Ausstellungsvorschau 2026 und Ausblick 2027 im Städel

Das steht im Städel Museum in Frankfurt auf dem Programm: Monets Küste und die Entdeckung von Étretat, Bruegels Fantastische Welten, Neue Perspektiven mit Elmgreen & Dragset, Die Haut in der Kunst auf Papier, Große Schau zu Maria Magdalena sowie 2027 Zum Paradiesgärtlein.

Monets Küste – Die Entdeckung von Étretat – 19. März bis 5. Juli 2026

Eine Küste wird zum Mythos: Die Felsen von Étretat, in der Normandie an der Atlantikküste gelegen, zogen im 19. Jahrhundert zahlreiche Künstler in ihren Bann. Das Städel Museum präsentiert vom 19. März bis 5. Juli 2026 eine große Ausstellung über die künstlerische Entdeckung des einstigen Fischerdorfes Étretat und seinen Einfluss auf die Malerei der Moderne.

In Frankfurt werden rund 170 herausragende Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und historische Dokumente aus führenden französischen, deutschen und weiteren internationalen Museen sowie aus verschiedenen Privatsammlungen zu sehen sein. Darunter sind allein 24 Werke von Claude Monet. Étretat spielte eine bedeutende Rolle bei der Entstehung einer neuen Malerei, die als Impressionismus in die Geschichte der Kunst einging. Das Interesse der Künstler galt vor allem der charakteristischen Klippenlandschaft, die als aufregend schön und bedrohlich zugleich wahrgenommen wurde. Maler und Schriftsteller reisten nach Étretat und machten den abgelegenen Ort durch ihre Werke über die Grenzen Frankreichs hinaus berühmt.

Mit der zunehmenden touristischen Erschließung um 1850 entwickelte sich Étretat zu einem beliebten Seebad und zu einem Treffpunkt für Künstler, Intellektuelle und das Pariser Bürgertum: Gustave Courbet malte hier seine berühmten Wellenbilder, Guy de Maupassant erhob Étretat literarisch zu einem Sehnsuchtsort, und der Gentleman-Gauner Arsène Lupin, die Romanfigur von Maurice Leblanc, hortete hier seine Schätze. Auch der aufstrebende Maler Claude Monet war von der einzigartigen Steilküste mit ihren drei Felsentoren – der Porte d’Amont, der Porte d’Aval und der Manneporte – derart fasziniert, dass er ihr etliche Gemälde widmete. Unter dem Eindruck der sich stets verändernden Licht- und Wetterverhältnisse begann Monet in Étretat erstmals, Motivreihen zu malen, eine Arbeitsweise, die sich später zu seinem Markenzeichen entwickeln sollte.

Die Ausstellung vereint neben Werken von Eugène Delacroix, Gustave Courbet, Claude Monet und Henri Matisse eine Vielzahl weiterer wichtiger Positionen der modernen und zeitgenössischen Kunst – von Eugène Le Poittevin über Camille Corot, Gustave Caillebotte und Johann Wilhelm Schirmer bis hin zu Elger Esser. Gemeinsam verdeutlichen die Arbeiten die anhaltende Faszination, die dieser Ort bis heute ausübt. Die Leihgaben stammen unter anderem aus dem Musée d’Orsay in Paris, dem Metropolitan Museum of Art in New York, der National Gallery of Canada in Ottawa, dem Fitzwilliam Museum in Cambridge sowie den Staatlichen Museen zu Berlin.

Seit mehr als 150 Jahren ist Étretat Urlaubsort und Ziel des internationalen Tourismus. Die Menschenströme bedrohen die Steilküste jedoch ebenso wie die Erosion und der Klimawandel. Die Untersuchung des Mythos Étretat ermöglicht es somit auch, wie unter einem Brennglas die ambivalenten Auswirkungen der Popularisierung eines Ortes und die Rolle, die die Kunst dabei spielte, nachzuvollziehen. Mit der umfassenden Ausstellung „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ lädt das Städel Museum ein, Étretat anhand berühmter Meisterwerke des 19. und 20. Jahrhunderts in seiner Fragilität und Faszination neu zu erkunden.

Zur Ausstellung wird ein umfassendes Vermittlungsangebot vor Ort und online angeboten. Tickets für den Besuch der Ausstellung und Überblicksführungen zu den wichtigsten Werken sind online bereits unter staedelmuseum.de erhältlich.

Elmgreen & Dragset – Stillleben mit Gemüse – 20. Mai 2026 bis 17. Januar 2027

Im Frühjahr 2026 verwandelt das Künstlerduo Elmgreen & Dragset das Städel Museum in ein faszinierendes Spiel aus Realität und Illusion. In der Sammlung Gegenwartskunst sind zwei immersive Installationen zu erleben, die mit Skulpturen sowie Interventionen der Künstler im gesamten Haus bis in die benachbarte Liebieghaus Skulpturensammlung ausstrahlen.

Auf ihrem Rundgang erleben die Besucher, wie Kunstwerke des Städel Museums aus über 700 Jahren in Dialog treten und bislang verborgene Verbindungen sichtbar werden. Seit 1995 arbeiten Elmgreen & Dragset international an der Schnittstelle von Architektur, Installation und Performance. Sie dekonstruieren scheinbar festgelegte räumliche Strukturen und transformieren öffentliche wie institutionelle Orte. Mit der Ausstellung „Stillleben mit Gemüse“ reflektiert das Duo, wie die ideologischen Kontrollmechanismen, die in bekannten Raumgestaltungen wie Bürolandschaften eingebettet sind, unsere Verhaltensmuster beeinflussen können. Indem sie den Blick der Besucher umlenken, rücken Elmgreen & Dragset in poetischen, gleichermaßen von Skepsis und Humor getragenen Szenen leicht übersehene Momente in den Fokus.

Die skandinavischen Künstler befassen sich auch mit dem Kunstbetrieb selbst und beleuchten, wie Museumsausstellungen unsere Wahrnehmung der Kunstgeschichte prägen. Elmgreen & Dragset spielen mit diesem institutionellen System und hinterfragen auf subtile Weise klassische Präsentationsformen.

Im Gegensatz zu anderen Ausstellungen erstreckt sich „Stillleben mit Gemüse“ über das gesamte Museum und die Sammlung. Sie lädt die Besucher zu einer Entdeckungsreise ein, auf der sie die Interventionen von Elmgreen & Dragset erkunden können. Diese Begegnungen verändern auf subtile Weise den Rundgang durch das Städel, schaffen eine Reihe fast surrealer Konstellationen und stellen den Besucher in den Mittelpunkt des Erlebens.

Bruegel. Printed – 18. Juni bis 20. August 2026

Pieter Bruegel der Ältere (1525/30–1569) entführt mit seinen Werken in eine fantastische Welt voller humorvoller Bildideen und rätselhafter Details. Heute vor allem als Maler bekannt, erlangte Bruegel frühzeitig als Entwerfer von Druckgrafiken Ruhm. Seine Bildschöpfungen reichen von groß angelegten Überblickslandschaften bis zu moralisierenden religiösen Sinnbildern, von Szenen des Alltags bis zu allegorischen Bildkompositionen. Bruegel ist darin ebenso Geschichtenerzähler wie kritischer Beobachter seiner Zeit.

Die Ausstellung „Bruegel. Printed“ versammelt in Frankfurt im Sommer 2026 rund 45 außergewöhnliche Druckgrafiken, die nach Bruegels Zeichnungen entstanden sind. Die Graphische Sammlung des Städel Museums verfügt über einen eindrucksvollen Bestand niederländischer Druckgrafik, darunter 30 Druckgrafiken nach Bruegels Zeichnungen. Sie bilden den Ausgangspunkt der Schau und werden ergänzt durch Leihgaben aus der Albertina in Wien und der Staatlichen Graphischen Sammlung München.

Die gezeigten Arbeiten, unter anderem sinnbildhafte Darstellungen wie Geduld (Patientia) (1557) oder Mäßigkeit (Temperantia) (um 1560), vermitteln einen lebendigen Eindruck von Bruegels facettenreicher Bildwelt, die moralische Fragen seiner Zeit aufgreift und zugleich grundlegende Aspekte menschlichen Lebens anspricht. Seine Werke vereinen präzise Beobachtung, Fantasie und erzählerische Kraft. Bruegel thematisiert menschliche Schwächen, verweist auf die Größe der Natur und richtet den Blick zugleich auf das alltägliche Miteinander. Der besondere Reiz seiner Werke entsteht durch das Zusammenspiel von Naturnähe, Einfallsreichtum und humorvoller Übertreibung. Seine Darstellungen eröffnen noch heute überraschende Perspektiven auf gesellschaftliches Miteinander, aber auch auf die Frage nach grundlegenden menschlichen Werten.

Maria Magdalena Sin. Pray. Love. – 17. September 2026 bis 17. Januar 2027

Sie ist Gefährtin Christi, Heilige und Sünderin, Sinnbild für Begehren und Buße – Maria Magdalena fasziniert seit Jahrhunderten durch ihre Widersprüchlichkeit. Von den Schriften des Neuen Testaments über mittelalterliche Legenden bis in die heutige Zeit hat sie in der Kunst unzählige Deutungen erfahren und spiegelt dabei immer auch Vorstellungen von Weiblichkeit, Spiritualität und Eigenständigkeit in der jeweiligen Zeit. Mit „Maria Magdalena“ präsentieren das Städel Museum und die Liebieghaus Skulpturensammlung die erste umfassende Ausstellung im deutschsprachigen Raum zu dieser außergewöhnlichen Figur.

Die Schau zeichnet nach, wie sich ihr Bild im Laufe der Jahrhunderte wandelte – von der asketischen Büßerin über die ekstatische Heilige bis zur modernen, selbstbestimmten Frau als Identifikationsfigur. Dabei wird Maria Magdalena zugleich als Projektionsfläche kultureller und religiöser Vorstellungen und als eigenständige, vielstimmige Gestalt gezeigt, die zwischen Körper, Glaube und den ihr zugeschriebenen gesellschaftlichen Rollen vermittelt. Wichtige Werke aus der Sammlung des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung bilden den Ausgangspunkt der Präsentation.

Rund 100 Werke aus bedeutenden deutschen und internationalen Sammlungen, darunter Gemälde, Skulpturen und Grafiken, werden in der Ausstellung vereint und verdeutlichen die künstlerische und emotionale Bandbreite der Darstellungen der Maria Magdalena. Mit besonderem Fokus auf Künstlerinnen sind in Frankfurt unter anderem Arbeiten von Artemisia Gentileschi, Lavinia Fontana, Elisabetta Sirani, Lotte Laserstein, Kiki Smith und Marlene Dumas zu sehen; daneben werden Hauptwerke bedeutender Künstler wie Albrecht Dürer, Pedro de Mena, Guercino, Georges de la Tour, Claude Lorrain, Auguste Rodin, Arnold Böcklin und Max Beckmann präsentiert. Zugleich erstreckt sich die Ausstellung bis in die ikonografische Transformation der Maria Magdalena in der Populärkultur. So zeigt die Ausstellung, wie jede Zeit ihre eigenen Fragen, Vorstellungen oder Sehnsüchte in die Figur der Maria Magdalena eingeschrieben hat und wie sie bis heute Anlass gibt, über Rollenbilder, Spiritualität und die Deutung weiblicher Erfahrung zu reflektieren.

SurFace Über Haut – 2. Dezember 2026 bis 28. Februar 2027

Mit rund zwei Quadratmetern ist die Haut das größte Organ des Menschen. Sie bedeckt und umhüllt den Körper, begrenzt und schützt ihn, ermöglicht zu fühlen. Auf ihrer Oberfläche schreiben sich Erfahrungen und Empfindungen ein; sie ist identitätsbildend, aber auch Projektionsfläche für unser Gegenüber. Die Ausstellung „SurFace. Über Haut“ rückt das faszinierende Thema der menschlichen Haut ins Zentrum. Ausgehend von ausgewählten Arbeiten der Graphischen Sammlung werden über 60 Werke verschiedener Medien und Epochen präsentiert: Zeichnung, Malerei oder Skulptur – von den Alten Meistern bis zur Gegenwartskunst entfaltet sich ein vielschichtiges Panorama, das die Wiedergabe der Haut als eine der grundlegenden Aufgaben künstlerischer Praxis vor Augen führt. Dabei zeigt sich die Haut als Spiegel von Schönheit und Verletzlichkeit, von Jugend und Alter und als Ort der Emotionen, Berührung und Begehrlichkeit.

Die Ausstellung versammelt sowohl wenig bekannte Werke als auch Arbeiten namhafter Künstler wie Hans Baldung gen. Grien, Raffael, Tizian, Peter Paul Rubens, Auguste Rodin oder Robert Mapplethorpe. Die Gegenüberstellung der Werke macht Gemeinsamkeiten und Brüche in der Darstellung der Haut sichtbar und verdeutlicht die Vielfalt gestalterischer Ansätze. Durch die verwendeten Materialien und Techniken – ob Pinsel und Farbe, Metallstift, Kreide oder Kohle oder als dreidimensionales Objekt – wird die Körperoberfläche sinnlich erfahrbar. Bereits die frühen Anleitungen zur künstlerischen Praxis thematisieren die Wiedergabe der menschlichen Haut, die zum Prüfstein für die Überzeugungskraft der Werke wird. Während Malerei und gefasste Skulpturen lange Zeit eine möglichst perfekte Nachahmung anstreben, zeigen sich in der Zeichnung schon früh Tendenzen zur Abstraktion.

Die Wahrnehmung wird von den haptischen Qualitäten der Oberfläche geprägt: von weichem Farbauftrag, zart verwischter Kreide oder dem rauen Charakter des Papiers. Darstellungen von Berührungen verstärken diese sinnliche Wirkung und verbinden Sehen, Fühlen und Begreifen. Die Kunst erweist sich damit als ein inspirierendes „Archiv“ dafür, wie wir die Haut wahrnehmen und empfinden.

Im Paradiesgarten – Kunst und Naturwahrnehmung um 1400 – 24. Februar bis 27. Juni 2027

Das Paradies – ein Ort der Sehnsucht, der seit Jahrhunderten die menschliche Vorstellungskraft beflügelt. Als irdischer wie himmlischer Garten und als Sinnbild ursprünglicher Harmonie zwischen Mensch und Natur wurde er zum Projektionsraum religiöser, philosophischer und künstlerischer Ideen. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die groß angelegte Ausstellung „Im Paradiesgarten. Kunst und Naturwahrnehmung um 1400“, die den Blick auf eine entscheidende Umbruchzeit in der europäischen Kunst richtet. Ausgangspunkt ist eines der berühmtesten und zugleich rätselhaftesten Gemälde des Städel Museums: Das Paradiesgärtlein (ca. 1410/20).

Kaum größer als ein aufgeschlagenes Buch, entfaltet die Tafel eine erstaunliche Fülle von Details. Die Muttergottes erscheint darin inmitten einer höfischen Gesellschaft; der umschlossene Garten wird zugleich als religiöses Symbol und als Ort weltlicher Liebe lesbar. Besonders beeindruckt das Werk durch seine unvergleichliche Naturnähe: Mehr als 25 Pflanzen-, 12 Vogel- und 3 Insektenarten sind mit erstaunlicher Präzision dargestellt und verweisen auf ein neu erwachtes Interesse an der Natur als Beobachtungs- und Erkenntnisraum.

Die Ausstellung rückt diese bahnbrechende Verbindung von Kunst und Naturwahrnehmung in den Mittelpunkt und bettet das Paradiesgärtlein umfassend in den historischen und künstlerischen Kontext der Zeit um 1400 in Europa ein – eine Zeit des Umbruchs, der Konflikte und des intellektuellen Austauschs. Rund 80 hochkarätige Leihgaben aus internationalen Museen – darunter die National Gallery in Washington D.C., das Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid, der Louvre in Paris und das Rijksmuseum in Amsterdam – machen diese Entwicklung erfahrbar.

Neben Gemälden von Jan van Eyck, dem „Meister von Flémalle“ und Pisanello werden Skulpturen, Goldschmiedearbeiten, Tapisserien, Zeichnungen und illuminierte Handschriften präsentiert. Ergänzt wird die Ausstellung durch eine immersive Rauminstallation des Berliner Künstlers und Bühnenbildners Philipp Fürhofer, die die sinnliche Dimension des Paradiesgärtleins neu interpretiert. Schon im Mittelalter sollte das Bild nicht nur das Auge, sondern alle Sinne ansprechen – über das Zwitschern der Vögel, den Duft der Blumen, den Geschmack der Früchte, die Struktur der Stoffe. Fürhofer überträgt diese Idee in die Gegenwart und schafft ein begehbares „Paradiesgärtlein“, das die historische Bildwelt atmosphärisch erlebbar macht.

Nähere Informationen: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main, Telefon: 069-605098-0, E-Mail: info@staedelmuseum.de

German Pop Art – Zwischen Provokation und Mainstream

Die Sammlung Heinz Beck zu Gast in der Ludwig-Galerie

Das zumeist mit dem englischsprachigen Raum verknüpfte Phänomen der Pop Art findet auch in Deutschland in den 1960-er und 1970-er Jahren starke künstlerische Positionen. Diese unterscheiden sich vor allem in der Themenwahl deutlich von den amerikanischen und britischen Varianten. Vordergründig zwar an Massenkultur und Werbung orientiert, liegt den Arbeiten der deutschen Künstlern aber nicht der ungebrochene Optimismus ihrer englischsprachigen Kollegen zugrunde. Alltags- und Konsummotive sind ebenfalls Gegenstand ihrer Kunstwerke, doch sind diese hauptsächlich geprägt durch eine provokative Haltung sowie Kritik am politischen Zeitgeist, Anti-Kriegs-Haltungen und deutscher Vergangenheitsbewältigung.

Die Ausstellung „German Pop Art – Zwischen Provokation und Mainstream“, die vom 25. Januar bis 3. Mai in der Ludwig-Galerie in Oberhausen zu sehen ist, gibt mit Arbeiten von 46 Künstlern einen umfassenden Überblick über die deutschen Ausprägungen der Pop Art. Die Devise der radikalen Demokratisierung von Kunst verfolgen die Künstler mit beeindruckender Konsequenz. Indem sie sich der Druckgrafik und Multiples bedienen, also kostengünstige weit verfügbare Kunst mit hohen Auflagen herstellen, erreichen sie eine breite Öffentlichkeit. Themen wie das deutsche Wirtschaftswunder, die kritische Auseinandersetzung mit dem American Way of Life, dem Vietnamkrieg oder der kollektiven Verdrängung der jüngsten deutschen Geschichte sowie anti-museale Haltungen sind in mehr als 180 Grafiken, Objekten, Skulpturen und Multiples neu zu entdecken. Begleitend dazu lässt ein Soundwalk mit der Musik jener Jahre das Zeitgefühl lebendig werden.

Nach Ausstellungen zur amerikanischen und britischen Pop Art ermöglicht die herausragende Sammlung des Düsseldorfer Rechtsanwalts Heinz Beck (*1923 +1988), die im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum bewahrt wird, erneut eine große Überblickschau. Ergänzt durch rund fünfzig Arbeiten aus dem eigenen Kunstbesitz der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen sowie einer Skulpturengruppe aus dem Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, lädt die Präsentation dazu ein, sich davon zu überzeugen, dass die deutsche Pop Art den internationalen Vergleich nicht scheuen muss.

Folgende Künstler sind mit ihren Arbeiten vertreten:

Hans-Peter Alvermann I Dieter Asmus I Ulrich Baehr I Michael Jens Barge I Mary Bauermeister I Thomas Bayrle I Werner Berges I Joseph Beuys I Carl Bianga I Bodo Boden I Klaus Böttger I Klaus Peter Brehmer I Peter Brüning I Gernot Bubenik I Herbert Burger I Hans-Jürgen Diehl I Otto Dreßler I Hans-Peter Feldmann I Yolanther Fongi (eigentlich Werner Maria Gartung) I Dieter Glasmacher I Bruno Gronen I Sine Hansen I Almut Heise I Bernhard Höke I Karl Horst Hödicke I Konrad Klapheck I Peter Klasen I Fritz Köthe I Ferdinand Kriwet I Uwe Lausen I Konrad Lueg I Detlef Michelers (eigentlich Detlef Rhode) I Maina-Miriam Munsky I Siegfried Neuenhausen I Werner Nöfer I Sigmar Polke I Gerhard Richter I Rissa I Tomas Schmit I Peter Sorge I Klaus Staeck I Timm Ulrichs I Reinhard Voigt I Klaus Vogelgesang I Wolf Vostell I Lambert Maria Wintersberger

Nähere Informationen: Ludwig-Galerie, Schloss Oberhausen, Konrad-Adenauer-Allee 46, 46049 Oberhausen, Telefon: 0208 4124928, E-Mail: ludwiggalerie@oberhausen.de

Die Welten des Jan Toorop

Vom 21. Januar bis 10. Mai 2026 präsentiert das Museum Singer Laren „Die Welten des Jan Toorop“. Mit mehr als 80 Meisterwerken – Gemälden, Papierarbeiten, Skulpturen und Briefen – und überraschenden Kombinationen mit Werken von Zeitgenossen und Nachfolgern bietet die Ausstellung eine neue Perspektive auf einen der wichtigsten und vielseitigsten Künstler der Niederlande um 1900: Jan Toorop (*1858 +1928). Mit „Die Welten des Jan Toorop“ wird zum ersten Mal gezeigt, wie Toorop während seiner gesamten Karriere explizit und dauerhaft mit seinen javanischen und chinesischen Wurzeln in Verbindung steht.

Ein Weltbürger zwischen verschiedenen Kulturen

Toorop vereint verschiedene kulturelle, soziale und geografische Welten. Geboren auf der indonesischen Insel Java in der ehemaligen Kolonie Niederländisch-Ostindien, wächst er zu einem grenzenlosen Weltbürger heran, der es schafft, in jeder neuen Umgebung ein Netzwerk von Gleichgesinnten um sich zu sammeln. Seine Kindheit auf Java und Bangka bildet einen wichtigen Nährboden für seine Vorstellungskraft und öffnet ihn schon früh für verschiedene kulturelle Einflüsse. Die Begegnungen mit chinesischen Wanderarbeitern auf Bangka hinterlassen ebenfalls bleibende Spuren in seinem Denken und seiner visuellen Sprache. Er selbst fasst das treffend zusammen: „Die Indies haben mir viel bedeutet. Die Indies kann man von mir nicht ignorieren. Die Grundlage meiner Arbeit ist orientalisch.“

Avantgardist und Innovator

Um 1900 galt Toorop als der avantgardistischste Künstler der Niederlande. Er nahm neue Strömungen der europäischen Kunst auf, wie Pointillismus und Jugendstil, und gab ihnen eine ganz eigene Form. Sein Werk wird in Laren, aber auch in Paris, Wien und Kopenhagen bewundert. Toorop bringt Innovation in die traditionell konservative niederländische Kunstwelt, nicht nur durch seine von internationalen Einflüssen geprägte Arbeit, sondern auch durch die Organisation von Ausstellungen mit Künstlern aus Europa. Kein Wunder, dass er oft im selben Atemzug wie Piet Mondrian und Vincent van Gogh erwähnt wird.

Ein Künstler zwischen zwei Welten

Neben seiner Rolle als europäischer Künstler von Rang wird Toorop auch von seinen ostindischen Wurzeln geprägt. Sein indoeuropäischer Hintergrund und sein Erscheinungsbild sind für Zeitgenossen unverkennbar. Mit wachsendem Erfolg ist die Bewertung seiner Person in der Kunstkritik oft sowohl mit Faszination als auch mit Rassismus verbunden. Im Laufe der Zeit sind Toorops Ursprünge in den Hintergrund getreten: Er wird auf einen ‚weißen‘ niederländischen Künstler reduziert, während gerade seine javanesischen und chinesischen Wurzeln (mütterlicherseits) der Schlüssel zum Verständnis seiner Arbeit sind.

Eine neue Perspektive

Die Ausstellung „Die Welten des Jan Toorop“ gibt Toorop seine wahre Identität zurück. Die Ausstellung zeigt seine Arbeiten neben denen von Künstlern, die ihn inspirieren, wie James McNeill Whistler und Paul Gauguin, sowie Kunstwerke junger Menschen, die wiederum von Toorop inspiriert sind. Dies zeigt, dass Toorop kein schwer fassbares Chamäleon ist, sondern ein Künstler, der eine einzigartige visuelle Sprache entwickelt hat, in der europäische moderne Kunst und javanesische (visuelle) Kultur zusammenkommen.

Die Kreuzwegstationen des heiligen Bernulf

Einzigartig in „Die Welten des Jan Toorop“ ist die Darstellung aller vierzehn Kreuzwegstationen, ausgeliehen von der Kirche St. Bernulphus in Oosterbeek. Toorop fertigte diese Kreidezeichnungen (auf Tafel) in den Jahren 1916 bis 1919 an, in denen seine verfeinerte Detailbehandlung und ausdrucksstarken Linien deutlich sichtbar sind. Sie sind daher ein Höhepunkt seines katholisch geprägten Werks. Zusammen bilden die 14 Stationen eine Andachtsreihe, die Schritt für Schritt die letzte Phase von Christi Leben reflektieren soll. Die Kreuzwegstationen von Toorop wurden erhalten, weil die Werke 1944 während der Schlacht von Arnheim sicher in einem Gewölbe gelagert waren. Zum ersten Mal wird diese komplette Serie außerhalb der Kirche gezeigt.

Die Ausstellung wurde von der Kuratorin des Museums Singer Laren, Suzanne Veldink, zusammengestellt, die zuvor für die erfolgreiche Breitner-Ausstellung zständig war, und wurde in Zusammenarbeit mit dem Museum Sophiahof geschaffen. Die Ausstellung wird von einem reich illustrierten Katalog begleitet, herausgegeben von WBOOKS Publishers (ISBN 9789462587434, 32,50 Euro).

Nähere Informationen: Museum Singer Laren, Oude Drift 1, 1251 BS Laren, Telefon: (035) 5393939, E-Mail: museum@singerlaren.nl

Mythische Kreaturen, die zurückbeißen – eine Rezension

Das Museum van Bommel van Dam in Venlo/NL wurde von Meerjungfrauen, Zyklopen, Riesen, Sphinxen und anderen Grenzfällen zwischen Mensch, Tier und Fantasie übernommen. In der Gruppenausstellung „Fantastische Kreaturen“, die dort noch bis zum 22. März zu sehen ist, erforschen Künstler aus den Niederlanden und aus mehreren anderen Ländern neue Bedeutungen dieser mythischen Figuren.

Mit dem ersten Werk setzt die Ausstellung sofort den Ton. „Medusa“ (2022) von Susanna Inglada (*1983) ist ein monumentales, wirbelndes Textilwerk, dem man nicht entkommen kann. Inglada zeigt kein bedrohliches Monster, sondern einen weichen, gequälten Körper, aus dem blaue und grüne Tränen fließen. Die mythische Figur – von Poseidon vergewaltigt und von Athene bestraft – erscheint hier als Opfer statt als Monster. Inglada kehrt die Perspektive des Mythos um: Wer wurde hier tatsächlich zu einem Monster gemacht und von wem?

In den Werken von Nina van de Ven (*1988) erscheinen menschlich-tierische Figuren in Pastell- und Holzkohlefarben mit Lederhandschuhen, Hüten sowie Haut und Kleidung voller Tiermotive. Die Zeichnungen erinnern gleichzeitig an mittelalterliche Marginalien, ägyptische Reliefs und Comics. In dieser Vielzahl von Bildsprachen gelingt es Van de Ven, einen erkennbaren Stil in Schwarz-Weiß zu schaffen. Die Bedeutungen ihrer Zeichnungen sind nicht eindeutig. Das erinnert an die Entstehung von Bildern, die ständig neue Bedeutungen annehmen.

Die Arbeit „Inkanyamba“ (2021) von Buhlebezwe Siwani (*1987) ist eine malerische Leinwand, die aus einer goldenen Unterlage besteht, auf der eine Mischung aus billiger Seife, grünen Pigmenten und Harz gegossen wurde – eine Anspielung auf Reinigungsmittel, die von schwarzen Frauen in weißen südafrikanischen Haushalten verwendet werden. Die abstrakten Formen, besonders im Kontext der Ausstellung, wirken fast animalisch. Materielle Spuren und spirituelle Vorschläge drücken aus, wie koloniale Geschichte, Traditionen und persönliche Erfahrungen miteinander verflochten sind.

Eine vergessene Quelle

Unter allen zeitgenössischen Werken taucht ein historischer Name auf: Marianne van der Heijden (*1922 +1998). Ihre gemalten Radierungen aus den achtziger Jahren aus der eigenen Sammlung des Museums sind die Inspirationsquelle für die Ausstellung. Obwohl sie über vierzig Jahre alt sind, wirken sie überraschend frisch – Hybridfiguren, scheinbar lässig gezeichnet und leicht im Ton. Ihre Figuren scheinen ebenso sehr aus einer Kindergeschichte hervorgegangen zu sein wie aus Van der Heijdens eigener Suche nach Identität und Glauben. Die Frage ist immer, wie die Realität mit unserer Vorstellungskraft zusammenhängt oder sie sogar mythologisiert.

Der Klang, der subtil durch den Saal schwebt, entpuppt sich als „Grosse fatigue“(2013) von Camille Henrot (1978). Das Video – das 2013 in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde – zeigt Computerfenster, Archive, Tiere, Galaxien, Museumsvitrinen und Wikipedia-Seiten in einer fieberhaften Montage. Eine Stimme zählt Schöpfungsgeschichten und biologische Fakten auf, als würde alles auf denselben Schreibtisch passen. Der Film deutet auf eine Art zeitgenössische Mythologie hin: Unsere Zeit ist nicht durch eine einzige Geschichte geprägt, sondern durch eine Fülle von Geschichten, so gleichwertig wie verwirrend.

Ornamente und Tierformen

In mehreren Werken erscheinen Tiere als dekorative Motive, kombiniert mit anderen Elementen. Das Tier als Dekoration ist ein erkennbares Phänomen in einer Welt, in der echte Tiere kaum noch physisch um uns herum sind. Dies steht in starkem Gegensatz zu Angry animals“ (2024) von Hella Jongerius (*1963). In ihren Keramiktierköpfen erhalten Tiere eine ‚Stimme‘. Es handelt sich um Skulpturen, die ihre Funktion als Utensilien verloren haben und daher jegliche Form von Knechtschaft ablehnen. Sie scheinen zurückzublicken oder zurückzubeißen.

Eine klare historische Perspektive stammt von María Sosa (*1985) mit ihrer mehr als fünf Meter breiten Installation „Los monstruos no vivían aquí“ (2020). Sie basiert auf mittelalterlichen Weltkarten, auf denen unbekanntes Gebiet von Monstern bewohnt wurde. Sosa kehrt die Perspektive um: Es waren nicht die seltsamen Kreaturen, die gefährlich waren, sondern die Entdecker selbst. Das wahre Monster könnte derjenige sein, der die Karte zeichnet.

Trotz ihres mythologischen Themas ist „Fantastische Kreaturen“ keine historische oder bombastische Ausstellung. Die Werke werden sorgfältig und oft bescheiden präsentiert. Wenn man langsam hinschaut, sieht man, wie Mythen sich mit Fragen zu Geschlecht, Arbeit, Kolonialismus und der Art und Weise vermischen, wie Bilder Macht ausüben, zum Beispiel auf andere Tiere. Das Fantastische hier entpuppt sich nicht als Flucht aus der Realität, sondern als eine Möglichkeit, darüber nachzudenken, wie wir sie ordnen wollen. (von Bas Blaasse, erschienen in der neuen Ausgabe der Museumstijdschrift)

Nähere Informationen: Museum van Bommel van Dam. Keulsepoort 1, 5911 BX Venlo, Telefon: +31(0)77 3513457, E-Mail: info@vanbommelvandam.nl

Wissenswertes und Aktuelles aus der Welt der Kunst in den Niederlanden und darüber hinaus

Das Museum Magazine 1 2026 beziehungsweise die erste Ausgabe der Museumstijdschrift für dieses Jahr ist erschienen: eine kosmopolitische Ausgabe voller Geschichten über weltberühmte Kunst aus den Niederlanden und dem Rest der Welt.

Zum Beispiel spricht Simon Schama in einem überraschenden Interview über seine zwei großen Faszinationen: Vögel und Kunst. Der renommierte britische Historiker schuf die Ausstellung „Vögel“ im Mauritshuis, in der auch das Gemälde „Der Stieglitz“ aus dem Jahre1654 von Carel Fabritius zu sehen ist.

Seit seinen Anfängen in New York in den 1970-er Jahren hat sich Hip-Hop von einer rebellischen Musikbewegung zu einer globalen Kultur entwickelt, die von Tanz und Mode bis hin zu Fotografie und auch bildender Kunst reicht. Das Groninger Museum zeigt einen wichtigen Überblick über den Einfluss des Hip-Hop auf die zeitgenössische visuelle Kultur.

Jan Toorop gilt als vielseitiger und etwas rätselhafter Maler. Eine Ausstellung im Museum Singer Laren entwirrt das Geheimnis dieses einflussreichen Künstlers, indem sie sich auf seinen indonesischen Hintergrund fokussiert.

Zu lesen ist auch ein aufschlussreiches Porträt der School Of London, einer Gruppe von Künstlern, die sich mit einer neuen Art realistischer Malerei im Nachkriegs-England einen Namen machten. Viele kennen Lucien Lucien Freud, David Hockney und Francis Bacon. Aber wer gehört sonst noch zu dieser illustren Malergruppe? Dies und vieles mehr gibt es in einer neuen Ausgabe des Museum Magazine und ist ab dem 13. Januar im Handel und schon jetzt im Webshop erhältlich.

Über die Museumstijdschrift

Die Museumtijdschrift ist das größte unabhängige Kunstmagazin in den Niederlanden. Es erscheint achtmal jährlich als Papiermagazin und bietet eine breite Auswahl der aktuellen Ausstellungsangebote. Von alter zu zeitgenössischer Kunst und von Kulturerbe bis Design. Mit jeder Ausgabe wird eine umfangreiche Ausstellungsagenda veröffentlicht. Die erste Ausgabe des Museum Magazine – damals noch unter dem Namen Vitrine – erschien 1988. Das Museumsmagazin ist auch online sehr aktiv, mit einer wöchentlichen Webrezension und einem Newsletter. Zusätzlich gibt es regelmäßige Leser-Arrangements.

Darüber hinaus verleiht es jedes Jahr den Museum Magazine Exhibition Prize, einen öffentlichen Preis für Sonderausstellungen in niederländischen Museen. Im Jahr 2025 wurde der Preis zum siebten Mal verliehen. Mit dem jährlichen öffentlichen Preis lenkt das Museum Magazine die Aufmerksamkeit auf die hohe Qualität und Vielseitigkeit der Ausstellungen – von Kunst und Geschichte bis hin zu Design, Archäologie und Mode. 2024 ging die Auszeichnung an die Ausstellung „Ai Weiwei – Auf der Suche nach der Menschheit“ in der Kunsthal Rotterdam.

Mehr als 17.000 Museumsbesucher gaben ihre Stimmen im vergangenen Jahr ab. Mit einer überzeugenden Mehrheit wurde „Anselm Kiefer – Sag mir wo die Blumen sind“ als Lieblingsausstellung der vergangenen Saison ausgewählt. Die Doppelausstellung des Stedelijk Museum Amsterdam und des Van-Gogh-Museums rückte einen der wohl bekanntesten deutschen Gegenwartskünstler ins Rampenlicht, unterstrich seine Bewunderung für Vincent van Gogh und zeigte erstmals alle Werke aus der Sammlung des Stedelijk Museum Amsterdam neben neuen und bisher ungezeigten Werken.

Alberto Giacometti. Das Maß der Welt – in Bremen zu sehen

„Alberto Giacometti. Das Maß der Welt“, die noch bis zum 15. Februar in der Kunsthalle Bremen zu sehen ist, ist die erste umfassende monographische Ausstellung über das Leben und Werk des schweizerischen Bildhauers und Malers Alberto Giacometti seit mehr als zehn Jahren in Deutschland. Es ist zugleich die erste Retrospektive, die sich speziell Giacomettis intensiver Beschäftigung mit der Stellung des Menschen in der Welt und Natur widmet. Gezeigt werden über 100 Werke darunter Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Drucke.

Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit der Fondation Giacometti in Paris. Alberto Giacometti (1901–1966) zählt zu den bedeutendsten europäischen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Mit seinen eindrücklichen überlängten Figuren hat er die Bildhauerei nach dem Zweiten Weltkrieg grundsätzlich neu formuliert. Die Ausstellung „Das Maß der Welt“ lenkt den Blick auf zwei zentrale Themen in seinem Werk: Zum einen auf das ‚rechte Maß‘, das bei Giacometti stets im Gegensatz steht zur naturgetreuen Darstellung. Und zum anderen schaut die Ausstellung auf seine Frage nach der Stellung des Menschen in der Welt.

Postimpressionstische Vätergeneration, heimatliche Alpenlandschaft und Ideen der Romantik

Alberto Giacometti wurde als junger Künstler durch vielfältige Einflüsse geprägt. Zum einen durch das künstlerische Umfeld, in dem er aufgewachsen ist: Sein Vater, der postimpressionistische Maler Giovanni Giacometti (1868–1933) zählte ebenso wie dessen Malerfreunde Ferdinand Hodler (1853 1918), Cuno Amiet (1868–1961) und Giovanni Segantini (1858–1899) zu den erfolgreichsten Künstlern der Schweiz. Zum anderen durch die spektakuläre Alpenlandschaft seiner Heimat: Die beiden Täler Bergell und Engadin im Kanton Graubünden mit ihrem teils malerischen, teils monumentalen Charakter prägten seine Sicht auf die Welt. Darüber hinaus begeisterte sich Giacometti als Jugendlicher besonders für die Ideen der deutschen Romantik und macht sich mit der Vorstellung der Alpen als Inbegriff des Erhabenen vertraut. Die Idee von der Monumentalität der Natur, mit der sich der Mensch als kleines Wesen konfrontiert sieht, sowie eine intensive Naturverbundenheit, wurden zu Konstanten in seinem späteren Schaffen.

Von den erhabenen Schweizer Alpen hin zur Kunstmetropole Paris

Zwischen 1914–23 fertigte der junge Künstler Ölgemälde, Zeichnungen und vor allem Aquarelle, die seine Heimat in den Schweizer Alpen zeigen. Die Lichtstimmung ist in diesen frühen Landschaftsbildern von zentraler Bedeutung. Die Werke zeigen beispielsweise den Silsersee mit dem heute noch bestehenden „Hotel in Maloja“ (um 1920) oder „Bäume am Seeufer“ (um 1919) mit von der Sonne zum Glühen gebrachten Gipfel rund um den Bergsee Cavloccio. Der junge Künstler strebte jedoch nicht nach Imitation. Vielmehr ging es ihm darum, sich prüfend mit der eigenen Wahrnehmung auseinanderzusetzen. Auch als Giacometti 1922 nach Paris zog um Bildhauerei zu studieren, blieb die Aufgabe – seine Wahrnehmung der Wirklichkeit in Kunst zu übersetzen – für ihn immer dieselbe.

Die menschliche Figur als zentrales Motiv

Seine Entscheidung, sich auf die Bildhauerkunst zu fokussieren, hängt zusammen mit seiner ausgeprägten Aufmerksamkeit für seine Umgebung, die Räume, die sich in ihr ergeben und für die Materie der Dinge an sich. 1935 formulierte er sein Ziel, herausfinden zu wollen, wie man einen menschlichen Kopf wirklichkeitsgetreu darstellen könne. Die Entscheidung, die menschliche Figur zum zentralen Motiv zu machen, war wegweisend für sein gesamtes folgendes Schaffen. Er arbeitete an Köpfen von seinem Bruder Diego, dem Berufsmodell Rita Gueyfier sowie seiner Frau Annette. Er experimentierte mit unterschiedlichen Techniken, Materialien und Ansätzen.

Bäume wie Frauen, Berge wie Menschen

Aus dem Antrieb, seine Sicht auf die Welt in seiner Kunst auszudrücken, entwickelte Alberto Giacometti nach dem Zweiten Weltkrieg stehende Frauenfiguren, die zu einem wiederkehrenden Motiv in seinem Schaffen wurden. Die strenge unbewegliche Aufrichtung der Figuren macht den Einfluss altägyptische Kunst spürbar, die Giacometti beeindruckte. Er verknüpfte die schlank nach oben wachsenden Figuren aber auch mit seinen Erinnerungen an hoch aufragende Nadelbäume in seiner Schweizer Heimat. So, wie Giacometti Bäume als Frauen wahrnahm, so sah er auch Berge wie Menschen an. Folglich sind die zerfurchten Oberflächen von Giacomettis Plastiken nicht nur Ergebnisse seines rastlos suchenden Formungsprozesses. Sie erinnern auch an die Strukturen der Berge in seiner Heimat und bezeugen damit sein Denken in Analogien zwischen Natur und Mensch.

Isolation des Menschen

Seit den 1940-er Jahren wurde das Thema der Einsamkeit immer wichtiger in Giacomettis Schaffen. Dies zeigt sich sowohl in seinen wie von der Umwelt isoliert stehenden Figuren sowie in Gemälden und Zeichnungen, in denen er einsame Menschen in weite Landschaften hineinsetzte. Auch in seinen Gruppenkompositionen „Drei schreitende Männer“ (1948) und „Der Käfig“ (1950) erscheinen die Dargestellten vereinzelt und allein in der Welt. Die hier versammelten Wesen teilen sich zwar einen gemeinsamen Raum, sie existieren nebeneinander, aber sie interagieren nicht, wie Giacometti es auch im Alltag in Paris beobachtete. Während Giacometti sich selbst niemals als ‚Künstler der Einsamkeit‘ verstand, so erinnern seine Figuren doch an die Idee vom Menschen als einsames, fragendes Wesen in der Welt, auf der Suche nach Sinn.

Das Erhabene und der Mensch

In den Kriegsjahren 1941 bis 1945, die Giacometti abwechselnd in einem winzigen Zimmer im Hôtel de Rive in Genf und im engen Tal des Bergell verbrachte, verstärkte sich sein Eindruck, die menschliche Figur nicht losgelöst vom umgreifenden Raum darstellen zu können. In dieser Zeit wurden seine Skulpturen immer kleiner, bis sie schließlich nur noch wenige Zentimeter maßen. Zum Ausgleich für diese fortschreitende Reduzierung, die schließlich an Entmaterialisierung grenzte, stellte er sie auf Sockel. Gestapelt und variierend in Größe und Maßstab wurden sie zu zentralen Elementen seiner Werke. Nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer winzigen Dimensionen erhalten seine kleinen Figuren einen Ausdruck von Größe. Der Künstler, der in seiner Jugend die Unermesslichkeit der Umgebung des Bergell in sich aufgesogen hatte, fand in der Beschäftigung mit den Beziehungen zwischen unterschiedlichen Maßstäben ebenjenes Wirklichkeitsempfinden wieder, das sich dem menschlichen Erkenntnisvermögen entzieht.

Die Verbindung von Zeit und Raum

Das aus 150 Lithographien bestehende Künstlerbuch „Paris sans fin“ (dt.: „Paris ohne Ende“) (1969 posthum veröffentlicht) ist ein Höhepunkt im späten Schaffen des Künstlers. Die einzelnen Graphiken zeigen alltägliche Momente und unterschiedliche räumliche Situationen, die sich zu einem ganz persönlichen Kompendium der Metropole zusammenfügen. Gerade die Darstellungen von weiten Landschaften außerhalb des Stadtkerns zeigen die Unbegrenztheit von Giacomettis Blick, mit dem er das „immerwährende Paris“ einfing. Zweifellos drückt sich hier das vom Künstler beschriebene Gefühl einer ausgedehnten und zirkulären Zeit in einer anderen Form aus.

Zur Ausstellung

Mit „Alberto Giacometti. Das Maß der Welt“ präsentiert die Kunsthalle Bremen die erste Retrospektive seines Werks in Bremen. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der Fondation Giacometti in Paris, aus deren umfangreicher Sammlung die Exponate stammen. Sie werden ergänzt durch ausgewählte Werke aus dem Kupferstichkabinett der Kunsthalle Bremen sowie einem Film des Dokumentarfilmers Arnold Fanck (1889–1974) und einer Videoarbeit der Künstlerin Ulrika Sparre (1974–2025). Die thematisch gegliederte Ausstellung zeigt alle Medien, die Giacometti verwendete – Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Drucke. Sie bietet einen umfassenden Überblick über sein Schaffen, von seinen frühen Werken bis zur surrealistischen Phase, von seiner Rückkehr zur Figuration bis zu seinen Arbeiten nach Modellen und zur Erfindung seines ikonisch gewordenen Stils der Nachkriegszeit.

Katalog:

Begleitend zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, auf Deutsch und Englisch mit zahlreichen Abbildungen und Texten von Hugo Daniel, Eva Fischer-Hausdorf, Stefan Krämer und Romain Perrin. Der Katalog erscheint im Schirmer Mosel Verlag. 37,90 Euro im Museumsshop. 48 Euro im Buchhandel. ISBN 978-3-8296-1055-1.

Nähere Informationen: Kunsthalle Bremen, Am Wall 207, 28195 Bremen, Telefon: +49 (0)421 – 32 9080, Fax +49 (0)421 – 32908470, E-Mail: info@kunsthalle-bremen.de

Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst – noch bis 1. Februar 2026

Wie kein anderes Tier hat das Einhorn die Phantasie angeregt. Seit Jahrhunderten ist es in vielen Kulturen belegt. Die Spur des Einhorns zeigt sich in der christlichen und außereuropäischen Kunst, in Naturwissenschaft und Medizin und einer vielfältigen Symbolik. Die Beschäftigung mit der Ikonographie des Einhorns lädt ein zu Reflexionen über Weltwissen, Ambivalenzen und Projektionen.Zum ersten Mal wird dieses Thema im Überblick von der Antike bis zur zeitgenössischen Kunst erforscht und ausgestellt.

Die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“, die noch bis zum 1. Februar im Museum Barberini in Potsdam zu sehen ist, präsentiert rund 150 Werke und Objekte, darunter Arbeiten von Arnold Böcklin, Albrecht Dürer, Hans Baldung Grien, Angela Hampel, Rebecca Horn, René Magritte, Gustave Moreau, AurélieNemours, Olaf Nicolai, Joachim Sandrart, Marie Cécile Thijs und Maerten de Vos.

Die Bandbreite der Exponate bildet eine Zeitspanne vom zweiten Jahrtausend vor Christus bis in die Gegenwart ab und umfasst neben Gemälden und Grafiken auch Skulpturen, Manuskripte, Tapisserien, Videoarbeiten und Kunstkammerobjekte. Zu den Leihgebern zählen das Ashmolean Museum, Oxford, die Gallerie degli Uzi, Florenz, das Grüne Gewölbe, Dresden, das Historische Museum Basel, das Metropolitan Museum of Art, New York, das Musée du Louvre, Paris, das Museo Nacional del Prado, Madrid, das Rijksmuseum, Amsterdam, und das Victoria and Albert Museum, London.

Das Einhorn stand und steht für Freiheit und Unbezähmbarkeit, für Reinheit und Unschuld, für Natürlichkeit und Zuneigung. Dabei ist die Faszination für das Fabeltier kein neues Phänomen – sie reicht über Jahrhunderte, sogar Jahrtausende zurück und ist in vielen Kulturen verbreitet. Ihren Ursprung hat die Erzählung vom Einhorn in Indien, von wo aus sie sich nach China und – über Persien und Ägypten – nach Europa verbreitete. Hier erhielt das Einhorn viele Bedeutungen: Es galt als Symbol für Christus, weshalb es auf vielen Altarbildern gezeigt wurde, es galt als Zeichen der Keuschheit und wurde oft mit einer jungen Frau gemalt, und seinem Horn wurden medizinische Wunderkräfte nachgesagt, weshalb sich viele Apotheken nach dem Einhorn benannten.

Im Mittelalter zweifelte niemand an der Existenz des Einhorns, schließlich kam es ja auch in der Bibel vor. Außerdem gab es als sichtbaren Beweis das wundersame Horn des Einhorns, das in manchen großen Kirchen zu sehen war: eine lange weiße, spiralig gedrehte Stange, die oben spitz zuläuft. Erst im 17. Jahrhundert konnten Naturforscher beweisen, dass es sich dabei um einen Zahn des Narwals handelt. Aber auch diese wissenschaftliche Erkenntnis konnte der Anziehungskraft des Einhorns keinen Abbruch tun.

Das Einhorn ist magisch. Das mythische Wesen ist ein vielschichtiges Zeichen, von dem eine besondere assoziative Energie ausgeht. Es ist in keinem Zoo als lebendes Tier zu sehen, aber zugleich allgegenwärtig – in der Popkultur, als Werbung oder in den Kinderzimmern“, erklärt Michael Philipp, Chefkurator des Museums Barberini und Kurator der Ausstellung. „Das eine Horn auf der Stirn, das kein anderer Vierfüßer trägt, gilt als Zeichen der Auserwähltheit. Es zeigt das Einhorn als etwas Außergewöhnliches, das einer anderen Welt als der alltäglichen angehört. Dieser übernatürliche Status, seine ferne Vertrautheit, macht es zu einer Projektionsfläche für Sehnsüchte und Idealvorstellungen, die sich aus überlieferten Geschichten und Bildern speist.“

Kunstwerke von Maerten de Vos bis Rebecca Horn

Die umfangreiche Ausstellung im Museum Barberini beleuchtet anhand herausragender Kunstwerke die vielen Facetten des Einhorns. Sie zeigt das monumentale Gemälde von Maerten de Vos, der 1572 ein Einhorn als machtvollen, kampfbereiten Charakter portraitierte (Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin), aber auch die Plastik eines knienden Einhorns aus Tibet aus dem 18. Jahr hundert, die aus einem buddhistischen Tempel stammt (Museum Rietberg, Zürich). Auf einer persischen Fliese aus dem 13. Jahrhundert kämpft das Einhorn gegen den Elefanten (Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst), auf einem Wandteppich von etwa 1625 gegen Löwen und Panther (Adornes Estate, Brügge). Aber es wird auch gejagt – Alexander der Große kämpft, wie ein Manuskript aus dem 13. Jahr hundert zeigt, gegen ein ganzes Heer von Einhörnern (Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett), auf einem Altargemälde von etwa 1480 scheucht der Erzengel Gabriel das Einhorn zur Jungfrau Maria (Erfurter Dom). Zu sehen ist das große Horn des Einhorns aus St. Denis, das im Mittelalter berühmt war und von vielen Pilgern aufgesucht wurde (Musée de Cluny, Paris), ebenso wie alte Apothekengefäße für medizinisches Einhornpulver (Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg; Deutsches Apotheken-Museum, Heidelberg).

Um 1533 malte Hans Baldung Grien das Einhorn mit anderen Geschöpfen im Paradies (Angermuseum, Erfurt), Paulus Potter setzte es 1650 zur Legende von Orpheus, der die wilden Tiere besänftigt (Rijksmuseum, Amsterdam). Gedruckte Reiseberichte künden von angeblichen Einhorn-Sichtungen, Naturwissenschaftler wie Conrad Gessner erforschen das Tier (beide Staatsbibliothek Berlin – Preußischer Kulturbesitz). Kostbare Kunstkammergefäße aus Elfenbein oder Silber feiern im 16. und 17. Jahrhundert das schöne Tier (u.a. Grünes Gewölbe, Staatliche Kunstsammlungen Dresden). Wie sehr das Einhorn für Künstlerinnen und Künstler seit dem 19. Jahrhundert zum Musterbeispiel der kreativen Phantasie wurde, zeigen Werke von Arnold Böcklin (Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Sammlung Schack München; Muzeum Narodowew Poznaniu, Posen) oder Arthur B. Davies, der eine märchenhafte Landschaft mit vier Einhörnern um 1906 ins Bild setzt (The Metropolitan Museum of Art, New York), von Alfred Kubin (Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg) und René Magritte (Privatsammlung) bis Rebecca Horn (Tate, London).

Die künstlerische Inspiration des Einhorns wirkt bis in die jüngste Zeit, etwa in den Photographien von Marie Cécile Thijs, Videoarbeiten von Maïder Fortuné oder Skulpturen von Olaf Nicolai. Die Ausstellung versammelt in neun Sälen des Museums rund 150 Werke aus einem Zeitraum von etwa 4000 Jahren, darunter Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphiken, illuminierte Manuskripte, Plastiken und Tapisserien. „Viele dieser Werke werden nur selten ausgeliehen“, sagt Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini. „Wir freuen uns, dass wir mit unserem Ausstellungskonzept über 80 Leihgeber aus 16 Ländern überzeugen konnten.“

Zu den Leihgebern gehören die Albertina, Wien, das Ashmolean Museum, University of Oxford, die Gallerie degli Uzi, Florenz, das Germanische Nationalmuseum, Nürnberg, das Grüne Gewölbe der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, das Historische Museum Basel, die KB Nationale Bibliotheek, Den Haag, das MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien, das Metropolitan Museum of Art, New York, das Musée du Louvre, Paris, die Musées royaux d’Art et d’Histoire, Brüssel, das Museo Nacional del Prado, Madrid, das Rijksmuseum, Amsterdam, das Szépmuvészeti Múzeum, Budapest, und das Victoria and Albert Museum, London.

Ausstellung leistet wegweisenden Beitrag zur Erforschung mythischer Motive in der Kunst

Die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ bereitet dieses faszinierende Thema erstmals in dieser Breite und Tiefe museal auf und erschließt neue kunsthistorische Perspektiven: Sie verdeutlicht, wie das Einhorn in verschiedenen kulturellen, religiösen und wissenschaftlichen Kontexten über Jahrtausende hinweg symbolisch aufgeladen wurde – und beleuchtet bislang kaum beachtete ikonographische Verbindungen und historische Wandlungen.

Zu allen Kapiteln der umfangreichen Schau wurden Schriftquellen gehoben, übersetzt und interpretiert, die den zeithistorischen Kontext der Kunst werke und ihre Verkettung vor Augen stellen: Quellentexte von antiken Schriftstellern, christlichen Theologen, Naturforschern und Medizinern der Frühen Neuzeit.

Aus der Quellensammlung entstand eine Anthologie für den 400-seitigen Katalog (Prestel Verlag, München), ein vielstimmiges Gewebe aufeinander aufbauender Texte von Reisenden und Naturkundlern, von Kompilatoren, Mönchen, Ärzten und Dichtern vom Jahr 400 vor unserer Zeit (früher vor Christi) bis zu Rainer Maria Rilke und Umberto Eco. Der Katalog enthält Aufsätze von Adrien Bossard (Nizza), Béatrice de Chancel-Bardelot (Paris), Barbara Drake Boehm (New York), Michael Philipp (Potsdam), Annabelle Ténèze (Lens) und Stefan Trinks (Berlin). 3 Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst Pressemitteilung „Die intensive wissenschaftliche Recherche und die im Katalog versammelten Textquellen eröffnen neue Impulse für die kunsthistorische Forschung und belegen, wie das Fabelwesen als Projektionsfläche für kollektive Vorstellungen und kulturelle Narrative diente“, erklärt Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini. „Damit leistet die Ausstellung einen wegweisenden Beitrag zur Erforschung mythischer Motive in der Kunst und ihrer Rezeption durch die Jahrhunderte.“

Ein umfangreiches Vermittlungs- und Veranstaltungsprogramm mit Führungen, Workshops, Vorträgen, Gesprächen, einer Lesung und einem Konzert sowie einem Filmprogramm begleitet die Schau. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Musée de Cluny und der Grand Palais Rmn, Paris. Im Musée de Cluny ist die Schau als zweite Station vom 13. März bis 12. Juli 2026 zu sehen.

Nähere Informationen: Museum Barberini, Friedrich-Ebert-Str. 115, 14467 Potsdam, E-Mail: info@museum-barberini.de, Internet: http://www.museum-barberini.de

Swinging Nordhorn – eine mobile Dauerausstellung

Eine neue Dauerausstellung mit dem Titel „Swinging Nordhorn – Jugend in einer Kleinstadt im Grünen“ wird am Samstag, 14. Februar, ab 20 Uhr im Saal 2 der Alten Weberei in Nordhorn der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie besteht aus 14 großformatigen Collagen über eine Jugend zwischen Rock´n Roll, Pop, Mode, Kino, Festivals und Protest.

Als prominenter Gast konnte der ESC-Kommentator und NDR-Musikjournalist Peter Urban gewonnen werden, der aus seinem Buch „On Air – Erinnerung an ein Leben mit der Musik“ vorlesen wird. Im Anschluss gibt es Live-Musik mit Frank Stehle & Friends featuring Peter Urban. Gespielt werden Coverversionen aus den 1960-ern, 1970-ern und 1980-ern.

Veranstalter ist der Förderverein Kulturzentrum Alte Weberei.

Eigene Erinnerungen

Wenn ich mich an meine Jugend in Nordhorn erinnere, gibt es einige zentrale Eckpunkte, die auch viele meiner Altersgenossen geprägt haben. Womit könnte ich anfangen? Vielleicht mit meinen ersten Konzert-Erlebnissen, die ich im Konzert- und Theatersaal hatte: „Birth Control“ und „Floh de Cologne“. Gegensätzlicher hätte deren beider Musik kaum sein können: Zum einen dynamischer und hypnotischer Krautrock mit vielen Soloeinlagen, zum anderen mit Jazz vermischter Politrock, kombiniert mit kabarettistischen Einlagen im Geiste der APO und nachfolgend der DKP und damit ideologisch eins zu eins einem dialektisch-marxistischen Weltbild verpflichtet. Gehört beziehungsweise gelesen hatte ich von der Gruppe in der Konkret, einer Zeitschrift für Politik und Kultur mit weit links stehenden Positionen, die auch heute noch existiert. Ob ich damals den ideologischen Überbau verstanden habe, weiß ich nicht mehr. Vielleicht hatte es mich einfach nur gereizt, bei einer Veranstaltung dabei zu sein, die wegen ihrer politischen Ausrichtung schon den Hauch des Verbotenen hatte.

Eine weitere Veranstaltung dieser Art war ein Filmabend der DKP in einem gemieteten Raum des damaligen Bahnhofrestaurants. Gezeigt wurde „Nackt unter Wölfen“. Basierend auf dem Roman von Bruno Apitz drehte der bekannte Regisseur Frank Beyer den gleichnamigen Film, der vom Ende des Dritten Reiches im Konzentrationslager Buchenwald handelt. Im Mittelpunkt steht ein dreijähriges Kind, das von den Gefangenen versteckt wird, um es vor den Schergen des Naziregimes zu schützen, die es ermordet hätten, wenn sie es entdeckt hätten. Als ich mir mit den anderen den Film anguckte, fühlte ich mich wie das Mitglied einer verschworenen kleinen Gemeinschaft.

Anzumerken ist an dieser Stelle, dass ich mich schon früh für Politik interessierte und auf der Suche nach politischer Orientierung war. Ich sah mich politisch auf der linken Seite, ohne allerdings eine ideologisch gefestigte Einstellung zu haben. Die Ereignisse, die einen damals prägten: die Taten der RAF, der Kampf des Staates gegen diese und die damit verbundenen Folgen wie politisch erregte Diskussionen, die Rasterfahndung, die dadurch entstandene Angst vor einem übermächtigen Staat, die Atomkraft und die Angst vor deren Nutzung, die Beschäftigung mit der damals sogenannten Dritten Welt, angeregt durch die auch in der Grafschaft Bentheim entstandenen Dritte Welt-Läden, und der Konflikt zwischen Ost und West, der unter anderem durch die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) entschärft werden sollte. Direkt vor Ort beschäftigte die Menschen neben dem Kernkraftwerk in Lingen auch noch der von der Royal Air Force genutzte Bombenabwurfplatz Nordhorn-Range, gegen den immer wieder protestiert wurde – sogar mit Schulstreiks.

Von Interesse waren für mich aber nicht nur die großen politischen Themen, sondern auch die Musik. Und da darf ein Name nicht fehlen: Georgies. Der leider heute nicht mehr existierende Laden war ein Kultort. Fast wöchentlich oder noch öfters stöberte ich dort nach LPs, die ich, bevor ich mir eine eigene Plattensammlung zulegte, bei meinem viel zu früh verstorbenen Vetter Michael gesehen und gehört hatte. In seinem vom Rest des großen Elternhauses meiner Mutter etwas abgetrennten Zimmer im früheren Dachboden hörte ich über eine Anlage höchster Qualität alles, was damals Rang und Namen hatte: die Rolling Stones, Deep Purple, Pink Floyd, Santana, Crosby Stills Nash & Young, Yes, Uria Heep, Mike Oldfield und auch schon Vertreter der damals im Kommen begriffenen Krautrock-Musik wie Wallenstein, Birth Control, Frumpy und manche mehr. Es gab aber nicht nur Rock zu hören, sondern auch Klassik. Was mir von damals noch in Erinnerung ist: die Vier Jahreszeiten von Vivaldi, die Brandenburgischen Konzerte von Bach und Toccata & Fuge – ebenfalls von Bach.

Neben der Musik faszinierten mich auch Bücher, ebenfalls beeinflusst von meinem äußerst belesenen Vetter Michael. Einer der Klassiker damals: Hermann Hesse. Obwohl schon 1962 verstorben, war er einer der Kultautoren vieler Jugendlichen meiner Generation. Seine Werke wie Demian, Unterm Rad und vor allem Der Steppenwolf trafen den Nerv. Das Aufbegehren gegen überkommene Autoritäten und die Sinnsuche vor dem Hintergrund einer vom Konsum und Materialismus geprägten Gesellschaft bestimmten das Denken der Heranwachsenden.

Nicht fehlen darf bei diesen Erinnerungen an eine Jugend in Nordhorn das Jugendzentrum. Dort kam ich erst im Alter von 17 oder 18 Jahren hin. Der Grund: Bis dahin kannte ich keinen, der dort hinging. Erst durch einen ehemaligen Freund lernte ich das Jugendzentrum kennen und war sofort begeistert. Dort wurde die Musik gespielt, die ich hörte, und dort waren auch die Leute, mit denen man politisch auf einer Wellenlänge war und mit denen man auch andere Interessen wie Musik und Literatur teilte. Legendär noch immer: die Discos am Mittwoch und am Wochenende in der zumeist proppenvollen Tenne, die anfangs nur bis 23 Uhr liefen. Später kam noch die Scheune dazu, um dem Besucherstrom gerecht zu werden. Neben der Disco gab es im Jugendzentrum auch viele unvergessliche Konzerte mit Herman Brood, The Touch mit Terence Trent D´Arby als Sänger, Cuby & The Blizards und später Rausch, Abwärts, Reamonn mit Ray Garvey als Frontmann, H-Blockx, Rammstein (tatsächlich) und vielen vielen mehr. Das waren noch Zeiten.

Ich könnte vermutlich noch viel mehr aus dieser Zeit erzählen, wollte mich aber nur auf die Punkte beziehen, die wohl viele meiner Generation gemein haben. Und ich freue mich auf die Eröffnung der Ausstellung.

Impressionismus. Die Sammlung Hasso Plattner

Seit September 2020 dauerhaft im Museum Barberini

Das Museum Barberini in Potsdam zeigt seit September 2020 dauerhaft die umfang reiche Sammlung impressionistischer und postimpressionistischer Gemälde des Museumsgründers Hasso Plattner: Mit 113 Meisterwerken von 23 Künstlerinnen und Künstlern wie Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir, Berthe Morisot, Alfred Sisley, Camille Pissarro, Henri-Edmond Cross und Paul Signac stellt die Sammlung die französische Landschaftsmalerei einzigartig schlüssig und umfangreich dar. Mit 39 Gemälden Monets beherbergt das Museum den größten Werkkomplex dieses Malers in Europa außerhalb Frankreichs sowie einzigartige Bestände an Gemälden von Caillebotte, Pissarro, Signac, Sisley und Maurice de Vlaminck.

Potsdam ist damit eines der weltweit wichtigsten Zentren impressionistischer Landschaftsmalerei. In den 1860er Jahren fanden sich in Paris junge Maler zusammen: Claude Monet, Camille Pissarro, Pierre-Auguste Renoir und Alfred Sisley. Sie befreiten sich von den traditionellen Bildthemen ihrer Zeit und revolutionierten die Kunst mit lichtdurchfluteten Landschaften. 1874 wurden sie als „Impressionisten“ bekannt, die mit Vorliebe in freier Natur malten und flüchtige Sinneseindrücke unmittelbar auf die Leinwand bannten. Später schlossen sich Berthe Morisot, Paul Cézanne und Gustave Caillebotte dieser neuen Kunstrichtung an. In den 1890-er Jahren entwickelten Paul Signac und Henri- Edmond Cross diese Malerei im Pointillismus weiter. Anfang des 20. Jahrhunderts lösten sich die Fauvisten wie Maurice de Vlaminck und André Derain vom impressionistischen und pointillistischen Stil und entwickelten eine flächige, farbstarke Malerei. Impressionisten, Neoimpressionisten und Fauvisten folgten dem gleichen Ideal: Natur mit Licht und Farbe sinnlich erfahrbar zu machen.

Der Sammlungsschwerpunkt des Museumsgründers Hasso Plattner ist seit dem Jahr 2000 der Impressionismus: „Die Gemälde beziehen uns als Betrachter unmittelbar mit ein. Wir spüren den Wind auf der Haut und die Temperatur des Wassers, wenn wir Monets Segelbooten auf der Seine zusehen. Das schafft keine andere Kunst. Die Impressionisten sind Kommunikationsgenies“, erklärt Hasso Plattner. Im Herbst 2020, rund drei Jahre nach Eröffnung des Museums Barberini 2017, übergab Hasso Plattner 103 Werke seines Privatbestandes wie auch seiner Stiftung, der Hasso Plattner Foundation, als Dauerleihgabe an das Museum. Die Sammlung konnte 2022 und 2023 durch ins gesamt zehn Neuerwerbungen erweitert werden, darunter ein Gemälde aus Claude Monets berühmter Serie der britischen Parlamentsgebäude.

Inzwischen umfasst die Sammlung 113 Meisterwerke des Impressionismus und Postimpressionismus von 23 Künstlerinnen und Künstlern. Mit 39 Gemälden von Claude Monet beherbergt das Museum den größten Werkkomplex dieses Malers in Europa außerhalb Frankreichs Impressionismus. Die Sammlung Hasso Plattner sowie einzigartige Bestände an Gemälden von Caillebotte, Pissarro, Signac, Sisley und Vlaminck. Zu den bekanntesten Werken der Sammlung gehören Caillebottes „Die Brücke von Argenteuil“ und die Seine (um 1883), Signacs „Der Hafen bei Sonnenuntergang“, Opus 236 (Saint-Tropez) (1892) sowie Monets Gemälde „Getreideschober“ (1890), „Der Palazzo Contarini (1908) und Seerosen (1914–1917).

Die Sammlungspräsentation im Museum Barberini spannt den Bogen von den 1850-er Jahren bis ins frühe 20. Jahrhundert und versammelt Werke aus drei Generationen an Künstlerinnen und Künstlern, die oft zusammenarbeiteten, für ihre Gemälde an die gleichen Orte reisten und einander inspirierten. Anhand von neun Themenräumen bietet die Schau die Möglichkeit, die Entwicklung der französischen Landschaftsmalerei in den Stilrichtungen des Impressionismus, Neoimpressionismus und Fauvismus nachzuvollziehen.

Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini, erläutert: „Es gibt keine vergleichbare Sammlung, die die Landschaftsmalerei der französischen Impressionisten so umfangreich und die Entwicklung wie auch die Ikonographie so schlüssig zeigen könnte. Besucher innen und Besucher können aber nicht nur die Geschichte dieser faszinierenden Kunstrichtung, sondern auch die Weiterentwicklung der Landschaftsmalerei durch die Neoimpressionisten und die Fauvisten anhand unserer Werke kennenlernen.“

Seit der Eröffnungsausstellung des Museums Barberini Impressionismus. Die Kunst der Landschaft (2017) bieten jährlich bis zu drei Wechselausstellungen die Möglichkeit, den Impressionismus sowie andere Kunstrichtungen aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu entdecken. Begleitend zur Sammlungspräsentation ist der Katalog Impressionismus. Die Sammlung Hasso Plattner (Prestel, 2023) von Ortrud Westheider erhältlich. Auf der Website des Museums wird die Sammlung mit Texten von Daniel Zamani, Sammlungskurator am Museum Barberini, und Ergebnissen der Provenienzforschung von Linda Hacka, wissenschaftliche Mitarbeiterin, umfassend vorgestellt. Impressionismus.

Rundgang durch die Sammlung – Reflexionen im Fluss

In den Landschaften entlang der Seine entwickelten die Impressionisten ihr Motivrepertoire. Hier arbeiteten sie unter freiem Himmel, konzentrierten sich auf das Hier und Jetzt und verzichteten auf das Anekdotische früherer Landschaftsmalerei. Sie schärften ihre Beobachtungsgabe an den spiegelnden Oberflächen der Seine. Zu den ständigen Veränderungen von Licht und Wolken am Himmel kamen mit den Reflexionen und dem Fließen weitere dynamische Momente. Schon 1865 brachen Pierre-Auguste Renoir und Alfred Sisley von Paris zu einem Malausflug entlang der Seine auf, der sie bis zur Mündung in Le Havre führte. Viele Künstler der Sammlung werden bis heute mit Seine-Orten wie Argenteuil, Giverny und Moret verbunden: Eugène Boudin, Gustave Caillebotte, Claude Monet, Paul Signac und Alfred Sisley.

Die Industrialisierung und Effizienzsteigerung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts prägte auch die Seine. Dampfschiffe verkehrten auf dem Versorgungsweg zur Hauptstadt und brachten den Stahl für den Bau von Schienen und Passagen aus den am Fluss gelegenen Fabriken nach Paris. Von Steinbrüchen in der Normandie wurde das Material für die Boulevards und die neuen Quartiere in der rasant wachsenden Metropole verschifft. Neben Getreide und Gemüse aus dem Pariser Umland brachten Lastkähne Muscheln, Textilien und andere Konsumgüter zum Verkauf in der Stadt. Daneben war die Seine auch Schauplatz des modernen Segelsports und Ausflugsziel erholungssuchender Städter, die mit der Eisenbahn in die Vororte gelangten – Aspekte des modernen Lebens, die die Impressionisten wie selbstverständlich in ihre Landschaftsbilder integrierten.

Paris und die Peripherie

Die Impressionisten beobachteten das Leben auf den Boulevards, in den Kaffeehäusern und Parks. Gewaltige Umbaumaßnahmen hatten die Hauptstadt seit den 1850-er Jahren verändert. Im Auftrag Kaiser Napoleons III. hatte Baron Haussmann die Stadt zu einer modernen Metropole umgestaltet: mit monumentalen Sichtachsen und Schneisen für den wachsenden Verkehr, mit neuen Grünanlagen, riesigen Markthallen, Bahnhöfen und Theatern. Gleichförmige Fassaden und Baumreihen, Gaslaternen, Litfaßsäulen, Cafés und Geschäfte säumten die Straßen. Paris war die Stadt mit den nach London meisten Einwohnern. Von 1850 bis 1870 verdoppelte sich deren Anzahl auf zwei Millionen. Neue Straßenzüge führten in die Peripherie. Die Vororte wuchsen durch den Zuzug von Handwerkern und Angestellten, die den steigenden Mieten im Zentrum entgehen wollten. Anders als in London, wo die Arbeiterschaft im Zentrum lebte, entstanden um Paris mit der Industrialisierung die Banlieues.

Seit den 1860er Jahren fuhren die erholungssuchenden Pariser mit der Eisenbahn in weniger als fünf Stunden an die Küste der Normandie. In Étretat und Trouville waren Seebäder nach englischem Vorbild entstanden. Anders als im 18. Jahrhundert, als sich der Adel in Kurorten mit Heilquellen, Thermalbädern und Parks erholte, zogen die zum offenen Meer ausgerichteten Badeorte zahllose Touristen an – unter ihnen die Künstler und ihre Sammler.

Ein neuer Realismus

Die Motive der Impressionisten sind betont unspektakulär: Kornfelder, Pappelreihen, Feldwege und Wiesen. In den Feldern an ihren Wohnorten fingen sie für ihr Pariser Publikum Aspekte französischer Landschaft ein, die weder nostalgischen noch nationalen Klischees entsprachen. Lebendig werden ihre neuartigen Naturausschnitte durch die bewegte Pinselführung. So offen die Malweise auch ist, so exakt ist doch die Topographie wieder gegeben. Wege versinnbildlichen nicht mehr den Lauf des Lebens wie in der klassischen Landschaftsmalerei, sondern laden die Betrachter ein, Licht und Luft, Tages- und Jahreszeiten mit allen Sinnen zu empfinden. Als Städter nahmen die Impressionisten das agrarisch geprägte Frankreich mit anderen Augen wahr als die Bauern ihr Ackerland. Während Camille Pissarro und Alfred Sisley sich in ihren Bildern mit der Landbevölkerung in Beziehung setzten, inszenierte Claude Monet sich und seine Familie als Außenstehende. Seine Bilder zeigen das landschaftliche Umfeld Givernys ohne die Arbeit der ansässigen Bauern in den Blick zu nehmen.

Mit wechselnden Licht- und Wetterbedingungen erfassten die Maler atmosphärische Erscheinungen, wie sie die Wissenschaft im 19. Jahrhundert erforschte. Auch die Künstler setzten auf genaue Beobachtung der Phänomene. Dabei entstand keine willkürliche Stimmungsmalerei, sondern ein Protokoll unmittelbaren Erlebens: jeder Pinselstrich eine Information. Moderne am Meer Frankreich war keine Seefahrernation. Doch gewannen die Küsten der Bretagne und der Normandie im Lauf des 19. Jahrhunderts an Bedeutung. Le Havre, wo Eugène Boudin und Claude Monet ihre ersten Malkampagnen starteten, war nach Marseille der zweitgrößte französische Hafen.

Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren hier die Baumwollschiffe aus der Neuen Welt angekommen. Der oft archaisch anmutende Charakter der Hafenstädte mit ihren Segelschiffen täuscht, denn sie hatten ihre Wirtschaft bereits von der vorindustriellen Produktion auf moderne Dienstleistungen umgestellt. Um dem expandierenden Handel gerecht zu werden, wurden französische Häfen nach dem Vorbild der Londoner Docks umgebaut.

Auch Le Havre rüstete sich für immer größere Dampfschiffe: 1872 wurde damit begonnen, den von Boudin und Monet dargestellten Außenhafen mit einer neuen Kaimauer aus zubauen. Impressionistische Hafendarstellungen dienten nicht wie die Marinemalerei Englands und der Niederlande dazu, dem Nationalstolz auf die Flotte Ausdruck zu verleihen. Die Künstler ließen sich von Vorbildern der Alten Meister anregen und arbeiteten die Modernität der Hafenstädte heraus. Künstliche Beleuchtung zeigt den neuen Takt des Warenumschlags an.

Intensivierung und Verdichtung zeigt auch Monets Malerei. In London hatte er, wie wenig später auch Berthe Morisot – die einzige Frau, die von Beginn an mit den Impressionisten ausstellte –, nicht nur die englischen Docks, sondern auch die dynamische Malerei William Turners kennengelernt.

Gartenbilder

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Gartenkultur, ausgehend von England, zur Leiden schaft gebildeter Schichten. Auch das Interesse an importierten exotischen Pflanzen nahm zu. Die Impressionisten pflegten ihre Vorliebe für das Wandelbare auch im eigenen Garten und brachten mit diesem neuen Thema den Wechsel von Tages- und Jahreszeiten zur Anschauung. Claude Monets Schaffen ist untrennbar mit dem Wassergarten verbunden, den er in den 1890er Jahren anlegte und dessen Seerosenteich zum bestimmenden Motiv seines Spätwerks wurde. Doch bereits seit den 1870er Jahren setzte sich der begeisterte Hobbygärtner intensiv mit dem Thema der Hortikultur auseinander.

Das Interesse an Hortikultur teilte Monet mit Freunden wie Gustave Caillebotte, dem Schriftsteller Octave Mirbeau und dem Politiker Georges Clemenceau. Bei japanischen Händlern in Paris erwarben sie Blumenzwiebeln und -samen, aus denen sich die Farbenpracht ihrer Gärten entwickeln sollte. Mit Chrysanthemen züchteten sie eine Pflanze, die in Japan die Sonne symbolisiert. Caillebotte regte der Austausch mit Monet zu Stillleben mit Blumen des eigenen Gartens an. Künstlergärten wurden um die Jahrhundertwende aber auch ein wichtiges Thema, weil sie die Möglichkeit boten, Naturbilder mit Innenraumdarstellungen zu verbinden.

Die Farbe Weiß

Die Winter der 1860-er bis 1890-er Jahre waren schneereich. Auch in Gegenden Frankreichs, in denen es selten schneit, fielen bis zu 30 Zentimeter. Am Ende der Kleinen Eiszeit, die im 17. Jahrhundert begonnen hatte, kam es zu einer Erwärmung, die zu einer zirkulierenden Feuchtigkeit in den unteren Schichten der Atmosphäre und zu ungewöhnlich hohen Niederschlägen führte. Schon der Landschaftsmaler Gustave Courbet hatte diese Ausnahmesituation, die die Landschaft verfremdete, zu Winterbildern inspiriert. Wie dieser waren die Impressionisten nicht mehr daran interessiert, das Heroische zu thematisieren, das dem Schnee im kollektiven Gedächtnis nach den Winterkriegen Napoleons eingeschrieben war.

Die Verwandlung der Landschaft durch den Schnee gab den Malern die Freiheit, sich auf Licht und Farbe zu fokussieren. Die Künstler arbeiteten bei Minusgraden unter erschwerten Bedingungen. Sie setzten sich der eisigen Kälte aus, um dem Schnee die optischen Phänomene der Lichtbrechung auf den Kristallen abzugewinnen. Wie bei ihren Darstellungen von Wasserflächen ging es den Malern um die visuelle Verschränkung von Himmel und Erde. Sie beobachteten das Schauspiel des Widerscheins vom Himmelblau und glühender Sonnenuntergänge. Die Reflexionen auf dem Schnee setzten sie in teils abstrakt anmutende Malerei um.

Die Küsten Europas

Nur die Venedig-Ansichten Claude Monets erinnern noch an die Grand Tour der Künstler voriger Jahrhunderte. Die Stadt hatte schon den Romantikern eine atmosphärische Lichtmalerei entlockt. Die Malerei des Nordens und die Beobachtung der heimischen Natur hatten in Monets Generation das Vorbild der Antike und der an der italienischen Campagna geschulten klassizistischen Landschaftsmalerei abgelöst. Wenn Eugène Boudin, Berthe Morisot und später Paul Signac Italien besuchten, dann nicht auf den traditionellen Wegen. Vielmehr reisten sie mit der Eisenbahn entlang der Küsten wie andere Touristen.

Die Küsten Nord- wie Südeuropas wurden im späten 19. Jahrhundert mit Postkarten touristisch vermarktet. Die Maler stellten sich dieser Konkurrenz, indem sie mit den Ausschnitt-Techniken der Photographie arbeiteten. Ihre pastose Malerei stand im Gegensatz zu den glatten Oberflächen des neuen Mediums. Die Côte d’Azur wurde touristisch zur gleichen Zeit erschlossen, als sich Cross und Signac dort in den 1890-er Jahren niederließen. Das Sonnenlicht, das die Maler in den Süden zog, war für sie eine Energie, die künstlerische Neuerungen mit gesellschaftlichen Utopien speiste. Die drei Generationen der Impressionisten, Pointillisten und Fauvisten – Zeitgenossen eines sich rasant entwickelnden modernen Frankreichs – verband das gleiche Ideal: Natur mit Licht und Farbe sinnlich erfahrbar zu machen.

Monets Serien

Nachdem Monet Ende der 1870er Jahre Paris den Rücken gekehrt hatte, widmete er sich zunächst in Vétheuil und später in Giverny der Natur im Wechsel von Tages- und Jahreszeiten. Hier verfolgte er die Idee, durch Wiederholungen des Motivs der Erfassung des Augenblicks näherzukommen. Von 1891 an nutzte Monet Einzelausstellungen in seiner Pariser Galerie Durand-Ruel zur Präsentation groß angelegter Werkreihen, bei denen er ein einziges Motiv in zahlreichen Variationen durchspielte: Auf seine Getreideschober folgten die Kathedralen von Rouen, später die Serie des britischen Parlaments in London und schließlich die des Seerosenteichs in seinem Wassergarten in Giverny.

Drei dieser Werkgruppen sind in der Sammlung Hasso Plattner beispielhaft vertreten. Mit den Getreideschobern stellte Monet sein Konzept des enveloppe vor – jener das Motiv umgebenden Hülle aus Licht und Luft, das er zum eigentlichen Gegenstand seiner Malerei erhob. Die im Smog gegen den Sonnenuntergang aufscheinende Silhouette von Westminster Palace beschäftigte ihn bei drei London-Aufenthalten zwischen 1899 und 1901. Der Seerosenteich in Giverny gab Monet über zwei Jahrzehnte lang Stoff zu sehen und zu malen: Spiegelnde Wasserflächen hatten sein Werk von Anfang an geprägt. Das neben seinem Seerosenteich gelegene Atelier erlaubte es ihm, nun auf bisher ungeahnt großen Leinwänden zu arbeiten. Indem sie auf den Horizont verzichten und den Himmel spiegeln, entgrenzen die Bilder den Landschaftsraum und bieten den Betrachtern ein immersives Erlebnis.

Landschaften der Fauvisten

1905 kam eine radikal neue Kunstrichtung auf, die die Konturen betonte und die Farbe expressiv einsetzte. Als „Les Fauves“ (die Wilden) bezeichnete ein Kunstkritiker diese Maler anlässlich ihrer ersten Ausstellung im Pariser Herbstsalon.

Während André Derain mit seinem Freund Henri Matisse auf den Spuren von Cross und Signac in Südfrankreich gemalt hatte, war Maurice de Vlaminck in Nordfrankreich an den Ufern der Seine geblieben. Die Fauvisten lösten sich vom impressionistischen und pointillistischen Stil und entwickelten eine flächige, farbstarke Malerei. Anders als die Impressionisten ging es ihnen nicht um die Darstellung von Naturphänomenen, sondern – darin den Malern der „Brücke“ verwandt – um den Ausdruckswert der Farbe.

Auch begannen sie in der Nachfolge Cézannes mit einer Zergliederung der Form zu experimentieren, wie sie der Kubismus später weiterführte. Ihr expressiver Malstil hielt sie jedoch nicht davon ab, Impressionismus und Pointillismus in der Wahl der Orte und Motive zu folgen. So reiste Derain 1907 nach Cassis, wo bereits Signac gemalt hatte. Vlaminck malte mit dem Bootshaus von Rueil ein Motiv Pierre-Auguste Renoirs. Obwohl ihre Landschaften aufgewühlt, oft düster sind, bezogen sich die Fauvisten auf die Ikonographie des Impressionismus.

Nähere Informationen: Museum Barberini, Friedrich-Ebert-Str. 115, 14467 Potsdam, E-Mail: info@museum-barberini.de, Internet: http://www.museum-barberini.de

Affinities – Neue Begegnungen in der Sammlung der Kunsthalle Recklinghausen

Den Abschluss des 75. Jubiläumsjahres der Kunsthalle Recklinghausen bildet die noch bis zum 6. April zu sehende Ausstellung „Affinities“, die Werke aus der eigenen Sammlung der Kunsthalle, des ehemaligen Vestischen Museums und des Ikonen-Museums mit national und international bekannten Künstlerinnen und Künstlernals Gästen im Haus kombiniert. Alle Werke stehen in Bezug zur Ausstellungsgeschichte des Hauses, zu kuratorischen Ideen, oder Displays von den Anfängen der Kunsthalle bis in die Gegenwart. Gezeigt werden sie über klassische Epochen- und Genrefragen hinaus als ästhetische Verwandtschaften. Und diese Beziehungen sollen als Affinitäten zueinander verstanden und präsentiert werden.

In Rückbezug auf Thomas Grochowiaks bahnbrechenden Ausstellungen an der Kunsthalle Recklinghausen in den 1950-er Jahren, oder die großen monografischen Projekte der 1990-er Jahre in Recklinghausen mit Einzelausstellungen von Per Kirkeby oder Jannis Kounellis, mit einem Blick für kuratorische Konzepte wie Harald Szeemanns „When Attitudes Become Form“(1969) in Bern oder Danh Vos „Slip of the Tongue“(2015) in Venedig will diese Ausstellung einen kaleidoskopischen Rückblick und eine perspektivische Aussicht für die Kunsthalle und die in ihr gezeigte Kunst bieten.

Ausstellende Künstler

Vertreten sind Werke von Søren Aagaard, Marina Apollonio, Katja Aufleger, Noémi Barbaglia, Béatrice Balcou, Marianne Berenhaut, Erich Bödecker, Hal Busse, Vivian Ellis, Ayşe Erkmen, Ângela Ferreira, Isabella Fürnkäs, Christine Gironcoli, Katharina Grosse, Dor Guez, Flo Kasearu, Barbara Kasten, Tadeshi Kawamata, Per Kirkeby, Mischa Kuball, Sigalit Landau, Jeewi Lee, Julio Le Parc, James Lewis, Heinz Mack, Paola Siri Renard, Anahita Razmi, Michael Sailstorfer, Morgaine Schäfer, Mona Schulzek, Berit Schneidereit, Franz Erhard Walther, Andy Warhol sowie Werke aus dem Ikonen-Museum und dem ehemaligen Vestischen Museum Recklinghausen.

Nähere Informationen: Kunsthalle Recklinghausen, Große Perdekamp-Straße 25-27, 45657 Recklinghausen, Telefon: +49 (0)2361 501935, E-Mail: info@kunst-re.de