Auf den Krisenherden dieser Welt unterwegs

Neues Buch von Katrin Eigendorf

Sie gehört ohne Zweifel zu den mutigsten deutschen Journalistinnen: Katrin Eigendorf, die für das ZDF direkt vor Ort von den Krisenherden dieser Welt berichtet.

Seit Kurzem liegt ihr neues Buch mit dem Titel „Erzählen, was ist – Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege“ vor, in dem sie von ihrer Tätigkeit als Sonderkorrespondentin berichtet – und das auf eine sehr persönliche Art tut. Sie lässt die Leserinnen und Leser neben den politischen Fakten auch an ihrer Sicht der Dinge teilhaben. Katrin Eigendorf ist dort unterwegs, wo die Welt ins Wanken geraten ist – in der Ukraine, wo sie Soldaten an der Front begleitet, oder in Afghanistan, wo sie von mutigen Frauen in Afghanistan berichtet, die Mädchen in Untergrund-Schulen unterrichten, aber auch von den Taliban, die 2021 die Macht zurückgewonnen haben und ein weiteres mal die Frauen unterdrücken. Es sind existenzielle, häufig auch schmerzhafte Begegnungen, mit Menschen, deren Geschichten die Reporterin erzählt. Nicht aus der Distanz, nur aus der Nähe, aus der eigenen Anschauung und Anteilnahme berichtet sie über Kriege. Was sie dort erlebt, wie in der zurückeroberten ukrainischen Stadt Isjum, wo sie auf von den Russen hinterlassene Leichenberge stößt, ist erschreckend.

Was zur Zeit auf der Welt von Afghanistan über den Gazastreifen bis hin zum Angriffskrieg der Russen gegen die Ukraine und auch in anderen Regionen passiert, bringt Katrin Eigendorf präzise auf den Punkt: „Wir erleben heute, wie Grenzen systematisch überschritten und verschoben werden. Grenzen von Ländern, Grenzen der Menschlichkeit, des Ressourcenverbrauchs. Wir bewegen uns in eine scheinbar grenzenlose Welt, in der fast alles möglich scheint – und zugleich alles ins Rutschen gerät. Das nutzen Autokraten wie Putin, Trump oder Xi zu ihrem Vorteil. Und nicht nur sie. In Deutschland erteilt ein Ladenbesitzer Juden Hausverbot. In Afghanistan verweigern die Taliban verletzten Frauen nach einem Erdbeben ärztliche Hilfe, weil diese nicht von Männern berührt werden dürfen. In Gaza lässt die israelische Regierung Menschen verhungern, im Iran lassen die Mullahs Frauen foltern und ermorden, weil sie ihre Haare nicht bedecken. Russland überfällt sein Nachbarland, und in den USA darf ein gewählter Präsident willkürlich Jagd auf Menschen machen und diese deportieren lassen. Es ist eine Welt der Grenzverschiebungen.“

Dabei war zu Beginn ihrer journalistischen Karriere Ende der 1980-er Jahre die Welt von sehr viel Hoffnung erfüllt, wie sie weiterschreibt: „Der Beginn meiner journalistischen Laufbahn ist geprägt vom Fall der Mauer und dem Ende der Sowjetunion. Es schien damals, als befände sich die Demokratie auf dem Siegeszug. Francis Fukuyama sprach vom Ende der Geschichte. Die Vorstellung, dass auf den Trümmern einer Monarchie und eines jahrzehntelangen Sowjetregimes eine funktionierende Marktwirtschaft und Demokratie entstehen können, zog mich nach Russland – voller Hoffnung. Im Westen wuchs damals die Überzeugung, Reformen könnten von außen gefördert werden.“

Doch diese Hoffnungen trogen, wie die nachfolgenden Jahre zeigten. Und das gilt auch für den Westen, allen voran die USA mit Präsident Donald Trump. Ebenso in seinem Fall bringt sie die von ihm vollzogenen Grenzverschiebungen auf den Punkt: „Es ist ihm gelungen, so viel Macht in seinen Händen zu konzentrieren, wie kein amerikanischer Präsident zuvor. Er und die MAGA-Bewegung sind dabei, die demokratischen Institutionen, Traditionen und ihr Regelwerk systematisch zu zerstören, mit dem Ziel, ein autokratisches Regime zu errichten.“

Dass dergleichen geschehen konnte, begründet sie unter anderem mit einer technischen Entwicklung, die immer mehr die Wahrnehmung von Informationen beeinflusst: Das Internet und die mit ihm verbundenen „sozialen Medien“. Deren immer größer werdende Macht datiert sie auf das Jahr 2014 zurück: „Wir werden überflutet mit Informationen, und viele Menschen haben das Gefühl, die Orientierung zu verlieren. Eine Entwicklung, die spätestens seit 2014 erkennbar ist. Mit gezielter Desinformation ist es Russland gelungen, das Vertrauen in die Wahrheit zu erschüttern. Social Media haben den Autokraten von heute schier unbegrenzte Möglichkeiten der Manipulation gegeben. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz wird die Grenzen in einem Ausmaß weiter verschieben, das wir noch nicht kennen.“

Mit ihrem Buch will sie ein Zeichen gegen diese Entwicklung setzen. Sie glaubt an die Wahrheit und an ihre Profession als Journalistin. So ist es ihr ein großes Anliegen, über Menschen zu berichten, die sich gegen die um sich greifenden autokratischen Denkweisen und Strukturen ankämpfen: „Hoffnung machen mir die vielen Begegnungen mit Menschen, die teilweise unter hohen Risiken für ihre Freiheit eintreten. Ihre Geschichten zu erzählen ist mein Anliegen …“

Eine ihrer Stationen: die Zarghona High School in Kabul, ein Jahr nach der Machtübernahme durch die Taliban. Dort trifft Katrin Eigendorf für einen Fernsehbericht auf die Direktorin, die trotz eines allgemeinen Schulverbotes für Mädchen durch die Taliban Unterricht erteilt, allerdings nur noch für 2000 statt für 8000 Schülerinnen. Und auch damit soll Schluss sein: „Für die Mädchen der sechsten Klassen soll es der letzte Schultag ihres Lebens sein. Ich versuche mir vorzustellen,was das bedeutet, wie die Mädchen sich fühlen mögen“, berichtet die Journalistin. Richtig traurig wird es zum Schluss des Besuches, als eine Lehrerin Katrin Eigendorf mit folgenden Worten verabschiedet: „»Bitte erzähle das, was die Mädchen erleben, bitte berichte davon«, sagt sie leise, bevor wir uns verabschieden. Wir werden uns nicht wiedersehen und auch nicht telefonieren, aber manchmal, so habe ich gelernt, ist es wichtig, eine Telefonnummer notiert zu haben.

Diese und weitere Erfahrungen solcher Art führen die Autorin auch dazu, über ihren Beruf zu reflektieren und eine Haltung dazu zu gewinnen: „Wie geht es dir nach solchen Begegnungen, wie kommst du damit klar, in Ländern zu sein, wo Menschen so viel Unrecht angetan wird? Es sind Fragen, die mir immer wieder gestellt werden. Gar nicht komme ich damit klar, lautet meine Antwort. Manchmal komme ich mir in eine Zeit versetzt vor, die ich als Kind nur aus Spielfilmen kannte. Die Brutalität, die Unterdrückung und diese Erbarmungslosigkeit. Das war irgendwie das Mittelalter, dessen Grausamkeit wir durch den Humanismus überwunden zu haben schienen. Hier in Afghanistan ist all das Realität.Es zu sehen ist schlimm, es zu spüren, den Menschen nahe zu sein, und sei es auch nur für wenige Stunden oder einen Tag, macht mich traurig. Das, was meinen Beruf ausmacht, ist auch das, was schmerzt. Nur wenn ich mit den Menschen, die ich treffe, eine Verbindung eingehe, kann ich ihre Geschichten so erzählen, wie es mir richtig erscheint.“

Katrin Eigendorf spricht aber nicht nur mit den unterdrückten Mädchen und Frauen, sondern auch mit denen, die das zu verantworten haben: den Taliban. Ortswechsel: das Büro des Vizeregierungssprechers Bilal Karimi. Was dort passiert, ist typisch für das frauenfeindliche Verhalten der Taliban. Karimi will sich eigentlich weigern, ein Interview mit einer Frau zu führen, lässt es aber dann doch zu. Richtig ärgerlich wird er, als Eigendorf folgende Frage stellt: „Wo im Koran steht geschrieben, dass Mädchen nach der sechsten Klasse keine Schule besuchen dürfen?«, frage ich. Ich erkenne sofort den Ärger im Gesicht des Mannes. Er bemüht sich, ruhig zu antworten, und erklärt mir etwas von oben herab: »Sie sollten auf Dinge, die mit dem Islam zu tun haben, nicht oberflächlich schauen. Das ist ein Land, das 43 Jahre für seine spirituellen und islamischen Werte gekämpft hat.“ Nach weiteren kritischen Fragen ist das Gespräch beendet.

Eigendorf weiß aber trotzdem, wie weit sie gehen kann, und welche Regeln sie befolgen muss, um aus einem von den Taliban beherrschten Land überhaupt noch berichten zu können. Ihr zu Seite steht ein afghanisches Zweimann-Team, das die „feinen Linien“ kennt, die nicht überschritten werden sollten. Sie bekommt entgegen ihren Befürchtungen nach dem Interview aber auch bestätigt, dass sie sich richtig verhalten und die nötige Sensibilität bewiesen hat: „Wir besprechen genau, was aus ihrer Sicht möglich ist und was Probleme schaffen könnte. Oft sind sie viel mutiger als ich. Sie sind der Meinung, dass das Gespräch gut gelaufen ist, denn ich war kritisch, habe mich aber höflich, fair und respektvoll verhalten. Ähnlich ist es auch mit unseren Berichten.“ Das sagt ihr auch ein weiterer journalistischer Kollege: „Solange du sachlich bleibst und nichts verdrehst oder aufbauschst, ist es okay«, erklärt mir Farid, ein weiterer langjähriger afghanischer Kollege immer wieder.“

Journalistische Tugenden, die auch hier gelten, und Umgangsformen, die in Deutschland auch als Sekundärtugenden bezeichnet werden, helfen bei der Arbeit auch unter erschwerten Bedingungen, wie Eigendorf schreibt: „Ein falsches Wort, eine falsche Darstellung kann nicht nur unsere Kollegen oder auch

Gesprächspartner in Gefahr bringen, es kann auch dazu führen, dass wir beim nächsten Mal kein Visum und keine Akkreditierung bekommen. Es ist ein schmaler Grat zwischen der Möglichkeit, hier zu arbeiten, und dem journalistischen Wert, zu berichten, was ist. Nach fast jeder größeren Geschichte müssen die afghanischen Mitarbeiter Gespräche mit den Behörden führen. Es ist dann besonders wichtig, dass meine Schilderungen wahrheitsgetreu sind. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, doch leider erlebe ich vor allem in Afghanistan, dass sich die Menschen von westlichen Medien oft klischeehaft und falsch dargestellt sehen.“ So erhält der Leser neben einer genauen Beschreibung der Verhältnisse vor Ort auch Einblicke in die Regeln guten journalistischen Handwerks.

Weiter geht es im Buch mit einer differenzierten Analyse der Taliban und ihren unterschiedlichen Ausrichtungen, mit Berichten aus anderen Krisenregionen der Welt sowie persönlichen Erfahrungen und Betrachtungen; und durch diese gelungene Mischung gelingt es Eigendorf, komplexe Sachverhalte verständlich auf den Punkt zu bringen. Kurzum: eine lohnenswerte Lektüre über die schwierigen politischen Verhältnisse auf dieser Welt, die dem Leser Orientierung über manchmal kaum zu überblickende Zusammenhänge bietet.

Katrin Eigendorf, Erzählen, was ist – Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege, S. Fischer Verlag, 256 Seiten, ISBN: 978-3-10-397699-1

Auf den Spuren von Uta Danella und Hedwig Courths-Mahler

Zutiefst verunglücktes Roman-Debüt von Judith Hoersch

Mit „Niemands Töchter“ hat die 1981 in Köln geborene Judith Hoersch vor Kurzem ihr Debüt als Romanautorin gegeben. Hört oder liest man ihren Namen wird sie zumeist mit etwas anderem verbunden: mit ihren Auftritten als Schauspielerin in Serien und Spielfilmen.

So verkörpert sie seit acht Jahren die Titelrolle der Hebamme Lena Lorenz in der gleichnamigen Erfolgsreihe im ZDF und ist dadurch einem treuen wie breiten Publikum bekannt. Bereits mit 18 Jahren stand Hoersch erstmals vor der Kamera. Seither wirkte sie in zahlreichen TV- und Film-produktionen mit und etablierte sich sowohl im dramatischen als auch im komödiantischen Fach und ist unter anderem durch ihre Rollen in Fernsehfilmen und Reihen wie „Der Kriminalist“ (ZDF), „Im Spessart sind die Geister los“ (ARD), „Starfighter“ (RTL), „Taunuskrimi“ (ZDF), „Tatort Kiel“ (ARD) und „Meine Nachbarn mit dem dicken Hund“ (ARD) bekannt.

Auf der Kinoleinwand war sie unter anderem in „Männer wie wir“, „Buddy“, „Die Klasse von ’99“ und „A Cure for Wellness“ zu sehen. Der Kinofilm „Schneeflöckchen“, in dem Hoersch die Titelfigur spielte und zudem den Titelsong beisteuerte, gewann zahlreiche internationale Preise.

Literatur hat aber schon länger ihr Leben begleitet. Von ihrem Vater, einem Journalisten, wurde sie schon früh in die Geheimnisse des Schreibens von Geschichten eingewiesen. Selbst schrieb sie Kurzgeschichten, Songtexte und Gedichte; und schon mit elf verfasste sie eine umfassende Liebesgeschichte. Ebenfalls durch das Elternhaus wurde bei Judith Hoersch die Leidenschaft für die Musik geweckt. Neben der Schauspielerei spielen sowohl die Literatur als auch die Musik bis heute eine große Rolle in ihrem Leben.

In ihrem beim Piper Verlag erschienen Debütroman, der auch als Hörbuch vorliegt, erzählt sie die Geschichte zweier Mädchen, die etwas verbindet. Alma wächst in den 1980er- Jahren in der Eifel auf, fühlt sich aber fremd in ihrer Familie. Denn über ihre Herkunft wird geschwiegen. Viele Jahre später fehlt auch Isabell ihre Mutter schmerzlich. Diese Leerstelle in ihrer Vergangenheit beeinflusst ihre Gegenwart, ihr Fühlen und Denken und ihr eigenes Familienleben.

In einer Kurzbeschreibung von Verlagsseite wird der Roman wie folgt weiter beschrieben: „Als sich Almas und Isabells Wege auf schicksalshafte Weise kreuzen, entfaltet sich zwischen Polaroids und verlorenen Träumen eine Geschichte, die die beiden Frauen über Generationen hinweg verbindet.
Ihr Leben lang waren Niemands Töchter auf der Suche nach ihrem Platz im Leben, und gemeinsam finden sie ihn, wo sie ihn am wenigsten erwartet haben. Ein berührender Roman über das, was wir verlieren, das, was bleibt – und die Kraft, die man daraus schöpft, das eigene Glück zu suchen.

Judith Hoerschs Debut erforscht zeitlose Fragen, wie Identität, die Suche nach der eigenen Herkunft und den Einfluss von Familienwunden.“

So wie diese tränenreiche, kitschige und nach Uta Danella und Konsorten klingende Kurzbeschreibung nichts Gutes ahnen lässt, so ist leider auch der Roman. Gleich zu Anfang sind folgende Zeilen zu lesen, die einem Leser oder einer Leserin, die sich auf einen anspruchsvollen Roman mit interessanten und vom Verlag versprochenen Themen wie Identität, Herkunft und beschädigten Familienbiografien freuen, die Haare zu Berge stehen: „Mutter und Tochter verließen Arm in Arm den Bahnsteig. Alma sah ihnen hinterher und blieb allein zurück. Eine Sehnsucht füllte ihr Herz. Ein Gefühl, so alt und wund. Für sie würde es ein solches Wiedersehen, eine solche Nähe und Liebe nie wieder geben. Alma ließ sich auf die Bank fallen und vergrub den Kopf zwischen den Händen. Ein tiefer Schluchzer löste sich in ihr. Sie weinte um Oma Hedwig und Opa Jupp. Um Gabriele und auch um sich. Und für einen kaum wahrnehmbaren Moment roch sie Veilchenpastillen und spürte die warmen Hände ihre Mutter in ihrem Haar.“

Es ist verwunderlich, wie eine 1981 geborene Autorin so schreibt, als wäre sie nicht nur eine Epigonin Uta Danellas, sondern als wollte sie auch noch auf den Spuren Hedwig Courths-Mahlers wandeln. Bei allem Verständnis für ein vermeintlich einfühlsames Schreiben, mit dem sich die Autorin der von Trauer besetzten Stimmung ihrer Protagonistin annimmt oder anzunehmen scheint, bleibt hier nur festzuhalten, dass die von ihr gewählte Sprache zutiefst rückständig, oberflächlich und vor Kitsch triefend ist – und ohne jegliche literarische Qualität.

Über das Ende einer Beziehung und den Beginn eines Neuanfangs – USA kontra Europa

Das neue Buch von Zeit-Journalist Holger Stark

Ein Thema beherrscht mehr als alles andere den politischen Diskurs: der Konflikt zwischen den USA und Europa – immer mehr zugespitzt von dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der mit seinen unerhörten Forderungen, Grönland und Kanada, aber auch andere Länder der Erde für sich und seine politischen wie wirtschaftlichen Interessen einzuverleiben, den Rest der westlichen Welt mehr als nur vor den Kopf stößt. Er sagt ihnen den Kampf an. Ehemalige Verbündete werden, ausgelöst durch die Politik Trumps, die nur das Recht des Stärkeren und unbegrenzten materiellen Vorteil zu kennen scheint, und in der Gewaltenteilung, Menschenrechte, Pressefreiheit und die Unabhängigkeit der Justiz sich durch Willkür aufzulösen scheinen, zu neuen Kontrahenten, die nichts mehr verbindet. Stark bringt das im Vorwort zu seinem Buch auf den Punkt: „Trump kennt keine Freunde, nur Gegner und Unterworfene. Für ihn gelten keine Gesetze, internationale Abkommen sind bestenfalls lästig, Bündnisse haben nur dann einen Wert, wenn sie ihm nutzen. Die Idee des demokratischen Westens als ordnendes Weltprinzip mit all seinen Problemen, Unzulänglichkeiten und seiner schwierigen Vergangenheit wirkt wie eine zerkratzte Folie aus alten, anderen Zeiten.“

Wie es dazu kommen konnte, schildert der stellvertretende Chefredakteur der Zeit, Holger Stark, langjähriger Korrespondent in den USA und ausgewiesener Kenner der dortigen Verhältnisse, anschaulich und auf den Punkt genau in seinem neuen Buch „Das erwachsene Land – Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance“.

Aufgewachsen in den 1970-er Jahren in West-Berlin, gewissermaßen an vorderster Front des Ost-West-Konfliktes, der zunächst bis 1989, dem Jahr des Zusammenbruchs der DDR und nachfolgend der Sowjetunion, die Welt prägte, erlebte er in der damals noch geteilten Stadt die politischen Konflikte hautnah. Unmittelbarer konnte es kaum sein. Wie er berichtet, wurde er damit schon in jungen Jahren im familiären Kreis konfrontiert. So war sein Vater Anfang der 1960er-Jahre im Widerstand gegen die Mauer aktiv, die Berlin in zwei Teile schnitt, er hatte Molotowcocktails auf den sogenannten »antifaschistischen Schutzwall« geworfen und später mitgeholfen, an der Bernauer Straße einen Fluchttunnel von West-Berlin nach Ost-Berlin zu graben.

Vor diesem Hintergrund ist die jugendliche Faszination des Autors für die USA, die gerade in West-Berlin für Werte wie Freiheit und Demokratie stand, während die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten, zu der auch die DDR gehörte, konkrete Beispiele vor Ort für Diktatur und Unfreiheit waren, mehr als nachvollziehbar.

Das verklärte Bild von den USA bekommt bei Holger Starck aber auch Risse. Denn er weiß, dass es in der Geschichte dieses Staates immer wieder Widersprüche zwischen dem selbst behaupteten Anspruch, ein „land of the free“ zu sein, und dem tatsächlichen politischen Handeln gibt: „Sie brachten nicht nur Mauern zum Einstürzen, sondern auch Demokratien in Lateinamerika, sie versprühten Charme am Broadway und Agent Orange in Vietnam. Sie waren anziehend und abstoßend, hocherregend und eiskalt, faszinierend und irritierend zugleich. Ein Land, das kaum jemanden gleichgültig lässt. Und ein Land, das für den Rest der Welt Referenzpunkt ist, ob es will oder nicht. Insbesondere für uns Deutsche, die von den Amerikanern (und Russen, Franzosen und Briten) vom Nationalsozialismus befreit worden waren, wofür sie zeitlose Dankbarkeit verdient haben.“

Im Rahmen seiner späteren Tätigkeit als USA-Korrespondent wird er davon noch mehr mitbekommen. Stark schreibt: „Wer sich mit den USA journalistisch beschäftigt, riskiert allerdings immer auch einen Blick in die Finsternis. 2010 koordinierte ich für den Spiegel die Arbeit an den geheimen Kriegstagebüchern der US-Armee aus Afghanistan und dem Irak, wir werteten zusammen mit Wikileaks rund 250.000 vertrauliche Depeschen des US-Außenministeriums aus, die ein Kaleidoskop der amerikanischen Außenpolitik waren und einen intimen Blick in den Maschinenraum der Macht ermöglichten, auch in seine düsteren Winkel. 2013 arbeitete ich mit Edward Snowdens NSA-Dokumenten, die er, geschockt vom Ausmaß der Überwachung, an uns Journalisten weitergereicht hatte. Unsere Enthüllung, dass der Geheimdienst NSA auch die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört hatte, machte Weltschlagzeilen und löste eines der größten Beben im deutsch-amerikanischen Verhältnis seit der Wiedervereinigung aus.“

Aktuell ist die Situation nicht besser. Ein Präsident wie Donald Trump ist noch weiter entfernt von den Werten wie Freiheit und Demokratie, für die die USA einst hohes Ansehen genoss.

Wie es so weit kommen konnte, erläutert Stark im ersten Teil seines Buches und bringt das schon in seinen Vorbemerkungen auf den Punkt: „Donald Trump ist das Ergebnis mehrerer großer gesellschaftlicher Krisen, die sich in den USA zu einem perfekten Sturm verdichtet haben: Die Krise der weißen Arbeiter- und Mittelklasse, die zu den Verlierern der Globalisierung zählt und die am schwersten von der Finanzkrise 2008 betroffen war, verbindet sich mit einer tiefen gesellschaftlichen Erschöpfung nach zwei auszehrenden Kriegen in Afghanistan und dem Irak. Das Ergebnis ist eine trotzige Weigerung vieler US-Amerikaner, sich mit dem Rest der Welt abzugeben. Und der Sound der sozialen Medien wirkt dabei wie ein riesiger Gefühlsverstärker.“

Zur vertieften Ursachenforschung bedarf es eines Blickes in die Geschichte, zurück in die 1970-er Jahre. Infolge des verlorenen Vietnam-Krieges und der damit verbundenen Kosten sind die USA nicht nur in eine gesellschaftliche, sondern auch in eine ökonomische Krise geraten. Damit nicht genug, lassen 1973 die arabischen Ölstaaten wie Saudi-Arabien, Iran, Irak und Kuweit, aber auch Venezuela, die Muskeln spielen und drehen an der Preisschraube, die schnell auf über 70 Prozent steigt. Daran vermögen auch die auf Richard Nixon folgenden Präsidenten Gerald Ford und Jimmy Carter nichts zu ändern.

Nach außen erfolgreich wirkt die Präsidentschaft von Ronald Reagan. Mit erheblichen Steuererleichterungen beschert er der Wirtschaft neues Wachstum. Gleichzeitig betreibt er eine exorbitante militärische Aufrüstung; und das hat Folgen. Die Staatsschulden steigen, begleitet von einer Hochzinspolitik, in unermessliche Höhen. Diese Politik will sein Nachfolger George Bush fortführen, doch angesichts des Haushaltsdefizites sieht er sich genötigt, die Steuern zu erhöhen, trotz seines vollmundigen Wahlversprechens („Read my lips: No more taxes“) es nicht zu tun. Nach einer Amtsperiode ist Schluss.

Auftritt Bill Clinton: Dem Politiker der Demokraten gelingt es während seiner zwei Amtszeiten von 1992 bis 2000, das Haushaltsdefizit und auch weitere wirtschaftliche Probleme wieder in den Griff zu kriegen und auch weitere. Diesen Erfolg belegt Autor Holger Stark anschaulich mit einem umjubelten Auftritt Clintons im Jahre 1999 vor dem US-amerikanischen Abgeordnetenhaus und mit einem Ausschnitt aus dessen Rede, der es auf den Punkt bringt, was erreicht worden ist: »Heute Abend stehe ich vor Ihnen, um darüber zu berichten, dass Amerika den längsten ökonomischen Aufschwung in Friedenszeiten in seiner Geschichte erschaffen hat«, ruft Clinton, unterbrochen von donnerndem Applaus, »mit 18 Millionen neuen Arbeitsplätzen, mit Löhnen, die doppelt so stark wie die Inflation steigen, mit der höchsten Zahl an Eigenheimbesitzern, der geringsten Zahl an Sozialhilfebeziehern seit 30 Jahren und der niedrigsten Arbeitslosenquote in Friedenszeiten seit 1957.« Die Vereinigten Staaten seien die »dynamischste, wettbewerbsfähigste, Arbeitsplätze schaffende Wirtschaft« in der Geschichte der Welt … Sogar den Staatshaushalt hat er sanieren können. Aus einem Haushaltsloch von 290 Milliarden Dollar im Jahr 1992 ist sieben Jahre später ein Überschuss von 70 Milliarden Dollar geworden.

Wie Stark weiter schreibt, „ist Amerika in diesen letzten Monaten des ausgehenden Jahrtausends in blendender Verfassung. Der Warschauer Pakt und die Sowjetunion sind zerfallen, der Westen und allen voran die USA haben den Wettbewerb der politischen Systeme im Kalten Krieg gewonnen.“ Dazu kommen außenpolitische Erfolge wie die Befriedung des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien.

Doch diese Erfolge trügen, wie Stark anfügt: „Das 21. Jahrhundert verspricht, zu einem goldenen, einem amerikanischen Zeitalter zu werden. Stattdessen beginnt Amerikas größte Krise seit den Bürgerrechtsunruhen der 1960er-Jahre.“

Was ist geschehen? Am 20. Januar 2001, zwei Jahre nach der umjubelten Rede von Clinton, wird dessen Nachfolger George W. Bush von den Republikanern in das Amt des Präsidenten der USA eingeführt. Und im ersten Jahr seiner Präsidentschaft passiert etwas, das die ganze Welt erschüttern wird: Der 11. September. Zwei von arabischen Terroristen entführte Passagierflugzeuge fliegen in die beiden Türme des World Trade Centers in New York, ein drittes wird in Richtung des Pentagon, des Verteidigungsministeriums der USA, gelenkt, ein weiteres stürzt während eines Kampfgetümmels zwischen Passagieren und den Terroristen ab. Befohlen hat diese Anschlagsserie Osama bin Laden, Chef der Terrororganisation al Qaida, die von Afghanistan aus operiert. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte werden die USA auf eigenem Territorium angegriffen.

Die dramatischen Folgen bringt Holger Stark auf den Punkt: „Es ist ein Angriff nicht nur auf Amerika, sondern auf den ganzen Westen, seine glitzernde, freizügige Kultur, seinen Hedonismus, aber auch den geopolitischen Vormachtanspruch. Aus dem Wohlstandsland wird eine Nation im Krieg. Zum ersten und bislang einzigen Mal in ihrer Geschichte ruft die NATO, das westliche Verteidigungsbündnis den Verteidigungsfall aus, festgehalten in Artikel 5 des NATO-Vertrages. Der Angriff auf die USA gilt damit als Angriff auf alle Mitgliedstaaten. Das ist die Idee des Bündnisses: einer für alle, alle für einen. In den kommenden 20 Jahren werden dänische, britische, italienische, kanadische, französische und deutsche Soldaten in Afghanistan kämpfen und sterben. 40 Nationen ziehen mit den USA in den Krieg, 59 deutsche Soldaten lassen ihr Leben.“

Doch das ist den Falken um Vizepräsident Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, seinen Vize Paul Wolfowitz und den Strategen Karl Rove nicht genug. Begründet mit der sich als Lüge herausstellenden Behauptung, dass der Irak über geheime Chemiewaffen verfüge und somit eine Gefahr für den Westen darstelle, „marschieren amerikanische Truppen am 20. März 2003 im Irak ein, stürzen den Diktator Saddam Hussein und in der Folge das Land ins Chaos.“ In Wirklichkeit, schreibt Stark, geht es der Bush-Regierung darum, die heimischen Rüstungs- und Erdölkonzerne profitieren zu lassen.

Ein Riss tut sich auf zwischen den USA und dem Rest des Westens, vor allem den Ländern Europas. Bis auf Großbritannien ziehen diese nicht mit in den Krieg gegen den Irak. „Mit dem Irak-Krieg beginnt die erste Phase der Entfremdung zwischen Amerika und dem Rest des Westens, insbesondere Europas. Während man den Afghanistan-Krieg als gerechten Feldzug betrachten konnte, als eine Reaktion auf Terroristen mit einer tödlichen Ideologie, die in einem Failing state Unterschlupf gefunden hatten, ist der Feldzug im Irak das hässliche Antlitz des US-Imperialismus. Und es zeigt sich eine wichtige inhaltliche Differenz, die in den Trump-Jahren noch wachsen wird: Europa versteht sich als Hüterin einer regelbasierten Weltordnung. Einen Krieg beginnen, einfach so, weil es einer Regierung und ihrer Rüstungsindustrie passt, das ist in diesem Verständnis nicht vorgesehen. Die USA wiederum machen das, was für Amerika gut ist. Wenn die Regeln des Völkerrechts nicht passen, dann werden sie eben gebeugt. Oder gleich ganz ignoriert“, schreibt der Autor und bringt das Dilemma, das sich zwischen den eigentlich Verbündeten auftut, haargenau zum Ausdruck.

Und Stark weist auch auf weitere Folgen der Kriege in Afghanistan und den Irak hin, die nicht so im Fokus stehen – die der entstandenen Kosten, deren Dimensionen ihre Wirkung bei der Bevölkerung hinterlassen: „Die Vereinigten Staaten, so viel steht fest, zahlen nicht nur im weltweiten Ansehen, sondern auch daheim einen brutalen Preis für ihre imperialen Abenteuer. Im Sommer 2011, auf dem Höhepunkt der Kriege in Afghanistan und dem Irak, befinden sich 200.000 amerikanische Soldaten im Kampfeinsatz. Alles in allem sind rund um die Welt etwa 500.000 GIs verstreut, mehr als das Doppelte von dem, was Bill Clinton als Präsident autorisiert hatte. Im Afghanistan-Krieg starben 2461 amerikanische Soldaten, weitere 20.000 wurden verletzt. Der Krieg am Hindukusch kostete nach einer Bilanz des US-Verteidigungsministeriums mindestens 825 Milliarden Dollar, andere Schätzungen gehen von zwei Billionen aus. In den acht Jahren des Irak-Feldzuges starben 4493 amerikanische Soldaten, 31.993 Militärangehörige wurden verletzt. Der Krieg kostete nach einer Bilanz des US-Verteidigungsministeriums mindestens 757,8 Milliarden Dollar.“

Das Handeln der Bush-Regierung hat schwerwiegende wirtschaftliche und politische Schäden hinterlassen, deren Auswirkungen bis heute zu spüren sind, wie Stark erläutert: „Tausende tote Amerikaner, Zehntausende Verletzte und Kosten im Bereich von Billionen – das sind Dimensionen, die selbst die reichste Nation der Welt nicht einfach bewältigen kann. Als Clinton seinem Nachfolger Bush das Amt übergibt, verzeichnet der US-Haushalt einen Überschuss von 236 Milliarden Dollar. Mit Beginn des Afghanistan-Kriegs, für den die Bush-Regierung hohe Kredite aufnehmen muss, stürzt der Haushalt ins Minus. Über die Jahre kollabieren die US-Staatsfinanzen, mit neuen Schulden in astronomischer Höhe von 1294 Milliarden im Jahr 2010. In einem einzigen Jahr betragen die zusätzlichen (!) Schulden der USA damit rund das Dreifache des derzeitigen Haushalts Deutschlands. Bis heute haben sich die amerikanischen Finanzen davon nicht erholt. Diese Lage muss man kennen, wenn man über Trumps Wirtschaftspolitik redet. Die Zölle, die Trump im Frühsommer 2025 verhängen wird, haben auch das Ziel, die außer Kontrolle geratene Staatsverschuldung zu bändigen, um Amerika wieder handlungsfähig zu machen. Alles in allem betragen die Schulden der Vereinigten Staaten im März 2025 die unvorstellbare Summe von 36,5 Billionen US-Dollar. Selbst für eine hyperpotente Ökonomie wie die amerikanische ist das dramatisch. Die Verschuldung entspricht mehr als 123 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA. Der private Reichtum in den USA mag gigantisch sein – aber die Schulden des Staates sind es auch. Nach Standard & Poor’s und Fitch Ratings hat im Mai 2025 auch Moody’s die amerikanische Kreditwürdigkeit herabgestuft, erstmals seit 100 Jahren, fast ein Jahrhundert nach dem Schwarzen Freitag 1929. Neue Kredite werden somit teurer.“

Wie Stark deutlich macht, stehen die USA vor fast unüberwindlichen Problemen; und es droht die Gefahr, ihre Stellung als globale Vormacht zu verlieren. Er zitiert die Historiker Peter Heather und John Rapley, die die Entwicklung in den USA mit dem Niedergang des weströmischen Reichs im späten 4. und frühen 5. Jahrhundert verglichen haben, als Rom die finanziellen Mittel ausgingen, die Germanen an den Rändern einfielen und das persische Reich ungehindert emporsteigen konnte, um Rom schließlich herauszufordern: „Die westliche Hälfte des Römischen Reichs kollabierte, als die Zentrale nicht mehr über genügend Mittel verfügte, um ihren fiskalischen Gesellschaftsvertrag zu erfüllen und die Interessen ihrer steuernzahlenden und einnehmenden Eliten zu schützen“, argumentieren die beiden Briten. Beide Systeme, das Römische Reich wie die Vereinigten Staaten von Amerika, „wurden zum Zeitpunkt ihres vermeintlichen Wohlstandsmaximums von Krisen heimgesucht“, so Heather und Rapley. „Auf lange Sicht kam es in beiden zu periodischen Verschiebungen der Epizentren wirtschaftlicher und politischer Dominanz.“ Eine Verschiebung, wie sie die USA derzeit erleben. Das Persien von einst heißt heute China.“

Das Ergebnis der Präsidentschaft von George W. Bush: „Als Bush abtritt, hinterlässt er ein seelisch verwundetes, ökonomisch angeschlagenes, politisch überreiztes Land. Mehr als 75 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner sind jetzt der Meinung, ihr Land bewege sich in die falsche Richtung“, schreibt Stark und begründet damit das in der Bevölkerung vorherrschende Denken, das mit einer anderen politische Ausrichtung verbunden ist, der „Sehnsucht nach einer Rückbesinnung auf Amerika, die die Gesellschaft erfasst hat.“

Diese Sehnsucht spiegelt sich in unterschiedlichen politischen Lagern wieder, und aus unterschiedlichen Gründen, wie der Autor schreibt: „Die einen, auf der Linken, aus der Sorge vor dem Verlust ureigener amerikanischer Werte in Guantanamo, Abu Ghraib und anderswo, wo Gefangene gefoltert wurden, um ihnen Geständnisse abzutrotzen. Die anderen, auf der Rechten, weil sie nicht einsehen, dass GIs in den afghanischen Bergen und irakischen Tälern sinnlos sterben, während die Farmer in Iowa und Kohlearbeiter in Kentucky ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. Schon die demokratischen Präsidenten Barack Obama und Joe Biden haben diese Forderung in ihren Amtszeiten wieder und wieder vorgetragen. Donald Trump hat sie mit seiner Drohung, aus der NATO auszutreten und den amerikanischen Schutzschirm künftig nur noch als eine Art Dienstleistung zu vermieten, lediglich auf die Spitze getrieben. Wer heute in den USA als Politiker gewählt werden will, muss den Wählerinnen und Wählern glaubhaft versichern, sich zuerst um die Sorgen der Amerikaner zu kümmern und keine teuren Abenteuer in Übersee zu finanzieren.“

Auftritt Donald Trump: Stark datiert dessen erstes Erscheinen als Politiker auf den Januar 2015, als der bei einer Veranstaltung der Republikaner in einem Theater in Des Moines, Iowa, auftritt; und Stark ist als Journalist dabei: „An einem frostigen Samstag im Januar 2015 tritt in einem Theater in Des Moines, Iowa, ein Mann auf die Bühne, den die Öffentlichkeit bislang nur als Immobilieninvestor und Entertainer kennt … Als Donald John Trump schließlich begleitet von Rockmusik auf die Bühne tritt, zieht er einen Zettel aus dem Jackett. Er hat sich sorgfältig vorbereitet auf diesen Auftritt inmitten diverser republikanischer Politiker, trotzdem umweht ihn ein überraschender Hauch von Unsicherheit. Als taste er sich noch vor. Als wisse er nicht, wie er auf andere wirke. Trump ist formeller angezogen als die meisten anderen Republikaner auf der Bühne. Scott Walker beispielsweise, der Gouverneur von Wisconsin, trägt ein hellblaues Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Trump hingegen kommt in einem schwarzen Anzug, einem weißen Hemd und mit einer zu langen roten Krawatte, die später zu seinem Markenzeichen werden wird. Knapp eine halbe Stunde lang redet Donald Trump, er zieht über den amtierenden US-Präsidenten Barack Obama her, aber auch über seine republikanischen Parteifreunde Mitt Romney und Jeb Bush, Männer von gestern allesamt, spottet Trump, die ihre Chance gehabt hätten. Er sagt, die USA verlören Arbeitsplätze, die Arbeitslosenquote sei hoch, das Land verschuldet, Amerikas Straßen seien kaputt, die Brücken marode. Noch könne man das Land sanieren, erzählt er uns, aber es müsse jetzt schnell geschehen. Er wisse, was zu tun sei, er habe viel Geld verdient, indem er gegen andere Länder gewettet habe, er komme hervorragend mit großen Staatschefs aus. Die Vereinigten Staaten könnten bald wieder an der Spitze der Welt stehen, aber dafür müsse sich fundamental etwas ändern. Zum Beispiel die Handelsabkommen der USA mit anderen Ländern. »Jedes der Handelsabkommen, das wir abgeschlossen haben, stinkt zum Himmel«, behauptet er schon damals … Er sagt: »Ich bin ein Erbauer. Dinge zu erschaffen ist das, was ich am besten kann. Und wir brauchen einen Erbauer.« Nur er könne Amerika zu alter Größe zurückführen. Make America great again. Im Saal, nach Trumps Rede, stehen die Menschen auf und jubeln. Er bekommt mehr Applaus als alle anderen Redner vor und nach ihm. Es ist die Geburtsstunde des Politikers Donald J. Trump. Etwas von epochaler Wucht hat an diesem Samstag im Januar 2015 begonnen: der Versuch, die Weltgeschichte umzuschreiben.“

Was dann folgt ist allgemein bekannt: Die Wahl Trumps zum Präsidenten, seine Lügen und Ausraster, die Denunzierung politischer Gegner und missliebiger Medien und der Sturm zahlreicher seiner Anhänger auf das Capitol, nachdem er sich weigerte, die verlorene Wahl im Jahre 2020 anzuerkennen. Allgemein bekannt ist auch, womit seine zweite Amtszeit einhergeht: neben den schon angeführten Sachverhalten weitere Versuche, die Unabhängigkeit der Justiz zu unterhöhlen, den Kampf gegen kritische Meinungen noch massiver anzugehen und auch Manches, was bisher nicht vorstellbar schien: der selbst erhobene Anspruch auf die Annektierung souveräner Staaten und das Kidnappen des Präsidenten eines ebenfalls souveränen Staates wie mit dem Venezolaner Maduro geschehen.

Holger Stark belässt es in seinem Buch aber nicht allein mit der wirklich gelungenen Skizzierung der politischen Entwicklungen, die zur Präsidentschaft Trumps führten, sondern hat auch die veränderten politischen Rahmenbedingungen für den künftigen Umgang Deutschlands und Europas mit den USA im Blick. Der vielfach preisgekrönte Journalist und Bestsellerautor sagt, worauf sich Deutschland jetzt einstellen muss: Auf der Grundlage diverser Gespräche mit hochrangigen Regierungsvertretern in Berlin, Brüssel und Washington rekonstruiert er die Versäumnisse der vergangenen 25 Jahre – und entwirft ein präzises Bild, wie ein Leben jenseits von Amerika aussehen könnte. 35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es für Deutschland an der Zeit, erwachsen zu werden.

Holger Stark, „Das erwachsene Land – Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance“, Propyläen Verlag, Hardcover mit Schutzumschlag, 336 Seiten , ISBN 9783549110188, DE 26 Euro, AT 26,80 Euro

Ein Tagesausflug nach Colmar

Fachwerk, Altstadt und französisches Lebensgefühl – von Thomas Gatzemeier

Hier verlangsamt sich der Schritt fast von selbst. Die Petite Venise ist kein Ort, den man durchquert, sondern einer, an dem man hängen bleibt. Das Wasser liegt ruhig zwischen den Häusern, als hätte es sich an sie gewöhnt. Fachwerk, Putz, Dächer – alles spiegelt sich leicht verzerrt, nichts drängt nach vorne.

Der Flaneur nimmt wahr, wie nah hier gebaut wurde. Die Häuser stehen nicht dekorativ am Ufer, sie stehen am Wasser, weil es früher so sein musste. Die Lauch – der Fluss – war Arbeitsraum, Transportweg, Grenze und Verbindung zugleich. Dass heute Restaurant-Tische dort stehen, wo einst Boote anlegten, ist keine Verklärung, sondern eine Verschiebung der Nutzung.

Die Schwäne treiben durch das Bild wie ein ruhiger Kommentar. Sie gehören längst dazu, so wie das leise Stimmengewirr von den Tischen. Wer einen Tagesausflug nach Colmar macht, merkt hier, dass das französische Lebensgefühl weniger mit Sehenswürdigkeiten zu tun hat als mit dem selbstverständlichen Nebeneinander von Alltag und Geschichte. Man sitzt, man schaut, man bleibt einen Moment länger als geplant. Nur. Es sitzen eher Touristen als Franzosen hier. Zumindest am Tage.

Colmar hat diese Fassaden, die man nicht „besichtigt“, sondern irgendwann bemerkt. Man läuft unter ihnen hindurch wie unter einem Dach aus Geschichte. Fachwerk, helle Felder, Fensterläden, die offenstehen, als würde gleich jemand hinausschauen. Und dann: die irritierenden Figuren. Sie hängen da nicht wie etwas, das immer schon da gewesen wäre. Eher wie eine Setzung der Gegenwart. Skelettartig, mit Flügeln, deutlich als Requisit zu erkennen. Ein Eingriff, der das historische Haus nicht erklärt, sondern kurz aus dem Gleichgewicht bringt. Der Flaneur mag solche Stellen. Nicht, weil sie „schön“ sind, sondern weil sie zeigen, dass eine Altstadt nicht nur Vergangenheit ist. Colmar ist eine Bühne und mittlerweile voll auf Tourismus ausgerichtet. Und manchmal reicht ein einziges Stück Dekoration, um diese Bühne sichtbar zu machen.

Das gehört eigentlich nicht zu dem französischen Lebensgefühl, das man bei einem Tagesausflug nach Colmar sucht. Denn die Tradition tritt hier als Kulisse in Erscheinung und wird nicht als Alltag empfunden. Alte Häuser tragen neue Zeichen und werden zum Spektakel. Manchmal dezent, manchmal mit Absicht zu laut. Und während man noch überlegt, ob das Spiel ernst gemeint ist, hat man schon wieder ein paar Schritte gemacht. Colmar lässt einen nicht festhalten. Es lässt einen weitergehen. Oder man wird von den Massen weiter geschoben. Und dies alles wegen ein oder zwei Filmen die in Asien berühmt waren.

Wer bei seinem Tagesausflug durch Colmar läuft, stößt früher oder später auf diese kleinen, unscheinbaren Institutionen: diese Tabac-Presse Läden. Läden, die in Frankreich jahrzehntelang mehr war als Verkaufsstelle für Zigaretten. Man kaufte dort Zeitung und Briefmarken, gab eventuell ein Paket ab, füllte ein Lottoschein aus, wechselte ein paar Worte – und ging mit dem Gefühl hinaus, dass der Alltag hier noch eine Theke hat.

Das Schild in der Gasse ist fast schon ein kleines Zeitdokument. „Presse“ steht meist noch ganz oben, aber darunter sieht man, wie sich das Geschäft verschiebt: „Cigares“ und inzwischen „Vape“. Der Tabakkonsum geht zurück, die Regeln werden strenger, und die Läden reagieren pragmatisch. Wo früher vor allem Zigarettenstangen über den Tresen gingen, kommen heute Lotterie (FDJ), E-Zigaretten, Zubehör, manchmal auch Paketservices und kleine Convenience-Artikel dazu. Nicht als Lifestyle, eher als Überlebensform.

Für viele Deutsche aus dem Grenzgebiet war Frankreich lange ein Ziel mit sehr konkretem Grund: Zigaretten. Nicht nur wegen der Preise, sondern auch wegen des „anderen Geschmacks“ und dieses schwer greifbaren französischen Lebensgefühls, das man sich gleich mitkaufte. Namen wie Gauloises oder Gitanes hatten etwas von Film und Caféhaus, während internationale Marken wie Marlboro, Camel oder Lucky Strike eher das Vertraute bedienten und heute schon allein wegen Trump verachtet sind. Der Einkauf war für manche ein Ritual: rüberfahren, kurz durch eine Altstadt gehen, die Luft anders finden, und dann mit einem Päckchen Alltag nach Hause zurückkehren. Heute wirkt das wie eine Erinnerung aus einer Übergangszeit. Und genau deshalb passt so ein Schild so gut in einen Tagesausflug nach Colmar: Es zeigt nicht nur Fachwerk und hübsche Fensterläden, sondern auch, wie sich eine Stadt im Kleinen verändert. Nicht im Museum, sondern an einer ganz normalen Hauswand, in einer engen Gasse, zwischen Tradition und Anpassung.

Der Schwendi-Brunnen auf der Place de l’Ancienne Douane stammt ursprünglich aus dem Jahr 1898. Entworfen wurde er von Auguste Bartholdi, der mit der Figur des Lazare de Schwendi eine historische Persönlichkeit der Stadt ins Zentrum stellte. Immerhin hat Bartholdi die Freiheitstatue von New York entwurfen. Im Jahr 1940 verschwand der Brunnen jedoch aus dem Stadtbild. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Anlage zerstört; das Elsass war zu dieser Zeit von Deutschland besetzt. Über die konkreten Umstände des Abbruchs – ob kriegsbedingt, aus materialtechnischen Gründen oder durch administrative Entscheidungen – geben die Quellen keine eindeutige Auskunft.

Belegt ist lediglich, dass der Brunnen seine ursprüngliche Gestalt verlor und nach dem Krieg in veränderter Form wieder aufgebaut wurde. Heute steht er erneut auf dem Platz, nicht als unverändertes Denkmal, sondern als sichtbares Zeichen einer unterbrochenen Geschichte. Man darf jedoch annehmen, dass die Nazis den Bildhauer hassten, weil er die Freiheitsstatue entworfen hatte. An solchen Ecken bleibt man stehen, ohne es zu planen.

Das Eckhaus schiebt sich in den Blick, als wolle es sagen: Hier beginnt etwas anderes. Die Straße öffnet sich kurz, dann zieht sie sich wieder zusammen. Fachwerk, Farbe, Fensterläden – alles bekannt, und doch jedes Mal neu zusammengesetzt. Der Flaneur nimmt wahr, dass diese Häuser nicht nur Kulisse sind. Unten wird gegessen, getrunken, gesprochen. Oben gewohnt. Die klare Ordnung der Fassaden erzählt von einer Zeit, in der Bauweise auch Haltung war. Gleichzeitig ist alles gegenwärtig: Markisen, Tafeln, Stimmen. Die Altstadt von Colmar lebt davon, dass sie sich benutzen lässt. Ein Tagesausflug nach Colmar führt zwangsläufig an solchen Punkten vorbei. Nicht als Ziel, sondern als Übergang. Man steht kurz, schaut nach links, nach rechts – und geht weiter, ohne genau zu wissen, warum dieser Ort im Gedächtnis bleibt. Gerade deshalb bleibt er. Hier geht man nicht einfach vorbei.

Der Weg am Wasser zwingt zur Langsamkeit. Der Langsamkeit eines Flaneurs. Links die Häuser, dicht an dicht, jedes anders gefasst, und doch Teil derselben Reihe. Rechts der Kanal, ruhig, fast gleichgültig gegenüber dem Treiben.

Der Flaneur beobachtet, wie sich dieser Ort benutzt anfühlt. Menschen bleiben stehen, lehnen am Geländer, schauen ins Wasser oder auf die Fassaden gegenüber. Das Viertel war einmal Arbeitsraum; heute ist es ein Ort des Gehens und Verweilens. Beides schließt sich nicht aus.

Ein Tagesausflug nach Colmar findet an solchen Stellen sein Maß. Man sieht nicht nur Fachwerk und Altstadt, man spürt, wie nah hier Geschichte und Gegenwart beieinanderliegen. Der Weg führt weiter, aber er lässt einen nicht eilig werden. Hier schaut der Flaneur nach oben. Nicht, weil etwas spektakulär wäre, sondern weil sich das Leben an der Fassade zeigt. Balkone, Fensterläden, Blumenkästen – nichts davon ist Bühne, alles ist Gebrauch. Die Häuser wirken bewohnt, nicht ausgestellt. Die Balkone erzählen von einer anderen Art, Raum zu denken. Nicht als abgeschlossene Einheit, sondern als etwas, das sich nach außen fortsetzt. Man stellt etwas ab, man lehnt sich hinaus, man lässt Dinge hängen. Das Fachwerk hält das zusammen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

In der Petite Venise sind solche Ansichten oft nur ein paar Schritte vom Wasser entfernt. Ein Tagesausflug nach Colmar besteht dann nicht aus einem Ziel, sondern aus Blicken wie diesem. Man geht weiter, aber der Gedanke bleibt kurz hängen – an einem Balkon, an einem Fenster, an der Selbstverständlichkeit, mit der hier gewohnt wird. Oder doch alles Unterkünfte von Airbnb? Man wird es nicht erfahren. Aber wo wohnen all die Asiaten, die hier herumwuseln?

Manchmal reicht es, sitzen zu bleiben. Der Flaneur hebt den Blick, nicht aus Neugier, sondern aus Ruhe. Über dem Tisch spannen sich Markisen, Schirme, Streben. Nichts davon ist geplant für den Blick nach oben, und doch ergibt es eine Ordnung. Eine zufällige Architektur entstanden aus dem Wunsch nach „Beschirmung“.

Hier sitzt man geschützt, leicht abgeschirmt vom Himmel, und hört das, was eine Altstadt eben mit sich bringt: Stimmen, Geschirr, Schritte. Auf dem Tisch ein Flammkuchen, daneben ein Glas elsässischer Riesling. Keine Inszenierung, sondern Alltag. Die Markisen erzählen davon, wie sehr diese Stadt darauf eingestellt ist, draußen zu sitzen – auch dann, wenn der Raum eigentlich fehlt.

Ein Tagesausflug nach Colmar besteht nicht nur aus Wegen und Plätzen. Er besteht auch aus diesen Pausen. Aus Blicken, die nichts festhalten wollen. Man isst, man trinkt, man schaut nach oben – und merkt erst später, dass genau das geblieben ist. Das sind die Momente, an die man im harschen deutschen Alltag sehnsüchtig denkt.

In der Adventszeit zeigt sich Colmar von einer besonders dichten Seite. Schaufenster werden zu Bühnen, dekoriert bis in den letzten Winkel, als müsse jedes Detail mit dem Strom der Besucher konkurrieren. Wer hier stehen bleibt, merkt schnell, dass es nicht mehr um Stille geht, sondern um Sichtbarkeit. Wie sich die Stadt in diesen Wochen verändert, was der Weihnachtszauber mit dem Stadtraum macht – und warum der Andrang selbst zum Thema wird –, darüber geht es in meinem Text „Colmar im Weihnachtswahn“. Ein Blick hinter die Kulissen einer Stadt, die im Winter besonders viele Blicke auf sich zieht.

Der figürliche Fassadenschmuck bündelt, was als elsässisch gelesen werden soll: Störche, Tracht, ländliche Tiere, ein angedeutetes Fachwerkhaus. Alles ist klar erkennbar, alles auf einmal und hübsch beieinander. Solche Darstellungen gehören zur Volkskunst des Elsass und sollen des Touristen Herz erfreuen. Sie sind keine überlieferten Hauszeichen, sondern bewusst gesetzte Bilder, entstanden im Spannungsfeld von regionaler Identität, die schon längst verschwunden ist und touristischer Erwartung der erfüllt werden muss. Der Storch steht dabei als zentrales Symbol für Heimat und Beständigkeit, die Trachtfiguren verweisen weniger auf gelebte Geschichte als auf deren Bildtradition.

Für den Flaneur ist dieses Element kein Schmuck im architektonischen Sinn. Es ist eine Erzählung an der Wand. Colmar zeigt sich hier nicht als gewachsene Stadt, sondern als Stadt, die die Erwartungen ihrer Besucher kennt – und diese sichtbar befriedigt. Da kommt dann schon mal der Chinese vorbei und denkt: huch haben die es heimelig.

Die Rue des Marchands ist eine jener Straßen, in denen Colmar sein Tempo zeigt – das Tempo der Touristen. Fachwerk, Fensterläden, Ausleger und Markisen bilden eine dichte Abfolge, die kaum Pausen lässt. Hier geht man nicht verloren, hier wird man weitergeschoben – von Geschäft zu Geschäft, von Blick zu Blick. Für den Flaneur ist diese Straße weniger Ort des Verweilens als des Beobachtens. Man liest an den Fassaden, wie sich die Altstadt organisiert: oben gewohnt, unten verkauft, dazwischen Geschichte und Gegenwart eng verzahnt. Ein Tagesausflug nach Colmar führt fast zwangsläufig hierher, weil sich an solchen Straßen das französische Lebensgefühl der Stadt besonders deutlich zeigt – geschäftig, dicht, und doch eingebettet in historische Formen. Und gerade diese Straße war für mich reizvoll, da die Fassaden Patina zeigten und nicht als Schauflächen für die Besucher herausgeputzt waren. An solchen Plätzen sammelt sich die Stadt. Fachwerk, Geschäfte, Wegweiser und Menschen kreuzen sich auf engem Raum. Nichts ist monumental, alles wirkt gewachsen. Der Flaneur bleibt kurz stehen, nicht weil etwas hervorsticht, sondern weil sich hier vieles überlagert.

Ein Tagesausflug nach Colmar führt unweigerlich durch solche Übergangsräume. Zwischen Museum, Altstadt und Einkaufsstraße zeigt sich das französische Lebensgefühl der Stadt in Bewegung: ein kurzer Blick, ein Richtungswechsel, ein weiterer Schritt durch die Geschichte, die hier selbstverständlich Teil des Alltags ist.

Auch wenn es einem recht heimelig beim Anblick der alten Fachwerkhäuser wird, darf man nicht vergessen, wie mühselig das Leben in der Zeit war, als diese Häuser „Neubauten“ waren. Aber der Flaneur an sich und ich im Besonderen bin ein positiv denkender Mensch und vertiefe mich ungern in Dinge, die meine Fröhlichkeit negativ beeinflussen könnten. Es kommt schon noch härter, wenn ich von den Grünewaldaltartafeln stehe. Wenn Sie möchten, so lesen Sie „Otto Dix trifft Grünewald in Colmar“.

Kulinarische Zwischenstationen beim Tagesbesuch in Colmar

Irgendwann setzt man sich. Nicht aus Hunger allein, sondern weil die Stadt es nahelegt. Bistro, Taverne, ein Tisch am Rand – das gehört zu einem Tagesausflug nach Colmar wie das Fachwerk zur Fassade. Die elsässische Küche ist dabei klar umrissen und unterscheidet sich deutlich von dem, was man sonst in Frankreich erwartet.

Der Flammkuchen, hier selbstverständlich Tarte flambée genannt, ist kein Gericht für den großen Auftritt. Dünner Teig, Sauerrahm, Zwiebeln, Speck – mehr braucht es nicht. Er kommt nicht als Hauptgang, sondern als Begleiter, oft in mehreren Varianten, geteilt am Tisch. Weniger Mahlzeit als Rhythmusgeber. Deutlicher wird die Eigenständigkeit bei der Choucroute garnie. Sauerkraut, Würste, gepökeltes Fleisch – kräftig, sättigend, ohne jede Leichtigkeit und sehr ans Deutsche erinnernd. Diese Küche schaut nicht nach Paris, sondern über den Rhein nach Osten oder auch nach Bayern. Auch der Baeckeoffe, ein langsam gegarter Ofeneintopf aus Fleisch, Kartoffeln und Zwiebeln, gehört zu dieser Tradition des Geduldigen und Bodenständigen. Fast unscheinbar, aber charakteristisch sind die Fleischschnacka: gefüllte Nudelscheiben, in der Pfanne gebraten. Ein Restegericht ursprünglich, heute fester Bestandteil der regionalen Küche. Nichts davon will modern sein, alles will bleiben. Und das macht diese Küche so sympatisch.

Dazu werden elsässische Weine getrunken – Riesling, Pinot Blanc, Gewürztraminer. Trocken, aromatisch, ohne Umwege. Sie begleiten das Essen, sie kommentieren es nicht. Auch hier zeigt sich der Unterschied zu anderen Regionen Frankreichs: weniger Inszenierung, mehr Selbstverständlichkeit.

Wer in Colmar isst, merkt schnell, dass Essen hier kein Ereignis ist, sondern Teil des Gehens. Man setzt sich, man isst, man steht wieder auf – und nimmt etwas mit, das nicht nur satt macht. Wer Colmar besucht, sitzt früher oder später draußen. Nicht, weil das Wetter perfekt wäre, sondern weil es dazugehört. Das Draußensitzen ist in Frankreich keine saisonale Ausnahme, sondern Teil der Stadtkultur. Tische stehen nicht am Rand, sie stehen im Raum. Man schaut, man wird gesehen, man bleibt.

Gerade in der Altstadt von Colmar wird diese Haltung sichtbar. Zwischen Fachwerkhäusern, Winstuben und kleinen Restaurants wird der Platz zum Wohnzimmer. Essen und Trinken sind dabei fast nebensächlich. Wichtiger ist das Verweilen, das langsame Gespräch, das Gefühl, Teil des Stadtbildes zu sein. Dass wir diese Form der Außengastronomie inzwischen auch in Deutschland übernommen haben, ist ein Glück. In Colmar aber merkt man, woher sie kommt: aus einer Selbstverständlichkeit heraus, die Öffentlichkeit nicht zu meiden, sondern zu nutzen. Draußensitzen ist hier keine Mode – es ist eine Haltung.

Fassadenschmuck in Colmar – Ein Alleinstellungsmerkmal?

Beim Gang durch die Altstadt fällt auf, dass viele Fassaden mehr zeigen als bloß Architektur. Neben dem historischen Fachwerk treten Objekte, Figuren und ganze Arrangements, die bewusst in das Stadtbild eingreifen. Gießkannen, Werkzeuge oder Tiere ersetzen den klassischen Blumenschmuck und machen die Häuser selbst zu Schauflächen. Dieser Fassadenschmuck ist keine überlieferte Bauform, sondern eine zeitgenössische Praxis. Es handelt sich häufig um saisonale oder geschäftsbezogene Dekorationen, die das „Märchenbild“ der Altstadt gezielt verstärken. Besonders zur Weihnachtszeit wird diese Inszenierung sichtbar, wenn Colmar den öffentlichen Raum bewusst bespielt und als eigenes Programm vermarktet.

So entsteht ein Spannungsfeld zwischen historischer Substanz und heutiger Erzählfreude. Die Häuser bleiben, was sie sind – Zeugnisse einer alten Stadt –, doch ihre Fassaden werden ergänzt, kommentiert, manchmal auch überzeichnet. Colmar zeigt sich hier nicht nur als bewahrte Altstadt, sondern als gestalteter Stadtraum, in dem Tradition und Inszenierung nebeneinander existieren aber auch vor dem globalen Tourismus eine große Verbeugung machen. Nicht jeder Einheimische klatscht da in die Hände. Ja manche ballen sie in der Tasche zur Faust. Aber man lebt hier sehr gut von mir und all den anderen welche die Stadt überfluten.

Zum Autor:

Am dunkelsten Tag des Jahres 1954 im sächsischen Döbeln geboren, wurde Thomas Gatzemeier ungefragt von einem katholischen Pfarrer getauft. Als Kind buk er heimlich einen Kuchen, der als Brot gut ankam. Dieses scheinbare Missgeschick inspirierte ihn dazu, eine Ausbildung als Schrift- und Plakatmaler zu absolvieren, um Pinsel und Stift zu beherrschen. Er arbeitete anschließend auch als Steinmetzgehilfe und Grabsteindesigner. Nach dieser Grundausbildung studierte er Malerei und Grafik an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo Arno Rink und Volker Stelzmann zu seinen Lehrern zählten. 1980 beendete er sein Studium und ist seitdem als freier Künstler, Autor, Kunsthändler, Blogger und Freizeitkoch tätig. Konflikte mit den Machthabern der SBZ (Sozialistische Besatzungszone, später DDR) und ein mehrjähriges Ausstellungsverbot bewegten ihn 1986 dazu, die SBZ zu verlassen.

Danach lebte er vorwiegend in Karlsruhe, verbrachte aber auch längere Zeit in Zürich und nahe Worpswede. Von 2006 bis 2015 hatte er ein weiteres Atelier in Leipzig. Nach 34 Jahren Hauptwohnsitz in Karlsruhe verlegte der Wanderer zwischen den Welten im Februar 2020 seinen Wohnsitz endgültig nach Leipzig.

Nähere Informationen: Thomas Gatzemeier, Gottschallstraße 24, 04157 Leipzig, Telefon: 0172 610 25 35, E-Mail: info@thomas-gatzemeier.de

Museumsquartier Osnabrück stellt Programm für den Februar vor

Guten Tag, wie fühlst du dich grade? Diese Frage steht am Beginn einer Workshopreihe Ende Februar, die Raum für gemeinsames Nachdenken, Spüren und Zuhören eröffnet. In drei kostenfreien Formaten laden der Künstler Ariel Reichman und eingeladene Gäste dazu ein, sich mit Sicherheit, emotionalem Erbe und den Auswirkungen gesellschaftlicher und politischer Gegenwart auseinanderzusetzen.
Mit körperlichen Übungen, klanglichen Experimenten und einem vertiefenden Vortrag entstehen kollektive Momente der Wahrnehmung und des gemeinsamen Austauschs.

Termin 13. Februar

16 Uhr Treffpunkt Museumskasse, Sonderführung »Von Henkern, Folter und Hexenwahn«.
Bei dieser Führung im Bucksturm, dem ehemaligen Gefängnis der Stadt, erfahren die Teilnehmer vom Leben und Handwerk eines Henkers, von Folter, Haft und den berühmtesten Gefangenen. Begleitet werden sie auf dieser Tour auch zu den Orten der Osnabrücker Hexenprozesse, und sie hören von den Schicksalen der Opfer und der Täter. Preis 4 Euro pro Person, zuzüglich Eintritt.

Termin 14. Februar

15.30 Uhr im Felix-Nussbaum-Haus Kuratorinnenführung mit Dr. Mechthild Achelwilm durch die Ausstellung »Ariel Reichmann. Keiner soll frieren!«
In dieser Führung gibt die Kuratorin Einblick in die Arbeiten von Ariel Reichman, der persönliche Erinnerungen mit Fragen nach Empathie, Verletzlichkeit und gesellschaftlicher Verantwortung verbindet. Ausgehend vom Werk Felix Nussbaums reflektiert Reichman die Gegenwart im Spiegel der NS-Vergangenheit und fragt, was von Geschichte in Dingen, Bildern und Denkweisen fortwirkt.
Preis 4 Euro pro Person, zuzüglich Eintritt.

Termin 14. Februar

10 bis 18 Uhr »Photo Academy: Selbstinszenierung« Workshop am Valentinstag.

Wie wirken Licht und Raum auf den eigenen Körper? Welcher Bildausschnitt erzählt welche Geschichte? Welche Pose, welcher Blick, welches Objekt unterstützt die gewünschte Darstellung? Diesen Fragen widmet sich ein eintägiger Workshop für ambitionierte Fotograf:innen mit Verdiana Albano, Preisträgerin des Nachwuchspreises des „Felix Schoeller Photo Awards“.
Bitte mitbringen: Kamera oder Smartphone, ggf. Speicherkarte, Stativ, optional Blitz oder Dauerlicht, persönliches Material (Objekte, Fotos, Texte), analoge Filter, ein Laptop zur Bildauswahl.
Die Teilnahme kostet 99 Euro regulär, 30 Euro für Studenten – die ersten drei Studenten nehmen kostenfrei teil. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Eine Platzreservierung kann nur bei Vorkasse garantiert werden.

Termin 26. Februar

18.30 Uhr im Veranstaltungssaal »Wo der Name wohnt« – Lesung und Gespräch mit Ricarda Messner.

Den Worten ihres Urgroßvaters Salomon folgend, findet Ricarda Messner ein Fenster im ehemaligen Rigaer Ghetto und zeichnet von dort aus die Wege von vier Generationen nach – vom sowjetischen Lettland der siebziger Jahre bis nach Deutschland.
Eintritt: 9 Euro / ermäßigt 7 Euro – Eine Kooperation mit dem Literaturbüro Westniedersachsen und der Volkshochschule Osnabrück.

Workshops von und mit Ariel Reichman

Termin 28. Februar

13 Uhr »What does safety feel like? | Wie fühlt sich Sicherheit an?« mit Shay Kukui und Ariel Reichman.

Die Tänzerin Shay Kukui leitet zusammen mit Ariel Reichman verschiedene Körperübungen an. Ist es möglich, in unserem Museum einen kollektiven Moment der Entspannung und Erleichterung in Bezug auf unsere aktuelle politische und soziale Welt zu erleben?
Teilnahme kostenfrei, in englischer Sprache.

Termin 28. Februar

15 Uhr »What does safety sound like? | Wie klingt Sicherheit?« mit Shabnam Parvaresh und Ariel Reichman.

Die Musikerin Shabnam Parvaresh und Ariel Reichman arbeiten mit den Teilnehmenden an der Frage „Wie klingt Sicherheit?“. Gemeinsam werden die subjektiven und kollektiven Klänge des Sich-sicher-fühlens erforscht.
Teilnahme kostenfrei, Deutsch/Englisch.

Termin 1. März

14 Uhr im Veranstaltungssaal: »Emotionales Erbe und das Vermächtnis von Traumata | Emotional inheritance and the legacy of trauma« mNähereit Dr. Galit Atlas (per Videokonferenz) und Ariel Reichman (vor Ort)
Die Psychoanalytikerin Dr. Galit Atlas lädt in diesem Vortrag mit anschließendem Gespräch ein. Sie untersucht, wie die unbewussten Verbindungen zu den Traumata unserer Vorfahren unser emotionales Erleben und Verhalten beeinflussen.
Teilnahme kostenfrei, in englischer Sprache

Nähere Informationen: Museumsquartier Osnabrück, Lotter Straße 2, 49078 Osnabrück, Deutschland, Telefon: 05413232237, E-Mail: museum@osnabrueck.de, Internet:
http://www.museumsquartier-osnabrueck.de

Nicht die Caine war sein Schicksal – aus der Bahn geworfen und dann?

„Das Schicksal schläft nie. Es lauert hellwach in jedem Moment. In uns selbst. Unbemerkt führt es uns durch die ebenen Täler der Sorglosigkeit, nur um dann geduldig zu warten … Es wartet auf den perfekten Augenblick, um mit geballter Faust zuzuschlagen und jene Nachricht zu überbringen, die wir für unmöglich gehalten hätten.“ – mit diesen Sätzen auf der ersten Seite seines deutlich autobiografisch geprägten Romans „Shake it, Baby“ hält Oliver Peral nicht lange hinter den Berg – eben so wenig wie mit dem Untertitel „Ein Roman über Parkinson und andere Katastrophen“, der gleich auf der Titelseite prangt.

Bei dem Rundfunkjournalisten Oliver Peral (unter anderem bei Radio Hamburg, NDR, N-Joy, Antenne Aachen und aktuell beim Städtenetwork Radio 21 – Rockland Radio – Antenne Sylt) hat es wie bei seinem Protagonisten Oliver Vega Berger, ebenfalls Rundfunkjournalist, mit einem Zittern in den Händen angefangen – bei der Arbeit. Zunächst noch abgetan als Reaktion auf zu viel Stress bei der Arbeit oder auf Magnesiummangel – worauf hin er alles aufkauft, was es an Präparaten gegen Magnesiummangel gibt -, schleichen sich dann doch die Gedanken an eine richtige Erkrankung ins Hirn. Was folgt ist das, was wohl viele tun, die in einer ähnlichen Situation sind: Sie befragen Dr. Google, doch was dieser „berufene“ Arzt anzubieten hat, ist wenig hilfreich, denn dort werden laut dem Autor und seines Protagonisten nur Ängste bedient, die wiederum zu unzähligen Klicks führen. Dem Geschäftsmodell von Google ist genüge getan, aber die von Krankheit Betroffenen – egal ob es sich um reale, mögliche Krankheiten oder vielleicht nur Scheinkrankheiten handelt – bleiben allein mit ihrer Not.

Nachdem noch weitere Symptome wie Zucken, Muskelschmerzen, Schlaflosigkeit und häufiger Harndrang hinzukommen, lässt sich Oliver Vega Berger zu einem Neurologen überweisen. Auch hier kommt es zu einem Phänomen, das in Deutschland die meisten kennen: das Warten auf einen Termin. Womit also die Zeit und die Ungeduld vertreiben? Mit der Hinwendung zu Wundermitteln wie Globuli und Heilpflanzen.

Doch dann ist irgendwann der Tag der Wahrheit. Das erschreckende Ergebnis der Untersuchung: Morbus Parkinson, eine Erkrankung, von der ungefähr ein Prozent der Weltbevölkerung über 60 Jahren betroffen ist. Die Parkinson-Krankheit ist damit nach der Alzheimer-Krankheit die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung der Welt. In Deutschland wird derzeit von 300.000 bis 400.000 erkrankten Menschen ausgegangen – und einer davon ist der Autor.

Die Erkrankung beginnt schleichend und schreitet danach zeitlebens fort, die Symptome werden im Verlauf stärker und daher auch besser erkennbar. Das Idiopathische Parkinson-Syndrom beginnt typischerweise einseitig (und bleibt im Verlauf einseitig stärker); als Frühzeichen gilt beispielsweise das reduzierte und später fehlende Mitschwingen eines Armes beim Laufen. Nicht selten treten Schulterschmerzen und einseitige Muskelverspannungen auf.

Das Parkinson-Syndrom ist definiert durch das Vorliegen von Akinese und eines der drei anderen Leitsymptome: Rigor, Tremor und posturale Instabilität.

Mit dem Begriff Akinese (auch Bradykinese oder Hypokinese) wird eine allgemeine Bewegungsarmut bezeichnet und ist Voraussetzung für die Diagnose eines Parkinson-Syndroms. Sie macht sich bei allen Bewegungen bemerkbar. So vermindert sich das Muskelspiel, was den Gesichtsausdruck bestimmt (Maskengesicht oder auch Hypomimie), das Sprechen wird leise und undeutlich (Mikrophonie), das Schlucken verzögert sich (scheinbar vermehrter Speichelfluss oder Pseudo-Hypersalivation), die Geschicklichkeit der Hände lässt besonders bei schnellen Bewegungen nach (Schriftbild wird kleiner oder auch Mikrographie), die Rumpfbewegungen sind erschwert (vermindertes Umlagern im Schlaf), das Gangbild wird kleinschrittig und schlurfend.

Zu diesem obligaten Krankheitszeichen muss mindestens eines der folgenden drei Symptome kommen: Rigor (auch Rigidität)

Damit wird eine Muskelsteifheit aufgrund einer Steigerung des Muskeltonus bezeichnet. Sie wird durch eine unwillkürliche Anspannung der gesamten quergestreiften Muskulatur hervorgerufen und führt oft auch zu Muskelschmerzen. Nach außen sichtbar sind eine leichte Beugung von Ellenbogengelenk, Rumpf und Nacken sowie später der Kniegelenke. Bei passiver Bewegung der Gelenke von oberer und unterer Extremität tritt das Zahnradphänomen auf, bei dem es den Anschein hat, die Bewegung im Ellenbogengelenk laufe über ein Zahnrad, das die Bewegung in wechselnden Intervallen bremst. Körpernahe Muskelgruppen sind oft stärker betroffen (axialer Rigor). Eine gekrümmte Fehlhaltung des Körperstammes durch die Tonuserhöhung wird als Kamptokormie bezeichnet.

Ruhetremor:

Durch die wechselseitige Anspannung entgegenwirkender Muskeln entsteht ein relativ langsames Zittern (Antagonistentremor – vier bis sechs Schläge pro Sekunde, selten bis neun Schläge pro Sekunde), das bei aktiver Bewegung abnimmt. Es ist typisch für das idiopathische Parkinson-Syndrom (75 Prozent) und weniger typisch für atypische Parkinson-Syndrome (25 Prozent), auch der Tremor ist einseitig betont. Der Tremor ist das augenfälligste Symptom.

Posturale Instabilität:

Die verminderte Stabilität beim Aufrechthalten des Körpers kommt durch eine Störung der Stellreflexe zustande. Die kleinen, aber schnellen reflektorischen Ausgleichsbewegungen werden verzögert, so dass es zur Gang- und Standunsicherheit kommt. Die Wendebewegung wird unsicher, die Patienten kommen dabei ins Trippeln. Sie bekommen Angst zu fallen; diese Fallangst kann sie noch zusätzlich zur motorischen Behinderung beeinträchtigen. Bei früh stark gestörten Stellreflexen muss ein atypisches Parkinson-Syndrom bedacht werden.

Die unterschiedlichen Symptome können beim einzelnen Erkrankten unterschiedlich stark ausgeprägt sein oder ganz fehlen; Auftreten und Stärke wechseln auch im Tagesverlauf.

Das alles befällt auch den Autor und seinen Protagonisten. Und wie bei den anderen Betroffenen kommt die Frage auf: Warum ich? Damit nicht genug, kommt auch noch Wut dazu. So schreibt Oliver Peral: „Warum nicht jemand, der nichts zu sagen hat? Warum nicht ein Arschloch? Oder irgendein bedeutungsloser Trottel, oder warum nicht gleich ein Radiomoderator, dessen bedeutungsloses Geschwätz schmerzte wie eine nächste Gallenkolik. Warum trifft es die, die noch etwas wollen vom Leben? Ist das Zufall? Oder Schicksal? Oder einfach nur ein komischer Tritt in die Eier.“

Trotz dieses Schicksals ist dem Autor ein Erfahrungsroman gelungen, in dem er mit viel Humor, Selbstironie und einem versöhnlichen Blick auf den Umgang mit der Erkrankung – aber auch ironisch und ungeschönt – darauf eingeht, wie das Leben plötzlich den Takt wechselt.

Statt sich vom Leben schütteln zu lassen, schüttelt er lieber selbst: Witz, Wut und wunderbare Pointen über das Dasein mit einer Krankheit, die keine Gnade kennt. Zwischen Tablettenplänen und Tremor-Attacken stemmt sich Oliver Peral mit Ironie gegen das Stigma, das Diagnose heißt – und eröffnet in einer Stadtteil-Bücherei einen surrealen Stuhlkreis: Dort trifft er auf Ikonen wie Muhammad Ali, Michael J. Fox, Salvador Dalí und Ozzy Osbourne – alle vereint durch ein nervöses Zittern.

Kurzum: Ein rasanter, bewegender und trotz allem lebensfroher Roman über Kontrollverlust, Kreativität und Kämpfergeist und ein Buch, das Betroffene, Angehörige und Gesunde bewegt. Weil es aufrüttelt – und versöhnt – mit dem Ziel, Mut zu machen und gleichzeitig auch Angehörige zum Schmunzeln (und Nachdenken) zu bringen.

Shake it, Baby – Roman über Parkinson und andere Katastrophen“ von Oliver Peral ist bei Books on Demand erschienen und kann unter der ISBN 978-3-8192-8376-5 bestellt werden.

Wissenswertes aus der Grafschaft Bentheim

Auf eine weitere Entdeckungsreise durch die Grafschaft Bentheim laden die Autoren des Bentheimer Jahrbuches 2026 ein, das vor Kurzem in den Räumlichkeiten des Kreis- und Kommunalarchives an der Nino-Allee in Nordhorn offiziell vorgestellt wurde.

Geboten wird auf über 300 Seiten eine abwechslungsreiche Mischung aus heimatkundlichen Betrachtungen über Natur und Landschaft bis hin zu Erinnerungen aus Geschichte und Zeitgeschehen; und auch die plattdeutsche Sprache findet ihren festen Platz mit Geschichten und Gedichten.

Was diese Ausgabe wie auch die der Vergangenheit ausmacht, ist der tiefere Blick, den die Autorinnen und Autoren auf die Themen ihrer Artikel geworfen haben. Was für den Außenstehenden beispielsweise nur ein historisches Gebäude mit hohen Mauern ist, wird durch die Lektüre des Bentheimer Jahrbuches zu einem Ort der Geschichte und vieler spannender Geschichten, die sich dahinter verbergen.

Wer heute beim Gymnasium Nordhorn am Stadtring vorbeifährt, wird es für eine Selbstverständlichkeit halten, dass eine Kreisstadt mit über 50.000 Einwohnern über eine höhere Schule verfügt. Dass Nordhorn aber nicht immer die heutige Bedeutung hatte und eine höhere Schule vor Ort nicht selbstverständlich war, lässt sich im Artikel „100 Jahre Gymnasium – Wie es im Jahre 1925 zur Gründung kam“ von Jan Leutnantsmeyer, ehemaliger Lehrer und Oberstudienkoordinator am Gymnasium Nordhorn, nachlesen.

Welcher Wandel sich in einem Gebäude vom Bau in den 1930-er Jahren bis in die Gegenwart entwickeln kann, belegt der Artikel „Vom Lichtspielhaus zum Kulturtempel“ über das Capitol an der Neuenhauser Straße in Nordhorn. Autor Andreas Meistermann skizziert die Geschichte von der Gründung als Kino im Jahre 1939 über die Schließung im Jahre 2013 bis hin zur Renovierung, Sanierung und Umgestaltung zu einem Ort für Kulturveranstaltungen unterschiedlichster Art sowie zur erfolgreichen Neueröffnung im Jahre 2024.

Noch länger zurück liegt die Gründung des Klosters Frenswegen. Der Historiker Dr. Werner Rohr lenkt in seinem Artikel aber den Blick auf die Gründung der Stiftung Kloster Frenswegen vor 50 Jahren, mit der das Gebäude vor dem dauerhaften Verfall bewahrt und einer Neunutzung als ökumenischer Bildungs- und Begegnungsstätte zugeführt werden konnte.

Was diesem Artikel eine gewisse Würze verleiht, ist die deutliche Kritik, die Rohr an der vor 50 Jahren beschlossenen Satzung übt, in der die beteiligten Stifter vom Fürstlichen Haus bis zu den Kirchen im Falle anstehender Verbindlichkeiten von jeglicher Nachschusspflicht befreit waren. Damit verbunden ist eine schwache finanzielle Ausstattung vonseiten der Stiftung, die bis heute immer wieder zu großen Problemen führt, wenn unter anderem Sanierungs- und Renovierungsarbeiten durchgeführt werden müssen.

Wer es noch nicht gesehen und davon noch nichts gehört und gelesen hat, wird zunächst etwas verwundert sein. Die Rede ist vom neuen Wehrgang an der historischen Stadtmauer am Beginn der Mauerstraße in Schüttorf. Was auf den ersten Blick wie eine Kulisse für einen mittelalterlichen Film aussieht, basiert auf einer Idee von Floris Kröner vom Heimatverein Schüttorf, Gerd-Ludwig Hienz, Vorsitzender des Heimatvereins Samtgemeinde Schüttorf und der Autorin des Artikels „Ein Denkmal für die Zukunft – Der Wehrgang an der historischen Schüttorfer Stadtmauer“, Elke Bischop-Stentenbach, die sich durch ihr Engagement für die Geschichte der Grafschaft Bentheim einen Namen gemacht hat.

Wie sie erläutert, war es das Ziel, mit dem Bau des Wehrgangs, „ein Stück Geschichte und die Bedeutung der Stadtmauer in die Köpfe der Menschen“ zurückzuholen. Des weiteren geht sie auf vom Heimatverein geplante Aktivitäten in Verbindung mit dem Wehrgang und auf die historischen Gründe ein, die im 14. Jahrhundert zum Bau einer Stadtmauer in Schüttorf führten.

Kritische Anmerkungen zur Kommerzialisierung der niedersächsischen Archäologie durch private Grabungsfirmen, die auch in der Grafschaft Bentheim zum Zuge gekommen sind, bestimmen einen Artikel von Dr. Christoph Otto, Projekt- und Grabungsleiter für archäologische Maßnahmen und Lehrbeauftragter an der Universität Münster. Seine Befürchtungen betreffen die Gewinn-Orientierung der beteiligten Unternehmen und den wirtschaftliche Druck, dem diese durch knappe Mittel, begrenzte Zeitfenster und Fachkräftemangel ausgesetzt sind.

Wer mehr über die im Volksmund „Poaschebarg“ oder „Osterberg“ genannte Erhebung an einem Altarm der Vechte bei Neuenhaus wissen will, sollte sich den von Elke Bischop-Stentenbach und Matthias Bollmer geschriebenen Artikel „Hatte die Turmhügelburg Grasdorf eine Vorburg – Georeferenzierte Radarprospektion am „Poaschebarg“ durchlesen.

Das Thema Archäologie in der Grafschaft Bentheim greift Dr. Otto in einem weiteren Artikel auf. Darin geht es um eine Untersuchung auf dem Zebelinger Esch am Nordrand der Stadt Schüttorf und um die Frage, ob dort eine Burg existiert hat.

Mit dem Thema „Von Ehehindernissen und Dispensen – Zur Rechtsprechung des Oberkirchenrats der Grafschaft Bentheim in Ehesachen“ beschäftigt sich Dr. Heinrich Voort, langjähriger Vorsitzender des Heimatvereins Grafschaft Bentheim. Er blickt in seinen Ausführungen zurück in das 17. Jahrhundert, in dem sowohl der Fürst als auch hohe Vertreter der Verwaltung großen Einfluss auf das Privatleben der Menschen hatten. Wie Voort ausführt, wurde ein vierköpfiges Gremium bestimmt, „gotsförchtige, verständige und erfahrne“ Männer, die sich neben vielen anderen Aufgaben auch um „streitige Ehesachen“ zu kümmern hatten. Dazu gehörten unter anderem gebrochene Eheversprechen, voreheliche Schwängerung und eine bestrittene Vaterschaft. Ein weiteres Thema: der Grad der Blutsverwandschaft. Auf einige Fälle dieser Art und die Veränderungen und Zuständigkeiten in diesem Bereich, die sich nach dem Übertritt des Grafen Ernst Wilhelm zu Bentheim im Jahre 1668 zum katholischen Glauben und weitere geschichtliche Ereignisse wie die Besetzung deutscher Gebiete durch Napoleon I ergeben, geht Dr. Voort in seinem Beitrag zum Bentheimer Jahrbuch ein.

In einem weiteren Beitrag skizziert er den Wandel, der sich bei der Zuständigkeit im Schulwesen vom 18. bis 20. Jahrhundert vollzogen hat, die lange Zeit in den Händen der Kirche lag, bis nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch der Monarchie die Überführung des Schul- und Bildungswesens in staatliche Verantwortung vollzogen wurde.

Mit Bedauern werden viele Radfahrer auf die Schließung von „Arnolds Bauerncafé“ im Jahre 2022 zurückblicken. Dass sich hinter dem zum ehemaligen Bauerncafé gehörenden Hof eine 1200-jährige Geschichte mit vielen Drehungen und Wendungen verbirgt, wissen wohl nur die Wenigsten. Nachzulesen ist das im Artikel „Vom Vollerbhof zum Bauerhocafé – Die 1200-jährige Geschichte des Hofes Stegemann in Samern“ aus berufenem Namen. Geschrieben wurde er von Anne Hartgering, Schwester von Arnold und die Tochter von Marie und Hermann Hartgering.

Auf „Motivsuche in Bentheim“ lädt Helmut Schönrock ein. Der ehemalige Lehrer und aktuell als Kurator für das Museum am Herrenberg in Bad Bentheim tätige Autor beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Darstellung der Bentheimer und Gildehauser Steinbrüche in den Bildern des niederländischen Landschaftsmalers Jacob van Ruisdaels.

Um 1650 hat Ruisdael auch die Grafschaft Bentheim bereist. In den folgenden Jahren malte er in seinem heimischen Atelier unter anderem mehrere Ansichten von der Burg Bentheim. Ein von etwa 1655 stammendes Burg-Gemälde Ruisdaels, das in der Burg Bentheim zu sehen ist, wurde erst 1988 wiederentdeckt. Der Landkreis Grafschaft Bentheim ersteigerte es während einer Auktion und stellte es 23 Jahre lang im Kloster Frenswegen in Nordhorn aus. Erst 2012 kam es im Rahmen der Kunstaktion „raumsichten“ an den Ort, den es zum Motiv hat: die Burg Bentheim. Weitere seiner Gemälde von Burg Bentheim sind unter anderem im Reichsmuseum Amsterdam und in der Nationalgalerie Dublin ausgestellt.

Auf Spurensuche hat sich Wilhelm Hoon begeben und sich der Frage gestellt, wie die Burg in Lage vor 400 Jahren aussah. Ausgangspunkt seines Artikels ist eine Zeichnung des Landmessers Arnold Wilhelm Schraders (*1671 +1752) aus dem Jahre 1735, der damals mit seinem Sohn Johann oder Joan (*1707 +1776) vom Haus Twickel in Delden/NL, Eigentümer der Burgruine, den Auftrag erhielt, die Felder, Äcker und Wasserläufe rund um Lage zu vermessen und zu kartieren. Und dabei entstand auch ein Bild der Ruine.

Weitere Themen des Bentheimer Jahrbuches sind unter anderem die Lagerung von Ausgaben der Grafschafter Nachrichten im Kreis- und Kommunalarchiv, die Kanäle und Schleusen in der Grafschaft Bentheim, das Schicksal eines Soldaten im Zweiten Weltkrieg, Natur und Landschaft sowie Heimatkunde und Grafschafter Platt.

Das Bentheimer Jahrbuch ist im örtlichen Buchhandel erhältlich.

Literatur-Tipp: László Krasznahorkais neuer Roman „Zsömle ist weg“

In »Zsömle ist weg«, der im Dezember beim S. Fischer Verlag erscheint, überrascht der ungarische Schriftsteller, László Krasznahorkai, diesjähriger Nobelpreisträger für Literatur, mit einem Roman voll milder Melancholie, sarkastischem Humor und großer Seltsamkeit.

Wer vor der Politik flieht, den sucht sie heim. László Krasznahorkai erzählt von Onkel Józsi, seiner Hauptfigur, die alles getan hat, um vor den Augen der Welt zu verschwinden, seine Familie und seine Herkunft hat er geheim gehalten: Er ist nämlich Spross einer jahrhundertealten Adelslinie, die auf verschlungenen Wegen bis Dschingis Khan zurückreicht. Sogar Anspruch auf den ungarischen Thron könnte er erheben, aber er will sich nicht in die Politik einmischen und lebt, wie alle seine Vorfahren, im Verborgenen. Und sehr bescheiden in einem kleinen Häuschen in der tiefsten Provinz als 91-jähriger Rentner, der gerade mit seinem Geld zurechtkommt.

Bis er von einer merkwürdigen Schar vermeintlicher Anhänger aufgespürt wird – von unverbesserlichen Monarchisten und verschrobenen Archivaren. Mit Ungarn gehe es bergab, der Glanz sei dahin, alles sei verloren, da sind sich alle einig. Als sie ihre Pläne enthüllen, zerreißt das Gespinst. Die Nähte des Lebens sind verschlissen, die Gedanken jagen sich im Kreis, das Glück gibt es nur noch retrospektiv. Bleibt nur die Flucht …

In seiner episch-melodischen Sprache, die sich dem Schlusspunkt verweigert und wie ein fließender Strom voranschreitet, erzählt László Krasznahorkai in »Zsömle ist weg«, seinem neuen Roman, die Geschichte eines geheimen Thronfolgers, der im politischen Wirrwarr der ungarischen Gegenwart für stabile Verhältnisse sorgen soll – und der nicht bereit ist, diese Verantwortung zu übernehmen.

Und dass sich die von ihm erzählte Geschichte wie ein aktueller Kommentar zur politischen Situation Ungarns und zur in vielen Ländern der Welt zu spürenden Sehnsucht nach autoritären Führern anhört, ist vermutlich kein Zufall.

Über den Autor László Krasznahorkai

»Jedes meiner Bücher soll die literarische Landkarte verschieben«, sagt László Krasznahorkai, dem 2015 der International Man Booker Prize verliehen wurde. 1954 in Gyula/Ungarn geboren, gilt er als einer der innovativsten Schriftsteller Europas, dessen Romane »Satanstango« und »Melancholie des Widerstands« überall auf der Welt begeistert aufgenommen werden. Die internationale Beachtung begann jedoch 1993 in Deutschland mit dem SWR-Bestenliste-Preis für »Melancholie des Widerstands«. In den letzten Jahren erschienen die Erzählbände »Seiobo auf Erden« (Brücke-Berlin-Preis und Literaturpreis Leuk 2010) sowie »Die Welt voran« (2014). Für seinen Roman »Baron Wenckheims Rückkehr« (2018) wurde er mit dem National Book Award 2019 for Translated Literature ausgezeichnet. 2021 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur sowie 2024 den spanischen Literaturpreis Prix Formentor. 2025 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Zuletzt erschienen der Roman »Herscht 07769« und der Erzählband »Im Wahn der Anderen«. Heute lebt László Krasznahorkai in Triest, Italien.

Ein bewegtes Schauspielerleben oder eine „Nachgelassene Biografie“ über einen geliebten Vater

„Unter den Menschen gibt es zuweilen diese seltsamen Sonnenwesen. Es haftet ihnen etwas ganz Besonderes an, etwas Außergewöhnliches. Wenn sie ein Café betreten, erzeugen sie unter den Gästen ein leises Raunen, fühlen sich die Leute – ob sie wollen oder nicht – auf magische Weise zu ihnen hingezogen. Zweifellos liegt das an ihrem attraktiven Äußeren, das insbesondere bei den jugendlichen Vertretern dieser Gattung hervorsticht. Doch bei echten Sonnenwesen ist da mehr als bloß körperliche Attraktivität. Liegt es an ihrer Lässigkeit? An der Aura des Kosmopolitischen, die sie umgibt? An ihrer starken Persönlichkeit oder vielleicht an der Unbekümmertheit, die sie auf eine sympathische Weise ausstrahlen? An der Freude am Leben?“ (Ilja Bohnet)

Mit 21 Jahren stand er zum ersten Mal vor der Kamera und trat im Film „Solange das Herz schlägt“ neben damals schon so bekannten Namen wie Heidemarie Hatheyer, O. E. Hasse und Hans-Christian Blech auf, er war Hans Scholten, einer der Jungs, der in dem Welterfolg „Die Brücke“ des Regisseurs Bernhard Wicki mitspielte und mit dieser Rolle ebenso wie seine Schauspielerkollegen Fritz Wepper, Volker Lechtenbrink und Michael Hinz den Weg für die spätere Karriere ebnete, und er war in der Rolle des Schauspielers Josef Kainz in dem Visconti-Meisterwerk „Ludwig II“ mit Helmut Berger, Romy Schneider und weiteren internationalen Stars zu sehen – die Rede ist von dem Schauspieler, Regisseur und Bühnenautor Folker Bohnet (*1937 + 2020), über den vor Kurzem eine „nachgelassene Biografie“ erschienen ist.

Sie basiert auf Gesprächen, die Ilja Bohnet, sein Sohn aus der Ehe mit der Schauspielerin Ann-Monika Pleitgen und der Autor des Buches, mit ihm an drei langen Frühlingsabenden in Berlin im Mai 2017 geführt hat.

Gemeinsames Ziel war es, Bohnets private wie beruflich aufregende Lebensgeschichte mit ihren Höhen und Tiefen einzufangen und zumindest einen Teil der Anekdoten zu verschriftlichen, die er zu erzählen wusste.

Wie der Autor des Buches berichtet, war es ein großes Glück, dass Volker Bohnet sowohl druckreif sprechen konnte als auch in der Lage war, geordnet erzählen zu können, so dass sich die unterschiedlichen Stationen seines Lebens für den Leser nachvollziehbar miteinander verbanden.

Aufgeteilt ist das vorliegende Werk in die Erzählungen Bohnets und die durch Ilja Bohnet vorgenommenen Einordnungen des Erzählten in einem auch für Außenstehende verständlichen geschichtlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Zusammenhang.

Ein Blick zurück: Zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Folker Bohnet in Berlin geboren. Wie er in den Gesprächen mit seinem Sohn berichtet, hatte er eine behütete Kindheit. Der Familie war es sogar gegönnt, in dem Schloss eines befreundeten Grafen in Hohenprießnitz an der Mulde wohnen zu dürfen. Doch dieses Glück sollte ein jähes Ende nehmen. Nachdem der Zweite Weltkrieg verloren war, besetzten zuerst die Amerikaner und dann die Russen das Schloss; und das hieß für die Familie Bohnet sich ein neues Zuhause zu suchen, das sie schließlich bei Verwandten in Halle fand. Nachdem der Vater als Soldat aus dem Krieg heimkehrte, konnte ein privilegiertes Leben weitergeführt werden. Als Direktor einer Zuckerfabrik standen ihm ein Auto und ein Chaffeur zur Verfügung, und in seiner Funktion kam er auch an unterschiedlichste Güter heran, die in der Nachkriegszeit – insbesondere in der von der Sowjetunion besetzten Zone, der späteren DDR – oft Mangelware waren.

In dieser Zeit wurden, wie Bohnet im lockeren Plauderton berichtete, die Weichen für sein späteres Leben und auch sein Lebensglück gestellt. Da seine Eltern oft ins Theater gingen und nachher viele Künstler aus diesem Bereich in ihr Haus einluden, kam er in den Kontakt mit dieser besonderen Welt und war sofort begeistert: „Jede freie Minute, die mir zur Verfügung stand, saß ich fortan im Varieté, nicht nur im Zuschauerraum, sondern auch hinter der Bühne. Ich hatte Zutritt zu den Garderoben und konnte mit den Künstlern, die ich zum Teil von zu Hause gut kannte, intensiv unterhalten. Ich habe dieses Völkchen angefangen zu lieben. Ich wußte, dass das mein Leben sein würde“, schwärmt Bohnet von dieser Zeit.

Doch mit dieser Begeisterung für das Theater beginnen für ihn auch die Probleme. Sein Traum, eine Karriere als Schauspieler zu starten, stößt bei dem Vater auf Widerstand, der sich für seinen Sohn ein bürgerlich-konventionelles Leben vorgestellt hat und ihn zum Jura-Studium drängt. Das belegt er aber nur pro forma. Sein Weg führt ihn zur Schauspielschule Düsseldorf und zu einer neu gegründeten Schauspielschule der UFA. Und dann geht alles ganz schnell. Ohne viel Erfahrung wird er 1958 für das von dem bekannten Regisseur Alfred Weidenmann gedrehte Filmdrama „Solange das Herz schlägt“ engagiert – mit so renommierten Schauspielern wie O.E. Hasse und Heidemarie Hatheyer. Internationalen Erfolg beschert ihm ein Jahr später seine Rolle des Hans Scholten in dem Antikriegs-Klassiker „Die Brücke“. Und so beginnt die Karriere des Volker Bohnet, die sich aber nicht nur in der Schauspielerei erschöpft, sondern auch in die Tätigkeit als Regisseur und Bühnenautor mündet.

Wie die weiteren Erzählungen Bohnets belegen, hat er in seinem Traumberuf Schauspieler Fuß gefasst und das Vorurteil seines Vaters, dass das „brotlose Kunst“ sei, widerlegt. War nun dieses Problem gelöst, ergab sich ein Weiteres: dass seiner sich schon früh zeigenden Bisexualität in einer Zeit, in der homosexuelle Handlungen noch unter Strafe standen. Als glücklichen Umstand bezeichnet er es, dass in der zumeist geschlossenen Welt der Schauspielkunst und anderer Künste andere Regeln galten und unterschiedliche sexuelle Neigungen weitestgehend nicht diskriminiert wurden.

Ein weiterer glücklicher Umstand: die Chance, als Schauspieler die große weite und nonkonformistische Welt dieses Berufes und der mit ihr verbundenen Personen kennenzulernen – auf den freizügigen Partys des bekannten Filmproduzenten Wenzel Lüdecke und durch zahlreiche Begegnungen. Wie Bohnet berichtet, war für ihn der bedeutende deutsche Komponist Hans-Werner Henze eine prägende Figur. Viele Jahre lebte er mit ihm als Paar in dessen mondäner Villa in Rom zusammen, lernte dort viele Persönlichkeiten wie den Dirigenten Leonard Bernstein und insbesondere den Regisseur Luchino Visconti kennen, der ihn für die Rolle des Josef Kainz in dem Film „Ludwig II“ engagierte und über dessen besonderen Charakter er ebenso kenntnis- wie anekdotenreich zu berichten weiß.

Auch in der Erinnerung nach knapp über 50 Jahren bewertet er diese Zeit als maßgeblich für seine Entwicklung von einem sich provinziell fühlenden deutschen Schauspieler hin zu einem sich als Kosmopolit verstehenden Menschen. Sein Dank dafür gilt Henze, durch den er „einen völlig neuen Blick auf die Welt gewann.“

Neben seinem Ausflug in die Welt des Films und Fernsehens bestimmte das Theater Volker Bohnets berufliches Leben: feste Engagements und Gastspiele an renommierten Schauspielhäusern, darunter am Thalia-Theater Hamburg, Renaissance-Theater Berlin, Schauspielhaus Frankfurt, Ernst-Deutsch-Theater Hamburg, Residenztheater München, Theater in der Josefstadt Wien, an den Städtischen Bühnen Köln, der Freien Volksbühne Berlin, den Hamburger Kammerspielen und an fast allen bekannten Komödienhäusern Deutschlands sowie bei Festspielen und Tournee-Produktionen. Dabei spielte er die unterschiedlichsten Rollen von der Klassik bis zur Komödie.

Neben seiner Arbeit als Schauspieler führte Folker Bohnet regelmäßig Theaterregie und schrieb auch zahlreiche Komödien, die im gesamten deutschsprachigen Raum und darüber hinaus mit großem Erfolg aufgeführt wurden. Zu den Bekanntesten gehören „Meine Mutter tut das nicht“, „In anderen Umständen“, „Die Hausdame“ und „Ein Oscar für Emily“. Im neuen Millennium inszenierte er regelmäßig unter Intendanz von Christian Seeler am Ohnsorg-Theater in Hamburg.

Dass er im Zusammenhang mit den Komödien von der Kritik oft nur als „Meister des Boulevards“ bezeichnet wurde und seine ernsten Rollen wie Hamlet, Romeo oder den Tellheim in Lessings „Minna von Barnhelm“ in Vergessenheit zu geraten schienen, bedauert Bohnet in seinen Erinnerungen, ist aber andererseits auch stolz über das ihm entgegengebrachte Lob, denn wie er weiß, ist die Komödie, wenn sie gut sein soll, das schwierigste Genre für einen Schauspieler. Darauf geht er in seinen Erinnerungen dann noch weiter ein – verbunden mit vielen tiefen Einsichten in dieses oft unterschätzte Fach.

Bei aller Leidenschaft für Theater, Film und Fernsehen war es Folker Bohnet auch wichtig, ein Privatleben zu haben. Wie einer seiner Kollegen ihm dazu des Öfteren sagte, hatten aber die Turbulenzen in diesem Bereich vielleicht eine größere Karriere verhindert. Wie Bohnet eingesteht, war dies auch so. Er hatte Beziehungen zu Männern und Frauen – mit der Schauspielerin Ann-Monika Pleitgen war er sogar verheiratet – und manche auch gleichzeitig; und das war für die Beteiligten nicht immer einfach.

Zurückblickend nimmt er aber für sich in Anspruch, nichts bereuen zu müssen. Und das von ihm beschriebene Glück mit seinem letzten Partner und Kompagnon bei einer Vielzahl seiner Theaterstücke, Alexander Alexy, mit dem er fast 40 Jahre liiert war, scheint das zu bestätigen.

Volker Bohnet starb im Oktober 2020 im Alter von 83 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit und wurde auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf im Planquadrat PA 2 oberhalb des Prökelmoors beigesetzt.

Kurzum: Ilja Bohnets Buch über seinen Vater, basierend auf dessen Erinnerungen in einem unterhaltsamen, kurzweiligen und anekdotenreichen Ton, gibt interessante Einblicke sowohl in das Leben eines Schauspielers als auch in das kulturelle Leben Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg.

Zum Autor Ilja Bohnet:

Der Autor ist promovierter Physiker und arbeitete ab Mitte der 1990-er Jahre am Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY in Hamburg und Zeuthen, bevor er im Jahr 2012 als Beauftragter für die Grundlagenforschung mit Großforschungsanlagen in die Geschäftsstelle der Dachorganisation vom DESY, der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren, nach Berlin wechselte.

Daneben schreibt er Kriminalromane, Kurzgeschichten und Sachbücher und wurde für seine belletristischen Werke bereits mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2019 mit dem Wunderwasser-Krimipreis für die Kurzgeschichte „Nur ein Kratzer“ (Verlag Tasten & Typen). Im Herbst 2020 veröffentlichte er sein erstes populärwissenschaftliches Buch im KOSMOS Verlag mit dem Titel „Die 42 größten Rätsel der Physik“. Der Kriminalroman „Schneeflockenrauschen“ ist sein erster Roman in der edition karo.

Ilja Bohnet, Der verzauberte Junge von der Brücke – Aus dem Leben des Schauspielers, Regisseurs und Theaterautors Folker Bohnet, 150 S., Klappenbroschur, 1 Foto fb., 7 Fotos s/w, 20 Euro, • 20,60 (A) • 23,50 CHF, ISBN 978-3-945961-42-1

Programm des Museumsquartiers Osnabrück für den November

Breitgefächert ist das Programm des Museumsquartiers Osnabrück, das sich von Ausstellungen bis hin zu Gesprächskreisen, Lesungen und Vortragsveranstaltungen erstreckt.

Frieden sehen – Frieden denken

Frieden ist in Osnabrück mehr als ein historisches Erbe – er ist unsere Haltung. So ist dort die Ausstellung zum „Deutschen Friedenspreis für Fotografie“ und zum „Felix Schoeller Photo Award“ zu sehen. Präsentiert werden preisgekrönte und nominierte Arbeiten internationaler Fotografinnen und Fotografen, die zeigen, wie vielfältig Frieden heute gedacht und erlebt werden kann.
Zu den Ausgezeichneten zählt Maximilian Mann, dessen eindringliche Bildserie die Zerbrechlichkeit und Hoffnung menschlicher Existenz spürbar macht. Die Ausstellung wird noch bis Februar 2026 gezeigt.

»Gedenken neu denken – Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss« – Buchvorstellung mit Susanne Siegert am 21. November, 18.30 Uhr, Eintritt frei

„Unsere Erinnerungskultur muss sich verändern“, meint die Autorin Susanne Siegert. Wie und warum, legt sie in ihrem Buch dar. Sie plädiert für eine pluralistische, neue Gedenkarbeit mit einem Schwerpunkt auf der Verantwortung der Nachfahren der Tätergeneration anstelle unserer „einstudierten“ gemeinsamen Rückschau mit den Opfern. Es geht um weniger bekannte NS-Verbrechen, um weniger bekannte Orte, um bisher vernachlässigte Opfergruppen. Gleichzeitig zeigt dieses Buch, wie wichtig eine aktivere, vielfältigere Gedenkkultur ist, um künftige Generationen auch ohne direkte Zeitzeugenberichte zu erreichen. Susanne Siegert klärt auf Instagram und TikTok über den Holocaust auf. Ihr folgen knapp 300.000 Menschen. Für ihre Arbeit wurde sie 2024 mit dem ELNET Preis und dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet.

Filmabend: »Wir sind jung. Wir sind stark.«, 25. November 2025, 19 Uhr, in der Lagerhalle Osnabrück, Eintritt: 6 beziehungsweise ermäßigt 5 Euro

Der Spielfilm von Burhan Qurbani (2014) erzählt von den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992. In einer von Perspektivlosigkeit geprägten Plattenbausiedlung entlädt sich die wachsende Fremdenfeindlichkeit in blanker Gewalt gegen Asylsuchende und vietnamesische Vertragsarbeiter:innen – ein erschütterndes Zeitdokument über die Folgen von Orientierungslosigkeit, politischem Versagen und Hass.

Eine Veranstaltung in der Reihe „Geschichte(n) sehen“ von Museumsquartier Osnabrück, Lagerhalle e.V. und Filmfest Osnabrück.

»Pensionen und Baulasten« – Vortrag & Gespräch mit Dr. Christian Hoffmann über den Umgang des Königreichs Hannover mit den Verpflichtungen aus der Zeit der Säkularisation im Bereich der Landdrostei Osnabrück (1813/14–1866) am 25. November, 19 Uhr, Eintritt frei

Die Säkularisation bezeichnet die Enteignung und Verstaatlichung kirchlicher Güter zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Viele Klöster, Stifte und geistliche Fürstentümer wurden aufgelöst, ihr Besitz ging an weltliche Staaten über – ein tiefgreifender Einschnitt in das Verhältnis von Kirche und Staat.
Diese Umwälzungen brachten den neuen Landesherrschaften zwar großen Vermögenszuwachs, jedoch auch langfristige finanzielle Verpflichtungen. Das 1814 zum Königreich erhobene Hannover erhielt durch den Wiener Kongress von 1815 unter anderem das Emsland und die Grafschaft Bentheim und richtete zur Verwaltung des ehemaligen Kirchenvermögens die Klosterkammer ein. Der Vortrag zeigt, wie Hannover seiner Verpflichtung zur Versorgung der Kanoniker, Mönche und Nonnen der aufgehobenen Stifte und Klöster in der Landdrostei Osnabrück nachkam, und zeigt die neue Nutzung des verstaatlichten Immobilienbesitzes.
Eine Veranstaltung in der Reihe „Geschichte konkret“ vom Museumsquartier und dem „Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück“.

Vortrag & Gespräch: Albrecht Dürers »Marienleben« am 6. Dezember 2025, 15.30 Uhr,
Eintritt: 8 beziehungsweise ermäßigt 6 Euro inklusive Kaffee & Kuchen. Anmeldung bis 3. Dezember unter mq4-vermittlung@osnabrueck.de

Die Kunsthistorikerin Marie Brune lädt zu einem Vortrag über Albrecht Dürers Holzschnittzyklus „Marienleben“ ein – ein Meisterwerk der Renaissance, das Maria nicht nur als heilige, sondern als zutiefst menschliche Figur zeigt. In 19 Holzschnitten erzählt Dürer eindrucksvoll vom Leben der Gottesmutter – von ihrer Geburt bis zur Himmelfahrt – und verbindet Bild und Text auf neuartige Weise. Im Anschluss gibt es Gelegenheit, bei Kaffee und Kuchen ins Gespräch zu kommen und Dürers Werk weiter zu entdecken – darunter auch die derzeit im Museumsquartier gezeigte „Apokalypse“.

Nähere Informationen: Museumsquartier Osnabrück, Lotter Straße 2, 49078 Osnabrück, Telefon 05413232237, E-Mail: museumsquartier@osnabrueck.de und Internet: http://www.museumsquartier-osnabrueck.de