufnahme seines umfangreichen Nachlasses in die Sammlung Egidio Marzona (Berlin) bietet sich nun die Möglichkeit, das planerische, visionäre Denken dieses herausragenden Architekten mit zahlreichen Zeichnungen, Modellen, Fotos und Dokumenten sowie den in Hombroich aufbewahrten Beständen umfassend zu präsentieren.

Kulturoase in Münster: „Hawerkamp 31“

Zu den Orten, die die deutsche Techno-Szene geprägt haben, gehört auch ein ehemaliges Fabrikgelände in Münster. Hier haben schon „Dr. Motte“ und „Westbam“ aufgelegt.

Vorgeschichte

Es war in der schönen spanischen Stadt Valencia, als ich in den 1990-er Jahren meine erstes Hör- und Seherlebnis mit Techno hatte. Damals machte ich Urlaub, und von unserem Standort auf einem Zeltplatz in Alicante begaben wir uns mit dem Zug auf den Weg. In Valencia angekommen, wurden wir auf die Frage, wo denn hier das Nachtleben zu erleben sei, in Richtung einer Restaurant-, Bar- und Disco-Meile direkt am Meer verwiesen – ausdrücklich versehen mit der Warnung, dass dort wegen einer signifikant hohen Kriminalitätsrate (Diebstahl, Raub, Drogen und sogar Mord) besser vorsichtig sein solle; und keinesfalls sollte man sich in der Nacht am Strand aufhalten, da dort alles Mögliche geschehen könne. Abenteuerlustig und eher sorglos, wie wir damals waren, machten wir uns direkt auf den Weg.

Techno in Valencia

Und so, wie es uns beschrieben wurde, war es auch. Bars, Diskotheken und Restaurants reihten sich zahlreich aneinander, das Meer rauschte im Hintergrund und einige der Gestalten, die dort saßen oder gingen, vermittelten schon einen etwas befremdlichen Eindruck. Noch bis heute erinnere ich mich an eine Gruppe komplett schwarz gekleideter junger Männer, die mit wirren, flackernden und Angst machenden Blicken ihre Umgebung fixierten. Der Eindruck, dass sie wohl illegale Drogen unbestimmbarer Art zu sich genommen hatten, war vermutlich nicht ganz falsch. Was noch auffiel, war die Polizeidichte, aber irgendjemand musste ja die braven Partygänger vor den bösen Buben schützen.

Nachdem wir gut gegessen hatten, stürzten wir uns ins Getümmel und landeten, ohne es zu ahnen, in einer Techno-Disko. Die eher einfach strukturierte Musik war von einer hohen Beat-Dichte, Piano- oder Synthesizer-Loops und viel Bass gekennzeichnet, die Tanzbewegungen hatten durch den Einsatz von Stroboskop-Lichtern zum Teil etwas Zuckendes an sich und die Menge schien wie in Trance zu sein. Ich war sofort „geflasht“, wie früher einmal gesagt wurde. Ich wollte sofort davon einfach mehr, wir blieben den ganzen Abend und die ganze Nacht, so groß war die Begeisterung über diesen für mich damals neuen Sound.

Als ich später in Nordhorn einem anderen Freund davon berichtete, bekam ich eine gute Nachricht. Er erzählte, dass es so etwas auch in Münster gebe. Weitere gute Nachricht: Er mochte diese Musik auch und hatte sogar ein Auto. So machten wir uns über Landstraße und Autobahn auf den Weg in die westfälische Universitätsstadt, die abgesehen von den zahlreichen Studenten doch eher als Hort bürgerlicher Behaglichkeit mit pittoreskem Stadtkern, dem Prinzipalmarkt, bekannt war.

In Münster angekommen, ging die Fahrt in Richtung Münsterlandhalle und von dort direkt auf ein düsteres Industriegelände mit zum Teil abgewrackten Fabrikgebäuden. Auf dem Gelände einer ehemals international tätigen Baufirma hatten sich in Absprache mit der Konkursverwaltung Künstler, Kleinbetriebe und Klubs niedcrgelassen, die gegen Miete die Räumlichkeiten nutzen konnten.

Als ich nun vor Jahr und Tag mit einem Freund zum ersten Mal da war, steuerten wir zunächst die „Sputnik-Halle“ an, in der Alternativ-Rock gespielt wurde. Die Techno-Jünger, so wusste es Insider, würden sich erst gegen 1 oder 2 Uhr nachts, manchmal auch später, einfinden. Aber dafür war auf dem Gelände, wo die Autos geparkt waren, einiges los. Fenster wurden heruntergekurbelt, etwas übergeben, und dann wurde das Fenster wieder hochgekurbelt. Was da vor sich ging, war für die Insider natürlich sofort zu erahnen.

Gegen 2 Uhr verließen wir die Sputnik-Halle und suchten das „Fusion“ auf. In den nebelgeschwängerten und zum Teil sehr dunklen Räumen wiederholte sich dann das Geschehen, das ich zum ersten Mal in Valencia erlebt hatte. Wiederum war ich begeistert von dieser Freude und Exstase, die Techno auszulösen vermag, und bin es bis heute geblieben.

Neben dem Fusion gibt es als Klubs auch noch das „Triptychon“, die „Favela“ und das „Conny Kramer.“

Selbstverwaltung durch Verein

Nachzulesen ist die Geschichte und Struktur des Hawerkamp auf der eigenen Internetseite: „Der Hawerkamp 31 e.V. verwaltet seit dem 1. Januar 2013 das Hawerkamp-Gelände in Eigenregie.
2006 hatte der Vorgängerverein Erhaltet den Hawerkamp e.V. die Selbstverwaltung begonnen. Grundlage ist ein Miet- und Überlassungsvertrag zwischen dem Verein und der Stadt Münster.
Der Hawerkamp 31 e.V. ist ein Mieterverein. Die Mieter des Geländes (Clubs, Schrauber, Künstler und viele mehr) zahlen ihre Miete an den Verein, der sich um die Bewirtschaftung, Verwaltung und Verkehrssicherheit der Gebäude kümmert und somit Erhalt und Weiterführung des Selbstverwaltungsprojektes sichert. Ziel des Vereins ist der Erhalt und die Weiterentwicklung des Selbstverwaltungsprojektes, nicht das Ziel der Gewinn- oder Einnahmemaximierung. Besonderes Ziel ist die Förderung von Kunst und Kultur auf dem Gelände. Das Selbstverwaltungsprojekt ist in dieser Form einzigartig in der Bundesrepublik.

Nach 100-jähriger Firmengeschichte wurde 1988 Peter Büscher & Sohn, eine auch international tätige Baufirma mit Betonwerken, aufgegeben. Das seit 1919 bestehende Betriebsgelände Am Hawerkamp wurde dann von der eingesetzten Konkursverwaltung an Künstler, Kleinbetriebe, Clubs und ähnliche Nutzer vermietet. Im Zuge der Neuordnung des Hafengeländes erwarb die Stadt Münster die Liegenschaft mit den darauf befindlichen Gebäuden. Inzwischen hatte sich hier eine beachtenswerte „Szene“ gebildet, die 1993 in einer ersten gemeinsamen Ausstellung mit dem Titel „Werksgelände“ die ansässigen Künstler vorstellte. Für die Kulturhauptstadtbewerbung der Stadt Münster Anfang der 00er Jahre wurde das Gelände zu einem wichtigen Baustein im Bewerbungsportfolio: hier „sorgen kreative und wagemutige Künstler, Gewerbetreibende … für frischen Wind“. Mit dem „Erhaltet den Hawerkamp e.V.“ konnte der Rat der Stadt dann 2004 im Masterplan zur Hafenentwicklung die Sicherung der „Kulturszene Hawerkamp“ auf den Weg bringen, die ab 2006 in Selbstverwaltung besteht und zunächst bis 2015 befristet war. Seit 2013 wird der „KAMP“ durch den neu gegründeten Verein „H31e.V.“ selbstverwaltet, die Überlassung ist inzwischen mit Verlängerungsoptionen bis 2025 gesichert. Noch heute zeigt sich die Geschichte der Firma Büscher & Sohn auf dem Gelände. Der alte Lockschuppen im Herzen des Hawerkamp dient als Veranstaltungsfläche, die Halle B ist fast im Originalzustand erhalten. Betonplatten bilden ein Gebirge und selbst in den Clubs und Ateliers atmet das alte Betonwerk weiter. Diese Spuren zu erhalten ist eines der Ziele des Vereins. Münster war und ist ein Ort auch der Arbeiter und der Produktion. Der Hawerkamp als Kulturstandort hat seit 25 Jahren seine eigene Geschichte geschrieben.Kunstausstellungen, Konzerte, Clubfestivals, Kunstkurse, legendäre Crossover-Veranstaltungen, Konzerte in Schrauberwerkstätten, Theater in der alten Werkshalle B und das jährliche EdH-Festival ziehen tausende Besucher an. So wie der Hawerkamp ein Ort des öffentlichen Lebens ist, so ist er auch ein Ort der Arbeit. Mehr als 50 bildende Künstler, sowie Drucker, Schneider, Fahrrad- und Autoschrauber, Handwerksbetriebe, Clubs und Konzertveranstalter, Architekten, Caterer, soziokulturelle Vereine, probende Bands und Theatergruppen sind auf dem Gelände tätig.Diese anfänglich eher zufällige Nutzungsvielfalt hat sich bewährt als wesentlich für den Bestand und die Entwicklung des Geländes, da diese Heterogenität sowohl produktive Reibung als auch umsichtige und gegenseitige Energien und Synergien erzeugt, die einer einfältigen Monotonie widerstehen kann. Ein solches „Biotop“ gibt auch den sich sonst fast regelmäßig einstellenden Gentrifizierungen kaum Chancen. Inzwischen ist der „KAMP“ ein weit über regionale Grenzen bekanntes Gelände. So finden Konzerte und Partys mit internationalen Bands und DJ´s statt. Film und Fernsehteams nutzen die einzigartige Kulisse.“

Erinnerung an eine Ausstellung im Rijksmuseum Twenthe

In der Männerwelt durchgesetzt

Dass Frauen es trotz aller Schwierigkeiten schon vor Jahrhunderten schaffen konnten, sich in einer männerbeherrschten Welt zu etablieren, zeigt das Beispiel der Künstlerin Artemisia Gentileshi. Eine Ausstellung mit ihren Werken war bis Anfang 2023 im Rijksmuseum Twenthe in Enschede zu sehen.

Große Kunst von Frauen gab es bereits im Zeitalter des Barock: Die bekannteste Vertreterin war Artemisia Gentileshi. Sie wurde 1593 in Rom als Tochter des bekannten Malers Orazio Lomi geboren. Dadurch hatte die junge Artemisia – anders als die überwiegende Mehrheit der der Frauen zu ihrer Zeit – Zugang zu Bildung und Kultur. Sie lernte von ihrem Vater, und schnell wurde klar, dass ihr künstlerisches Talent groß war.

Meisterwerk mit 17

Schon im Alter von siebzehn Jahren war sie in der Lage, ein Meisterwerk zu schaffen: eine komplexe Komposition mit mehreren Figuren. Im Mittelpunkt steht dabei die schöne, biblische Susanna, die beim Baden von zwei älteren Männern begafft und belästigt wird. Sie stellen Susanna vor eine unmögliche Wahl: Entweder sie gibt sich ihnen hin, und niemand wird es hören, oder sie weigert sich, wird trotzdem vergewaltigt und die beiden werden nachher herumerzählen, dass sie sich ihnen hingegeben hat. Gentileshi zeigt das Dilemma ohne Ausweg für Susanna, die Gefahr läuft, ihre Ehre zu verlieren. Im Gegensatz zur Auffassung mancher ihrer männliche Zeitgenossen war für die Künstlerin das Baden von Susanna keine Entschuldigung für sexualisierten Voyeurismus, sondern eine Gelegenheit, sich selbst über ihren Körper und das Sein als Frau bewusst zu werden.

In einem Brief zeigte sich Vater Orazio stolz auf seine Tochter Artemisia, die „so fähig geworden ist, dass ich es kaum zu sagen weiß.“

Trotz guter Voraussetzungen führte Artemisia das erfolgreiche römische Atelier ihres Vaters nicht fort; und das hatte Gründe. Sie wurde von Agostino Tassi, einem Freund ihres Vaters, bei dem sie Kenntnisse in perspektivischer Malerei erhalten sollte, vergewaltigt. Damit nicht genug, hielt er das Versprechen, sie zu heiraten, nicht ein – mit der Behauptung schon verheiratet zu sein, was aber nicht stimmte.

Für Artemisias Vater war diese Lüge, der Verrat, das größere Verbrechen als die Vergewaltigung. Orazio reichte eine Klage gegen seinen Freund, der die Ehre seiner Tochter wegen eines nicht eingehaltenen Heiratsversprechens geschändet hatte. Aufgrund des öffentlichen Charakters dieses Prozesses drohte Artemisia das Schicksal der von ihre gemalten Susanna im Bade zu erleiden. Nach dem Prozess, der mit einer Verurteilung für Tassi endete, begann für Artemisia ein turbulentes, aber auch relativ unabhängiges Leben.

Ein neues Leben

Sie verließ Rom und wählte Florenz als ihre neue Heimat, bevor sie 1620 wieder zurückkehrte. Danach lebte sie noch einige Jahre in Venedig, bevor sie sich dauerhaft in Neapel niederließ. In dieser Zeit heiratete sie, bekam Kinder und wurde die erste Frau, die der Accademia di Arte Disegno in Florenz beitreten durfte. Als Künstlerin war sie erfolgreich und arbeitete für nationale und internationale Kunden.

Aber es gab auch Tragödien im Leben von Artemisia Gentileshi. Von ihren fünf Kindern starben vier im jungen Alter, sie begann eine außereheliche Affäre, entfremdete sich von ihrem Mann und verlor den Kontakt zu ihrem Vater. Auch ständige Geldprobleme prägten ihr Leben.

Das relativ begrenzte Wissen über Artemisias Leben wurde durch knappe Quellen wie die Abschriften des Prozesses gegen Agostino Tassi und mehrere Dutzend diktierter oder selbst geschriebener Briefe an Kunden oder Bekannte dokumentiert. Zusammen mit ihrem gemalten Werk bietet dieses Wissen einen Einblick in das Leben einer selbstständigen, als Künstlerin arbeitenden Frau im Zeitalter des Barock. Durch ihren Beruf als Malerin erreichte Artemisia ein für die damaligen Verhältnisse großes Maß an Freiheit und Erfolg. Und ihr Werk ist es, mit dem sie viele universelle Geschichten – besonders die über Frauen – auch heute noch immer erzählt.