Kunstbetrachtungen, Teil 7 – Gegenstand und Erfahrung

In der letzten Folge der Reihe Kunstbetrachtungen war von einer ästhetischen Erfahrung die Rede, die mit der Betrachtung eines Gegenstandes, der als Kunstwerk gilt, einhergehen soll.

„Wer fragt, was Kunst ist, sollte klären, ob sich ein Zusammenhang zwischen den Eigenschaften von Kunstwerken und den Eigenschaften der Erfahrungen mit Kunstwerken denken lässt. Der Blick auf Kunstwerke sollte nicht von dem Blick auf ästhetische Erfahrungen isoliert werden und umgekehrt“, schreibt Bertram im Kapitel „Erste Weichenstellung: Wann ist Kunst?“ Und macht dabei klar, dass die Frage nach der Kunst und ihrem Kern anders gestellt werden muss. Er bezieht sich dabei auf den amerikanischen Philosophen Nelson Goodman, der sich ebenfalls gegen die Trennung von Kunstwerken und Kunsterfahrung ausspricht.

Kunst als Prozess

Die Frage lautet demnach: „Wann ist Kunst, nicht was ist Kunst?“ Es geht also bei der Kunst und ihrem Erleben nicht um etwas Statisches, sondern um einen Prozess.

Die radikale These von Goodman lautet: „Ein Kunstwerk ist demnach nicht als solches ein Kunstwerk, sondern erst dadurch, dass es zu einem Bestandteil einer bestimmten Praxis wird“, einer ästhetischen Praxis, bei der es zum Umgang mit einem Kunstwerk kommt, der ästhetische Erfahrungen auslöst. Bezogen auf die schon erwähnte Reaktion der Zuhörer einer Aufführung eines bestimmten Alban Berg- oder eines bestimmten Stravinski-Werkes („Altenberg-Lieder“ op.4 oder „Le sacre du printemps“) lässt sich sagen, „dass entweder dem Kunstwerk oder der durch es ausgelösten Erfahrung bestimmte Eigenschaften fehlen“.

Publikum beim Hören des dargebotenen Werkes nicht zu einer ästhetischen Praxis gekommen …“

Das Resultat: Beim Konzertbesuch sei es für das Publikum beim Hören der dargebotenen Werke von Berg und Stravinski nicht zu einer ästhetischen Praxis gekommen, wie Bertram ausführt. Oder einfacher gesagt: Die Musik wurde nicht verstanden und die Zuhörer hatten keinen Hörgenuss. Zumindest war das bei den beiden Premieren im Jahre 1913 der Fall.

Bertram spricht in diesem Zusammenhang von historischen Entwicklungen, die dazu führen können, dass sich der Blick auf vermeintliche oder tatsächliche Kunstwerke über die Jahrhunderte gewandelt hat.

Was aber hat dazu geführt, dass sich der Blick verändert hat, Gegenstände beispielsweise zur Kunst erklärt wurden, die vorher keine waren, oder umgekehrt? Hier kommen die Institutionen ins Spiel, die sich mit der Kunst beschäftigen.

Autor Bertram bezieht sich dabei auf den amerikanischen Kunstphilosophen George Dickie, der eine Institutionentheorie der Kunst vertreten hat, die verkürzt so lautet: Ein Kunstwerk ist das, was von den Institutionen der Kunst wie Museen, Ausstellungsmachern, der Kunstkritik oder der Kunst- und Kulturförderung als Kunstwerk angesehen wird.

Dass diese Antwort nicht genügen kann, ist für Bertram kaum zu bezweifeln, denn dann steht die Frage im Raum, wer oder was überhaupt eine Kunstinstitution mit voller Berechtigung sein kann.

Buchtipp: Alfred Andersch – Der Vater eines Mörders

„Diesen hör ich, sind wir los geworden Und er wird es nicht mehr weiter treiben Er hat aufgehört, uns zu ermorden. Leider gibt es sonst nichts zu beschreiben. Diesen nämlich sind wir los geworden Aber viele weiß ich, die uns bleiben.“ – dieses Zitat von Bertolt Brecht aus dessen Text „Auf den Tod eines Verbrechers“ stellt Alfred Andersch seiner Erzählung „Der Vater eines Mördeers“ voran. Und spätestens auf Seite 47 dieses posthum erschienenen Werkes wird mit der Nennung eines Namens klar, worauf Brecht mit seinen bewusst kalt klingenden, von jeglichem Mitleid freien Zeilen ansprach: Himmler. Wer in diesem Zusammenhang an Heinrich Himmler, SS-Chef während der Herrschaft des Nationalsozialismus und einen der schlimmsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte, denkt, ist schon auf der richtigen Spur, aber nicht ganz.

Brechts Worte betrafen allerdings nicht nur eine Person, sondern alle vom Ungeist des Nationalsozialismus beherrschten Menschen und deren menschenverachtende, raubmörderische Ideologie.

Der Autor (*1914 +1980), den vor allem viele Abiturienten älteren Jahrgangs wegen seines Romans „Sansibar oder der letzte Grund“ kennen, der Ende der 1970-er, Anfang der 1980-er Jahre und auch in späteren Zeiten oft noch verpflichtende Schullektüre war, beschäftigte sich in seinen vielfach autobiografisch geprägten Werken immer wieder mit dem Nationalsozialismus, dessen Ursachen, Voraussetzungen und Folgen. Unter anderem in seinem Roman „Winterspelt“, in dem er seine Desertation aus der deutschen Wehrmacht und das Überlaufen zur US-Armee im Zweiten Weltkrieg thematisiert.

In seiner ebenfalls autobiografisch geprägten Erzählung „Der Vater eines Mörders“ geht Andersch zurück in den Monat Mai des Jahres 1928. Aus der Sicht der Figur des Franz Kien, Schüler am Wittelsbacher Gymnasium in München, schildert er ein äußerst eindrückliches Erlebnis, das den immer noch herrschenden autoritären Geist der eigentlich vergangenen Ära Kaiser Wilhelms II. widerspiegelt, neun Jahre nach der durch die November-Revolution erzwungene Abdankung dieses seinem Amt nicht gewachsenen Monarchen.

Der neue Geist der 1919 mit der Weimarer Republik geschaffenen Demokratie hatte sich noch längst nicht in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens durchgesetzt. Das galt auch für die Schulen. Nationalismus und der blinde Glaube an überkommene Hierarchien bestimmten das Denken vieler Deutscher

Sehr deutlich wird das in der Erzählung von Alfred Andersch durch das Auftreten des Schuldirektors während einer Griechisch-Stunde. Was zunächst wie eine Inspektion des Unterrichts beginnt, entfaltet sich zu einem „Miniaturdrama auf engstem Raum und in kürzester Zeit“, wie der deutsche Journalist, Autor, Literatur- und Filmkritiker Wolfram Schütte schreibt.

Andersch schreibt von einem Erlebnis, dass sich unauslöschlich bei ihm eingebrannt hat.

Ohne Ankündigung tritt der „Rex“, wie er von Schüler Franz Kien – Alter ego von Alfred Anersch in mehreren seiner Werke – genannt wird, noch vor Unterrichtsbeginn in den Klassenraum der Untertertia ein. Auch Lehrer Kandlbinder ist nicht informiert. Mit der Zeit übernimmt der „Rex“ den Unterricht, kritisiert den Wissensstand der Schüler in verächtlichem Ton als nicht ausreichend und nimmt auch die dem Unterricht zugrunde liegende Grammatik aufs Korn, die er voll Hohn und Spott als nicht geeignet für die Altersklasse der Untertertia erklärt.

Die Degradierung des Lehrers ist in vollem Gange, doch richtig schlimm wird die Situation im Klassenraum mit dem Auftritt des von Kandlbinder aufgerufenen Schülers Konrad von Greiff, der eine Frage zur griechischen Grammatik beantworten soll. Er antwortet auf die Aufforderung seines Lehrers mit einem süffisant klingenden „Sehr gerne, Herr Doktor Kandlbinder“ und unterstreicht damit für alle deutlich die Ablehnung der Autorität Kandlbinders, und das auch noch in Gegenwart des Schuldirektors. Der „Rex“ bezeichnet die Antwort von Greiffs als unerlaubte Bereitwilligkeitserklärung, verweist auf die als Anrede für alle Lehrer gängige Titulierung Professor (nicht Herr Doktor) und verordnet als Strafe zunächst eine Stunde Arrest. Doch damit ist der Konflikt noch lange nicht beendet. Jetzt nimmt sich der Schuldirektor den Schüler weiter vor und kanzelt ihn vor der ganzen Klasse mit dem lateinischen Zitat „Quod licet Jovi, non licet bovi“ ab, was in deutscher Übersetzung „Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt“ heißt und sich in der Erzählung von Andersch darauf bezieht, dass der „Rex“ Lehrer Kandlbinder aufgrund seines hohen Ranges als Herr Doktor ansprechen kann, aber nicht der Schüler von Greiff. Und dann kommt eine Antwort, die vor allem wegen eines Namens einen großen Schrecken beim Leser auslöst: „Ich gehöre nicht zum Rindvieh“, stieß er (Konrad von Greiff) hervor. „Und Sie sind nicht Jupiter. Für mich nicht! Ich bin ein Freiherr von Greiff, und Sie sind nichts weiter als ein Herr Himmler.“

Jetzt ist der Name gefallen, der Name eines der schlimmsten Verbrecher in der Zeit der totalitären und mörderischen Nazi-Herrschaft, Chef der gefürchteten SS und verantwortlich für den millionenfachen Mord an den Juden; doch bei dem in der Erzählung angesprochenen Himmler handelt es sich nicht um den Nazi-Schergen, sondern um dessen Vater, der eher der katholischen, deutsch-nationalen Bayrischen Volkspartei zuzuordnen ist. Vater und Sohn stehen also in unterschiedlichen politischen Lagern und sind übrigens dadurch in Streit geraten, wie vom Vater Franz Kiens im Gespräch mit seinem Sohn zu erfahren ist.

Im „Nachwort für Leser“ belegt Alfred Andersch den autobiografischen Bezug seiner Erzählung: „Ich bin es doch gewesen, ich und niemand anderer, der von dem alten Himmler in Griechisch geprüft und infolge des blamablen Ergebnisses aus dem humanistischen Gymnasium eskamotiert (entfernt) worden ist.“ In der Figur des Franz Kien, die dem Erzähler nach eigenen Worten „eine gewisse Freiheit des Erzählens“ ermöglicht, wird Alfred Andersch zum weiteren Opfer des autoritären Himmler sen.

Die vom Rex gestellte Aufgabe, den Satz „Es ist verdienstvoll, Franz Kien zu loben“ als Beispiel für den Gebrauch des Infinitivs ins Griechische zu übersetzen, kann er nicht erfüllen und wird vor seinen Schulkameraden in unerbittlichster Weise vorgeführt.

Zwei Sätze Himmlers bringen das zum Ende der Examination Kiens deutlich zum Ausdruck: „Du wirst die Untertertia nicht erreichen“ und „Dabei könntest du, wenn du wolltest. Aber du willst nicht.“ Aber damit hört die Degradierung noch nicht auf. Auf die zunächst persönlich klingende Frage nach den beruflichen Ambitionen Kiens, der auf diese mit Schriftsteller antwortet und auf die nach seinem Lieblingsautor mit Karl May, kommt ihm nochmals die geballte Verachtung Himmlers sen. entgegen; und dieser wird dann auch noch in privaten Angelegenheiten Kiens indiskret, ebenso, wie er es bei Konrad von Greiff und dessen familiärer Biographie (Beleidigung des Standes der Freiherrn als Bauernschänder) getan hat. Er unterlässt es nicht, vor der ganzen Klasse auf die Armut der Familie Kien hinzuweisen, die nicht in der Lage sei, das Schulgeld zu bezahlen, dass man nur erlassen könne, wenn die Leistungen von Franz und seinem Bruder Karl, der ebenfalls das Gymnasium besucht, gut wären, was sie aber nicht seien.

Die Erzählung endet mit dem Verlassen des Klassenzimmers vor Unterrichtsende durch den „Rex“ und mit der von Franz Kien gleichgültig aufgenommenen Degradierung, der nach der Schule seinen freizeitlichen Aktivitäten wie gewohnt nachgeht. Fünf Jahre später erfolgt die Machtübernahme in Deutschland durch die Nationalsozialisten, aber das ist ein anderes Kapitel.

Vorhang zu und alle Fragen offen? Zur Figur des Schuldirektors Himmler gibt es im Nachwort von Andersch noch ein paar Informationen, die eine ungefähre Annäherung an diese Person ermöglichen. Der Autor rechnet ihn der Kaderschule des bairischen Ultramontanismus zu, einer politischen Haltung des Katholizismus, die sich insbesondere in deutschsprachigen Ländern auf Weisungen von der päpstlichen Kurie, also aus dem von dort aus gesehen „jenseits der Berge“ (lateinisch ultra montes – gemeint sind die Alpen) liegenden Vatikan stützte. Diese Haltung ging einher mit dem Antimodernismus, einer Strömung innerhalb der gesamten katholischen Kirche, die sich insbesondere in der zweiten Hälfte ds 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gegen gesellschaftliche und politische Reformen zur Durchsetzung von Menschenrechten und Demokratie wandte, kurz gesagt gegen unser heutiges Verständnis einer demokratischen Gesellschaftsordnung, deren Vorprägung es schon in der Weimarer Republik gab.

Ob Himmler sen. sich mit seinem Sohn Heinrich, einem fanatischen Anhänger der Nazi-Ideologie, nach der Machtergreifung durch die NSDAP aussöhnte, bleibt offen. Nur eine Ehrensalve der SS nach dessen Tod über seinem Sarg ist überliefert. Was bleibt, ist die Tatsache, „daß der alte Himmler der Vater eines Mörders war.“ Wie Andersch weiter ausführt, ist die „Bezeichnung Mörder für Heinrich Himmler… milde; er ist nicht irgendein Kapitalverbrecher gewesen, sondern, so weit meine historischen Kenntnisse reichen, der größte Vernichter des menschlichen Lebens, den es je gegeben hat.“

Der Autor erhebt trotz dieses familiären Hintergrundes für seine Erzählung nicht den Anspruch, „die private, die persönliche Wahrheit dieses Menschen, des Rex, zu bestimmen“, und auch Kausalitäten zwischen der Persönlichkeit des alten Himmler und der Entwicklung seines Sohnes zu einem der größten Verbrecher der Nazi-Diktatur mag er ungern herstellen. Andersch erläutert seine Haltung zu diesen Fragen in aller Ausführlichkeit: „War es dem alten Himmler vorbestimmt, der Vater des jungen zu werden? Mußte aus einem solchen Vater mit Naturnotwendigkeit, d. h. nach sehr verständlichen psychologischen Regeln, nach den Gesetzes des Kampfes zwischen aufeinander folgenden Generationen und den paradoxen Folgen der Familien-Tradition, ein solcher Sohn hervorgehen? Waren beide, Vater und Sohn, die Produkte eines Milieus und einer politischen Lage, oder, gerade entgegengesetzt, die Opfer von Schicksal, welches bekanntlich unabwendbar ist – die bei uns Deutschen beliebteste aller Vorstellungen? Ich gestehe, daß ich auf solche Fragen keine Antwort weiß.“

Und als Autor nimmt Andersch für sich in Anspruch, kein Interesse am Schreiben einer Geschichte mit klaren Zuordnungen zu den darin handelnden Personen zu haben: „Ein Interesse… wird ausschließlich durch den Anblick offener Figuren ausgelöst, nicht von solchen, über die ich schon ganz genau Bescheid weiß, ehe ich anfange, zu schreiben.“

Trotzdem bleibt für Andersch eine Frage: „Angemerkt sei nur noch, wie des Nachdenkens würdig es doch ist, daß Heinrich Himmler, – und dafür liefert meine Erinnerung den Beweis -, nicht wie der Mensch, dessen Hypnose er (gemeint ist Adolf Hitler, dessen glühender Anhänger Heinrich Himmler war) erlag, im Lumpenproletariat aufgewachsen ist, sondern in einer Familie aus altem, hunmanistisch fein gebildetem Bürgertum. Schützt Humanismus denn vor gar nichts? Die Frage ist geeignet, einen in Verzweiflung zu stürzen.“

Was bleibt ist eine spannende und tiefsinnige, um viele wesentliche Fragen kreisende Erzählung aus der Zeit der von vielen Irrungen und Wirrungen geprägten Weimarer Republik, die unbedingt die Lektüre lohnt. Zitiert sei an dieser Stelle der bekannte Literaturkritiker Joachim Kaiser, einer der führenden Vertreter seiner Zunft über mehrere Jahrzehnte, aus einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung: „Ein meisterhafter Text, ein konzentriertes, dramatisches, spannendes Prosa-Stück.“

Buchtipp: Hans Traxler – Meine Klassiker Bildergedichte

Lesern der Satiremagazine „Pardon“ und „Titanic“ ist der Name Hans Traxler ebenso vertraut wie Lesern der Zeitungen „Frankfurter Allgemeine“, „Süddeutsche Zeitung“ oder „Die Zeit“. In seinen mit äußerst feinem Strich gearbeiteten Cartoons, Bildergeschichten und Illustrationen nimmt er sich voller Humor unter anderem der großen Namen aus Politik, Wissenschaft, Literatur, Malerei und Philosophie an.

Für das bei Reclam erschienene Bändchen „Meine Klassiker“ hat er eine Auswahl seiner schönsten Bildergedichte getroffen, bei der die Erotik keine geringe Rolle spielt. Der Leser erfährt dabei so Manches, was er von Goethe, Flaubert, Freud, Nietzsche, Marx und manchen mehr vielleicht so nicht gedacht oder vermutet hätte. Mit Traxlers Hilfe vermag er einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und trifft die Geistes- und Künstler-Heroen hin und wieder gewissermaßen mit heruntergelassener Hose an.

Der Einstieg beginnt mit dem frivolen, von viel Alkohol und Eros begleiteten Treiben des größten Geistesheroen der deutschen Klassik überhaupt, Johann Wolfgang Goethe, während seines legendären Aufenthaltes in Rom. Konservative Goethe-Exegeten dürften entsetzt sein, was Traxler über den gottgleich verehrten Dichter zu zeichnen und zu dichten weiß. Der Sockel, auf den Goethe so oft gestellt wird, scheint brüchig geworden zu sein.

Während das Liebesleben bei Goethe seinen lockeren Gang nimmt, hakt es bei dem ein oder anderen Prominenten. So muss sich der weltberühmte Dr. Sigmund Freud aus unerklärlichen Gründen auf die Suche nach seinem „P…“ machen, der Philosoph Friedrich Nietzsche wird von einer Frau aus dem Hause geschmissen und erhält erst wieder Einlass nach dem Vorzeigen einer Peitsche („Gehst Du zum Weibe, vergiss…“), der große Frauenliebhaber Giacomo Casanova hat mit nachlassenden Triebgelüsten zu kämpfen, und der vom Bazillenwahn befallene Virologe Robert Koch ist von seiner Freundin Mabel nur mit dem Rufe „Stroptokokken“ in die Kissen zu locken.

Das Buch „Meine Klassiker“ und seinen Zeichner und Dichter Hans Traxler aber nur auf das Thema der Erotik zu reduzieren, ist allerdings zu kurz gegriffen. Traxler weiß auch um die Eitelkeiten und intellektuellen Probleme seiner prominenten Figuren. Beispielhaft wird das unter anderem an zwei Ausnahmefiguren der deutschen Literatur deutlich.

Entgegen der vermeintlichen und oft behaupteten Geistesbruderschaft von Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller, wie sie sich auch in dem Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater in Weimar ausgedrückt findet, geht es in dem Bildergedicht „Olympischer Diskurs“ um den Streit, wer von den beiden der Größere sei; und es wird deutlich, dass dieser nicht von Schiller ausgeht, sondern von Goethe, diesem eitlen Pfauen.

Goethe, das wird spätestens mit einem weiteren Bildergedicht, „Zwei deutsche Künstler in der Campagna“ klar, geht auch mit anderen Kollegen, in diesem Falle dem Maler Johann Heinrich-Wilhelm Tischbein, nicht viel anders um als mit Schiller. Mehr darüber, was im Vorfeld des 1787 entstandenen Porträts „Goethe in der römischen Campagna“ geschehen ist, soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden.

Einer der bekanntesten Physiker, Mathematiker, Astronomen und Denker der Welt ist Sir Isaac Newton. Von ihm stammt unter anderem das Gravitationsgesetz, besser bekannt als das Gesetz von der Schwerkraft. Es gehört zu den bekanntesten und grundlegendsten Erkenntnissen der Wissenschaften mit geradezu revolutionärer Wirkung. Was weniger bekannt ist, sind die Schwierigkeiten, die dieses Gesetz seinem Schöpfer zu Lebzeiten (*1643 +1727) bereitete. Davon handelt auf äußerst anschauliche Weise das Bildergedicht „Newtons Gesetz“.

Und so geht es in Hans Traxlers Buch „Meine Klassiker“ unterhaltsam, lehrreich und vor allem humorvoll weiter und weiter. Insgesamt vereint das Buch über 40 Bildergedichte, und wer schon immer mal wissen wollte, warum Hans Traxler so gerne zeichnet, wird auch noch fündig.

Kunstbetrachtungen, Teil 6 – Gibt es eine Richtschnur?

Im vorigen Kapitel der Reihe Kunstbetrachtungen ging es um die Annäherung an einen Kunstbegriff durch Wissen über Kunst und durch einen vorgegebenen Kanon der Kunst. Aber reicht das?

An dieser Stelle ergibt sich bei der Suche nach einer ultimativwn Definition eines Kunstbegriffs folgendes Problem: Wenn es einen vorgegebenen Kanon der Kunst beziehungsweise eine vorgegebene Richtschnur dessen gibt, was zur Kunst gerechnet wird oder nicht, stellt sich die Frage, wie es dann sein kann, dass sich im Laufe der Jahrhunderte dieser Kanon immer mehr erweitert, immer mehr und andersartige Kunstwerke dazugerechnet werden.

In den Eigenschaften begründet

Das bringt Autor Georg W. Bertram zu der folgenden Überlegung: „Dass ein Gegenstand als Kunstwerk verstanden wird, liegt in den Eigenschaften begründet, die ein Kunstwerk ausmachen. Der Gegenstand muss in irgendeiner Weise das aufweisen, was ihn zum Kunstwerk macht.“

Hilfreich, um dem Kunstverständnis näher zu kommen, kann da ein Vergleich mit anderen Gegenständen sein, weiß Bertram und stellt dem Kunstwerk gedanklich einen Tisch gegenüber. Sehen wir einmal von Peter Bichsel und und seiner Kurzgeschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“ ab, gibt es eine allgemeine Übereinkunft, wie ein Tisch zusammengesetzt ist und aussieht und für welche Funktionen und Betätigungen er geeignet ist.

Angesichts schon besprochener strittiger Diskussionen um die Kunst und welches Werk zu ihr gerechnet wird, ist dem Autor klar, dass das Erkennen von Kunstwerken eine schwierigere Angelegenheit ist als das Erkennen eines Gebrauchsgegenstandes. Für ihn steht fest, dass es einer längeren Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk bedarf, um es als solches zu erkennen.

Mit einem Kunstwerk muss man Erfahrungen machen …“

Bertram konstatiert: „Mit einem Kunstwerk muss man Erfahrungen machen … Die Eigenschaften, die für ein Kunstwerk charakteristisch sind, können nicht mit einem Schlag erfasst, sie müssen erfahren werden.“

In welchem Zusammenhang Kunstwerke in gegenständlicher Begriffes Ästhetik von großer Bedeutung, aber leider auch nicht einfach. Mit dem aus dem Altgriechischen kommenden Wort Ästhetik bezeichnete man bis zum 19. Jahrhundert vor allem die Lehre von der Schönheit, von Gesetzmäßigkeiten und Harmonie in Natur und Kunst.

Was verbirgt sich hinter dem Wort Ästhetik?

Ästhetik bedeutet aber wörtlich die Lehre von der Wahrnehmung beziehungsweise vom sinnlichen Anschauen. In der Wissenschaft bezeichnet der Begriff in einem engeren Sinn die Eigenschaften, die einen Einfluss darauf haben, wie Menschen etwas unter Schönheitsgesichtspunkten bewerten, insbesondere Kunst.

Buchtipp: Thilo Mischke: „Alles muss raus – Notizen vom Rand der Welt“

Der Reporter, Globetrotter und Abenteurer Thilo Mischke (Journalist des Jahres 2021) ist unterwegs zu den Rändern der Welt und auf der Suche nach dem, was wirklich wichtig ist.

Wer über 100 Länder der Welt bereist hat, hat gewiss was zu erzählen. Vor allem wenn man einen offenen Blick für Menschen und ihre Geschichten hat, und einen unersättlichen Lebens- und Erfahrungshunger.

Dass das für den Journalisten, Autor und Fernsehmoderator Thilo Mischke gilt, wird schon bei der ersten Story – Titel „Mit dem Tod beginnen“ – aus seinem 2022 erschienenen Buch „Alles muss raus – Notizen vom Rand der Welt“ deutlich. Entgegen des auf dem Klappentext nachzulesenden Satzes „Es ist nicht der Reiz des Extremen, der ihn in die entlegensten Ecken treibt“ scheint ihn genau dieser Reiz zu treiben.

In einem der neun Höllenkreise von Dantes „Inferno“

Die ersten Seiten der Beschreibung seines Aufenthaltes in El Salvador wirken, als sei er in einem der neun Höllenkreise von Dantes „Inferno“ gelandet. In einem der gewalttätigsten Länder der Erde, das von jahrelangen, blutigen und tödlichen Bandenkriegen beherrscht wird, macht sich Thilo Mischke mit einem Kamerateam und einem Forensiker auf den Weg zur Bergung einer Leiche, inmitten einer unwirtlichen, von Hitze und Trockenheit ausgemergelten Landschaft.

Diese Geschichte entwickelt sich zu einer starken persönlichen Reflexion über den Tod.“

Der Tote ist ein Opfer der Bandenkriege. Ob er auch Täter ist, lässt sich nicht klären. Diese Geschichte entwickelt sich zu einer persönlichen Reflexion über den Tod. Mit bestechend klarer Sprache beschreibt er neben seiner Reise in die Finsternis eines mittelamerikanischen Landes im stetigen Wechsel das Dahinsiechen seiner geliebten Oma, deren allmähliches Ableben er bis zum letzten Atemzug mitbekommt.

Das Nebeneinander zweier Handlungsstränge kennzeichnet auch die weiteren Geschichten. In „Wir wurden wenige. Über Freundschaft“ verwebt Mischke persönliche Betrachtungen über die Freundschaft mit der Erinnerung an eine Reise auf Island mit dem besten Freund, den er aus nicht benannten Gründen verloren hat, und mit einem Aufenthalt in Somalia, einem Land, einem „failed state“, der an einem jahrelangen und unerbittlichen Bürgerkrieg zerbrochen ist, und über das er berichten soll. Verlust und Tod schweben über allem.

Persönliche Neugierde und naive Vorstellungen

Immer wieder geht es dem Autor um die ganz großen Sachen, um Leben und Tod, Abenteuer und Gefahr; und er ist dabei so ehrlich, zuzugeben, dass bei seinen Geschichten aus den gefährlichsten Ecken der Welt persönliche Neugierde und naive Vorstellungen – „Ich wollte diese Kriege sehen, weil ich wissen wollte, was sie sind, wie sie funktionieren. Ich wollte, ganz romantisch verträumt, mit schusssicherer Weste und Staub im Gesicht bewundert werden“ – keine unwesentliche Rolle spielen.

Was Mischke aber vor allem klar machen will, ist, dass es in vielen Ländern der Erde die von den meisten Menschen im Westen lange verdrängte Realität des Krieges gibt, die die meisten nur aus den Nachrichten kennen, deren Randerscheinungen uns aber auch schon in Form von Anschlägen begegnet sind, vom 11. September 2011 in New York über Madrid und London bis zum Breitscheidplatz in Berlin. Und nach dem brutalen Überfall Russlands in die Ukraine auch noch ein bedrohlicher Krieg direkt an Europas Grenzen.

Tröstlich immerhin: Es gibt in Mischkes Buch auch eine Liebesgeschichte, zwar nicht von Dauer, aber intensiv und nachrücklich in der Erinnerung des Autors.

Thilo Mischke, „Alles muss raus – Notizen vom Rand der Welt“, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-27872-7

Der Hintergrund zu den Liedern und manchem mehr

Paul McCartney gibt in seinem zweibändigen, sehr aufwendig und liebevoll gestalteten Buch „Lyrics“ Einblicke in das eigene Schaffen und das der Beatles.

Als Fan der besten Band der Welt kam ich natürlich an einem Buch nicht vorbei, und das war das zweibändige, beim C. H. Beck Verlag erschienene Werk „Lyrics“ von Paul McCartney. Der Ex-Beatle, der vor allem mit John Lennon Musikgeschichte prägte wie kaum jemand sonst, hat darin Texte der Beatles-Songs und auch Songs der Nach-Beatles-Ära, autobiografische Kommentare aus erster Hand, handgeschriebene „lyrics“, Erinnerungsstücke, Fotografien und manches mehr zusammengestellt – kurzum neue und bisher unbekannte Einblicke in das Leben und Schaffen sowohl der Beatles als auch Paul McCartneys.

Wie Paul McCartney im Vorwort zu „Lyrics“ schreibt, war er schon immer wieder mal dazu gedrängt worden, eine Autobiografie auf Papier zu bringen. Aber das sollte nie so richtig gelingen; es fehlte einfach die Zeit. „Meist zog ich Kinder groß oder war auf Tour“, berichtet er. Keine guten Bedingungen, um sich für längere Zeit auf das Erlebte zu konzentrieren, Erinnerungen zu ordnen und sie niederzuschreiben. Und Tagebücher oder dergleichen waren auch nicht vorhanden.

Was es aber immer gab waren seine Songs und natürlich die mit John Lennon gemeinsam geschriebenen, entstanden über einen Zeitraum von inzwischen über 65 Jahren. Sie sind es, die alphabetisch geordnet die Grundstruktur der beiden Lyrics-Bände bilden.

Wer wissen möchte, wie die Songs entstanden sind, welche Inspirationsquellen es gab und was sich hinter manchen Textzeilen verbirgt, deren Sinn sich nicht immer gleich direkt erschließt, wird in diesem Mammut-Werk fündig.

Als ein Beispiel von vielen: „Get back“ aus dem Jahre 1969, geschrieben mit John Lennon in der Endphase der Beatles kaum ein Jahr vor der Trennung. In McCartneys Erinnerung ging es angesichts der sich immer deutlicher abzeichnenden Auflösung der Band aufgrund von persönlichen und künstlerischen Differenzen bei dem Song um Sehnsucht, um die Rückkehr zu den Wurzeln und konkret um eine Wiederbelebung der Band, die wieder gemeinsam spielt und auftritt. Doch John Lennon gab im Gespräch mit McCartney zur Antwort: „Ich mache nicht mit, ich steige aus. Tschüss“. Und so endete eine unvergeßliche Ära der Musikgeschichte, aber die Erinnerung bleibt.

Buchtipp: Katerina Gordeeva: „Nimm meinen Schmerz – Geschichten aus dem Krieg“

Anna Politkowskaja-Preisträgerin Katerina Gordeeva hat mit „Nimm meinen Schmerz“ ein beeindruckendes, äußerst berührendes und angesichts der geschilderten Schicksale der Opfer ein zugleich schwer erträgliches Werk über den Ukraine-Krieg geschrieben.

„Eines Tages werden die Bücher von Katja Gordeeva für das Geschichtsstudium verwendet werden. Aber nicht die Geschichte des Krieges, sondern die Geschichte des Menschen im Krieg. Seit den ersten Kriegstagen dokumentiert sie Tag für Tag, wie wir mit der menschenverachtenden Erfahrung des Geschehens umgehen. Keiner war darauf vorbereitet“, schreibt Swetlana Alexijewitsch, Nobelpreisträgerin für Literatur.

Großes Lob von einer Nobelpreisträgerin für Literatur

Dieses Lob macht deutlich, welchen Rang die aus Russland stammende Autorin einnimmt. Katerina Gordeeva, geboren 1977, wurde von der Romir Research Holding zu einer der zehn einflussreichsten unabhängigen Journalistinnnen Russlands ernannt und vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2022 mit dem Internationalen Anna Politkowskaja-Journalistenpreis, benannt nach der am 7. Oktober 2006 in Moskau ermordeten Journalistin, die eine der führenden Kritikerinnen des Putin-Regimes war.

Bis 2012 arbeitete Katerina Gordeeva als TV-Reporterin und als Kriegsberichterstatterinen, 2014 verließ sie ihre Heimatstadt Moskau aus Protest gegen die Annexion der zur Ukraine gehörenden Krim. Verfolgung, Gefängnis oder Tod waren zu befürchten. Seitdem lebt sie mit ihrer Familie im Exil in Lettland. 2020 gründete sie ihren eigenen YouTube-Kanal und erreicht damit ein Millionen-Publikum.

Gleich im Vorwort zu ihrem im Verlag Droemer erschienen Buch „Nimm meinen Schmerz“ setzt sich die Autorin mit Gedanken auseinander, die äußerst schmerzhaft für sie sind.

Die Hälfte unserer Familie lebt in der Ukraine, in Kyiw: mein Cousin und meine Cousine, ihre Familien und Kinder …“

Sie muss das Land verlassen, das trotz des mörderischen Putin-Regimes und des Krieges gegen die Ukraine ihre Heimat bleiben wird, sie muss ihre Kindern erzählen, dass ihr Heimatland einen äußerst brutalen Krieg begonnen hat, und dass der Staat, deren Bürgerin sie ist, Menschen angegriffen hat, die sie liebt. Wie viele andere Russen hat sie familiäre Beziehungen zur Ukraine. „Die Hälfte unserer Familie lebt in der Ukraine, in Kyiw: mein Cousin und meine Cousine, ihre Familien und Kinder, mein Onkel, der 1939 geboren ist“, schreibt Katerina Gordeeva über ihre spezielle Situation.

Bevor sie das Buch geschrieben hat, entstand zunächst ein Film, indem sie mit vom Krieg betroffenen Menschen gesprochen hatte. Er erschien auf ihren YouTube-Kanal. Katerina Gordeeva stellte dann aber fest, dass die Begegnungen und Erlebnisse, die mit dem Film verbunden waren, sie nicht mehr losließen.

Frau verliert ganze Familie im Krieg

„Doch der Film erschien, und die Figuren – sowohl die im Film als auch die, die nicht in der endgültigen Fassung vorkamen – ließen mich nicht los. Ich träumte von ihnen. Hörte ihre Stimmen in meinem Kopf. Mir wurde klar, dass ich es aufschreiben muss, dass es anders nicht geht.“

Dass die von Katerina Gordeeva gemachten Erfahrungen mit vom Krieg betroffenen Menschen so schmerzlich waren, belegt unter anderem der Fall von Tanja, die in der schwer umkämpften Stadt Mariuopol lebte. Kaum zu ertragen ist das Schicksal dieser auch noch von Kinderlähmung betroffenen Frau und Mutter zweier Kinder. Ihr Haus wird niedergebrannt mitsamt bettlägerigen Verwandten, ihr Sohn stirbt im Kugelhagel, ihre Tochter beim Brand des Hauses. Damit nicht genug sterben auch noch ihr Mann und ihre Mutter.

Glück im eigentlich unbeschreiblichen Unglück: Durch das Engagement eines ehrenamtlich engagierten Helfers konnte Tanja nach Deutschland fliehen. Doch die Gedanken an das erlebte Schicksal werden ewig bleiben. Tanja sagt im Gespräch mit der Autorin: „Ich weiß nicht, warum ich lebe, wozu ich überlebt habe und wie ich weiterleben soll.“

Diese Gedanken teilt sie mit vielen anderen vom Krieg Betroffenen, deren tragisches Schicksal in Gordeevs Buch eindrucksvoll und schmerzlich berührend geschildert wird.

Einblicke in das Leben einer Nordhorner Jugendlichen

Über das Gefühl des Unverstandenseins, Tattoos, Depressionen und Musik berichtet die 18-jährige Sanja Wolters in einem Beitrag über das Thema „Jugendkultur“.

„I ´ve always told them I ´m okay / But I don´t / I ´m full of pain / of tears / of loneliness / But I always laught for them / And said the right answers / So they wouldn´t be worried / Or because I ´m afraid they wouldn´t listen / because they are not interested in it“ – so lautet der Text eines Gedichts der 18-jährigen Nordhornerin Sanja Wolters, die ein Unwohlgefühl von Jugendlichen gegenüber der Gesellschaft zum Ausdruck bringt, die nach ihrer Meinung oft von Oberflächlichkeit, schönem Schein und der Verdrängung von Problemen geprägt ist.

„Manchmal scheint uns keiner zu verstehen“, sagt sie im Gespräch mit einer gewissen Wut. „Was habt Ihr denn, Euch geht es doch gut, Ihr habt doch alles, was Ihr braucht“, schallt es ihr oft entgegen. Aber Sanja geht es nicht um die materiellen Dinge. Es geht um Offenheit, Zuhören und den Kampf gegen Vorurteile.Poetry Slam und der Malerei zugewandt. Aber wie es etwas genauer in ihrer Welt aussieht, sagt sie im Gespräch: „Manchmal ist alles zuviel: Der Meinungs- und Informationsschwall durch Social Medi, der große Einfluss durch gleichaltrige Jugendliche und Peer-Groups, der einen schon verunsichern kann, wenn es beispielsweise um Aussehen und Mode geht. Damit nicht genug, gibt es auch enormen Druck vonseiten der Familie, von der Schule und durch die Berufsaussbildung. Die ganzen Erwartungen, die auf einem lasten, prägen uns. Und dann gibt es in großen Teilen unserer Gesellschaft leider auch viele Vorurteile, mit denen wir klar kommen müssen.

Es geht um Offenheit, Zuhören und den Kampf gegen Vorurteile.

Ein gutes Beispiel dafür sind Vorurteile gegenüber Erkrankungen wie Depressionen. Da dürfen sich viele Betroffene so böse Sätze anhören wie „Das ist doch keine richtige Krankheit, „Das bildest Du dir nur ein“, oder „Ja, weil es jeder hat, musst Du das jetzt auch haben.“

Oft ist es auch der Fall, dass sich viele von einem zurückziehen, der an Depressionen erkrankt ist. Als sei man ansteckend. Dabei ist es doch das Wichtige, dass genau dann die Leute aus dem engeren Umfeld wie Familie und Freunde bei einem sind und ihn stärken. Viele werden jetzt wahrscheinlich denken, so kann das doch gar nicht stimmen, wir sind doch in unserer heutigen Zeit bei diesem Thema weit gekommen, was die Heilung angeht. Ich finde aber, dass dies so nicht gan stimmt. Was das Medizinische und Psychologische angeht, sind wir sehr viel weiter gekommen, das ist richtig. Doch in unserer Gesellschaft ist das Sprechen über Depressionen oft noch immer ein Tabu. Vor allem wird es runtergespielt, verdrängt, und diese Verhaltensmuster bringen viele dazu, sich keine Hilfe zu suchen und weiter unter diesem Druck zu leiden. Hinzu kommt jetzt noch die aktuelle Situation mit Corona. Allein seit Beginn der Pandemie sind zusätzlich 477.000 Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren mit Symptomen von Depressionen betroffen, wie ich online auf www.tagesschau.de nachgelesen habe. Die Aussage basiert auf einer Studie von Martin Bujard.

Schlimm ist es auch, mit Vorurteilen betrachtet zu werden, wie es mir schon passiert ist. Wenn jemand Tattoos hat wie ich, ist er gleich abgestempelt als Rocker oder Asi und überhaupt als unanständig. Mit unanständig ist bei der Bewertung nicht unbedingt gemeint etwas gemeint, was beleidigend ist oder einen nackten Körper darstellt. Selbst einfache Blumenmuster werden als unanständig bezeichnet, einfach nur, weil es Tattoos sind. Dies sind zumindest die Vorurteile von vielen Erwachsenen mir gegenüber.“

Mit Tattoos können wir das verewigen, was uns ausmacht oder was wir mit uns verbinden.“

Doch in den Kreisen von mir Gleichaltrigenbedeuten Tattoos etwas ganz anderes. Ich selbst habe nur ein Tattoo, will aber noch mehr haben. Glücklicherweise habe ich viele Freunde, die alle verschiedene und auch sehr viele Tattoos haben. Und Sie haben sich ebenso was dabei gedacht wie ich auch, und deshalb verstehen wir uns. Mit Tattoos können wir das verewigen, was uns ausmacht oder was wir mit uns verbinden. Wir können die schönsten Momente verewigen und wir können auf verschiedene Weisen auch die schlechten Momente verewigen, um uns zu stärken, zu erinnern und um uns aufrecht zu halten. Viele verbinden mit ihren Tattoos eine Geschichte aus ihrem Leben, selbst wenn es nur ein Tattoo ist, welches beim Trinken entstanden ist. Auch da steckt eine Geschichte drin, über die man weinen, lachen und sich an alte Zeiten erinnern kann. Viele identifizieren sich über ihre Tattoos.

Eine weitere Leidenschaft ist für mich wie für meine Freunde die Musik. Ich selbst bin gerne in der Rock- und Metalszene unterwegs. Allerdings höre ich ab und zu auch etwas Klassisches von Komponisten wie Fritz Kreisler und Frederic Chopin.

Was Filme angeht, bin ich ein riesiger Tim Burton-Fan, aber nicht nur. Bei dem, was ich mag, lasse ich mir keinen Stempel aufdrücken, der besagt, zu welcher Gruppe man gehört.

Für die verschiedensten Situationen und für die verschiedensten Gefühle gibt es bei mir und meinen Freunden verschiedene Musikrichtungen. Wenn ich gute Laune habe und Spaß, und vielleicht mal ein bisschen feiern möchte, dann bin ich bei Pop, Rock und Metal. Wenn ich lerne und mich konzentriere, höre ich klassische Musik, und wenn ich zeichne, male oder traurig bin, höre ich oft Birdy und ähnliche Musiker. Die Musik hat für mich die verschiedensten Formen, Gefühle rüberzubringen und einen zu erreichen. Man kann sich in die Musik flüchten und sich mit ihr retten. Die Musik ist für mich vielfältig und so sind die Menschen auch, oder sollten es sein. Ich mag diese Vielfalt einfach und kann nicht verstehen, warum es Menschen gibt, die einem bloß anhand der Musikrichtung einen negativen Stempel aufdrücken wollen, oder anhand der Tatsache, dass jemand Tattoos mag.“

Kunstbetrachtungen, Teil 5 – Was ist ein Kunstwerk?

Nicht nur in der Malerei hat es revolutionäre Entwicklungen gegeben, die das Publikum überfordert haben. Gleiches gilt auch für die Musik.

Im Kapitel 1 „Es gibt Kunstwerke … gibt es sie wirklich?“ seines Buches zum Thema Kunst geht Autor Georg W. Bertram auf zwei musikalische Ereignisse im Jahre 1913 ein, die wie die Impressionismus-Ausstellung von 1878 (siehe Teil 1 der Kunstbetrachtungen) die Frage aufwarfen, ob das überhaupt Kunst sei.

Tumulte und Buhrufe

In Wien wurde das Stück „Altenberg-Lieder op. 4“ von Alban Berg, einem Schüler von Arnold Schönberg, aufgeführt. Beide sind der Zwölftonmusik zuzuordnen, die mit vorher geltenden Kompositionsregeln gebrochen hatte und für den nicht Eingeweihten zum Teil gewöhnungsbedürftig, zum Teil unzumutbar klang. Zwölf Halbtöne der Tonleiter, die an einer Stelle auf einmal erklangen, waren keine leichte Kost. Die Reaktion des Publikums: Tumulte, die einen Abbruch der Darbietung erzwangen.

In Paris wurde das Ballettstück „Le sacre du pritemps“ des russischen Komponisten Igor Stravinski auf die Bühne gebracht, das sich durch äußerst dominante Rhythmik, Melodienarmut und neue Akkorde auszeichnete. Die Reaktion des Publikums auf die wie bei Alban Berg ungewöhnlichen Töne: Buhrufe.

Kurzum: Die Übereinkunft zwischen Komponist und Hörer, was als klassische Musik oder überhaupt als Musik zu verstehen sei, galt nicht mehr. Der Philosoph Theodor W. Adorno brachte es auf den Punkt: „Zur Selbstverständlichkeit wurde, dass nichts, was die Kunst betrifft, noch selbstverständlich ist.“

Was macht ein Kunstwerk zu einem Kunstwerk, und was ist Kunst überhaupt?“

Vor diesem Hintergrund und angesichts des Bemühens, dem Kunstbegriff etwas näher zu kommen, stellen sich die von Bertram gestellten Fragen noch einmal mehr: Was macht ein Kunstwerk zu einem Kunstwerk, und was ist Kunst überhaupt?

Dazu bedarf es nach Bertram bestimmter Eigenschaften oder Merkmale, die ein musikalisches, malerisches oder skulpturales Werk besitzen muss, damit es als Kunst bezeichnet werden kann. Kurz gesagt geht es um den Unterschied von „echter Kunst“ und „bloßen“ Unterhaltungs- oder Gebrauchsprodukten.

Eine Zeit lang schien es vor allem in der Musik leicht zu sein, beides voneinander zu trennen. Klassik galt als E-Musik, der Rest als U-Musik. Aus damaligem Verständnis war Klassik als ernste, also E-Musik, in gutbürgerlichen Kulturkreisen als Kunst anerkannt, während auf sogenannte U-Musik wie zum Beispiel Schlager oder Jazz, herablassend heruntergeschaut wurde. Ihr wurde die Eigenschaft, Kunst zu sein, abgesprochen.

Frage nach Eigenschaften

Wie Bertram schreibt, wird Kunst aber bestimmt durch die Eigenschaften, die einem Kunstwerk zugeschrieben wird. Und was braucht es dazu? Zunächst viel Wissen über die Geschichte der Künste wie der Malerei, der Musik oder der Literatur. Das hilft bei der Einordnung dieser Gattungen in Epochen wie dem Barock, der Klassik oder dem Realismus. Eine erste Orientierung, was ein Kunstwerk ist oder sein soll, bietet laut Bertram ein schon länger existierender Kanon, oder anders ausgedrückt eine Richtschnur, auf den oder die sich die im Kulturbereich tätigen Menschen geeinigt haben. In entsprechenden Fachpublikationen sind Bilder, Skulpturen, Bücher oder Kompositionen zu fiden, denen der Begriff Kunst zugesprochen wird. Dazu gehören unter anderem die „Mona Lisa“ von Leonardo da Vinci, Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ oder Miguel de Cervantes „Don Quichote“, der zur Weltlieratur gerechnet wird.

Ein fotografischer Streifzug durch die Grafschaft mit Bildern von Anja Koch und Texten von Andreas Meistermann

Stimmungsvolle Landschaften zu unterschiedlichen Jahres- und Tageszeiten, Menschen bei der Arbeit, privat oder bei Freizeitvergnügungen, regionaltypische und exotische Tiere, Stadt- und Dorfimpressionen sowie Architektur im Dialog zwischen Tradition und Moderne – das alles bietet der qualitativ äußerst hochwertige Fotoband „Querfeldein – Ein Streifzug durch die Grafschaft Bentheim“, der in Kooperation der Nordhorner Fotografin Anja Koch mit dem Heimatverein Grafschaft Bentheim und der Grafschafter Sparkassenstiftung entstanden ist.

Anja Koch hat sich für das Buch auf die Suche nach Motiven begeben, die für sie die Grafschaft verkörpern. Unter dem auch titelgebenden Motto „Querfeldein“ führte sie der Weg von der Obergrafschaft über die Kreisstadt Nordhorn bis in die Niedergrafschaft – nur nicht immer in dieser Reihenfolge, wie das Wort „Querfeldein“ ja auch besagt.

Bei ihren zahlreichen Wanderungen und Fahrten wendete die Fotografin viel Zeit und Geduld dafür auf, die markanten Orte, Landschaften und Plätze zu finden, die je nach Jahres- und Tageszeit etwas von ihrer einzigartigen Faszination und Magie preisgeben. „Solche besonderen Eindrücke und Momente mit der Kamera festzuhalten bedurften oft mehrerer Stunden, bis der richtige Zeitpunkt für den Auslöser da war“, berichtet Anja Koch.

Einen besonderen Augenmerk legte sie bei ihren fotografischen Erkundungen auch auf die in der Grafschaft lebenden Menschen, die sie in den unterschiedlichsten Situationen angetroffen hat und bei denen sie auf viel Entgegengekommen gestoßen ist: „Was man sofort merkt, ist die Herzlichkeit und die Identifikation der Grafschafterinnen und Grafschafter mit der Landschaft und der Region im Ganzen. Ich habe auf meinen Erkundungstouren so viele interessante, herzliche und hilfsbereite Menschen getroffen, die sich sofort dazu bereit erklärt haben, fotografiert zu werden und mir auch in anderer Weise oft spontan behilflich waren“, erinnert sich Anja Koch an ihre Erlebnisse im oft zufälligen Kontakt.

Was die Zielsetzung des Buches angeht, macht sie klar, dass es sich dabei nicht um einen neuen Touristenführer handelt, sondern darum, einen neuen Blick auf Bekanntes, aber auch Unbekanntes zu bieten: „Mit diesem atmosphärischen Porträt der Grafschaft Bentheim wird den Bewohnern ihre Heimat oftmals aus neuer Sichtweise präsentiert und soll auch Auswärtigen Lust machen, einige dieser Orte und Landschaften – vielleicht auch aufs Neue – selbst einmal zu erkunden“, erläutert sie.

Den Worten Anja Kochs pflichtet auch Landrat Uwe Fietzek in seiner Funktion als erster Vorsitzender des Heimatvereins Grafschaft Bentheim bei. So schreibt er im Vorwort: „Die Orte, die über viele Monate von der Fotografin ausgwählt und aufgesucht wurden, erscheinen in diesem Bildband als Motive, die aus einer individuellen und intensiven Betrachtung heraus entstanden sind und den Betrachter inspirieren, die Schönheit ud Einzigartigkeit unserer Heimat mit neuen Augen zu sehen oder gar neu zu entdecken.“

Der Fotoband wird durch textliche Anmerkungen und Informationen von Andreas Meistermann sowie eine ausführliche Literaturliste zur Grafschafter Heimatgeschichte ergänzt.

Das Buch, das sich auch perfekt als originelles und individuelles Geschenk oder Gastgeschenk für Auswärtige eignet, ist ab dem 1. Juni zum Preis von 24,90 Euro in den regionalen Buchhandlungen erhältlich.