Es weht kein Wind, die einzige Welle im Wasser der Merwede wird von einem Boot verursacht, das Gemüse und andere Lebensmittel zu einem Lastkahn bringt, der auf die steigende Flut wartet. Blau und Gelb konkurrieren um Vorrang in einem Himmel voller flauschiger Wolkenflecken. J.M.W. Turner ist es gelungen, das Wesen eines frühen Sommermorgens in Farbe einzufangen, als Dordrecht gerade erwacht.
Die Ausstellung „Wasser und Licht“ im Dordrechts Museum umgibt das Meisterwerk „Dordor Packet Boat“ (1818). Das soll aber nicht heißen, dass es den anderen in der Ausstellung gezeigten Werken an Qualität mangelt. Doch der beeindruckende Flussblick von Joseph Mallord William Turner (*1775 – +1851) zieht unwiderruflich die meiste Aufmerksamkeit auf sich, denn es ist ein Bild, das die Betrachter in eine sonnige Stimmung versetzt.
Eine Sensation
Turner vollendete das Bild 1818, ein Jahr, nachdem er Dordrecht besucht hatte. An der Royal Academy in London sorgte es für Aufsehen. „Dort, oder Dordrecht: Das Dorder Packet-Boot aus Rotterdam Becalmmed“– wie es im vollständigen Titel heißt – wurde dort als „eines der prächtigsten je ausgestellten Gemälde“ gelobt. Nachdem es etwa anderthalb Jahrhunderte in einem britischen Landhaus hing, landete das Gemälde 1977 im Yale Center for British Art in New Haven, USA. Dieses Museum besitzt die größte Sammlung britischer Kunst außerhalb des Vereinigten Königreichs. Turners Meisterwerk ist nun erstmals an dem Ort zu sehen, an dem der Anstoß zu seiner Entstehung gegeben wurde. Und ja, das fühlt sich an wie nach Hause kommen.
Eine Reiseerinnerung
Die Ausstellung zeigt dreizehn weitere Werke (Gemälde und Mezzotinten) von Turner. Es gibt auch Werke von Meistern des siebzehnten Jahrhunderts, die von ihm und von Turners niederländischen Zeitgenossen bewundert wurden. Er besuchte die Niederlande fünfmal. Er fand es seltsam, dass hier alle „auf der falschen Straßenseite“ fuhren, mochte aber die niederländischen Städte sehr. Er bewunderte auch Maler wie Jacob van Ruisdael, Willem van de Velde den Jüngeren, Jan van Goyen, Meindert Hobbema und – besonders – Aelbert Cuyp. Wenn er in seinen Skizzen über Lichteffekte sprach, erwähnte er seinen Namen mehr als einmal. 1815 hatte Turner Cuyps monumentale Ansichten von Dordrecht in London gesehen, darunter eine mit dem Lastkahn De Zwaan (Frick Collection, New York). Turners „Dordord-Packetboot“ist eine direkte Hommage an diese Gemälde und an Dordrecht. Und es ist auch ein bisschen eine Reiseerinnerung. Im Mast des Schiffes hängt – genau wie bei Cuyp – eine rote Flagge mit einem weißen Schwan darauf.
Die Themen Licht und Wasser tauchen in einigen von Turners späteren Werken der Ausstellung immer wieder auf. In einer fast abstrakten Komposition wie „Squally Weather“(zirka 1840 bis 1845) spritzt das Meerwasser fast von der Leinwand. Ein Gemälde mit bleigrauen Wolken über einem stürmischen Meer hängt neben einem ähnlichen Werk von Jacob van Ruisdael. Auch hier macht Turner keinen Hehl aus seiner Verehrung: Er gab der Leinwand den Titel „Port Ruysdael“(1826).
Ultraschall
Es kann eine Weile dauern, bis der Besucher mit den Installationen des zeitgenössischen Künstlers Nicky Assmann (*1980) in dieser Ausstellung konfrontiert wird, die als ‚Diptychon‘ präsentiert werden. Eine scheinbar seltsame Kombination, die in der Praxis ziemlich gut funktioniert. Vielleicht, weil es wenig Mühe kostet, ein Echo von J.M.W. Turner in der Art und Weise zu erkennen, wie Assmann mit Licht spielt.
Nähere Informationen: Dordrechts Museum, Museumstraat 40, 3311 XP Dordrecht, Telefon: +31 (0)78 770 8708, E-Mail: info@dordrechtsmuseum.nl