Der Verlag Kiepenheuer & Witsch freut sich mit seiner Autorin Shida Bazyar, die für »Die Lücken« mit dem Deutschen Buchpreis 2026 ausgezeichnet wurde. Die Preisverleihung fand im Kaisersaal des Frankfurter Römers in Frankfurt am Main statt.
Die Verlegerin Kerstin Gleba sagte dazu wörtlich: »Wir freuen uns von ganzem Herzen mit Shida Bazyar über die Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis 2026. „Die Lücken“ ist ein literarisches Meisterwerk und ein drängender Appell an unsere Verantwortung. Mit großer poetischer Wucht seziert Shida Bazyar das Schweigen eines Ortes und übersetzt es in große Literatur. „Die Lücken“ ist ein Roman, der uns die Ohnmacht und Wut der Figuren spüren lässt und der zugleich Wärme und Hoffnung zulässt, immer dort, wo Menschen einander respektieren, gar lieben und füreinander sorgen. Ein zutiefst bewegender Roman, der zeigt, wie verletzlich unsere Idee von Heimat wirklich ist.«
Begründung der Jury
„Heimisch in Heimesbach – kann man das sein? Der Roman „Die Lücken“ von Shida Bazyar reflektiert anhand einzelner Figurenschicksale fast 100 Jahre ambivalenten deutschen Lebens. Es waren Nachbarn, die zusahen, wie jüdische Menschen aus den Straßen verschwanden. Es sind Nachbarn, die Entscheidungen treffen, ob Menschen mit Migrationsgeschichte sich zu Hause fühlen. Die Autorin wählt überzeugende literarische Strategien: Der Blick einer toten Erzählerin und die kaleidoskopische Struktur des Textes ermöglichen es, zwischen den Zeiten zu springen sowie Nähe und Distanz zu erzeugen. Auch die enge Verbindung von fiktiven und dokumentarischen Elementen, von erfundenen und historischen Figuren, die selbst eine Stimme bekommen, erzeugen den starken Nachhall des Textes. Ein Roman gegen Gleichgültigkeit.«
Zum Buch
Heimesbach im Hunsrück: Ein Ort, an dem sich neunzig Jahre deutsche Geschichte in Mauern und Biografien eingenistet haben. Virtuos erzählt Shida Bazyar in dieser literarischen Archäologie der Heimat von jüdischen Familien, NS-Profiteuren und den Familien Sharifi und Karimpour, die Jahrzehnte später aus dem Iran flüchten. Von der Last der Geschichte, der Lüge des Neubeginns und dem Wunsch, endlich eine Heimat zu finden.
Zur Autorin
Shida Bazyar, geboren in Hermeskeil, studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und war viele Jahre in der Jugendbildungsarbeit tätig. Ihr Debütroman »Nachts ist es leise in Teheran« (2016) wurde mehrfach übersetzt und ausgezeichnet, u.a. mit dem Ulla-Hahn-Autorenpreis, dem Uwe-Johnson-Förderpreis und der Nominierung zum International Booker Prize. »Drei Kameradinnen« folgte 2021 und stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. 2023 wurde ihre Arbeit mit dem Ernst-Toller-Preis geehrt. 2026 erhält Shida Bazyar für ihren Roman »Die Lücken« auch den Wilhelm Raabe-Literaturpreis, der im November verliehen wird.
Leseprobe
UNSER WISSEN, LU (ICH WOLLTE NICHT HIERHER)
Wenn wir es gewusst hätten, was hätte es geändert? Hätte unsere Mutter die Fenster geöffnet und der Sonne misstraut? Unser Vater aufgehört, den alten Nachbarn zu grüßen? Vielleicht wären du und ich aus Protest nicht mehr in dieses eine Bekleidungsgeschäft gegangen, auch wenn es das einzige im Ort war, in dem es Levi’s Hosen zu kaufen gab.
Vielleicht wären uns fortan die Häuser aufgefallen. Jedes Mal, wenn wir an ihnen vorbeigegangen wären, hätten wir ihnen zugenickt wie trauernden Angehörigen, die man erst auf der Beerdigung kennenlernt. Nie wird man einander richtig kennen und doch ist man sich bekannt.
Ich bin noch nicht lange tot, das aber habe ich verstanden: Wir hätten keine Fragen gestellt. Auch dann nicht, wenn wir von den Dingen gewusst hätten, von denen ich nun weiß und von denen ich dir erzählen möchte. Niemals hätten wir einen von ihnen auf irgendetwas angesprochen, wir waren ja höflich, eckten nicht an.
Hätte ich es mir aussuchen dürfen, dann hätte ich nach meinem Tod unser Leben sehen wollen, nicht ihres. Dann wäre ich unsere Orte abgegangen, nicht diesen, niemals diesen, warum um alles in der Welt hätte ich mir diesen aussuchen sollen, an dem wir nur so kurz gelebt hatten. Stattdessen war ich hier, bei ihnen, schon wieder. Den Göttern sagte ich, dass sie sich geirrt haben müssen, aber sie kannten beides schon: Vorwurf wie Tatsache. Dass sie mich wenigstens zu meinen geliebten Menschen hätten schicken können, rief ich, denn ich ahnte es, bevor sie es mir sagten, wir waren plötzlich von einem Wind umgeben, den ich kannte, ich kannte seinen schweren, erdigen Geruch, ich vernahm das Rauschen, die Veränderung der Höhenlage; ich sah Fichten-, Buchen-, Eichenwipfel, aus denen sich der dunkle Wald formierte, ganz eindeutig schickte man mich an jenen Ort zurück, den ich einst mein Zuhause genannt hatte. Die leisen Geräusche der Luft, der schweigenden Menschen, der Autos auf den Landstraßen, all das war in mir verwebt worden; kein Zug meiner Persönlichkeit, der nicht die Farben der Fäden des Ortes trug. Ich war zehn Jahre alt, als wir hierher flohen. Ich war dreizehn Jahre alt, als wir gingen, weil sie uns wegschicken wollten.“
Shida Bazyar, Die Lücken, Gebundene Ausgabe, Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG., ISBN: 978-3-462-00501-1