Isaac B. Singers Roman „Feinde, die Geschichte einer Liebe“
„Nie zuvor gab es bei den sonst eher langweiligen Nobelfeiern so viel zu lachen … Endlich begegnet man einem Nobelpreisträger, der ausgesprochenen Humor hat, seine Umwelt und sich selbst nicht so tierisch ernst nimmt, allen zugänglich ist und frisch von der Leber weg über alles zwischen Himmel und Erde plaudert“, heißt es in einem von dem Journalisten E. Michael Salzer geschriebenen Text über die 1978 erfolgte Übergabe des Literaturnobelpreises an den aus Polen stammenden und bis zu seinem Tod in den USA lebenden Schriftsteller Isaac Bashevis Singer.
Blickt man auf dessen Biographie lässt die Beschreibung Salzers nichts oder scheinbar nichts davon ahnen. 1902 in Leoncin in Polen geboren, wächst Singer in der Familie eines pietistischen Rabbis auf, der aus religiösen Gründen in puritanischer Manier auf jeglichen Luxus und die Wohnung dekorierende Elemente wie Gemälde, Statuen, Teppiche verzichtete. Viele weltliche Dinge wie Theaterbesuche oder sogar die Vergnügungen am jüdischen Purimfest waren im Hause Singer verpönt, da der Vater sie als nichtigen und sündigen Tand ablehnte.
Wie Professor Lars Gyllenstein in seiner Verleihungsrede bei der Überreichung des Nobelpreises formuliert, ist die Welt, in der Singer aufwächst, „die Welt des osteuropäischen Judentums – zugleich sehr reich und sehr arm, eigenartig und exotisch, aber – hinter seiner fremdartigen Gewandung – auch vertraut mit jeder nur denkbaren menschlichen Erfahrung. Diese Welt wurde ausgelöscht durch eines der brutalsten Verbrechen, das je über die Juden und andere Menschen in Polen gekommen ist.“ Gyllenstein spricht damit den durch das deutsche Nazi-Regime begangenen Massenmord nach der Eroberung Polens im Jahre 1939 an. Dieses Schicksal wird Singer erspart bleiben, da er 1935 durch seinen älteren Bruder, der 1933 in den Redaktionsstab der großen jiddischen Tageszeitung Forverts nach New York berufen worden war, die Chance erhält, in die USA einzureisen.
Erste Einflüsse
Was Singer schon sehr früh beeinflusst, ist die jiddische Sprache. Nach den Ausführungen Gyllensteins ist sie „bis an den First gefüllt mit Märchen und Geschichten, mit Weisheit, Aberglaube und Erinnerungen an eine uralte Geschichte, die diesen Menschen nichts an Abenteuern und Leid erspart. Der Hasid-Pietismus, dem Singers Vater anhing, war eine Art volkstümlicher jiddischer Mystizismus. Gelegentlich schlug er um in Prüderie und kleingläubige, ergebene Unterwerfung unter das Gesetz. Aber er konnte sich auch orgiastischer Besessenheit und messianischer Verzückung öffnen.“
Isaac erhielt zunächst eine traditionelle jüdische Erziehung, er studierte die Tora, die Kabbala und andere jüdische Bücher. 1921 kehrte Singer wieder nach Warschau zurück, um sich am fortschrittlich-orthodoxen Tachkemoni-Seminar zum Rabbiner ausbilden zu lassen. 1923 wurde er als Korrektor für eine moderne jiddische Zeitschrift tätig. Nach diesem Zwischenschritt in Bilgorai kehrte er nach Warschau zurück, wo er selbst zu schreiben begann. Daneben fertigte er vor allem Literaturkritiken und Übersetzungen an. 1932 engagierte er sich als Mitbegründer der Literaturzeitschrift Globus.
Neuanfang in New York
1935 ließ sich Singer in New York nieder und wurde ein produktiver und anerkannter jiddischer Autor, der vor allem im „Forverts“ publizierte. 1943 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Sein 1950 erschienener Roman „Die Familie Moschkat“ (The Family Moskat) wurde in englischer Sprache veröffentlicht. Hier erzählte er die Geschichte über die Vernichtung des polnischen Judentums. Allgemeine Bekanntheit erlangte Singer dann mit der 1953 erschienenen amerikanischen Übersetzung seiner 1945 entstandenen Kurzgeschichte „Gimpel der Narr“ durch Saul Bellow. 1957 folgten dann der Roman „Der Zauberer von Lublin“, 1962 „Jacob der Knecht“ und 1967 „The Manor“. Das dann 1969 von ihm herausgegebene Buch „The Estate“ bildete den Abschluss der epischen Trilogie („The Family Moskat“, „The Manor“ und „The Estate“) in der das Auseinanderbrechen alter Familien durch soziale, finanzielle und auch menschliche Veränderungen im modernen Zeitalter dargestellt wird. Im Jahre 1974 wurde Isaac Singer der National Book Award für seinen Roman „Feinde – die Geschichte einer Liebe“ verliehen, 1978 erhielt er dann als bislang einziger jiddischer Schriftsteller für sein Gesamtwerk den „Nobelpreis für Literatur: „für seine eindringliche Erzählkunst, die mit ihren Wurzeln in einer polnisch-jüdischen Kulturtradition universale Bedingungen des Menschen lebendig werden lässt“, wie in der Begründungsschrift anlässlich der Preisverleihung nachzulesen ist.
Singers Werk steht im Spannungsfeld zwischen Religion und Moderne, Mystizismus und rationaler Einsicht. Charakteristisch ist aber auch die tiefe Verbundenheit mit der jüdischen Mystik (Kabbala), der talmudischen Ethik, Tradition und Folklore sowie eine große naturwissenschaftliche Bildung und Vertrautheit mit der Philosophie – vor allem mit Spinoza, Schopenhauer, Eduard von Hartmann und Otto Weininger.
Sein wichtigstes schriftstellerisches Vorbild war Knut Hamsun, den er mehrmals ins Jiddische übersetzt hat. Singer ist in vielen literarischen Stilen und Themenkreisen zu Hause. In seinen Werken bewegt er sich frei vom Mittelalterlichem bis zum Modernen, vom Naturalismus zum Fantastischen und von psychologischen Schilderungen bis hin zum mystischen Erzählen. Die Protagonisten von Singers Erzählungen leben häufig am Rande der jüdischen Gesellschaft: geistig Gestörte, Kriminelle oder Prostituierte. In vielen seiner Geschichten geht es um Sexualität und das Heilige sowie deren wechselseitige Beziehung.
Herman, Yadwiga, Mascha und Tamara
Ein Paradebeispiel für das Thema und die Bedeutung der Sexualität ist der Roman „Feinde – die Geschichte einer Liebe“. Er entspricht einem Credo des Autors, der auf Nachfrage zu dem Thema Folgendes sagte: „Die Bibel und der Talmud sind voll von Sex-Stories. Wenn diese Heiligen sich nicht schämen, warum soll ich es tun. Ich bin doch kein Heiliger? Wenn es einen Gott gibt, so stelle ich mir ihn als einen Liebhaber vor. Gemäß der Kabbala lieben alle Seelen im Himmel.“
Tragikkomischer Protagonist ist der aus Polen stammende Hermann Broder, der dem Holocaust durch großes Glück entkommen ist und in New York als Reden- und Vortragsschreiber für einen Rabbi, der mehr an seinen geschäftlichen Interessen als an seinen religiösen Verpflichtungen und Aufgaben interessiert ist, sein Dasein fristet.
Gefangen zwischen seiner religiösen Erziehung und Bildung in der Tradition des osteuropäischen Judentums und seinem eher weltlichen und modernen Leben in den USA droht er zermahlen zu werden. Damit nicht genug machen ihm seine eher moralwidrigen Beziehungen zu gleich drei Frauen arg zu schaffen. Da ist zum einen seine geistig eher schlicht gestrickte Ehefrau und ehemalige Dienstmagd seiner Eltern, Yadwiga, die er aus Dankbarkeit, dass sie ihm das Leben nach dem Überfall Deutschlands auf Polen das Leben gerettet hat, in dem sie ihn auf einem Heuboden vor den Nazi-Schergen versteckte, zum anderen seine Geliebte und intellektuell höchst beschlagene Mascha, die den Schrecken des Holocaust nur knapp überlebt hat, und zum dritten seine weitere Ehefrau Tamara, von der er geglaubt hatte, dass sie mitsamt den Kindern tödliches Opfer des Holocaust war. Eine Annonce in der Zeitung, in der er gesucht wird, gibt den Hinweis, dass sie überlebt hat und in New York lebt.
Herman Broder, der sich eigentlich aus allem raushalten will und auch kaum Kontakt zu seinen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern hat, laviert zwischen seinen Frauen, zwischen Religion und dem Leben als Bigamist, wendet sich mal der einen, mal der anderen Frau zu, vertieft sich mal in die traditionellen jüdischen Schriften wie der Thora und dem Talmud, während er gleichzeitig vor dem Hintergrund des Holocaust an der Existenz Gottes zweifelt.
In der Tradition eines guten Geschichten-Erzählers mit einer glasklaren Sprache, psychologischem Feingefühl und viel Humor erzählt Isaac B. Singer vom Leben der dem Holocaust entronnenen und in die USA geflüchteten Juden, die wie Broder zwischen Tradition und Moderne gefangen sind. Mit
„Feinde – die Geschichte einer Liebe“ wie auch seinen weiteren Werken gewährt er dem Leser einen vielfältigen Blick in eine ganz andere Kultur, die durch den Holocaust fast völlig verschwunden, aber durch das Erzählen bewahrt worden ist. Eine absolute Leseempfehlung.
Nachtrag
In einer Vorbemerkung zu dem Roman schreibt Isaac B. Singer, der das Glück hatte, dem Holocaust entkommen zu sein, Folgendes: „Wenn ich auch nicht das Privileg habe, durch die Hölle von Hitlers Massenvernichtung gegangen zu sein, habe ich jahrelang in New York mit Flüchtlingen zusammengelebt, die diese Feuerprobe durchgemacht haben. Darum möchte ich gleich sagen, daß dieser Roman keineswegs die Geschichte des typischen Flüchtlings, seines Lebens und seiner Kämpfe ist. Wie in dem meisten meiner erzählerischen Werke wird in diesem Buch ein Ausnahmefall dargestellt – mit einzigartigen Helden und einer einzigartigen Verflechtung der Ereignisse. Die Figuren sind nicht nur Nazi-Opfer, sondern auch Opfer ihrer eigenen Persönlichkeiten und Schicksale. Wenn sie in das allgemeine Bild passen, so deswegen, weil die Ausnahme die Regel bestätigt. In der Literatur ist die ausnahme tatsächlich die Regel. …“
Text unter Verwendung von Wikipedia
erschienen im Coron Verlag Lachen am Zürichsee
