Infos zur Stiftung Pierre Bourdieu

Die Stiftung Pierre Bourdieu wurde 2005 in Genf (Schweiz) gegründet. Sie hat zum Zweck, im Sinne des Namensgebers – der seine Forschungen interdisziplinär und international vernetzte – Fächer und Länder übergreifende Debatten der verschiedenen Sozial- und Humanwissenschaften sowohl auf wissenschaftlicher wie auch auf politischer Ebene zu fördern.

Zur Gründung

Die Stiftung beruht auf einem Konzept, an dem der französische Soziologe Pierre Bourdieu wenige Monate vor seinem Tod 2002 mitgearbeitet hatte. Präsident ist der Soziologe Franz Schultheis. Er ist zur Zeit Professor für Soziologie an der Zeppelin Universität Friedrichshafen und Mitglied des „Nationalen Forschungsrates“ der Schweiz und hatte seit 1986 mit Bourdieu im „Centre de sociologie Européenne“ in Paris zusammengearbeitet. Die weiteren Gründungsmitglieder stammen ebenfalls aus dem Umfeld Pierre Bourdieus und haben gemeinsam mit ihm geforscht und publiziert.

Stiftungszweck

Zu den Zielen der Stiftung gehören die möglichst frei zugängliche Weitergabe des Vermächtnisses Bourdieus, dieVerwaltung des fotografischen Archivs, die Unterstützung von Initiativen, die die nationalen Bildungstraditionen von Sozialwissenschaften überschreiten, die Förderung von Interdisziplinarität innerhalb der Sozialwissenschaften, die Organisierung eines kritischen Netzwerkes von Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen. die Unterstützung der Beiträge dieses Netzwerkes gegen eine Vermarktung wissenschaftlicher Beiträge, die Koordination verschiedener wissenschaftlicher und kultureller Projekte, die Herausgabe der Reihe „Schriften“ (Suhrkamp), die Herausgabe der Reihe “Forschen mit Bourdieu” (transkript) und die Organisation der Tagungen “Bourdieu Lectures” in Kooperation mit der Universität Bielefeld, der Zeppelin Universität (Friedrichshafen) und der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Über das Archiv

„Die Fotografien, die Pierre Bourdieu im Rahmen seiner ethnologischen und soziologischen Forschungsarbeiten während des Befreiungskrieges in Algerien gemacht hat, ermöglichen es uns, einen neuen Zugang zu seinem Blick auf die gesellschaftliche Welt zu gewinnen. Diese Fotos, die vierzig Jahre lang in verstaubten Kartons vergraben blieben, zeugen von einer Initiationsreise und einer tief gehenden biographischen Konversion, die den Ausgangspunkt einer außergewöhnlichen wissenschaftlichen und intellektuellen Flugbahn bildeten“ [Franz Schultheis, 2019]

Pierre Bourdieu hat sein gesamtes Archiv an Fotografien, die während seiner Feldforschungsarbeiten in Algerien zwischen 1958 und 1961 und 1961 bis 1962 in Lasseube, Béarn (Frankreich) entstanden sind, der „Stiftung Bourdieu“ und „Camera Austria“ anvertraut, mit dem Ziel sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Bourdieu stand einer Veröffentlichung seiner Fotografien zu Lebzeiten sehr kritisch gegenüber, da er diese nicht als ästhetisch-künstlerische Fotografie missverstanden wissen wollte.

Gemeinsam mit ihm wurde deshalb entschieden, dass diese fotografische Arbeit anlässlich von Publikationen oder Ausstellungen immer nur als untrennbarer Teilaspekt seiner ethnografischen Feldforschungen und in ihrem Dialog mit den jeweils zeitgleich entstanden schriftlichen Zeugnissen verstanden und präsentiert werden sollten. Seit seinem Tod wurden diese Bilder in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Pierre Bourdieu nutzte die Fotografie während seiner frühen Feldforschungen systematisch als Methode, Instrument und Erkenntnisform. Dadurch erweitert er das Forschungs- und Methodenrepertoire der Sozialwissenschaften um originär empirisch-fotografische Bildpraktiken. Bisher war nur ein Bruchteil des Bourdieu´schen Fotoarchivs und der umfangreichen mit ihm korrespondierenden Dokumente in Paris zugänglich. Jetzt erst konnten im Rahmen des DFG-Projekts „Fotografie als Instrument, Methode und Erkenntnisform soziologischer Forschung bei Pierre Bourdieu“ die visuellen Komponenten gesichtet, strukturiert und mit den ethnographischen und soziologischen Studien Bourdieus in Beziehung gesetzt werden. Die erstmalige digitale Archivierung der Fotografien ermöglicht nun allen Anhängern Bourdieus, Forschern, Historikern, die sich für die Kolonialzeit, sowie Revolution in Algerien interessieren, aber selbstverständlich auch Fotografen und Foto-Ästheten freien Zugang zu den Fotografien.

Zu den Hauptaktivitäten der „Fondation Pierre Bourdieu“ zählte bis jetzt die Verwaltung von Bourdieus photographischem Archiv mit Bildern von seiner Forschung in Algerien. Bourdieu übergab diese Bilder der „Fondation Pierre Bourdieu“ und „Camera Austria“. So weit wie möglich am Sinn Bourdieus orientiert, der das Projekt bis zum Herbst 2001 begleiten konnte, wurde unter Kuratorenschaft von Franz Schultheis und Christine Frisinghelli die Wanderausstellung Pierre Bourdieu. In Algerien. Zeugnisse der Entwurzelung konzipiert. Sie war erstmals 2003 im Institut du monde arabe in Paris zu sehen und wandert seither, stets begleitet von Symposien und Konferenzen, die das Erbe und die Relevanz der Theorie und der Methoden (insbesondere der Photographie) Bourdieus diskutieren.

Bisher war das Archiv in den USA, in Algerien und in vielen Ländern Europas zu sehen. Die ausstellungsbegleitende bebilderte Publikation liegt in deutscher und französischer Sprache vor. In der umfangreichen Rezeption der Ausstellung in Fachzeitschriften und der Tagespresse ist zunehmend klar geworden, dass die Arbeiten Bourdieus nicht primär in ihrer ästhetischen Dimension, sondern als visuelle Anthropologie bzw. ethnographisches Primärmaterial zu betrachten sind und einen Zugang zu Bourdieus Gesamtwerk ermöglichen.

2024 wurde das Archiv zurück in “seine Heimat” nach Paris gebracht. Das Centre Pompidou kaufte einen Großteil der Sammlung auf, die sich nun in der Kadinsky Bibliothek am Standort in Paris befinden. Die Bildrechte bleiben weiterhin bei der Fondation Pierre Bourdieu. Durch die Verwaltung der Bildrechte am photographischen Archiv Bourdieus und die Veröffentlichung dieser Zeugnisse will die Stiftung auch in Zukunft dazu beitragen, das intellektuelle Vermächtnis Bourdieus weiterzuverbreiten

Pierre Bourdieu – Leben und Wirken

Pierre Félix Bourdieu (* 1. August 1930 in Denguin; † 23. Januar 2002 in Paris) zählt zu den herausragendsten Vertretern der Sozialwissenschaften des 20. Jahrhunderts.

Nach der Schule begann er ein Philosophie Studium an der Elitehochschule „École normale supérieure“(ENS), wo er 1954 die Agrégation erhielt und anschließend mit einer Dissertation bei Georges Canguilhem begann. 1955 wurde er mit 25 Jahren zum Militärdienst eingezogen. Nur für eine kurze Zeit war er in Versailles stationiert. Aus disziplinarischen Gründen wurde er in den Algerienkrieg einberufen, wo er zunächst beim Bodenpersonal einer Luftwaffeneinheit als Schreibkraft eingesetzt und anschließend zum Nachrichten- und Dokumentationsdienst des Generalgouvernements in Algier versetzt wurde. Dort nutze Bourdieu seinen Zugriff auf die bestausgestatteten Bibliotheken des Landes.

1957 brach er seine Promotion ab, um sich ethnologisch-soziologischer Feldforschung in Algerien zu widmen. Die Methoden der Ethnologie eignete er sich autodidaktisch an. Mit dem Willen die algerische Gesellschaft besser zu verstehen blieb er auch nach seiner Zeit beim Militär in der algerischen Hauptstadt und übernahm eine Dozentur an der „Faculté des lettres“ in Algier. Zwischen 1958 und 1960 führte er Feldforschungen zur Kultur der Berber durch. Dies war unter den Bedingungen des Krieges nicht selten sehr riskant und gefährlich. In der Kabylei arbeitete Bourdieu mit den ansässigen „pères blancs“, katholischen Missionaren aus dem Orden der Afrikamissionare, zusammen. Mit Unterstützung einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern führte er zwei große sozialwissenschaftliche Erhebungen durch. Eine widmete sich dem Arbeitsbegriff im städtischen Umfeld, die andere beschäftigte sich mit den „entwurzelten“ Bauern in den von den Franzosen eingerichteten Umsiedlungslagern.

Bourdieu war zeitlebens ein ungewöhnlicher Denker, der zwischen den Disziplinen und Wissenschaftskulturen wandelte. Als kritischer Intellektueller hinterfragte er den Kolonialkrieg und nahm stets zu allem politisch Stellung. Zu jener Zeit, in der den Kolonisierten nicht nur die wirtschaftliche Rationalität, sondern auch Kultur abgesprochen wurde, versuchte er nicht nur materiell, sondern auch symbolisch die Beherrschten zu rehabilitieren. Das tat er, in dem er ihre Formen der Rationalität herausarbeitete, schriftlich festhielt und somit auch dem Westen (insbesondere den Franzosen) die Möglichkeit gab diese nachzuvollziehen.

In der Zeit zwischen 1958 und 1961 entstanden rund 3000 Fotos, die das Alltagsleben (und dessen Besonderheiten zu Zeiten der Kolonisation und des Krieges) in Algerien. Vereinzelt dienten die Fotos Bourdieu als Titelbilder für seine Bücher oder wurden in den Publikationen zur Anschauung verwendet. Auch wenn bereits 1958 seine erste Publikation „Sociologie de l’Algérie“ erschien. Weitere zunächst nicht publizierte Manuskripte und einige Fachaufsätze folgten. In seinem späteren sehr vielfältigen Oeuvre nahm er immer wieder Bezug auf das nordafrikanische Land, so etwa in seinem berühmten 1972 erschienenen »Entwurf einer Theorie der Praxis auf der Grundlage der kabylischen Gesellschaft« (Esquisse d’une théorie de la pratique. Précédé de Trois études d’ethnologie kabyle).

Pierre Bourdieu schrieb über sein Projekt: „Ich kam als Wehrpflichtiger nach Algerien. Nach zwei recht harten Jahren, in denen von wissenschaftlicher Arbeit keine Rede sein konnte, konnte ich mich wieder dransetzen. Ich begann ein Buch (Sociologie de l’Algérie) zu schreiben mit der Idee, die Realität dieses Landes und die tragische Situation bekannt und greifbar zu machen, in der die Algerier stecken – aber nicht nur sie, auch die Algerier-Franzosen, deren Lage nicht minder dramatisch war, was immer über deren Rassismus etc. zu sagen war. Ich war betroffen über die Kluft zwischen den Vorstellungen der französischen Intellektuellen von diesem Krieg, davon wie er zu beenden sei, und meinen Eindrücken, dem, was ich mit eigenen Augen sah. Ich wollte nützlich sein, vielleicht nur um mein schlechtes Gewissen einzuschläfern. Ich mochte mich nicht mit dem Lesen von Büchern und dem Gang in Bibliotheken begnügen. In einer historischen Situation, in der in jedem Moment, in jeder politischen Erklärung, in jedem Gespräch, in jeder Petition die gesamte Wirklichkeit auf dem Spiel stand, war es absolut notwendig, selber an den Ort des Geschehens zu gehen und sich ein eigenes Bild zu machen – gleichviel wie gefährlich das sein mochte, und es war gefährlich.“ [Bourdieu, 1986, S. 146]

Nach seiner Rückkehr nach Frankreich war Bourdieu von 1960 bis 1961 Assistent von Raymond Arons, der ihn an der philosophischen Fakultät der Sorbonne in seinen Forschungsvorhaben unterstützte. Es folgten Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte in Princeton und am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

1963 publizierte er gemeinsam mit Alain Darbel, Jean-Paul Revet und Claude Seibel Abhandlungen über die Entstehung der Lohnarbeit und eines städtischen Proletariats in Algier (Travail et travailleurs en Algérie).

1964 erschien eine Arbeit über die Krise der traditionellen Landwirtschaft, die Zerstörung der Gesellschaft sowie die Umsiedlungsaktionen durch die französische Armee, die er gemeinsam mit Abdelmalek Sayad verfasst hatte (Le Déracinment).

Viele weitere Werke Bourdieus beziehen sich auf die ethnologischen und soziologischen Forschungsergebnisse in Algerien, insbesondere seine Veröffentlichungen zur Theorie der Praxis (Esquisse d’une théorie de la pratique) auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft im Jahr 1972 und „Sozialer Sinn; Kritik der theoretischen Vernunft (Le Sens pratique) aus dem Jahr 1980, ebenso seine späte Arbeit „Die männliche Herrschaft“ (La domination masculine) von 1998.

Seit 1975 hat er die Forschungsreihe „Actes de la recherche en sciences sociales“ herausgegeben.

1964 wechselte Bourdieu an die „École des hautes études en sciences sociales“ (EHESS), wo er 1968 mit Hilfe Raymond Arons das „Centre de sociologie européenne“ (CSE) gründete, dessen Direktor er 1985 wurde.

Ab 1981 kam Bourdieu in den »Olymp der französischen Wissenschaft und Intelligentsia« und wurde auf einen Lehrstuhl für Soziologie am „Collège de France“ berufen, eine der höchsten Positionen im französischen Universitätssystem. 1993 erhielt er die höchste akademische Auszeichnung, die in Frankreich vergeben wird, die „Médaille d’or des Centre National de Recherche Scientifique“. 1997 wurde ihm der „Ernst-Bloch-Preis“ der Stadt Ludwigshafen verliehen.

Zwischen 2000 und 2002 kam es schließlich zu einem Austausch zwischen Bourdieu, Camera Austria und der Fondation Bourdieu. Daraufhin wurden seine fotografischen Dokumente, die seit Jahrzehnten in Kisten verstaubten, gesichtet, strukturiert und mit den ethnographischen und soziologischen Studien Bourdieus in Beziehung gesetzt. Dieses Vorhaben wird mit Hilfe dieser Webseite und den Werken der im Transcript Verlag erscheinenden Buch-Reihe »Visuelle Formen soziologischer Erkenntnis – Pierre Bourdieu und die Fotografie« weiterentwickelt

Nähere Informationen: Fondation Bourdieu, Rosgartenstrasse 41, 8280 Kreuzlingen, SchweizVerantwortlich für den Inhalt: Prof. Dr. Franz Schultheis, E-Mail franz.schultheis@zu.de, Telefon +41 71 2242930.

Geschlecht – Herrschaft – Visualität – Pierre Bourdieus soziologischer Blick

Die Ausstellung „Geschlecht – Herrschaft – Visualität – Pierre Bourdieus soziologischer Blick“, die vom 15. November bis zum 1. März 2026 in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen ist, zeigt thematisch ausgewählte Fotografien aus dem Nachlass des französischen Soziologen Pierre Bourdieus, die nach seiner Aussage seine wichtigsten theoretischen Konzepte visualisierten.

Bourdieu gehört zu den prägenden Stimmen der internationalen Soziologie des 20. Jahrhunderts. Seine Hauptwerke, wie „Die feinen Unterschiede“ (1979) oder „Das Elend der Welt“ (1997), werden breit rezipiert. Weniger bekannt sind hingegen Bourdieus frühe ethnographische Forschungen in Algerien zwischen 1957 und 1961, die während des algerischen Unabhängigkeitskriegs (1954–1962) unter der französischen Kolonialherrschaft entstanden. Hier begleitet ihn seine Kamera und der Blick durch den Sucher bei vielfältigen empirischen Studien auf Schritt und Tritt.

In hunderten fotografischen Aufnahmen sicherte er die Spuren einer durch koloniale Gewalt zerstörten traditionellen Lebensform und die Folgen der Entwurzelung durch brutale Zwangsumsiedlung breiter Bevölkerungsgruppen. Bourdieus soziologischer Blick richtete sich besonders darauf, wie sich geschlechtsspezifische Alltagspraxen und Rollenbilder in verschiedenen sozialen Kontexten zeigen – etwa bei der Arbeit oder in sozialen Tätigkeiten im privaten und öffentlichen Raum. Diese frühen Beobachtungen von körperlichen und sozialen Verhaltensweisen wurden später zu einer wichtigen Inspirationsquelle für seine Habitus-Theorie und die Studie „Die männliche Herrschaft“. Die Ausstellung arbeitet daher mit einer systematischen Kombination von Bild und Text, um diesen Zusammenhang deutlich sichtbar zu machen.

Am 19. und 20. November finden in der Kunsthalle Bielefeld die ersten „Bourdieu- Lectures“ der Universität Bielefeld statt. Sie bilden eine jährlich stattfindende Symposiumsreihe, die in enger Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld, der Zeppelin Universität (Friedrichshafen), der Pädagogischen Hochschule Freiburg und der „Fondation Pierre Bourdieu“ organisiert und ausgerichtet wird.

Details und Anmeldung finden Interessierte auf der Website der Fondation Bourdieu.

Nähere Informationen: Kunsthalle Bielefeld, Artur-Ladebeck-Straße 5, 33602 Bielefeld, Telefon: 0521 32999500, Fax: 0521 329995050, E-Mail: info@kunsthalle-bielefeld.de. Die Kunsthalle ist am Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr, am Mittwoch von 11 bis 21 Uhr geöffnet.

Industriekultur anderenorts: „Zeche Nachtigall in Witten“

Das Muttental in Witten, in dem das LWL-Museum „Zeche Nachtigall“ liegt, gilt als „Wiege des Ruhrbergbaus“. Anders als der Name des LWL-Industriemuseums vermuten lässt, gibt es dort noch viel mehr zu entdecken als nur die Spuren der ehemaligen Kohlenzeche. Das heutige Museumsgelände wurde im Laufe der Zeit mehrfach umgenutzt.

Alles begann vor über 300 Jahren mit dem Kleinbergbau. Ausgerüstet mit Eimer und Schaufel machten sich zunächst ein paar ortsansässige Bauern auf die Suche nach der nahe an der Erdoberfläche liegenden Kohle. Es folgte der professionelle Stollenbetrieb, der schließlich durch drei Tiefbauschächte mit einer Tiefe von bis zu 450 Metern erweitert wurde. Nachdem der Zechenbetrieb 1892 eingestellt wurde, ließ sich der Unternehmer Wilhelm Dünkelberg auf dem ehemaligen Zechengelände nieder und errichtete dort eine Ziegelei. Vor Ort abgebaut wurden nun der benötigte Schieferton, Sandstein und die Restkohlen, die die Zeche Nachtigall übrigließ.

Erst 1963 wurde der Ziegeleibetrieb eingestellt und der allmähliche Verfall des heutigen Industriekulturdenkmals begann. Zwischenzeitlich wurde das Gelände sogar als Schrottplatz genutzt, bis der Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL) 1979 beschloss, den Ort aufwendig zu restaurieren und ihn für Besucherinnen und Besucher zugänglich zu machen.

Mitglieder der Fotografischen Gesellschaft Osnabrück haben unter anderem die historische Dampfmaschine fotografiert sowie den Ringofen der ehemaligen Ziegelei Dünkelberg mit ihrem markanten Schornstein.

Die Ausstellung „Zeche Nachtigall in Witten“, die noch bis zum 25. Januar 2026 zu sehen ist, ist Teil der Reihe „Industriekultur andernorts“ im Museum für Industriekultur (MIK) in Osnabrück. Diese präsentiert in unregelmäßigen Abständen Impressionen von Industriekulturlandschaften anderer Regionen und ermöglicht so interessante Vergleiche mit den Gegebenheiten vor der eigenen Haustür am Piesberg.

Nähere Informationen: MIK – Museum Industriekultur Osnabrück, Fürstenauer Weg 171, 49090 Osnabrück, E-Mail: info@mik-osnabrueck.de

Kulturtipp: Wolfgang Tillmanns in Remscheid

Einer der bedeutendsten zeitgenössischen Fotografen weltweit, Wolfgang Tillmans (*1968, in Remscheid), präsentiert auf 600 Quadratmetern eine Ausstellung mit seinen Werken in Remscheid im frisch sanierten Haus Cleff neben dem Werkzeugmuseum.

Im Tillmans-Jahr 2025 mit Großprojekten im Albertinum Dresden und dem Centre Pompidou, Paris, bietet die Ausstellung in der Geburtsstadt des Künstlers mit originärem Ortsbezug und ihren biografischen Verflechtungen eine ganz neue Perspektive auf sein künstlerisches Schaffen. Tillmans zeigt im Haus Cleff eine Gesamtinstallation mit Fotografien und Videoprojektionen in 30 Räumen auf drei Etagen.

Ein Besuch lohnt sich wegen der Ausstellung, aber auch das sanierte historische Rathaus als Ausstellungsort ist sehenswert und wer noch Lust hat, kann einen Rundgang durch das Deutsche Werkzeugmuseum auf gleichem Gelände machen. Die Ausstellung wird noch bis zum 4. Januar 2026 gezeigt.

Wolfgang Tillmans gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der zeitgenössischen Fotografie. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Porträt, Abstraktion und gesellschaftlicher Reflexion – stets mit einem einzigartigen Gespür für das Sichtbare und das Unsichtbare.

Schon als Jugendlicher entdeckte Tillmans seine Leidenschaft für die Fotografie. Nach ersten Experimenten mit Fotokopien zog er nach England, wo ihn die pulsierende Club- und Kunstszene der 1990er prägte. Seine ungestellten Porträts von Freundinnen und Freunden, Liebenden und Partys erschienen in Magazinen wie „i-D“ und „Spex“ – und machten ihn bekannt als den Fotografen einer Generation.

Tillmans hat die klassische Fotografie radikal erweitert. Er hängt Bilder ohne Rahmen an die Wand, kombiniert große und kleine Formate und lässt Alltagsszenen neben abstrakte Farbverläufe treten. Mit Werkreihen wie „Freischwimmer“, „Silver“ oder „Blushes“ erschafft er farbige, fast malerische Kompositionen – ohne Kamera, direkt auf Fotopapier. So wird Fotografie für ihn zu einem Experiment mit Licht, Chemie und Zufall.

In seiner Serie „Neue Welt“ (ab 2009) widmet sich Tillmans der digitalen Fotografie. Er reist um den Globus, fotografiert Menschen, Städte und Landschaften – und untersucht, wie sich durch Technik unser Sehen verändert. Seine Fotos erzählen weniger von Motiven als von Wahrnehmung selbst.

Tillmans nutzt Fotografie als gesellschaftliches Werkzeug. Mit Projekten wie dem „truth study center“ stellt er Fragen nach Wahrheit, Medien und Verantwortung. Er engagiert sich gegen Nationalismus und für Vielfalt – und bringt auch persönliche Themen wie seine HIV-Erkrankung offen in seine Kunst ein.

Im Jahr 2000 gewann Wolfgang Tillmans als erster Fotograf den Turner Prize – eine Sensation in der Kunstwelt. 2015 folgte der renommierte „Hasselblad Award“. Seine Werke hängen heute in bedeutenden Museen wie dem „MoMA“ New York, der „Tate Modern“ London und dem Museum „Ludwig“ Köln. Neben seiner künstlerischen Arbeit lehrte er an der Städelschule Frankfurt und betreibt in Berlin den Projektraum „Between Bridges“, der sich sozial engagierter Kunst widmet.

Nähere Informationen: Haus Cleff, Cleffstraße 2-6, 42855 Remscheid, E-Mail: mail@haus-cleff.de, Internet: http://www.haus-cleff.de

Deutscher Friedenspreis für Fotografie 2025 und Felix Schoeller Photo Award 2025

Im Museumsquartier Osnabrück werden die ausgezeichneten und nominierten Arbeiten des „Deutschen Friedenspreises für Fotografie 2025“ und des „Felix Schoeller Photo Award 2025“ präsentiert. Die Ausstellung dokumentiert die Vielfalt zeitgenössischer Fotografie und wie eindrucksvoll sie gesellschaftliche Entwicklungen, Fragen nach Verantwortung und die Suche nach Frieden sichtbar machen kann.

Der Deutsche Friedenspreis für Fotografie, gemeinsam vergeben von der Stadt Osnabrück und der Felix Schoeller Group, zeichnet künstlerische Positionen aus, die sich in besonderer Weise mit dem Thema Frieden auseinandersetzen. 2025 erhielt Maximilian Mann den Preis für seine Serie „Letzte Rettung Oberhausen“. Die Arbeit porträtiert Menschen, die in einer stillgelegten Zeche Zuflucht gefunden haben, und überzeugte die Jury durch ihren sensiblen, dokumentarischen Blick. Mann setzte sich damit gegen Bewerbungen aus 88 Ländern durch.
Der Felix Schoeller Photo Award wurde in diesem Jahr in zwei Kategorien vergeben. In der Kategorie „Nachhaltigkeit“ ging der Preis an den deutsch-mexikanischen Fotojournalisten Axel Javier Sulzbacher für seine Serie „Green Dystopia“, die sich mit den ökologischen und sozialen Auswirkungen technologischen Fortschritts auseinandersetzt.

In der Kategorie „Nachwuchs“ wurde die in Frankfurt und Berlin lebende Künstlerin Verdiana Albano für ihre Arbeit „I ain’t from no east coast“ ausgezeichnet, in der sie Fragen von Identität, Zugehörigkeit und kulturellem Erbe untersucht.

Die Ausstellung vereint alle prämierten und nominierten Serien beider Wettbewerbe und bietet einen aktuellen Einblick in die internationale Fotografie. Die gezeigten Arbeiten verdeutlichen, wie Fotografie über das Sichtbare hinausweist und neue Perspektiven auf globale Zusammenhänge eröffnet.

Gezeigt werden alle Arbeiten der Fotografinnen und Fotografen – beim persönlichen Besuch entfalten die Originale ihre volle Ausdruckskraft und Wirkung.

Öffentlichen Führungen durch die Ausstellung werden jeweils Sonntags, 26. Oktober, 30. November, 25. Januar 2026 und 22. Februar um 15.30 Uhr angeboten.

Zum Foto „Letzte Rettung Oberhausen“ von Maximilian Mann

Im Ruhrgebiet liegt ein besonderer Ort, an dem die globalen Krisen und Konflikte dieser Welt eine erschreckende Nähe gewinnen: das Friedensdorf Oberhausen. Hier manifestieren sich die Folgen von Krieg und Gewalt in Gesichtern – gezeichnet von Brandnarben, Verletzungen und Schmerz. Es sind die Gesichter von Kindern, die noch keine Jugendlichen sind und doch bereits das Schlimmste durchlebt haben.
Doch dieser Ort ist keiner der Resignation, sondern einer des Neuanfangs. Durch medizinische Versorgung und das Engagement ehrenamtlicher Ärztinnen und Ärzte erhalten die Kinder nicht nur körperliche Heilung, sondern auch eine Perspektive – einen Moment des unbeschwerten Lachens, einen Schritt zurück ins Leben.

Nähere Informationen: Museumsquartier, Lotter Straße 2, 49078 Osnabrück, E-Mail: museum@osnabrueck.de, Telefon: 0541 323-2207 oder 0541 323-2237.

Nachtrag zum DKM Museum

Wie auf dieser Seite in einem vorherigen Artikel zum DKM-Museum in Duisburg schon erwähnt, werden in der dortigen Sammlung fünf Bereiche vereint: zeitgenössische Kunst seit den 1960er Jahren, alte und aktuelle Kunst vom Orient bis Fernost, Kunst aus Alt-Ägypten, Gefäße aus 5.000 Jahren Kulturgeschichte sowie klassische und zeitgenössische Fotografie.

Hier soll etwas näher darauf eingegangen werden.

Neue Kunst:

Das Sammeln aktueller Kunst setzt Mitte der 1960-er Jahre ein und dauert bis heute an. Dabei richtet sich das Interesse zunächst auf konkrete, später auch auf konzeptuelle Kunst. Die Zuneigung zu plastischen Werken und Rauminstallationen übertrifft diejenige zu gemalten Bildern. Farben finden sich eher als annähernd monochrome Farbfeldmalerei denn als malerische Farbtonmodulation. In Graphik und Zeichnung dominieren die Linie oder die klare Farbfläche.

Etwa ein Drittel des Werks von Ernst Hermanns, des einzigen Bildhauers der 1948 in Recklinghausen gegründeten Gruppe „junger Westen“, befindet sich in der Sammlung DKM. Sein künstlerischer Weg vom Informel zur konkreten Kunst ist nachvollziehbar zu sehen. Als ein Hauptwerk wird der «Düsseldorfer Raum» (1994) dargeboten.

Zur konkreten Kunst tragen die Schweizer Gottfried Honegger als Maler und Plastiker, Peter Stein als Maler und Zeichner sowie Hugo Suter als Plastiker ebenso bei wie Erich Reusch mit einer Bodenskulptur aus Stahlblöcken und mit Rußkästen, Ulrich Erben mit Farbfeldbildern und Alf Schuler mit einer Skulptur, die von der Schwerkraft mit geformt wird.

Von Norbert Kricke stammen zwei kleine plastische Arbeiten sowie eine Reihe von Zeichnungen, darunter sechs Blätter wie ein letztes Ausatmen, die kurz vor seinem Tod entstanden sind. Eine Stahlplastik von Otto Boll in Form eines zu den Enden spitz auslaufenden Kreissegments schreibt imaginär einen kompletten Kreis in den Raum.

Tadaaki Kuwayama ist mit monochromen Farbfeldern vertreten, Bernd Minnich hingegen mit einer sehr atmosphärischen Arbeit in Weiß, Gelb und Gold in einem gestreckten Querrechteck. Qiu Shi-Huas große, weiße Leinwand lässt gleichwohl eine Landschaft wie aus Nebeln auftauchen. Auf der Grenze zwischen gegenstandsfreier und abbildlicher Darstellung bewegen sich die aus der Linie lebenden Tiefdrucke von Ben Nicholson (1966/67).

Felsspaltende Kräfte manifestieren die Skulpturen von Ulrich Rückriem, der gleichzeitig den Gegensatz von polierten Flächen und natürlichen Oberflächen ausspielt. Von Rückriem stammt auch eine Reihe von Bildern mit dem Titel «Damenthema». Giuseppe Spagnulos Arbeit veranschaulicht Stahl aufbrechende Kräfte.

Spielarten konzeptueller Kunst bieten die Chinesen Ai Weiwei, Yin Xiuzhen und Song Dong, die Japaner Yuji Takeoka, Hayato Goto und Katsuhito Nishikawa, die Koreaner Jai Young Park und Lee Ufan, die Engländer Hamish Fulton und Richard Long, die Deutschen Christiane Möbus, Dorothee von Windheim, Raimund Kummer, Thomas Virnich und Nikolaus Koliusis.

Acht der 1001 Stühle («fairy-tales»), die Ai Weiwei zusammen mit gleich vielen Chinesen zur 12. Documenta 2007 nach Kassel gebracht hat, sind in die Sammlung gelangt, zudem «coloured vases», 39 neolithische Gefäße (2000/3000 BCE.), die durch Eintauchen in Industriefarbe bunt gefärbt sind, so dass sie nichts von ihrer Jahrtausende alten Geschichte berichten können. Yin Xiuzhens Installation «Peking-Oper» versetzt den Betrachter/Zuhörer in chinesische Alltagsszenen. Song Dongs Installation «Schreibe deine Botschaft mit Wasser» lädt dazu ein, Gedanken mit Pinsel und Wasser einer Steinplatte anzuvertrauen. Yuji Takeoka verwandelt Sockel, Podeste, Vitrinen, Schranken als Elemente musealer Präsentationen in eigenständig wirkende Formen, die die Aufmerksamkeit auf die Leere richten, auf das Abwesende, das als Energie aber spürbar wird. Katsuhito Nishikawas «Physalis» bildet nicht die Frucht nach, sondern überträgt deren Form durch gigantische Vergrößerung in autonome Skulptur.

Hayato Gotos Skulpturen in Form von Booten weisen auf übertragene Inhalte wie etwa jenes mit kunstvoll gefügtem Geäst, das den Titel «people» trägt. Hamish Fulton und Richard Long, Protagonisten der Land Art, lassen den Betrachter an Wanderungen teilnehmen, entweder durch einen poetisch beschreibenden Satz oder durch Serien von Zeichnungen oder Photographien, die auch die zeitliche Dimension veranschaulichen, oder durch Material, das unterwegs gesammelt und zu einem Steinkreis geformt wurde. Christiane Möbus‘ Werke lassen Humor durchblitzen: «Knochenarbeit» reiht Markknochenstücke zu einer Kette oder «Einer von Vieren» zeigt einen ausgestopften Flamingo unter einem Tisch mit vier Feldern dicht über dem Boden und mit einer schräg gestellten, gläsernen Platte. Es fragt sich: sind drei Flamingos entschwunden?

Thomas Virnich vermittelt bei seinem Werk «Von der Schule bis zur Kirche» eine Vorstellung von der Situation von seinem Atelier in einer ehemaligen Schule über mehrere Häuser bis zur Kirche, wobei auch das Innere der Häuser vom Dach bis zum Keller einzusehen ist. Seine Skulptur «Großer Pott» besteht aus zwei Teilen, die sich aufeinander beziehen: aus einem alten, leeren Kupferkessel und aus mehreren Stücken gebrannten Tons, die zu einer plastischen Form entsprechend dem Kesselvolumen zusammengesetzt sind.

In der Neuen Kunst bildet die Fotographie einen eigenen Sammlungsbereich, dessen Radius Reisefotographien des 19. Jahrhunderts aus Ägypten und Japan ebenso einschließt wie die zeitgenössische eines Wolfgang Volz oder Jaroslav Poncar, ferner die klassische Fotographie in großer Breite mit Namen wie Albert Renger-Patzsch, Adolf Lazi, Herbert List bis Bernd und Hilla Becher und Candida Höfer. Aktuelle Positionen vertreten der Koreaner Kyungwoo Chung, die Japaner Ruiji Miyamoto und Kazuo Katase, die Deutschen Robert Voit, Claudia Terstappen und Ulrich Tillmann, dessen Arbeit «Meditationen» zum Logo des Museum DKM avanciert ist.

Die Sammlungsbereiche Neue Kunst und Fotographie, die weit umfänglicher als hier beschrieben und im Museum DKM ausgestellt sind, wachsen kontinuierlich weiter.

Alte Kunst:

Der Bereich Alte Kunst ist in der Sammlung DKM in großer Breite vertreten: von der klassischen, griechisch-römischen Antike, über Kunsthandwerk und Kunst des alten Ägypten, Tiergefäße und Bronzen von Amlash im Nordwesten des heutigen Iran, bis zu Statuen, Statuenfragmenten und Reliefs aus Gandhāra (Pakistan/Afghanistan) sowie einigen Werken aus Indien. Der Radius reicht weiter: die Sammlung umfasst auch Buddha-Köpfe und -Büsten aus Ayutthaya, der alten Hauptstadt von Siam (Thailand), Keramik und Skulpturen der Khmer in Kambodscha, vor allem aber zahlreiche Statuetten, Statuen, Statuenfragmente, Ahnenbilder, Gelehrtensteine, Porzellane aus China, wobei der Schwerpunkt auf Werken der Han-, Wei-, Nördlichen Chi- und Tang-Dynastie (206 vor unserer Zeitrechnung – 968 nach unserer Zeitrechnung) liegt. Japanische Kunst beschränkt sich im Wesentlichen auf das 19. Jahrhundert.

Die klassische Antike ist mit wenigen Werken (Fragmenten von Marmorstatuen und Keramik) in der Sammlung repräsentiert. Stärker ist der Fokus auf alte ägyptische Kunst gerichtet. Der größere Teil des Bestandes ist dem Antikenmuseum und Sammlung Ludwig in Basel/CH als Dauerleihgabe überlassen, darunter das Relieffragment (Kopf) eines Beamten (Altes Reich, 2345 – 2181 vor unserer Zeitrechnung), das Fragment (Beine) einer Statuette des Amenophis’ III. (Neues Reich, 18. Dynastie, 1423 – 1365 vor unserer Zeitrechnung) und ein bronzener Apis-Stier (Spätzeit, 5. bis 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung), während im Museum DKM einige Gefäße aus verschiedenen Steinen (bis zu 3000 vor unserer Zeitrechnung), eine Osiris-Statuette und mehrere Ibis-Sarkophage gezeigt werden, sowie, als Rarität, ein kupferner Sarkophag für eine Spitzmaus (400–300 vor unserer Zeitrechnung). Die Tongefäße in Gestalt von Tieren oder Tierköpfen sowie die Tiergestalten in einer Kupferlegierung aus der Zeit von 1250 bis zum 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, aus dem Bereich der Stadt Amlash (Provinz Gilan), haben sicherlich kultische Aspekte als Voraussetzung für ihre Entstehung.

Die Sammlung umfasst mehrere Statuen und Statuenfragmente des Buddha und des Bodhisattwa, dazu eine Reihe von szenischen Reliefs zum Leben des Buddha, eine kleine, in ihre Teile zerlegte Stupa sowie verschiedene fein gearbeitete Gefäße aus Stein. Der hellenistische Einfluss macht sich im ponderierten Stand von Figuren wie auch in einem harten Schnitt von Nase, Brauen, Augenlidern und auch der Lippen bemerkbar.

Aus Indien stammt ein „linga“ aus dem 11. bis 12. Jahrhundert. Es ist ein Pfeiler, der im unteren Teil quaderförmig, im mittleren oktogonal und im oberen rund ist. Während unteres und mittleres Drittel grob behauen sind, ist das obere Drittel fein poliert und mit den Hochreliefs von vier Köpfen geschmückt. Alle vier Köpfe mit einem dritten Auge auf der Stirn zeigen „Śiva“, der gekrönte Kopf in seinem Furcht erregenden Aspekt als „Aghora“.

Das aufgetürmte Haar der anderen drei Köpfe symbolisiert „Śiva“ als „Mahāyogin“ und als „dhurjattin“ (’der eine Last in den Haaren trägt’). Das „Linga“ kann die Form eines Phallus annehmen, um die lebenserzeugende Kraft Śivas zu veranschaulichen. Überdies gehören zwei Fenstergitter (Jali) aus der Zeit um 1700, der Mogul-Periode, zur Sammlung.

Eine Photographie von Gundlach zeigt den Kopf eines jungen Kambodschaners neben dem Kopf einer alten Khmer-Statue. Es ist überraschend zu sehen, dass der Menschenschlag des historischen Khmer-Reichs vom 9. bis 15. Jahrhundert mit dem Zentrum Angkor Wat sich offenkundig bis heute in der Region gehalten hat: beide Gesichter mit breiter Stirn, schweren Wangenknochen und ausladendem Kiefer stimmen im fast quadratischen Gesichtsumriss überein. Neben zahlreichen Gefäßen und Gefäßfragmenten (Elefantenköpfen) besitzt die Sammlung auch einige Steinskulpturen.

Die Sammlung japanischer Kunst umfasst die Statue eines Shinto-Priesters aus dem 12. Jahrhundert, einen Hausaltar mit dem Bodhisattwa Jizô aus dem 18. Jahrhundert und Keramiken, Rollbilder, Paravents, Kalligraphien aus dem 19. Jahrhundert. Unter den Rollbildern, Keramiken und Kalligraphien finden sich viele von der Hand der Otagaki Rengetsu, einer bemerkenswerten Frau (1791 – 1875), die als Dichterin und Malerin hervorgetreten und mit 40 Jahren Nonne geworden, aber weiterhin als Künstlerin tätig geblieben ist.

In der Sammlung Alter Kunst kommt der chinesischen Kunst die größte Bedeutung zu, aufgrund der Vielzahl der Werke, der unterschiedlichen Gattungen und der Qualität der Objekte. Aus der Zeit der Han-Dynastie (206 vor unserer Zeitrechnung – 220 nach unserer Zeitrechnung) stammen ein Zug mit 15 Reitern sowie eine Reihe von 16 Fußsoldaten. Die Han-Dynastie, die China über 400 Jahre und damit am längsten regierte und dem Land wirtschaftlich und kulturell eine Blütezeit bescherte, hat den großen Reichseiniger und ersten Kaiser Qin Shihuang Di (221 – 210 vor unserer Zeitrechnung) beerbt, dessen Qin-Dynastie bald nach ihm 206 vor Christi erlosch. Die Han-Dynastie übernahm ein geeintes Reich mit einheitlichen Gesetzen, verwaltet von geschulten, gelehrten Beamten, erschlossen durch ein verzweigtes Straßennetz mit genormter Wagenspur, ausgestattet mit einheitlichen Maßen und Gewichten. Die für alle geltende weltanschauliche Basis war der Konfuzianismus, eine Staatsethik der Loyalität und Pietät, der Über- und Unterordnung, die der Oberschicht auch im Jenseits die Weiterführung des Ranges im Leben garantierte. Der Ahnen- und Totenkult war somit ein Privileg der Elite.

Nach der Han-Zeit zerbrach das Reich. Gleichzeitig begann der Buddhismus im 3. Jahrhundert, sich auf sanfte Weise in China zu verbreiten. Seine Klöster bildeten geistige, kulturelle und wirtschaftliche Zentren. Der Buddhismus fand großen Zulauf als individuelle Heilslehre, die den Menschen zur Reinheit des „nirvāna“ läutern wollte. Der Buddhismus blieb etwa ein Jahrtausend in China, wurde während der Tang- und Song-Dynastie (618 – 907, 960 – 1279 nach unserer Zeitrechnung) gewaltsam zurückgedrängt und schließlich ausgelöscht. Seine Blütezeit erreichte der Buddhismus zur Zeit der Nördlichen Qi-Dynastie (550 – 577 nach unserer Zeitrechnung) und der Sui-Dynastie (581 – 618 nach unserer Zeitrechnung), die das chinesische Reich wieder einte.

Buddha-Statuen und –Köpfe aus Kalkstein in großer Zahl und von bezaubernder Schönheit umfasst die Sammlung, darunter einen monumentalen Buddha-Kopf aus weißem Marmor (90 cm Höhe) mit Spuren farbiger Fassung.

Aus der Wei-Dynastie (386 – 550 nach unserer Zeitrechnung), die nur einen Teil des Reiches beherrschte, stammt ein Zug mit 53 Figuren aus einer Grabbeigabe – in der konfuzianischen Tradition der Han-Dynastie –, die in der hohen Beamtenschaft und im Militär überdauerte und zur Tang- und Song-Zeit den Buddhismus bekämpfte. Aus der Tang-Dynastie besitzt die Sammlung hervorragende Werke: die Statue eines Tempelwächters mit furchterregender Mimik und Tierskulpturen aus Ton von großer Realitätsnähe.

Seit der Song-Zeit sind Gelehrtensteine überliefert, Objekte des sinnenden Betrachtens und des Wanderns der Augen in einer Miniaturlandschaft, die auf flachen Holzsockeln lagern. Die Exemplare in der Sammlung datieren aus der Qing-Dynastie (18. bis 19. Jahrhundert). Aus dieser Zeit stammen auch mehrere großformatige Rollbilder mit Ahnenportraits hoch- und höchstgestellter Personen in prachtvollen, zeremoniellen Gewändern. Überdies hat die Sammlung auch einige historische Möbel erworben. Eine Vielzahl von Porzellanen seit der Song-Zeit rundet die Vorstellung von chinesischer Kultur in der Sammlung ab. Diese Porzellane zeichnen sich durch eine hohe Formvollendung aus, die das Design bis in die heutige Zeit in den besten Fällen nachdrücklich beeinflusst.

Nähere Informationen: Museum DKM, Güntherstraße 13–15, 47051 Duisburg-Dellviertel, Telefon: +49 203 9355547–0, E-Mail: mail@museum-dkm.de

„Sex now“ im NRW-Forum Düsseldorf

Sex ist eine komplizierte Angelegenheit, was den Umgang mit ihm angeht. Deswegen beginnt dieser Artikel mit folgendem Warnhinweis der Ausstellungsmacher vom NRW-Forum Düsseldorf: „Die Ausstellung „Sex now“ ist nur für Besucherinnen und Besucher ab 18 Jahren zugänglich. Sie zeigt künstlerische Arbeiten mit expliziten sexuellen Inhalten.“

Zur Ausstellung

Sex kann Menschen verbinden, befreien, verletzen und kontrollieren. Mit der Ausstellung „Sex now” lädt das NRW-Forum Düsseldorf dazu ein, Lust, Körper und Begehren in all ihrer Komplexität zu entdecken. Von Latexmode, Möbeldesign, Fotografie und Medienkunst bis hin zu Puppen und Toys: In zehn thematischen Räumen mit rund 400 Objekten inszeniert die Schau einen intimen Dialog über Sexualität und Gesellschaft. Sie erzählt von erotischen Fantasien, queeren Perspektiven und neuen Realitäten – frei von Tabus und Stigmata.

Ein historischer Einstieg zeigt, wie sich Sexualmoral gewandelt hat: von tradierten Geschlechterrollen über die sexuelle Revolution der 68er bis hin zur heutigen #Sexpositivität. Dabei treffen ein Sexualkunde-Atlas von 1969 oder eine lila Latzhose als Symbol politischer Emanzipation auf Arbeiten wie „Fleshie Fountain” der Künstlerin „Peaches”– eine Installation aus Sextoys, die ursprünglich für männliche Selbstbefriedigung gedacht waren und nun patriarchale Machtverhältnisse unterlaufen.

Wie wird Sexualität in Medien und Gesellschaft dargestellt? Was bedeutet sexuelle Selbstbestimmung heute? Welche Rolle spielen Intimität, Körperbilder oder Konsens – und wie wirken sich digitale Technologien auf unser Begehren aus? Interaktive Stationen laden dazu ein, eigene Erfahrungen, Vorstellungen und Mythen spielerisch zu hinterfragen. Das“Sexoscope” wirft humorvoll einen Blick in die Zukunft, ein Körperwissen-Kollektiv zeigt Genitalmodelle zum Auseinandernehmen, in der queeren “#Fluffy Library” verschlingt ein Plüschwesen feministische Geschichten – und macht daraus neues Wissen.

Die Ausstellung öffnet Räume für persönliche, kulturelle und politische Fragen. Was bedeutet guter Sex? Wie sieht lustvolle Gleichberechtigung aus? Und wie können wir unsere Körper, Wünsche und Grenzen selbstbestimmt erkunden? In einem japanisch inspirierten Klangraum begegnen die Besucherinnen und Besucher ASMR-Sounds, die sich zwischen Alltag und Erotik bewegen. In anderen Kapiteln geht es um Macht, Gewalt und Sichtbarkeit – etwa in Arbeiten zu „#MeToo” oder in feministischer Pornografie, die Stereotype hinterfragt und neue Bilder schafft. Unkonventionelle Vorlieben, Fetische, Sinnesreize – auch „#Kinky” wird in der Ausstellung thematisiert. Kleidungsstücke der Plattform „TastySlips” zeigen, wie stark Begehren an Geruch, Material oder Spuren des Alltags gebunden sein kann.

In „#SexualWellness” geht es um Selbstfürsorge, Selbstliebe und Entspannung – etwa durch Sex Toys, die mehr können als stimulieren: Sie erzählen auch von Technologiegeschichte und kulturellem Wandel. Hörspiele von „femtasy” sorgen hier für akustische Nähe. Virtuelle Beziehungen, Liebessimulatoren, KI-Sexpuppen: Wie verändert sich Sexualität im Zeitalter digitaler Technologien? In „#Futuresex” treffen die Besucher auf genderfluide Avatare im Metaverse, aber auch auf alternative Visionen wie „Pteridophilia”, ein Video über zärtliche Begegnungen zwischen Menschen und Farnen.

“Sex now” präsentiert Künstlerinnen, Designerinnen und Aktivistinnen, die mit ihren Arbeiten zur sexuellen Emanzipation beitragen. Sie verhelfen Minderheiten zu mehr Sichtbarkeit und fungieren als Aufklärerinnen in einem Bereich, der trotz sexueller Revolution und Kommerzialisierung noch immer von Ungleichheit und Scham geprägt ist.

Mit dabei sind Werke von Paul McCarthy, Peaches, Zheng Bo, Tom of Finland, Joëlle Dubois, Poulomi Basu, Miyo van Stenis, Antigoni Tsagkaropoulou, Martin de Crignis, Melody Melamed, Andreas Ullrich & Tatjana Bikic und vielen mehr

Begleitend zur Ausstellung starten die Veranstalter einen eigenen „OnlyFans-Account”, auf dem sie unzensierte Einblicke hinter die Kulissen und ausgewählte Werke zeigen. „OnlyFans” ist das einzige soziale Netzwerk, das die Darstellung von Nacktheit erlaubt. Während der „spicy Content” zur Ausstellung auf Instagram zensiert wird, haben die Veranstalter in „OnlyFans” eine neue Plattform für künstlerischen Ausdruck ohne Zensur gefunden.

Nähere Informationen: NRW-Forum Düsseldorf, Ehrenhof 2, 40479 Düsseldorf, Telefon +49 (0) 211 56642100, E-Mail: info@kunstpalast.de

Wissenswertes über einen Anschlag auf Buddha und vieles mehr im DKM-Museum

Bei meiner Suche nach interessanten Museen im Umkreis von 100 Kilometern – bei Gelegenheit auch mal etwas weiter weg – rund um meinen Heimatort Nordhorn bin ich vor Kurzem auf das DKM-Museum in Duisburg gestoßen. Der Hinweis erfolgte über eines der bekannten sozialen Medien.

Zur Geschichte des Museums

Als Vertreter einer „freien Bürgergesellschaft, in der einzelne Mitbürger beschließen, ihr privates Vermögen für Aufgaben der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen“, mit dem Ziel, Impulse zu setzen, „die für eine nachhaltige Weiterentwicklung der Gesellschaft wegweisend sind“, begannen für die Duisburger Bauunternehmer und Kunstsammler Dirk Krämer und Klaus Maas in den 1990-er Jahren Überlegungen, sich in ihrer Heimatstadt im Bereich Kunst zu engagieren.

In diesem Geist gründeten sie am 7. Februar 1998 die Stiftung DKM mit Sitz in Duisburg am Philosophenweg 17A, gelegen am Innenhafen im „Garten der Erinnerungen“.

Bis Ende 2001 lagen die Hauptinteressen der Stiftungsaktivitäten im wissenschaftlichen Aufbau des Bildhauerarchivs Ernst Hermanns sowie in der Realisierung des Ausstellungsprogramms für die SchauFenster-Galerie des Hauses, begleitet von medienübergreifenden Rahmenveranstaltungen, die überwiegend in Kooperation mit städtischen und überregionalen Kulturpartnern entstanden.

Die jahrzehntelange Betreuung des Münchner Künstlers Ernst Hermanns seit 1972 bis zu seinem Tode in 2001, seine Treuhandverwaltung und der Aufbau des Archivs zeigten den Stiftungsgründern, dass erheblicher Bedarf an professionellem Service für Künstler der älteren Generation besteht: Es galt nicht nur, den privaten Dokumentenbestand des Künstlers zu erhalten, der nicht selten Aufschluss über ungeklärte Forschungsfragen zum Werk gibt – oft nämlich verschwinden solch mediale Zeitzeugen im Umfeld nicht sachkundiger Erben. Es galt auch, schon zu Lebzeiten ein gut verfügbares, digitales Medienarchiv und Werkverzeichnis aufzubauen, welche mehr noch den Kunstvermittlern die ausstellungsorganisatorische Arbeit ebenso wie die wissenschaftliche Aufarbeitung erleichtern.

Weitere Schritte folgten: Der langjährige Kontakt der Sammler und Stiftungsgründer zu Ulrich Rückriem mündete vor diesem Hintergrund in der Neugründung der Ulrich Rückriem-Unterstiftungen: Noch vor seiner Rückkehr aus Irland und der Normandie Ende 2002 unterzeichnete Ulrich Rückriem am 24. Oktober 2001 die Stiftung Ulrich Rückriem 5-Räume, im August und November 2002 folgten die Gründungen der Ulrich Rückriem Museumsstiftung und der Ulrich Rückriem Stiftung Sinsteden. Seit dem 22. Januar 2009 existiert das Museum DKM in der Duisburger Innenstadt an der Güntherstraße 13–15. Schließlich wurde auch die Treuhandverwaltung für Ernst Hermanns in die Rechtsform einer Unterstiftung der Stiftung DKM verwandelt: am 8. Dezember 2002 wurde die Stiftung Ernst-Hermanns-Archiv aus der Taufe gehoben.

Im Jahr 2014 wurde anlässlich des 100. Geburtstags Ernst Hermanns eine vielschichtige, von Prof. Dr. Erich Franz kuratierte, Übersichtsausstellung im Museum DKM präsentiert. Zur Ausstellung erschien ein reich bebildeter Katalog. Die halbjährige Ausstellung „Raum, Statik und Bewegung – Der Plastiker Ernst Hermanns“ bildete den Abschluss der Ausstellungsreihe „Allez les boules“.

Über das Museum und die dort beheimateten Sammlungen

Das Museum DKM liegt im Zentrum der Duisburger Innenstadt zwischen Kantpark mit dem Lehmbruck Museum und Hauptbahnhof.
Die Architektur des Museum dient in nobler Zurückhaltung der Ausstellung der Kunst. Drei Baukörper erstrecken sich über fünf Ebenen und umfassen 2700 Quadratmeter oder 51 Räume. Aus den Räumen des Neubaus bieten sich inszenierte Ausblicke in Außenbereiche. Das Foyer mit Museumscafé lädt zum Ausruhen und Erfrischen ein.

Die Sammlung DKM vereint fünf weit auseinander liegende Bereiche: einerseits zeitgenössische Kunst seit den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts, andererseits bis über 2000 Jahre alte sowie aktuelle Kunst aus Südostasien, ferner Kunst aus Alt-Ägypten, wovon allerdings nur wenige Stücke gezeigt werden (der größte Teil befindet sich als Dauerleihgabe im Antikenmuseum Basel), zudem Gefäße aus 5000 Jahren Kulturgeschichte bis in die Gegenwart (W. Wagenfeld) und schließlich klassische sowie zeitgenössische Fotografie.

Räumliche Aufteilung

Das Untergeschoß im Altbau beherbergt Statuen, Büsten und Köpfe aus Stein und Marmor, darunter einen einzigartigen monumentalen Buddha-Kopf, ferner einen Begräbniszug mit 53 Figuren, weitere Reiter- und Kriegergruppen, Tiere und Gefäße aus bemalter Terrakotta aus den chinesischen Dynastien Han, Nördliche Wei, Nördliche Qi, Sui, Tang (206 vor unserer Zeitrechnung bis 907 nach unserer Zeitrechnung). Zudem sind chinesische Ahnenbilder, Gelehrtensteine, Möbel und Porzellan vom 10. bis 19. Jahrhundert zu sehen. Eine Klanginstallation mit Fotografien auf Rollbildern versetzt den Besucher in Straßenszenen einer chinesischen Stadt. Ein Raum ist japanischer Kunst des 12. bis 19. Jahrhunderts gewidmet.

Die sechs Räume im Erdgeschoß des Hoftraktes (Altbau) sind für Wechselausstellungen vorgesehen, während die übrigen Bereiche als Dauerausstellung konzipiert sind.

Die acht Räume im Neubau nehmen unter anderem Werke von Raimund Kummer (DE), Kyungwoo Chun (KR), Song Dong (CN), Bernd Minich (DE), Ulrich Rückriem (DE), Blinky Palermo (DE) und Ernst Hermanns (DE) auf, darunter dessen saalgroßen «Düsseldorfer Raum». In einem der Räume werden Torsi und Buddha-Köpfe des 17. und 18. Jahrhunderts aus Thailand (Ayutthaya) präsentiert. Mehrere dieser Räume bieten inszenierte Ausblicke in fernöstlich anmutende Innenhöfe.

In den Obergeschossen 1 und 2 (Altbau) sind Werke von nicht weniger als 42 zeitgenössischen Künstlern ausgestellt. Charakteristikum der Präsentation ist es, dass einerseits Künstlerräume geschaffen wurden und dass der Besucher andererseits einigen Künstlern mehrfach im Haus begegnet.

Im Obergeschoß 3, erreichbar über das hintere Treppenhaus, finden sich Statuen und Reliefs des 1. bis 4. Jahrhunderts aus Gandhāra (heute Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan), einem Schmelztiegel von hellenistischer und buddhistischer Kultur, an der alten Seidenstraße.

Zum Anschlag auf Buddha

Wie im Titel schon angekündigt, soll es in diesem Artikel auch um einen Anschlag auf Buddha gehen, in den Räumlichkeiten des Museums durch ein Relief dargestellt, das der Zeit des 1. bis 3. Jahrhunderts zugerechnet wird.

„Das Relief, das ursprünglich nach rechts fortgesetzt war, ist eingerahmt – oben durch einen Fries aus sich überlappenden, lanzettförmigen Blättern, unten durch eine einfache Leiste und an der linken Seite durch ein Paneel mit einem gandhāra-korinthischen Pfeiler. Auf der Rückseite sind ein Loch zur Befestigung, Spuren von Meißelrillen und oben eine quadratische Klammerfuge zur Einführung eines Bolzens zu sehen. Auf der Rückseite sind ein Loch zur Befestigung, Spuren von Meißelrillen und oben eine quadratische Klammerfuge zur Einführung eines Bolzens zu sehen.
Die zentrale Person der Darstellung ist ein stehender Buddha mit einem kleinem Uṣṇīṣa, einem Gewand, das beide Schultern bedeckt. Er berührt mit seiner rechten Hand einen großen, rechteckigen, pfeilerartigen Stein, während er mit der Linken seine Mönchsrobe an einem Zipfel hochhält. Auf der linken Seite des Buddhas steht ein bärtiger Vajrapāṇi in kurzem Gewand, der seinen Vajra mit beiden Händen umfasst. Auf der anderen Seite des Steines stehen von rechts nach links fünf jugendlich aussehende Personen, von denen vier einen zweiten Stein tragen, der hier schräg aufgerichtet dargestellt ist. Die erste Person steht aufrecht, den Kopf zum Buddha hin gewendet, während die zweite halb kniend zum Pfeiler gewendet ist. Beide tragen ein Laṅghoṭī (Lendentuch), ein Kleidungsstück, das in Gandhāra (antike Region um die Stadt Peschawar, die heute das Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan bildet. Ab der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. war Gandhāra eine der 21 Provinzen des Perserreiches der Achämeniden) typisch für Ringkämpfer und Athleten ist.Von den weiteren drei Personen auf der anderen Seite des schräg aufgerichteten Pfeilers sind zwei bis zur Brusthöhe gezeigt, während von der dritten, oben links, nur der Kopf zu sehen ist.
Die im Relief dargestellte Legende erzählt von den ersten zwei Attacken des bösen Cousins Devadatta auf Siddhārtha. Dieser bemühte sich, nachdem er dem buddhistischen Orden beigetreten war, erfolglos, die Führung der Gemeinde zu übernehmen. Devadatta versuchte den Buddha durch eine Anschlagsserie zu verdrängen, aber ohne Erfolg.

Laut Mūlasarvāstivādin Vinaya ließ Devadatta für seinen ersten Attentatsversuch von einem Ingenieur und 500 Männern eine Maschine anfertigen, mit deren Hilfe der Buddha getötet werden sollte. Devadatta erteilte den Auftrag jedoch erst, nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Männer entschlossen waren, den Buddha umzubringen, wenn diese Vorrichtung nicht funktionieren sollte. Die Mechaniker bereuten jedoch ihre Tat vor der Inbetriebnahme der Maschine, stiegen zum Buddha herab und wurden bekehrt. Devadattas zweiter Versuch bestand darin, dass er einen großen Stein auf den Buddha schleuderte. Vajrapāṇi zersplitterte ihn jedoch und ein Yakṣa (ein männlicher Naturgeist, verbunden mit Vegetation und Wohlstand, weiblich Yakṣī) verlor sein Leben, als er versuchte, ein Bruchstück aufzufangen, das den Fuß Siddhārthas verletzte.
Abschließend ist noch die Ähnlichkeit zwischen der verdrehten Körperstellung der Figur rechts vom Pfeiler und einer Figur an der linken Seite des Devadattas-Reliefs im British Museum erwähnenswert.“ Artikel von Anna-Maria Quagliotti, Professorin für indische Kunst.

Nähere Informationen: Museum DKM, Güntherstraße 13–15, 47051 Duisburg-Dellviertel, Telefon +49 203 9355547–0, E-Mail: mail@museum-dkm.de

Blick in das Werk des Fotografen Albrecht Fuchs

Noch bis zum 26. Oktober ist in der Kunsthalle Bielefeld die Ausstellung „Nähe in der Distanz – Albrecht Fuchs: Porträts“ zu sehen.

Der 1964 in Bielefeld geborene und in Köln lebende Fotograf Albrecht Fuchs porträtiert Künstlerinnen und Künstler, von Ennio Morricone über Martin Kippenberger und Isabelle Huppert bis hin zu John Baldessari, Nicole Eisenman oder Kasper König. Nach dreißig Jahren Tätigkeit eröffnen seine Bildreihen, die teilweise als Auftragsarbeiten für Zeitungen oder Zeitschriften entstehen, Einblick in Künstlerkreise weltweit.

Seine Aufnahmen zeichnen sich dadurch aus, dass er die Nähe in der Distanz der Kamera sucht. Die Persönlichkeiten zeigt er stets in ihrem Umfeld, ein Augenmerk liegt immer auch auf der Verbindung zwischen Person und Raum. Auf diese Weise gelingt es Fuchs, die Porträtierten mit großer Natürlichkeit oder gar leisen Intimität abzulichten. Seine Arbeiten werden international ausgestellt und sind in renommierten Sammlungen vertreten. Magazine wie art, Monopol sowie die Süddeutsche Zeitung und FAZ publizieren regelmäßig seine Porträts.

Biografische Daten über Albrecht Fuchs

1964 geboren in Bielefeld, lebt und arbeitet in Köln

1986-1993 Studium an der Gesamthochschule Essen, Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie

1989 Aufenthalt in New York, Beginn der Beschäftigung mit dem Portrait als Thema

1995 Portraits Martin von Kippenberger und Dokumentaiton seines Projekts „Metro Net“

2004-2005 Lehrauftrag an der Hochschule für bildende Künste Hamburg

2005 Aufenthalt in Kuala Lumpur, Projekt „artconneXions“, Goethe Institut /IFA

2006-2008 Lehrauftrag an der Kunstakademie Düsseldorf

2008 Workshop am Goethe Institut in Lagos/Nigeria

2009 Aufenthalt und Workshop am Goethe Institut in Wellington/NZ

Einzelausstellungen (Auswahl)

2024 Here, Galerie Van Horn, Düsseldorf

2021 Album. Portraits1989-2020, Kunsthaus Nürnberg

Album. Portraits 1989-2020, Leopold Hoesch Museum Düren

Ⓐ, Galerie Elisabeth und Klaus Thoman, Innsbruck

2020 Zwei, Nagel Draxler Kabinett, Berlin

Album. Portraits 1989-2020, Museum für Photographie Braunschweig, Braunschweig

2018 31 Portraits, Kölnischer Kunstverein, Köln

2016 Die Anderen, Galerie Christian Nagel Projects, Köln

2012 Im letzten Licht, Temporary Gallery, Köln Album. Portraits 1989-2020, Museum für Photographie Braunschweig, Braunschweig

Galerie für Moderne Fotografie, Berlin

2008 Galerie Stephane Simoens, Knokke/Belgien

Galerie Mireille Mosler, New York

2007 Galerie Lena Brüning, Berlin

2005 Galerie Frehrking Wiesehöfer, Köln

2003 Reger Forum für Zeitgenössische Fotografie, München

2002 Galerie Frehrking Wiesehöfer, Köln, Statements Paris Photo, Paris

Annet Gelink Gallery, Amsterdam

2001 Galerie Frehrking Wiesehöfer, Köln

2000 Galerie Katja Rid, München

Gruppenausstellungen (Auswahl)

2024 Erinnerungsbilder / Memory Pictures, Museum für Photographie, Braunschweig
Blick in die Zeit – Alter und Altern im Photographischem Portrait, Die Photographische Sammlung SK Kultur, Cologne

2023 Blick in die Zeit – Alter und Altern im Photographischem Portrait, Schloss Neuhardenberg

2020 Portrait II, Schloss Neuhardenberg
Great Small Works, Stephane Simoens, Knokke/Belgium

2018/2019 SPECIAL ART SHOP, Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Vienna

2018 Portrait II, Kunstraum Düsseldorf

2017 Portrait II, Kunstverein Oldenburg
curated_by Johannes Wohnseifer, Galerie Elisabeth und Klaus Thoman, Vienna
FaceTunes, Bielefelder Kunstverein, Bielefeld

2016 Untitled #2 (Portrait), Galerie Warhus Rittershaus, Cologne
Mit anderen Augen / With different Eyes, Kunstmuseum Bonn (Katalog)
Mit anderen Augen / With different Eyes, Kunsthalle Nürnberg (Katalog)

2014 Through My Eye, Annet Gelink, Amsterdam Through My Eye

2013 Lead Awards, Hamburg

2012 I surrender, Dan Devening Projects, Chicago

2011 Pour Arno, Van Moerkerke Collection, Oostende

KidsContemporary Fine Arts, Berlin

2010 ÜBERMODELS, Programm, Berlin

Goethe Institut Brüssel „Albrecht Fuchs / Jens Ulrich“

2008 Albrecht Fuchs / Johannes WohnseiferSpichernhöfe Köln

ab 2007 Darstellung/Vorstellung, Weltweite Wanderausstellung der IFA, Berlin

What does the Jellyfish want?Museum Ludwig, Köln

2006 Portrait und Menschenbild, SK Stiftung Köln

2005 Born in the 60s, C/o Berlin, Berlin

2003 Galerie Gaby Kraushaar, Düsseldorf

2002 Galerie Mai 36, Zürich

2001 Galerie Nikolas Krupp, Basel

2000 Kölnischer Kunstverein Jahresgaben

1997 Wirklich – 7 Positionen zeitgenössischer Fotografie, Stadtmuseum München (Katalog)

Contemporary German Photography Galerie Reckermann, Köln, Galerie Wittenbrink, München, Galerie neugerriemschneider, Berlin (Katalog)

Publikationen (Auswahl)

2023 Donat, Simonett & Baer, Basel

2022 Basel Family Album by Simonett & Baer, Simonett & Baer, Basel

2020 Album. Portraits 1989-2020,Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König

Fifty Three Portraits and a Haystack, Simonett & Baer ,Basel

2018 31 Portraits, Koenig Books, London

2008 MK 95, Snoeck Verlag

2007 Portraits, Snoeck Verlag

2001 Portraits,Tropen Verlag

Zur Kunsthalle – Thema Architektur

Die Kunsthalle Bielefeld wurde im Jahr 1968 nach Plänen des US-amerikanischen Architekten Philip Johnson (1906-2005) erbaut. Sie ist sein einziger Museumsbau in Europa und ein architekturhistorisches Denkmal. Das ikonische Bauwerk markiert einen ersten frühen Wendepunkt Johnsons hin zur postmodernen Formensprache.

Die weit ausladenden Fensterfronten und der offene Grundriss mit eingelassenen Wandscheiben spiegeln noch die Grundsätze der Moderne und des „International Style“ der 1920er und 30er Jahre. Diesen Begriff hat Johnson als Theoretiker gemeinsam mit dem Architekturhistoriker Henry-Russell Hitchcock geprägt.

Der kubische Museumsbau aus rotem Mainsandstein ist voller Spannungen: Kompakte Formen wechseln sich mit offenen Durchblicken ab. Der massive obere Gebäudeteil ruht auf einer Struktur von halbrund abgeschlossenen Wandscheiben und asymmetrisch angeordneten Halbsäulen. Mithilfe dieser Elemente hielt Johnson zwar noch an dem für die Moderne typischen quaderförmigen Bau mit glatten Oberflächen fest, führte jedoch zeitgleich mehr plastische Baukörperlichkeit ein.

Vom offenen Grundriss zur Demokratisierung der Kunst

Der offene Grundriss mit ineinanderfließenden Räumen lässt vielfältige, stets wechselnde Sichtachsen entstehen. Prinzipien wie Durchlässigkeit, Verbindung und Dialog werden dadurch betont. Auch der starke Bezug nach Außen durch zahlreiche große Fensterfronten hin zur Stadt und zum öffentlichen Skulpturenpark vermittelt Offenheit und Transparenz. Er ermöglicht außerdem stetige Bewegung.
Das Gebäude umfasst mit einer etwa 1.200 qm großen Ausstellungsfläche drei oberirdische und zwei unterirdische Etagen. Die Eingangshalle mit Café und angrenzendem Raum für die Kunstvermittlung sowie die erste und zweite Ausstellungsetage liegen über der Erde. In den unteren Geschossen befinden sich ein Film- und Vortragssaal, eine öffentlich zugängliche Bibliothek und die Verwaltung, die durch ein Foyer erschlossen werden.

Mit dem Entwurf von Philip Johnson gehörte die Kunsthalle Bielefeld zu einem der ersten Museumsneubauten der damals noch jungen Bundesrepublik. Ermöglicht wurde der Neubau maßgeblich durch eine großzügige Spende seitens der Familie von Rudolf-August Oetker, der gemeinsam mit dem damaligen Direktor Joachim Wolfgang von Moltke Johnson für das Projekt gewinnen konnte.
Mit der offenen Raumorganisation der Ausstellungsflächen, die dem Besucher beim Rundgang keine klare Abfolge vorgeben, und der damals in Deutschland revolutionären Einführung eines Raums für Pädagogik steht das Haus für die damalige Vorstellung einer „Demokratisierung der Kunst“ ein.

Der Architekt

Philip Johnson (1906-2005) war ein US-amerikanischer Architekt, Architekturkritiker und Mitbegründer der Abteilung für Architektur und Design am Museum of Modern Art (MoMA), New York. Er war von 1932–1988 in unterschiedlichen Funktionen am MoMA tätig: als Direktor der Abteilung (zwischen 1932-34 und 1949-1954) und als Kurator. In der Funktion des Trustee und des Mäzenen ermöglichte er dem MoMA zeitlebens zahlreiche Ankäufe und schenkte dem Museum wichtige Werke aus seiner eigenen Sammlung. Seine gemeinsam mit Henry-Russell Hitchcock verfasste Publikation „The International Style: Architecture Since 1922“ (1932) war begriffsbildend.

Als Architekt hat Johnson wie wenige andere mehrere epochale Wechsel nicht nur mitgemacht, sondern maßgeblich mitbestimmt und nahm sowohl im Diskurs der Moderne und Spätmoderne wie auch in der Postmoderne eine maßgebende Rolle ein. Mit seinem Glass House (1947-49) in New Canaan gelang ihm ein erster internationaler Durchbruch, 1953 war er für den Sculpture Garden des MoMA verantwortlich, mit dem „AT&T Building“, New York (1980-84) oder dem „Lipstick Building“, New York (1986), hat er ikonische Werke der Postmoderne geschaffen.

Kontroverse um Philip Johnson

Beeindruckt vom nationalsozialistischen Regime Deutschlands, welches er auf mehreren Reisen durch Europa in Form von Paraden und Aufmärschen miterlebt hatte, kündigte Johnson 1934 seine Anstellung im MoMA mit der Vision, selbst Kultusminister in einer von US-amerikanischen Rechtspopulisten angeführten Regierung unter Huey Long zu werden. Johnson war durch die Publikationen von Aufsätzen daran beteiligt, in den USA faschistische Entwicklungen voranzutreiben. Auch lieferte er noch 1938 dem Deutschen Reich während einer Polenreise Informationen über den Zustand der polnischen Armee. Sein Wechsel von der Kunst zur Politik wurde öffentlich bemerkt, 1940 wurde seine Präsenz im Umfeld US-amerikanischer Faschisten in einem langen Artikel in Harper´s Magazine illustriert, im 1941 erschienenen Bestseller „Berlin Diary“ (William Shirer) wurde er als „American fascist“ und Kollaborateur beschrieben. Er wurde vom FBI überwacht und befragt, im Gegensatz zu damaligen Weggefährten wurde Johnson jedoch nie festgenommen oder angeklagt.

In der Folge wechselte Johnson abrupt seinen Kurs und widmete sich dem vertieften Studium der Architektur an der Graduate School of Design, Harvard University. 1947 kehrte er an die Architekturabteilung am MoMA zurück. Seine politische Vergangenheit hat ihn zeitlebens verfolgt, in den 1990er Jahren gestand er sie in einem Radiointerview als einen „unverzeihlichen persönlichen Fehltritt“ ein.
Nach der neuerlichen Aufarbeitung von Johnsons politischer Vergangenheit durch Marc Wortman (2016) formierte sich im Umfeld von „Black Lives Matter“ die „Johnson Study Group“, ein Zusammenschluss von Architekten und Kulturschaffenden, die das MoMA aufforderten, die 1984 eingeführte Benennung einiger Galerien nach Philip Johnson aufzugeben. Seither wird über den richtigen Umgang mit dem Vermächtnis von Philip Johnson diskutiert. Die Harvard University hat das „Philip Johnson Thesis House“, ein von Johnson während seines Studiums errichtetes Gebäude, zu „9 Ash Street“ unbenannt.

In Bielefeld steht seit 2018 die Skulptur “Bus Shelter XII. Shattered Glass / The Confessions of Philip Johnson” von Dennis Adams vor der Kunsthalle. Adams setzt sich darin kritisch mit der ambivalenten Persönlichkeit Johnsons auseinander. Rund 500 „Bekenntnisse“ (Confessions) hat Dennis Adams dem Architekten in den Mund gelegt, die auf zwei Bildschirmen abgespielt werden.

Zudem war die kritische Auseinandersetzung mit dem Architekten der Kunsthalle Teil des Architektursymposiums 2023.

Kontroverse um die Namensgebung der Kunsthalle

Zu ihrer Eröffnung im Jahr 1968 hieß das Museum „Richard-Kaselowsky-Haus. Kunsthalle Bielefeld“. Mit dieser Namensgebung ehrte Rudolf-August Oetker, der Stifter der Kunsthalle, seinen Stiefvater Richard Kaselowsky. Dieser hatte sich zeitlebens für die Kultur in der Stadt Bielefeld eingesetzt. Kaselowsky war jedoch auch Mitglied der NSDAP und Mitglied sowie Spender im „Freundeskreis Heinrich Himmler“, einem strategischen Netzwerk zwischen Wirtschaft und Regime.
Vor diesem Hintergrund führte die Namensgebung bereits vor der Eröffnung zu Protesten und zur Absage der feierlichen Einweihung am 27. September 1968.

Die Debatte um die Namensgebung der Kunsthalle Bielefeld ist in den Jahren danach immer wieder neu entflammt, begleitet von zivilgesellschaftlichen Protesten, Aktionen, künstlerischen Interventionen und politischen Veranstaltungen von Studenten, Künstlern, Wissenschaftlern und engagierten Bürgern der Stadtgesellschaft. 1985 wurde eine Umbenennung der Kunsthalle in „Käthe-Kollwitz-Haus“ gefordert. Nach fast 30 Jahren beschloss der Rat der Stadt Bielefeld 1998 die Streichung des kontroversen Namens. Die Widmungstafel im Eingangsbereich der Kunsthalle aus dem Jahr 1968 wurde aufgrund eines weiteren Ratsbeschlusses im August 2017 durch einen Text ersetzt, in dem Richard Kaselowsky nicht mehr namentlich erwähnt wird.

Selbstverständnis der Museumsmacher – Mission: Mit der Kunst die Welt befragen.

In stetigem Wandel: Bewahren durch Bewegung – Unsere Sammlung spiegelt verbindende und trennende Weltansichten, Debatten oder Werte unserer Gesellschaft. Sie bildet somit einen wichtigen Teil unseres kulturellen bildnerischen Gedächtnisses. Das gilt es zu bewahren. Gleichzeitig befindet sich unsere Gesellschaft im stetigen Wandel. Das betrifft auch ihre Werte und ihren Blick auf das eigene Erbe. Die Fragen nach Identität respektive Integration spielen dabei eine entscheidende Rolle. Unser dialogisches Ausstellungskonzept setzt Werke der Kunst aus dem 20. und 21. Jahrhundert miteinander in immer wechselnde Beziehung und Bewegung. Wir begreifen und vermitteln sowohl Kunstwerke als auch das Museum selbst als lebendige und stets in Veränderung befindliche Verhandlungsräume.

Unsere wissenschaftliche Arbeit ist von Neugierde und lustvoll gestellten Fragen bestimmt, die unterschiedliche Antworten erlauben. Sowohl die kritische Reflexion des historischen Kanons der Kunstgeschichte als auch die Provenienzforschung sind uns ein Anliegen. Insofern ist es uns wichtig, auch die Prozesse der Institution sichtbar zu machen. Auf diese Weise wird die Institution Museum zu einem dynamischen Laboratorium, das Fragen aufwirft, Thesen und gängige Erzählungen prüft und das Wertegefüge unserer Gesellschaft, aber auch sich selbst als Ergebnis von Prozessen sichtbar macht.

Im Dialog: Geschichte, Gegenwart, Zukunft – In der Kunsthalle Bielefeld stehen Geschichte und Gegenwart in Dialog miteinander. In Wechselausstellungen stellen wir nicht nur exemplarische künstlerische Positionen und damit stets wechselnde aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen vor, sondern die darin verhandelten Ideen und Fragen inspirieren, die eigene Sammlung mit einem neuen Blick zu sehen und in einer jeweils neuen Zusammenstellung Raum zu geben. Wir machen Zusammenhänge zwischen Werken von der klassischen Moderne bis in die Gegenwart sichtbar und zeigen Kunst als Ort der kritischen Infragestellung von Weltansichten. Das ist der Kompass für unser eigenes Handeln, mit dessen Hilfe wir die kritischen, innovativen oder experimentellen Ansätze, die in der Kunst angelegt sind, in die Gesellschaft hineintragen und auch Blicke in die Zukunft werfen.

Museum als Laboratorium – Wie Kunst wahrgenommen wird, ist Teil eines Prozesses. Werke und Ausstellungen fassen wir als Versuchsanordnungen auf, die weniger Wahrheiten konstatieren als Möglichkeitsräume eröffnen. Durch Neuzugänge mit einem Schwerpunkt auf bislang unterrepräsentierte Positionen, insbesondere weibliche, verändert sich unsere Sammlung, das ermöglicht es, unsere Geschichte und unsere Werte vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Fragestellungen neu zu sichten und zu diskutieren. Über Dialoge in der Kunst möchten wir in einen Dialog mit Menschen treten, durch den sowohl sie als auch das Museum sich fortlaufend weiterentwickeln. Nicht zuletzt, um unseren Teil dazu beizutragen, im Sinne nachfolgender Generationen nachhaltig zu handeln.

Unsere Gesellschaft wird vielfältiger. Museen müssen daher zu Orten werden, die für möglichst viele Menschen Relevanz behalten oder neu bekommen. Wir möchten zu einem „Dritten Ort“ werden, einem Raum, der selbstbestimmte, unverbindliche und niedrigschwellige Begegnung mit Kunst anbietet. Die Ausgestaltung des Museums als „Dritten Ort“ realisieren wir in partizipatorischen Prozessen. Neben traditionell der Kunsthalle verbundenen Menschen werden dabei auch bislang wenig erreichte Gruppen der Stadtbevölkerung beteiligt.

Ankerpunkt für Viele – Die Welt verändert sich. Themen wie Nachhaltigkeit, religiöse und kulturelle Vielfalt, Teilhabe, Antidiskriminierung und Geschlechtergerechtigkeit fordern unser Engagement. Denn Museen sind Teil dieser Veränderungen und gestalten sie aktiv mit. Als Ort zwischenmenschlicher Begegnungen und kultureller Bildung tragen sie zu lokalen und globalen Gemeinschaften bei. Wir sehen es als unsere Aufgabe, unterschiedliche Perspektiven aufzuzeigen und dadurch einen wichtigen Beitrag zu den gesellschaftlichen Debatten zu leisten, die die Zivilgesellschaft und demokratische Kräfte fördern. Unser Ziel ist die Stärkung einer engagierten Stadtgesellschaft und einer offenen Gesellschaft.

Um diesen Aufgaben zu begegnen, fassen wir Bildung und Vermittlung als grundlegend für unsere Arbeit auf. Wir suchen mit möglichst vielen und diversen Menschen aller Alters- und Bildungsgruppen den Dialog auf Augenhöhe und sind regional, national und international ausgerichtet. In der Kunsthalle Bielefeld sprechen viele Stimmen, sowohl im Team als auch in den präsentierten künstlerischen Positionen. Wir sind davon überzeugt, dass wir mit der Vielstimmigkeit, die auch Widersprüche zutage fördert und Debatte und Diskussion anregt, demokratische Prozesse und die Zivilgesellschaft stärken.

Nähere Informationen: Kunsthalle Bielefeld, Artur-Ladebeck-Straße 5, 33602 Bielefeld, Telefon: 0521 32999500, Fax: 0521 329995050, E-Mail: info@kunsthalle-bielefeld.de. Die Kunsthalle ist am Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr, am Mittwoch von 11 bis 21 Uhr geöffnet.

„Face to Face“ – Picasso und die Pariser Moderne im Spiegel im Fotografie

Die Sonderausstellung „Face to face“ im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster stellt die Schöpfer der Bilder mit über 100 Künstlerfotografien ins Zentrum des Interesses.

Künstler umweht die Aura schöpferischer Ausnahmemenschen. Sie genießen einen gesellschaftlichen Sonderstatus, der zwischen den Rollenbildern eines Bürgerschrecks, Bohemiens, des Märtyrers oder Propheten schwankt. Das Publikumsinteresse richtet sich folglich nicht nur auf ihre Kunstwerke, sondern auch auf die Schöpfer, die hinter ihren Meisterwerken stecken.

Die Sonderausstellung „Face to face“ im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster stellt die Schöpfer der Bilder mit über 100 Künstlerfotografien ins Zentrum des Interesses. Im Mittelpunkt der Präsentation stehen die Fotografien der fünf Künstler, die das Kunstmuseum Pablo Picasso in seinen Beständen vereint: neben dem Namenspatron Pablo Picasso gilt es Porträtfotos seines großen Konkurrenten Henri Matisse zu entdecken. Picassos Weggefährte Georges Braque steht ebenso im Fokus der großen Fotografen wie der eher introvertierte Joan Miró. Porträtfotos Marc Chagall runden prominent diesen Reigen der „Top five“ der klassischen Moderne ab. Die Fotos der Künstler werden in der Inszenierung der Ausstellung in Dialog mit den reichen Beständen des Hauses gestellt. So blickt beispielsweise das zeichnerische Selbstbildnis von Henri Matisse auf dessen Porträtfotos von Robert Capa.

Die Ausstellung vereint Künstlerfotografien von René Burri, Robert Capa, Philippe Halsman, Herbert List, David Seymour und Michel Sima. Sie zählen zu den renommiertesten Fotografen des 20. Jahrhunderts und hatten das Glück, die größten Künstler der Moderne vor ihre Linsen zu bekommen. Mit Ausnahme von Michel Sima arbeiteten sie alle anderen für die legendäre Fotoagentur MAGNUM, die 1947 in New York gegründet wurde und bis heute existiert. Die Fotos sind bisweilen Homestorys oder liefern intime Einblicke durchs Schlüsselloch der Künstlerateliers. Sie changieren zwischen Momentaufnahmen und durchdachten (Selbst-)inszenierungen.

Der aus Hamburg stammende Herbert List betrachtete die „Einfühlung des Fotografen in die Persönlichkeit des Darzustellenden“ als Grundvoraussetzung für ein gelungenes Bild. Seine Fotos zeigen einen ungewohnt nachdenklichen Picasso, der durch die Bildregie des Fotografen in Zwiesprache zu seinen eigenen Werken tritt.

Im Falle von Henri Matisse zeigt sich der betagte Künstler nach einer Krebsoperation den Fotografen auf dem Krankenbett, das er zur Arbeitsstätte umwandelt hat.

Der rastlose Magnum-Fotograf René Burri hat einmal über seine Arbeit ausgeführt: „Fotos sind wie Taxis zur Rushhour: wenn man nicht schnell genug ist, dann nimmt sie jemand anderes.“ So ist es der professionellen Schnelligkeit Burris zu danken, dass außergewöhnliche Picasso-Fotos auf uns gekommen sind.

Philipp Halsman wird in den 1940er Jahren der große Starfotograf Amerikas. Seine Fotos von Joan Miró bestechen durch eine gelöste Intimität, die der Fotograf offenbar bei den Sitzungen mit dem großen Katalanen finden konnte. Die Offenbarung der Persönlichkeit eines anderen Menschen für die Dauer eines Augenblicks einzufangen, sei die Leidenschaft seiner Existenz, resümiert Halsman gegen Ende seines langen Berufslebens. Bei den Begegnungen der Ausnahmekünstler mit den Starfotografen sprühten die schöpferischen Funken unverwechselbarer Persönlichkeiten. Durch ihre Fotos werden die Besucher der Ausstellung Zeugen dieses Funkenflugs und Picasso und Co empfangen sie.

Die Ausstellung ist vom 28. Juni bis 9. November geöffnet.

Nähere Informationen: Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, Picassoplatz 1, 48143 Münster, Telefon 0251 4144710. E-Mail info@picassomuseum.de. Geöffnet ist das Museum dienstags bis sonntags und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr.