Das Museum Küppersmühle präsentiert bislang unbekannte Werke
Der 1942 in Kiel geborene Rolf-Gunter Dienst war ein scharfsinniger Beobachter der Welt, und er reagierte auf seine Umwelt mit faszinierenden Arbeiten in Wort und Bild. Als Autor, Kritiker und Künstler reflektierte er den Alltag, spiegelte ihn humorvoll, zugleich tiefgründig wider. Er war als bildender Künstler Autodidakt und hat ein reiches Œuvre aus Grafiken und Gemälden, Korrespondenzen und eigenen Schriften geschaffen. Zudem sammelte er selbst Kunst und Literatur. Die Ausstellung in der Sammlung Ströher im MKM präsentiert nun erstmals Schätze aus seinem seit 2022 hier betreuten Nachlass, die noch nie gezeigt wurden. Die Ausstellung gibt mit über hundert Exponaten aus den Jahren 1960 bis 2014 einen Einblick in die vielfältigen Bestände.
Mit Bildern wie „Sweets for Ladies, Mints for Men“ zeigte er sich bereits in den frühen 1960er Jahren als feinsinniger, selbstironischer Kommentator seiner Zeit. Die Wiederentdeckung früher Meisterwerke wie diesem belegt die anhaltende Frische und Unverbrauchtheit seiner Kunst.
Wie bei kaum einem anderen Künstler verbinden sich bei Rolf Gunter Dienst die schriftstellerische und gestalterische Arbeit. Schon innerhalb seines Frühwerks entwickelte er die Idee eines Momentetagebuchs: Mit seinen Bildern kommentierte er zunächst reale oder fiktive Ereignisse seines Lebens und vermerkte dann Ort und Datum der Entstehung im Bildtitel. Bis zu seinem Lebensende malte er auf diese Weise jeden Tag mindestens ein Bild. Die Fülle an Werken offenbart im Rückblick ein prozessuales Konzept: Die künstlerische Gegenwart steht im Rahmen der rituellen, täglichen Wiederholung im Mittelpunkt seines Schaffens. Das Resultat, das Gemälde selbst, tritt durch den Fokus auf die Werkreihe in den Hintergrund.
Seine frühesten Gemälde zeigen Figuren, die an linear angeordnete Schriftzeichen erinnern und von Dienst als Kürzel bezeichnet wurden. Mit diesen experimentierte er und wandelte sie zu freigestellten Ornamenten, bis sie später in den Hintergrund traten. Ab den 1970er Jahren dominiert die Farbe seine Gemälde und das Kürzel, nunmehr eine in sich verschlungene Zeichenkette, wird zu einer All-Over-Struktur, die seine Gemälde wie ein Rasternetz hinterfängt.
Rolf-Gunter Dienst war als Autor, Verleger und Kunstkritiker gut vernetzt. Von Anfang an fanden seine aktuelle Lektüre und seine Beschäftigung mit internationalen Literatinnen und Künstlerinnen Eingang in sein eigenes Schaffen. Eine Gruppe von Tuschezeichnungen aus seinem Frühwerk, die hier erstmals ausgestellt wird, ist beispielsweise inspiriert von der Kurzgeschichte Mademoiselle Claude des US-amerikanischen Autors Henry Miller. Später entstanden Gemälde, in denen Dienst den Roman Moby Dick oder Gedichte des irischen Nobelpreisträgers Seamus Heaney honorierte. Von seinen Künstlerkolleginnen verehrte er besonders Agnes Martin, Mark Rothko, Gerhard Hoehme und Ad Reinhardt, den er bei seinem ersten Aufenthalt in New York kennenlernte. Diese gestalterischen Eindrücke lassen sich in seinen minimalistischen, konzeptuellen Bildern erahnen.
Rolf-Gunter Dienst hat ein Œuvre hinterlassen, das als Spiegel postmoderner Kunstströmungen gesehen werden kann, aus einer spannenden Doppelrolle heraus: Er war zugleich Produzent und Rezipient. Mit seinem Bruder Klaus-Peter gab er zwischen 1960 und 1965 die Zeitschrift RhinozEros heraus, die sich mit avantgardistischer Kunst und Literatur beschäftigte. Ab 1965 war er Redakteur der Zeitschrift Das Kunstwerk und publizierte eine Reihe von kunstkritischen Besprechungen, wie einer der ersten deutschsprachigen Berichte über die amerikanische Pop-Art im Jahr 1965. Zwischen 1966 und 1968 war er in New York als Gastdozent, Kunstkritiker und Maler tätig. Durch Gastprofessuren, Stipendien und Preise lebte und arbeite Rolf-Gunter Dienst unter anderem in Paris, Rom, Australien, Japan und den Osterinseln.
2016 starb er kurz vor der Eröffnung seiner großen Einzelausstellung im Museum Küppersmühle. Rolf-Gunter Dienst ist sowohl eine historische Figur als auch dank seines treffenden Scharfsinns wie seiner sinnlich und emotional anrührenden Bilder ein heute relevanter Künstler. Diese Ausstellung zeigt: Dienst spricht noch immer zu uns und überrascht stets aufs Neue. Die Ausstellung wurde von Katharina Zimmermann und Julia Sonnenfeld Wurthmann kuratiert.
Nähere Informationen: Museum für moderne Kunst Küppersmühle, Philosophenweg 55, 47051 Duisburg, Telefon 0203 30194811, E- Mails: kasse@museum-kueppersmuehle.de (für Kasse und Information), buchung@museum-kueppersmuehle.de (für Buchung von Führungen und Workshops) und office@museum-kueppersmuehle.de (für Stornierungen und Fragen zu Tickets), Internet: www.museum-kueppersmuehle.de. Geöffnet ist von Freitag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr.