Kunstbetrachtungen, Teil 12

Der Satz vom Ende der Kunst

In Teil 11 der Kunstbetrachtungen ging es, ausgehend von Ausführungen des deutschen Philosophen Martin Heidegger, um das Phänomen der Vergänglichkeit, um die Geschichtlichkeit ästhetischer Erfahrungen. Nach Auffassung des Autors von „Kunst – Eine philosophische Einführung“, Georg W. Bertram, kann eine ästhetische Selbstverständigung des Betrachters bei der Auseinandersetzung mit Kunst sowohl bei zeitgenössischer Trance-Musik wie bei antiken Kultgegenständen zustande kommen – immer vor dem „jeweils eigenen geschichtlichen Hintergrund“, wie Bertram schreibt.

Das Thema der Vergänglichkeit greift auch der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel auf. Er vertritt die These, dass ästhetische Praktiken als selbstverständigende Praktiken, kurz die geistige Auseinandersetzung des Betrachters mit einem Kunstwerk, an Bedeutung verlieren könnten. Bekannt ist diese These als Satz vom Ende der Kunst. Hegel meint, dass es dazu kommen könne, das Kunstwerke nicht auf ewige Zeit die gleiche Resonanz hervorrufen. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass es zahlreiche Erfahrungen solcher Art gibt. Sowohl die Malerei als auch andere Künste wie die Literatur und insbesondere ihre Erschaffer haben Zeitläufte unterschiedlichster Art erlebt – von höchster Resonanz bis zum mehr oder minder großen Vergessen. Kurz gesagt: Ein Kunstwerk entfaltet seine Wirkung nur dann, wenn es beim Betrachter Gedankengänge auslöst, wenn es den Betrachter berührt und er einen persönlichen Zugang dazu findet. Und das ist dem stetigen Wandel unterzogen. Autor Bertram spricht von der Geschichte des Entstehens und Vergehens von Selbstverständigungen und schreibt: „Wo Kunstwerke ästhetisch erfahren werden, werden sie als Selbstverständigungen gesucht und hinterfragt.“ Im umgekehrten Schluss verlieren sie an Wert, wenn die Selbstverständigung unterbleibt.

Kunst und Philosophie der Kunst“

Im nachfolgenden Kapitel „Kunst und Philosophie der Kunst“ erklärt er den Zusammenhang von Kunst und Philosophie. Trotz der Tatsache, dass die Philosophie eine recht abstrakte Angelegenheit sei und die Kunst hingegen sinnlich und konkret, erläutert Bertram weiter, entstehe die Verbindung dieser zunächst gegensätzlichen Bereiche über den schon genannten Begriff der Selbstverständigung: „Wenn Kunst Selbstverständigung ist, dann gehört zu ihr immer das Nachdenken darüber, ob und wie sie als Selbstverständigung funktioniert. Kunst hängt untrennbar damit zusammen, dass sie als Kunst … befragt wird.“

Hier kommt dann die Kunstkritik ins Spiel, die unterschiedliche Formen annehmen kann – von der Interpretation und Bewertung von Kunstwerken über Gespräche bis hin zu Erfahrungsberichten und Artikeln in der Zeitung. Darin wird laut Bertram darüber nachgedacht, ob und wodurch Kunstwerke gelingen oder scheitern und was sie für uns wertvoll macht.“

Und die Philosophie hat auch ihre Aufgabe – mit dem Nachdenken über Kunst auf theoretischer Basis. Konkret heißt das für den Autor: „Sie muss die mit der Kunst verbundene Fragwürdigkeit so aufgreifen, wie sie sich in der Auseinandersetzung mit Kunstwerken ergibt. Die Philosophie der Kunst hat so die Aufgabe, die für die Kunst konstitutive mangelnde Selbstverständlichkeit und ihren Wert als Selbstverständigung explizit zu machen. Sie erweist sich damit möglicherweise als ein hilfreicher Partner in der Begegnung mit Kunst.“ Die Philosophie kann in diesem Zusammenhang laut Bertram „das Ziel haben, die Standards, die im Nachdenken über Kunst im Spiel sind, zu diskutieren und das Nachdenken so über das Erreichen und Verfehlen seiner eigenen Standards aufzuklären.“

Für Bertram auch wichtig: die Unterscheidung zwischen ästhetisch Erfahrenden (Betrachter, bei denen ein Kunstwerk Gedanken in Gang setzt) auf der einen Seite und der Philosophen auf der anderen Seite. Gleichzeitig, schreibt Bertram weiter, kann die ästhetische Praxis des Betrachters Gegenstand „fruchtbarer theoretischer Erkundung werden … Die philosophische Theorie entwickelt sich in Auseinandersetzung mit den Erfahrungen, die Rezipierende (Anm.: in diesem Fall eine Person, die sich über ein Kunstwerk informieren will) in der Auseinandersetzung mit Kunstwerken machen.“

Gregor Samsa und sein Doppelgänger Gregor Ducksa

Vom Rätselhaften zum Einfachen

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ – Literaturliebhaber kennen diesen ersten Satz aus Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“. Er gehört zu den berühmtesten Sätzen der Weltliteratur und ist der Beginn einer unheimlichen und rätselhaften Geschichte, die zu vielen Interpretationen Anlass bot und immer noch bietet.

Kurzum: Es geht in diesem Klassiker der Weltliteratur also um diesen Gregor Samsa, der zunächst als Person nicht näher beschriebern wird, und den das Schicksal der Verwandlung in ein Insekt ereilt hat. Erst denkt er noch, er hätte schlecht geträumt. Doch sein neuer Körper mit einem gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch und dünnen, zappelnden Beinchen belehrt ihn eines Besseren. Und schon beginnen die Probleme. Das Aufstehen wird aufgrund seines neuen und ungewohnten Insektenkörpers zur fast unüberwindlichen Qual und er hat den Wecker nicht gehört.

Eigentlich hätte er um 4 Uhr morgens aufstehen müssen, um seiner Arbeit als Handelsreisender in Tuchwaren nachzugehen, doch es ist schon halb 7. Eigentlich möchte er auch noch ein wenig schlafen, die Arbeit strengt ihn so an, dass er oft müde ist. Gregor Samsa will daher auch gar nicht mehr als Reisender tätig sein und kündigen. Doch da gibt es ein Problem: Er muss mit dem verdienten Geld die Schulden der Eltern abtragen, die mit einem Geschäft pleite gegangen sind. Und die Familie samt Schwester macht sich Sorgen, als sie merken, dass Gregor verschlafen hat. Es ruft die Mutter: „Gregor. Es ist dreiviertel sieben. Wolltest du nicht wegfahren?“ Die Situation ist mehr als abstrus. Gregor macht sich trotz seiner besonderen Lage Gedanken, wie es mit der Arbeit weitergehen könne. Wegen der Unpünktlichkeit erwartet er ein Donnerwetter des Chefs, Er denkt realistisch, ganz konkret über seine Situation als Handelsreisender nach, ist aber gleichzeitig in seiner neuen Situation als Käfer gefangen. Eine Ausweglosigkeit, die sich auch in vielen anderen Figuren ihres literarischen Schöpfers Franz Kafka wiederfindet.

Dass in der Erzählung „Die Verwandlung“ ausgedrückte Gefühl, dass ihm trotz einer wirklich überflüssigen Schläfrigkeit ganz wohl sei und dass er „sogar einen besonders kräftigen Hunger“ habe, macht das ganze Geschehen noch umso absurder. Aber es kommt noch schlimmer. Seine Stimme, so meint er zu hören, mische sich bei seinem Versuch, der Mutter zu antworten, mit einem „nicht zu unterdrückenden, schmerzlichen Piepen …, das die Worte förmlich nur im ersten Augenblick in ihrer Deutlichkeit beließ, um sie im Nachklang derart zu zerstören, daß man nicht wußte, ob man recht gehört hatte.“

Bald steht auch der Vater vor der Tür, und gleichfalls die Schwester. Auch sie rufen nach Gregor und bitten, dass er die Tür öffnen möge. Der aber denkt gar nicht daran, dem nachzukommen. Sein Wunsch für den weiteren Verlauf seines Handelns ist ein anderer und klingt eigentlich sehr vernünftig: „Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und vor allem frühstücken, und dann erst das Weitere überlegen, denn, das merkte er wohl, im Bett würde er mit dem Nachdenken zu keinem vernünftigen Ende kommen. Er erinnerte sich, schon öfters im Bett irgendeinen vielleicht durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmerz empfunden zu haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Erfindung herausstellte, und er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich auflösen würden.“

Es geht in diesem Moment aber nicht um Erfindungen und Vorstellungen. Sein Körper ist ein ganz anderer – der eines Insektes – geworden, und das Bemühen, „sich nicht im Bette unnütz“ aufzuhalten, wird zur Qual. Kafka beschreibt es so: „Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Körpers aus dem Bett hinauskommen, aber diese untere Teil, den er übrigens noch nicht gesehen hatte und von dem er sich auch keine rechte Vorstellung machen konnte, erwies sich als zu schwer beweglich; es ging so langsam; und als er schließlich, fast wild geworden, mit gesammelter Kraft, ohne Rücksicht sich vorwärtsstieß, hatte er die Richtung falsch gewählt, schlug an den unteren Bettpfosten heftig an, und der brennende Schmerz, den er empfand, belehrte ihn, daß gerade der untere Teil seines Körpers augenblicklich vielleicht der empfindlichste war.“

Auch weitere Versuche scheitern. Doch Gregor gibt nicht auf und sagt sich noch einmal, „daß er unmöglich im Bett bleiben könne und daß es das Vernünftigste sei, alles zu opfern, wenn auch nur die kleinste Hoffnung bestünde, sich dadurch vom Bett zu befreien. Gleichzeitig aber vergaß er nicht, sich zwischendurch daran zu erinnern, daß viel besser als verzweifelte Entschlüsse ruhige und ruhigste Überlegung sei.“ Auch über die Arbeit macht er sich Gedanken, schließlich ist er ja schon unpünktlich. Er sagt sich: „Ehe es ein viertel Acht schlägt, muß ich unbedingt das Bett verlassen haben. Im übrigen wird auch bis dahin jemand aus dem Geschäft kommen, um nach mir zu fragen, denn das Geschäft wird vor sieben Uhr geöffnet.“ Und so geschieht es auch. Der Prokurist steht vor der Wohnungstür und läutet. Und in Gregors Kopf dreht sich ein Fragenkarussell: „Warum war nur Gregor dazu verurteilt, bei einer Firma zu dienen, wo man bei der kleinsten Versäumnis gleich den größten Verdacht fasste? Waren denn alle Angestellten samt und sonders Lumpen, gab es denn unter ihnen keinen treuen, ergebenen Menschen, der, wenn er auch nur ein paar Morgenstunden für das Geschäft nicht ausgenützt hätte, vor Gewissensbissen närrisch wurde und geradezu nicht imstande war, das Bett zu verlassen? Genügte es wirklich nicht, einen Lehrjungen nachfragen zu lassen … mußte da der Prokurist selbst kommen, und mußte dadurch der ganzen unschuldigen Familie gezeigt werden, daß die Untersuchung dieser verdächtigen Angelegenheit nur dem Verstand des Prokuristen anvertraut werden konnte?“

Diese Überlegungen haben schmerzvolle Folgen: “Und mehr infolge der Erregung, in welche Gregor durch diese Überlegungen versetzt wurde, als infolge eines richtigen Entschlusses, schwang er sich mit aller Macht aus dem Bett … Ein wenig wurde der Fall durch den Teppich abgeschwächt, auch war der Rücken elastischer, als Gregor gedacht hatte … Nur den Kopf hatte er nicht vorsichtig genug gehalten und ihn angeschlagern; er drehte ihn und rieb ihn an dem Teppich vor Ärger und Schmerz.“

Und was passiert derweil vor Gregors Tür? Der Vater weist darauf hin, dass der Prokurist gekommen ist, um sich zu erkundigen, warum er seiner Arbeit nicht nachgekommen sei, und die Mutter sagt entschuldigend, dass ihm nicht wohl sei. Gleichzeitig versichert sie, dass ihr Sohn eigentlich nichts anderes im Kopf habe als das Geschäft. Der Prokurist akzeptiert zunächst den von der Mutter angeführten Grund für Gregors Fernbleiben von der Arbeit, macht aber auch gleichzeitig darauf aufmerksam, „daß wir Geschäftsleute – wie man will, leider oder auch glücklicherweise – ein leichtes Unwohlsein sehr oft aus geschäftlichen Rücksichten einfach überwinden müssen.“ Diese Äußerung bringt den Vater dazu, auch Druck zu machen, obwohl Gregor gesagt hat, dass er gleich kommen werde: „Also kann der Herr Prokurist schon zu dir hinein?“, fragte der ungeduldige Vater und klopfte wieder an die Tür.“

Auch die Schwester macht sich bemerkbar. Sie beginnt im Nebenzimmer zu schluchzen. Gregor macht sich über die Gründe Gedanken: „Und warum weint sie denn? Weil er nicht aufstand und den Prokuristen nicht hereinließ, weil er in Gefahr war, den Posten zu verlieren, und weil dann der Chef die Eltern mit den alten Forderungen wieder verfolgen würde? Das waren doch vorläufig wohl unnötige Sorgen.“

Außerdem hat Gregor ja auch seine nachvollziehbaren Gründe, die Tür nicht zu öffnen. Sie sind seinem neuen Insektenkörper geschuldet, der ihm ungewohnte Schwierigkeiten bereitet: „Augenblicklich lag er wohl da auf dem Teppich, und niemand, der seinen Zustand gekannt hätte, hätte im Ernst von ihm verlangt, daß er den Prokuristen hereinlasse.“ Gregor interpretiert seine Verweigerung, die Tür zu öffnen, als „kleine Unhöflichkeit, für die sich ja später leicht eine passende Ausrede finden würde.“ Und er glaubt nicht, dass sein momentanes Verhalten Grund dafür sein könne, ihn zu entlassen. Vielmehr, so scheint ihm, wäre es viel vernünftiger, „ihn jetzt in Ruhe zu lassen, statt ihn mit Weinen und Zureden zu stören.“ Gregor hat aber auch Verständnis für das Verhalten der anderen: „ … es war eben die Ungewissheit, welche die anderen bedrängte und ihr Benehmen entschuldigte.“

Während er noch Verständnis für das Verhalten der anderen aufbringt, steigt vor allem beim Prokuristen das Unverständnis gegenüber Gregors Verhalten, das er auch in deutlichen Vorwürfen und Drohungen artikuliert: „Sie verbarrikadieren sich da in Ihrem Zimmer, antworten bloß mit Ja und Nein, machen Ihren Eltern schwere, unnötige Sorgen und versäumen … Ihre geschäftlichen Pflichten in einer eigentlich unerhörten Weise … Ich glaubte Sie als einen ruhigen, vernünftigen Menschen zu kennen, und nun scheinen Sie plötzlich anfangen zu wollen, mit sonderbaren Launen zu paradieren. Der Chef deutete mir zwar heute früh eine mögliche Erklärung für ihre Versäumnis an – sie betraf das Ihnen seit kurzem anvertraute Inkasso -, aber ich legte wahrhaftig fast mein Ehrenwort dafür ein, daß diese Erklärung nicht zutreffen könne. Nun aber sehe ich hier Ihren unbegreiflichen Starrsinn und verliere ganz und gar jede Lust, mich auch nur im geringsten für Sie einzusetzen. Und Ihre Stellung ist durchaus nicht die festeste.“

Gregor ist aufgrund dieser vernichtenden Äußerungen außer sich und versucht dem Prokuristen gegenüber, sein seltsam erscheinendes Verhalten mit Unwohlsein und Schwindelgefühl zu entschuldigen, verwahrt sich gegen die Vorwürfe, weist auf von ihm eingeholte Aufträge hin, die vielleicht nicht berücksichtigt worden seien, bittet darum, seine Eltern vor solchen Anschuldigungen zu schonen, und erklärt, dass er sich gleich auf den Weg machen werde: „Übrigens, noch mit dem Achtuhrzug fahre ich auf die Reise, die paar Stunden Ruhe haben mich gekräftigt. Halten Sie sich nur nicht auf, Herr Prokurist, ich bin gleich selbst im Geschäft, und haben Sie die Güte, das zu sagen und mich dem Herrn Chef zu empfehlen!“

Während er „dies alles hastig ausstieß und kaum wußte, was er sprach“, gelingt es ihm trotz der durch seinen neuen Körper bedingten Schmerzen im Unterleib, Herrschaft über sich zu erlangen und aufrecht zu stehen, indem er sich gegen die Rückenlehne eines nahen Sessels fallen lässt, „an deren Rändern er sich mit seinen Beinchen festhielt.“

Vor seiner Tür bricht bei der Familie Panik aus. Wieder klingt seine Stimme unverständlich, der Prokurist vermutet eine Tierstimme. Die Mutter befürchtet, dass Gregor schwer krank sei und erteilt der Tochter Grete den Auftrag, den Arzt zu verständigen, der Vater hingegen verlangt nach einem Schlosser, der die Tür öffnen soll.

Gregor ist angesichts der Aktivitäten seiner Eltern „viel ruhiger geworden“. Er vermutet, dass sie verstanden haben, „dass es mit ihm nicht ganz in Ordnung war“ und dass sie bereit sind, ihm zu helfen. Seine Stimmung bessert sich im nu: „Die Zuversicht und Sicherheit, mit welchen die ersten Anordnungen getroffen worden waren, taten ihm wohl. Er fühlte sich wieder einbezogen in den menschlichen Kreis und erhoffte von beiden, vom Arzt und vom Schlosser, ohne sie eigentlich genau zu scheiden, großartige und überraschende Leistungen.“

Angespornt von den Aktivitäten vor der Tür versucht auch Gregor einen Beitrag zu leisten. Trotz der Schwierigkeiten, die ihm sein neuer Körper bereitet, bemüht er sich nach Kräften, an den Schlüssel zu kommen, ihn zu drehen und damit die Tür zu öffnen. Das gelingt trotz einer Verletzung. Langsam lugt er hinter der Tür hervor.

Als die da draußen ihn dann erstmals in seiner jetzigen Gestalt sehen, ist der Schrecken groß. „Oh“, ruft der Prokurist, die Mutter wird ohnmächtig und der Vater scheint ihm mit der Faust zu drohen, doch das war nur der erste Eindruck. Nach einem kurzem Moment weint er angesichts der Verwandlung seines Sohnes so stark, „daß sich seine mächtige Brust schüttelte.“

So hat Gregor das Gefühl, „daß er der einzige war, der die Ruhe bewahrt hatte“, und versichert, dass er sich gleich auf den Weg machen werde: „Ich werde mich gleich anziehen, die Kollektion zusammenpacken und wegfahren“. In Richtung Prokurist zeigt er sich unterwürfig, entschuldigend und sagt: „Sie sehen, ich bin nicht starrköpfig und ich arbeite gern; das Reisen ist beschwerlich, aber ich könnte ohne das Reisen nicht leben … Man kan im Augenblick unfähig sein, zu arbeiten, aber dann ist gerade der richtige Zeitpunkt, sich an die früheren Leistungen zu erinnern und zu bedenken, daß man später, nach Beseitigung des Hindernisses, gewiß desto fleißiger und gesammelter arbeiten wird. Ich bin ja dem Herrn Chef so sehr verpflichtet, das wissen Sie doch recht gut.“ Gregor geht aber in der Angst, seine Arbeit zu verlieren, noch weiter, bittet und bettelt den Prokuristen an: „Machen Sie es mir aber nicht schwieriger, als es schon ist. Halten Sie im Geschäft meine Partei! Man liebt den Reisenden nicht, ich weiß. Man denkt, er verdient ein Heidengeld und führt dabei ein schönes Leben … Sie aber, Herr Prokurist, Sie haben einen besseren Übewrblick über die Verhältnisse als das sonstige Personal, ja sogar, ganz im Vertrauen gesagt, einen besseren Überblick als der Chef selbst … Herr Prokurist, gehen Sie nicht weg, ohne mir ein Wort gesagt zu haben, das mir zeigt, daß Sie mir wenigstens zu einem kleinen Teil recht geben!“

Doch alles Bitten und Betteln hilft nicht, der Prokurist wendet sich von Gregor ab. Dessen Sorgen angesichts des bevorstehenden Weggangs des Prokuristen verschärfen sich: „Gregor sah ein, daß er den Prokuristen in dieser Stimmung auf keinen Fall weggehen lassen dürfe, wenn dadurch seine Stellung im Geschäft nicht aufs äußerste gefährdet werden sollten … Der Prokurist musste gehalten, beruhigt, überzeugt und schließlich gewonnen werden; die Zukunft Gregors und seiner Familie hing doch davon ab!“ Diese Sorgen bewegen ihn zu einem fatalen Schritt. Gregor bewegt sich auf den Prokuristen zu, der fluchtartig die Wohnung verlässt und die Treppe runterstürzt. Gleichzeitig erschrickt die Mutter angesichts seiner körperlichen Erscheinung, und der Vater versucht, ihn mithilfe eines Stocks und einer Zeitung in sein Zimmer zurückzutreiben. Gregor widersetzt sich dem nicht, doch sein Körper, den er nicht so recht zu koordinieren vermag, spielt ihm einen Streich und es dauert lange, bis er sich in Richtung Zimmer bewegen kann, in das er letztendlich mit dem Fußtritt seines Vaters befördert wird, verletzt und blutend. Dann wird es endlich still.

Der langsame Niedergang des Gregor Samsa

Als er aus einem „schweren ohnmachtsähnlichen Schlaf“ erwacht und sich zunächst „genügend ausgeruht und ausgeschlafen“ fühlt, bemerkt Gregor Samsa die körperlichen Folgen, die er von dem Fußtritt seines Vaters davongetragen hat: „Seine linke Seite schien eine einzige lange, unangenehm spannende Narbe, und er mußte auf seinen zwei Beinreihen regelrecht hinken. Ein Beinchen war übrigens im Laufe der vormittäglichen Vorfälle schwer verletzt worden … und schleppte leblos nach.“ Damit hat es mit seiner elenden Situation aber noch kein Ende. Das ihm vorgesetzte Essen, bestehend aus süßer Milch, „in der kleine Schnitten von Weißbrot schwammen“, schmeckt ihm trotz großen Hungers nicht, obwohl Milch „sonst sein Lieblingsgetränk war.“

Was ihm nach der abgebrochenen Nahrungsaufnahme auffällt, ist die Stille, die in der Wohnung herrscht. Das laute Vorlesen der Zeitung durch den Vater, das sonst jeden Morgen am Frühstückstisch erfolgt und von dem ihm die Schwester berichtet hat – er selbst war ja zu dieser Zeit schon als Reisender in Sachen Textilien unterwegs – scheint aus der Übung gekommen zu sein. Gregor kommt ins Grübeln: „Was für ein stilles Leben die Familie doch führte“, sagt er sich „und fühlte … einen großen Stolz darüber, daß er seinen Eltern und seiner Schwester ein solches Leben in einer so schönen Wohnung hatte verschaffen können. Wie aber, wenn jetzt alle Ruhe, aller Wohlstand, alle Zufriedenheit ein Ende mit Schrecken nehmen sollten?“

Was Gregor auch bemerkt, ist das veränderte Verhalten seiner Familie. Hatte diese am Morgen noch voller Sorge zu ihm hereinkommen wollen, ist es am Abend genau das Gegenteil: „… jetzt, da er die eine Tür geöffnet hatte … kam keiner mehr, und die Schlüssel steckten nun auch von außen.“

Nachdem sich die Familie zur Nachtruhe begeben hat, verfällt er wieder ins Grübeln und überlegt, „wie er sein Leben jetzt neu ordnen sollte.“ Erfüllt von einer Angst, deren Ursache er nicht herausfinden kann, eilt er unter das Kanapee, „wo er sich, trotzdem sein Rücken ein wenig gedrückt wurde und trotzdem er den Kopf nicht mehr erheben konnte, gleich sehr behaglich fühlte und nur bedauerte, daß sein Körper zu breit war, um vollständig unter dem Kanapee untergebracht zu werden.“ Gregor scheint sich trotz des körperlichen Ungemachs in Form der Verwandlung in ein Insekt in sein Schicksal zu fügen.

So ist also in der Erzählung „Die Verwandlung“ etwas geschehen, was beim Leser sofort Fragen auslöst. Ist es denn die Möglichkeit, dass ein Mensch sich in ein Insekt verwandeln kann, was soll das überhaupt und was will uns der Dichter eigentlich damit sagen?

Um darauf eine Antwort zu geben, bedarf es der Literaturwissenschaft. Wie Egon Ecker, der Autor mehrerer Fachbücher über deutsche Literatur, in der Reihe Analysen und Reflexionen des Beyer Verlages über einige Erzählungen Kafkas schreibt, sei es schwierig, in Kafkas Welt einzudringen: „Seine Werke sind vieldeutig und lassen daher die verschiedensten Interpretationen zu, manche seiner Texte sind sogar kaum deutbar, weil uns der persönliche Bezug fehlt“, heißt es im Kapitel Einführung in Kafkas Weltanschauung. Das klingt allerdings, ich muss es gestehen, nicht gerade hilfreich. Es stellt sich die Frage, was ich mit einem Text soll, zu dem ich keinen persönlichen Bezug habe. Auch der Hinweis, dass gerade in der Vieldeutigkeit der Texte der besondere Reiz liegt, erscheint wenig zielführend. Von sprachlichen Zeichenkombinationen, mehreren Dekodierungen und einem aufnehmenden Reproduktionsprozess mit immer neuen Variationen ist bei Ecker die Rede. Das klingt auch für den anspruchsvolleren Leser mehr als anstrengend.

Und es kommt noch dicker. Beim Leser soll der „Prozess der weiterdichtenden, ins Offene hinausführenden Deutungsversuche“ in Gang gesetzt werden, wie es bei dem von Ecker zitierten Karl-Heinz Fingerhut in ,dessen Schrift „Zugang zu Erzählungen Kafkas über das Märchen“ in: Blätter für den Deutschlehrer, H. 3, 1971, S. 88, nachzulesen ist. Die Erkenntnis daraus lässt sich kurzfassen: Der Leser muss sich mit einem Text befassen, den er nicht versteht, und dann soll er noch den Literaten in sich wachrufen, um zumindest den Versuch wagen zu können, den Text verstehen zu wollen, den er nicht versteht, weil er nicht zu verstehen ist.

Hilfreich angesichts dieser aussichtslos erscheinenden Situation des Nichtverstehens ist es, auf andere Variationen des Motivs der Erzählung „Die Verwandlung“ zurückzugreifen, die dem Leser die Möglichkeit bieten, einen persönlichen Bezug herzustellen und auch etwas verstehen zu können.

Wie eine literarische Entdeckung – ohne Anspruch auf Erstentdeckung – meinerseits belegt, gibt es auch einen Comic-Doppelgänger von Gregor Samsa, der bisher weitestgehend ein Schattendasein in der von literarischem Feingeist geprägten feuilletonistischen Öffentlichkeit führte. Eingefleischte Donaldisten werden ihn natürlich kennen. Er heißt mit Pseudonym Gregor Ducksa, entstammt aber unter seinem richtigen Namen Donald Duck ursprünglich aus der Stadt Entenhausen, vielen aus der Reihe „Lustiges Taschenbuch“ bekannt.

Im Comic „Die Verwandlung“, so ist es dort zu lesen, heißt er aber, wie schon erwähnt, Gregor Ducksa, und lebt in Prag. Der erste Bezug zu Franz Kafka, der gleichfalls in Prag lebte, ist hier zumindest schon auszumachen.

Auch andere Figuren aus dieser mit vielen Bildern und wenig Text dargestellten Geschichte mit einem abenteuerlichen und humorvollen Inhalt, wie ein Comic als lexikalischer Begriff offiziell definiert ist, kommen einem bekannt vor. Es sind im Original Onkel Dagobert Duck als Dagotek Ducksa, die Neffen Tick, Trick und Track als Vli, Vla und Vlo, Daisy als russisches Hausmädchen Anna im Haus Ducksa, Erfinder Daniel Düsentrieb als Danielcek Düsinski und Klaas Klever als Klaasek Kleverini.

Was die in dem Comic erzählte Geschichte angeht, ist sie eine etwas andere als die in der gleichnamigen Erzählung von Franz Kafka. Während bei Kafka viele Fragen nach der Deutung des Textes trotz allen literaturwissenschaftlichen Bemühens offen bleiben werden, geht es im Comic etwas eindeutiger und handfester zu, was vielleicht auch der literarischen Form geschuldet ist. Oder auch dem Bedürfnis des Lesers nach einer für gewöhnliche Gemüter zu verstehenden Handlung mit einem Schluss, der keine Fragen offen lässt.

Der Ausgangspunkt der Geschichte ist aber zunächst der gleiche wie bei Kafka. Gregor Ducksa, ebenfalls Handelsreisender in Textilien, hat verschlafen. Doch im Gegensatz zu Kafka geht das weitere Geschehen seinen schnellen Gang, und auch die Ursache der Schulden ist eine andere. Durch seine ständige Schläfrigkeit hat Gregor Ducksa bei einem Transport einen Kahn mit Stoffballen versenkt, die seinem Onkel Dagotek gehörten. Der Schaden: 10.000 Kronen.

Zack zack wird daher der Held der Geschichte von seinem Onkel aus dem Bett getrieben, damit dieser durch seine Tätigkeit als Handelsreisender erzielten Erlöse sobald wie möglich seine Schulden begleichen kann. Gregor macht sich also mit seinem Musterkoffer per Zug auf den Weg von Prag nach Brünn.

Währenddessen trifft sein Onkel auf seinen ewigen Widersacher in Sachen Erfolgreiche Geschäfte, Klaasek Kleverini, der mit seinem gleichnamigen Zirkus auf Tour ist. Was es mit diesem hier schon kurz angedeuteten erzählerischen Nebenstrang der Geschichte auf sich hat, darauf ist später noch mehr einzugehen.

Wie aber der eingefleischte Leser der „Lustigen Taschenbücher“ bereits ahnt oder weiß, ist das Geschick Gregor Ducksas dem Original Donald Duck nachempfunden, der wie in seinem tragischen und richtigen Leben von einem Mißgeschick in das andere gerät. Das erhoffte Geschäft in Brünn will natürlich nicht gelingen und so nimmt das Schicksal Donalds beziehungsweise Gregors seinen verhängnisvollen Lauf.

Dass es alte Zeiten gegeben hat, wo das Wünschen noch geholfen hat, meint sein Onkel Dagotek in der Zwischenzeit zu wissen; und der wünscht sich nach einer weiteren geschäftlichen Pleite nichts anderes, als dass sein Neffe tüchtig und erfolgreich werde. Und wer kann da helfen? Erfinder Danielcek Düsinski, der, wie es der Zufall gerade so will, einen Wachmacher in Form von Pillen entwickelt hat. Schelm, der Böses dabei denkt.

Eher nicht dem Zufall, sondern der Weiterführung der bald unglaublich wirkenden Geschichte geschuldet, kommt es bei der Verabreichung der Pillen zu einem unglücklichen Vorfall. Es waren die falschen Pillen, und statt tüchtig und erfolgreich zu werden, wachsen Gregor am ganzen Körper schwarze Haare. Natürlich zum Erschrecken der Familie, allerdings nicht der ganzen Familie. Onkel Dagotek vermutet hinter dem Haarwuchs einen Trick, damit sich der Neffe vor der Arbeit drücken kann

Gerade rechtzeitig kommt da Zirkusdirektor Klaasek Kleverini ins Spiel, Er entdeckt per Zufall, was mit Gregor Ducksa geschehen ist und hat sofort ein Angebot, dass der kaum ablehnen kann: Wenn Gregor sich als „einzig echtes Haarwunder“ für einen Monat im Zirkus bestaunen lässt, winkt ihm als Lohn die Summe von 10.000 Kronen. Er wäre alle seiner Schulden ledig und könnte ein neues Leben beginnen. Gregor stimmt in seiner Verzweiflung zu.

Und was geschieht in der Zwischenzeit im Hause Ducksa? Dienstmädchen Anna entdeckt, als sie Gregor eine Suppe bringen will, sein Verschwinden. Vli, Vla und Vlo bekommen das auch mit. Eine Spur, wo er sein könnte, findet sich per Zufall in Form einer Epaulette, doch etwa Genaueres kann da noch niemand wissen.

Auch an anderer Stelle nimmt die Geschichte ihren Lauf. Onkel Dagotek, der den Grund des urplötzlichen Haarwuchses ahnt, wendet sich in seiner Not ein weiteres Mal an Erfinder Düsinski, der sofort erkennt, dass es sich durch einen Fehlgriff bei den verabreichten Pillen um Chitinin handelte, ein noch nicht erprobtes Haarwuchsmittel, nicht um ein Mittel, aus einem eher trägen und schläfrigen einen tüchtigen und erfolgreichen Neffen und Mitarbeiter zu machen. Logischerweise gibt es natürlich umgehend ein Gegenmittel namens Euchitinon, und so machen sich Dagotek Ducksa und Danielcek Düsinski auf den Weg zu Gregor, den sie immer immer noch in seinem Zimmer wähnen.

Die schon erwähnte Epaulette, die auf die Uniform eines Zirkusdirektors verweist führt dann alle auf die richtige Spur: zum Zirkus von Klaasek Kleverini natürlich, wo Gregor Ducksa zum haarigen Publikumsliebling aufgestiegen ist. Im Schlaf nach erfolgreicher Show wird ihm von Danielcek Düsinski das Gegenmittel gespritzt. Doch das Ergebnis gefällt nur Onkel Dagotek, Klaasek Kleverini kann mit einem unbehaarten Gregor im Zirkus nichts anfangen und kündigt den Vertrag, der den übermäßigen Haarbewuchs als Grundbedingung beinhaltet, sodass Gregor nicht zu seinen erhofften 10.000 Kronen kommt. Die Folge: Erfinder Düsinski muss vor dem wütenden Gregor ebenso fliehen wie Onkel Dagotec. Und so endet die Geschichte.

Zur Ausstellung „Auf dem Weg nach Bentheim – Reisen mit Ruisdael“:

Nicht zum ersten Mal führte mich der Weg zum Rijksmuseum Twenthe am Lasondersingel 129 in Enschede. Viele großartige Ausstellungen waren dort schon zu sehen.

In diesem Jahr war es eine Ausstellung mit regionalem Bezug, die mich interessierte: „Unterwegs nach Bentheim“. Zu sehen waren Werke der Maler Jacob van Ruisdael, Meindert Hobbema und Anthony van Waterloo. Sie reisten über die Twente in die benachbarte Grafschaft Bentheim und verewigten die Landschaft, die sie unterwegs vorfanden.

Wie in der Ausstellung zu erfahren war, waren die Wege, die die drei Künstler auf sich nahmen, oft mühsam. Wegelagerer waren ein bekanntes Problem und die Straßen waren schlammig und schlecht, die Gasthäuser unbequem und auch ansonsten von eher mäßiger Qualität. Trotzdem ließen sich Ruisdael, Hobbema, van Waterloo und später noch manche mehr nicht von der Reise abhalten.

Eine Inspirationsquelle für solche künstlerischen Reisen war der Haarlemer Maler und Kunsttheoretiker Karel van Mander, der im Jahre 1604 junge Kunstschaffende dazu aufforderte, die Stadt zu verlassen und die Landschaft in den Blick zu nehmen. Vor Ort sollten dann Zeichnungen angefertigt werden, die später im Atelier zu Gemälden weiterentwickelt werden sollten.

Wie vielleicht manchem kunstbeflissenen Grafschafter bekannt sein sollte, hat der 1628 in Haarlem bei Amsterdam geborene Jacob van Ruisdael – in künstlerischen Fachkreisen als „Rembrandt der Landschaften“ bezeichnet – mehrmals die Burg Bentheim gemalt.

Große Faszination muss auf ihn damals die Lage der Burg auf einem hohen Felsen gemacht haben, waren doch die Burgen in seiner Heimat auf ebenem Land gebaut.

Von Jacob van Ruisdael gibt es heute noch 26 Bilder mit dem Schloß und der Bentheimer Landschaft. Eines dieser Bilder, das Gemälde „Burg Bentheim“, kam im Juli 1998 überraschend auf den internationalen Kunstmarkt, und der Landkreis Grafschaft Bentheim ließ sich die Chance nicht nehmen, dieses Bild über die Niedersächsische Sparkassenstiftung als Dauerleihgabe in die Grafschaft zu holen.

Auf dem Gemälde wird auf der linken Seite das Schloß Bad Bentheim dargestellt. Auf dem Weg vom Schloß kommt auf halber Höhe ein Mann herab. In der Mitte vorn, unterhalb eines am Abhang freistehenden Baumes, sieht man eine junge Frau mit einem Korb auf dem Kopf und einem Jungen an der Hand. Die rechte Hälfte des Bildes stellt einen Ausblick in die Landschaft dar, der nur im Vordergrund durch einen Baumstumpf unterbrochen wird.

Dieses Bild ist mit einer Größe von 42 x 57 Zentimetern eines der kleineren Gemälde, hebt sich aber von den anderen dadurch ab, dass bei denen der Vordergrund und die Staffage stark herausgehoben sind und das Schloss etwas im Hintergrund erscheint, während es bei diesem Gemälde voll im Blickpunkt steht.

Das Gemälde, auf dem sich über dem dunklen Schlosshügel eine helle Wolkenformation auftürmt,zeigt die Burg daher in einer kontrastreichen Stimmung.

Zurück zur Ausstellung im Rijksmuseum Twenthe: Wie schon angedeutet war die hügelige Landschaft der Twente und der benachbarten Grafschaft Bentheim bereits im 17. und 18. Jahrhundert eine Quelle der Inspiration für Maler wie Jacob van Ruisdael, Meindert Hobbema und Anthonie Waterloo.

Die Künstler waren fasziniert von den Fachwerkhäusern, Wassermühlen, Schlössern und Landgütern, die sie unterwegs antrafen und die immer noch in der Region anzutreffen sind wie beispielsweise das Schloss Singraven bei Denekamp.

Anfang des 18. Jahrhunderts reisten die Künstler Cornelis Pronk und Abraham de Haen zusammen mit dem Tuchhändler Andries Schomaker durch die Hafengebiete der Twente. Dabei fertigte Abraham de Haen nicht nur Zeichnungen an, sondern machte sich auch Notizen zu den Gütern, die er mit seinen Reisegefährten besuchte. So notierte er, welche Adelshäuser von wem vor Ort gezeichnet wurden. Diese Zeichnungen zeigen noch heute existierende Landhäuser und Herrenhäuser und wurden ebenfalls in dem von Andries Schoemaker erstellten Verzeichnis aufgenommen. Bei den Werken von Pronk und De Haen handelt es sich um einzigartige Dokumente, die die Region Twente im 18. Jahrhundert in äußerst treffender Weise zum Ausdruck bringen.

Nähere Informationen: http://www.rijksmuseumtwenthe.nl

Kunstbetrachtungen, Teil 11

Kunst als Selbstverständigung

In der letzten Folge der Kunstbetrachtungen, basierend auf dem Buch „Kunst – Eine philosophische Einführung“, ging es um Kunst und das Nachdenken über sie.

Autor Georg W. Bertram verbindet im Kapitel „Die Unausweichlichkeit des Nachdenkens über Kunst“ die Selbstverständigung, die beim Betrachter eines Kunstwerks ausgelöst werden kann, mit der vielfach geteilten Beobachtung, „dass Kunst immer und unentwegt umstritten ist“.

Prozess der Selbstverständigung

Betram führt das darauf zurück, dass die Selbstverständigung mit einem Kunstwerk zumeist höchst individuell ist: „Die Betrachterin (beziehungsweise der Betrachter) sieht sich in ihren (seinen) eigenen Verständnissen angesprochen. Das Bild sagt ihr (ihm) etwas mit Blick darauf, was sie über Menschen, Tiere und Welt, über die kleinen und großen Dinge ihres Alltags denkt“.

Der Autor betont dabei, dass der Prozess der Selbstverständigung bei der Begegnung von Betrachter und Kunstwerk immer wieder neu anfängt, dass es aber auch gleichfalls geschehen kann, dass Kunstwerke einen nicht ansprechen, „sie auch stumm bleiben können, dass sie uns nichts über uns sagen“, wie Bertram schreibt.

Im Kapitel „Die Geschichtlichkeit der ästhetischen Erfahrung“ greift Betram die schon einmal angesprochene Geschichte von Kunst und Kunstwerken auf und formuliert entsprechend seiner vorherigen Gedankengänge folgerichtig die

… dass die Geschichte der Kunst als Kunst von ästhetischen Erfahrungen her verstanden werden muss.“

Georg W. Bertram, Philosoph und Autor

These, „dass die Geschichte der Kunst als Kunst von ästhetischen Erfahrungen her verstanden werden muss.“ Der Betrachter eines Werkes und die durch das Werk ausgelösten Gedanken sind von zentraler Bedeutung. Bertram schreibt: „Ein Gegenstand erweist sich erst dadurch als Kunst, dass er in einer bestimmten Weise als geeignet für die Klärung vom jeweiligen Selbstverständnis (einer Person oder mehrerer Personen) erfahren wird.

Ebenfalls folgerichtig ist ein weiterer Gedanke Bertrams: „Versteht man die Geschichte der Kunst auf der Basis ästhetischer Erfahrungen, hat Kunst keinen definitiven Anfang und auch kein definitives Ende. Was zu einer Zeit als ästhetisch wertvoll erfahren wird, kann zu einer anderen Zeit als bloßer Alltagsgegenstand gebraucht werden.“ Kurz gesagt: Er verliert an ästhetischem Wert.

Künstlerisches Erbe Bachs für Nachwelt gesichert

Das Auf und Ab dieser Entwicklung macht er an der Bedeutung von Musikern und ihren Kompositionen fest. Beispielhaft nennt Bertram die lange Zeit vergessene Musik der Renaissance, die eine Wiedererweckung erlebt hatte, und auch die ebenfalls vergessene Musik von Johann-Sebastian Bach, die durch eine Aufführung seiner „Matthäus-Passion“ eine Wiederbelebung erfuhr und Anlass wurde, „das überwältigende künstlerische Erbe Bachs für die Nachwelt zu sichern.“

Bertram verweist auf die Philosophen Hegel und Heidegger, die in ihren kunstphilosophischen Schriften die „spezifische Geschichtlichkeit ästhetischen Erfahrens“ thematisiert haben. Er spricht auch von einem Verstehen, das seinen jeweils eigenen geschichtlichen Horizont habe. So könne eine ästhetische Selbstverständigung ebenso in einer Auseinandersetzung mit einer zeitgenössischen Trance-Musik wie mit einem antiken Kultgegenstand zustande kommen.

Kunstbetrachtungen, Teil 10

Was ist der Wert der Kunst?

In der letzten Folge der Kunstbetrachtungen ging es um die nicht ausreichend geklärte Bestimmung des Wertes der Kunst für den Betrachter.

Wie Georg W. Bertram, Autor des Buches „Kunst – Eine philosophische Betrachtung“, im Kapitel „Noch ein Problem: Was ist der Wert der Kunst?“ deutlich macht, ist der Begriff des Wertes im Zusammenhang mit der Kunst noch nicht ausreichend geklärt.

Annäherungen an Begrifflichkeiten

Nach seiner Auffassung „geht es in erster Linie weder um Besitz noch um Werte individuellen oder gesellschaftlichen Verhaltens.“ Um sich dem Verständnis darüber anzunähern, welcher Prozess zwischen Betrachter und Werk in Gang gesetzt wird, damit daraus eine ästhetische Erfahrung entsteht, bezieht sich Bertram auf die kunstphilosophischen Überlegungen von Martin Heidegger (*1889 +1976) und Georg Wilhelm Friedrich Hegel (*1770 +1831).

In der Abhandlung „Der Ursprung des Kunstwerks“ nimmt Heidegger eine Analyse eines Bildes von Vincent van Gogh vor, auf dem ausschließlich Schuhe zu sehen sind, „die von Alter und Gebrauch gekennzeichnet sind“. In ihrer Nutzlosigkeit charakterisieren sie für Heidegger nicht nur den Gegenstand, sondern auch das Bild, das sich jedem formalen Zweck entzieht.

Gerade in ihrer Unbrauchbarkeit beginnt Kunst uns etwas zu sagen“

Georg W. Bertram, Philosoph und Autor

Daraus folgert Bertram: „Gerade in ihrer Unbrauchbarkeit beginnt Kunst uns etwas zu sagen. Als solche eignet sie sich in besonderer Weise, uns Dinge unseres Lebens vor Augen zu führen. Sie eröffnet uns Blicke auf Vertrautes und überraschende Perspektiven. Sie sagt, wie wir verstehen können, was uns alltäglich umgibt“. Im Fall der gemalten Schuhe geht es um sie „als Teil einer Welt, in der sie im Zusammenhang mit Arbeitsschritten stehen, in der sie mit Unterwegssein und schweren Füßen verbunden sind“.

Im Bezug auf Hegels Philosophie der Kunst betont Bertram den Begriff der Selbstverständigung. Der Betrachter sieht bei einem Kunstwerk, das es ihm etwas über sich und seine Welt sagt. „Der Wert der Kunst besteht darin, dass sie für uns besondere Aspekte der Welt, in der wir leben, und unserer selbst, verständlich macht“, erläutert Betram und ergänzt: „Es geht (für den Betrachter) darum, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.“

Selbstverständnis des Betrachters

Dabei kann nach Bertrams Meinung beispielsweise ein abstraktes Bild ebenso wie ein figürliches Bild zum Selbstverständnis des Betrachters beitragen. Als Beispiel führt er Barnett Newmans Werk „Who is afraid of red, yellow and blue III“ an, das im Stedelijk Museum Amsterdam hängt. „Obwohl nur Farben auf Flächen zu sehen sind, die in unterschiedlichen Varianten miteinander verbunden wurden“, so erläutert Bertram, „halte die Farblichkeit von Newmans Werk Kontakt zu der Welt alltäglicher Erfahrunge, da die von Newman verwendeten Farben in der Welt und in der Vorstellung eines jeden Menschen – außer er ist farbenblind – vorkämen.

Wie der Autor von „Kunst – Eine philosophische Betrachtung“ noch einmal betont, steht die Kunst nicht für sich in einem abgehobenen Raum, sondern ist unverzichtbar mit dem Nachdenken über sie verbunden. Es geht um einen Gegenstand wie das schon erwähnte Werk von Newman, um eine Erfahrung des Betrachters, die es womöglich auslöst, und um eine klar und deutlich zum Ausdruck gebrachte Selbstverständigung des Betrachters, der sagen kann, welche Aspekte eines Kunstwerkes diese gut getroffen hätten. Bertram nutzt dafür den Begriff der Rechenschaft.

Kunstbetrachtungen, Teil 9

Kunst muss erfahren werdenAls unbefriedigend bewertet der Autor Georg W. Bertram die Institutionentheorie, die Kunst nur in Verbindung mit Museen und Fachleuten wie Kunstkritikern wahrnimmt.

Wie im Teil 8 der Kunstbetrachtungen schon angesprochen, wendet sich der Verfasser von „Kunst – Eine philosophische Betrachtung“ einem schon angesprochenen Aspekt zu: Der Erfahrung, die mit Kunstwerken gemacht oder nicht gemacht wird, eine ästhetische Praxis, die einen etwas angeht oder nicht.

Musik in der Einkaufspassage

Georg W. Bertram stellt sich die Frage „Welchen Wert hat die Kunst für uns?“ und greift beispielhaft anhand des Hörens von Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ die Bedeutung des subjektiven Empfindens auf. Es geht um die Frage, was einem diese Musik sagt, auch in einer Situation, in der eigentlich gar nicht bewusst Musik gehört wird, wie zum Beispiel in einer Einkaufspassage mit musikalischer Beschallung, die womöglich zum Konsum anregen soll, also einem anderen Zweck dient als dem des musikalischen Genusses. So kann aber aus einer alltäglichen Konsumsituation eine ästhetische Erfahrung werden, wenn einen die Musik in der Weise anspricht, dass sie als ästhetisch empfunden wird.

Was ist aber mit Musik, die eher Abneigung hervorruft oder Abneigung hervorgerufen hat wie die schon erwähnten Beispiele aus der Zwölftonmusik oder Strawinskis „Sacre du printemps“? Wie sagt Bertram so treffend: „Nicht jede Musik eignet sich für ein ästhetisches Hören.“ Das gilt womöglich auch für andere Künste wie die Malerei oder Bildhauerei.

Das Kunstwerk involviert mich in ein ästhetisches Geschehen.“

Georg W. Bertram, Philosoph und Autor

Worum geht es dann beim Kunstgenuss? Bertram spricht von der Erfahrung, die mit einem der Kunst zugerechneten Werke gemacht wird: „Wenn eine Musik mit einem Mal zu mir spricht, heißt das nicht, dass ich einfach meine Einstellung verändert habe. Es heißt vielmehr, dass ich eine Erfahrung mache. Das Kunstwerk involviert mich in ein ästhetisches Geschehen.“

Der Autor von „Kunst – Eine philosophische Betrachtung“ kommt zu folgendem Schluss: „Kunst lässt sich nur mit Blick auf Situationen begreifen, in denen Rezipienten (Betrachter) durch Kunstwerke angesprochen werden.“ Er macht deutlich, dass ohne Betrachter und dessen Erfahrungen nicht sinnvoll von Kunst gesprochen werden kann.

Wenn von Kunst die Rede ist, darf ein Verweis auf den Philosophen Immanuel Kant und das von ihm stammende Postulat des „interesselosen Wohlgefallens“ (aus seiner Schrift „Kritik der Urteilskraft“), das von einem Kunstwerk ausgehen soll, nicht fehlen. Bertram bestätigt das, in dem er sagt, „dass die ästhetische Erfahrung selbstzweckhaft ist. Wer ästhetische Erfahrungen macht, will damit nichts sonst in der Welt erreichen.“ Ergänzend fügt er hinzu, „dass die ästhetische Erfahrung kein Ziel hat, das über sie hinausgeht.“

Eine Frage bleibt aber ungeklärt: Das Bemessen des Wertes in Verbindung mit einem Kunstwerk.

Kunstbetrachtungen, Teil 8

Was im Museum hängtDie letzte Folge der Reihe zum Thema Kunst endete mit dem Thema Institutionen-Theorie und ihrer inhaltlichen Substanz. Daran gibt es Kritik.

Kunst ist das, was im Museum hängt, lautet also äußerst verknappt die von dem amerikanischen Kunstphilosophen George Dickie vertretene Institutionen-Theorie.

Autor Bertram ist von dieser These nicht überzeugt und begründet seine Zweifel mit einer einfachen Frage: Was ist eine Kunstinstitution? Gehört eine Konzerthalle, in der eine Rockband spielt, ebenso dazu wie ein Jazzclub oder ein Multiplexkino? Bertram vertritt die Auffassung, dass diese Frage objektiv kaum zu beantworten ist.

Kunstkritik als Maßstab

Ähnlich ist es mit der Kunstkritik als Maßstab für die Bewertung von Kunst. „Ist Kunst nur, was in den Feuilletons großer Zeitungen als Kunst besprochen wird?“, fragt Bertram. Und die Frage lässt sich erweitern: Welches Feuilleton bestimmt,

… keine Erfahrung, die man von außen bestimmen oder diagnostizieren kann …“

was Kunst ist, dass der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen oder der Zeit? Gilt auch das Feuilleton einer kleineren Lokalzeitung als Maßstab, oder eine Kultursendung im Fernsehen?

Der Autor von „Kunst – Eine philosophische Betrachtung“ kommt vor lauter ungelöster Fragen wieder auf die Erfahrung zurück, die der Betrachter eines als Kunst deklarierten Objektes macht oder machen sollte: „Ein Kunstwerk … muss als Kunstwerk erfahren werden, um als das Werk, das es ist, erkennbar zu sein. Die Erfahrung allerdings muss man machen.“ Für Bertram ist dabei eines ganz wichtig: „Sie ist keine Erfahrung, die man von außen bestimmen oder diagnostizieren kann.“

Ebenfalls wieder in den Blick geraten der Betrachter und natürlich seine Bewertung, ob er etwas als Kunst ansieht und eine entsprechende Erfahrung macht. Das führt den Autor zu einer weiteren wichtigen Frage: „Welchen Wert hat die Kunst für uns?“ Als Beispiel nennt er Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ und das, was sie beim Zuhörer auslöst oder nicht, auch wenn er das Stück nicht zielgerichtet, sondern zufällig gehört hat.

Ein deutscher Literaturnobelpreisträger: Heinrich Böll

Er gehört mit Günter Grass und Siegfried Lenz zu den literarischen Chronisten der Nazi- und der Nachkriegszeit in Deutschland: Heinrich Böll (*1917 +1985). Mit Romanen wie „Gruppenbild mit Dame“, „Ansichten eines Clowns“ oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ hat er sich auch international einen großen Namen gemacht.

1972 erhielt er den Literaturnobelpreis für zwei weitere Werke: „Und sagte kein einziges Wort“ sowie „Billard um halb Zehn“. Zum ersten Mal seit dem Beginn des Dritten Reiches wurde er wieder nach Deutschland vergeben. Die Wahl auf Böll hatte mit mehreren Faktoren zu tun. Neben der literarischen Qualität seines Werkes spielten zum einen seine Popularität jenseits des „Eisernen Vorhanges“ und zum anderen seine Tätigkeit als Vorsitzender des internationalen Schriftstellerverbandes PEN (steht für poets, essayists und novelists) eine Rolle, in der er sich zu einer „Art universellen literarischen Gewissens entwickelt hat und mutig die Regierungen sowohl faschistischer als auch kommunistischer Länder angreift, in denen die Freiheit des Wortes nicht respektiert wird“, wie Dr. Kjell Strömberg von der Schwedischen Akademie schrieb.

Auf Leben und Werk Bölls ging sein Kollege Peter Härtling anlässlich der Nobelpreisverleihung ein. Der bezeichnet ihn als moralischen Aufrührer, was wohl darin begründet ist, dass Böll immer wieder die Schrecken der Nazi-Herrschaft und die Verheerungen, die diese mörderische Diktatur im Nachkriegsdeutschland angerichtet hat, thematisiert – entgegen dem Wunsch vieler, die Zeit von 1933 bis 1945 vergessen zu wollen.

Bölls Kritik richtete sich auch gegen die politische Restauration unter Konrad Adenauer und vor allem gegen die katholische Kirche, die in überkommenen Traditionen und Heuchelei erstarrt war. Das blieb nicht ohne Folgen. Immer wieder wurde er von rechten und konservativen Kräften angefeindet. Doch das focht ihn nie an. Bis ins hohe Alter blieb Böll ein engagierter Bürger, der sich einmischte. Beispielhaft dafür stehen seine Unterstützung der Ostpolitik Willy Brandts, seine Gegnerschaft zum Vietnam-Krieg, seine Bemühungen zur Freilassung seines sowjetischen Schriftstellerkollegen Alexander Solschenyzin und die Unterstützung der Friedens- und Anti-AKW-Bewegung in den 1980er Jahren.

Und sagte kein einziges Wort“

Vor allem die Nachwirkungen der Naziherrschaft und des durch diese ausgelösten Zweiten Weltkrieg sowie eine in Tradition und Heuchelei erstarrte katholische Kirche thematisiert Heinrich Böll in seinem Roman „Und sagte kein einziges Wort“, dessen Titel dem Lied eines schwarzen Sängers entstammt, das im Radio zu hören ist, und in ähnlicher Form immer wieder im Text aufgegriffen wird. So lässt Böll ein weiteres Thema anklingen: die Sprachlosigkeit, die sich nach dem Schrecken des Krieges und des Völkermordes an den Juden breit machte, und das Schweigen, weil im Nachkriegs-Deutschland keiner mit dieser Schuld leben konnte und wollte und sie am liebsten verdrängte.

Köln ein paar Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges: Eine Stadt liegt in Trümmern. Fred, ein ehemaliger Soldat, der Tod und Zerstörung erlebt hat und davon schwer gezeichnet ist, läuft ohne festes Dach über dem Kopf durch Straßen voller Schuttberge. Sein Geld verdient er sich als Telefonist bei einer Kirchenbehörde und als Nachhilfslehrer. In der restlichen Zeit stromert er herum, vertrinkt und verspielt sein Geld in Kneipen.

In der Ich-Form schildert ihn Böll mit einer von Ungekünsteltheit, Authentizität und Klarheit gekennzeichneten Sprache als einen verzweifelten Menschen, der es in der bürgerlichen Behaglichkeit, in der sich die meisten Menschen schon wieder eingerichtet haben, nicht aushalten kann. Vom offiziellen katholischen Glauben ist er aufgrund seiner Kriegserfahrungen und auch aufgrund des Verhaltens vieler Mitglieder dieser Kirche im Nachkriegs-Deutschland schon längst abgefallen.

Beispielhaft wird das im Roman zunächst am Ehepaar Franke. Sie engagieren sich in vielfältiger Weise in der katholischen Kirche, aber nicht in einer von Barmherzigkeit und Liebe gekennzeichneten Weise, sondern von oben herab in Form gnädig gewährter „milder Gaben“. Ihr Verhalten ist geprägt durch selbstgefällige Moral, durch das Wohlgefallen an ihrer Tugend und durch ihren von Verachtung geprägten Blick auf die weniger Tugendhaften.

Zu denen gehört Fred. Er hatte es den Frankes zu verdanken, dass er auf so beengtem Raum mit seiner fünfköpfigen Familie zusammenleben musste, dass es nicht mehr auszuhalten war. In deren Händen lag aufgrund ihres kirchlichen Engagements die Vergabe von Wohnraum; und da hatten Fred und seine immer noch gläubige, aber durch die Erfahrung des Krieges und des Verhaltens der Menschen im Nachkriegsdeutschland schon skeptischer und desillusionierter gewordene Frau Käte schlechte Aussichten.

Ebenfalls aus der Ich-Perspektive schildert Käte ihr Leben. Mit ihren Kindern fristet sie auf engstem Raum in einer von Kriegsschäden und dem dadurch verursachten Verfall geprägten Wohnung ein Leben voller Entbehrungen. Um mit ihrem Mann trotz vieler Schuldgefühle – sie hat die Kinder allein gelassen – eine Liebesnacht zu verbringen, trifft sie sich mit ihm in einem Hotel – eine schwierige Beziehung, denn er hat die Kinder aus Wut über die ärmlichen Lebensumstände geschlagen, flüchtet sich in Alkohol- und Spielsucht, alle Energie ist ihm durch seine schrecklichen Kriegserlebnisse geraubt worden. Trotzdem liebt Käte ihren Mann, mit dem sie auch noch ein weiteres Schicksal teilt – der Tod zweier Kinder durch den Krieg.

Am Morgen im Hotel hören Fred und Käte die Geräusche einer Kirmes – eine gute Gelegenheit, sich ein wenig abzulenken, doch es gelingt ihnen nicht, sie sprechen über ihre Probleme. Während Käte die Beobachtung schildert, die sie vom Verhalten – sie wirken aufgrund der Situation leise, angepasst und duldsam wie so viele andere – ihrer Kinder gemacht hat und die Sorge ausspricht, dass sie sie nicht so schützen könne, wie sie es gerne möchte, gibt er sich die Schuld für die Armut und die Wohnungssituation seiner Familie, gesteht seine Haltlosigkeit und seine Antihaltung gegenüber den Tüchtigen und Angepassten. Sie spricht von Trennung, weiß aber einerseits von der Unmöglichkeit des Zusammenlebens und andererseits von der Unerträglichkeit einer Trennung.

Und während sie so über vergangene Zeiten – vor allem die des Zweiten Weltkrieges – und deren bis in die Gegenwart reichenden Folgen sprechen und nachdenken, geht in Köln das gewohnte Leben weiter. Es ist Prozessionstag und die Stimme des Bischofs, dessen Rede sich anhört wie ein „theologisches Stichwortverzeichnis voller Phrasen“, drängt sich ungefragt ins Ohr. Die führenden Köpfe der Kirche gehen ihren gewohnten Gang weiter und verstecken sich hinter weihevoll klingenden Worten. Auch das bevorstehende Wirtschaftswunder kündigt sich an, dass die Wunden des Krieges für viele Menschen oberflächlich zu übertünchen vermag. In Köln ist eine Tagung der Drogisten, die zusätzlich mit dem Verteilen von Werbeartikeln und inhaltsleeren Slogans wie „Vertrau dich deinem Drogisten an“ an allen Ecken die Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Der Gleichklang von traditionellen, überkommenen Kirchenzeremonien und künftigen wirtschaftlichen Erfolgsaussichten lässt die Schrecken der Vergangenheit scheinbar vergessen.

Wer wissen möchte, wie es im alltäglichen Leben der Menschen im Nachkriegsdeutschland ausgesehen hat, dem sei der Roman „Und sagte kein einziges Wort“ von Heinrich Böll ans Herz gelegt.

Billard um halb zehn“

Die Geheimnisse der Familie Fähmel

Es ist eine seltsame Arbeitsstelle, von der die Sekretärinn Leonore zu Beginn des zweiten Romanes „Billard um halb zehn“ berichtet, für den Heinrich Böll 1972 den Literaturnobelpreis miterhalten hat. Sie ist in einem Büro für statische Berechnungen beschäftigt, das von einem Dr. Robert Fähmel geführt wird. Es ist kaum etwas zu tun, die Erreichbarkeit für Besuch ist in höchstem Maße eingeschränkt – nur die Familie Fähmel und ein Herr Schrella, der ein Phantom zu sein scheint, weil er noch nie zu sehen war, dürfen es betreten -, der Kontakt zu den drei Mitarbeitern erfolgt ausschließlich in brieflicher Form und der Chef ist im Büro höchstens für eine Stunde zu erreichen. Was ihr noch auffällt: die ausdrückliche Höflichkeit, mit der ihr alle Mitglieder der Familie begegnen, und die eigentlich traumhafte Arbeitsatmosphäre. Die von ihr an den Chef gerichteten Wünsche und Bitten, zum Beispiel wegen eines Urlaubs oder anderer privater Angelegenheiten, werden komplett erfüllt.

Alles läuft seinen gewöhnlichen Gang, bis der Sekretärin ein Fehler unterläuft, dessen Dimension sie nicht zu ermessen weiß. Sie hat einem Fremden trotz ausdrücklicher Ansage, dies nicht zu tun, auf Anfrage geantwortet, an welchem Ort Dr. Robert Fähmel erreichbar ist. Dieser ist regelmäßig von halb zehn bis 11 Uhr im Hotel Prinz Heinrich zu Gast.

Erst allmählich kristallisiert sich heraus, welch tragische Geschichte die Familie Fähmel mit sich schleppt; und die ist eng mit der von Verfolgung, Mord und Krieg geprägten Herrschaft des Nationalsozialismus verbunden, die Deutschland in den Untergang trieb. Der Vater von Dr. Fähmel hat infolge des Krieges nicht nur den Tod zweier Kinder zu beklagen, seine Frau hat sich in den Wahnsinn geflüchtet, das „Phantom“ Schrella steht in Verbindung mit Widerstand und Exil und der Mann, der sich nach Dr. Fähmel erkundigt hat, war in die Verbrechen der Nazi-Diktatur verwickelt, hat aber nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg schnell die Seiten gewechselt und spielt wieder eine große Rolle im politischen Betrieb der Nachkriegszeit.

Während dieser Mann mit Namen Dr. Nettlinger sich auf den Weg zum Hotel Prinz Heinrich macht, befindet sich Dr. Fähmel im dortigen Billardzimmer im Gespräch mit dem Portier Hugo. Mehr und mehr lüftet sich dabei das Geheimnis, das die Familie Fähmel mit Schrella und Nettlinger verbindet. Ein Zeitsprung in das Jahr 1935: Robert Fähmel, Schrella und Nettlinger sind noch Schüler. Bei einem Schlagballspiel wird Außenseiter Schrella, der einer nicht näher beschriebenen Sekte angehört, von Nettlinger und seinen Nazi-Kameraden schikaniert – die Verfolgung der Gegner der Nazi-Herrschaft und selbst ernannter Feinde wie den Juden und anderen Minderheiten nimmt zwei Jahre nach der Machtergreifung nicht nur im Schulalltag ihren Lauf. Nach einem Anschlag auf ein Mitglied der NSDAP geraten Schrella und Fähmel ins Visier der Gestapo, doch beide können in die benachbarten Niederlande fliehen.

Ein weiterer Zeitsprung: Beim Aufräumen von alten Akten und privaten Papierenn berichtet der Vater von Dr. Robert Fähmel dessen Sektretärin Leonore aus seinem Leben. Es ist das Jahr 1907, als er sich nach Köln mit dem Ziel aufmacht, große Karriere als Architekt zu machen, eine Frau aus gutem Hause zu heiraten und mit ihr eine Familie zu gründen. Das gelingt. Was den Umgang mit der politischen Situation angeht, verhält er sich wie die meisten seiner Zeitgenossen – opportunistisch. Trotz Gegnerschaft zum Ersten Weltkrieg hält er sich mit seiner Meinung der Karriere wegen zurück. Das gilt gleichfalls für die weiteren politischen Ereignisse wie die Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten. Seine Meinung versteckt er hinter Ironie und Scherzen, bis auch er persönlich betroffen ist. Seine Söhne Otto und Heinrich sterben im Krieg, Robert muss vor den Nazis fliehen und seine Frau verfällt aufgrund der politischen Ereignisse und dem Verlust zweier Kindes dem Wahnsinn.

Auch in den folgenden Kapiteln nimmt sich Autor Heinrich Böll der Sichtweisen weiterer Protagonisten seines Romans an, so dass sich ein schlüssiges Bild über das Schicksal der Famile Fähmel und der mit ihr auf unterschiedliche Weise verbundenen Personen ergibt. Wie in vielen seiner Romane und anderer Werke dreht sich die ganze Geschichte um die Nachwirkungen der grauenhaften Herrschaft des Nationalsozialismus, die die Menschen noch lange nach dem Ende des Krieges tief ins Innerste trifft. Und um die Erkenntnis, dass Schweigen es nicht vermag, vor dem realen Geschehen von Verfolgung, Tod und vielem mehr fliehen zu können. Und natürlich um den Opportunismus vieler Personen, die ihre Verwicklung in die Verbrechen leugnen und in der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland Karriere machen und ihrer mehr als verdienten Strafe entgehen.

Dank einer klaren, schnörkellosen Sprache wie schon bei „Und sagte kein einziges Wort“ und einer spannend aufgebauten Handlung vermag es Heinrich Böll, den Leser in eine Zeit zu versetzen, die er aus eigener Anschauung kaum noch kennen kann. Diese Lektüre lohnt sich ohne Wenn und Aber.

Buchtipp: Jeremias Gotthelf – Die schwarze Spinne

Als es noch Tod und Teufel gab

„Über die Berge hob sich die Sonne, leuchtete in klarer Majestät in ein freundliches, aber enges Tal und weckte zu fröhlichem Leben die Geschöpfe, die geschaffen sind, an der Sonne ihres Lebens sich zu freuen.“ – mit diesem idyllisch und fröhlich klingenden Satz beginnt zunächst in aller Harmlosigkeit die Erzählung „Die schwarze Spinne“ des Schweizer Schriftstellers Jeremias Gotthelf (1797 – 1854).

Er berichtet darin von der abgeschieden gelegenen Welt der Alpenbauern seines Heimatlandes, die noch stark von ihren christlichen Traditionen früherer Jahrhunderte geprägt sind und dem heutigen Leser eher befremdlich vorkommen. Die Rollen der handelnden Personen sind festgelegt. Es gibt die herrschenden Bauern auf der einen Seite, Knechte und Mägde auf der anderen Seite, die sich zu fügen haben; und auch die Aufgaben der Männer und Frauen sind festgelegt. Die Männer kümmern sich um die Ställe, das Heu und die Bäume, die Frauen um den Garten und die Pflanzplätze. Eine zentrale Figur spielt gleichfalls der Landpfarrer als geistlicher Führer und Seelsorger, der in diesen beiden Funktionen fest in die Dorfgemeinschaft eingebunden ist.

Um zu verstehen, vor welchem geistigen Hintergrund diese Erzählung wie auch viele weitere Werke Gotthelfs entstanden sind, bedarf es eines genaueren Blickes auf das Leben des Autors und die Zeit, in der er lebte. Gotthelf entstammte einem Geschlecht bernischer Landpfarrer und hatte es in seiner Tätigkeit als Vikar und Pfarrherr in Lützelflüh, einer kleinen Gemeinde im Verwaltungskreis Emmental des Schweizer Kantons Bern, vor allem mit der ländlichen Bevölkerung zu tun. Erst mit 40 Jahren begann seine große literarische Karriere.

Wie der Literaturexperte Konrad Nussbächer in einem Nachwort zur Erzählung „Die schwarze Spinne“ schreibt, gehört Jeremias Gotthelf mit Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer zu den „drei großen Schöpfergestalten“ der Schweizer Literatur des 19. Jahrhunderts. Ihre unterschiedlichen Biografien bestimmten auch ihr Werk. Keller entstammte dem handwerklichen Kleinbürgertum Zürichs, und so war es schon fast festgeschrieben, dass er sich in seinen Romanen und Erzählungen mit der bürgerlichen Welt Zürichs und der Schweizer Kleinstädte auseinandersetzte. Ein Paradebeispiel dafür ist die Geschichtensammlung „Die Leute von Seldwyla“, deren Bekannteste ohne Zweifel „Kleider machen Leute“ ist. Conrad Ferdinand Meyer hingegen gehörte der Klasse der vornehmen Züricher Patrizierfamilien an. Sein Thema waren „die herrscherlichen Gestalten der Schweizer und der europäischen Geschichte, vor allem der Renaissance und des Barock.“ Und bei Gotthelf ist es die „Schweizer Bauernlandschaft … das gesegnete Emmental, mit seinen staatlichen Dörfern und großen Einzelhöfen, mit Acker und Vieh, Weide und Wald, mit seinen Menschen und ihren Schicksalen“, wie Konrad Nussbächer erläutert.

Dieses Umfeld bildet aber nur die Kulisse für die Darstellung menschlicher Existenz in all ihrer Vielfalt. Gräßliches und grausames Geschehen gehört ebenso dazu wie wilde, finstere, dämonische Leidenschaften und natürlich das ewige Thema von Gut und Böse.

Beim Beginn der Erzählung „Die schwarze Spinne“ ist das alles noch ganz fern. In aller Detailliertheit beschreibt Gotthelf das beschauliche Emmental mit seiner einzigartigen Landschaft und das Geschehen rund um eine Kindstaufe. Die Mägde sind mit den Vorbereitungen für reichhaltiges Essen und Trinken beschäftigt, und auch sonst gibt es viel zu tun, denn schließlich soll das Ereignis mit der ganzen Dorfgemeinschaft festlich gefeiert werden. Und so geschieht es auch. Fleißig wird getrunken und gegessen, es wird geplaudert, über den ein oder anderen gelästert und auch mancher Scherz macht die Runde.

Nachdem alle reichlich zu sich genommen haben, wird der Vorschlag angenommen, sich auf einen kleinen Verdauungsspaziergang zu begeben. Dabei fällt irgendwann der Blick auf das schöne, neue Haus der Gastgeber der Kindstaufe. Und einer der Frauen sticht etwas ins Auge. Obwohl eigentlich des Lobes voll über das Haus, und von dem Wunsch, selbst so eines haben zu wollen, beseelt, hat sie doch eine kritische Anmerkung in Richtung des Großvaters der Gastgeber: „Aber fragen möchte ich doch, nehmt es nicht für ungut, warum da gleich neben dem ersten Fenster der wüste, schwarze Fensterposten (Bystal) ist, der steht dem ganzen Hause übel an.“

Was sich hinter der scheinbaren Mißgestaltung verbirgt, möchte der Großvater gern verschweigen und versucht, sich auf Mangel an passendem Holz als Grund für die Verwendung älteren Materials herauszureden, doch die Neugierde der Anwesenden ist so groß, daß er nachgibt und eine gar schauerliche Geschichte davon erzählt, welche wirkliche Bewandnis es mit dem „wüsten, schwarzen Fensterposten“ hat.

Ein Zeitsprung über 600 Jahre zurück: Damals herrschten Ritter, „die man die Teutschen nannte“, über das Tal. Die Menschen, die dort lebten, waren Leibeigene, mussten den Zehnten und Bodenzinse geben und Frondienste leisten. Wie der Großvater berichtet, war die Not der Menschen am größten, als ein Hans von Stoffeln aus dem Schwabenlande die Herrschaft innehatte. Nicht genug damit, dass die Bauern auf Weisung des von Stoffeln auf einem Berg ein Schloss zu bauen hatten und so ihrer eigenen Arbeit mit Säen und Ernten nicht mehr nachkamen, sollten sie auch noch einen Schattengang anlegen und zu diesem Zweck innerhalb eines Monats 100 Buchen zum Berg transportieren, um diese dort anzupflanzen – eine Aufgabe, die nicht zu bewältigen war. Das Jammern und Weinen griff um sich und wollte kein Ende nehmen. Doch in diesem Moment stand plötzlich „lang und dürre ein grüner Jägersmann“ vor ihnen, auf dem „kecken Barett eine rote Feder“ und im „schwarzen Gesicht ein rotes Bärtchen“. Er erkennt die Not der Bauern und redet von einem tüchtigen Gespann, über dass er eventuell verfüge und mit dem „Holz und Steine oder Buchen und Tannen“ transportiert werden könnten. Erleichterung macht sich breit, bis die Bauern erfahren, welchen Preis der „Jägersmann“, der in Wirklichkeit der Teufel ist, von ihnen verlangt. Es geht dabei um das künftige Schicksal eines Kindes.

Vor dem Hintergrund des im 19. Jahrhunderts immer mehr zu erkennenden Kampfes „zwischen christlicher Ordnung und der drohenden Zersetzung durch den Zeitgeist“ ging es dem Autor in seinem Werk um „die tätige Hilfe für seine Kirchenkinder, um die Läuterung ihrer Seelen, um die Kräftigung und Rettung des Schweizer Bauernstandes“, wie Konrad Nussbächer in seinem Nachwort zur Erzählung „Die schwarze Spinne“ schreibt. Nussbächer erläutert die damaligen Zeitläufte und die Intentionen Gotthelfs: „Auch in die Schweiz war die nivellierende Strömung des Materialismus eingedrungen und unterhöhlte die lebendig gewachsene und gestufte, in christlicher Sitte verwurzelte Demokratie. In seiner geistlichen Praxis als Vikar und bald auch als Pfarrherr in Lützelflüth erkannte Bitzius (Gotthelfs bürgerlicher Name) mit scharfem Auge die Risse und Schäden im inneren Gefüge: Hochmut und Geiz, Ichsucht und Hartherzigkeit auf der Seite der Besitzenden, Trägheit und Schlendrian, Auflehnung und Zuchtlosigkeit bei den ländlichen Bediensteten; daneben eine furchtbare Armennot.“

Um diesen Mißständen zu begegnen, wählte Gotthelf im für damalige Verhältnisse schon etwas fortgeschrittenen Alter von 40 Jahren das Mittel der Literatur. Ihm war es ein zentrales Anliegen, „die Seelen aufzurütteln, den Schweizern einen wahren Spiegel der Zustände auf dem Lande vorzuhalten und gegenüber unbestimmten Verlockungen das Bild bewährter, echter Ordnung aufzurichten“, so Nussbächer.

In der Erzählung „Die schwarze Spinne“ bildet die grausige Geschichte von der schwarzen Pest, die ein Gebirgstal heimsucht, den Kern der Handlung. Und diese Pest kommt nicht schicksalhaft über die Menschen, sondern durch schwere Schuld und böse Leidenschaften. Nussbächer zufolge wird Gericht über die Schuldigen gehalten, „bei dem die ewigen metaphysischen Mächte, Gott und Teufel unmittelbar eingreifen“ wie in den großen literarischen Werken des Barock.

Kurzum: Der Leser stößt mit „Die schwarze Spinne“ auf ein wuchtiges Werk, dass den uralten Kampf von Gut gegen Böse auf plastische, spannende, aber auch lehrreiche Weise wieder aufleben lässt. Zu diesem Zweck hat Gotthelf visionäre Bilder von unheimlicher Kraft geschaffen, die einen nicht loslassen und lange nachwirken.

Buchtipp: Ludwig Tieck – Merkwürdige Lebensgeschichte Sr. Majestät Abraham Tonelli

Wie auf wundersame Weise aus einem Schneiderlehrling ein reicher Herrscher wird

„Ich fühlte bald, daß ich zu größern Dingen bestimmt sein müßte; denn ich merkte keinen sonderlichen Trieb zur Arbeit in mir. Ich wünschte mir immer, zaubern zu können oder ein König zu werden…“ – schon gleich zu Anfang der spannenden, unterhaltsamen und mit großem Humor geschriebenen Erzählung „Merkwürdige Lebensgeschichte Sr. Majestät Abraham Tonelli“ von Ludwig Tieck (*1773 +1853), einem der führenden Autoren der Romantik, macht der Protagonist mit Taufnamen Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli klar, wie sein künftiges Leben verlaufen soll. Doch seine Lebensverhältnisse geben das eigentlich nicht her.

Aus niedriger Herkunft stammend, gelingt es ihm gerade noch, eine Schneiderlehre in Wien zu beginnen – ohne allerdings daran viel Freude zu gewinnen. Bei seiner Vorstellung, ein großer und wohl vornehmer Mann zu werden, ohne irgendwelche Voraussetzungen dafür zu besitzen, auch kaum verwunderlich.

Basierend auf einer bekannten literarischen Vorlage entwickelt Tieck mit seinem Protagonisten die schon aus dem Barock bekannte Figur des Schelmen, der sich mit Lug und Trug durch das Leben kämpft. Ähnlichkeiten zum „Simplicissimus“ von Grimmelshausen sind deutlich zu erkennnen.

Entgegen der von den meisten der anderen Schriftstellern der Romantik verwendeten Stilelemente und Erzähl-Motive wie der Innigkeit eines Naturgefühls, dem Glauben an Liebe und Freundschaft sowie der Leidenschaft für Malerei und Musik setzt Tieck bei dieser Erzählung auf populäre Drastik, groben Humor, Phantasie und Laune, wie sie eben passt. Seine Figur Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli ist ein maßstablos naiver junger Mann, töricht wie ein Kind, das nur seinem direkten Nutzen verpflichtet ist, keiner Selbstkritik zugänglich ist, nichts dazulernt und nie über elementare Bedürfnisse wie ein fürstliches Mahl und viel Alkohol hinausdenkt. Aber mit der Vitalität eines Hanswurstes, der alle Last des Lebens im nu an sich abprallen lässt, folgt er seinem eigentlich unerreichbaren Ziel, ein von allen anerkannter Bürger (oder noch Höheres) zu werden, der wohlgenährt und materiell gesichert seinem Lebensabend entgegensieht.

Wie der Germanist und Autor Ernst Ribbat in einem Nachwort zur Erzählung schreibt, ist Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli womöglich ein Paradebeispiel für ein Gegenstück zum Fortschrittspathos der bürgerlichen Aufklärung. Statt eines nach Erkenntnis strebenden Menschen entwirft Tieck eine von Trieben gesteuerte Figur, die sich trotz unzureichender Erkenntnis- und Sprachfähigkeit durch das Leben wurstelt, mal mit weniger, mal mit mehr und dann richtig großem Glück, wie im Titel der Erzählung schon angedeutet. Schließlich ist aus dem Schneiderlehrling die „Majestät Abraham Tonelli“ geworden.

Wie aber konnte es dazu kommen? Hexenkünste, Geister und unterirdische Schätze, wie sie die damalige Literatur in immer neuen Variationen und Erscheinungsformen hervorbrachte, spielen dabei eine wichtige Rolle; ansonsten wäre eine solche Karriere, wie die des Helden, zu damaliger Zeit kaum möglich gewesen.

Von seinem Meister nicht ganz zu Unrecht als „Lumpenhund“ bezeichnet und von den übrigen Handwerksburschen wegen seiner goßspurigen Art gescholten und auch verprügelt, macht sich Abraham Anton auf die Wanderschaft. Mit der Vorstellung im Kopf, dass es ihm eigentlich leicht fallen müsse, „binnen kurzem ein großer und vornehmer Mann zu werden.“

Die Realität ist eine andere: Proviant und Reisegeld gehen aus, wilde Tiere und Mörder trachten ihm nach dem Leben, doch Autor Ludwig Tieck gibt seinem Helden immer wieder eine Chance. Mithilfe von schon angesprochenen Hexenkünsten und Geistern gelangt der zu Wunderkräften und ungeahnten Schätzen, die er aber aus Großmannssucht, Völlerei und anderen Charakterschwächen immer wieder aus den Händen gibt. Die gemachten Erfahrungen lehren ihn nichts. Wie es ihm dann doch gelingt, Kaiser zu werden und ein mehr als auskömmliches Leben zu führen, wird an dieser Stelle nicht verraten, denn dieser Text soll nur ein wenig zur Lektüre dieser wunderbaren, unterhaltsamen und äußerst humorigen Erzählung ermuntern. Glauben Sie mir!