Auf den Spuren von Uta Danella und Hedwig Courths-Mahler

Zutiefst verunglücktes Roman-Debüt von Judith Hoersch

Mit „Niemands Töchter“ hat die 1981 in Köln geborene Judith Hoersch vor Kurzem ihr Debüt als Romanautorin gegeben. Hört oder liest man ihren Namen wird sie zumeist mit etwas anderem verbunden: mit ihren Auftritten als Schauspielerin in Serien und Spielfilmen.

So verkörpert sie seit acht Jahren die Titelrolle der Hebamme Lena Lorenz in der gleichnamigen Erfolgsreihe im ZDF und ist dadurch einem treuen wie breiten Publikum bekannt. Bereits mit 18 Jahren stand Hoersch erstmals vor der Kamera. Seither wirkte sie in zahlreichen TV- und Film-produktionen mit und etablierte sich sowohl im dramatischen als auch im komödiantischen Fach und ist unter anderem durch ihre Rollen in Fernsehfilmen und Reihen wie „Der Kriminalist“ (ZDF), „Im Spessart sind die Geister los“ (ARD), „Starfighter“ (RTL), „Taunuskrimi“ (ZDF), „Tatort Kiel“ (ARD) und „Meine Nachbarn mit dem dicken Hund“ (ARD) bekannt.

Auf der Kinoleinwand war sie unter anderem in „Männer wie wir“, „Buddy“, „Die Klasse von ’99“ und „A Cure for Wellness“ zu sehen. Der Kinofilm „Schneeflöckchen“, in dem Hoersch die Titelfigur spielte und zudem den Titelsong beisteuerte, gewann zahlreiche internationale Preise.

Literatur hat aber schon länger ihr Leben begleitet. Von ihrem Vater, einem Journalisten, wurde sie schon früh in die Geheimnisse des Schreibens von Geschichten eingewiesen. Selbst schrieb sie Kurzgeschichten, Songtexte und Gedichte; und schon mit elf verfasste sie eine umfassende Liebesgeschichte. Ebenfalls durch das Elternhaus wurde bei Judith Hoersch die Leidenschaft für die Musik geweckt. Neben der Schauspielerei spielen sowohl die Literatur als auch die Musik bis heute eine große Rolle in ihrem Leben.

In ihrem beim Piper Verlag erschienen Debütroman, der auch als Hörbuch vorliegt, erzählt sie die Geschichte zweier Mädchen, die etwas verbindet. Alma wächst in den 1980er- Jahren in der Eifel auf, fühlt sich aber fremd in ihrer Familie. Denn über ihre Herkunft wird geschwiegen. Viele Jahre später fehlt auch Isabell ihre Mutter schmerzlich. Diese Leerstelle in ihrer Vergangenheit beeinflusst ihre Gegenwart, ihr Fühlen und Denken und ihr eigenes Familienleben.

In einer Kurzbeschreibung von Verlagsseite wird der Roman wie folgt weiter beschrieben: „Als sich Almas und Isabells Wege auf schicksalshafte Weise kreuzen, entfaltet sich zwischen Polaroids und verlorenen Träumen eine Geschichte, die die beiden Frauen über Generationen hinweg verbindet.
Ihr Leben lang waren Niemands Töchter auf der Suche nach ihrem Platz im Leben, und gemeinsam finden sie ihn, wo sie ihn am wenigsten erwartet haben. Ein berührender Roman über das, was wir verlieren, das, was bleibt – und die Kraft, die man daraus schöpft, das eigene Glück zu suchen.

Judith Hoerschs Debut erforscht zeitlose Fragen, wie Identität, die Suche nach der eigenen Herkunft und den Einfluss von Familienwunden.“

So wie diese tränenreiche, kitschige und nach Uta Danella und Konsorten klingende Kurzbeschreibung nichts Gutes ahnen lässt, so ist leider auch der Roman. Gleich zu Anfang sind folgende Zeilen zu lesen, die einem Leser oder einer Leserin, die sich auf einen anspruchsvollen Roman mit interessanten und vom Verlag versprochenen Themen wie Identität, Herkunft und beschädigten Familienbiografien freuen, die Haare zu Berge stehen: „Mutter und Tochter verließen Arm in Arm den Bahnsteig. Alma sah ihnen hinterher und blieb allein zurück. Eine Sehnsucht füllte ihr Herz. Ein Gefühl, so alt und wund. Für sie würde es ein solches Wiedersehen, eine solche Nähe und Liebe nie wieder geben. Alma ließ sich auf die Bank fallen und vergrub den Kopf zwischen den Händen. Ein tiefer Schluchzer löste sich in ihr. Sie weinte um Oma Hedwig und Opa Jupp. Um Gabriele und auch um sich. Und für einen kaum wahrnehmbaren Moment roch sie Veilchenpastillen und spürte die warmen Hände ihre Mutter in ihrem Haar.“

Es ist verwunderlich, wie eine 1981 geborene Autorin so schreibt, als wäre sie nicht nur eine Epigonin Uta Danellas, sondern als wollte sie auch noch auf den Spuren Hedwig Courths-Mahlers wandeln. Bei allem Verständnis für ein vermeintlich einfühlsames Schreiben, mit dem sich die Autorin der von Trauer besetzten Stimmung ihrer Protagonistin annimmt oder anzunehmen scheint, bleibt hier nur festzuhalten, dass die von ihr gewählte Sprache zutiefst rückständig, oberflächlich und vor Kitsch triefend ist – und ohne jegliche literarische Qualität.

In the Picture – Porträtfotografie aus der Sammlung van der Grinten

Die Ausstellung „In the Picture – Porträtfotografie aus der Sammlung“, die noch bis zum 19. April im Schloss Moyland zu sehen ist, fügt sich in den Fotografie-Schwerpunkt der letzten Jahre, mit besonderem Fokus auf Mode- und Porträtfotografie. Sie lädt dazu ein, in die Vielschichtigkeit der Fotoporträts aus der Museumssammlung einzutreten, von den Anfängen bis zur Gegenwart.

Auf der einen Seite stehen die Repräsentationsporträts von 1860 bis in die 1930-er Jahre. Sie zeigen Menschen in der Pose ihrer Zeit. Diese Selbstentwürfe zeigen das Bedürfnis des Bürgertums, der führenden gesellschaftlichen Kraft der Zeit, nach Repräsentation im Bild. Diese Bilder sind nicht nur Zeugnisse individueller Identität, sondern zugleich Dokumente gesellschaftlicher Ordnung, Ausdruck von Status und Selbstverständnis. Sie verweisen damit auch auf den gesellschaftlichen Kontext ihrer Entstehung, der sich im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert spürbar verändert. Ihr Wert liegt in der Nähe zur Realität, im Anspruch auf Authentizität, im Charakter des Sichtbaren als Beleg des Gewesenen.

Etwas freier entfalten sich Porträts späterer Jahrzehnte, 1920 bis in die Gegenwart, die den Schritt ins Künstlerische bewusst ergreifen. Hier wird das Gesicht zur Projektionsfläche, das Abbild zur Interpretation. Mit dem Aufkommen neuer künstlerischer Strömungen und Ausdrucksformen entwickelt sich die Fotografie als selbständiges Medium. Kontraste, Form, Licht und Komposition lösen sich vom rein Dokumentarischen und eröffnen ästhetische Räume, in denen Nähe und Entrückung, Intimität und Abstraktion miteinander verschmelzen.

In einem Zeitraum von 50 Jahren haben die Brüder van der Grinten die Fotografische Sammlung mit über 15.000 Fotografien zusammengetragen, darunter etwa 1300 Porträtfotos.

Folgende Künstlerinnen und Künstler sind in der Schau unter anderem vertreten: Ellen Auerbach, Kirsten Becken, Elina Brotherus, Madame d´Ora, Rudolf Dührkoop, Fritz Getlinger, Wilhelm von Gloeden, Ute Klophaus, El Lissitzky, René Magritte, Willy Maywald, Man Ray, August Sander, Georg Schedele, Nadine Schwickart, Katharina Sieverding und Wols.

Stiftung Museum Schloss Moyland, Am Schloss 4, 47551 Bedburg-Hau, Telefon: +49 (0)2824 9510-60, E-Mail: info@moyland.de. Geöffnet ist Sommer (1. April bis 31. Oktober), Montag 11 bis 17 Uhr (nur Parkanlage), Dienstag bis Freitag 11 bis 18 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertage 10 bis18 Uhr, Winter (1. November bis 31. März), Montag 11 bis 17 Uhr (nur Parkanlage), Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr.

Seite an Seite | Mondrian im Dialog in der Villa Mondriaan

Was passiert, wenn man Piet Mondrian buchstäblich neben seine Zeitgenossen stellt? In der Ausstellung „Side by Side | Mondrian im Dialog“, die bis zum 9. Oktober im Museum Villa Mondrian in Winterswijk zu sehen ist, sind die Besucher dazu eingeladen, Mondrian im Zusammenhang mit den Künstlern zu betrachten, die ihm vorausgingen, ihn beeinflussten und herausforderten.

In der Villa, in der Mondrian aufwuchs und seine ersten künstlerischen Schritte machte, entfaltet sich die Geschichte eines Künstlers in Entwicklung. Die Ausstellung vereint frühe Werke von Mondrian mit Gemälden von Künstlern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, darunter Vertreter der Haager und der Laren-Schule, impressionistische Zeitgenossen und Macher aus seinem unmittelbaren Umfeld.

Indem Werke nebeneinander präsentiert werden, entstehen neue Gespräche zwischen den Bildern. Ähnlichkeiten und Unterschiede in Stil, Technik und Motiv werden sichtbar und zeigen, wie Mondrian mit seiner Zeit umgeht. Die sorgfältig komponierten ‚Paare‘ machen greifbar, wie er sucht, lernt und experimentiert und wie sich seine visuelle Sprache langsam von der Tradition löst.

Die Ausstellung „Seite an Seite | Mondrian im Dialog“ zeigt Mondrian vor seiner Entwicklung hin zur Abstraktion: als neugierigen, ehrgeizigen Künstler, der seinen Weg von Winterswijk zu einer radikal neuen visuellen Sprache findet. Eine Ausstellung, die nicht nur auf den Endpunkt blickt, sondern auch auf die Bewegung darauf hin.

Nähere Informationen: Museum Villa Mondriaan, Zonnebrink, 47101 NC Winterswijk, Telefon +31 (0) 54351 5400, E-Mail info@villamondriaan.nl. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Über das Ende einer Beziehung und den Beginn eines Neuanfangs – USA kontra Europa

Das neue Buch von Zeit-Journalist Holger Stark

Ein Thema beherrscht mehr als alles andere den politischen Diskurs: der Konflikt zwischen den USA und Europa – immer mehr zugespitzt von dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der mit seinen unerhörten Forderungen, Grönland und Kanada, aber auch andere Länder der Erde für sich und seine politischen wie wirtschaftlichen Interessen einzuverleiben, den Rest der westlichen Welt mehr als nur vor den Kopf stößt. Er sagt ihnen den Kampf an. Ehemalige Verbündete werden, ausgelöst durch die Politik Trumps, die nur das Recht des Stärkeren und unbegrenzten materiellen Vorteil zu kennen scheint, und in der Gewaltenteilung, Menschenrechte, Pressefreiheit und die Unabhängigkeit der Justiz sich durch Willkür aufzulösen scheinen, zu neuen Kontrahenten, die nichts mehr verbindet. Stark bringt das im Vorwort zu seinem Buch auf den Punkt: „Trump kennt keine Freunde, nur Gegner und Unterworfene. Für ihn gelten keine Gesetze, internationale Abkommen sind bestenfalls lästig, Bündnisse haben nur dann einen Wert, wenn sie ihm nutzen. Die Idee des demokratischen Westens als ordnendes Weltprinzip mit all seinen Problemen, Unzulänglichkeiten und seiner schwierigen Vergangenheit wirkt wie eine zerkratzte Folie aus alten, anderen Zeiten.“

Wie es dazu kommen konnte, schildert der stellvertretende Chefredakteur der Zeit, Holger Stark, langjähriger Korrespondent in den USA und ausgewiesener Kenner der dortigen Verhältnisse, anschaulich und auf den Punkt genau in seinem neuen Buch „Das erwachsene Land – Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance“.

Aufgewachsen in den 1970-er Jahren in West-Berlin, gewissermaßen an vorderster Front des Ost-West-Konfliktes, der zunächst bis 1989, dem Jahr des Zusammenbruchs der DDR und nachfolgend der Sowjetunion, die Welt prägte, erlebte er in der damals noch geteilten Stadt die politischen Konflikte hautnah. Unmittelbarer konnte es kaum sein. Wie er berichtet, wurde er damit schon in jungen Jahren im familiären Kreis konfrontiert. So war sein Vater Anfang der 1960er-Jahre im Widerstand gegen die Mauer aktiv, die Berlin in zwei Teile schnitt, er hatte Molotowcocktails auf den sogenannten »antifaschistischen Schutzwall« geworfen und später mitgeholfen, an der Bernauer Straße einen Fluchttunnel von West-Berlin nach Ost-Berlin zu graben.

Vor diesem Hintergrund ist die jugendliche Faszination des Autors für die USA, die gerade in West-Berlin für Werte wie Freiheit und Demokratie stand, während die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten, zu der auch die DDR gehörte, konkrete Beispiele vor Ort für Diktatur und Unfreiheit waren, mehr als nachvollziehbar.

Das verklärte Bild von den USA bekommt bei Holger Starck aber auch Risse. Denn er weiß, dass es in der Geschichte dieses Staates immer wieder Widersprüche zwischen dem selbst behaupteten Anspruch, ein „land of the free“ zu sein, und dem tatsächlichen politischen Handeln gibt: „Sie brachten nicht nur Mauern zum Einstürzen, sondern auch Demokratien in Lateinamerika, sie versprühten Charme am Broadway und Agent Orange in Vietnam. Sie waren anziehend und abstoßend, hocherregend und eiskalt, faszinierend und irritierend zugleich. Ein Land, das kaum jemanden gleichgültig lässt. Und ein Land, das für den Rest der Welt Referenzpunkt ist, ob es will oder nicht. Insbesondere für uns Deutsche, die von den Amerikanern (und Russen, Franzosen und Briten) vom Nationalsozialismus befreit worden waren, wofür sie zeitlose Dankbarkeit verdient haben.“

Im Rahmen seiner späteren Tätigkeit als USA-Korrespondent wird er davon noch mehr mitbekommen. Stark schreibt: „Wer sich mit den USA journalistisch beschäftigt, riskiert allerdings immer auch einen Blick in die Finsternis. 2010 koordinierte ich für den Spiegel die Arbeit an den geheimen Kriegstagebüchern der US-Armee aus Afghanistan und dem Irak, wir werteten zusammen mit Wikileaks rund 250.000 vertrauliche Depeschen des US-Außenministeriums aus, die ein Kaleidoskop der amerikanischen Außenpolitik waren und einen intimen Blick in den Maschinenraum der Macht ermöglichten, auch in seine düsteren Winkel. 2013 arbeitete ich mit Edward Snowdens NSA-Dokumenten, die er, geschockt vom Ausmaß der Überwachung, an uns Journalisten weitergereicht hatte. Unsere Enthüllung, dass der Geheimdienst NSA auch die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört hatte, machte Weltschlagzeilen und löste eines der größten Beben im deutsch-amerikanischen Verhältnis seit der Wiedervereinigung aus.“

Aktuell ist die Situation nicht besser. Ein Präsident wie Donald Trump ist noch weiter entfernt von den Werten wie Freiheit und Demokratie, für die die USA einst hohes Ansehen genoss.

Wie es so weit kommen konnte, erläutert Stark im ersten Teil seines Buches und bringt das schon in seinen Vorbemerkungen auf den Punkt: „Donald Trump ist das Ergebnis mehrerer großer gesellschaftlicher Krisen, die sich in den USA zu einem perfekten Sturm verdichtet haben: Die Krise der weißen Arbeiter- und Mittelklasse, die zu den Verlierern der Globalisierung zählt und die am schwersten von der Finanzkrise 2008 betroffen war, verbindet sich mit einer tiefen gesellschaftlichen Erschöpfung nach zwei auszehrenden Kriegen in Afghanistan und dem Irak. Das Ergebnis ist eine trotzige Weigerung vieler US-Amerikaner, sich mit dem Rest der Welt abzugeben. Und der Sound der sozialen Medien wirkt dabei wie ein riesiger Gefühlsverstärker.“

Zur vertieften Ursachenforschung bedarf es eines Blickes in die Geschichte, zurück in die 1970-er Jahre. Infolge des verlorenen Vietnam-Krieges und der damit verbundenen Kosten sind die USA nicht nur in eine gesellschaftliche, sondern auch in eine ökonomische Krise geraten. Damit nicht genug, lassen 1973 die arabischen Ölstaaten wie Saudi-Arabien, Iran, Irak und Kuweit, aber auch Venezuela, die Muskeln spielen und drehen an der Preisschraube, die schnell auf über 70 Prozent steigt. Daran vermögen auch die auf Richard Nixon folgenden Präsidenten Gerald Ford und Jimmy Carter nichts zu ändern.

Nach außen erfolgreich wirkt die Präsidentschaft von Ronald Reagan. Mit erheblichen Steuererleichterungen beschert er der Wirtschaft neues Wachstum. Gleichzeitig betreibt er eine exorbitante militärische Aufrüstung; und das hat Folgen. Die Staatsschulden steigen, begleitet von einer Hochzinspolitik, in unermessliche Höhen. Diese Politik will sein Nachfolger George Bush fortführen, doch angesichts des Haushaltsdefizites sieht er sich genötigt, die Steuern zu erhöhen, trotz seines vollmundigen Wahlversprechens („Read my lips: No more taxes“) es nicht zu tun. Nach einer Amtsperiode ist Schluss.

Auftritt Bill Clinton: Dem Politiker der Demokraten gelingt es während seiner zwei Amtszeiten von 1992 bis 2000, das Haushaltsdefizit und auch weitere wirtschaftliche Probleme wieder in den Griff zu kriegen und auch weitere. Diesen Erfolg belegt Autor Holger Stark anschaulich mit einem umjubelten Auftritt Clintons im Jahre 1999 vor dem US-amerikanischen Abgeordnetenhaus und mit einem Ausschnitt aus dessen Rede, der es auf den Punkt bringt, was erreicht worden ist: »Heute Abend stehe ich vor Ihnen, um darüber zu berichten, dass Amerika den längsten ökonomischen Aufschwung in Friedenszeiten in seiner Geschichte erschaffen hat«, ruft Clinton, unterbrochen von donnerndem Applaus, »mit 18 Millionen neuen Arbeitsplätzen, mit Löhnen, die doppelt so stark wie die Inflation steigen, mit der höchsten Zahl an Eigenheimbesitzern, der geringsten Zahl an Sozialhilfebeziehern seit 30 Jahren und der niedrigsten Arbeitslosenquote in Friedenszeiten seit 1957.« Die Vereinigten Staaten seien die »dynamischste, wettbewerbsfähigste, Arbeitsplätze schaffende Wirtschaft« in der Geschichte der Welt … Sogar den Staatshaushalt hat er sanieren können. Aus einem Haushaltsloch von 290 Milliarden Dollar im Jahr 1992 ist sieben Jahre später ein Überschuss von 70 Milliarden Dollar geworden.

Wie Stark weiter schreibt, „ist Amerika in diesen letzten Monaten des ausgehenden Jahrtausends in blendender Verfassung. Der Warschauer Pakt und die Sowjetunion sind zerfallen, der Westen und allen voran die USA haben den Wettbewerb der politischen Systeme im Kalten Krieg gewonnen.“ Dazu kommen außenpolitische Erfolge wie die Befriedung des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien.

Doch diese Erfolge trügen, wie Stark anfügt: „Das 21. Jahrhundert verspricht, zu einem goldenen, einem amerikanischen Zeitalter zu werden. Stattdessen beginnt Amerikas größte Krise seit den Bürgerrechtsunruhen der 1960er-Jahre.“

Was ist geschehen? Am 20. Januar 2001, zwei Jahre nach der umjubelten Rede von Clinton, wird dessen Nachfolger George W. Bush von den Republikanern in das Amt des Präsidenten der USA eingeführt. Und im ersten Jahr seiner Präsidentschaft passiert etwas, das die ganze Welt erschüttern wird: Der 11. September. Zwei von arabischen Terroristen entführte Passagierflugzeuge fliegen in die beiden Türme des World Trade Centers in New York, ein drittes wird in Richtung des Pentagon, des Verteidigungsministeriums der USA, gelenkt, ein weiteres stürzt während eines Kampfgetümmels zwischen Passagieren und den Terroristen ab. Befohlen hat diese Anschlagsserie Osama bin Laden, Chef der Terrororganisation al Qaida, die von Afghanistan aus operiert. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte werden die USA auf eigenem Territorium angegriffen.

Die dramatischen Folgen bringt Holger Stark auf den Punkt: „Es ist ein Angriff nicht nur auf Amerika, sondern auf den ganzen Westen, seine glitzernde, freizügige Kultur, seinen Hedonismus, aber auch den geopolitischen Vormachtanspruch. Aus dem Wohlstandsland wird eine Nation im Krieg. Zum ersten und bislang einzigen Mal in ihrer Geschichte ruft die NATO, das westliche Verteidigungsbündnis den Verteidigungsfall aus, festgehalten in Artikel 5 des NATO-Vertrages. Der Angriff auf die USA gilt damit als Angriff auf alle Mitgliedstaaten. Das ist die Idee des Bündnisses: einer für alle, alle für einen. In den kommenden 20 Jahren werden dänische, britische, italienische, kanadische, französische und deutsche Soldaten in Afghanistan kämpfen und sterben. 40 Nationen ziehen mit den USA in den Krieg, 59 deutsche Soldaten lassen ihr Leben.“

Doch das ist den Falken um Vizepräsident Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, seinen Vize Paul Wolfowitz und den Strategen Karl Rove nicht genug. Begründet mit der sich als Lüge herausstellenden Behauptung, dass der Irak über geheime Chemiewaffen verfüge und somit eine Gefahr für den Westen darstelle, „marschieren amerikanische Truppen am 20. März 2003 im Irak ein, stürzen den Diktator Saddam Hussein und in der Folge das Land ins Chaos.“ In Wirklichkeit, schreibt Stark, geht es der Bush-Regierung darum, die heimischen Rüstungs- und Erdölkonzerne profitieren zu lassen.

Ein Riss tut sich auf zwischen den USA und dem Rest des Westens, vor allem den Ländern Europas. Bis auf Großbritannien ziehen diese nicht mit in den Krieg gegen den Irak. „Mit dem Irak-Krieg beginnt die erste Phase der Entfremdung zwischen Amerika und dem Rest des Westens, insbesondere Europas. Während man den Afghanistan-Krieg als gerechten Feldzug betrachten konnte, als eine Reaktion auf Terroristen mit einer tödlichen Ideologie, die in einem Failing state Unterschlupf gefunden hatten, ist der Feldzug im Irak das hässliche Antlitz des US-Imperialismus. Und es zeigt sich eine wichtige inhaltliche Differenz, die in den Trump-Jahren noch wachsen wird: Europa versteht sich als Hüterin einer regelbasierten Weltordnung. Einen Krieg beginnen, einfach so, weil es einer Regierung und ihrer Rüstungsindustrie passt, das ist in diesem Verständnis nicht vorgesehen. Die USA wiederum machen das, was für Amerika gut ist. Wenn die Regeln des Völkerrechts nicht passen, dann werden sie eben gebeugt. Oder gleich ganz ignoriert“, schreibt der Autor und bringt das Dilemma, das sich zwischen den eigentlich Verbündeten auftut, haargenau zum Ausdruck.

Und Stark weist auch auf weitere Folgen der Kriege in Afghanistan und den Irak hin, die nicht so im Fokus stehen – die der entstandenen Kosten, deren Dimensionen ihre Wirkung bei der Bevölkerung hinterlassen: „Die Vereinigten Staaten, so viel steht fest, zahlen nicht nur im weltweiten Ansehen, sondern auch daheim einen brutalen Preis für ihre imperialen Abenteuer. Im Sommer 2011, auf dem Höhepunkt der Kriege in Afghanistan und dem Irak, befinden sich 200.000 amerikanische Soldaten im Kampfeinsatz. Alles in allem sind rund um die Welt etwa 500.000 GIs verstreut, mehr als das Doppelte von dem, was Bill Clinton als Präsident autorisiert hatte. Im Afghanistan-Krieg starben 2461 amerikanische Soldaten, weitere 20.000 wurden verletzt. Der Krieg am Hindukusch kostete nach einer Bilanz des US-Verteidigungsministeriums mindestens 825 Milliarden Dollar, andere Schätzungen gehen von zwei Billionen aus. In den acht Jahren des Irak-Feldzuges starben 4493 amerikanische Soldaten, 31.993 Militärangehörige wurden verletzt. Der Krieg kostete nach einer Bilanz des US-Verteidigungsministeriums mindestens 757,8 Milliarden Dollar.“

Das Handeln der Bush-Regierung hat schwerwiegende wirtschaftliche und politische Schäden hinterlassen, deren Auswirkungen bis heute zu spüren sind, wie Stark erläutert: „Tausende tote Amerikaner, Zehntausende Verletzte und Kosten im Bereich von Billionen – das sind Dimensionen, die selbst die reichste Nation der Welt nicht einfach bewältigen kann. Als Clinton seinem Nachfolger Bush das Amt übergibt, verzeichnet der US-Haushalt einen Überschuss von 236 Milliarden Dollar. Mit Beginn des Afghanistan-Kriegs, für den die Bush-Regierung hohe Kredite aufnehmen muss, stürzt der Haushalt ins Minus. Über die Jahre kollabieren die US-Staatsfinanzen, mit neuen Schulden in astronomischer Höhe von 1294 Milliarden im Jahr 2010. In einem einzigen Jahr betragen die zusätzlichen (!) Schulden der USA damit rund das Dreifache des derzeitigen Haushalts Deutschlands. Bis heute haben sich die amerikanischen Finanzen davon nicht erholt. Diese Lage muss man kennen, wenn man über Trumps Wirtschaftspolitik redet. Die Zölle, die Trump im Frühsommer 2025 verhängen wird, haben auch das Ziel, die außer Kontrolle geratene Staatsverschuldung zu bändigen, um Amerika wieder handlungsfähig zu machen. Alles in allem betragen die Schulden der Vereinigten Staaten im März 2025 die unvorstellbare Summe von 36,5 Billionen US-Dollar. Selbst für eine hyperpotente Ökonomie wie die amerikanische ist das dramatisch. Die Verschuldung entspricht mehr als 123 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA. Der private Reichtum in den USA mag gigantisch sein – aber die Schulden des Staates sind es auch. Nach Standard & Poor’s und Fitch Ratings hat im Mai 2025 auch Moody’s die amerikanische Kreditwürdigkeit herabgestuft, erstmals seit 100 Jahren, fast ein Jahrhundert nach dem Schwarzen Freitag 1929. Neue Kredite werden somit teurer.“

Wie Stark deutlich macht, stehen die USA vor fast unüberwindlichen Problemen; und es droht die Gefahr, ihre Stellung als globale Vormacht zu verlieren. Er zitiert die Historiker Peter Heather und John Rapley, die die Entwicklung in den USA mit dem Niedergang des weströmischen Reichs im späten 4. und frühen 5. Jahrhundert verglichen haben, als Rom die finanziellen Mittel ausgingen, die Germanen an den Rändern einfielen und das persische Reich ungehindert emporsteigen konnte, um Rom schließlich herauszufordern: „Die westliche Hälfte des Römischen Reichs kollabierte, als die Zentrale nicht mehr über genügend Mittel verfügte, um ihren fiskalischen Gesellschaftsvertrag zu erfüllen und die Interessen ihrer steuernzahlenden und einnehmenden Eliten zu schützen“, argumentieren die beiden Briten. Beide Systeme, das Römische Reich wie die Vereinigten Staaten von Amerika, „wurden zum Zeitpunkt ihres vermeintlichen Wohlstandsmaximums von Krisen heimgesucht“, so Heather und Rapley. „Auf lange Sicht kam es in beiden zu periodischen Verschiebungen der Epizentren wirtschaftlicher und politischer Dominanz.“ Eine Verschiebung, wie sie die USA derzeit erleben. Das Persien von einst heißt heute China.“

Das Ergebnis der Präsidentschaft von George W. Bush: „Als Bush abtritt, hinterlässt er ein seelisch verwundetes, ökonomisch angeschlagenes, politisch überreiztes Land. Mehr als 75 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner sind jetzt der Meinung, ihr Land bewege sich in die falsche Richtung“, schreibt Stark und begründet damit das in der Bevölkerung vorherrschende Denken, das mit einer anderen politische Ausrichtung verbunden ist, der „Sehnsucht nach einer Rückbesinnung auf Amerika, die die Gesellschaft erfasst hat.“

Diese Sehnsucht spiegelt sich in unterschiedlichen politischen Lagern wieder, und aus unterschiedlichen Gründen, wie der Autor schreibt: „Die einen, auf der Linken, aus der Sorge vor dem Verlust ureigener amerikanischer Werte in Guantanamo, Abu Ghraib und anderswo, wo Gefangene gefoltert wurden, um ihnen Geständnisse abzutrotzen. Die anderen, auf der Rechten, weil sie nicht einsehen, dass GIs in den afghanischen Bergen und irakischen Tälern sinnlos sterben, während die Farmer in Iowa und Kohlearbeiter in Kentucky ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. Schon die demokratischen Präsidenten Barack Obama und Joe Biden haben diese Forderung in ihren Amtszeiten wieder und wieder vorgetragen. Donald Trump hat sie mit seiner Drohung, aus der NATO auszutreten und den amerikanischen Schutzschirm künftig nur noch als eine Art Dienstleistung zu vermieten, lediglich auf die Spitze getrieben. Wer heute in den USA als Politiker gewählt werden will, muss den Wählerinnen und Wählern glaubhaft versichern, sich zuerst um die Sorgen der Amerikaner zu kümmern und keine teuren Abenteuer in Übersee zu finanzieren.“

Auftritt Donald Trump: Stark datiert dessen erstes Erscheinen als Politiker auf den Januar 2015, als der bei einer Veranstaltung der Republikaner in einem Theater in Des Moines, Iowa, auftritt; und Stark ist als Journalist dabei: „An einem frostigen Samstag im Januar 2015 tritt in einem Theater in Des Moines, Iowa, ein Mann auf die Bühne, den die Öffentlichkeit bislang nur als Immobilieninvestor und Entertainer kennt … Als Donald John Trump schließlich begleitet von Rockmusik auf die Bühne tritt, zieht er einen Zettel aus dem Jackett. Er hat sich sorgfältig vorbereitet auf diesen Auftritt inmitten diverser republikanischer Politiker, trotzdem umweht ihn ein überraschender Hauch von Unsicherheit. Als taste er sich noch vor. Als wisse er nicht, wie er auf andere wirke. Trump ist formeller angezogen als die meisten anderen Republikaner auf der Bühne. Scott Walker beispielsweise, der Gouverneur von Wisconsin, trägt ein hellblaues Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Trump hingegen kommt in einem schwarzen Anzug, einem weißen Hemd und mit einer zu langen roten Krawatte, die später zu seinem Markenzeichen werden wird. Knapp eine halbe Stunde lang redet Donald Trump, er zieht über den amtierenden US-Präsidenten Barack Obama her, aber auch über seine republikanischen Parteifreunde Mitt Romney und Jeb Bush, Männer von gestern allesamt, spottet Trump, die ihre Chance gehabt hätten. Er sagt, die USA verlören Arbeitsplätze, die Arbeitslosenquote sei hoch, das Land verschuldet, Amerikas Straßen seien kaputt, die Brücken marode. Noch könne man das Land sanieren, erzählt er uns, aber es müsse jetzt schnell geschehen. Er wisse, was zu tun sei, er habe viel Geld verdient, indem er gegen andere Länder gewettet habe, er komme hervorragend mit großen Staatschefs aus. Die Vereinigten Staaten könnten bald wieder an der Spitze der Welt stehen, aber dafür müsse sich fundamental etwas ändern. Zum Beispiel die Handelsabkommen der USA mit anderen Ländern. »Jedes der Handelsabkommen, das wir abgeschlossen haben, stinkt zum Himmel«, behauptet er schon damals … Er sagt: »Ich bin ein Erbauer. Dinge zu erschaffen ist das, was ich am besten kann. Und wir brauchen einen Erbauer.« Nur er könne Amerika zu alter Größe zurückführen. Make America great again. Im Saal, nach Trumps Rede, stehen die Menschen auf und jubeln. Er bekommt mehr Applaus als alle anderen Redner vor und nach ihm. Es ist die Geburtsstunde des Politikers Donald J. Trump. Etwas von epochaler Wucht hat an diesem Samstag im Januar 2015 begonnen: der Versuch, die Weltgeschichte umzuschreiben.“

Was dann folgt ist allgemein bekannt: Die Wahl Trumps zum Präsidenten, seine Lügen und Ausraster, die Denunzierung politischer Gegner und missliebiger Medien und der Sturm zahlreicher seiner Anhänger auf das Capitol, nachdem er sich weigerte, die verlorene Wahl im Jahre 2020 anzuerkennen. Allgemein bekannt ist auch, womit seine zweite Amtszeit einhergeht: neben den schon angeführten Sachverhalten weitere Versuche, die Unabhängigkeit der Justiz zu unterhöhlen, den Kampf gegen kritische Meinungen noch massiver anzugehen und auch Manches, was bisher nicht vorstellbar schien: der selbst erhobene Anspruch auf die Annektierung souveräner Staaten und das Kidnappen des Präsidenten eines ebenfalls souveränen Staates wie mit dem Venezolaner Maduro geschehen.

Holger Stark belässt es in seinem Buch aber nicht allein mit der wirklich gelungenen Skizzierung der politischen Entwicklungen, die zur Präsidentschaft Trumps führten, sondern hat auch die veränderten politischen Rahmenbedingungen für den künftigen Umgang Deutschlands und Europas mit den USA im Blick. Der vielfach preisgekrönte Journalist und Bestsellerautor sagt, worauf sich Deutschland jetzt einstellen muss: Auf der Grundlage diverser Gespräche mit hochrangigen Regierungsvertretern in Berlin, Brüssel und Washington rekonstruiert er die Versäumnisse der vergangenen 25 Jahre – und entwirft ein präzises Bild, wie ein Leben jenseits von Amerika aussehen könnte. 35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es für Deutschland an der Zeit, erwachsen zu werden.

Holger Stark, „Das erwachsene Land – Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance“, Propyläen Verlag, Hardcover mit Schutzumschlag, 336 Seiten , ISBN 9783549110188, DE 26 Euro, AT 26,80 Euro

Ausstellungs-Tipps und Neuigkeiten aus der Welt der Kunst in den Niederlanden

Zwischen Alt und Gegenwart“ in der Stevenskerk Nijmegen (von Ulrike Neyens, erschienen in der aktuellen Ausgabe der Museumstijdschrift)

Mit der Ausstellung „Far and near“, die noch bis zum 6. April in der Stevenskerk in Nijmegen zu sehen ist, wird das Van-Lymborch-Jahr über die drei mittelalterlichen Künstlerbrüder ein zeitgenössisches Finale haben. Kirchengesang erfüllt das Kirchengebäude, während sanftes Sonnenlicht durch die großen Fenster fällt und zeitgenössischer Kunst ein fast spirituelles Erlebnis verleiht.

Die farbenfrohen Illuminationen aus dem Stundenbuch der „Brüder, Très Riches Heures du duc de Berry“(zirka 1410) werden neben zeitgenössischer Kunst gezeigt. So platziert die Ausstellung beispielsweise das charakteristische Lapislazuli-Blau der Brüder Van Lymborch mit dem tiefen Blau im Relief „Perception“(2024) von Levi van Veluw (1985). Diese Farbe verleiht diesem zeitgenössischen Werk zudem eine religiöse Bedeutung. Iris van Herpen (1984) hingegen verwendet dunkelblaue Details in ihrem futuristischen Kleidungsstück „Architectonics look 4“ (2023) und ist von naturbetontem Stadtdesign inspiriert.

Der Abschnitt über Kolonialismus behandelt ebenfalls wichtige soziale Themen. Der Vergleich zwischen der umfassenden Darstellung der schwarzen „Königin von Seba“ aus dem Stundenbuch und demDämmerungsporträt 2“(2009) von Erwin Olaf (*1959 – +2023) legt hartnäckige Vorurteile offen.Die Dialoge schaffen eine wertvolle Nuance: Was alt ist, wird neu und das, was zeitgemäß ist, wirkt zeitlos.

Nähere Informationen: St. Stevenskerkhof 62, 6511 VZ Nijmegen, Telefon 024 – 3604710, E-Mail: info@stevenskerk.nl

Restauriertes Werk von Van Gogh wurde nach drei Jahren in Rotterdam erneut ausgestellt

Nach einer intensiven dreijährigen materialtechnischen Forschung ist Vincent van Goghs „Die Pappelallee in Nuenen (1885) erneut im Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam ausgestellt. Das Gemälde scheint in drei Phasen entstanden zu sein und stellt einen Wendepunkt in Van Goghs Werk dar.

Mikroskopische Untersuchungen sowie UV- und Röntgenscans zeigen, dass das Gemälde aus drei Phasen besteht. 1884 malte Van Gogh die erste Landschaftsszene von Nuenen. 1885 übermalte er es dann mit der heutigen Szene. Anschließend brachte er das dunkle Gemälde – offenbar eher nachlässig – nach Antwerpen und Paris. Van Gogh erhielt damals wenig Anerkennung, und seine Gemälde waren noch nicht viel wert. Schließlich, inspiriert vom französischen Impressionismus, fügte er 1886 in der französischen Hauptstadt einige Farbakzente hinzu, wie die leuchtend blauen Streifen am Himmel und die gelben Lichtakzente in den Bäumen.

Die Restaurierung fand im Restaurierungsstudio des Depots statt. Für die Restauratorin Erika Smeenk-Metz war es keine leichte Aufgabe: Das Gemälde hatte durch Transporte und frühere Restaurierungen viel durchgehalten. Die Farbe blätterte ab und die alte Lackschicht war vergilbt und rissig. Die größte Herausforderung bestand darin, die Lackschicht wiederherzustellen, ohne die zwischenliegende Proteinschicht zwischen der ersten und zweiten Farbschicht zu beeinträchtigen.

Wendepunkt

Bei dieser Forschung war es das erste Mal, dass Van Goghs spätere Ergänzungen kartiert wurden. Das Gemälde ist daher ein Übergangswerk zwischen seinen dunklen, typisch niederländischen Darstellungen und seinen späteren impressionistischen Arbeiten. Die Präsentation „Forschung an den Schienen – Van-Goghs Pappelallee“ führt die Besucherinnen und Besucher durch den gesamten Restaurierungsprozess und ist gegenüber dem Restaurierungsstudio im Depot zu sehen.

Nähere Informationen: Postadresse Museum Boijmans Van Beuningen, Postfach 2277, NL-3000 CG Rotterdam, Niederlande, Besuchsadresse Depot Boijmans Van Beuningen, Museumpark 24, 3015 CX Rotterdam, Telefon: +31(0)10-4419400, E-Mail: info@boijmans.nl

Das Nederlands Fotomuseum im monumentalen Lagerhaus Santos wiedereröffnet

Das Nederlands Fotomuseum hat sein neues Zuhause, das monumentale Santos-Lagerhaus in Rotterdam, eröffnet. Das Museum verwaltet eine der größten Museumsfotosammlungen der Welt. Darüber hinaus gibt es Temporär- und Dauerausstellungen.

Mit einer umfassenden Renovierung wurde das ehemalige Kaffeelager, ein Nationaldenkmal aus dem Jahr 1902, geeignet für die nationale Sammlung gemacht, mit mehr als 6,5 Millionen fotografischen Objekten und persönlichen Archiven von 175 niederländischen Fotografen. In einer der Vitrinen steht auch eine altmodische Keksdose mit Dellen und einer leicht verblassten Farbe. Der Fotograf Johan van der Keuken (1938–2001) bewahrte seine Negativtaschen mit kritzeligen Inschriften auf. Mit anderen Worten: Dieses Museum nimmt seine Aufgabe als nationaler Schatz der Fotografie sehr ernst.

Hall of Fame

Ein Museumsbesuch beginnt im ersten Stock mit der „Galerie der Ehre der niederländischen Fotografie“, die bereits am alten Standort am Kop van Zuid in Rotterdam ausgestellt war. In 99 Fotografien zeigt diese Dauerausstellung die wichtigsten Entwicklungen der Fotografie, von der Erfindung des Mediums um 1839 bis zum heutigen digitalen Zeitalter. Besondere Aufmerksamkeit gilt großen Namen wie Anton Corbijn, Ed van der Elsken, Rineke Dijkstra und Erwin Olaf.

Darauf folgen zwei Stockwerke mit Depoträumen und Restaurierungsstudios. Besucher können durch Glaswände das Museumspersonal betrachten, das die Sammlungsstücke dokumentiert, restauriert und digitalisiert. Kameras, Spezialnegative, Keksdosen und andere Artefakte werden in Vitrinen ausgestellt. Das Gebäude beherbergt außerdem eine Bibliothek mit Europas größter Sammlung von Fotobüchern im Erdgeschoss und Unterrichtsräumen im Keller. Schulen können hier das ganze Jahr über Workshops und Führungen buchen.

Zwei Etagen sind für die temporären Ausstellungen reserviert. Nun ist die multidisziplinäre Präsentation „Awakening in blue“ zu sehen, mit der das Museum zeigt, dass es die Grenzen der Fotografie erweitern will; Ausgestellt sind zeitgenössische Vasen, historische Naturfotografien und Leinwände, auf denen Fotografien mit Cyanotypie, der Baupläne des 19. Jahrhunderts, gedruckt sind.

Eine Stufe nach oben: „Rotterdam im Fokus“ bietet ein durchdringendes Bild einer sich ständig verändernden Stadt mit mehr als dreihundert historischen Fotos. Dies mag NederlandsFotomuseum heißen, aber dieses Gebäude im Hafenbereich ist auch ein Geschenk an die Stadt, so scheint die Botschaft. In diesem narrativen Bruch scheint das Museum vergessen zu haben, die Dauerausstellung interaktiv zugänglich zu machen. Wie schön wäre es gewesen, wenn Besucher nach Region, Geburtsjahr oder einem anderen Thema ihrer Wahl stöbern könnten. Fotografie ist einfach ein Medium, das sich nah anfühlt. Schließlich wurden wir mit dem Smartphone in der Tasche alle Fotografen.

Renovierung durch großzügige Spende gefördert

Die Renovierung des Santos-Lagers wurde durch eine Spende von 38 Millionen Euro von Droom en Daad ermöglicht, die als Eigentümer das Gebäude dem Museum auf der Basis eines unbefristeten Pachtvertrag zur Verfügung stellt. Diese philanthropische Institution aus Rotterdam finanzierte auch das Migrationsmuseum Fenix, das etwas weiter entfernt liegt.

Bemerkenswert ist, dass viele Elemente der historischen Architektur während der Renovierung von Santos sichtbar blieben. Der Beton ist ausgefranst und die Eisensäulen mit den charakteristischen Nieten haben nur einen kleinen Anstrich bekommen. Ein Quadrat wurde aus allen Stockwerken im Herzen des Gebäudes sorgfältig gesägt. Die stumpfen Strahlen sind weiterhin vollständig sichtbar. Indem in der Mitte eine tiefe Leere entsteht, breitet sich gedämpftes Tageslicht durch ein riesiges Oberlicht aus. Es ist, als ob die robuste Architektur einen physischen Gegenpol zum flüchtigen Medium der Fotografie bietet, das zunehmend digital wird.

Ein zeitgenössischer Akzent ist die Krönung des perforierten Aluminiumlagerhauses; nicht so sensationell wie die wirbelnde Säule des Nachbarn Fenix, aber dennoch ein glitzernder Blickfang. Verborgen unter dieser Fassade befindet sich ein Restaurant mit einem überraschenden Panorama der Skyline von Rotterdam.

Thema Luftfeuchtigkeit

Ein Meisterwerk war es, in diesem 124 Jahre alten Backsteinlagerhaus die höchsten Museumsstandards für Klima- und Lichtkontrolle zu erreichen. Einige Depoträume werden auf vier Grad Celsius abgekühlt; Die Luftfeuchtigkeit wird zudem auf den nächstgelegenen Prozentpunkt geregelt, um empfindliches fotografisches Material langfristig zu erhalten. Besucher bemerken all das nicht: Die Technologie ist genial in Böden und hinter Wänden versteckt.

Mit dem neuen Gebäude beendet das Nederlands Fotomuseum eine Zeit, in der es hauptsächlich negativ in den Nachrichten war. Die ehemalige Direktorin Birgit Donker wurde im Juli letzten Jahres nach einer internen Untersuchung vom Aufsichtsrat entlassen. Laut dem Rat hätte sie Informationen zurückgehalten oder falsch präsentiert, was zu einem Vertrauensbruch führte. Donker bestreitet die Vorwürfe. Im Mai wird die Klage eingereicht, in der sie ihre Entlassung anfechtet.

Neue Leitung

Das Blatt scheint sich nun gewendet zu haben. Kurz vor der Wiedereröffnung wurde der neue Direktor vorgestellt: Zippora Elders Tahalele. Der 39-jährige Elders war zuvor leitender Kurator am Van Abbemuseum in Eindhoven und leitete die Kuratorenabteilung am Gropius Bau in Berlin. Mit ihrer Ernennung scheint das 2003 gegründete Museum administrativ ruhiger geworden zu sein. Aber besonders mit diesem atmosphärischen Lagerhaus für Fotografie kann der Blick wieder in die Zukunft gerichtet werden. Der Fotoschatz ist wieder offen – prunkvoller, vollständiger, moderner und stilvoller als je zuvor.

Nähere Informationen: Nederlands Fotomuseum, Brede Hilledijk 95, 3072 KD Rotterdam, Niederlande, Telefon +31 (0)10 2030405, E-Mail: info@nederlandsfotomuseum.nl

Marta & Slava – Verborgene Botschaften“ im Landgut Kasteel Wijlre

Im Rahmen ihrer Ausstellung Hidden Messages – noch bis 1. März zu sehen – haben Marta & Slava (Marta Volkova & Slava Shevelenko) die subtile, oft unsichtbare Interaktion zwischen Mensch und Natur erforscht. Besonders für das Landgut Kasteel Wijlre schaffen sie neue Werke – von Vasen und Zeichnungen bis hin zu Skulpturen und maßstabsgetreuen Modellen – inspiriert von der verborgenen Sprache von Pflanzen und Blumen.

Das Künstlerduo, das in Maastricht lebt, verbindet mythische und wissenschaftliche Themen mit philosophischer und politischer Reflexion, manchmal spielerisch und ironisch im Ton. In dieser Ausstellung lassen sie sich von aktuellen Erkenntnissen der Pflanzenbiologie leiten: Blumen enthalten UV-Muster, die bestäubende Insekten zeigen. Was können wir aus dieser natürlichen Kommunikation lernen?

In einer Zeit ökologischer, geopolitischer und kultureller Krisen und Bedrohungen bietet „Hidden Messages“ einen poetischen Blick darauf, wie Natur und Kultur sich gegenseitig verstärken können. Die Ausstellung ist Teil des jährlichen Programms, in dem das Landgut die Beziehung zwischen Menschen und der metaphysischen Welt erforscht.

Nähere Informationen: Kasteel Wijlre, Kerkpad 1, 6321 PX Wiljre, Niederlande, Telefon: +31 434502616, E-Mail: info@kasteelwiljre.nl

Poldering – Forme das Land nach deinem Willen

Seit Jahrhunderten leben Menschen in einem Gebiet, in dem man eigentlich nicht leben kann: dem Polder. Eine Landschaft, die einst Sumpf war und später ständig von der wilden Zuiderzee bedroht wurde. Doch die Bewohner blieben und lebten auf Land, das knapp an Wasser liegt.Die Ausstellung „Polderen. Das Land zu deinem eigenen zu machen“, die noch bis zum 3. Mai im Zaans Museum in Zaandam zu sehen ist, führt die Besucherinnen und Besucher durch 1000 Jahre Kampf gegen das Wasser. „Entdecken Sie die Geschichten der Pioniere, klugen Köpfe und Macher, die es möglich gemacht haben, im Zaan-Polder zu leben. Von Landwirten über Künstler und von Naturschützern bis hin zu Deichgräbern. Stellen Sie sich der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des (Zaanse) Polders gegenüber, einer Landschaft, in der Mensch und Natur sich immer wieder wiederfinden müssen“, schreibt das Museum in einer Pressemitteilung.

Aktivitätsprogramm

In der Ausstellung gibt es interaktive Aktivitätsbereiche, in denen Jung und Alt puzzeln, messen, gestalten und gemeinsam entdecken können, wie vielseitig der Polder ist. Das Programm wird durch Führungen, Vorträge und Aktivitäten in der Landschaft ergänzt.

Nähere Informationen: Zaans Museum, Schansend 7, Zaandam, Telefon: +31 756810000, E-Mail: info@zaansmuseum.nl, Internet: www.zaansmuseum.nl

Topophilie – Landschaften der Zugehörigkeit

In der noch bis zum 5. April im Castellum Hoge Woerd zu sehenden Ausstellung untersucht Cath Duncan, wie unsere Liebe zu einem Ort unsere Erinnerungen, Identitäten und unser Zugehörigkeitsgefühl prägt. Der Begriff „Topophilie“ beschreibt die emotionale Bindung zwischen Menschen und den Landschaften, in denen sie leben. Der Begriff wurde erstmals vom Dichter W. H. Auden (1947) verwendet und später vom Geographen Yi-Fu Tuan (1974) populär gemacht.

Wie der kreative Prozess des Künstlers bietet auch die Ausstellung einen Dialog zwischen Poesie und bildender Kunst. Gedichte und Titel werden auf Englisch präsentiert, um ihre ursprüngliche Stimme zu ehren. Eine auffällige Farbe in der Sammlung ist Terrakotta, die sich auf Erde, Vorfahren und Erde bezieht: die Orte und Geschichten, die uns tragen. Blautöne rufen Luft und Wasser hervor, die Luft, die wir alle atmen, und ein Gefühl von Weite. Gemeinsam drücken sie die Spannung und Harmonie zwischen Verwurzelung und Offenheit aus.

Während die Besucherinnen und Besucher sich durch die Ausstellung bewegen, werden sie eingeladen, darüber nachzudenken, wie die Natur uns lehrt, in Vielfalt zu gedeihen, und wie wir Grenzen überwinden und heilen können.

Über die Schöpferin:

Cath Duncan hat in Südafrika, den Niederlanden und Großbritannien ausgestellt, und ihre Werke befinden sich in Privatsammlungen auf der ganzen Welt. Aus ihrem Atelier in Utrecht schöpft sie aus ihrem Hintergrund in Trauerbegleitung sowie auf persönliche Erfahrungen mit Migration, Behinderung, transrassischer Adoption und Organtransplantation. Sie beschreibt ihre Kunst als „eine Erkundung davon, wie wir inmitten von Traurigkeit und Angst mit Spaß, Spiel und Hoffnung verbunden bleiben.“

Nähere Informationen: Castellum Hoge Woerd, Hoge Woerdplein, Utrecht, Telefon +31 302860084, E-Mail: info@castellumhogewoerd.nl, Internet: http://www.castellumhogewoerd.nl

(Alle Beiträge aus der Museumstijdschrift)

Back to Benin: Neue Kunst, Jahrhundertealtes Erbe

Nigerianische Künstlerinnen und Künstler werfen einen zeitgenössischen Blick auf die Geschichte, Kultur und Philosophie des Königreichs Benin.

Ab dem 21. Februar ist im Museum de Fundatie in Zwolle die Ausstellung „Back to Benin: Neue Kunst, Jahrhundertealtes Erbe“ zu sehen. Im November 2025 übertrug das Museum de Fundatie das Eigentum an der einzigen Benin-Bronzeplaquette aus seiner Sammlung offiziell an die rechtmäßigen Erben. Dieser Akt der Restitution bildet die Grundlage für Back to Benin, eine Ausstellung mit zehn zeitgenössischen Künstlerinnen aus Nigeria mit Edo-Hintergrund**. Die Ausstellung präsentiert Werke in verschiedenen Medien, die die Kraft der Bildsprache der Edo zeigen, die heute vielfältige Formen internationaler Gegenwartskunst annimmt.

Die Künstler wurden eingeladen, neue Arbeiten zu schaffen, die von der Ama O Ghe Ehen (Mudfish-Plaquette), der restituierten Benin-Bronzeplaquette, inspiriert sind. Mit Zeichnungen, Gemälden, Illustrationen, Skulpturen, Textilkunst, Fotografie sowie Video- und Klanginstallationen erforschen sie die umfangreiche und gut dokumentierte Geschichte und das Erbe Benins. Sie positionieren Vorfahren, Gottheiten und historische Figuren als Orientierungspunkte, um das sich entwickelnde Erbe Benins ebenso wie die Gegenwart zu verstehen. So zeigen die Künstlerinnen, dass das Erbe des Königreichs stets eine lebendige Sprache war – und es auch bleiben wird.

Beatrice von Bormann, Direktorin und Vorstand des Museums de Fundatie, erläutert: „Diese Künstlerinnen und Künstler zeigen ihre Arbeiten überall auf der Welt und sind Teil einer internationalen Kunstszene. Gleichzeitig bleibt das Edo-Erbe – die Geschichten, Mythen, die Geschichte und die Gegenwart des Königreichs Benin – der Ausgangspunkt ihrer Kunst, was sie unglaublich kraftvoll und faszinierend macht.“

Zu den Werken:

Heiligtum

In seiner Arbeit „Heilige Heiligen“, einer Installation aus sieben perforierten handgefertigten Papieren, verbindet Victor Ehikhamenor traditionelle Edo-Ikonografie mit zeitgenössischer Abstraktion. So erforscht er Themen wie Spiritualität und Erinnerung. In Heilige Heiligen integriert er Objekte aus Museen in Europa und Nordamerika, die vermutlich zur selben Zeit wie die Plaquette entwendet wurden. Auf diese Weise schafft er ein von ihm als „Heiligtum“ bezeichnetes Ensemble.

Die ausgewählten Objekte erscheinen als Schatten ihrer selbst. Jedes Objekt wird auf Papier dargestellt, durch Tausende kleiner Perforationen, die an die Details der Ama erinnern. Die Papiere hängen frei im Raum, und ihre Silhouetten werden auf den umliegenden Wänden lebendig, sodass sie zugleich präsent und abwesend wirken. Eine Soundscape vervollständigt die Installation und verstärkt ihre sakrale Aura. So verwandelt Ehikhamenor den Raum in einen Ort der Erinnerung und der Hingabe.

Magische Kräfte

Königin Idia ist legendär als die erste Frau bekannt, die den Titel Iyoba (Königin-Mutter) trug – eine bedeutende Position innerhalb der Führung des Königreichs Benin. Sie war die Mutter von Oba Esigie, der von 1504 bis 1550 regierte, und spielte während seiner Herrschaft eine entscheidende Rolle. Sie stellte ein Heer zusammen, das ihrem Sohn half, einen seiner bedrohlichsten Kriege gegen das Igala-Königreich zu gewinnen.

Von Königin Idia hieß es, sie besitze magische Kräfte. Es existieren zahlreiche Darstellungen von ihr in Form von bronzenen Köpfen, Elfenbeinmasken und Anhängern, von denen viele während der britischen Expedition von 1897 geraubt wurden. Phil Omodamwen hat in einem Wachsausschmelzverfahren aus Bronze ein mehr als lebensgroßes Porträt der Königin geschaffen, inspiriert von den historischen Darstellungen, jedoch mit seiner eigenen Interpretation.

Geschnitzte Köpfe

Favour Jonathans Werk aus Edelstahl und Bronze interpretiert die Ukhurhe neu – ein heiliges Objekt der Edo-Kultur, das dazu dient, Geister herbeizurufen und mit ihnen zu kommunizieren. Traditionell wird die Ukhurhe aus Holz gefertigt und ist etwa 120 cm hoch. Sie ist in Segmente unterteilt, die mit geschnitzten Köpfen und anderen Symbolen versehen sind, die Ahnen oder Gottheiten darstellen.

Jonathans Ukhurhe ist eine große Metall-Skulptur zu Ehren von Ovia, der Flussgöttin und dem Symbol für Frieden, Stärke, vorzeitliche Weisheit und Vorsehung. Favour Jonathan erzählt diese Geschichte in einer zeitgenössischen Form, jedoch mit alten Symbolen – etwa dem mystischen Wasserkrug, den Ovia von ihrem Vater erhielt und der ihre Tränen in einen Fluss verwandelte.

Monumentale Struktur

Osaru Obaseki beschäftigt sich in seiner Arbeit mit Materialität, Geschichte, kultureller Identität, gesellschaftlicher Dynamik sowie der Komplexität kolonialer und postkolonialer Erzählungen. Seine Installation „Gepantserd“ basiert auf der Symbolik des Moddervis (Mudfish), dessen Fähigkeit, sowohl an Land als auch im Wasser zu überleben, als kraftvolles Sinnbild dient. Obaseki verwebt verschiedene Formen alter beninischer Kunst, Ikonografie, Motive, Materialien und Architektur.

Das Werk erinnert visuell an die monumentale Struktur der Großen Mauer von Benin, die Stadt- und Schutzmauer des Königreichs, aber auch an die alten Häuser aus roter Erde, die mit demselben charakteristischen Muster gestaltet sind, das sich auch in Obasekis Arbeit wiederfindet.

Im unteren Teil der Installation hängen bronzene Anhänger – ein Mudfish, eine Glocke, ein Ahnenkopf, ein Leopard, ein Krokodil und ein Krieger – jeweils an kurzen Drähten befestigt. Obaseki reflektiert damit über die Wege, auf denen Gemeinschaften ihre Identität schützen, wenn sie vor Herausforderungen stehen und versuchen, das zu bewahren, was im Prozess der Transformation auf dem Spiel steht.

Ama O Ghe Ehen (Mudfish-Plaquette) Ama O Ghe Ehen (Mudfish-Plaquette), 18. Jahrhundert, Messing

Die bronzene Plaquette mit einem Relief, das allgemein als Darstellung eines Mudfish (Moddervis) identifiziert wird, wurde ursprünglich im Königreich Benin gefertigt. Die Plaquette wurde 1937 vom Gründer und damaligen Direktor des Museums, Dirk Hannema, erworben, nachdem der niederländische Kunsthändler Carel van Lier sie zusammen mit etwa 40 weiteren Objekten aus der Sammlung des berühmten Pariser Kunsthändlers Charles Ratton präsentiert hatte. Wie viele andere Benin-Bronzen, die in dieser Zeit in Museen und Privatsammlungen gelangten, stammt das Stück mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der gewaltsamen Plünderung des Königreichs Benin durch die Briten im Jahr 1897.

Restitution

Am 10. November 2025 hat das Museum de Fundatie in Benin City (Nigeria) eine Benin-Bronzeplaquette aus seiner eigenen Sammlung restituiert. Die Rückgabe erfolgte durch die Direktorin des Museums, Beatrice von Bormann, an die National Commission for Museums and Monuments (NCMM) von Nigeria. Die NCMM hat im Februar 2025 eine Verwaltungsvereinbarung mit dem Oba (König) von Benin geschlossen, die das Management der Altertümer Benins regelt – einschließlich der Repatriierung, Konservierung, Lagerung und Ausstellung dieser Artefakte. Diese Vereinbarung ist eine Kooperation zwischen der NCMM und dem Königlichen Hof, der als Hüter des kulturellen Erbes von Benin fungiert.

Hinweis zur Edo-Bevölkerung

Die Edo, auch bekannt als Benin, sind die Bevölkerung des heutigen Bundesstaates Edo in Nigeria — dem Gebiet des ehemaligen Königreichs Benin mit der Hauptstadt Benin City.

Nähere Informationen: Museum de Fundatie, Blijmarkt 20, 8011 NE Zwolle, Telefon 0031 572388188, E-Mail info@museumdefundatie.nl und Internet www.museumdefundatie.nl. Geöffnet ist es dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.

Eröffnungsfeier zu drei Ausstellungen im Museum de Fundatie in Zwolle

Am Freitag, 20. Februar, werden die Ausstellungen „Back to Benin, Ntu & Umbild“ eröffnet. Gemeinsam mit den Künstlern, dem Team des Museum de Fundatie, Freunden des Museums und Kunstliebhabern werden die neuen Ausstellungen mit Musik, Begegnungen mit den Künstlern und vielem mehr gefeiert.

Programm in der Übersicht

18 Uhr: Start der Eröffnungsveranstaltung
18 bis 22 Uhr: Musik von Mama Africa Soundsystem
19 bis 19.30 Uhr: Eröffnungsreden Buhlebezwe Siwani – Ntu und Umbild – Jules van Hulst & Wieger Steenhuis
19.45 bis 20 Uhr: Erklärung von Buhlebezwe Siwani zur Ausstellung Ntu (Englisch gesprochen)
20 bis bis 20.15 Uhr: Speed-Date mit Osaze Amadsun, Künstler der Ausstellung „Back to Benin“
20.15 bis 20.30 Uhr: Erklärung von Jules van Hulst & Wieger Steenhuis zur Ausstellung „Umbild“
20.45 bis 21 Uhr: Speed-Date mit Favor Jonathan, Künstlerin der Ausstellung „Zurück nach Benin“
22 Uhr: Ende der Eröffnungsveranstaltung

Mama Africa Soundsystem

Seit 2017 ist Mama Africa die Party für Liebhaber afrikanischer Musik in den Niederlanden und Belgien. Was als Wettbewerb in einem kleinen Saal begann, hat sich zu einem internationalen Tanzabend entwickelt. Eine Mischung aus den beliebtesten Afro Beats, Azonto, Kuduro, Coupé Décalé, Ndombolo und mehr. Die DJs Tyra Talisa und C-Moto von Mama Africa Soundsystem werden ebenfalls Musik aus Nigeria spielen, speziell für die Eröffnungsveranstaltung, nach der Ausstellung „Back to Benin – New Art, Ancient Heritage.“

C-Moto

Ryan Leroy Chin, besser bekannt als C-Moto, ist ein DJ aus Den Haag. Sein Stil ist von den Genres beeinflusst, für die er am meisten brennt: Afro, Amapiano, Hip-Hop und R&B. C-Moyto hat bereits bei Lowlands, Mysteryland, Mama Africa Club Editions, Leuke Festival, Festival Macumba, Green Garden Festival und zahlreichen anderen Clubs und Festivals in den Niederlanden und Belgien aufgetreten. Es ist unmöglich, während seiner DJ-Sets stillzustehen.

Tyra Talissa

Tyra Talissa hat bereits in Lowlands, Latin Village und Vunzige Deuntjes sowie in den größten Clubs Europas gespielt. Im Museum de Fundatie spielt sie gemeinsam mit C-Moto als Teil von Mama Africa Soundsystem.

Eröffnungsreden Buhlebezwe Siwani – Ntu und Umbild – Jules van Hulst & Wieger Steenhuis

Die Ausstellungen „Buhlebezwe Siwani – Ntu und Umbild – Jules van Hulst & Wieger Steenhuis“ beginnen mit einem Programm von Reden in der Museumsbar im dritten Stock des Museums.
– Beatrice von Bormann, Direktorin des Museum de Fundatie: Willkommenswort
– Sanne van de Kraats, Kuratorin Museum de Fundatie über Buhlebezwe Siwani – Ntu
– Anja Roelfs, Kulturrätin der Gemeinde Zwolle über Umbild und Talententwicklung in Zwolle
– Sanne van de Kraats, Kuratorin Museum de Fundatie über Umbild – Jules van Hulst & Wieger Steenhuis

Erklärung von Buhlebezwe Siwani zur Ausstellung „Ntu“ (englisch gesprochen)

Buhlebezwe Siwani führt durch ihre Ausstellung „Ntu“ im vierten Stock des Museums.

Speed-Dates mit Künstlern der Ausstellung „Back to Benin“

Während der Eröffnungsveranstaltung besteht die Möglichkeit, zwei der Künstler von Back to Benin – New Art, Ancient Heritagewährend eines Speed-Dates kennenzulernen. Sie erzählen von ihrer Arbeit und es besteht die Gelegenheit, den Künstlern dringende Fragen zu stellen. Die Speed-Dates sind auf Englisch und es gibt maximal Platz für 12 Personen pro Speed-Date. Die Speed-Dates finden bei den Werken der Künstler statt. Termine: von 20 bis 20.15 Uhr mit Osaze Amada Sonntag und von 20.45 bis 21 Uhr mit Favour Jonathan.

Erklärung von Jules van Hulst & Wieger Steenhuis zur Ausstellung „Umbild“

Im dritten Stock sieht man die Ausstellung „Umbild“ der Zwolleer Künstler Jules van Hulst & Wieger Steenhuis. Sie erzählen von der Laufbahn ihrer künstlerischen Ausbildung am Makershuis Vaktor und der Inspiration, die sie aus der Arbeit mit Werken der flämischen Symbolisten gezogen haben.

Nähere Informationen: Museum de Fundatie, Blijmarkt 20, 8011 NE Zwolle, Telefon 0031 572388188, E-Mail info@museumdefundatie.nl und Internet www.museumdefundatie.nl. Geöffnet ist es dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.

„Gerhard Hoehme – enträtsel nicht die Orte“ im Museum Küppersmühle für Moderne Kunst

In seinen Bildern machte der Künstler Gerhard Hohme (*1920 – +1989) das Unbegreifliche sichtbar. Sein vielfältiges Werk hat bis heute nichts von seiner Faszination und Strahlkraft verloren. Als einer der prägenden Künstler der deutschen Nachkriegskunst nahm Hoehme bereits seit den frühen 1950er-Jahren eine zentrale Rolle in der Entwicklung der abstrakten Malerei ein. Seine Werke nehmen bis heute eine Schlüsselrolle in der Sammlung Ströher ein.

Die umfangreiche Einzelausstellung im MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst in Duisburg, die dort vom 26. Februar bis zum 31. Mai zu sehen ist, widmet sich dem komplexen Gesamtwerk des Künstlers und bietet einen umfassenden Überblick über sein Schaffen.

Den Gesetzen der Fläche bin ich immer nur widerwillig gefolgt. Weit mehr hat mich die Gesetzmäßigkeit der Farbe, ihr Strömen und Wachsen, ihre Materie und Struktur interessiert… Meine Sehnsucht war der weite Raum, der dritte, vierte, fünfte – nach oben, zur Seite, nach vorn, ja sogar nach hinten, aber ohne illusionistische Tiefe.“

Von Beginn an wirkte Hoehme stilbildend. Seine Innovationskraft trug maßgeblich zur Entstehung und internationalen Wahrnehmung des Deutschen Informel bei. Zugleich blieb er zeitlebens ein Suchender: Seine Bildfindungen entzogen sich früh jeder festen Kategorisierung. „Ich möchte ein Stück Unbegreifliches sichtbar machen, es aber im Unbegreiflichen lassen.“, schrieb der Künstler 1976 in seinem Text „Reflektionen“.

In den frühen sogenannten Borkenbildern setzte er sich intensiv mit der Materialität der Farbe auseinander. In den späten 1950er-Jahren erforschte er die Möglichkeiten gestischer Malerei und verabschiedete sich bewusst von herkömmlichen Regeln des Bildaufbaus. Hoehme nutzte seinen Erfindungsreichtum, um Werke zu schaffen, deren große Ausdruckskraft er stets offen und in der Schwebe hielt. Diese Offenheit lässt seine Arbeiten stets neu erfahren, sie sind und bleiben für jedes neue Publikum faszinierend und aktuell.

Das Ausgreifen der Malerei in den Raum wurde zu einem wesentlichen Anliegen seines Werks. Nach Experimenten mit ungewöhnlichen Bildformaten – die das spätere Shaped Canvas eines Frank Stella um Jahre vorwegnahmen – integrierte Hoehme Schläuche und andere raumgreifende Elemente direkt in seine Arbeiten. Damit überschritt er konsequent die Grenzen der klassischen Tafelmalerei.

Eine entscheidende Erweiterung seiner künstlerischen Konzeption erfolgte durch den eigenwilligen Umgang mit Handschrift, Sprache und Schrift. Hoehme bezog Texte aus avantgardistischer Lyrik ebenso ein wie politische Kampfbegriffe oder Fragmente aus der Werbesprache. In diesen Arbeiten manifestiert sich früh eine humanistische und demokratische Haltung, die bereits in den 1960-er Jahren die Vision eines ungeteilten Deutschlands formulierte – eine Entwicklung, deren Verwirklichung im November 1989 der Künstler selbst nicht mehr erleben konnte.

Unter der Last einer Erinnerung immer drängt der Hoffnung blühender Raum“.

In den 1980er-Jahren entstand ein fulminantes Spätwerk: eindringliche Großformate von außergewöhnlicher Dichte, emotionaler Intensität und poetischer Intimität. Hier verband Hoehme seine vom Informel geprägte Bildsprache mit einem weit gefassten literarischen und poetischen Referenzraum. Parallel zu den großformatigen Gemälden und Rauminstallationen schuf er ein umfangreiches Œuvre an Arbeiten auf Papier, darunter Aquarelle und Druckgrafiken. Gerhard Hoehme war Professor an der Kunstakademie Düsseldorf und prägte als Lehrer eine Generation bedeutender Künstlerinnen und Künstler, darunter Chris Reinecke und Sigmar Polke.

Darüber hinaus verfasste er zahlreiche Essays zur Kunst, die 2010 in Buchform unter dem Titel Relationen. Texte-1952-1987 veröffentlicht wurden. Mit rund 80 Arbeiten präsentiert das MKM Museum Küppersmühle eine der umfangreichsten Ausstellungen zu Gerhard Hoehme seit vielen Jahren. Neben zentralen Werken aus der Sammlung Ströher sind bedeutende Werkgruppen aus der Gerhard und Margarethe Hoehme-Stiftung zu sehen.

Nähere Informationen: Museum für moderne Kunst Küppersmühle, Philosophenweg 55, 47051 Duisburg, Telefon 0203 30194811, E- Mails: kasse@museum-kueppersmuehle.de (für Kasse und Information), buchung@museum-kueppersmuehle.de (für Buchung von Führungen und Workshops) und office@museum-kueppersmuehle.de (für Stornierungen und Fragen zu Tickets), Internet: www.museum-kueppersmuehle.de. Geöffnet ist von Freitag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr.

Museum de Fundatie präsentiert das Ausstellungsprogramm 2026

Da bereits die letzten Wochen einiger laufender Ausstellungen aus dem vergangenen Jahr angebrochen sind, hat sich das Museum de Fundatie in Zwolle schon auf ein reiches und vielseitiges Ausstellungsjahr 2026 vorbereitet.

In Zwolle bleibt die Ausstellung „Chourouk Hriech – In De 17e Hemel“ bis einschließlich 16. August geöffnet. Am Standort Heino sind die Ausstellungen „Charlotte van Pallandt – Sprekende Koppen“ und „Fundatie Collectie – Remix“ noch bis einschließlich 12. April zu sehen.

Für 2026 blickt das Museum de Fundatie auf ein neues Jahr voller internationaler zeitgenössischer Kunst, eindrucksvoller Sammlungs-Schauen und experimenteller Projekte an beiden Standorten.

Back to Benin – Neue Kunst, Jahrhundertealtes Erbe, Zwolle | 21. Februar bis 7. Juni

Im November 2025 gab das Museum de Fundatie eine bronzene Plakette aus Benin zurück. Dieser wichtige Schritt in der Anerkennung der kolonialen Vergangenheit bildet den Ausgangspunkt für die Ausstellung „Back to Benin – Neue Kunst, Jahrhundertealtes Erbe.“

In dieser Ausstellung treten zehn zeitgenössische nigerianische Künstlerinnen und Künstler mit Edo-Herkunft (Anmerkung: Die Edo sind ein westafrikanisches Volk in Nigeria, das die Sprache Edo und einige mit ihr eng verwandte Sprachen spricht. Die Edo werden auch als „Bini“ bezeichnet und sind die Nachfahren der Gründer des einstmals mächtigen Königreichs Benin. Zur Ethnie der Edo gehören etwa 2,7 Millionen Menschen. Ihre Sprachen bilden die Gruppe der edoiden Sprachen innerhalb der Niger-Kongo-Sprachen. Die Edo leben in den Plateaus in Zentral-Nigeria, im Bundesstaat Edo. Die Stadt Benin-City ist das kulturelle Zentrum der Edo.) in einen Dialog mit der Geschichte, Symbolik und kulturellen Erinnerung des Königreichs Benin.

Mit neuen Werken, die im Auftrag des Museum de Fundatie in unterschiedlichen Medien entstanden sind, erkunden sie das Thema Restitution im weitesten Sinne: nicht nur als Rückgabe von Objekten, sondern als lebendigen Prozess von Erinnerung, Wissen und kultureller Kontinuität.

Die Ausstellung zeigt, wie Edo-Kunst und Edo-Traditionen trotz der Plünderung von 1897 und deren weitreichenden Folgen weiterleben und sich immer wieder erneuern.

Buhlebezwe Siwani – Ntu, Zwolle | 21. Februar bis 20. September

Das Museum de Fundatie präsentiert die erste niederländische museale Einzelausstellung der Künstlerin Buhlebezwe Siwani. In ihrem Werk, das sich von Performance über Fotografie Installation bis hin zur Skulptur erstreckt, untersucht Siwani, wie der schwarze weibliche Körper in einer von Männern dominierten Gesellschaft dargestellt wird.

Als sangoma (spirituelle Heilerin) verbindet sie persönliche Erfahrungen mit Ritualen, afrikanischer Spiritualität und dem Christentum. Ntu ist Teil der Programmlinie Fundatie Forward, in der das Museum de Fundatie zeitgenössischen Kunstschaffenden Raum bietet, die neue Perspektiven eröffnen und gesellschaftliche wie spirituelle Fragen nicht scheuen.

Umbild – Jules van Hulst & Wieger Steenhuis, Zwolle | 21. Februar bis 20. September

In Umbild, einer Zusammenarbeit mit dem Zwoller Makershaus Vaktor, einer Organisation für Kulturprojekte in der Region, schaffen Jules van Hulst und Wieger Steenhuis eine Erfahrung, in der digitale Medieninstallationen und historische Kunst zusammenkommen. Drei Werke aus der Fundatie-Sammlung – von George Minne, James Ensor und Valerius de Saedeleer – bilden den Ausgangspunkt für eine experimentelle Untersuchung von Repräsentation, Bedeutung und Transformation.

Mit zeitgenössischer Technologie entwickeln die Künstler neue Ebenen des Verständnisses und laden die Besucherinnen und Besucher dazu ein, mal Beobachter, mal aktive Teilnehmer zu sein.

Der Titel Umbild verweist auf das Umformen eines Bildes und unterstreicht den hybriden und untersuchenden Charakter der Ausstellung.

Fundatie Collectie – Schau dich um!, Zwolle | 6. Februar bis 20. September

Schau dich um! zeigt, wie Kunst unseren Blick auf die Welt verändern kann. In dieser Sammlungsausstellung präsentieren Künstlerinnen und Künstler verschiedener Generationen – von Jacoba van Heemskerck und Nola Hatterman bis hin zu Vincent van Gogh und Jonathan van Doornum – wie sie die Wirklichkeit bearbeiten, vergrößern oder verdichten.

Die Ausstellung lädt Besucherinnen und Besucher dazu ein, innezuhalten und sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie wir schauen und wer oder was unseren Blick beeinflusst – in einer Welt, die sich durch technologische und kulturelle Entwicklungen ständig wandelt.

Wilma Wilbrink & Sammlung, Heino | 25. April bis 30. August

Mit ihrer Werkreihe „Veeneiken II“ zeigt Wilma Wilbrink Arbeiten, die aus jahrhundertealten Eichen hervorgegangen sind, die 2013 im Rahmen des Projekts „Ruimte voor de Rivier“ entlang der IJssel bei Zwolle freigelegt wurden. Diese Bäume, die über 2000 Jahre unter dem Moor konserviert waren, bilden den Ausgangspunkt für skulpturale Werke, in denen Naturgeschichte und aktuelle Klimafragen zusammenkommen.

Wilbrink verweist auf mögliche zukünftige Wasserstände und lässt die Mooreiche als stille Zeugin menschlicher Eingriffe und landschaftlicher Veränderungen auftreten. Die Jahresringe erzählen von Wachstum, Trockenheit und Überschwemmungen, während in ihrem Werk eine Leiter das fragile Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur sichtbar macht. In dieser Ausstellung tritt ihre Arbeit in einen Dialog mit Landschaftsdarstellungen aus der Fundatie-Sammlung.

Elly Tamminga – Kunst und Überzeugung, Heino | ab 25. April

Mit Kunst und Überzeugung rückt das Museum de Fundatie das Werk von Elly Tamminga (*1896 –+1983) wieder in den Fokus. Obwohl sie seit den 1920-er Jahren regelmäßig im In- und Ausland ausstellte und ein umfangreiches Œuvre schuf, geriet ihr Werk nach 1970 weitgehend in Vergessenheit. Tammingas figurative Kunst, verwurzelt im Kubismus, zeichnet sich durch kräftige Farbflächen, klare Kompositionen und eine ausgeprägte gesellschaftliche Haltung aus. Die Ausstellung zeigt Gemälde und grafische Arbeiten und macht sichtbar, wie bewusst Tamminga Einfachheit und Zugänglichkeit wählte.

Das Museum de Fundatie zeigt die Vielfalt und Geschlossenheit ihres Werks und lädt dazu ein, Elly Tamminga erneut einen festen Platz in der niederländischen Kunstgeschichte zu geben.

Jan Cremer, Zwolle | 20. Juni bis 20. September

Diese erste große Retrospektive nach dem Tod von Jan Cremer im Jahr 2024 stellt sein frühes Werk in einen breiteren Kontext. Die Ausstellung erkundet Cremers Weg als bildender Künstler, seine Position innerhalb der Kunstgeschichte und die Verbindung zwischen seinem Schaffen als Maler und als Schriftsteller.

„Ich schmiere Farbe auf eine Leinwand, ich tropfe, spritze, schlage, schubse. Ich kämpfe mit Farbe.“ – mit diesen Worten positionierte sich Jan Cremer 1959 als Künstler. Er wandte sich entschieden gegen das Werk seiner Zeitgenossen, das er als „Schrott-Ästhetika“ bezeichnete. Cremer präsentierte sich gern als radikaler Außenseiter, doch die Ausstellung zeigt, wie eng er tatsächlich mit internationalen Kunstszenen verbunden war – unter anderem in Den Haag, Paris, Ibiza und New York.

Anhand von Gemälden, Arbeiten auf Papier und neu entdecktem Archivmaterial zeigt das Museum de Fundatie, wie Cremer sich zu seinen Zeitgenossen und zu kulturellen Entwicklungen verhielt. Das Museum besitzt die größte Sammlung seiner frühen Werke.

Bé Thoden van Velzen, Heino | 12. September bis 7. März 2027

Mit rund 250 Werken ist Bé Thoden van Velzen in der Fundatie-Sammlung besonders umfangreich vertreten. Diese Präsentation stellt ihr vielseitiges Œuvre in den Mittelpunkt – mit Skulpturen, Zeichnungen, Studien und Aquarellen.

Thoden van Velzen ist bekannt für ihre Skulpturen im öffentlichen Raum, aber ebenso für ihre eindringlichen Darstellungen des menschlichen Körpers. Die Ausstellung beleuchtet ihre künstlerische Entwicklung sowie ihre bedeutende Rolle im Kunstunterricht in Zwolle und Hattem.

Miguel Chevalier – Digital by Nature, Zwolle | ab 3. Oktober

Unter dem Titel „Digital by Nature“ präsentiert das Museum de Fundatie die erste große Einzelausstellung des digitalen Kunstpioniers Miguel Chevalier in den Niederlanden. Seit den 1980-er Jahren nutzt Chevalier den Computer als künstlerisches Medium und erforscht kontinuierlich neue Technologien – darunter auch künstliche Intelligenz.

Die Ausstellung zeigt Werke aus allen Phasen seiner Karriere: in immersiven und überwiegend interaktiven Installationen ebenso wie in intimeren Präsentationen mit Hologrammen, in 3D-gedruckten Skulpturen und Zeichnungen.

Mit seiner Kunst verbindet Chevalier Vergangenheit und Zukunft, die analoge und die digitale Welt. Die Besucherinnen und Besucher können die Installationen und die Klanglandschaft durch ihre Bewegungen beeinflussen und „erschaffen“ so gewissermaßen die Ausstellung selbst. Dadurch entstehen fortlaufend neue Bilder – eine fesselnde Erfahrung, in der Technologie, Natur und Kunstgeschichte miteinander verschmelzen.

Natalia Domínguez Rangel – Deep Dive, Zwolle | 3. Oktober bis 17. Januar 2027

Mit „Deep Dive“ verwandelt die bildende Künstlerin und Komponistin Natalia Domínguez Rangel die Wolke des Museum de Fundatie in eine Unterwasserwelt. Mit Skulpturen aus Glas, Keramik und Metall, kombiniert mit einer eigens komponierten Klangumgebung, untersucht sie an diesem besonderen Ort die tiefe Verbundenheit zwischen dem menschlichen Körper und dem Ozean.

Die Ausstellung verbindet poetische Imagination mit drängenden Themen wie Ökologie, kolonialer Geschichte und Ressourcenabbau. „Deep Dive“ ist Teil der Projektreihe Fundatie Forward und lädt Besucherinnen und Besucher dazu ein, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn tiefer zuzuhören.

Kunst in der Vide – Diana Scherer: Symbio Zwolle | 3. Oktober bis September 2027

Für die Programmreihe „Kunst in der Vide“ realisiert Diana Scherer eine neue monumentale Installation für diesen besonderen Raum des Museums de Fundatie. In diesem Werk wachsen Pflanzenwurzeln und von ihr selbst entworfenes Textil miteinander zusammen.

Mit ihrem Werk „Symbio“ untersucht Scherer die Grenze zwischen Kontrolle und Zufall, zwischen Natur und Kultur. Das Werk übt Kritik an der Ausbeutung natürlicher Systeme, entwirft aber zugleich ein utopisches Szenario von Zusammenarbeit und Gegenseitigkeit. Der Wachstumsprozess selbst – langsam, unvorhersehbar und teilweise unkontrollierbar – wird zu einer Metapher für die Suche nach einem neuen Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur.

Nähere Informationen: Museum de Fundatie, Blijmarkt 20, 8011 NE Zwolle, Telefon 0031 572388188, E-Mail info@museumdefundatie.nl und Internet www.museumdefundatie.nl. Geöffnet ist es dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr. / Kasteel het Nijenhuis, ´t Nijenhuis 10, 8131 RD Heino/Wijhe, Telefon +31 572 388188, E-Mail: info@museumdefundatie.nl

Kawase Hasui. Die Vorstellungskraft Japans

Shin Hanga: die Wiedergeburt der japanischen Druckgrafik

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schien der Vorhang auf die traditionelle japanische Druckgrafik (ukiyo-e) gefallen zu sein. Fotografie und Lithografie gewannen an Bedeutung, und die klassischen Techniken drohten zu vergessen. Dank der Bemühungen des Verlegers Watanabe Shōzaburō wurde die Druckgrafik jedoch in einer neuen, zeitgenössischen Form wiederbelebt: Shin Hanga – wörtlich ’neue Drucke‘. In dieser Bewegung arbeiteten Künstler, Blockschneider, Drucker und Verlage intensiv zusammen, um Drucke auf hohem Niveau zu schaffen, in denen Tradition und Moderne zusammenkamen.

Meister der Landschaft

Kawase Hasui (*1883 – + 1957) begann seine künstlerische Laufbahn spät. Erst im Alter von 35 Jahren erschienen seine ersten Drucke. Seine Landschaftsdrucke sind das Ergebnis umfangreicher Skizzenreisen durch Japan. Während seine Vorgänger berühmte Orte festhielten, entschied sich Hasui oft für intime, friedliche Szenen. Damit brachte er unbekannte Orte – seiner Meinung nach das echte Japan – ans Licht. Dies erwies sich als Erfolg; seine Drucke wurden sowohl in Japan als auch in Amerika begeistert gesammelt.

Verlorene Kunst

Hasui arbeitete in einer Zeit voller Aufruhr und Veränderungen. Das hatte sicherlich Einfluss auf seine Karriere. Als Tokio am 1. September 1923 von einem schweren Erdbeben getroffen wurde, wurden die Räumlichkeiten des Verlags Watanabe zerstört, einschließlich aller bis dahin von Hasui produzierten Druckblöcke und Lagerbestände. Hasuis Skizzenbücher gingen ebenfalls verloren. Abdrücke aus der Zeit vor dem Erdbeben sind daher äußerst selten. In der Ausstellung Kawase Hasui. Die Vorstellungskraft Japans -Shin Hanga: die Wiedergeburt der japanischen Druckgrafik, die noch bis zum 15. März im Japan Museum Siebold Huis in Leiden zu sehen ist, erhält das Publikum die einzigartige Gelegenheit, mehr als dreißig Drucke aus Hasuis früher Zeit zu bewundern.

Neustart in Trümmern

Sowohl Hasui als auch Watanabe überlebten die Bombardierung Tokios während des Zweiten Weltkriegs. Diesmal blieben die Vorräte verschont. In den Ruinen einer zerstörten Stadt nahmen sie bald ihre Arbeit wieder auf. Trotz der vorherigen Kriegsjahre blieb die amerikanische Nachfrage nach japanischen Drucken hoch. Dies war den amerikanischen Soldaten der Besatzungsarmee in Japan zu verdanken. Watanabe reagierte geschickt darauf, und bald wurden Werke in großer Zahl exportiert.

Druckgrafik und Illustrationen

Die Ausstellung zeigt nicht nur Hasuis Drucke, sondern hebt auch seine weniger bekannte Seite hervor: Illustrationen für Speisekarten, Zeitschriften, Poster und Postkarten. Diese Werke werfen neues Licht auf Hasuis Vielseitigkeit und zeigen, wie sich sein Stil im Laufe der Jahre entwickelte. Die in dieser Ausstellung gezeigten Drucke stammen von privaten und institutionellen Kreditgebern aus den Niederlanden, Belgien und Deutschland.

Bildmacher Japans

Hasui gilt im Westen als wichtiger Bildner Japans, mit einem beeindruckenden Werk von mehr als 600 Drucken, die bis heute weltweit bewundert werden. Das Japan Museum Siebold Huis feiert eine Premiere mit der ersten Hasui-Ausstellung in Europa.

Katalog und Aktivitäten

Diese Ausstellung wird von einer umfangreichen Veröffentlichung des Verlags Ludion begleitet, die mehr als 250 Illustrationen und kurze Essays zu verschiedenen Aspekten von Hasuis Leben und Werk enthält.

Es gibt ein vielseitiges Aktivitätsprogramm für Jung und Alt, das eine weitere Vertiefung des ‚Kawase Hasui‘ bietet. Die Vorstellungskraft Japans‘. Für Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren gibt es eine kostenlose Schnitzeljagd.

Nähere Informationen: Japan Museum SieboldHuis, Besuchsadresse: Rapenburg 19, 2311 GE Leiden, Telefon: 071-5125539, E-Mail: info@sieboldhuis.org. Eröffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 10 bis 17 Uhr. Die Öffnungszeiten können bei privaten Veranstaltungen variieren.