Anne Desmet: Bauen ohne Barrieren

Auf den Spuren von M.C. Escher im Museum Escher im Palast in Den Haag

Die Grafikerin Anne Desmet (Liverpool, *1964) fertigt gestochen scharfe Drucke, in denen sie mit Perspektive und Architektur spielt. Wie Escher beherrscht sie Verwandlung und Metamorphose und schafft in Italien ihr erstes architektonisches Werk, das ihre späteren Stadtlandschaften nachhaltig beeinflusst.

Noch bis zum 15. März präsentiert das Museum Escher im Palast in Den Haag zum ersten Mal in den Niederlanden das Werk der gefeierten Anne Desmet an der Seite einer ihrer großen Inspirationen: M.C. Escher. Man könnte sie ohne weiteres als „britischen Escher“ bezeichnen.

Schon in jungen Jahren ist Anne Desmet von Themen wie Transformation und Architektur fasziniert und nutzt diese als Grundlage für ihre Drucke und Zeichnungen. An der Kunstakademie (Ruskin School of Art, Universität Oxford) lernt sie die Techniken Radierung, Holzschnitt, Kupferstich, Siebdruck und Lithografie.

Seitdem gehören insbesondere Holzstich und Lithografie zu ihren Lieblingstechniken. Der Erhalt des Lithografie-Preises des Printmakers Council in London im Alter von 23 Jahren, gefolgt von einem Rom-Stipendium, legte den Grundstein für ihre glanzvolle Karriere. In Rom erschafft sie ihr erstes architektonisches Werk, und nach ihrer Rückkehr nach England erregen auch dort urbane Landschaften ihre Aufmerksamkeit.

Wie Escher lässt sie sich von der Welt um sie herum faszinieren und hat dabei Italien stets im Hinterkopf. Desmet wird eine beliebte Künstlerin und erhält den Titel eines „Royal Academician“. Sie hat Dutzende von Auszeichnungen und Preisen gewonnen, und ihre Arbeiten wurden in Ausstellungen im Vereinigten Königreich, Wales, Italien, Russland und Brasilien gezeigt.

Eine große Faszination von Anne Desmet besteht darin, zu zeigen, wie sich die Vergangenheit und die Gegenwart gegenseitig beeinflussen. So „baut“ sie häufig moderne Städte auf Ruinen. „Ich möchte ein Gefühl für die Verflechtung und das Verstreichen der Jahre in der Geschichte erwecken – eine Art Metamorphose, die ein vorherrschendes Thema in meiner Arbeit ist“, sagt sie selbst darüber.

Sie versieht ihre Drucke buchstäblich und im übertragenen Sinne mit mehreren Schichten: Neben Reliefdrucken in Auflage, kreiert sie auch Collagen, indem sie Fragmente ihrer Stiche und Linolschnitte ausschneidet, faltet, zerreißt, wiederverwertet und mit anderen Materialien kombiniert. Diese neuen Bilder existieren sowohl auf Papier als auch digital. Ihre Arbeit verbindet Vergangenheit und Gegenwart mit Wahrzeichen wie die Brooklyn Bridge und die Skyline von Manhattan in New York City und mit zeitlosen, ikonischen Gebäuden wie das Britische Museum in London. Ihre architektonischen Arbeiten sind auch das Herzstück ihrer beeindruckenden kaleidoskopischen Muster.

Die Ausstellung von Escher im Palast zeigt neben rund 40 Grafiken von Desmet auch eine Auswahl von Skizzenbüchern, Holzblöcken und Werkzeugen. Die große Stärke beider Künstler ist die Art und Weise, wie sie ihre Darstellungen mit Licht aus der Dunkelheit aufbauen. Ihre Drucke zeigen deutlich das handwerkliche Können und die Präzision der beiden Grafiker.

Das Schnitzen eines Holzblocks ist ein zeitaufwändiger Prozess, der viel Geduld erfordert. Die Anfertigung eines komplexen Werks kann bis zu drei Monate dauern, und das Ergebnis ist jedes Mal eine Offenbarung, auch für Desmet selbst: „Das Weiße, das Sie auf dem Papier sehen, ist das, was ich ins Holz graviere. Dass ich Licht aus der Dunkelheit „ausschneiden“ kann, finde ich nach wie vor das Faszinierende an meiner Arbeit.“

Nähere Informationen: Escher im Palast, Lange Voorhout 74, 2514 EH Den Haag, Telefon +31 70-4277730 (erreichbar während der Bürozeiten), E-Mail: info@escherinhetpaleis.nl

Die Escher Ausstellung in einem Palast in Den Haag

Mit über 120 Drucken zeigt das Museum Escher im Palast in Den Haag eine Dauerausstellung mit den bekanntesten Werken aus dem Oeuvre von M.C. Escher (*1898 – +1972). Diese eindrucksvollen Werke werden in einem königlichen Ambiente gezeigt: dem ehemaligen Winterpalast von Königinmutter Emma.

Zu entdecken ist der Künstler Maurits Cornelis Escher, der sich immer wieder von der wunderbaren Welt um sich herum überraschen ließ. Der weltberühmte niederländische Grafiker fasziniert mit seinen fantasievollen Welten, in denen Verwunderung und Illusion die Hauptrolle spielen, Jung und Alt. Im Museum Escher im Palast steht Eschers Entwicklung als Künstler im Mittelpunkt. Sein Frühwerk besteht aus Holzschnitten von Menschen und aus unvergleichlichen Natur- und Landschaftsdarstellungen, in denen er sein Talent auslotet. In seinen späteren Arbeiten entwickelt er seine revolutionären Flächenfüllungen, Metamorphosen und optischen Täuschungen. Seine verspielten Drucke erfreuen das Auge und sind seit vielen Jahren eine wichtige Inspirationsquelle für Mathematiker, Filmemacher und Architekten auf der ganzen Welt.

„Informieren Sie sich in unserem Filmsaal über Eschers Leben und Werk, entdecken Sie, wie er an seinem außergewöhnlichen grafischen Werk arbeitete, und tauchen Sie anhand von Fotos und einer interaktiven Zeitachse tief in seine Lebensgeschichte ein“, heisst es vonseiten des Museums.

Der Meister, der König, der Zauberer

Zu bewundern sind Eschers Meisterwerke, die den Höhepunkt seines beeindruckenden Oeuvres bilden. Ein früher Höhepunkt ist zum Beispiel „Tag und Nacht“ (1938), bei dem er eine holländische Polderlandschaft in fliegende Vögel verwandelt. Oder der zeitlose Druck „Relativität“ (1953), in dem mehrere Realitäten nebeneinander zu existieren scheinen und er der Schwerkraft trotzt. Und natürlich die Krönung: der sieben Meter lange Druck „Metamorphose III“ (1967-1968), in dem er seine Hauptthemen Ewigkeit und Unendlichkeit ultimativ interpretiert. „Entdecken Sie Escher, den Meister der Metamorphose, den König der Illusion und den Zauberer auf Papier“, heisst es hier vonseiten Museums.

Erleben Sie die Welt von Escher“

Im zweiten Stock lernen die Besucherinnen und Besucher laut Museumsaussage, in einer interaktiven Ausstellung wie Escher zu sehen: „Rätseln Sie mit den Augen, entdecken Sie mit den Händen und werden Sie Teil von Eschers Erfahrung. Treten Sie in seine Illusionen ein und werden Sie in Sekundenschnelle zu einem Riesen oder schrumpfen Sie zu einem Zwerg. Sie kommen Escher noch näher, wenn Sie Ihre eigene Flächenfüllung erstellen oder selbst mit unmöglichen Figuren spielen. In unserem Op-Art-Raum zweifeln Sie an sich selbst: Die Kunstwerke scheinen sich zu bewegen… aber es ist Ihre eigene Bewegung, die diese Illusion erzeugt. In der außergewöhnlichen Installation Langenfelder Lichtwand für Escher im Palast des deutschen Zero-Künstlers Otto Piene (2012) werden Sie durch das sich ständig bewegende Licht Teil eines Spektakels. Eine Erfahrung, die man nie vergisst.“

Zu Besuch im Königspalast

Königinmutter Emma (*1858 – +1934) lebte und arbeitete von 1901 bis zu ihrem Tod in diesem ehemaligen Palast. Hier empfing sie auch ihre Verwandten und offiziellen Gäste. Nach ihrem Tod nutzten auch die Königinnen Wilhelmina, Juliana und Beatrix diesen Palast. Das Gebäude ist mehr als zwei Jahrhunderte alt und befindet sich im Museumsviertel des historischen Den Haag an der Lange Voorhout, einer der schönsten Straßen der Niederlande. Es ist das einzige öffentliche Gebäude in Den Haag, in dem Sie noch die alte Palastatmosphäre erleben können.

Außerdem findet sich hier ein einzigartiger Parkettboden des amerikanischen Minimal-Künstlers Donald Judd; und der Palast wird von spektakulären Kronleuchtern von Hans van Bentem beleuchtet.

Das Leben des M.C. Escher

M.C. Escher wurde am 17. Juni 1898 als dritter Sohn in zweiter Ehe von George Escher und Sara Gleichman geboren. Aus einer früheren Ehe hatte der Vater G.A. Escher bereits zwei Söhne. Der Name Maurits Cornelis stammt von einem Onkel seiner Mutter. Als er klein war, wurde er von der Familie „Maukie“ und später „Mauk“ genannt. Dieser Spitzname wurde später auch von seinen Freunden benutzt.

Eschers Vater war ein Wasserbauingenieur und einer der niederländischen „Wassermänner“, die am Ende des 19. Jahrhunderts nach Einladung des Kaisers in Japan arbeiteten. Nach seiner Rückkehr in die Niederlande wird er 1890 Hauptingenieur des Distrikts Friesland und Groningen beim Dienst Rijkswaterstaat in Leeuwarden. Für seine Familie mietet er den Princessehof und hat sein Büro im Hause.

Jugend

1903 zieht die Familie nach Arnheim. Maurits erlebt eine schöne Jugend, wird aber oft von Krankheiten geplagt. Um wieder zu Kräften zu kommen, verbrachte er 1905 eine längere Zeit allein in einem Kindererholungsheim in Zandvoort. Wie die anderen Söhne erhielt Escher eine umfassende Erziehung mit Werkunterricht und Klavierstunden. Auf dem Flachdach des Hauses stand ein Fernglas, mit dem sein Vater und er regelmäßig den nächtlichen Himmel beobachteten. Außerdem beginnt er schon in jungen Jahren mit Zeichnen.

Trotz des Altersunterschieds hatten Maurits Escher und seine Brüder ein gutes Verhältnis zueinander. Später informiert ihn sein Bruder Berend, Professor für Geologie und späterer Rektor der Universität von Leiden, über die neueste Fachliteratur auf dem Gebiet der Kristallographie. Diese Erkenntnisse lieferten Escher Inspiration für mehrere Drucke.

Ab 1912 besucht M.C. Escher die Oberschule in Arnheim und lernt hier Freunde fürs Leben kennen: Roosje Ingen Housz, Bas Kist, Jan van der Does de Willebois und dessen Schwester Fiet. Die Schule interessiert Escher kaum. Er bleibt in der zweiten Klasse sitzen und besteht 1918 die Abschlussprüfung nicht. Durch Beziehungen seines Vaters wird er trotzdem bei der Technischen Universität in Delft angenommen. Seine Eltern hoffen, dass er Architekt wird.

Ausbildung

Das Studium in Delft ist kein Erfolg. Escher bricht schon im ersten Jahr ab. Er schließt einen Kompromiss mit seinen Eltern und beginnt im September 1919 das Studium an der „School voor Bouwkunde, Versierende Kunsten en Kunstambachten“ in Haarlem. Er schreibt sich bei der Fakultät Architektur ein, zeigt aber bereits in der ersten Woche dem Lehrer für graphische Kunst, Samuel Jessurun de Mesquita, seine Arbeiten. Dieser rät ihm, sein Studium an der graphischen Fakultät fortzusetzen. Nach einem Gespräch mit Jessurun de Mesquita geben seine Eltern nach: Maurits darf grafischer Künstler werden.

Ein Einwand, den Eschers Vater gegen die Berufswahl seines Sohnes hatte, war die Vermutung, dass er später seinen Lebensunterhalt nicht verdienen könne. Das traf nach der Ausbildung auch zu. Die Eltern von Escher – und nach seiner Hochzeit 1924 auch die Schwiegereltern – unterstützen die junge Familie. Vater Eschers Unterstützung des Sohnes Maurits ist nicht außergewöhnlich. Er half all seinen Söhnen, wenn es nötig war.

Reisen und Ehe

Nach seiner Ausbildung in Haarlem unternimmt Escher einige lange Reisen nach Italien. 1922 besucht er Spanien. Dort sieht er zum ersten Mal die Alhambra in Granada mit den reich verzierten Fliesen. In der italienischen Stadt Ravello lernt Escher 1923 die Familie Umiker aus der Schweiz kennen. Er verliebt sich in die jüngste Tochter Giulietta, Rufname Jetta. In den darauffolgenden Monaten entspinnt sich ein reger Briefwechsel zwischen Maurits Escher und Jetta Umiker, die in die Schweiz zurückkehrt war. Schließlich heiraten die beiden am 12. Juni 1924 in Viareggio.

Im Oktober 1925 beziehen Maurits und Jetta ihr Appartement in Rom. Ein Jahr später wird ihr erster Sohn George geboren. 1928 folgt der zweite Sohn Arthur. Auch nach seiner Heirat reist Escher durch Italien. Jeden Frühling macht Escher eine lange Reise durch eine andere Region. So besucht er unter anderem Kalabrien, Sizilien, die Abruzzen und die Küste bei Neapel. Escher liebt diese lange Wanderungen. Für den Rest seines Lebens pflegt er dieses Hobby.

Die Anfangsjahre als Künstler

Im Februar 1924 hat Escher beim Kunsthandel De Zonnebloem in Den Haag seine erste Ausstellung in den Niederlanden. Im Magazin „Elseviers Geïllustreerd Maandschrift“bekommen seine Arbeiten im Juni 1924 gute Kritiken. Ab 1926 stellt er regelmäßig in Italien und in den Niederlanden aus, wie zum Beispiel im Pulchri Studio in Den Haag, in Amsterdam, Leeuwarden und Utrecht, aber auch in Warschau, Prag und Madrid. Ab 1929 fertigt Escher auch immer öfter Lithografien an. Die Technik eignet er sich mithilfe von Drucken wie „Goriano Sicoli, Abruzzen“(1929) und Selbstporträt(1929) an und perfektioniert diese im Laufe der Zeit. Die Lithografie „Nonza, Korsika“(1934) des korsischen Dorfs Nonza gewinnt 1934 sogar den dritten Preis der International Exhibition of Contemporary Prints des Art Institute von Chicago. Die Reisen durch Italien, Spanien und Korsika bieten Escher Inspiration für seine Kunstwerke. Obwohl die Drucke, die Escher von Landschaften und Städten anfertigt, ihn nicht wirklich berühmt machen, nimmt seine Bekanntheit als Künstler dennoch stetig zu. Trotzdem fällt es Escher schwer, eine gute finanzielle Grundlage für sich und seine Familie zu schaffen.

Wegzug aus Italien

Das Leben in Rom gestaltet sich für Escher indes immer schwieriger. Bei seinem Sohn Arthur werden Tuberkulosezellen entdeckt. Aber auch der Aufstieg des Faschismus in Italien gefällt Escher nicht. Am 4. Juli 1935 ziehen Maurits, Jetta und ihre beiden Söhne in den Ort Châteaux-d’Oex in der Schweiz. Die isolierte und kalte Umgebung machen Escher jedoch unglücklich. So hält sich die Familie nur kurze Zeit in der Schweiz auf. Schon 1937 folgt der Umzug nach Ukkel bei Brüssel. Dort wird 1938 der dritte Sohn Jan geboren.

Andere Wirklichkeit

In Italien ließ sich Escher von der mediterranen Landschaft inspirieren. In seinen Drucken spielen die Natur und die Wahrnehmung der Natur eine große Rolle. Deshalb erscheinen Eschers Darstellungen stets realitätsnah. Die Landschaft in der Schweiz und in Belgien inspiriert Escher jedoch kaum. Er schöpft stattdessen immer mehr aus seiner eigenen Fantasie. Seine frühere Faszination für die Natur weicht der für „Landschaften“, die seiner eigenen Fantasie entspringen. Stundenlang kann er über neu zu erschaffende Welten voller Unmöglichkeiten nachdenken, dabei jedoch immer Italien im Hinterkopf behaltend. In Drucken wie „Stillleben mit Spiegel“(1934) und „Stillleben und Straße“(1937) gibt Escher diese unmöglichen und fantasiereichen Situationen in einer italienischen Umgebung wieder.

1936 begeben sich Maurits und Jetta auf eine lange Seereise nach Spanien. Dort besucht Escher zum zweiten Mal die Alhambra in Granada, aber auch die Mezquita-Kathedrale in Córdoba. Von nun an widmet er sich wieder intensiv Flächenfüllungen, der so genannten Parkettierung. Die sich aneinander anschließenden Muster bilden ab jetzt immer häufiger die Grundlage für Eschers Drucke.

Rückkehr in die Niederlande

Schließlich lässt sich die Familie Escher 1941 in dem niederländischen Ort Baarn nieder. Escher ist wieder in seine Heimat zurückgekehrt. Und obwohl er die italienische Landschaft vermisst, fühlt er sich in Baarn zu Hause. Escher wohnt bis zu seinem Tod in den Niederlanden. Im Zweiten Weltkrieg entstehen nur wenige neue Drucke. Aufgrund seiner Weigerung, sich bei der niederländischen Kulturkammer zu registrieren, darf Escher während des Kriegs nicht an Ausstellungen teilnehmen.

Escher verdiente Geld mit dem Verkauf seiner Drucke, auch schon vor seinem internationalen Durchbruch nach dem Zweiten Weltkrieg. Es war aber nicht genug, um eine Familie unterhalten zu können. Neben seinen freien Arbeiten bekommt Escher in den Niederlanden regelmäßig Aufträge, wie 1940 bis 1941 für Intarsienarbeiten im Rathaus von Leiden, aber auch für Briefmarken und Exlibris. Er illustriert Bücher von Freunden oder stellt andere Aufträge fertig. Etwa Mitte der 1930-er Jahre fängt Escher an, mehr mit unmöglichen und überraschenden Darstellungen zu experimentieren, die zunehmend Aufmerksamkeit erregen.

Berühmt

1951 schreibt die britische Fachzeitschrift „The Studio“ über das Werk Eschers. Auch international gelesene, beliebte Zeitschriften wie „Time“ und „Life“ schreiben über Eschers Werk. Das amerikanische Interesse nimmt dadurch stark zu. Seine Drucke erfreuen sich großer Beliebtheit und werden viel nachgefragt. Vor allem „Tag und Nacht“ aus dem Jahr 1938 ist beliebt. Escher druckt seine Holzschnitte selbst und beschwert sich später, dass er über 600 Exemplare dieses Drucks anfertigen musste. 1961 schreibt E.H. Gombrich in „The Saturday Evening Post“ über Eschers Arbeit.

Escher hat jetzt auch Ausstellungen im Stedelijk Museum in Amsterdam (im Rahmen einer internationalen Mathematikkonferenz) sowie an mehreren Orten in den USA und Großbritannien. Schließlich folgt 1968 Eschers erste Retrospektive zum Anlass seines 70. Geburtstags im Gemeentemuseum in Den Haag. 1955 wird M.C. Escher mit dem Orden „Ridder in de Orde van Oranje Nassau” ausgezeichnet. 1965 folgt der Kulturpreis der Stadt Hilversum, und 1967 erhält er eine weitere königliche Auszeichnung.

Tod

Eschers Gesundheit war seit frühester Kindheit schwach. In den letzten Jahren vor seinem Tod unterzieht er sich mehreren schweren Operationen. 1969 entwirft Escher seinen letzten Holzschnitt: „Ringschlangen“. Danach druckt er noch gelegentlich ältere Werke, es entsteht jedoch kein neues Werk mehr. Da Eschers Gesundheit schlechter wird, zieht er 1970 in das Rosa-Spier-Haus in Laren. Es wurde 1969 von der niederländischen Harfenistin Rosa Spier gegründet. Hier wohnen seitdem ältere Künstler und Wissenschaftler in einer Wohn- und Arbeitsgemeinschaft. In diesem Haus findet Escher Anschluss an Gleichgesinnte.

Escher stirbt am 27. März 1972 in einem Krankenhaus in Hilversum.

Nähere Informationen: Escher im Palast, Lange Voorhout 74, 2514 EH Den Haag, Telefon

+31 70-4277730 (erreichbar während der Bürozeiten), E-Mail: info@escherinhetpaleis.nl

De wereld van Bas Kosters – in twee hoofdstukken

Van geboortegrond naar grote overzichtstentoonstelling

Dit najaar en volgend voorjaar staat het autonome werk van Bas Kosters (Zutphen, *1977) centraal in twee solotentoonstellingen: in Dat Bolwerck, huis voor kunst en gedachten in zijn geboortestad Zutphen, en in Rijksmuseum Twenthe in Enschede, de stad waar hij zijn kunstenaarschap vormde aan de AKI.

Samen schetsen de musea een veelzijdig portret van een kunstenaar die is gevormd door de modewereld, maar zich de afgelopen jaren op zijn eigen unieke wijze volledig toelegt op autonoom, beeldend werk met een maatschappelijke lading. De tentoonstellingen vullen elkaar aan in perspectief en toon: van een persoonlijk en intiem verhaal in Zutphen tot een museaal overzicht in Enschede. Het publiek wordt van oktober 2025 tot juni 2026 uitgenodigd om de wereld van Bas Kosters in volle breedte en gelaagdheid te ervaren – toegankelijk, indringend en actueel. Persoonlijk verhaal in geboortestad Zutphen op 3 Oktober 2025 opent in Dat Bolwerck een uiterst persoonlijke tentoonstelling, waarin Bas Kosters zijn zoektocht naar eigen ruimte op zijn geboortegrond ontrafelt.

We Are All Here“ is een onderzoeksproject naar hoe we onze ruimte kunnen innemen en hoe we harmonieus kunnen samenleven. De tentoonstelling toont nieuw werk, waaronder een monumentale textiele installatie die zowel in de tuin van Dat Bolwerck als op Station Zutphen te zien is (Kosters is geboren op het Stationsplein).

Ook de serie „Family Textiles“ – drie wandkleden die Bas“ overleden vader en moeder, en hemzelf verbeelden – is bij Dat Bolwerck voor het eerst in zijn geheel te zien. Daarnaast maken zijn porseleinen kunstwerken, ontstaan tijdens een artist-in-residence in Arita (Japan), deel uit van de presentatie. Er zijn bovendien veel zelfportretten van Kosters te zien, waarin zijn persoonlijke zoektocht en identiteit centraal staan. Kosters: “Zachtheid en poëtische verbeelding van mens en dier zijn uitgangspunten voor het project. Ik wil vrijheid bevechten – voor mensen, voor hun bestaansrecht in de maatschappij, en ook voor mijn eigen bestaansrecht.”

Groot overzicht 10 jaar autonoom werk in Enschede

Op 14 februari opent in Rijksmuseum Twenthe de tentoonstelling Bas Kosters Many loving arms: de eerste museale overzichtstentoonstelling van zijn autonome werk uit de afgelopen tien jaar. In deze rijke presentatie komen textielkunst, sculpturen, keramiek, kostuums, installaties en tekeningen samen in een weelderige wereld waarin zelfliefde, queerness, hoop, sensualiteit en veiligheid centraal staan.

Met zijn werk wil Kosters verbinden en een veilige ruimte creëren voor anderen én voor zichzelf. In Enschede – waar Kosters aan de AKI studeerde – zijn toonaangevende series te zien als An Exercise in Joy, The Divine Series, Safe Me en My House is on Juicy Street. De tentoonstelling toont niet alleen de overdadige en kleurrijke werken waar Kosters om bekend staat, maar ook zijn meer gevoelige en intieme kant. Kosters: “Mijn werk mag dan bont en kleurrijk zijn, maar er zit ook een serieuze laag onder. Je zou het kunnen beschouwen als een handreiking voor hoe we kunnen functioneren in deze wereld.”

Infos: Rijksmuseum Twenthe, Lasondersingel 129-131, 7514 BP, Enschede, Telefon +31 53201 2000, Internet www.rijksmuseumtwenthe.nl. Geöffnet ist das Museum dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr.

Erfolgreiche Bilanz 2025 im Museum Barberini

Rund 350.000 Besuche und Vermittlungszahlen auf Allzeithoch

Im Jahr 2025 konnte das Museum Barberini 349.937 Besuche verzeichnen. Damit bewegt sich das Besucherniveau auf stabil hohem Niveau, nachdem 2024 durch die besonders besucherstarken Ausstellungen „Munch. Lebenslandschaft“ sowie „Modigliani. Moderne Blicke“ rund 378.000 Besuche erzielt wurden (2023: 358.130).
Die Zahlen für das Vermittlungsprogramm erreichten 2026 einen neuen Höchststand: Mit über 3000 durchgeführten Education-Veranstaltungen für 53.700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer übertraf das Interesse an Führungen, Workshops, Einführungsvorträgen und weiteren Formaten alle bisherigen Jahre. Möglich wurde diese erneute Steigerung der Auslastung insbesondere durch die Eröffnung des Barberini Studio im Februar 2025, das neben erweiterten Räumlichkeiten für die Vermittlungsarbeit auch eine inhaltliche Ausweitung des Angebots ermöglichte.

Im Jahr 2025 zeigte das Museum Barberini vielfältige Sonderausstellungen. Noch bis Mitte Januar zog „Maurice de Vlaminck. Rebell der Moderne“ 14.260 Besuche an (gesamt: 95.488). Die Schau „Kosmos Kandinsky. Geometrische Abstraktion im 20. Jahrhundert“ begeisterte von Februar bis Mai knapp 130.000 Gäste. Im Sommer präsentierte das Museum die Retrospektive „Mit offenem Blick. Der Impressionist Pissarro“, die 114.690 Besucherinnen und Besucher verzeichnete. Die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“, die am 24. Oktober 2025 eröffnete und bis zum 1. Februar 2026 lief, sahen insgesamt 107.000 Gäste in 14 Ausstellungswochen.

Einhorn als Liebling des jungen Publikums

„Wir sind sehr glücklich darüber, dass es die Einhorn-Ausstellung geschafft hat, sonst schwer erreichbare Besuchsgruppen wie Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ins Museum zu führen. Auch die Anzahl an Familien sowie Erstbesucherinnen und -besuchern in der Ausstellung war bemerkenswert.”, erklärt Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini. „Wir freuen uns sehr, dass wir mit dieser inhaltlich tiefen und oft überraschenden Ausstellung diese Zielgruppen an das Erlebnis Museum heranführen konnten.“
Auch im Vermittlungsprogramm zur Schau waren die Angebote für Schulen, Kinder und Familien besonders stark nachgefragt. Insgesamt nahmen 17.535 Personen an den 1010 Veranstaltungen des Education-Programms teil.

Neue Impulse im Digitalbereich

Auch im Podcast-Bereich setzte das Museum Barberini 2025 Akzente. Mit „Im Moment – Eine meditative Reise mit Monet“ entstand ein Audio-Format, das die Kunst der Impressionisten mit Achtsamkeit verbindet und von Schauspieler Benno Fürmann präsentiert wird. Der 2024 auf Deutsch erschienene Doku-Podcast „Monet – Zeiten des Umbruchs“, der in sechs Teilen durch das bewegte Leben des Künstlers führt, erschien 2025 unter dem Titel „Monet – Century of Change“ auch auf Englisch. Als Hostin konnte dafür die junge britische Historikerin Alice Loxton gewonnen werden, während der britische Schauspieler James d’Arcy Claude Monet spricht.
Mit dem Digital-Projekt „Barberini Music Walks“ wurde ein innovativer Zugang zu den Werken der Sammlung Hasso Plattner geschaffen. In Zusammenarbeit mit dem Komponisten, DJ und Produzenten Henrik Schwarz entstand eine Anwendung für die Barberini App, mit der Besucherinnen und Besucher die Impressionismus-Sammlung vor Ort auf völlig neue, klangliche Weise entdecken können. Für jeden Saal der Sammlung haben Henrik Schwarz und der Komponist Zacharias Falkenberg atmosphärische Soundscapes entwickelt, die von den kompositorischen Prinzipien der Impressionisten inspiriert sind. Über die Barberini App reagieren diese Klangwelten in Echtzeit auf die individuellen Bewegungen im Raum und beziehen dabei Parameter wie Laufrichtung und Verweildauer ein. Mithilfe von Technologien aus der Game-Entwicklung entstehen bei jedem Gang durch die Sammlung neue, dynamische Kompositionen, die sich mit dem Stil der Impressionisten verweben. „Music Walks“ wurde im November 2025 der Öffentlichkeit vorgestellt und ermöglicht seither einen neuen Zugang zu den Werken des Impressionismus.

2026: Liebermann, Signac, Netzwerke

2026 steht wieder ganz im Zeichen verschiedener Spielarten des Impressionismus. Ab dem 28. Februar zeigt die Ausstellung „Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“ über 100 Gemälde von Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt und Lesser Ury, lädt aber auch zur (Wieder)Entdeckung von Künstlerinnen und Künstlern wie Sabine Lepsius, Dora Hitz, Philipp Franck, Gotthardt Kuehl oder Maria Slavona ein.

Ab dem 4. Juli folgt „Symphonie der Farben. Signac und der Neo-Impressionismus“, die sich Paul Signacs künstlerischem Werk und seiner zentralen Rolle innerhalb der neoimpressionistischen Bewegung widmet.

Ab 7. November begeht das Museum Barberini mit der Jubiläumsausstellung „Netzwerke des Impressionismus. Künstler, Händler, Sammler“ sein zehnjähriges Bestehen im Januar 2027. Die Ausstellung zeigt mit Gemälden von Monet, Renoir, Morisot und Caillebotte, wie der Impressionismus zu weltweiter Anerkennung gelangte. Sie präsentiert Werke aus renommierten Museen wie dem Art Institute of Chicago, der National Gallery in London, dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Musée d’Orsay in Paris und dem National Museum of Western Art in Tokio.

Nähere Informationen: Museum Barberini, Friedrich-Ebert-Str. 115, 14467 Potsdam, E-Mail: info@museum-barberini.de, Internet: http://www.museum-barberini.de

Kunsthalle Bremen zeigt: Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom

Mindestens 150 Jahre lang war dieses Gemälde nicht öffentlich zu sehen: Die „Campagnalandschaft mit Aqua Claudia“ von Friedrich Nerly. Seit 1954 befindet sich das Bild im Besitz der Kunsthalle, doch bis vor kurzem war es nicht ausstellbar. Gut ein Jahr dauerte die Restaurierung mit eindrucksvollem Ergebnis: Ein vergessenes Hauptwerk des deutschen Malers Friedrich Nerly (1807–1878) kam ans Licht! Das Gemälde zeigt die antike Wasserleitung Aqua Claudia vor den Toren Roms.

Ab dem 14. März und bis zum 5. Juli steht es im Mittelpunkt der Ausstellung „Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom“. Die Ausstellung nimmt Nerlys frühe Schaffensjahre in Rom von 1829 bis 1835 in denFokus. Der deutsche Romantiker Friedrich Nerly und die Kunsthalle Bremen sind auf besondere Weise verbunden, denn die Kunsthalle Bremen besitzt mit mehr als 550 Werken nahezu die Hälfte seines Nachlasses. Der andere Teil befindet sich im Angermuseum in seiner Geburtsstadt Erfurt. Die Kunsthalle Bremen erwarb diese Werke von einer Nachfahrin des Künstlers. 1957 zeigte die Kunsthalle die erste Einzelausstellung des Künstlers und publizierte einen Katalog – den ersten, der Friedrich Nerly je gewidmet wurde. Die große Ausstellung „Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom“ knüpft nun an diese frühe Erschließung seines Werks an und präsentiert bisher unbekannte Meisterwerke von Nerly.

Die Ausstellung „Natur und Antike“ nimmt mit zahlreichen Gemälden, Ölstudien, Zeichnungen, Aquarellen und Fotografien Friedrich Nerlys frühe, prägende Jahre in Rom von 1829 bis 1835 in den Blick. Zur Zeit der Romantik pilgerten viele Künstler nach Italien, Nerly reiste bereits mit 20 Jahren dorthin. Er arbeitete in Rom, Tivoli und Olevano – damals wie heute beliebte Reiseziele von Künstlern und Touristen. An der Küste entlang reiste er nach Neapel und bis Sizilien. Dabei entstanden sonnendurchflutete Zeichnungen und Aquarelle in der Natur, die ihm als Grundlage für Gemälde dienten. Aqua Claudia – damals und heute Höhepunkt der Ausstellung ist das Gemälde „Campagnalandschaft mit Aqua Claudia“ (1836).

Jahrzehntelang schlummerte dieses Hauptwerk im Depot der Kunsthalle und war ein schwerer Fall für die Restaurierung. Erst eine großzügige Spende ermöglichte die aufwendige Bearbeitung. Das Motiv der imposanten Ruinen des Aquädukts vor den Toren Roms war zu Nerlys Zeiten neu und spektakulär. Denn bis dahin galt die Campagna als öde und gefährlich, wegen der Räuber und der Malaria. Daher durchquerte man diese Gegend möglichst schnell, um an idyllischere Orte wie Frascati oder Tivoli zu gelangen. Die historischen Ruinen würdigte man nur im Vorbeifahren aus der Ferne. In Gemälden wurde die Aqua Claudia daher bis zum frühen 19. Jahrhundert nur im Hintergrund dargestellt, wie beispielsweise in dem berühmten Bild „Goethe in der römischen Campagna“ (1787) von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751–1829).

Erst seit den 1820-er Jahren zogen Dichter und Künstler zunehmend in die Campagna, ergriffen von der erhabenen Stimmung und der Erinnerung an die römische Geschichte. Zunächst entstanden nur Zeichnungen und kleine Ölstudien. Friedrich Nerly war einer der ersten, der die Ruinen des Aquädukts zum Hauptmotiv eines großen Gemäldes machte. Die Ausstellung untersucht auch die spätere Rezeption dieser Ruinen und schlägt den Bogen in die Gegenwart. Die Fotoserie „Aqua Claudia“ (2014) von Hans-Christian Schink regt aktuelle Debatten an: über vergessene und wiederentdeckte Orte, über den Wandel unseres Blicks auf das kulturelle Erbe Italiens und über die Geschichte und Zukunft der Wasserversorgung – ein essentielles Thema in Zeiten des Klimawandels.

Friedrich Nerly blieb sein Leben lang in Italien, zunächst in Rom und ab 1837 in Venedig. Nerlys Werke öffnen nicht nur ein Fenster in die Romantik, sie inspirieren auch zu neuen Reisewegen nach Italien, zur Auseinandersetzung mit der antiken Architektur und der römischen Ingenieursbaukunst. Sie lassen darüber hinaus die griechischen Mythen Homers anklingen, die bereits Goethe – ebenso wie Nerly – auf seiner italienischen Reise als Begleiter in der Tasche hatte.

Fakten zur Ausstellung

Die Ausstellung „Natur und Antike“ arbeitet intensiv mit den Nerly-Beständen der Kunsthalle Bremen und präsentiert darüber hinaus Leihgaben u.a. aus dem Angermuseum in Erfurt, dem Thorvaldsen Museum in Kopenhagen und der Nationalgalerie Berlin. Außerdem werden Werke aus Privatbesitz gezeigt, die der Öffentlichkeit bisher nicht zugänglich waren und für die Ausstellung teilweise frisch restauriert wurden. Sie stammen aus bedeutenden alten Sammlungen; ein Gemälde befand sich zuvor im Besitz des dänischen Kronprinzenpaars. Die Ausstellung „Natur und Antike“ umfasst rund 160 Arbeiten.

Neben Werken von Friedrich Nerly sind auch Bilder der Aqua Claudia unter anderem von Carl Blechen, Gaston Lenthe, Johann Wilhelm Schirmer und Carl Spitzweg zu sehen. Sie zeugen von der Karriere dieses Bildmotivs, das im Verlauf des 19. Jahrhunderts sehr populär wurde. Eine begleitende Ausstellung mit dem Titel „Nerly in Venedig. Von Gondeln und Palästen“ (14. März bis 5. Juli) gibt Einblick in Nerlys späteres Schaffen: Sie ist zeitgleich im Kupferstichkabinett zu sehen.

Nerly in Venedig. Von Gondeln und Palästen“ (14. März – 5. Juli)

„Venedig und immer Venedig, von allen Seiten, groß und klein, zur alten und jetzigen Zeit“, schrieb Friedrich Nerly im Jahr 1845 über seinen künstlerischen Alltag. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits seit sieben Jahren in der Lagunenstadt, nachdem er zuvor in Rom gelebt hatte. Durch die Heirat mit einer Venezianerin aus gutem Hause war er ausgezeichnet vernetzt und sein zentral gelegenes Atelier im Palazzo Pisani etablierte sich als beliebtes Ziel vieler Reisender. Mit pittoresken Ansichten bediente der Künstler die Nachfrage der Touristen, die in immer größerer Zahl eintrafen. Zu seinen erfolgreichsten Motiven gehörten die Piazzetta und die Markussäule bei Mondschein, die er über 30 mal wiederholte.

Für Nerly war Venedig ein unerschöpflicher Motivschatz: Der Teilnachlass des Künstlers, der seit 1953 in der Kunsthalle Bremen aufbewahrt wird, umfasst zahlreiche Zeichnungen, die er in den 41 Jahren vor Ort bis zu seinem Tod 1878 geschaffen hat, darunter brillante Impressionen venezianischer Fenster, gotischer Architektur, schwarzer Gondeln und vor Anker liegender Segelschiffe. Aus dieser Zeit stammen auch seine zwei berühmtesten Motive und gleichzeitig seine Erfolgsbilder, von denen die Kunsthalle Bremen zwei Gemälde besitzt, „Die Markussäule in Venedig bei Mondschein“, um 1837, und „Canale Grande mit Blick auf Santa Maria della Salute“, 1838/39. Sie werden neben 50 Papierarbeiten in der Ausstellung präsentiert werden.

Nähere Informationen: Kunsthalle Bremen, Am Wall 207, 28195 Bremen, Telefon: +49 (0)421 – 32 9080, Fax +49 (0)421 – 32908470, E-Mail: info@kunsthalle-bremen.de

Ausstellungsode an die Druckgrafik

Das Druckalbum „L’Estampe originale“ (1893–1895) ist ein Höhepunkt der Blütezeit der Druckgrafik im fin de siècle. Mit etwa 35 Drucken zeigt diese kleine Ausstellung, die noch bis zum 17. Mai im Van Gogh-Museum in Amsterdam zu sehen ist, wie vielfältig, eigenwillig und innovativ die Künstler waren, die die Drucke für dieses Album anfertigten.

Das Album „L’Estampe originale“ zeigt, wie reich und vielfältig die Druckgrafik Ende des 19. Jahrhunderts war. Das Van-Gogh-Museum ist eine von sechs Sammlungen weltweit, die eine vollständige Version dieses Druckalbums besitzen. Die Abdrücke sind wegen ihrer Zerbrechlichkeit selten zu sehen.

Ursprüngliche Druckgrafik

Im März 1893 veröffentlichte der Verleger André Marty den ersten Band von „L’Estampe originale“, einem Album moderner Drucke avantgardistischer Künstler. Jedes Quartal wurde ein Album mit zehn Abzügen veröffentlicht und an eine ständig wachsende Gruppe von Sammlern geschickt. Zwischen 1893 und 1895 wurden neun Alben veröffentlicht, mit insgesamt 95 Drucken von 74 verschiedenen Künstlern.

Die Künstler fertigten die Drucke nach den Prinzipien der „Estampe originale“, der ursprünglichen Druckgrafik an. Nach diesen Richtlinien waren Künstler persönlich in jeden Teil des Entstehungsprozesses eingebunden, vom Design bis zum Druck. Außerdem sorgten sie dafür, dass die Drucke in einer kleinen, nummerierten Auflage von hundert Exemplaren veröffentlicht wurden. Das war besonders, denn zu dieser Zeit wurden kommerzielle Drucke und Reproduktionsgrafiken in Massenproduktion produziert.

Junge Talente und etablierte Namen

Marty kombinierte avantgardistische Drucke mit traditionelleren Grafiken. Dies sprach Sammler an, die oft noch etwas konservativ waren. Das Album enthält daher Originaldrucke sowohl junger Talente als auch etablierter Namen, darunter Pierre Bonnard, Camille Pissarro, Henri de Toulouse-Lautrec und Paul Gauguin.

Der Aufstieg von Farbe und Moderne

Früher betrachteten Künstler die Farblithografie als minderwertig. Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich dies aufgrund der hohen Sichtbarkeit von Farbplakaten auf der Straße und Farblithografien in Zeitschriften. 1890 gab es auch eine Ausstellung in Paris über japanische Drucke. Seitdem gilt die Farblithografie als neu, spannend und vor allem als modern.

Frauen auf dem Bild

Die Drucke von „L’Estampe originale“ zeigen eine bemerkenswerte Anzahl von Frauen: als Muse, Mutter, Geliebte oder als geheimnisvolle Figuren. Sie bleiben oft anonym oder werden als Allegorie dargestellt. Die Drucke waren hauptsächlich für ein männliches Publikum gedacht, das die Alben zu Hause erhielt. So zeigt L’Éstampe originale nicht nur die künstlerischen Entwicklungen am Ende des 19. Jahrhunderts, sondern auch die soziale Stellung der Frauen jener Zeit.

Ein Querschnitt des Fin de Siècle

Durch die Kombination verschiedener Künstler, Techniken und Themen bietet „L’Estampe originale“ ein klares Bild einer sich wandelnden kulturellen Epoche. Das Album zeigt, wie Kunst, Geschmack und Gesellschaft um 1890 miteinander verflochten waren.

L’Estampe originale

Die Mission von André Marty, dem Herausgeber des Druckalbums „L’Estampe originale“ wurde von Roger Marx wie folgt ausgedrückt: „ein Repertoire zu schaffen und zu bewahren, das als Beweis für die Kunst unserer Zeit vor der Geschichte dient“. Das hat wunderbar funktioniert. Nicht weniger als 74 verschiedene Künstler steuerten insgesamt 97 Drucke bei, verteilt auf neun Alben. Die Portfolios, die in einer Auflage von hundert veröffentlicht wurden, wurden alle drei Monate an die abonnierenden bürgerlichen Drucksammler verteilt. Das Projekt erlangte schnell mythischen Status und gilt bis heute als das Prestigeprojekt, das während des Fin de Siècle den Trend für die Druckgrafik beflügelte.

Die Kriterien des Originaldrucks

Roger Marx erklärte die Grundidee der Auswahl im Vorwort zum ersten Album. Über Schule, Stil oder Technik stellte Marty die individuellen Eigenschaften und den Ausdruck des Künstlers. Solange er nach den Kriterien des Originaldrucks arbeitete, blieben seine ursprünglichen Absichten sichtbar. Das bedeutete, dass der Künstler in den gesamten Prozess der Entstehung des Drucks eingebunden sein musste, vom ursprünglichen Entwurf über die Papierauswahl bis hin zum Druck der endgültigen Radierung, Lithografie oder Holzschnitt.

Vollständiger Überblick über die Fin de Siècle-Druckgrafik

Da Marty die individuellen Qualitäten des Künstlers als einziges Kriterium nutzte, wurden alle modernen Stile und Bewegungen des fin de siècle auf dem Album vertreten. Die Drucke der neuesten Künstlergruppen, wie der Schule von Pont-Aven, befanden sich im selben Ordner wie Drucke etablierter Namen wie Auguste Renoir und Puvis de Chavannes. Das erste Album widmete sich stark der jüngsten Avantgarde mit den farbigen Lithographien der Nabis und Henri de Toulouse-Lautrecs.

André Marty

André Marty wurde 1857 geboren und ist als Herausgeber von „L’Estampe originale“, dem renommiertesten Druckalbum des fin de siècle, in die Geschichte eingegangen. Er produzierte jedoch viele weitere Ausgaben moderner künstlerischer Drucke für ein ausgewähltes Publikum ernsthafter Sammler. Seine weiteren Veröffentlichungen, wie die Druckreihe Le Café Concert, das Künstlerbuch Yvette Guilbert und das Druckalbum Album de la Revue blanche gehören alle zur Crème de la Crème der Pariser Druckgrafik.

Herausgeber des „L’Estampe originale“

Im Porträt von Adolphe Willette sieht man Marty, wie er in einem Anzug durch den Regen rennt und einen Bilderordner unter dem Arm hat. Für „L’Estampe originale“ lief er tatsächlich von 1893 bis 1895 ununterbrochen durch Paris, vom Künstler zum Drucker, vom Papierhändler zum Sammler, um die unendlich komplexe Entstehung dieses Druckalbums zu realisieren. Neben viel Talent fürs Arrangieren hatte Marty auch ein sehr gutes Auge für künstlerische Qualität. Die 74 Künstler, die er für sein Album gewinnen konnte, bilden zusammen einen Querschnitt der modernen Kunstwelt des Fin de Siècle.

Druckgrafik und die Blüte der dekorativen Künste

Für Marty war die Förderung der ursprünglichen Druckgrafik Teil einer größeren Bewegung, die dekorative Kunst zu einer Kunstform zu erheben. Er veröffentlichte die Zeitschrift „Le Livre vert“, in der er wiederholt betonte, dass nur das Genie des einzelnen Künstlers entscheidet, ob etwas künstlerisch ist. Ein Kunstwerk konnte daher ebenso gut ein Druck oder eine Vase wie ein Gemälde sein. Um diese Jugendstil-Idee zu unterstreichen, fertigte er dekorative Objekte von Künstlern sowie Broschen und Figuren an.

Farblithografie

Farblithografie war die Technik der modernen Druckgrafik des fin de siècle. Laut dem Kunstkritiker André Mellerio war es sogar „die unverwechselbare Kunstform unserer Zeit“. Diese Kunstform wurde zunächst hauptsächlich von der Avantgarde von Paris übernommen. Zum Beispiel waren Farbdrucke im offiziellen Salon erst 1899 erlaubt, als die Beliebtheit der Farblithografie in der modernen Kunstwelt bereits ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Lithografieierte Plakate

Es war der „König des Plakats“ ,Jules Chéret, der mit seinen lithografiierten Werbeplakaten die Farblithografie im Alleingang zu einem künstlerischen Medium erhob. Seine leuchtenden und farbenfrohen Plakate waren eine Neuheit in den ehemals grauen Straßen von Paris. Künstler wie Pierre Bonnard und Henri de Toulouse-Lautrec ließen sich von den ästhetischen Möglichkeiten der Technik inspirieren und folgten mit eigenen künstlerischen Plakaten, die aus leuchtenden Farbflächen, geschwungenen Silhouetten und Mustern sowie dekorativer Typografie bestanden.

Zeitgenössische Ode an die Farblithographie

In seiner Abhandlung „La Lithographie originale en couleurs“ von 1898 lobte Mellerio die besonderen Eigenschaften des Mediums und brachte zum Ausdruck, was eine künstlerische Farblithografie erfüllen musste: Die Farbfelder mussten so weit wie möglich getrennt und schlicht und hell gehalten werden, mit offenen Papierteilen dazwischen. Die Komposition musste einfach gestaltet sein und ein harmonisches Ganzes bilden.

Nähere Informationen: Van Gogh Museum, Museumplein 6, Amsterdam, Telefon +31 205705200, E-Mail: info@vangoghmuseum.nl, Internet: http://www.vangoghmuseum.nl

Wissenswertes über die Kunsthal Rotterdam

Die Kunsthal in Rotterdam ist eine der Ikonen der modernen Architektur und wird jedes Jahr von zahlreichen Architekturliebhabern aus aller Welt besucht.


Der weltberühmte Architekt Rem Koolhaas entwarf die Kunsthal von 1988 bis 1989 gemeinsam mit dem Projektarchitekten Fuminori Hoshino vom Rotterdamer Architekturbüro OMA (Office for Metropolitan Architecture). Das Werk erregte sofort breite internationale Aufmerksamkeit wegen Merkmalen wie dem innovativen Materialeinsatz, der Lage des Eingangs und der steilen Rampen. Das Kunsthal wurde am 1. November 1992 offiziell eröffnet. Das wuchtige Gebäude beherbergt sieben Ausstellungsräume, ein charakteristisches Auditorium und ein Café mit besonderer Atmosphäre.

Zur Geschichte

Das Blockbuster-Phänomen tauchte in den 1980-er Jahren auf: große Ausstellungen, um Menschenmengen und ein neues Publikum anzuziehen. Bestehende Museen waren weniger auf die zunehmende Menschenmassen vorbereitet und mussten über ihre Dauerausstellung nachdenken. Joop Linthorst, der damals Stadtrat für Finanzen und Kunst in Rotterdam war, hatte die Idee, einen Ausstellungsraum speziell für diese temporären Blockbuster-Ausstellungen zu entwickeln.

Der Architekt Rem Koolhaas wurde beauftragt, einen Entwurf für den heutigen Standort am Westzeedijk zu entwerfen. Sein erster Entwurf, Kunsthal Hoboken Entwurf (27. April 1988), zeigte ein Kunsthal, das größtenteils über dem Boden schwebte und auf sechs breiten Säulen ruhte, mit einem Eingang am Westzeedijk. Sein ehrgeiziger Plan basierte auf einem Museum ohne Wände, einem einzigen, weitläufigen Raum mit völliger Flexibilität, inspiriert vom modernistischen Ideal von Ludwig Mies van der Rohe.

Kunsthal II

Wim van Krimpen wurde als Architekt und erster Direktor der Kunsthal eingeladen. Als er seine Stelle antrat, lehnte er Koolhaas‘ ersten Entwurf aus verschiedenen Gründen ab. Zum Beispiel wollte er mehr Quadratmeter Ausstellungsfläche und mehr Wände, um Kunstwerke aufzuhängen. Koolhaas begann mit dem Entwurf der Kunsthal II auf der Grundlage eines neuen Anforderungsprogramms. Dank des großen Engagements aller Beteiligten wurde das Kunsthal schließlich 1991 mit einem Eingang auf halber Höhe der Rampe fertiggestellt.

Als die Kunsthal 1992 eröffnet wurde, war die Ära der Blockbuster bereits vorbei, ebenso wie die der großen Subventionen. Das Kunsthal organisierte eigene Ausstellungen und legte die Grundlage für seine Mission: Kunst einem breiten Publikum zu präsentieren.

Wim van Krimpen war von 1992 bis 2002 Direktor des Kunsthal. Ihm folgte Wim Pijbes, der bereits von 2000 bis 2008 als Kurator für die Kunsthal gearbeitet hatte. Gefolgt von Emily Ansenk von 2008 bis 2019. Nathanja van Dijk ist seit September 2019 Direktorin. Seit dem 14. Februar 2022 ist Marianne Splint Direktorin der Kunsthal Rotterdam.

Lage

Das Kunsthal liegt am Rand des attraktiven Museumsparks und des Westzeedijks. Die Rampe, die direkt durch das Gebäude führt, überbrückt den Höhenunterschied von sechs Metern und verbindet den Museumspark mit dem Westzeedijk, dem Hoboken-Gebiet und dem Park. Neben seiner Funktion als Ausstellungsort ist die Kunsthal als Eingang und Tor zum Museumspark auch ein Verkehrsknotenpunkt und Treffpunkt für verschiedene öffentliche Verkehrsströme. Der ‚Showcase‘, der die Rampe flankiert, kann von Passanten außerhalb des Gebäudes als Ausstellungsraum betrachtet werden und ist tagsüber Teil der öffentlichen Straße.

Museumspark

Der Museumspark befindet sich auf dem ehemaligen Anwesen der Familie Hoboken, die in der Villa lebte, in der sich heute das Naturhistorische Museum Rotterdam befindet. Der charakteristische Park ist in bescheidenem Maßstab (100 x 400 Meter) und verbindet alle Gebäude rund um den Museumspark miteinander.

Der Teil des Museumsparks zwischen dem Erasmus University Medical Centre und dem Rosengarten wurde von Rem Koolhaas/OMA in enger Zusammenarbeit mit dem französischen Landschaftsarchitekten Yves Brunier (*1962 – +1991) und der Designerin Petra Blaisse entworfen. Der Park hat ein sehr innovatives Design: vier Kammern, jede mit eigenem Layout, Nutzung und Stimmung. Der Platz vor dem Kunsthal blickt auf eine romantische Naturzone mit Bäumen, Wasser, gewundenen Wegen und einer Brücke mit funkelnden Steinen. Die Brücke selbst bietet einen wunderbaren Blick auf die Kunsthal. Im Park befinden sich verschiedene Kunstwerke, sodass der Museumspark auch als Freilichtmuseum dient.

Innovative Materialverwendung

Koolhaas verwendete für das Kunsthal nicht nur teure, klassische Materialien wie Marmor und Parkett, sondern auch billige, „übliche“ Materialien wie Wellblech, blanken Beton, verzinkte Stahlroste und grobe Baumstämme. Jeder Ausstellungsraum hat seinen eigenen Charakter und seine eigene Atmosphäre, Materialverwendung und Format. Tageslicht wird durch verschiedene Schichten gefiltert; der Wechsel von Fenster- und Mattglas bietet überraschende Ausblicke und macht die Kunsthal sehr geeignet für alle Arten von Ausstellungen.

Architektur mit vielen Gesichtern

Das Kunsthal-Gebäude hat viele Gesichter. Insgesamt wirkt es einfach: eine große, flache, quadratische Box mit einem schmalen, hohen Turm als vertikalem Akzent. Dieser Dachturm trägt das charakteristische schwarz-weiße Logo der Kunsthal und bietet zudem Kühlung und Belüftung. Da jede Fassade anders ist und es keine klare Vorder- oder Rückseite gibt, wirkt die Kunsthal manchmal transparent und offen, zu anderen Zeiten introvertiert und geschlossen. Sein Erscheinungsbild ist auf der einen Seite ruhig und klar, während es auf der anderen Seite fragmentiert ist wie eine Collage separater Elemente.

Die verschiedenen Teile des Gebäudes scheinen leicht übereinander gestapelt zu sein, und mehrere Rampen durchqueren die Struktur, sodass eine spiralförmige Route durch das Gebäude entsteht. Die durchgehende Rampe schlängelt sich nach oben und verbindet die verschiedenen Ausstellungsräume.

Charakteristik

Das Gebäude von Koolhaas ist funktional, aber gleichzeitig ein zeitgenössisches Kunstwerk voller Themen, Anspielungen und Spezialeffekte. Daher ist die Bodenplatte unter dem Hauptausstellungsraum auf dem Deich etwas höher als auf Straßenniveau, sodass dieser Teil des Gebäudes zu schweben scheint. Auf dem Dach befindet sich ein leuchtend orangefarbener Stahlträger, der für anderthalb Meter über den Rand des Deckes ragt – als hätte ihn jemand versehentlich dort liegen lassen.

Renovierte Kunsthal

Nach einer intensiven Siebenmonatigen Renovierung wurde die Kunsthal am 1. Februar 2014 wiedereröffnet. Das Ergebnis der von OMA überwachten Renovierung ist ein nachhaltiges Gebäude, das leichter zugänglich und betreibend ist. Der Haupteingang wurde in den Museumspark verlegt. Der einladende Eingangsbereich umfasst das Kunsthalcafé, den Laden und den Schalter für die Eintrittskarten. Das prächtige Auditorium mit mehr als 300 Sitzplätzen wird von der Kunsthal zur Programmgestaltung genutzt, kann aber nun auch separat als Veranstaltungsort gemietet werden. Die Themen der Aktivitäten variieren je nach Ausstellung. Der ehemalige Laden beherbergt nun einen dauerhaften Bildungsbereich, das KunsthalLAB, in dem Schulklassen, Familien und Kinder täglich praktische Aktivitäten ausüben können.

Nähere Informationen: Kunsthal Rotterdam, Museumpark, Westzeedijk 341, 3015 AA Rotterdam, Niederlande, Telefon +31 (0)10 – 4400301, E-Mail: communicatie@kunsthal.nl

Martin Roemers – Homo Mobilis in der Kunsthal Rotterdam

Was sagt ein Fahrzeug über die Person, die es fährt? Noch bis zum 1. März präsentiert die Kunsthal Rotterdam die Ausstellung „Homo Mobilis, ein fotografisches Projekt“ von Martin Roemers (1962, Oldehove).

Seit Jahren fotografiert Roemers Menschen und ihre Fahrzeuge – von kompakten Stadtautos über pulsierende Lastwagen bis hin zu Tuktuks und Motorrollern. Im Kunsthal zeigen über dreißig Fotografien, dass diese Fahrzeuge nicht nur ein Mittel sind, um von A nach B zu reisen, sondern auch etwas über den Status, die Identität und die Kultur, aus der sie stammen, verraten.

Für dieses Projekt reiste Roemers in Städte in den Niederlanden, Deutschland, China, der Ukraine, Indien, Senegal und den Vereinigten Staaten. In öffentlichen Räumen bauten er und sein Team ein mobiles Fotostudio: ein weißer Hintergrund von 12 Metern Länge und 6 Metern Höhe, der alle visuellen Ablenkungen blockiert. Diese neutrale Einstellung legt den vollen Fokus auf die Person und das Fahrzeug, sodass subtile Details wie Haltung, Blick und Material sprechen können.

Porträts globaler Mobilität

In Dakar, Senegal, fotografierte Roemers die Autoverkäufer Aïcha, Yvonne, Fatimata und Becaya mit einem leuchtend roten Mini Cooper. In Shanghai posierten Zu’en und ihr kleiner Sohn auf einem Motorroller, und in Bengaluru, Indien, wurden Hariom und Vinoth in ihrem Eiswagen fotografiert. Die farbenfrohen und vielfältigen Bilder zeigen, wie Mobilität weltweit unterschiedlich ist, berühren aber gleichzeitig universelle Themen wie Umwelt, Geschlecht, Klasse und Individualität. Für manche ist ein Fahrzeug rein praktisch, für andere aber eine Erweiterung ihrer Identität. Die Porträts enthalten nur Informationen zu vier Dingen: Name, Beruf, Fahrzeugmarke und Ort. Dieser minimale Kontext lässt Raum für Fantasie und lädt zu persönlicher Interpretation ein.

Über Martin Roemers

Martin Roemers (*1962, Oldehove) studierte an der AKI Academy of Arts & Design in Enschede. Seit vielen Jahren arbeitet er an langfristigen Projekten, die zu Ausstellungen und Fotobüchern führen, darunter Kabul, Relikte des Kalten Krieges, Die Augen des Krieges (zwischen 3. Mai und 24. August 2012 in der Kunsthal gezeigt) und Metropolis. Seine Arbeiten wurden in Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Australien ausgestellt und sind in den Sammlungen von Instituten wie dem Rijksmuseum (Amsterdam), dem Museum of Fine Arts (Houston) und dem Getty Research Institute (Los Angeles) enthalten. Roemers hat zwei World Press Photo Awards sowie eine Vielzahl weiterer Preise gewonnen.

Veröffentlichung

Am 7. Oktober 2025 wurde das Fotobuch Homo Mobilis vom Verlag Lannoo veröffentlicht, 208 Seiten, EAN: 9789020992359. Erhältlich im Kunsthal Shop und Kunsthal Webshop für 49,99 Euro.

Nähere Informationen: Kunsthal Rotterdam, Museumpark, Westzeedijk 341, 3015 AA Rotterdam, Niederlande, Telefon +31 (0)10 – 4400301, E-Mail: communicatie@kunsthal.nl

Lalique Museum in Doesburg zeigt „Marc Chagall – Der Farbdichter“

Marc Chagall (*1887 +1985) wurde in Witebsk in Belarus, Russland, als Moïse Zakharovitch Chagalov geboren, verbrachte jedoch den Großteil seines Lebens in Frankreich. Sein Werk war weitaus farbenfroher als das anderer jüdischer Künstler wie Jacques Lipchitz und Chaïm Soutine. Chagalls Kunstwerke zeichnen sich durch einen freien, fantasievollen und traumhaften Ausdruck aus. Er verwendete eine breite Palette von Materialien und Techniken, um seine Werke zu schaffen. Sein Werk umfasst Zeichnungen, Gemälde, Grafiken, Keramik, Mosaike und Buntglas. In seinem Werk strebte er nach der Offenbarung des inneren Impulses und nicht nach bewusster, methodischer Nutzung von Farbe oder Form. Gewiss aber ist: Chagall kann ohne Zweifel als der größte Farbdichter aller Zeiten bezeichnet werden.

Die Ausstellung „Marc Chagall – Der Farbdichter“, die noch bis zum 21. Juni im Lalique Museum in Doesburg zu sehen ist, dreht sich hauptsächlich um Chagalls zentrale Themen.

Das ausgestellte Werk umfasst originale Lithografien, Radierungen, Pochoirs und Holzstiche, teilweise signiert und alle unter Chagalls Aufsicht zu seinen Lebzeiten herausgegeben. Die Themen sind Frauen, Mutterschaft und die Bibel. Die Werke entstanden für Chagalls Bibel, die Odyssee, Fables de la Fontaine, Grüß sur Paris, Paris Fantastique, Maternité (für Marcel Arland), Crucifixion Mystique und die Décomposition de la Sirène. Für diesen Anlass wurden Chagalls Gedichte auch aus dem Französischen ins Niederländische übersetzt.

Von seiner Mutter zu seinen Ehefrauen

Wie viele Männer hatte Chagall eine sehr enge Beziehung zu seiner Mutter. Mutterschaft ist daher ein wiederkehrendes Thema für ihn. Er vergötterte seine Mutter, die Feita Ita hieß. Er war voller Hingabe und idealisierte Frauen im Allgemeinen und seine Mutter im Besonderen. In seinen ‚eigenen‘ Frauen suchte er auch nach einer Art Mutterfigur. Im Alter von 21 Jahren traf er Bella Rosenfeld, seine Muse. Seine Mutter stirbt vierzehn Tage vor Marcs und Bellas Hochzeit.
Er hat damit große Schwierigkeiten und schreibt: „Ich habe immer ein schweres Gefühl im Herzen, sei es vom Schlaf oder von einer plötzlichen Erinnerung an den Tag ihres Todes, wenn ich ihr Grab, das Grab meiner Mutter, besuche. Hier ist meine Seele, hier sind meine Gemälde, mein Ursprung. Ein Meer aus Leid, die frühen grauen Haare, Augen, eine Stadt voller Tränen.“ Er ist sehr traurig und in Trauer, aber gleichzeitig so glücklich mit Bella.

Von seinen Frauen zu den Sirenen

Die Ehe findet statt und sie bekommen eine Tochter, Ida. 1941 flohen sie vor den Nationalsozialisten, die Frankreich erobert hatten, nach New York, wo Bella 1944 starb. 1948 kehrte er nach Frankreich zurück. Kurz nach Bellas Tod hatte Chagall die Künstlerin Virginia Haggard kennengelernt.

Zusammen mit Virginia und ihrem Sohn David zog Chagall 1950 nach Saint-Paul-de-Vence, einem malerischen Dorf an der französischen Riviera. Um 1952 endete die Beziehung zu Virginia und Chagall lernte die ebenfalls jüdisch-russische Valentina ‚Vava‘ Brodsky kennen, mit der er eine Hochzeitsreise nach Rom und Griechenland unternahm.

Klassische Überlieferungen aus der griechischen Kultur inspirierte Chagall dazu, das Bildmotiv der Sirene zu schaffen, der schönen Nymphe oder Meerjungfrau, die eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Männer ausübt. Für ihn waren sie die Verbindung zwischen Himmel und Erde sowie der Wasserwelt und geheimnisvollen, schwer fassbaren Frauen, die er in einer Lithografie-Serie darstellte.

Die Bibel in seinem Werk

Chagall fertigte außerdem eine Reihe von Lithografien als Bilder für Bibelgeschichten von Jesaja und Jeremia bis Ruth und Mose an. Er fertigte außerdem zwölf Fenster für die Hadassah Medical Relief Association der zwölf Stämme Israels an. Sie deuten die Segnungen Jakobs für seine zwölf Söhne.

Jüdische Abstammung

Seine Herkunft bereitete Chagall bei seiner Wahl für eine künstlerische Karriere besondere Schwierigkeiten. Die arme Familie, aus der er stammte, gehörte zum Chassidismus, einer ultraorthodoxen Bewegung im Judentum. Menschen darzustellen war nicht erwünscht. Chagall beschreibt in seiner Biografie von 1922, dass er bis 1906 nie ein Gemälde oder eine Zeichnung gesehen hatte. 1910 erhielt er ein Stipendium für sein Studium in Paris, wo er mit den inspirierenden Werken von Cézanne, Monet, Manet, Seurat, Renoir, Van Gogh und Matisse bekannt wurde. Im Laufe seines Lebens musste er oft selbst fliehen. Das machte ihn unfreiwillig zu einem Weltbürger. Sein langes Leben und seine vielfältigen Inspirationen, die er an so unterschiedlichen Orten wie Sankt Petersburg, Paris, New York, London und Amsterdam bekam, machten ihn zu einem der einflussreichsten Künstler des20. Jahrhunderts. Bis zu seinem Tod 1985 war er mit Vava verheiratet und als Künstler aktiv.

Über das Lalique Museum

Das Lalique-Museum befindet sich im Herzen des historischen Zentrums von Doesburg, nahe Arnhem. Das Museum ist dem weltberühmten französischen Schmuck- und Glaskünstler René Lalique (*1860 +1945) gewidmet. Neben der Dauerausstellung veranstaltet das Lalique-Museum regelmäßig Ausstellungen, in denen neben Werken von Lalique auch Werke von Zeitgenossen aus dem Jugendstil und Art Déco bewundert werden können. Der Ausstellungsradius umfasst den Zeitraum von etwa 1850 bis 1950.

Nähere Informationen: Lalique Museum, Gasthuisstraat 1, 6981 CP Doesburg, Telefon: +31313471410, E-Mail: laliquemuseum.nl, Internet: www. laliquemuseum.nl

Ein Tagesausflug nach Colmar

Fachwerk, Altstadt und französisches Lebensgefühl – von Thomas Gatzemeier

Hier verlangsamt sich der Schritt fast von selbst. Die Petite Venise ist kein Ort, den man durchquert, sondern einer, an dem man hängen bleibt. Das Wasser liegt ruhig zwischen den Häusern, als hätte es sich an sie gewöhnt. Fachwerk, Putz, Dächer – alles spiegelt sich leicht verzerrt, nichts drängt nach vorne.

Der Flaneur nimmt wahr, wie nah hier gebaut wurde. Die Häuser stehen nicht dekorativ am Ufer, sie stehen am Wasser, weil es früher so sein musste. Die Lauch – der Fluss – war Arbeitsraum, Transportweg, Grenze und Verbindung zugleich. Dass heute Restaurant-Tische dort stehen, wo einst Boote anlegten, ist keine Verklärung, sondern eine Verschiebung der Nutzung.

Die Schwäne treiben durch das Bild wie ein ruhiger Kommentar. Sie gehören längst dazu, so wie das leise Stimmengewirr von den Tischen. Wer einen Tagesausflug nach Colmar macht, merkt hier, dass das französische Lebensgefühl weniger mit Sehenswürdigkeiten zu tun hat als mit dem selbstverständlichen Nebeneinander von Alltag und Geschichte. Man sitzt, man schaut, man bleibt einen Moment länger als geplant. Nur. Es sitzen eher Touristen als Franzosen hier. Zumindest am Tage.

Colmar hat diese Fassaden, die man nicht „besichtigt“, sondern irgendwann bemerkt. Man läuft unter ihnen hindurch wie unter einem Dach aus Geschichte. Fachwerk, helle Felder, Fensterläden, die offenstehen, als würde gleich jemand hinausschauen. Und dann: die irritierenden Figuren. Sie hängen da nicht wie etwas, das immer schon da gewesen wäre. Eher wie eine Setzung der Gegenwart. Skelettartig, mit Flügeln, deutlich als Requisit zu erkennen. Ein Eingriff, der das historische Haus nicht erklärt, sondern kurz aus dem Gleichgewicht bringt. Der Flaneur mag solche Stellen. Nicht, weil sie „schön“ sind, sondern weil sie zeigen, dass eine Altstadt nicht nur Vergangenheit ist. Colmar ist eine Bühne und mittlerweile voll auf Tourismus ausgerichtet. Und manchmal reicht ein einziges Stück Dekoration, um diese Bühne sichtbar zu machen.

Das gehört eigentlich nicht zu dem französischen Lebensgefühl, das man bei einem Tagesausflug nach Colmar sucht. Denn die Tradition tritt hier als Kulisse in Erscheinung und wird nicht als Alltag empfunden. Alte Häuser tragen neue Zeichen und werden zum Spektakel. Manchmal dezent, manchmal mit Absicht zu laut. Und während man noch überlegt, ob das Spiel ernst gemeint ist, hat man schon wieder ein paar Schritte gemacht. Colmar lässt einen nicht festhalten. Es lässt einen weitergehen. Oder man wird von den Massen weiter geschoben. Und dies alles wegen ein oder zwei Filmen die in Asien berühmt waren.

Wer bei seinem Tagesausflug durch Colmar läuft, stößt früher oder später auf diese kleinen, unscheinbaren Institutionen: diese Tabac-Presse Läden. Läden, die in Frankreich jahrzehntelang mehr war als Verkaufsstelle für Zigaretten. Man kaufte dort Zeitung und Briefmarken, gab eventuell ein Paket ab, füllte ein Lottoschein aus, wechselte ein paar Worte – und ging mit dem Gefühl hinaus, dass der Alltag hier noch eine Theke hat.

Das Schild in der Gasse ist fast schon ein kleines Zeitdokument. „Presse“ steht meist noch ganz oben, aber darunter sieht man, wie sich das Geschäft verschiebt: „Cigares“ und inzwischen „Vape“. Der Tabakkonsum geht zurück, die Regeln werden strenger, und die Läden reagieren pragmatisch. Wo früher vor allem Zigarettenstangen über den Tresen gingen, kommen heute Lotterie (FDJ), E-Zigaretten, Zubehör, manchmal auch Paketservices und kleine Convenience-Artikel dazu. Nicht als Lifestyle, eher als Überlebensform.

Für viele Deutsche aus dem Grenzgebiet war Frankreich lange ein Ziel mit sehr konkretem Grund: Zigaretten. Nicht nur wegen der Preise, sondern auch wegen des „anderen Geschmacks“ und dieses schwer greifbaren französischen Lebensgefühls, das man sich gleich mitkaufte. Namen wie Gauloises oder Gitanes hatten etwas von Film und Caféhaus, während internationale Marken wie Marlboro, Camel oder Lucky Strike eher das Vertraute bedienten und heute schon allein wegen Trump verachtet sind. Der Einkauf war für manche ein Ritual: rüberfahren, kurz durch eine Altstadt gehen, die Luft anders finden, und dann mit einem Päckchen Alltag nach Hause zurückkehren. Heute wirkt das wie eine Erinnerung aus einer Übergangszeit. Und genau deshalb passt so ein Schild so gut in einen Tagesausflug nach Colmar: Es zeigt nicht nur Fachwerk und hübsche Fensterläden, sondern auch, wie sich eine Stadt im Kleinen verändert. Nicht im Museum, sondern an einer ganz normalen Hauswand, in einer engen Gasse, zwischen Tradition und Anpassung.

Der Schwendi-Brunnen auf der Place de l’Ancienne Douane stammt ursprünglich aus dem Jahr 1898. Entworfen wurde er von Auguste Bartholdi, der mit der Figur des Lazare de Schwendi eine historische Persönlichkeit der Stadt ins Zentrum stellte. Immerhin hat Bartholdi die Freiheitstatue von New York entwurfen. Im Jahr 1940 verschwand der Brunnen jedoch aus dem Stadtbild. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Anlage zerstört; das Elsass war zu dieser Zeit von Deutschland besetzt. Über die konkreten Umstände des Abbruchs – ob kriegsbedingt, aus materialtechnischen Gründen oder durch administrative Entscheidungen – geben die Quellen keine eindeutige Auskunft.

Belegt ist lediglich, dass der Brunnen seine ursprüngliche Gestalt verlor und nach dem Krieg in veränderter Form wieder aufgebaut wurde. Heute steht er erneut auf dem Platz, nicht als unverändertes Denkmal, sondern als sichtbares Zeichen einer unterbrochenen Geschichte. Man darf jedoch annehmen, dass die Nazis den Bildhauer hassten, weil er die Freiheitsstatue entworfen hatte. An solchen Ecken bleibt man stehen, ohne es zu planen.

Das Eckhaus schiebt sich in den Blick, als wolle es sagen: Hier beginnt etwas anderes. Die Straße öffnet sich kurz, dann zieht sie sich wieder zusammen. Fachwerk, Farbe, Fensterläden – alles bekannt, und doch jedes Mal neu zusammengesetzt. Der Flaneur nimmt wahr, dass diese Häuser nicht nur Kulisse sind. Unten wird gegessen, getrunken, gesprochen. Oben gewohnt. Die klare Ordnung der Fassaden erzählt von einer Zeit, in der Bauweise auch Haltung war. Gleichzeitig ist alles gegenwärtig: Markisen, Tafeln, Stimmen. Die Altstadt von Colmar lebt davon, dass sie sich benutzen lässt. Ein Tagesausflug nach Colmar führt zwangsläufig an solchen Punkten vorbei. Nicht als Ziel, sondern als Übergang. Man steht kurz, schaut nach links, nach rechts – und geht weiter, ohne genau zu wissen, warum dieser Ort im Gedächtnis bleibt. Gerade deshalb bleibt er. Hier geht man nicht einfach vorbei.

Der Weg am Wasser zwingt zur Langsamkeit. Der Langsamkeit eines Flaneurs. Links die Häuser, dicht an dicht, jedes anders gefasst, und doch Teil derselben Reihe. Rechts der Kanal, ruhig, fast gleichgültig gegenüber dem Treiben.

Der Flaneur beobachtet, wie sich dieser Ort benutzt anfühlt. Menschen bleiben stehen, lehnen am Geländer, schauen ins Wasser oder auf die Fassaden gegenüber. Das Viertel war einmal Arbeitsraum; heute ist es ein Ort des Gehens und Verweilens. Beides schließt sich nicht aus.

Ein Tagesausflug nach Colmar findet an solchen Stellen sein Maß. Man sieht nicht nur Fachwerk und Altstadt, man spürt, wie nah hier Geschichte und Gegenwart beieinanderliegen. Der Weg führt weiter, aber er lässt einen nicht eilig werden. Hier schaut der Flaneur nach oben. Nicht, weil etwas spektakulär wäre, sondern weil sich das Leben an der Fassade zeigt. Balkone, Fensterläden, Blumenkästen – nichts davon ist Bühne, alles ist Gebrauch. Die Häuser wirken bewohnt, nicht ausgestellt. Die Balkone erzählen von einer anderen Art, Raum zu denken. Nicht als abgeschlossene Einheit, sondern als etwas, das sich nach außen fortsetzt. Man stellt etwas ab, man lehnt sich hinaus, man lässt Dinge hängen. Das Fachwerk hält das zusammen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

In der Petite Venise sind solche Ansichten oft nur ein paar Schritte vom Wasser entfernt. Ein Tagesausflug nach Colmar besteht dann nicht aus einem Ziel, sondern aus Blicken wie diesem. Man geht weiter, aber der Gedanke bleibt kurz hängen – an einem Balkon, an einem Fenster, an der Selbstverständlichkeit, mit der hier gewohnt wird. Oder doch alles Unterkünfte von Airbnb? Man wird es nicht erfahren. Aber wo wohnen all die Asiaten, die hier herumwuseln?

Manchmal reicht es, sitzen zu bleiben. Der Flaneur hebt den Blick, nicht aus Neugier, sondern aus Ruhe. Über dem Tisch spannen sich Markisen, Schirme, Streben. Nichts davon ist geplant für den Blick nach oben, und doch ergibt es eine Ordnung. Eine zufällige Architektur entstanden aus dem Wunsch nach „Beschirmung“.

Hier sitzt man geschützt, leicht abgeschirmt vom Himmel, und hört das, was eine Altstadt eben mit sich bringt: Stimmen, Geschirr, Schritte. Auf dem Tisch ein Flammkuchen, daneben ein Glas elsässischer Riesling. Keine Inszenierung, sondern Alltag. Die Markisen erzählen davon, wie sehr diese Stadt darauf eingestellt ist, draußen zu sitzen – auch dann, wenn der Raum eigentlich fehlt.

Ein Tagesausflug nach Colmar besteht nicht nur aus Wegen und Plätzen. Er besteht auch aus diesen Pausen. Aus Blicken, die nichts festhalten wollen. Man isst, man trinkt, man schaut nach oben – und merkt erst später, dass genau das geblieben ist. Das sind die Momente, an die man im harschen deutschen Alltag sehnsüchtig denkt.

In der Adventszeit zeigt sich Colmar von einer besonders dichten Seite. Schaufenster werden zu Bühnen, dekoriert bis in den letzten Winkel, als müsse jedes Detail mit dem Strom der Besucher konkurrieren. Wer hier stehen bleibt, merkt schnell, dass es nicht mehr um Stille geht, sondern um Sichtbarkeit. Wie sich die Stadt in diesen Wochen verändert, was der Weihnachtszauber mit dem Stadtraum macht – und warum der Andrang selbst zum Thema wird –, darüber geht es in meinem Text „Colmar im Weihnachtswahn“. Ein Blick hinter die Kulissen einer Stadt, die im Winter besonders viele Blicke auf sich zieht.

Der figürliche Fassadenschmuck bündelt, was als elsässisch gelesen werden soll: Störche, Tracht, ländliche Tiere, ein angedeutetes Fachwerkhaus. Alles ist klar erkennbar, alles auf einmal und hübsch beieinander. Solche Darstellungen gehören zur Volkskunst des Elsass und sollen des Touristen Herz erfreuen. Sie sind keine überlieferten Hauszeichen, sondern bewusst gesetzte Bilder, entstanden im Spannungsfeld von regionaler Identität, die schon längst verschwunden ist und touristischer Erwartung der erfüllt werden muss. Der Storch steht dabei als zentrales Symbol für Heimat und Beständigkeit, die Trachtfiguren verweisen weniger auf gelebte Geschichte als auf deren Bildtradition.

Für den Flaneur ist dieses Element kein Schmuck im architektonischen Sinn. Es ist eine Erzählung an der Wand. Colmar zeigt sich hier nicht als gewachsene Stadt, sondern als Stadt, die die Erwartungen ihrer Besucher kennt – und diese sichtbar befriedigt. Da kommt dann schon mal der Chinese vorbei und denkt: huch haben die es heimelig.

Die Rue des Marchands ist eine jener Straßen, in denen Colmar sein Tempo zeigt – das Tempo der Touristen. Fachwerk, Fensterläden, Ausleger und Markisen bilden eine dichte Abfolge, die kaum Pausen lässt. Hier geht man nicht verloren, hier wird man weitergeschoben – von Geschäft zu Geschäft, von Blick zu Blick. Für den Flaneur ist diese Straße weniger Ort des Verweilens als des Beobachtens. Man liest an den Fassaden, wie sich die Altstadt organisiert: oben gewohnt, unten verkauft, dazwischen Geschichte und Gegenwart eng verzahnt. Ein Tagesausflug nach Colmar führt fast zwangsläufig hierher, weil sich an solchen Straßen das französische Lebensgefühl der Stadt besonders deutlich zeigt – geschäftig, dicht, und doch eingebettet in historische Formen. Und gerade diese Straße war für mich reizvoll, da die Fassaden Patina zeigten und nicht als Schauflächen für die Besucher herausgeputzt waren. An solchen Plätzen sammelt sich die Stadt. Fachwerk, Geschäfte, Wegweiser und Menschen kreuzen sich auf engem Raum. Nichts ist monumental, alles wirkt gewachsen. Der Flaneur bleibt kurz stehen, nicht weil etwas hervorsticht, sondern weil sich hier vieles überlagert.

Ein Tagesausflug nach Colmar führt unweigerlich durch solche Übergangsräume. Zwischen Museum, Altstadt und Einkaufsstraße zeigt sich das französische Lebensgefühl der Stadt in Bewegung: ein kurzer Blick, ein Richtungswechsel, ein weiterer Schritt durch die Geschichte, die hier selbstverständlich Teil des Alltags ist.

Auch wenn es einem recht heimelig beim Anblick der alten Fachwerkhäuser wird, darf man nicht vergessen, wie mühselig das Leben in der Zeit war, als diese Häuser „Neubauten“ waren. Aber der Flaneur an sich und ich im Besonderen bin ein positiv denkender Mensch und vertiefe mich ungern in Dinge, die meine Fröhlichkeit negativ beeinflussen könnten. Es kommt schon noch härter, wenn ich von den Grünewaldaltartafeln stehe. Wenn Sie möchten, so lesen Sie „Otto Dix trifft Grünewald in Colmar“.

Kulinarische Zwischenstationen beim Tagesbesuch in Colmar

Irgendwann setzt man sich. Nicht aus Hunger allein, sondern weil die Stadt es nahelegt. Bistro, Taverne, ein Tisch am Rand – das gehört zu einem Tagesausflug nach Colmar wie das Fachwerk zur Fassade. Die elsässische Küche ist dabei klar umrissen und unterscheidet sich deutlich von dem, was man sonst in Frankreich erwartet.

Der Flammkuchen, hier selbstverständlich Tarte flambée genannt, ist kein Gericht für den großen Auftritt. Dünner Teig, Sauerrahm, Zwiebeln, Speck – mehr braucht es nicht. Er kommt nicht als Hauptgang, sondern als Begleiter, oft in mehreren Varianten, geteilt am Tisch. Weniger Mahlzeit als Rhythmusgeber. Deutlicher wird die Eigenständigkeit bei der Choucroute garnie. Sauerkraut, Würste, gepökeltes Fleisch – kräftig, sättigend, ohne jede Leichtigkeit und sehr ans Deutsche erinnernd. Diese Küche schaut nicht nach Paris, sondern über den Rhein nach Osten oder auch nach Bayern. Auch der Baeckeoffe, ein langsam gegarter Ofeneintopf aus Fleisch, Kartoffeln und Zwiebeln, gehört zu dieser Tradition des Geduldigen und Bodenständigen. Fast unscheinbar, aber charakteristisch sind die Fleischschnacka: gefüllte Nudelscheiben, in der Pfanne gebraten. Ein Restegericht ursprünglich, heute fester Bestandteil der regionalen Küche. Nichts davon will modern sein, alles will bleiben. Und das macht diese Küche so sympatisch.

Dazu werden elsässische Weine getrunken – Riesling, Pinot Blanc, Gewürztraminer. Trocken, aromatisch, ohne Umwege. Sie begleiten das Essen, sie kommentieren es nicht. Auch hier zeigt sich der Unterschied zu anderen Regionen Frankreichs: weniger Inszenierung, mehr Selbstverständlichkeit.

Wer in Colmar isst, merkt schnell, dass Essen hier kein Ereignis ist, sondern Teil des Gehens. Man setzt sich, man isst, man steht wieder auf – und nimmt etwas mit, das nicht nur satt macht. Wer Colmar besucht, sitzt früher oder später draußen. Nicht, weil das Wetter perfekt wäre, sondern weil es dazugehört. Das Draußensitzen ist in Frankreich keine saisonale Ausnahme, sondern Teil der Stadtkultur. Tische stehen nicht am Rand, sie stehen im Raum. Man schaut, man wird gesehen, man bleibt.

Gerade in der Altstadt von Colmar wird diese Haltung sichtbar. Zwischen Fachwerkhäusern, Winstuben und kleinen Restaurants wird der Platz zum Wohnzimmer. Essen und Trinken sind dabei fast nebensächlich. Wichtiger ist das Verweilen, das langsame Gespräch, das Gefühl, Teil des Stadtbildes zu sein. Dass wir diese Form der Außengastronomie inzwischen auch in Deutschland übernommen haben, ist ein Glück. In Colmar aber merkt man, woher sie kommt: aus einer Selbstverständlichkeit heraus, die Öffentlichkeit nicht zu meiden, sondern zu nutzen. Draußensitzen ist hier keine Mode – es ist eine Haltung.

Fassadenschmuck in Colmar – Ein Alleinstellungsmerkmal?

Beim Gang durch die Altstadt fällt auf, dass viele Fassaden mehr zeigen als bloß Architektur. Neben dem historischen Fachwerk treten Objekte, Figuren und ganze Arrangements, die bewusst in das Stadtbild eingreifen. Gießkannen, Werkzeuge oder Tiere ersetzen den klassischen Blumenschmuck und machen die Häuser selbst zu Schauflächen. Dieser Fassadenschmuck ist keine überlieferte Bauform, sondern eine zeitgenössische Praxis. Es handelt sich häufig um saisonale oder geschäftsbezogene Dekorationen, die das „Märchenbild“ der Altstadt gezielt verstärken. Besonders zur Weihnachtszeit wird diese Inszenierung sichtbar, wenn Colmar den öffentlichen Raum bewusst bespielt und als eigenes Programm vermarktet.

So entsteht ein Spannungsfeld zwischen historischer Substanz und heutiger Erzählfreude. Die Häuser bleiben, was sie sind – Zeugnisse einer alten Stadt –, doch ihre Fassaden werden ergänzt, kommentiert, manchmal auch überzeichnet. Colmar zeigt sich hier nicht nur als bewahrte Altstadt, sondern als gestalteter Stadtraum, in dem Tradition und Inszenierung nebeneinander existieren aber auch vor dem globalen Tourismus eine große Verbeugung machen. Nicht jeder Einheimische klatscht da in die Hände. Ja manche ballen sie in der Tasche zur Faust. Aber man lebt hier sehr gut von mir und all den anderen welche die Stadt überfluten.

Zum Autor:

Am dunkelsten Tag des Jahres 1954 im sächsischen Döbeln geboren, wurde Thomas Gatzemeier ungefragt von einem katholischen Pfarrer getauft. Als Kind buk er heimlich einen Kuchen, der als Brot gut ankam. Dieses scheinbare Missgeschick inspirierte ihn dazu, eine Ausbildung als Schrift- und Plakatmaler zu absolvieren, um Pinsel und Stift zu beherrschen. Er arbeitete anschließend auch als Steinmetzgehilfe und Grabsteindesigner. Nach dieser Grundausbildung studierte er Malerei und Grafik an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo Arno Rink und Volker Stelzmann zu seinen Lehrern zählten. 1980 beendete er sein Studium und ist seitdem als freier Künstler, Autor, Kunsthändler, Blogger und Freizeitkoch tätig. Konflikte mit den Machthabern der SBZ (Sozialistische Besatzungszone, später DDR) und ein mehrjähriges Ausstellungsverbot bewegten ihn 1986 dazu, die SBZ zu verlassen.

Danach lebte er vorwiegend in Karlsruhe, verbrachte aber auch längere Zeit in Zürich und nahe Worpswede. Von 2006 bis 2015 hatte er ein weiteres Atelier in Leipzig. Nach 34 Jahren Hauptwohnsitz in Karlsruhe verlegte der Wanderer zwischen den Welten im Februar 2020 seinen Wohnsitz endgültig nach Leipzig.

Nähere Informationen: Thomas Gatzemeier, Gottschallstraße 24, 04157 Leipzig, Telefon: 0172 610 25 35, E-Mail: info@thomas-gatzemeier.de