Wissenswertes über die Kunsthal Rotterdam

Die Kunsthal in Rotterdam ist eine der Ikonen der modernen Architektur und wird jedes Jahr von zahlreichen Architekturliebhabern aus aller Welt besucht.


Der weltberühmte Architekt Rem Koolhaas entwarf die Kunsthal von 1988 bis 1989 gemeinsam mit dem Projektarchitekten Fuminori Hoshino vom Rotterdamer Architekturbüro OMA (Office for Metropolitan Architecture). Das Werk erregte sofort breite internationale Aufmerksamkeit wegen Merkmalen wie dem innovativen Materialeinsatz, der Lage des Eingangs und der steilen Rampen. Das Kunsthal wurde am 1. November 1992 offiziell eröffnet. Das wuchtige Gebäude beherbergt sieben Ausstellungsräume, ein charakteristisches Auditorium und ein Café mit besonderer Atmosphäre.

Zur Geschichte

Das Blockbuster-Phänomen tauchte in den 1980-er Jahren auf: große Ausstellungen, um Menschenmengen und ein neues Publikum anzuziehen. Bestehende Museen waren weniger auf die zunehmende Menschenmassen vorbereitet und mussten über ihre Dauerausstellung nachdenken. Joop Linthorst, der damals Stadtrat für Finanzen und Kunst in Rotterdam war, hatte die Idee, einen Ausstellungsraum speziell für diese temporären Blockbuster-Ausstellungen zu entwickeln.

Der Architekt Rem Koolhaas wurde beauftragt, einen Entwurf für den heutigen Standort am Westzeedijk zu entwerfen. Sein erster Entwurf, Kunsthal Hoboken Entwurf (27. April 1988), zeigte ein Kunsthal, das größtenteils über dem Boden schwebte und auf sechs breiten Säulen ruhte, mit einem Eingang am Westzeedijk. Sein ehrgeiziger Plan basierte auf einem Museum ohne Wände, einem einzigen, weitläufigen Raum mit völliger Flexibilität, inspiriert vom modernistischen Ideal von Ludwig Mies van der Rohe.

Kunsthal II

Wim van Krimpen wurde als Architekt und erster Direktor der Kunsthal eingeladen. Als er seine Stelle antrat, lehnte er Koolhaas‘ ersten Entwurf aus verschiedenen Gründen ab. Zum Beispiel wollte er mehr Quadratmeter Ausstellungsfläche und mehr Wände, um Kunstwerke aufzuhängen. Koolhaas begann mit dem Entwurf der Kunsthal II auf der Grundlage eines neuen Anforderungsprogramms. Dank des großen Engagements aller Beteiligten wurde das Kunsthal schließlich 1991 mit einem Eingang auf halber Höhe der Rampe fertiggestellt.

Als die Kunsthal 1992 eröffnet wurde, war die Ära der Blockbuster bereits vorbei, ebenso wie die der großen Subventionen. Das Kunsthal organisierte eigene Ausstellungen und legte die Grundlage für seine Mission: Kunst einem breiten Publikum zu präsentieren.

Wim van Krimpen war von 1992 bis 2002 Direktor des Kunsthal. Ihm folgte Wim Pijbes, der bereits von 2000 bis 2008 als Kurator für die Kunsthal gearbeitet hatte. Gefolgt von Emily Ansenk von 2008 bis 2019. Nathanja van Dijk ist seit September 2019 Direktorin. Seit dem 14. Februar 2022 ist Marianne Splint Direktorin der Kunsthal Rotterdam.

Lage

Das Kunsthal liegt am Rand des attraktiven Museumsparks und des Westzeedijks. Die Rampe, die direkt durch das Gebäude führt, überbrückt den Höhenunterschied von sechs Metern und verbindet den Museumspark mit dem Westzeedijk, dem Hoboken-Gebiet und dem Park. Neben seiner Funktion als Ausstellungsort ist die Kunsthal als Eingang und Tor zum Museumspark auch ein Verkehrsknotenpunkt und Treffpunkt für verschiedene öffentliche Verkehrsströme. Der ‚Showcase‘, der die Rampe flankiert, kann von Passanten außerhalb des Gebäudes als Ausstellungsraum betrachtet werden und ist tagsüber Teil der öffentlichen Straße.

Museumspark

Der Museumspark befindet sich auf dem ehemaligen Anwesen der Familie Hoboken, die in der Villa lebte, in der sich heute das Naturhistorische Museum Rotterdam befindet. Der charakteristische Park ist in bescheidenem Maßstab (100 x 400 Meter) und verbindet alle Gebäude rund um den Museumspark miteinander.

Der Teil des Museumsparks zwischen dem Erasmus University Medical Centre und dem Rosengarten wurde von Rem Koolhaas/OMA in enger Zusammenarbeit mit dem französischen Landschaftsarchitekten Yves Brunier (*1962 – +1991) und der Designerin Petra Blaisse entworfen. Der Park hat ein sehr innovatives Design: vier Kammern, jede mit eigenem Layout, Nutzung und Stimmung. Der Platz vor dem Kunsthal blickt auf eine romantische Naturzone mit Bäumen, Wasser, gewundenen Wegen und einer Brücke mit funkelnden Steinen. Die Brücke selbst bietet einen wunderbaren Blick auf die Kunsthal. Im Park befinden sich verschiedene Kunstwerke, sodass der Museumspark auch als Freilichtmuseum dient.

Innovative Materialverwendung

Koolhaas verwendete für das Kunsthal nicht nur teure, klassische Materialien wie Marmor und Parkett, sondern auch billige, „übliche“ Materialien wie Wellblech, blanken Beton, verzinkte Stahlroste und grobe Baumstämme. Jeder Ausstellungsraum hat seinen eigenen Charakter und seine eigene Atmosphäre, Materialverwendung und Format. Tageslicht wird durch verschiedene Schichten gefiltert; der Wechsel von Fenster- und Mattglas bietet überraschende Ausblicke und macht die Kunsthal sehr geeignet für alle Arten von Ausstellungen.

Architektur mit vielen Gesichtern

Das Kunsthal-Gebäude hat viele Gesichter. Insgesamt wirkt es einfach: eine große, flache, quadratische Box mit einem schmalen, hohen Turm als vertikalem Akzent. Dieser Dachturm trägt das charakteristische schwarz-weiße Logo der Kunsthal und bietet zudem Kühlung und Belüftung. Da jede Fassade anders ist und es keine klare Vorder- oder Rückseite gibt, wirkt die Kunsthal manchmal transparent und offen, zu anderen Zeiten introvertiert und geschlossen. Sein Erscheinungsbild ist auf der einen Seite ruhig und klar, während es auf der anderen Seite fragmentiert ist wie eine Collage separater Elemente.

Die verschiedenen Teile des Gebäudes scheinen leicht übereinander gestapelt zu sein, und mehrere Rampen durchqueren die Struktur, sodass eine spiralförmige Route durch das Gebäude entsteht. Die durchgehende Rampe schlängelt sich nach oben und verbindet die verschiedenen Ausstellungsräume.

Charakteristik

Das Gebäude von Koolhaas ist funktional, aber gleichzeitig ein zeitgenössisches Kunstwerk voller Themen, Anspielungen und Spezialeffekte. Daher ist die Bodenplatte unter dem Hauptausstellungsraum auf dem Deich etwas höher als auf Straßenniveau, sodass dieser Teil des Gebäudes zu schweben scheint. Auf dem Dach befindet sich ein leuchtend orangefarbener Stahlträger, der für anderthalb Meter über den Rand des Deckes ragt – als hätte ihn jemand versehentlich dort liegen lassen.

Renovierte Kunsthal

Nach einer intensiven Siebenmonatigen Renovierung wurde die Kunsthal am 1. Februar 2014 wiedereröffnet. Das Ergebnis der von OMA überwachten Renovierung ist ein nachhaltiges Gebäude, das leichter zugänglich und betreibend ist. Der Haupteingang wurde in den Museumspark verlegt. Der einladende Eingangsbereich umfasst das Kunsthalcafé, den Laden und den Schalter für die Eintrittskarten. Das prächtige Auditorium mit mehr als 300 Sitzplätzen wird von der Kunsthal zur Programmgestaltung genutzt, kann aber nun auch separat als Veranstaltungsort gemietet werden. Die Themen der Aktivitäten variieren je nach Ausstellung. Der ehemalige Laden beherbergt nun einen dauerhaften Bildungsbereich, das KunsthalLAB, in dem Schulklassen, Familien und Kinder täglich praktische Aktivitäten ausüben können.

Nähere Informationen: Kunsthal Rotterdam, Museumpark, Westzeedijk 341, 3015 AA Rotterdam, Niederlande, Telefon +31 (0)10 – 4400301, E-Mail: communicatie@kunsthal.nl

Martin Roemers – Homo Mobilis in der Kunsthal Rotterdam

Was sagt ein Fahrzeug über die Person, die es fährt? Noch bis zum 1. März präsentiert die Kunsthal Rotterdam die Ausstellung „Homo Mobilis, ein fotografisches Projekt“ von Martin Roemers (1962, Oldehove).

Seit Jahren fotografiert Roemers Menschen und ihre Fahrzeuge – von kompakten Stadtautos über pulsierende Lastwagen bis hin zu Tuktuks und Motorrollern. Im Kunsthal zeigen über dreißig Fotografien, dass diese Fahrzeuge nicht nur ein Mittel sind, um von A nach B zu reisen, sondern auch etwas über den Status, die Identität und die Kultur, aus der sie stammen, verraten.

Für dieses Projekt reiste Roemers in Städte in den Niederlanden, Deutschland, China, der Ukraine, Indien, Senegal und den Vereinigten Staaten. In öffentlichen Räumen bauten er und sein Team ein mobiles Fotostudio: ein weißer Hintergrund von 12 Metern Länge und 6 Metern Höhe, der alle visuellen Ablenkungen blockiert. Diese neutrale Einstellung legt den vollen Fokus auf die Person und das Fahrzeug, sodass subtile Details wie Haltung, Blick und Material sprechen können.

Porträts globaler Mobilität

In Dakar, Senegal, fotografierte Roemers die Autoverkäufer Aïcha, Yvonne, Fatimata und Becaya mit einem leuchtend roten Mini Cooper. In Shanghai posierten Zu’en und ihr kleiner Sohn auf einem Motorroller, und in Bengaluru, Indien, wurden Hariom und Vinoth in ihrem Eiswagen fotografiert. Die farbenfrohen und vielfältigen Bilder zeigen, wie Mobilität weltweit unterschiedlich ist, berühren aber gleichzeitig universelle Themen wie Umwelt, Geschlecht, Klasse und Individualität. Für manche ist ein Fahrzeug rein praktisch, für andere aber eine Erweiterung ihrer Identität. Die Porträts enthalten nur Informationen zu vier Dingen: Name, Beruf, Fahrzeugmarke und Ort. Dieser minimale Kontext lässt Raum für Fantasie und lädt zu persönlicher Interpretation ein.

Über Martin Roemers

Martin Roemers (*1962, Oldehove) studierte an der AKI Academy of Arts & Design in Enschede. Seit vielen Jahren arbeitet er an langfristigen Projekten, die zu Ausstellungen und Fotobüchern führen, darunter Kabul, Relikte des Kalten Krieges, Die Augen des Krieges (zwischen 3. Mai und 24. August 2012 in der Kunsthal gezeigt) und Metropolis. Seine Arbeiten wurden in Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Australien ausgestellt und sind in den Sammlungen von Instituten wie dem Rijksmuseum (Amsterdam), dem Museum of Fine Arts (Houston) und dem Getty Research Institute (Los Angeles) enthalten. Roemers hat zwei World Press Photo Awards sowie eine Vielzahl weiterer Preise gewonnen.

Veröffentlichung

Am 7. Oktober 2025 wurde das Fotobuch Homo Mobilis vom Verlag Lannoo veröffentlicht, 208 Seiten, EAN: 9789020992359. Erhältlich im Kunsthal Shop und Kunsthal Webshop für 49,99 Euro.

Nähere Informationen: Kunsthal Rotterdam, Museumpark, Westzeedijk 341, 3015 AA Rotterdam, Niederlande, Telefon +31 (0)10 – 4400301, E-Mail: communicatie@kunsthal.nl

Lalique Museum in Doesburg zeigt „Marc Chagall – Der Farbdichter“

Marc Chagall (*1887 +1985) wurde in Witebsk in Belarus, Russland, als Moïse Zakharovitch Chagalov geboren, verbrachte jedoch den Großteil seines Lebens in Frankreich. Sein Werk war weitaus farbenfroher als das anderer jüdischer Künstler wie Jacques Lipchitz und Chaïm Soutine. Chagalls Kunstwerke zeichnen sich durch einen freien, fantasievollen und traumhaften Ausdruck aus. Er verwendete eine breite Palette von Materialien und Techniken, um seine Werke zu schaffen. Sein Werk umfasst Zeichnungen, Gemälde, Grafiken, Keramik, Mosaike und Buntglas. In seinem Werk strebte er nach der Offenbarung des inneren Impulses und nicht nach bewusster, methodischer Nutzung von Farbe oder Form. Gewiss aber ist: Chagall kann ohne Zweifel als der größte Farbdichter aller Zeiten bezeichnet werden.

Die Ausstellung „Marc Chagall – Der Farbdichter“, die noch bis zum 21. Juni im Lalique Museum in Doesburg zu sehen ist, dreht sich hauptsächlich um Chagalls zentrale Themen.

Das ausgestellte Werk umfasst originale Lithografien, Radierungen, Pochoirs und Holzstiche, teilweise signiert und alle unter Chagalls Aufsicht zu seinen Lebzeiten herausgegeben. Die Themen sind Frauen, Mutterschaft und die Bibel. Die Werke entstanden für Chagalls Bibel, die Odyssee, Fables de la Fontaine, Grüß sur Paris, Paris Fantastique, Maternité (für Marcel Arland), Crucifixion Mystique und die Décomposition de la Sirène. Für diesen Anlass wurden Chagalls Gedichte auch aus dem Französischen ins Niederländische übersetzt.

Von seiner Mutter zu seinen Ehefrauen

Wie viele Männer hatte Chagall eine sehr enge Beziehung zu seiner Mutter. Mutterschaft ist daher ein wiederkehrendes Thema für ihn. Er vergötterte seine Mutter, die Feita Ita hieß. Er war voller Hingabe und idealisierte Frauen im Allgemeinen und seine Mutter im Besonderen. In seinen ‚eigenen‘ Frauen suchte er auch nach einer Art Mutterfigur. Im Alter von 21 Jahren traf er Bella Rosenfeld, seine Muse. Seine Mutter stirbt vierzehn Tage vor Marcs und Bellas Hochzeit.
Er hat damit große Schwierigkeiten und schreibt: „Ich habe immer ein schweres Gefühl im Herzen, sei es vom Schlaf oder von einer plötzlichen Erinnerung an den Tag ihres Todes, wenn ich ihr Grab, das Grab meiner Mutter, besuche. Hier ist meine Seele, hier sind meine Gemälde, mein Ursprung. Ein Meer aus Leid, die frühen grauen Haare, Augen, eine Stadt voller Tränen.“ Er ist sehr traurig und in Trauer, aber gleichzeitig so glücklich mit Bella.

Von seinen Frauen zu den Sirenen

Die Ehe findet statt und sie bekommen eine Tochter, Ida. 1941 flohen sie vor den Nationalsozialisten, die Frankreich erobert hatten, nach New York, wo Bella 1944 starb. 1948 kehrte er nach Frankreich zurück. Kurz nach Bellas Tod hatte Chagall die Künstlerin Virginia Haggard kennengelernt.

Zusammen mit Virginia und ihrem Sohn David zog Chagall 1950 nach Saint-Paul-de-Vence, einem malerischen Dorf an der französischen Riviera. Um 1952 endete die Beziehung zu Virginia und Chagall lernte die ebenfalls jüdisch-russische Valentina ‚Vava‘ Brodsky kennen, mit der er eine Hochzeitsreise nach Rom und Griechenland unternahm.

Klassische Überlieferungen aus der griechischen Kultur inspirierte Chagall dazu, das Bildmotiv der Sirene zu schaffen, der schönen Nymphe oder Meerjungfrau, die eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Männer ausübt. Für ihn waren sie die Verbindung zwischen Himmel und Erde sowie der Wasserwelt und geheimnisvollen, schwer fassbaren Frauen, die er in einer Lithografie-Serie darstellte.

Die Bibel in seinem Werk

Chagall fertigte außerdem eine Reihe von Lithografien als Bilder für Bibelgeschichten von Jesaja und Jeremia bis Ruth und Mose an. Er fertigte außerdem zwölf Fenster für die Hadassah Medical Relief Association der zwölf Stämme Israels an. Sie deuten die Segnungen Jakobs für seine zwölf Söhne.

Jüdische Abstammung

Seine Herkunft bereitete Chagall bei seiner Wahl für eine künstlerische Karriere besondere Schwierigkeiten. Die arme Familie, aus der er stammte, gehörte zum Chassidismus, einer ultraorthodoxen Bewegung im Judentum. Menschen darzustellen war nicht erwünscht. Chagall beschreibt in seiner Biografie von 1922, dass er bis 1906 nie ein Gemälde oder eine Zeichnung gesehen hatte. 1910 erhielt er ein Stipendium für sein Studium in Paris, wo er mit den inspirierenden Werken von Cézanne, Monet, Manet, Seurat, Renoir, Van Gogh und Matisse bekannt wurde. Im Laufe seines Lebens musste er oft selbst fliehen. Das machte ihn unfreiwillig zu einem Weltbürger. Sein langes Leben und seine vielfältigen Inspirationen, die er an so unterschiedlichen Orten wie Sankt Petersburg, Paris, New York, London und Amsterdam bekam, machten ihn zu einem der einflussreichsten Künstler des20. Jahrhunderts. Bis zu seinem Tod 1985 war er mit Vava verheiratet und als Künstler aktiv.

Über das Lalique Museum

Das Lalique-Museum befindet sich im Herzen des historischen Zentrums von Doesburg, nahe Arnhem. Das Museum ist dem weltberühmten französischen Schmuck- und Glaskünstler René Lalique (*1860 +1945) gewidmet. Neben der Dauerausstellung veranstaltet das Lalique-Museum regelmäßig Ausstellungen, in denen neben Werken von Lalique auch Werke von Zeitgenossen aus dem Jugendstil und Art Déco bewundert werden können. Der Ausstellungsradius umfasst den Zeitraum von etwa 1850 bis 1950.

Nähere Informationen: Lalique Museum, Gasthuisstraat 1, 6981 CP Doesburg, Telefon: +31313471410, E-Mail: laliquemuseum.nl, Internet: www. laliquemuseum.nl

Ein Tagesausflug nach Colmar

Fachwerk, Altstadt und französisches Lebensgefühl – von Thomas Gatzemeier

Hier verlangsamt sich der Schritt fast von selbst. Die Petite Venise ist kein Ort, den man durchquert, sondern einer, an dem man hängen bleibt. Das Wasser liegt ruhig zwischen den Häusern, als hätte es sich an sie gewöhnt. Fachwerk, Putz, Dächer – alles spiegelt sich leicht verzerrt, nichts drängt nach vorne.

Der Flaneur nimmt wahr, wie nah hier gebaut wurde. Die Häuser stehen nicht dekorativ am Ufer, sie stehen am Wasser, weil es früher so sein musste. Die Lauch – der Fluss – war Arbeitsraum, Transportweg, Grenze und Verbindung zugleich. Dass heute Restaurant-Tische dort stehen, wo einst Boote anlegten, ist keine Verklärung, sondern eine Verschiebung der Nutzung.

Die Schwäne treiben durch das Bild wie ein ruhiger Kommentar. Sie gehören längst dazu, so wie das leise Stimmengewirr von den Tischen. Wer einen Tagesausflug nach Colmar macht, merkt hier, dass das französische Lebensgefühl weniger mit Sehenswürdigkeiten zu tun hat als mit dem selbstverständlichen Nebeneinander von Alltag und Geschichte. Man sitzt, man schaut, man bleibt einen Moment länger als geplant. Nur. Es sitzen eher Touristen als Franzosen hier. Zumindest am Tage.

Colmar hat diese Fassaden, die man nicht „besichtigt“, sondern irgendwann bemerkt. Man läuft unter ihnen hindurch wie unter einem Dach aus Geschichte. Fachwerk, helle Felder, Fensterläden, die offenstehen, als würde gleich jemand hinausschauen. Und dann: die irritierenden Figuren. Sie hängen da nicht wie etwas, das immer schon da gewesen wäre. Eher wie eine Setzung der Gegenwart. Skelettartig, mit Flügeln, deutlich als Requisit zu erkennen. Ein Eingriff, der das historische Haus nicht erklärt, sondern kurz aus dem Gleichgewicht bringt. Der Flaneur mag solche Stellen. Nicht, weil sie „schön“ sind, sondern weil sie zeigen, dass eine Altstadt nicht nur Vergangenheit ist. Colmar ist eine Bühne und mittlerweile voll auf Tourismus ausgerichtet. Und manchmal reicht ein einziges Stück Dekoration, um diese Bühne sichtbar zu machen.

Das gehört eigentlich nicht zu dem französischen Lebensgefühl, das man bei einem Tagesausflug nach Colmar sucht. Denn die Tradition tritt hier als Kulisse in Erscheinung und wird nicht als Alltag empfunden. Alte Häuser tragen neue Zeichen und werden zum Spektakel. Manchmal dezent, manchmal mit Absicht zu laut. Und während man noch überlegt, ob das Spiel ernst gemeint ist, hat man schon wieder ein paar Schritte gemacht. Colmar lässt einen nicht festhalten. Es lässt einen weitergehen. Oder man wird von den Massen weiter geschoben. Und dies alles wegen ein oder zwei Filmen die in Asien berühmt waren.

Wer bei seinem Tagesausflug durch Colmar läuft, stößt früher oder später auf diese kleinen, unscheinbaren Institutionen: diese Tabac-Presse Läden. Läden, die in Frankreich jahrzehntelang mehr war als Verkaufsstelle für Zigaretten. Man kaufte dort Zeitung und Briefmarken, gab eventuell ein Paket ab, füllte ein Lottoschein aus, wechselte ein paar Worte – und ging mit dem Gefühl hinaus, dass der Alltag hier noch eine Theke hat.

Das Schild in der Gasse ist fast schon ein kleines Zeitdokument. „Presse“ steht meist noch ganz oben, aber darunter sieht man, wie sich das Geschäft verschiebt: „Cigares“ und inzwischen „Vape“. Der Tabakkonsum geht zurück, die Regeln werden strenger, und die Läden reagieren pragmatisch. Wo früher vor allem Zigarettenstangen über den Tresen gingen, kommen heute Lotterie (FDJ), E-Zigaretten, Zubehör, manchmal auch Paketservices und kleine Convenience-Artikel dazu. Nicht als Lifestyle, eher als Überlebensform.

Für viele Deutsche aus dem Grenzgebiet war Frankreich lange ein Ziel mit sehr konkretem Grund: Zigaretten. Nicht nur wegen der Preise, sondern auch wegen des „anderen Geschmacks“ und dieses schwer greifbaren französischen Lebensgefühls, das man sich gleich mitkaufte. Namen wie Gauloises oder Gitanes hatten etwas von Film und Caféhaus, während internationale Marken wie Marlboro, Camel oder Lucky Strike eher das Vertraute bedienten und heute schon allein wegen Trump verachtet sind. Der Einkauf war für manche ein Ritual: rüberfahren, kurz durch eine Altstadt gehen, die Luft anders finden, und dann mit einem Päckchen Alltag nach Hause zurückkehren. Heute wirkt das wie eine Erinnerung aus einer Übergangszeit. Und genau deshalb passt so ein Schild so gut in einen Tagesausflug nach Colmar: Es zeigt nicht nur Fachwerk und hübsche Fensterläden, sondern auch, wie sich eine Stadt im Kleinen verändert. Nicht im Museum, sondern an einer ganz normalen Hauswand, in einer engen Gasse, zwischen Tradition und Anpassung.

Der Schwendi-Brunnen auf der Place de l’Ancienne Douane stammt ursprünglich aus dem Jahr 1898. Entworfen wurde er von Auguste Bartholdi, der mit der Figur des Lazare de Schwendi eine historische Persönlichkeit der Stadt ins Zentrum stellte. Immerhin hat Bartholdi die Freiheitstatue von New York entwurfen. Im Jahr 1940 verschwand der Brunnen jedoch aus dem Stadtbild. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Anlage zerstört; das Elsass war zu dieser Zeit von Deutschland besetzt. Über die konkreten Umstände des Abbruchs – ob kriegsbedingt, aus materialtechnischen Gründen oder durch administrative Entscheidungen – geben die Quellen keine eindeutige Auskunft.

Belegt ist lediglich, dass der Brunnen seine ursprüngliche Gestalt verlor und nach dem Krieg in veränderter Form wieder aufgebaut wurde. Heute steht er erneut auf dem Platz, nicht als unverändertes Denkmal, sondern als sichtbares Zeichen einer unterbrochenen Geschichte. Man darf jedoch annehmen, dass die Nazis den Bildhauer hassten, weil er die Freiheitsstatue entworfen hatte. An solchen Ecken bleibt man stehen, ohne es zu planen.

Das Eckhaus schiebt sich in den Blick, als wolle es sagen: Hier beginnt etwas anderes. Die Straße öffnet sich kurz, dann zieht sie sich wieder zusammen. Fachwerk, Farbe, Fensterläden – alles bekannt, und doch jedes Mal neu zusammengesetzt. Der Flaneur nimmt wahr, dass diese Häuser nicht nur Kulisse sind. Unten wird gegessen, getrunken, gesprochen. Oben gewohnt. Die klare Ordnung der Fassaden erzählt von einer Zeit, in der Bauweise auch Haltung war. Gleichzeitig ist alles gegenwärtig: Markisen, Tafeln, Stimmen. Die Altstadt von Colmar lebt davon, dass sie sich benutzen lässt. Ein Tagesausflug nach Colmar führt zwangsläufig an solchen Punkten vorbei. Nicht als Ziel, sondern als Übergang. Man steht kurz, schaut nach links, nach rechts – und geht weiter, ohne genau zu wissen, warum dieser Ort im Gedächtnis bleibt. Gerade deshalb bleibt er. Hier geht man nicht einfach vorbei.

Der Weg am Wasser zwingt zur Langsamkeit. Der Langsamkeit eines Flaneurs. Links die Häuser, dicht an dicht, jedes anders gefasst, und doch Teil derselben Reihe. Rechts der Kanal, ruhig, fast gleichgültig gegenüber dem Treiben.

Der Flaneur beobachtet, wie sich dieser Ort benutzt anfühlt. Menschen bleiben stehen, lehnen am Geländer, schauen ins Wasser oder auf die Fassaden gegenüber. Das Viertel war einmal Arbeitsraum; heute ist es ein Ort des Gehens und Verweilens. Beides schließt sich nicht aus.

Ein Tagesausflug nach Colmar findet an solchen Stellen sein Maß. Man sieht nicht nur Fachwerk und Altstadt, man spürt, wie nah hier Geschichte und Gegenwart beieinanderliegen. Der Weg führt weiter, aber er lässt einen nicht eilig werden. Hier schaut der Flaneur nach oben. Nicht, weil etwas spektakulär wäre, sondern weil sich das Leben an der Fassade zeigt. Balkone, Fensterläden, Blumenkästen – nichts davon ist Bühne, alles ist Gebrauch. Die Häuser wirken bewohnt, nicht ausgestellt. Die Balkone erzählen von einer anderen Art, Raum zu denken. Nicht als abgeschlossene Einheit, sondern als etwas, das sich nach außen fortsetzt. Man stellt etwas ab, man lehnt sich hinaus, man lässt Dinge hängen. Das Fachwerk hält das zusammen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

In der Petite Venise sind solche Ansichten oft nur ein paar Schritte vom Wasser entfernt. Ein Tagesausflug nach Colmar besteht dann nicht aus einem Ziel, sondern aus Blicken wie diesem. Man geht weiter, aber der Gedanke bleibt kurz hängen – an einem Balkon, an einem Fenster, an der Selbstverständlichkeit, mit der hier gewohnt wird. Oder doch alles Unterkünfte von Airbnb? Man wird es nicht erfahren. Aber wo wohnen all die Asiaten, die hier herumwuseln?

Manchmal reicht es, sitzen zu bleiben. Der Flaneur hebt den Blick, nicht aus Neugier, sondern aus Ruhe. Über dem Tisch spannen sich Markisen, Schirme, Streben. Nichts davon ist geplant für den Blick nach oben, und doch ergibt es eine Ordnung. Eine zufällige Architektur entstanden aus dem Wunsch nach „Beschirmung“.

Hier sitzt man geschützt, leicht abgeschirmt vom Himmel, und hört das, was eine Altstadt eben mit sich bringt: Stimmen, Geschirr, Schritte. Auf dem Tisch ein Flammkuchen, daneben ein Glas elsässischer Riesling. Keine Inszenierung, sondern Alltag. Die Markisen erzählen davon, wie sehr diese Stadt darauf eingestellt ist, draußen zu sitzen – auch dann, wenn der Raum eigentlich fehlt.

Ein Tagesausflug nach Colmar besteht nicht nur aus Wegen und Plätzen. Er besteht auch aus diesen Pausen. Aus Blicken, die nichts festhalten wollen. Man isst, man trinkt, man schaut nach oben – und merkt erst später, dass genau das geblieben ist. Das sind die Momente, an die man im harschen deutschen Alltag sehnsüchtig denkt.

In der Adventszeit zeigt sich Colmar von einer besonders dichten Seite. Schaufenster werden zu Bühnen, dekoriert bis in den letzten Winkel, als müsse jedes Detail mit dem Strom der Besucher konkurrieren. Wer hier stehen bleibt, merkt schnell, dass es nicht mehr um Stille geht, sondern um Sichtbarkeit. Wie sich die Stadt in diesen Wochen verändert, was der Weihnachtszauber mit dem Stadtraum macht – und warum der Andrang selbst zum Thema wird –, darüber geht es in meinem Text „Colmar im Weihnachtswahn“. Ein Blick hinter die Kulissen einer Stadt, die im Winter besonders viele Blicke auf sich zieht.

Der figürliche Fassadenschmuck bündelt, was als elsässisch gelesen werden soll: Störche, Tracht, ländliche Tiere, ein angedeutetes Fachwerkhaus. Alles ist klar erkennbar, alles auf einmal und hübsch beieinander. Solche Darstellungen gehören zur Volkskunst des Elsass und sollen des Touristen Herz erfreuen. Sie sind keine überlieferten Hauszeichen, sondern bewusst gesetzte Bilder, entstanden im Spannungsfeld von regionaler Identität, die schon längst verschwunden ist und touristischer Erwartung der erfüllt werden muss. Der Storch steht dabei als zentrales Symbol für Heimat und Beständigkeit, die Trachtfiguren verweisen weniger auf gelebte Geschichte als auf deren Bildtradition.

Für den Flaneur ist dieses Element kein Schmuck im architektonischen Sinn. Es ist eine Erzählung an der Wand. Colmar zeigt sich hier nicht als gewachsene Stadt, sondern als Stadt, die die Erwartungen ihrer Besucher kennt – und diese sichtbar befriedigt. Da kommt dann schon mal der Chinese vorbei und denkt: huch haben die es heimelig.

Die Rue des Marchands ist eine jener Straßen, in denen Colmar sein Tempo zeigt – das Tempo der Touristen. Fachwerk, Fensterläden, Ausleger und Markisen bilden eine dichte Abfolge, die kaum Pausen lässt. Hier geht man nicht verloren, hier wird man weitergeschoben – von Geschäft zu Geschäft, von Blick zu Blick. Für den Flaneur ist diese Straße weniger Ort des Verweilens als des Beobachtens. Man liest an den Fassaden, wie sich die Altstadt organisiert: oben gewohnt, unten verkauft, dazwischen Geschichte und Gegenwart eng verzahnt. Ein Tagesausflug nach Colmar führt fast zwangsläufig hierher, weil sich an solchen Straßen das französische Lebensgefühl der Stadt besonders deutlich zeigt – geschäftig, dicht, und doch eingebettet in historische Formen. Und gerade diese Straße war für mich reizvoll, da die Fassaden Patina zeigten und nicht als Schauflächen für die Besucher herausgeputzt waren. An solchen Plätzen sammelt sich die Stadt. Fachwerk, Geschäfte, Wegweiser und Menschen kreuzen sich auf engem Raum. Nichts ist monumental, alles wirkt gewachsen. Der Flaneur bleibt kurz stehen, nicht weil etwas hervorsticht, sondern weil sich hier vieles überlagert.

Ein Tagesausflug nach Colmar führt unweigerlich durch solche Übergangsräume. Zwischen Museum, Altstadt und Einkaufsstraße zeigt sich das französische Lebensgefühl der Stadt in Bewegung: ein kurzer Blick, ein Richtungswechsel, ein weiterer Schritt durch die Geschichte, die hier selbstverständlich Teil des Alltags ist.

Auch wenn es einem recht heimelig beim Anblick der alten Fachwerkhäuser wird, darf man nicht vergessen, wie mühselig das Leben in der Zeit war, als diese Häuser „Neubauten“ waren. Aber der Flaneur an sich und ich im Besonderen bin ein positiv denkender Mensch und vertiefe mich ungern in Dinge, die meine Fröhlichkeit negativ beeinflussen könnten. Es kommt schon noch härter, wenn ich von den Grünewaldaltartafeln stehe. Wenn Sie möchten, so lesen Sie „Otto Dix trifft Grünewald in Colmar“.

Kulinarische Zwischenstationen beim Tagesbesuch in Colmar

Irgendwann setzt man sich. Nicht aus Hunger allein, sondern weil die Stadt es nahelegt. Bistro, Taverne, ein Tisch am Rand – das gehört zu einem Tagesausflug nach Colmar wie das Fachwerk zur Fassade. Die elsässische Küche ist dabei klar umrissen und unterscheidet sich deutlich von dem, was man sonst in Frankreich erwartet.

Der Flammkuchen, hier selbstverständlich Tarte flambée genannt, ist kein Gericht für den großen Auftritt. Dünner Teig, Sauerrahm, Zwiebeln, Speck – mehr braucht es nicht. Er kommt nicht als Hauptgang, sondern als Begleiter, oft in mehreren Varianten, geteilt am Tisch. Weniger Mahlzeit als Rhythmusgeber. Deutlicher wird die Eigenständigkeit bei der Choucroute garnie. Sauerkraut, Würste, gepökeltes Fleisch – kräftig, sättigend, ohne jede Leichtigkeit und sehr ans Deutsche erinnernd. Diese Küche schaut nicht nach Paris, sondern über den Rhein nach Osten oder auch nach Bayern. Auch der Baeckeoffe, ein langsam gegarter Ofeneintopf aus Fleisch, Kartoffeln und Zwiebeln, gehört zu dieser Tradition des Geduldigen und Bodenständigen. Fast unscheinbar, aber charakteristisch sind die Fleischschnacka: gefüllte Nudelscheiben, in der Pfanne gebraten. Ein Restegericht ursprünglich, heute fester Bestandteil der regionalen Küche. Nichts davon will modern sein, alles will bleiben. Und das macht diese Küche so sympatisch.

Dazu werden elsässische Weine getrunken – Riesling, Pinot Blanc, Gewürztraminer. Trocken, aromatisch, ohne Umwege. Sie begleiten das Essen, sie kommentieren es nicht. Auch hier zeigt sich der Unterschied zu anderen Regionen Frankreichs: weniger Inszenierung, mehr Selbstverständlichkeit.

Wer in Colmar isst, merkt schnell, dass Essen hier kein Ereignis ist, sondern Teil des Gehens. Man setzt sich, man isst, man steht wieder auf – und nimmt etwas mit, das nicht nur satt macht. Wer Colmar besucht, sitzt früher oder später draußen. Nicht, weil das Wetter perfekt wäre, sondern weil es dazugehört. Das Draußensitzen ist in Frankreich keine saisonale Ausnahme, sondern Teil der Stadtkultur. Tische stehen nicht am Rand, sie stehen im Raum. Man schaut, man wird gesehen, man bleibt.

Gerade in der Altstadt von Colmar wird diese Haltung sichtbar. Zwischen Fachwerkhäusern, Winstuben und kleinen Restaurants wird der Platz zum Wohnzimmer. Essen und Trinken sind dabei fast nebensächlich. Wichtiger ist das Verweilen, das langsame Gespräch, das Gefühl, Teil des Stadtbildes zu sein. Dass wir diese Form der Außengastronomie inzwischen auch in Deutschland übernommen haben, ist ein Glück. In Colmar aber merkt man, woher sie kommt: aus einer Selbstverständlichkeit heraus, die Öffentlichkeit nicht zu meiden, sondern zu nutzen. Draußensitzen ist hier keine Mode – es ist eine Haltung.

Fassadenschmuck in Colmar – Ein Alleinstellungsmerkmal?

Beim Gang durch die Altstadt fällt auf, dass viele Fassaden mehr zeigen als bloß Architektur. Neben dem historischen Fachwerk treten Objekte, Figuren und ganze Arrangements, die bewusst in das Stadtbild eingreifen. Gießkannen, Werkzeuge oder Tiere ersetzen den klassischen Blumenschmuck und machen die Häuser selbst zu Schauflächen. Dieser Fassadenschmuck ist keine überlieferte Bauform, sondern eine zeitgenössische Praxis. Es handelt sich häufig um saisonale oder geschäftsbezogene Dekorationen, die das „Märchenbild“ der Altstadt gezielt verstärken. Besonders zur Weihnachtszeit wird diese Inszenierung sichtbar, wenn Colmar den öffentlichen Raum bewusst bespielt und als eigenes Programm vermarktet.

So entsteht ein Spannungsfeld zwischen historischer Substanz und heutiger Erzählfreude. Die Häuser bleiben, was sie sind – Zeugnisse einer alten Stadt –, doch ihre Fassaden werden ergänzt, kommentiert, manchmal auch überzeichnet. Colmar zeigt sich hier nicht nur als bewahrte Altstadt, sondern als gestalteter Stadtraum, in dem Tradition und Inszenierung nebeneinander existieren aber auch vor dem globalen Tourismus eine große Verbeugung machen. Nicht jeder Einheimische klatscht da in die Hände. Ja manche ballen sie in der Tasche zur Faust. Aber man lebt hier sehr gut von mir und all den anderen welche die Stadt überfluten.

Zum Autor:

Am dunkelsten Tag des Jahres 1954 im sächsischen Döbeln geboren, wurde Thomas Gatzemeier ungefragt von einem katholischen Pfarrer getauft. Als Kind buk er heimlich einen Kuchen, der als Brot gut ankam. Dieses scheinbare Missgeschick inspirierte ihn dazu, eine Ausbildung als Schrift- und Plakatmaler zu absolvieren, um Pinsel und Stift zu beherrschen. Er arbeitete anschließend auch als Steinmetzgehilfe und Grabsteindesigner. Nach dieser Grundausbildung studierte er Malerei und Grafik an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo Arno Rink und Volker Stelzmann zu seinen Lehrern zählten. 1980 beendete er sein Studium und ist seitdem als freier Künstler, Autor, Kunsthändler, Blogger und Freizeitkoch tätig. Konflikte mit den Machthabern der SBZ (Sozialistische Besatzungszone, später DDR) und ein mehrjähriges Ausstellungsverbot bewegten ihn 1986 dazu, die SBZ zu verlassen.

Danach lebte er vorwiegend in Karlsruhe, verbrachte aber auch längere Zeit in Zürich und nahe Worpswede. Von 2006 bis 2015 hatte er ein weiteres Atelier in Leipzig. Nach 34 Jahren Hauptwohnsitz in Karlsruhe verlegte der Wanderer zwischen den Welten im Februar 2020 seinen Wohnsitz endgültig nach Leipzig.

Nähere Informationen: Thomas Gatzemeier, Gottschallstraße 24, 04157 Leipzig, Telefon: 0172 610 25 35, E-Mail: info@thomas-gatzemeier.de

Zeichnungen von Max Beckmann im Städel-Museum

Max Beckmanns Werk entsteht in einer von Krisen und Umbrüchen geprägten Welt und verwandelt diese Erfahrungen in eine bis heute faszinierende Bildsprache. Den intimsten Teil seines Œuvres bilden die Zeichnungen: Wie ein Tagebuch dokumentieren sie Beckmanns künstlerische Entwicklung und dienten ihm zugleich als Medium der Beobachtung, der Bildfindung, aber auch der Bild-Erfindung.

Das Städel Museum rückt diese Arbeiten nun in den Mittelpunkt und präsentiert rund 80 Werke aus allen Schaffensphasen – von bislang wenig bekannten Blättern bis hin zu herausragenden Hauptwerken. Sie eröffnen einen direkten, intensiven Zugang zu Beckmann (1884–1950), einem der bedeutendsten Künstler der Moderne.

Das Städel Museum verfügt über einen der herausragendsten Beckmann-Bestände weltweit und widmet sich seit mehr als einem Jahrhundert der Sammlung, Erforschung und Vermittlung seines Werkes. 2021 erhielt das Museum durch wichtige Dauerleihgaben aus der Sammlung von Karin und Rüdiger Volhard bemerkenswerten Zuwachs. Zusammen mit der Veröffentlichung des dreibändigen Werkverzeichnisses der schwarz-weißen Zeichnungen Max Beckmanns im Hirmer Verlag – mit dem Hedda Finke und Stephan von Wiese eine der letzten großen Forschungslücken zu Beckmanns Zeichnungen geschlossen haben – ist dies der Anlass für die retrospektive Schau, die noch bis zum 15. März zu sehen ist.

Den Grundstock der Ausstellung bilden Zeichnungen aus dem eigenen Bestand des Städel Museums, ergänzt durch Leihgaben renommierter internationaler Museen und Privatsammlungen, darunter das Museum of Modern Art in New York, das British Museum in London, das Art Institute of Chicago, das Kunstmuseum Basel, die Hamburger Kunsthalle, das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin und das Museum der bildenden Künste Leipzig. Einzelne Gemälde und Druckgrafiken eröffnen darüber hinaus Einblicke in Beckmanns Arbeitsprozess und dasWechselspiel verschiedener Medien.

Die Ausstellung wird durch die Förderung der Adolf Würth GmbH & Co. KG, der Dagmar-Westberg-Stiftung und des Städelschen Museums-Vereins ermöglicht und erfährt darüber hinaus Unterstützung durch die Franz Dieter und Michaela Kaldewei Kulturstiftung sowie Dr. Ina Petzschke-Lauermann.

Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums, zur Ausstellung: „Max Beckmann, das Städel Museum und die Stadt Frankfurt am Main sind seit über einem Jahrhundert eng miteinander verbunden. Trotz der Verluste fast aller Werke des Künstlers während der NS-Zeit verfügt das Museum heute über einen Beckmann-Bestand von internationalem Rang. Mit der aktuellen Ausstellung rücken wir nach über vierzig Jahren erstmals wieder gezielt Beckmanns Zeichnungen in den Mittelpunkt. Sie eröffnen einen eigenen, faszinierenden Kosmos seines Schaffens und machen seine künstlerische Entwicklung unmittelbar erfahrbar – nicht zuletzt dank der herausragenden Zusammenarbeit mit Hedda Finke und Stephan von Wiese, den Herausgebern des dreibändigen Werkverzeichnisses seiner Zeichnungen.“

Daniel Hoster, Vorstandsvorsitzender der Dagmar-Westberg-Stiftung: „Mit dem Blick unserer Stifterin auf Max Beckmann erscheint das Zitat aus seinem Tagebuch vom 18. Dezember 1940 als inspirierende Mahnung auch für unsere Zeit: ‚Die Rolle, die Du zur Zeit spielst, ist die schwierigste, aber auch großartigste die Dir das Leben bieten konnte – vergiß das nicht – Max Beckmann – und gerade so wie sie ist.‘ Im Sinne der großen Verbundenheit unserer Stiftungsgründerin mit dem Städel Museum freuen wir uns daher sehr, die Ausstellung zu Beckmanns Zeichnungen zu fördern. Sie eröffnet einen neuen Blick auf einen der bedeutendsten deutschen Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – und auf ein Werk, das bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat.“

Die Kuratoren Regina Freyberger, Leiterin der Graphischen Sammlung ab 1800 am Städel Museum, Hedda Finke und Stephan von Wiese, Autoren des dreibändigen Werkverzeichnisses der Zeichnungen Beckmanns, ergänzen: „Die Zeichnungen sind ein Schlüssel zu Beckmanns Werk. Zeichnend entwickelte er seine unverwechselbare Bildsprache, hielt Gesehenes und Erlebtes fest, formte seine persönliche Weltanschauung und verwandelte flüchtige Eindrücke in vielschichtige, bedeutungsgeladene Kompositionen. Im Lauf seines Lebens entstanden mehr als 1900 schwarz-weiße, nicht in Skizzenbüchern gebundene Zeichnungen in Feder, Kreide oder Bleistift – vom raschen Entwurf bis hin zum autonomen Bild. Die Ausstellung zeigt daraus eine ebenso konzentrierte wie repräsentative Auswahl, die – ergänzt um einzelne farbige Arbeiten, Druckgrafiken und Gemälde – den Zeichner Max Beckmann in großer Intensität erfahrbar machen.“

Rundgang durch die Ausstellung

Die Ausstellung verfolgt in sechs Kapiteln Beckmanns eigenständige künstlerische Entwicklung von der frühen Berliner Zeit bis zu den letzten Lebensjahren in den USA. Ergänzend sind ausgewählte druckgrafische Blätter in einem eigenen Kabinett neben dem Beckmann-Saal in der Dauerausstellung der Moderne zu sehen.

Anfänge in Berlin

Seine ersten künstlerischen Erfolge erzielte Max Beckmann 1906 in der Ausstellung der Berliner Secession. Akademisch ausgebildet, entwickelte er einen Stil, der dem deutschen Impressionismus nahestand. Dies zeigt sich etwa in den sanften Schraffuren des Selbstporträts von 1912 oder in der atmosphärischen Abendlichen Straßenszene (1913?). Inhaltlich reizten ihn die großen Themen: In monumentalen Historiengemälden mit biblischen, mythologischen oder zeitgeschichtlichen Motiven verarbeitete er grundlegende menschliche Konflikte, etwa in dem Entwurf Elefantenschlacht (1908). Mit dem Aufkommen des Expressionismus und der wachsenden kritischen Resonanz auf seine Werke begann Beckmann, sich stärker mit persönlichen Erlebnissen auseinanderzusetzen. Dies zeigen die Skizzen zum Entwurf von Die Nacht (1912), die Szenen einer Gewalttat festhalten, von der Beckmann vermutlich selbst Zeuge war.

Der Künstler im Krieg

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Max Beckmann – wie viele Künstler seiner Generation – freiwillig zum Sanitätsdienst in der Hoffnung, neue Impulse für sein Schaffen zu gewinnen. Auf frühere, bildhaft komponierte Werke, die das Grauen des Krieges in Ostpreußen zeigen, folgten in Flandern zunehmend reduzierte Zeichnungen, die den Alltag der Soldaten, das Leid der Verwundeten und die Zerstörungen des Krieges sachlich und knapp festhalten. Werke wie Verwundeter Soldat mit Kopfverband (1915) zeigen den Menschen mit schnellen, kantigen Strichen in seiner Verletzlichkeit, während Aufgebahrter Toter (1915) durch seine eindringliche Bildsprache mit starken perspektivischen Verkürzungen wirkt. Auch die beiden Bildnisse Prof. Ferdinand Sauerbruch (1915) und Selbstporträt beim Zeichnen (1915) spiegeln diesen formalen Wandel und deuten bereits auf die charakteristische Bildsprache der kommenden Jahre hin.

Noch im Dezember 1914 entstanden Entwürfe für das Gemälde Auferstehung (Staatsgalerie Stuttgart), das Beckmann 1915 in Straßburg beginnen, aber nie vollenden sollte. Es ist das einzige Ölbild, das Beckmanns Kriegserfahrungen unmittelbar reflektiert. Fernab jeder Hoffnung steigen Tote aus ihren Gräbern in eine zersplitterte Landschaft. Erstmals wird in der Ausstellung eine große Entwurfszeichnung zu diesem Schlüsselwerk präsentiert, die vor wenigen Jahren im Nachlass Mathilde Q. Beckmanns im Zuge der Arbeit am Werkverzeichnis entdeckt wurde.

Operationsbasis“ Frankfurt am Main

1915 kam Max Beckmann nach Frankfurt am Main und fand Zuflucht in der Schweizer Straße 3 bei seinem Studienfreund Ugi Battenberg und dessen Frau Fridel, die er in der intimen Federzeichnung Das Schäferstündchen (1915) festhielt.

Nach den Erfahrungen im Ersten Weltkrieg entstand in diesem geschützten Umfeld eine neue Bildsprache. Die Kompositionen sind durch reduzierte, flächenhafte Formen geprägt. Perspektivische Verzerrungen erzeugen Bewegung und Spannung und betonen das „Groteske“, das etwa in Drei Zuschauer vor einer Bühne (1917) sichtbar wird. Dieser Stilwandel wird besonders deutlich im lithografischen Zyklus Die Hölle von 1919, zugleich eine der sozialkritischsten Arbeiten Beckmanns der Frankfurter Jahre.

In der Ausstellung sind eine erste Variante sowie die Umdruckzeichnung und die Lithografie des vorletzten Blatts dieses Zyklus zu sehen. Sie verdeutlichen die enge Wechselwirkung zwischen Druckgrafik und Zeichnung, aber auch die Verbindung zur Malerei, etwa im Selbstbildnis mit Sektglas (1919), einem Hauptwerk der Städel-Sammlung, in dem Beckmann sich als Beobachter einer aus den Fugen geratenen Welt inszeniert. Beckmanns Zeichnungen werden immer eigenständiger, zudem beginnt sich in den späten 1920er-Jahren die Formensprache zu klären, sei es in Werken wie Spiegel auf einer Staffelei (1926), Junge mit Hummer (1926) oder Quappi mit Kerze (1928). Das gilt auch für seine größte Landschaftszeichnung Rimini (1927), die bis zur Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst“ Teil der ersten Beckmann-Sammlung im Städel unter Direktor Georg Swarzenski war.

Zäsur Nationalsozialismus

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verlor Max Beckmann seine Lehrtätigkeit an der Frankfurter Kunstgewerbeschule, der heutigen Städelschule. Seine Werke wurden als „entartet“ diffamiert. Er zog sich in seine Arbeit zurück und schuf im Jahr 1933 eine Gruppe motivisch sehr unterschiedlicher Aquarelle. In der Ausstellung sind Der Mord (1933), Geschwister (1933/37) und Schlangenkönig und Hummerfrau (1933) zu sehen. Sie repräsentieren Beckmanns Schaffen dieser Jahre und zeigen die zunehmende Mythisierung sowie die geheimnisvolle Komplexität seiner Kompositionen.

Exil in Amsterdam

Vor dem Hintergrund der bedrohlichen politischen Entwicklung reisten Max und Mathilde Q. Beckmann 1937 nach Amsterdam. Der zunächst als Zwischenstation auf dem Weg nach Paris geplante Aufenthalt dauerte aufgrund des Zweiten Weltkriegs nahezu zehn Jahre. Beckmann erlebte diese Zeit als Exil, geprägt von existenziellen Ängsten und materieller Unsicherheit. Im Auftrag des Frankfurter Mäzens Georg Hartmann entstanden die sehr persönlichen Zeichnungen zu Goethes Faust. Der Tragödie zweiter Teil. Sie zählen zu den Hauptwerken der Amsterdamer Zeit und bildeten die Grundlage für Beckmanns weiteres zeichnerisches Schaffen. In den 143 Federzeichnungen, von denen vier Blätter in der Ausstellung zu sehen sind, setzte Beckmann sich mit weitreichenden Themen auseinander, darunter das Verhältnis der Geschlechter und die Auswirkungen des Krieges. Daneben entstanden bildmäßig komponierte Arbeiten wie Haltestelle (1945), die die Erfahrung von Isolation und Stillstand im Exil spiegeln, sowie Champagnerfantasie (Vergrößerungsglas) (1945), in der Beckmann sein Leibgetränk in einer surrealen Vision zu einer symbolischen Ursuppe des Menschen verwandelte.

Neuanfang in den USA

1947/48 gelang Max Beckmann ein Neuanfang in den Vereinigten Staaten. Unbeeindruckt von der wachsenden Abstraktion in der zeitgenössischen Kunst rang er weiterhin um eine lesbare Weltdeutung und blieb formal der Figuration verpflichtet.Selbstbildnis mit Fisch (1949) und Rodeo (1949) zählen zu den eindrücklichsten Kompositionen, die Beckmanns Auseinandersetzung mit seiner neuen Lebensumgebung spiegeln. Die Ausstellung schließt mit Backstage (Hinter der Bühne) (1950), einem der letzten unvollendeten Gemälde Beckmanns, sowie seiner letzten Zeichnung, dem Bildnis Georg Swarzenski (1950). Swarzenski hatte ab 1918 die bedeutende Beckmann-Sammlung im Städel Museum aufgebaut, die bis heutdie Grundlage für die kontinuierliche Erforschung und Präsentation seines Werkes bildet.

Überblicksführungen: Die Überblicksführungen finden jeden 2. und 4. Sonntag im Monat um 14 Uhr statt und bieten Besuchern eine kompakte Einführung in Beckmanns Zeichnungen und seine künstlerische Entwicklung.

Audioguide: Die rund 30-minütige Audiotour zur Ausstellung umfasst 14 Stationen und ist in deutscher Sprache verfügbar. Die kostenlose App ist ab Ausstellungsbeginn für iOS und Android im App Store sowie im Google Play Store erhältlich und kann zu Hause oder über das WLAN im Museum auf das Smartphone geladen werden.

Katalog: Zur Ausstellung erscheint im Hirmer Verlag der Katalog „Beckmann. Zeichnungen / Beckmann. Drawings“ in einer deutsch/englischen Ausgabe, herausgegeben von Hedda Finke, Regina Freyberger und Stephan von Wiese. Der Katalog umfasst 188 Seiten und kostet 45 Euro (Buchhandelsausgabe) bzw. 34,90 Euro (Museumsausgabe).

Werkverzeichnis: Nach neun Jahren intensiver Forschung erscheinen im Hirmer Verlag parallel zur Eröffnung der Ausstellung Anfang Dezember die ersten beiden Bände des von Hedda Finke und Stephan von Wiese bearbeiteten dreibändigen Werkverzeichnisses der Zeichnungen von Max Beckmann. Bis zum Erscheinen von Band III im Frühjahr 2026 ist das Werkverzeichnis zu einem Subskriptionspreis von 420 Euro (D) (anstatt 500 Euro (D)), zzgl. Porto, für alle drei Bände über den Hirmer Verlag und den Buchhandel erhältlich. Die Bände I und II wurden Anfang Dezember 2025 ausgeliefert. Band III wird den Subskribenten ohne weitere Berechnung im Frühjahr 2026 nachgeliefert. Die Bände sind nicht einzeln lieferbar.

Nähere Informationen: Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie, Dürerstraße 2, 60596 Frankfurt am Main, Telefon: +49(0)69-605098-195, Fax: +49(0)69-605098-188, Internet: www.staedelmuseum.de

Meisterwerk Turners kehrt zurück

Dank einer besonderen Zusammenarbeit mit dem Yale Center for British Art in New Haven (USA) wird das Dordrechts Museum ab dem 8. Februar ein Dutzend Werke von Joseph Mallord William Turner ausstellen. Zu sehen sind sie bis zum 14. Juni.

Die Werke stammen aus der berühmten Paul Mellon Collection. Diese Sammlung wurde in den Niederlanden bisher nie gesehen. Eines der Highlights ist das berühmte Gemälde Dort, oder Dordrecht: Das Dord-Packet-Boot aus Rotterdam. 1817 besuchte Turner Dordrecht und war tief berührt vom Spiel des Lichts auf dem Wasser und der ruhigen Hafenatmosphäre. Diese Eindrücke bildeten die Grundlage für eines seiner berühmtesten Gemälde. Nun, mehr als zwei Jahrhunderte später, kommt dieses Meisterwerk nach Dordrecht zurück, an den Ort, an dem es entstand.

Wasser & Licht

Die Ausstellung präsentiert Turner als den ultimativen Wassermaler. Das Spiel von Wasser und Licht war für Turner eine unerschöpfliche künstlerische Inspirationsquelle. Er fing die Schönheit malerischer Flüsse ein und konfrontierte uns mit der enormen Kraft und den Gefahren des wilden Meeres. Als Maler des modernen Lebens während der Industriellen Revolution fing Turner sowohl die Schönheit und das Potenzial als auch die Gefahren des Wassers ein. Wasser als Freund und Feind. Er war sich der verletzlichen Position des Menschen gegenüber der mächtigen Natur ständig bewusst.

Nicky Assmann

Turner ist der erste Teil des Diptychons Water & Light. Der zweite Teil bringt die Geschichte mit dem Künstler Nicky Assmann (*1980) in die Gegenwart. Sie stellt außerdem sowohl die Schönheit als auch die Bedrohung der Natur dar. Assmann schafft dynamische Lichtinstallationen, die das Farbspiel der Elemente anregen, indem sie auf Wasserreflexionen und das Leuchten der Sonne hineinzoomen. Während man als Besucher traditionell vor einem Kunstwerk steht – einem Gemälde, in dem die Natur im Rahmen erscheint – tritt man mit Assmann von Kopf bis Fuß in eine räumliche Landschaft ein.

Einzigartige Erfahrung

Die Ausstellung zeigt, wie Künstler über die Jahrhunderte hinweg von den Elementen Wasser und Licht fasziniert sind. Was im siebzehnten Jahrhundert durch Aelbert Cuyp und andere niederländische Maler Gestalt annahm, setzt sich in diesem Diptychon über Turner bis zu den zeitgenössischen Werken von Nicky Assmann fort. Die Kombination aus historischen Meisterwerken, seltenen Turner-Gemälden und bahnbrechender zeitgenössischer Kunst macht diese Ausstellung zu einem einzigartigen Erlebnis.

Diese einzigartige Ausstellung wird durch das Yale Centre for British Art und die Dr. Lee MacCormick Edwards Charitable Foundation ermöglicht.

Rahmenprogramm

8. März

Der erste High Tea wurde Anfang des 19. Jahrhunderts organisiert. Besucher können einen einmaligen High Tea buchen, der im stimmungsvollen Museumsrestaurant Art & Dining stattfindet.

Vor einem authentischen britischen High Tea, mit leckeren herzhaften und süßen Snacks sowie englischem Tee, können die Teilnehmer ein klassisches Konzert genießen. Dieses Konzert wird von Bläsern des Spotlight Orchestra Dordrecht aufgeführt, die die Atmosphäre von Turners Zeit und Thema mit atmosphärischen Werken bereichern werden. Während des High Tea wird Kuratorin Quirine van der Meer Mohr eine Einführung in die Ausstellung Water & Light geben. Highlights vom Yale Center for British Art. Vor und/oder nach dem High Tea können Sie sich in die Werke von Turner vertiefen. Anmeldungen sind bis zum 4. März möglich.

Programm: 13.15 Uhr öffnen die Türen bei Art & Dining, 13.25 Willkommen & Beginn des Konzerts High Tea und Erklärung durch den Kurator, 15.45 Uhr erwartetes Ende des High Tea

15. Februar, 1. und 29. März, 12. und 19. April sowie 17. Mai jeweils von 14 bis 14.30 Uhr

Führung durch die Ausstellung

Ein Duo aus der Jugendabteilung „Take pART“ führt durch die Diptychon-Ausstellung von J.M.W. Turner und Nicky Assmann. Die Teilnehmer dürfen auf die einzigartige Perspektive der Take pARTners auf Kunst und aktuelle Themen gespannt sein.

21. März, 14 bis 15 Uhr

Duo-Vortrag von Nicky Assmann & Wilma Süto

Die Teilnehmer lernen die Landschaft der Zukunft im brandneuen Werk von Nicky Assmann (1980) im zweiten Teil der Ausstellung „Wasser und Licht“ kennen. Feuer, Wasser, Erde und Luft: Alles fließt in diesen dynamischen Installationen. Während man als Besucher traditionell vor einem Kunstwerk steht, in dem die Natur im Rahmen erscheint, tritt man mit Assmann in eine räumliche Landschaft ein. Mit wirbelnden Farben zollt sie der sich verändernden Natur Tribut.

Im Rahmen eines Interviews der Kuratorin für zeitgenössische Kunst, Wilma Sütö, mit Nicky Assmann besteht die Gelegenheit, einen Blick in die Welt hinter den Kulissen zu werfen. Wie fängt Assmann das Licht ein? Vortrag und Interview handeln vom Abenteuer des Experimentierens und Pioniergeistes in der zeitgenössischen Kunst.

31. Mai, 14 bis 15 Uhr

Vortrag: Turner & Dordrecht

Die Ausstellung „Water & Light“ zeigt unter anderem eines von J.M.W. Turners meist gefeierten Meisterwerken: The Dort Packet-Boat. Wie entstand diese monumentale Darstellung von Dordrecht? Und woher kommt Turners Faszination für Dordrecht? Während dieses Vortrags wird Turners Liebe zu den niederländischen Meistern thematisiert, insbesondere zum Dordrechter Künstler Aelbert Cuyp. Turner besuchte die Niederlande und Dordrecht mehrmals. Was war es, das diesen britischen Künstler an Dordrecht so sehr anzog? Und wie hat es ihn beeinflusst?

Nähere Informationen: Dordrechts Museum, Museumstraat 40, 3311 XP Dordrecht, Telefon: +31 (0)78 770 8708, E-Mail: info@dordrechtsmuseum.nl

Niederländischer Kulturrat: Künstlerische Freiheit erfordert aktiven Schutz

Der Druck auf die künstlerische Freiheit in den Niederlanden wächst. Dies wird vom Kulturrat in seinem Beratungsbericht „Making (z)onder druk“ festgehalten. Laut dem Rat ist künstlerische Freiheit ein wesentlicher Bestandteil der demokratischen Rechtsstaatlichkeit, doch Künstler und Institutionen stehen zunehmend unter sozialem und politischem Druck.

Der Grund für den Rat sind Signale von Kulturschaffenden, die auf zunehmende Debatten über Kunst hinweisen, die regelmäßig in Einschüchterung, Drohungen oder Druck münden, Werke nicht zu zeigen. Der Rat warnt, dass dies zu Selbstzensur und einer Verarmung der öffentlichen Diskussion führen könnte. Soziale Medien spielen dabei eine unterstützende Rolle.

Der Rat fordert Politiker und Regierung dazu auf, bei inhaltlichen Urteilen über Kunst Zurückhaltung walten zu lassen. Obwohl rechtliche Schutzmaßnahmen bestehen, sind laut Rat die Handlungen von Verwaltern und Volksvertretern von großer Bedeutung für den Schutz der künstlerischen Freiheit.Laut dem Rat gibt es auch eine Aufgabe für den Kultursektor. Institutionen müssen das öffentliche Interesse der Kunst fördern, auf Gesellschaftskritik vorbereitet sein und Schöpfer aktiv unterstützen, wenn sie unter Druck geraten.

Darüber hinaus betont der Rat die Bedeutung von Bildung. Indem Kunst in den Lehrplan eingebettet und mit der Bürgerbildung verknüpft wird, können Schüler und Öffentlichkeit besser auf die gesellschaftliche Debatte über Kunst vorbereitet werden.

Der Beratungsbericht wurde unter dem Vorsitz von Paul Schnabel erstellt und Gouke Moes, dem scheidenden Minister für Bildung, Kultur und Wissenschaft vorgelegt. (Quelle: Pressemitteilung des Kulturrats)

Museumsquartier Osnabrück stellt Programm für den Februar vor

Guten Tag, wie fühlst du dich grade? Diese Frage steht am Beginn einer Workshopreihe Ende Februar, die Raum für gemeinsames Nachdenken, Spüren und Zuhören eröffnet. In drei kostenfreien Formaten laden der Künstler Ariel Reichman und eingeladene Gäste dazu ein, sich mit Sicherheit, emotionalem Erbe und den Auswirkungen gesellschaftlicher und politischer Gegenwart auseinanderzusetzen.
Mit körperlichen Übungen, klanglichen Experimenten und einem vertiefenden Vortrag entstehen kollektive Momente der Wahrnehmung und des gemeinsamen Austauschs.

Termin 13. Februar

16 Uhr Treffpunkt Museumskasse, Sonderführung »Von Henkern, Folter und Hexenwahn«.
Bei dieser Führung im Bucksturm, dem ehemaligen Gefängnis der Stadt, erfahren die Teilnehmer vom Leben und Handwerk eines Henkers, von Folter, Haft und den berühmtesten Gefangenen. Begleitet werden sie auf dieser Tour auch zu den Orten der Osnabrücker Hexenprozesse, und sie hören von den Schicksalen der Opfer und der Täter. Preis 4 Euro pro Person, zuzüglich Eintritt.

Termin 14. Februar

15.30 Uhr im Felix-Nussbaum-Haus Kuratorinnenführung mit Dr. Mechthild Achelwilm durch die Ausstellung »Ariel Reichmann. Keiner soll frieren!«
In dieser Führung gibt die Kuratorin Einblick in die Arbeiten von Ariel Reichman, der persönliche Erinnerungen mit Fragen nach Empathie, Verletzlichkeit und gesellschaftlicher Verantwortung verbindet. Ausgehend vom Werk Felix Nussbaums reflektiert Reichman die Gegenwart im Spiegel der NS-Vergangenheit und fragt, was von Geschichte in Dingen, Bildern und Denkweisen fortwirkt.
Preis 4 Euro pro Person, zuzüglich Eintritt.

Termin 14. Februar

10 bis 18 Uhr »Photo Academy: Selbstinszenierung« Workshop am Valentinstag.

Wie wirken Licht und Raum auf den eigenen Körper? Welcher Bildausschnitt erzählt welche Geschichte? Welche Pose, welcher Blick, welches Objekt unterstützt die gewünschte Darstellung? Diesen Fragen widmet sich ein eintägiger Workshop für ambitionierte Fotograf:innen mit Verdiana Albano, Preisträgerin des Nachwuchspreises des „Felix Schoeller Photo Awards“.
Bitte mitbringen: Kamera oder Smartphone, ggf. Speicherkarte, Stativ, optional Blitz oder Dauerlicht, persönliches Material (Objekte, Fotos, Texte), analoge Filter, ein Laptop zur Bildauswahl.
Die Teilnahme kostet 99 Euro regulär, 30 Euro für Studenten – die ersten drei Studenten nehmen kostenfrei teil. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Eine Platzreservierung kann nur bei Vorkasse garantiert werden.

Termin 26. Februar

18.30 Uhr im Veranstaltungssaal »Wo der Name wohnt« – Lesung und Gespräch mit Ricarda Messner.

Den Worten ihres Urgroßvaters Salomon folgend, findet Ricarda Messner ein Fenster im ehemaligen Rigaer Ghetto und zeichnet von dort aus die Wege von vier Generationen nach – vom sowjetischen Lettland der siebziger Jahre bis nach Deutschland.
Eintritt: 9 Euro / ermäßigt 7 Euro – Eine Kooperation mit dem Literaturbüro Westniedersachsen und der Volkshochschule Osnabrück.

Workshops von und mit Ariel Reichman

Termin 28. Februar

13 Uhr »What does safety feel like? | Wie fühlt sich Sicherheit an?« mit Shay Kukui und Ariel Reichman.

Die Tänzerin Shay Kukui leitet zusammen mit Ariel Reichman verschiedene Körperübungen an. Ist es möglich, in unserem Museum einen kollektiven Moment der Entspannung und Erleichterung in Bezug auf unsere aktuelle politische und soziale Welt zu erleben?
Teilnahme kostenfrei, in englischer Sprache.

Termin 28. Februar

15 Uhr »What does safety sound like? | Wie klingt Sicherheit?« mit Shabnam Parvaresh und Ariel Reichman.

Die Musikerin Shabnam Parvaresh und Ariel Reichman arbeiten mit den Teilnehmenden an der Frage „Wie klingt Sicherheit?“. Gemeinsam werden die subjektiven und kollektiven Klänge des Sich-sicher-fühlens erforscht.
Teilnahme kostenfrei, Deutsch/Englisch.

Termin 1. März

14 Uhr im Veranstaltungssaal: »Emotionales Erbe und das Vermächtnis von Traumata | Emotional inheritance and the legacy of trauma« mNähereit Dr. Galit Atlas (per Videokonferenz) und Ariel Reichman (vor Ort)
Die Psychoanalytikerin Dr. Galit Atlas lädt in diesem Vortrag mit anschließendem Gespräch ein. Sie untersucht, wie die unbewussten Verbindungen zu den Traumata unserer Vorfahren unser emotionales Erleben und Verhalten beeinflussen.
Teilnahme kostenfrei, in englischer Sprache

Nähere Informationen: Museumsquartier Osnabrück, Lotter Straße 2, 49078 Osnabrück, Deutschland, Telefon: 05413232237, E-Mail: museum@osnabrueck.de, Internet:
http://www.museumsquartier-osnabrueck.de

Surrealismus als Haltung – Rezension von Kees Keijer in der Museumstijdschrift

Wie relevant ist die Kunstrichtung des Surrealismus 100 Jahre nach der Entstehung dieser Bewegung? Das Museum Boijmans Van Beuningen lud unter dem Titel “Jenseits des Surrealismus” zeitgenössische Künstler ein, über das Vermächtnis von Dalí, Magritte, Carrington und Miró nachzudenken. Ihre Werke bilden eine Reihe vielfältiger Echos, in denen Entfremdung, Assoziation und Transformation jedes Mal unterschiedlich interpretiert werden. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 6. April.

„Süße Rache“: Die Künstlerin Raphaela Vogel war wütend über einen Brief ihres Ex-Freundes und verwandelte ihn in ein Kunstwerk. Sie setzte die Worte aus dem Brief auf „Gute Nacht“ ein, das Eröffnungslied von Franz Schuberts „Winterreise“ (1828). Die melancholische Melodie nahm somit kalte, bösartige Sätze an, in denen ihr ehemaliger Geliebter jeglichen Kontakt abbricht und ihr sogar verbietet, ihr nahe zu kommen.

Das Lied ist Teil einer Installation mit einem Video und weißen Skulpturen, die an Knochenstrukturen erinnern. Das Video zeigt gescannte Bilder, die nicht ganz perfekt sind. Dadurch entstehen unter anderem Löwenskulpturen und Löwenlöcher. Der Abschiedsbrief wurde somit in eine Metamorphose von Bild und Klang verwandelt.

Dies verbindet das Werk mit „Shirley Temple, le plus jeune monstre sacré du cinéma de son temps“ (1939) von Salvador Dalí (*1904 +1989). In diesem Gemälde sieht die Schauspielerin aus den Dreißigern wie eine Sphinx aus. Ihr leuchtend roter Löwenkörper ist von Knochen und Totenköpfen umgeben. Während das Bild von Shirley Temple als süßer Kinderstar von der breiten Öffentlichkeit geschätzt wurde, stellte Dalí sie als aggressives Monster dar.

Vogel verwendet in ihren Werken auch einen Löwen und Knochen, was Dalís „paranoidendekritischen Methoden“ eine zeitgenössische Note verleiht, in der irrationale Assoziationen präzise hervorgerufen und geformt werden.

Das Unterbewusstsein, Träume und Automatismen

In der Ausstellung ‚Beyond Surrealism‘ sucht Museum Boijmans Van Beuningen hundert Jahre nach dem Aufkommen des Surrealismus nach zeitgenössischen Echos dieser Bewegung in der bildenden Kunst. Das Museum lud sechs Künstlerinnen – Kerstin Brätsch (*1979), Monster Chetwynd (*1973), Laure Prouvost (*1978), Tai Shani (*1976), Emma Talbot (*1969) und Raphaela Vogel (*1988) – ein, um sich von der surrealistischen Kunstsammlung des Rotterdamer Museums inspirieren zu lassen. Im fünften Stock des Depots sind die zeitgenössischen Kunstwerke von surrealistischen Werken aus der Sammlung umgeben, die an welligen, lachsfarbenen Wänden hängen.

Der klassische Surrealismus konzentrierte sich auf das Unterbewusstsein, Träume und Automatismen, inspiriert von Freud. Die Idee war, dass das Unvorhersehbare zu neuen Einsichten und einer neuen Form von Schönheit führen könnte. Neben allen Arten von skulpturalen Kartonarbeiten mit schimmernden Mustern zeigt Kerstin Brätsch eine große Marmorzeichnung, die größtenteils zufällig entstanden ist. Die Leistung erfolgt durch das Gießen von Tinte und Lösungsmitteln in ein Wasserbecken. Das Endergebnis ist voller zitternder Kreise, zwischen denen maskenartige Formen erscheinen.

Monster Chetwynd hat ein Gesamterlebnis geschaffen, in dem die surrealistische Methode der Collage eine wichtige Rolle spielt. Wände und Boden sind mit Skulpturen bedeckt, die von Max Ernsts surrealistischem Collagebuch „Une semaine de bonté ou Les sept éléments capitaux» (1934) inspiriert sind. Für dieses Buch, das ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist, schnitt Ernst Drucke aus Zeitschriften des neunzehnten Jahrhunderts aus, die er zu absurden Kompositionen umordnete. Das surrealistische „cadavre exquis» ist ebenfalls in Chetwynds Installation integriert. Die Teilnehmer fügen abwechselnd eine Zeichnung oder einen Text auf ein Blatt Papier an, ohne zu wissen, was ihre Vorgänger gemacht haben. So entstanden unerwartete Auftritte.

Vier Saisons

Edward James (*1907 +1984), der wohlhabende Dichter, Förderer und Förderer des Surrealismus, ist der Protagonist in Magrittes „La reproduction interdite» (1937). Im Gemälde steht ein Mann vor dem Spiegel, aber dieser spiegelt nicht das Gesicht des Mannes, sondern den Hinterkopf wider. James bildet die Verbindung zwischen mehreren Werken in „Beyond Surrealism“. Er schuf Las Poza, einen paradiesischen Skulpturengarten in Mexiko. Dieser Garten inspirierte Laure Prouvost, eine Installation mit einem verschmutzten See mit sprechenden Pflanzen und springenden Fischen zu schaffen. Ein verwirrendes und lustiges Werk mit Sprache und Bildern, aber auch ein scharfer Kommentar zur aktuellen ökologischen Krise.

James besaß ein Gemälde der surrealistischen Künstlerin Leonora Carrington (*1917 +2011), die sich ebenfalls in Mexiko niedergelassen hatte. Dieses Panel mit halbdurchscheinenden Figuren und Vögeln im Garten inspirierte Emma Talbot dazu, ein Werk mit zwei handbemalten Seidenleinwänden zu schaffen, die frei in anmutigen Wellen im Raum hängen. Das Werk zeigt eine Art magischen Garten mit Texten über unsichtbare Kräfte und Energien, die in der Natur enthalten sind.

Talbot ist überzeugt, dass wir mehr in Harmonie mit der Natur leben müssen. Die beiden Seidentücher symbolisieren die vier Jahreszeiten. Die helle Seite enthält Heilpflanzen, die dunkle Seite beherbergt giftige und halluzinatorische Arten.Talbot verbindet diese mit vier Lebensphasen eines Menschen. Es ist sicherlich besonders, obwohl das Ganze eher an Symbolik als an Surrealismus erinnert. Als Bewegung mag der Surrealismus etwas aus der Vergangenheit sein, aber die meisten Werke in der Ausstellung machen überzeugend deutlich, dass seine Strategien für zeitgenössische Künstler noch immer lebendig und wohlauf sind.

Nähere Informationen: Postadresse Museum Boijmans Van Beuningen, Postfach 2277, NL-3000 CG Rotterdam, Niederlande, Besuchsadresse Depot Boijmans Van Beuningen, Museumpark 24, 3015 CX Rotterdam, Telefon: +31(0)10-4419400, E-Mail:info@boijmans.nl

Skulpturenpark Waldfrieden präsentiert: Rebecca Horn. Emotion in Motion

Mit „Rebecca Horn. Emotion in Motion“ präsentiert der Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal vom 14. März bis zum 30. August eine umfassende Einzelausstellung der 2024 verstorbenen Künstlerin Rebecca Horn (*1944 –+2024).

Die retrospektiv angelegte Schau vereint großformatige Installationen und kinetische Kunstwerke aus vier Jahrzehnten und zeigt in allen Ausstellungshallen sowie in der Villa Waldfrieden das vielseitige, medienübergreifende Schaffen einer der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Entstanden ist die Ausstellung in enger Zusammenarbeit mit der von Rebecca Horn 2007 in Bad König gegründeten Moontower Foundation, die seit dem Tod der Künstlerin ihren künstlerischen Nachlass verwaltet und betreut. Ihr Stiftungsziel ist es, Künstlerinnen und Künstler zu fördern und das Werk Rebecca Horns lebendig zu halten sowie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Rebecca Horn wurde 1944 in Michelstadt im Odenwald geboren. Die Arbeit an ihren ersten Körperskulpturen, die sie während ihres Studiums an der Hochschule für bildende Künste Hamburg in den 1960er-Jahren als Kunststoffabformungen umsetzte, führten aufgrund der im Verarbeitungsprozess entstandenen giftigen Dämpfe zu einem langen Krankenhausaufenthalt der Künstlerin. Aus dieser Erfahrung der Isolation sind Rebecca Horns „Körperextensionen“ entstanden: Objekte, die den menschlichen Körper erweitern und die Horn in Performances präsentierte.

Die Thematik von Fragilität, Verletzlichkeit und die räumliche Begrenzung menschlicher Existenz ist zum zentralen Gegenstand in Rebecca Horns Werk geworden. Fragen nach physischen und metaphysischen Bedingungen des Menschseins, nach Sehnsucht und Begierde übersetzte sie in kinetische Objekte, Malerei, Grafik, Dichtung, Film, Performance, in Bühnenbilder oder ortsbezogene Installationen. Die Arbeiten ihres sechs Jahrzehnte umfassendes Œuvres sind durch Materialien, Maschinen, Funktionen oder die Wiederverwendung einzelner Objekte miteinander verbunden und werden auf einer symbolischen Ebene vom Austarieren von Materie und Poesie geeint.

Die Ausstellung im Skulpturenpark Waldfrieden zeigt 13 Arbeiten von Rebecca Horn, die zwischen den 1980er- und 2010er-Jahren entstanden sind, darunter großformatige kinetische Skulpturen, die durch ihre Mechanik Klänge erzeugen.

Rebecca Horns Arbeiten sind weltweit ausgestellt worden. 1972 präsentierte sie bei der Documenta 5 erstmals ihre Körperextensionen. Bereits 1993 erhielt sie – als erste weibliche Künstlerin – im New Yorker Guggenheim Museum eine Retrospektive. Horn wurden im Verlauf ihres Schaffens zahlreiche internationale Auszeichnungen und Preise verliehen, darunter zuletzt: Praemium Imperiale for Sculpture (Tokio, 2010), Grande Médaille des Arts Plastiques (Paris, 2011), Orden pour le mérite für Wissenschaften und Künste (Berlin, 2016) und Wilhelm-Lehmbruck-Preis (Duisburg, 2017).

Nähere Informationen: Skulpturenpark Waldfrieden, Hirschstr. 12, 42285 Wuppertal, Telefon +49 (0)202-47898120, E-Mail: mail@skulpturenpark-waldfrieden.de