Ein neues Zeitzeugnis über eine „Alte Kirche“

Zu den bekanntesten und prägendsten historischen Bauwerken und Wahrzeichen Nordhorns gehört die Alte Kirche am Markt. Entstanden ist sie im 15. Jahrhundert. Die feierliche Einweihung – damals noch ohne Turm – erfolgte am 6. Juli 1445 im Beisein des Münsteraner Bischofs Johannes Fabri.

Seit ein paar Tagen liegt jetzt der neue Bildband „Alte Kirche am Markt in Nordhorn – Ein Zeitzeugnis aus 2025 -“ vor. Initiator Georg H. Pauling, langjähriger Kirchenältester und Mitglied der reformierten Gemeinde, will mit dieser Veröffentlichung nach seinen eigenen Worten „seine persönliche Wertschätzung für diesen besonderen Ort teilen und sichtbar machen, wie viel Leben, Geschichte und Glauben in diesen alten Mauern steckt.“

Unterstützung bei der Umsetzung seines Vorhabens hat er zum einen von seinem Freund Arno Frey erhalten, mit dem er das Interesse für Kunst, Kirchengeschichte, Architektur und Fotografie teilt, zum anderen von Werner Bergfried, dem früheren Pastor an der Alten Kirche am Markt, der sich während dieser Tätigkeit immer intensiver mit der Geschichte dieses Gebäudes beschäftigt hatte. Während Pauling und Frey vor allem für den Bereich Fotografie zuständig waren, oblag Bergfried die redaktionelle Tätigkeit, die auch die Bildtexte umfasste.

Dem Autor ist es dabei gelungen, auf sechs Seiten sowohl die über 550-jährige Geschichte der Kirche, ihre mittelalterlichen Ursprünge, den Einfluss des Klosters Frenswegen als Ausgangspunkt der religiösen Erneuerungsbewegung „devotia moderna“, die Finanzierung und Bauweise, die durch die Reformation ausgelösten Veränderungen für die Kirche und das rege Gemeindeleben anschaulich und verständlich darzustellen, was angesichts der Fülle und Komplexität des Materials keine leichte Aufgabe war.

Einen Schwerpunkt seiner Ausführungen legt Bergfried auf die „eindrucksvollsten und zugleich geheimnisvollsten Ausstattungen der Alten Kirche Nordhorn.“ Es sind die Wandmalereien. Die Fresken im Chorraum, die aus dem 15. Jahrhundert stammen, zeigten die 12 Apostel. Im Zuge der Reformation, in der Heiligenverehrung und bildliche Darstellungen abgelehnt wurden, weil „sie den Glauben zu sehr auf äußere Zeichen“ fokussierten, wurden diese Malereien zu Beginn des „Dreißigjährigen Krieges“ übertüncht und überklebt.

Wiederentdeckt wurden sie erst im 20. Jahrhundert im Rahmen restauratorischer Arbeiten. Hierzu merkt der Autor ergänzend an, dass von den Aposteln Petrus und Paulus nur noch das Podest übriggeblieben sei, und von dem Apostel Andreas nur das Andreaskreuz. Wie Bergfried weiter schreibt, sind die Wandmalereien „erst seit 1998 … nach und nach wieder freigelegt worden, wobei der fragmentarische Zustand als Teil ihrer Geschichte verstanden wird.“ Darüber hinaus geht Bergfried in seinem Beitrag auf die kunsthistorische Bedeutung der Wandmalereien, den Wandel des Denkens über den Umgang mit Kunst in den Kirchen, restauratorische Arbeiten und manches mehr ein.

Schwerpunkt des Buches sind aber die von Georg Pauling und Arno Frey in diesem Jahr angefertigten Fotos, die durch ihre hohe Qualität bestechen. In mehr als 50 Detailaufnahmen werden viele architektonische und gestalterische Elemente sichtbar gemacht, die den Besucherinnen und Besuchern aufgrund ihrer Fülle bei der ersten Betrachtung zumeist entgehen.

Auch hier liegt der Fokus auf den Wandmalereien. Dank der knappen, aber sehr informativen Bildtexte können die abgebildeten Apostel trotz der „Spuren der Geschichte“ namentlich zugeordnet werden. Wie ein sich auf zwei Seiten erstreckendes Foto deutlich macht, hat insbesondere das Motiv vom heiligen Georg, der den Drachen besiegt hat, erheblich deutlichere Schäden erlitten. Trotzdem konnte es auf ein ähnliches Motiv des Künstlers Israhel von Meckensen (Meckenheim) zurückgeführt werden, das vermutlich zwischen 1465 und 1470 entstanden ist.

Weitere Details, die von den beiden Fotografen festgehalten wurden, sind unter anderem die Orgel, die Glocke, das Dachgeschoss mit den Gewölbekuppeln, die Turmuhr, mehrere Schriftplatten und der Opferstock, der früher ein katholisches Weihwasserbecken war. Perspektivische Blicke runden den Bereich Fotografie ab.

Dank der gelungenen Mischung aus Text und Foto ist es allen drei Beteiligten gelungen, ein Buch zu erstellen, das dem Leser einen guten Einstieg in die spannende Geschichte der Alten Kirche am Markt ermöglicht.

Nachtrag:

Über eine große Resonanz konnten sich Georg Pauling, Werner Bergfried und Arno Frey anlässlich der offiziellen Vorstellung des Buches in der Alten Kirche am Markt freuen. Einen besonderen Dank erhielten sie für die umfangreiche Arbeit an dem Buch von Pastor Simon Plenter. Er nahm in seiner Begrüßungsrede insbesondere Bezug auf das im Buchtitel enthaltene Wort Zeitzeugnis, dem er zwei Bedeutungen zuschrieb: Zum einen die Zeit, in der das Buch entstanden sei und in der Pauling, Bergfried und Frey einen neuen Blick auf die historienträchtige Kirche gerichtet, zum anderen das Zeugnis, dass die drei als Ort des Glaubens mit dem Buch abgelegt hätten.

Im zweiten Redebeitrag betonte Initiator Georg Pauling zunächst seinen besonderen Bezug zur Alten Kirche, die 1964 mit seiner Taufe begonnen hatte und 2017 nach seinem Umzug von Bad Bentheim nach Nordhorn mit einem Neuanfang verbunden war. Er wurde Kirchenältester, Turmführer, Kassenwart und Mitglied des Bauvereins „Alte Kirche“. Durch die Begegnung mit dem ehemaligen Pastor der Alten Kirche, Werner Bergfried, wurde, wie Pauling weiter berichtete, sein Interesse für die Geschichte, die sich an den Mauern des Gebäudes zum Teil zeigt, zum Teil aber auch verbirgt, geweckt – insbesondere für die Fresken. Das war dann auch die Inspiration, das vorliegende Buch herauszubringen.

Detailliert auf das Motiv des Heiligen Georg im Kampf gegen den Drachen ging Arno Frey ein. Wie er ausführte, ist Georg ein legendärer christlicher Heiliger, welcher der Überlieferung zufolge zu Beginn der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian (284–305) gefoltert und getötet und nach dem Sieg des Christentums in vielen Kirchen als Groß- beziehungsweise Erzmärtyrer verehrt wurde.

Frey machte aber auch deutlich, dass die Titulierung Georgs als Märtyrer nicht immer unumstritten war. Aufgrund fehlender historische Angaben zu seiner Person wurde er in der römisch-katholischen Kirche 1969 aus dem römischen Generalkalender gestrichen, jedoch 1975 wieder eingefügt. Die Legende vom Drachentöter Georg, der das Land von einem tyrannischen Drachen befreite, wenn sich das Volk dafür taufen ließe, kam im 12. Jahrhundert auf und ist in der mittelalterlichen Textsammlung „Legenda aurea“ überliefert. Georg zählt im christlichen Glauben zu den 14 Nothelfern und ist der Schutzpatron verschiedener Länder, Adelsfamilien, Städte und Ritterorden sowie der Pfadfinder. Trotz der Verortung der Herkunft Georgs im Bereich Kleinasien und Syrien wird er auch in Europa verehrt. In Großbritannien ist ihm sogar ein Feiertag gewidmet.

Sein Symbol in der Heraldik ist das Georgskreuz. Das rote Kreuz auf weißem Grund ist in vielen Wappen und Flaggen enthalten. Heiligenattribute, die neben dem Georgskreuz als Erkennungszeichen des Heiligen dienen, sind der Drache sowie seine Darstellung als Ritter mit Lanze auf einem Pferd, wie sie sich auch auf einem Motiv der Fresken in der Alten Kirche finden. Lange Recherchen führten laut Frey, wie schon angemerkt, zu der Erkenntnis, dass dieses Motiv, eine Kopie, dem Künstler Israhel von Meckensen (Meckenheim) zuzuordnen und vermutlich zwischen 1465 und 1470 entstanden sei. Eine Vielzahl seiner Werke befindet sich in Bocholt, wo er zirka 1440 geboren wurde und 1503 starb.

Das Buch ist im Gemeindehaus am Markt, bei Von Poll Immobilien am Europaplatz, beim Tabakwarenhandel Strohm (Inh.: Dietmar Brookmann) an der Bahnhofstraße, bei der Rechtsanwaltskanzlei Weßling, Kambach und Bitzer an der Ecke Sandstiege/Büchereiplatz, beim VVV Stadt & Citymarketing an der Firnhaberstraße, bei Firnhabers Neuland an der Firnhaberstraße und im Buchhandel erhältlich. Der Kaufpreis beträgt 29 Euro. 10 Euro davon fließen in den Erhalt der Alten Kirche am Markt.

Georg H. Pauling, Alte Kirche am Markt – Ein Zeitzeugnis aus 2025 -, Edition Virgines, ISBN 978-3-910246-46-1.

Germaine Krull: Chien Fou – Autorin und Fotografin

Der Nachlass der Fotografin Germaine Krull befindet sich seit 1995 im Museum Folkwang. Er umfasst neben Abzügen, Negativen und Publikationen auch ein umfangreiches publizistisches Œuvre. Dazu gehören (auto)biografische und (auto)fiktionale Texte, (Foto-)Bücher und Maquetten, Briefe und politische Berichte oder Reportagen.

Als erweiterter Zugang zum künstlerischen Vermächtnis Germaine Krulls wird dieses publizistische Œuvre jetzt in wesentlichen Teilen sichtbar. Angesichts der Tatsache, dass das Schreiben sämtliche Schaffensphasen der Künstlerin begleitete, rückt mit dieser Ausrichtung, ergänzend zu den avantgardistischen Arbeiten der 1920-er und 1930-er Jahre, auch die fotografische Praxis jener Schaffensphasen in den Blick, die von der Forschung bisher nur marginal berücksichtigt wurden. Mit dem Werk ab Beginn des Zweiten Weltkriegs, nach der dauerhaften Abkehr von Europa entstanden, eröffnet das Ausstellungs- und Publikationsprojekt „Germaine Krull: Chien Fou – Autorin und Fotografin“, das vom 28. November bis zum 15. März 2026 im Museum Folkwang zu sehen ist, auch eine neue transkulturelle Perspektive auf das Leben und auf die künstlerische Arbeit Germaine Krulls.

Zu Germaine Krull (Beitrag des Deutschlandfunks):

In den 1920er-Jahren prägte Germaine Krull mit ihren Bildreportagen die Fotografiegeschichte. Mit schrägen Perspektiven und Ausschnitten entwickelte sie eine ganz eigene Bildsprache. Ihre Reportagen stehen für eine gesellschaftspolitische Empathie.

1967 in Paris formuliert Germaine Krull das Leitmotiv für ihr fotografisches Lebenswerk: „La photographie en soi n’est pas un art. Mais le photographe devrait être un artiste.“, in deutscher Sprache „Die Fotografie an sich ist keine Kunst – aber der Fotograf sollte ein Künstler sein.“

Geboren am 20. November 1897, bis 1918 ausgebildet an der Lehranstalt für Fotohandwerk in München, dokumentiert sie mit der Kamera den Großstadt-Alltag, entwickelt aber auch einen Sinn für künstlerische Experimente der Avantgarde. Befreundet mit Schriftstellern, Theaterleuten und Filmemachern lebt und arbeitet die Fotografin zunächst in Berlin, dann in Amsterdam und von 1926 an in der französischen Metropole. In der Cinémathèque française entsteht 1967 das einzig erhaltene Tondokument anlässlich einer Ausstellung, die Kulturminister André Malraux persönlich auf den Weg gebracht hat. Auf Glanz und höhere Weihen legt Germaine Krull allerdings keinen Wert, sie betont: „Fotografieren ist ein Beruf. Ein Handwerksberuf.“

Politisches Engagement

Ihren Beruf stellt die Fotografin nach Abschluss der Lehre, 1918, erst einmal hintan und engagiert sich politisch. Aber die Münchener Räterepublik wird blutig niedergeschlagen, Germaine Krull flieht Richtung Moskau. Zurück in Deutschland eröffnet sie 1923 in Berlin ein eigenes Atelier. Aber erst nachdem sie mit dem Dokumentarfilmer Joris Ivens nach Amsterdam gezogen ist und dort ihr Faible für technische Anlagen, für Kaimauern, Kräne und Speicherhäuser entdeckt, gelingt der Durchbruch.

Die Schönheit von Transformatoren

Mittlerweile in Paris angelangt, präsentiert die Fotografin das Portfolio „Métal“. Der Schriftsteller Pierre MacOrlan ist begeistert: „Ob Germaine Krull eine Maschinenlandschaft zur Symphonie umgestaltet oder mit den Lichtern von Paris spielt, sie legt geheime Details bloß.“

Mit Mehrfachbelichtungen oder ebenso sachlichen wie surrealistisch verfremdeten Schwarzweiß-Kompositionen hebt die Fotografin die Schönheit von Kugellagern oder Transformatoren hervor. Ähnlich arbeiten André Kertész, Man Ray und Berenice Abbott, die 1928 mit dem „Ersten unabhängigen Salon der Fotografie“ das Lichtbild als neue, eigenständige Kunstform etablieren.

Germaine Krull ist mit von der Partie, findet allerdings einen ganz eigenen Weg für ihr Metier: „Es ist weder Malerei noch Fantasie. Der Fotograf ist ein Zeuge. Der Zeuge seiner Epoche. Der echte Fotograf ist der Zeuge aller Tage, der Reporter.“

Reportagen mit gesellschaftspolitischer Empathie

Die virtuose Reporterin Germaine Krull wird zur tragenden Säule der Zeitschrift „VU“. Mit ihrem subjektiven Foto-Auge und einer präzis geführten Kamera verschmelzen Temperament und Technik, Kunst und handwerkliches Können. Höhepunkte dieser Verbindung von formaler, ästhetischer Kreativität mit gesellschaftspolitischer Empathie sind Reportagen wie „Die Arbeiterinnen von Paris“. Damit steht Germaine Krull für den Philosophen Walter Benjamin auf ihre ganz eigene Art gleichrangig neben Fotografen wie August Sander oder Wilhelm Bloßfeldt: „Die Fotografen, die nicht zufällig, nicht aus Bequemlichkeit von der bildenden Kunst zum Foto gekommen sind, bilden heute die Avantgarde unter den Fachgenossen.“

Einsatz als Kriegsreporterin

Als hätte sie ihr Ziel damit erreicht, verabschiedet sich Germaine Krull von der Fotografie. Nach dem Einsatz als Kriegsreporterin bei der Befreiung Frankreichs reist sie 1946 durch Südostasien und eröffnet in Bangkok ein Hotel. Erst 1960, um Relikte und Denkmäler asiatischer Kulturen zu dokumentieren, nimmt die mittlerweile erfolgreiche Geschäftsfrau ihre Kamera wieder zur Hand.

Für nachfolgende Fotografen-Generationen hinterlässt Germaine Krull, die 1985 in Wetzlar gestorben ist, einen Rat: „Fotografie ist keine Maschine. Man ist leider an die Maschine gefesselt, an die Kamera, den Film, die Entwicklung. Aber jeder muss sein Bild erspüren. Und dann ein, höchstens zwei Fotos aufnehmen. Einfach nur klick, klick, klick zu machen – das führt zu nichts.“

Nähere Informationen: Museum Folkwang, Museumsplatz 1, 45128 Essen, Telefon +49 2018845000, E-Mail: info@museum-folkwang.essen.de

Stimmen der Zeit – Eine Oral-History

Die Ausstellung „Stimmen der Zeit“, die noch bis zum 4. Januar 2026 im Museum Folkwang in Essen zu sehen ist, bietet einen ungewohnten Zugang zur Geschichte der Fotografie. Erstmals liegt der Fokus auf einer Auswahl von Ton- und Videoaufnahmen aus der Fotografischen Sammlung, die nun öffentlich zugänglich gemacht werden – ergänzt durch Fotografien, historische Mitschnitte, Interviews und Gespräche. Im Mittelpunkt der Schau stehen nicht Bilder, sondern Stimmen, die die Entwicklung des Mediums Fotografie über acht Jahrzehnte hinweg aus subjektiven Perspektiven erzählen.

„Oral History“ beschreibt eine historische Praxis, bei der die Erfahrungen und Erinnerungen Einzelner mündlich geteilt und aufgezeichnet werden. Ziel ist es, Geschichtsschreibung zu demokratisieren und vielfältige Perspektiven hörbar zu machen. Davon inspiriert bringt die Ausstellung eine große Bandbreite an Themen und Stimmen zusammen. Die Gespräche kreisen um Auftragsfotografie, Bildberichterstattung, technologische Veränderungen, Fragen der Ausstellungspraxis, die Institutionalisierung des Mediums sowie die Anerkennung der Fotografie als Kunstform.

Ausgangspunkt von „Stimmen der Zeit“ sind historische und zeitgenössische Ton- und Videoaufzeichnungen aus der Fotografischen Sammlung. Viele dieser Dokumente wurden zuvor als Arbeits- oder Begleitmaterial genutzt und werden nun erstmals in den Mittelpunkt gerückt. Ergänzt wird die Präsentation durch Mitschnitte von Künstlergesprächen, Tagungen, Podcasts sowie Radio- und Fernsehinterviews. Diese Zusammenschau zeigt: Geschichte ist kein statisches Narrativ, sondern ein dynamisches Netzwerk von Stimmen, Sichtweisen und Gesprächen. In drei Kabinetträumen und anhand von acht thematischen Schwerpunkten beleuchtet die Präsentation dabei nicht nur Inhalte, sondern reflektiert kritisch, wer spricht, was und wie erzählt wird. Im Dialog zwischen Generationen und über Jahrzehnte hinweg formt sich ein facettenreiches Bild, das sowohl die Entwicklung des Mediums als auch die individuellen Erinnerungen greifbar macht.

Nähere Informationen: Museum Folkwang, Museumsplatz 1, 45128 Essen, Telefon +49 2018845000, E-Mail: info@museum-folkwang.essen.de

Ausstellung im Museum Folkwang: Dokumentarfotografie Förderpreise 15

Das Museum Folkwang in Essen und die Wüstenrot Stiftung zeigen noch bis zum 4. Januar 2026 neue Arbeiten, die im Rahmen der bereits 15. Preisrunde der Dokumentarfotografie Förderpreise der Wüstenrot Stiftung entstanden sind. Die vier Positionen setzen sich in unterschiedlicher Weise mit bestehenden Sichtweisen auf unsere Welt auseinander, die die Gesellschaft und das Individuum betreffen. Die Strategien und Formen, die hierbei Anwendung finden, bewegen sich zwischen dokumentarisch-fiktionalen und KI-generierten Bildwelten.

Kristina Lenz & Alex Simon Klug (*1992/*1991) arbeiten in your choices should be grounded in reality“(2025) mit öffentlich zugänglichen KI-Generatoren. Durch den Prompt „close-up speaking mouth“ generieren sie unterschiedliche Nahaufnahmen von Lippenbewegungen und verdeutlichen so den Einfluss synthetisch erzeugter Bilder auf unsere Gegenwart. Mit einer archäologischen Herangehensweise dokumentieren sie die Entwicklungsstadien der KI visuell – vergleichbar mit Betonabgüssen, die die Spuren vergangener Schichten sichtbar machen – und zeigen, wie schnell sich KI-Modelle verändern. Dadurch unterliegt ihre künstlerische Arbeit kontinuierlichen Anpassungen.

Nazanin Hafez (*1991) thematisiert in ihrer multimedialen Arbeit Spectators“(2025) Plätze öffentlicher Hinrichtungen im Iran. Sie untersucht wie sich diese dokumentieren lassen, ohne Gewalt zu reproduzieren, und inwiefern die Zuschauenden eine moralische Mitverantwortung tragen. Dafür verwendet sie analoge Farbfotografien, Collagen, bestehend aus Found Footage-Bildmaterial iranischer und internationaler Nachrichtenagenturen, Zeitungen und Social-Media-Beiträge sowie ein Video. Ihre Arbeit adressiert das menschliche Verantwortungsbewusstsein und ruft zu einem reflektierten Umgang mit Medienbildern auf.

In ANT*HOLOGY: De / Bugging the cultural history of ants“(2025) erforscht Malte Uchtmann (*1996) Realitätskonstruktionen durch dokumentarisch-fiktionale Bildstrategien. Die Kulturgeschichte von Ameisen bildet die Grundlage für seine Auseinandersetzung mit menschlichen Gesellschaftsformen. Mit einer raumgreifenden, auf einem Algorithmus basierenden Zweikanal-Videoarbeit hinterfragt er, wie Systeme von Wissen, Ordnung und Repräsentation unsere Wahrnehmung und Verhalten prägen.

Gegenstand der Zweikanal-Videoarbeit Die Dialektik dieser Arbeit“(2025) von Hannah Wolf (*1985) ist die Rüstungsindustrie in Deutschland. Die Künstlerin filmt für ihre Videoarbeit Gebäude von Rüstungsunternehmen im Detail und im Kontext. Durch die dokumentarischen Ansichten von Architekturen macht Wolf auf „die Alltäglichkeit des Nichtalltäglichen“ aufmerksam.

Der begleitende Katalog liegt kostenfrei zur Mitnahme in der Ausstellung aus und kann als digitale Version von der Website der Wüstenrot Stiftung heruntergeladen werden.

Nähere Informationen: Museum Folkwang, Museumsplatz 1, 45128 Essen, Telefon +49 2018845000, E-Mail: info@museum-folkwang.essen.de

Infos zur Stiftung Pierre Bourdieu

Die Stiftung Pierre Bourdieu wurde 2005 in Genf (Schweiz) gegründet. Sie hat zum Zweck, im Sinne des Namensgebers – der seine Forschungen interdisziplinär und international vernetzte – Fächer und Länder übergreifende Debatten der verschiedenen Sozial- und Humanwissenschaften sowohl auf wissenschaftlicher wie auch auf politischer Ebene zu fördern.

Zur Gründung

Die Stiftung beruht auf einem Konzept, an dem der französische Soziologe Pierre Bourdieu wenige Monate vor seinem Tod 2002 mitgearbeitet hatte. Präsident ist der Soziologe Franz Schultheis. Er ist zur Zeit Professor für Soziologie an der Zeppelin Universität Friedrichshafen und Mitglied des „Nationalen Forschungsrates“ der Schweiz und hatte seit 1986 mit Bourdieu im „Centre de sociologie Européenne“ in Paris zusammengearbeitet. Die weiteren Gründungsmitglieder stammen ebenfalls aus dem Umfeld Pierre Bourdieus und haben gemeinsam mit ihm geforscht und publiziert.

Stiftungszweck

Zu den Zielen der Stiftung gehören die möglichst frei zugängliche Weitergabe des Vermächtnisses Bourdieus, dieVerwaltung des fotografischen Archivs, die Unterstützung von Initiativen, die die nationalen Bildungstraditionen von Sozialwissenschaften überschreiten, die Förderung von Interdisziplinarität innerhalb der Sozialwissenschaften, die Organisierung eines kritischen Netzwerkes von Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen. die Unterstützung der Beiträge dieses Netzwerkes gegen eine Vermarktung wissenschaftlicher Beiträge, die Koordination verschiedener wissenschaftlicher und kultureller Projekte, die Herausgabe der Reihe „Schriften“ (Suhrkamp), die Herausgabe der Reihe “Forschen mit Bourdieu” (transkript) und die Organisation der Tagungen “Bourdieu Lectures” in Kooperation mit der Universität Bielefeld, der Zeppelin Universität (Friedrichshafen) und der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Über das Archiv

„Die Fotografien, die Pierre Bourdieu im Rahmen seiner ethnologischen und soziologischen Forschungsarbeiten während des Befreiungskrieges in Algerien gemacht hat, ermöglichen es uns, einen neuen Zugang zu seinem Blick auf die gesellschaftliche Welt zu gewinnen. Diese Fotos, die vierzig Jahre lang in verstaubten Kartons vergraben blieben, zeugen von einer Initiationsreise und einer tief gehenden biographischen Konversion, die den Ausgangspunkt einer außergewöhnlichen wissenschaftlichen und intellektuellen Flugbahn bildeten“ [Franz Schultheis, 2019]

Pierre Bourdieu hat sein gesamtes Archiv an Fotografien, die während seiner Feldforschungsarbeiten in Algerien zwischen 1958 und 1961 und 1961 bis 1962 in Lasseube, Béarn (Frankreich) entstanden sind, der „Stiftung Bourdieu“ und „Camera Austria“ anvertraut, mit dem Ziel sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Bourdieu stand einer Veröffentlichung seiner Fotografien zu Lebzeiten sehr kritisch gegenüber, da er diese nicht als ästhetisch-künstlerische Fotografie missverstanden wissen wollte.

Gemeinsam mit ihm wurde deshalb entschieden, dass diese fotografische Arbeit anlässlich von Publikationen oder Ausstellungen immer nur als untrennbarer Teilaspekt seiner ethnografischen Feldforschungen und in ihrem Dialog mit den jeweils zeitgleich entstanden schriftlichen Zeugnissen verstanden und präsentiert werden sollten. Seit seinem Tod wurden diese Bilder in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Pierre Bourdieu nutzte die Fotografie während seiner frühen Feldforschungen systematisch als Methode, Instrument und Erkenntnisform. Dadurch erweitert er das Forschungs- und Methodenrepertoire der Sozialwissenschaften um originär empirisch-fotografische Bildpraktiken. Bisher war nur ein Bruchteil des Bourdieu´schen Fotoarchivs und der umfangreichen mit ihm korrespondierenden Dokumente in Paris zugänglich. Jetzt erst konnten im Rahmen des DFG-Projekts „Fotografie als Instrument, Methode und Erkenntnisform soziologischer Forschung bei Pierre Bourdieu“ die visuellen Komponenten gesichtet, strukturiert und mit den ethnographischen und soziologischen Studien Bourdieus in Beziehung gesetzt werden. Die erstmalige digitale Archivierung der Fotografien ermöglicht nun allen Anhängern Bourdieus, Forschern, Historikern, die sich für die Kolonialzeit, sowie Revolution in Algerien interessieren, aber selbstverständlich auch Fotografen und Foto-Ästheten freien Zugang zu den Fotografien.

Zu den Hauptaktivitäten der „Fondation Pierre Bourdieu“ zählte bis jetzt die Verwaltung von Bourdieus photographischem Archiv mit Bildern von seiner Forschung in Algerien. Bourdieu übergab diese Bilder der „Fondation Pierre Bourdieu“ und „Camera Austria“. So weit wie möglich am Sinn Bourdieus orientiert, der das Projekt bis zum Herbst 2001 begleiten konnte, wurde unter Kuratorenschaft von Franz Schultheis und Christine Frisinghelli die Wanderausstellung Pierre Bourdieu. In Algerien. Zeugnisse der Entwurzelung konzipiert. Sie war erstmals 2003 im Institut du monde arabe in Paris zu sehen und wandert seither, stets begleitet von Symposien und Konferenzen, die das Erbe und die Relevanz der Theorie und der Methoden (insbesondere der Photographie) Bourdieus diskutieren.

Bisher war das Archiv in den USA, in Algerien und in vielen Ländern Europas zu sehen. Die ausstellungsbegleitende bebilderte Publikation liegt in deutscher und französischer Sprache vor. In der umfangreichen Rezeption der Ausstellung in Fachzeitschriften und der Tagespresse ist zunehmend klar geworden, dass die Arbeiten Bourdieus nicht primär in ihrer ästhetischen Dimension, sondern als visuelle Anthropologie bzw. ethnographisches Primärmaterial zu betrachten sind und einen Zugang zu Bourdieus Gesamtwerk ermöglichen.

2024 wurde das Archiv zurück in “seine Heimat” nach Paris gebracht. Das Centre Pompidou kaufte einen Großteil der Sammlung auf, die sich nun in der Kadinsky Bibliothek am Standort in Paris befinden. Die Bildrechte bleiben weiterhin bei der Fondation Pierre Bourdieu. Durch die Verwaltung der Bildrechte am photographischen Archiv Bourdieus und die Veröffentlichung dieser Zeugnisse will die Stiftung auch in Zukunft dazu beitragen, das intellektuelle Vermächtnis Bourdieus weiterzuverbreiten

Pierre Bourdieu – Leben und Wirken

Pierre Félix Bourdieu (* 1. August 1930 in Denguin; † 23. Januar 2002 in Paris) zählt zu den herausragendsten Vertretern der Sozialwissenschaften des 20. Jahrhunderts.

Nach der Schule begann er ein Philosophie Studium an der Elitehochschule „École normale supérieure“(ENS), wo er 1954 die Agrégation erhielt und anschließend mit einer Dissertation bei Georges Canguilhem begann. 1955 wurde er mit 25 Jahren zum Militärdienst eingezogen. Nur für eine kurze Zeit war er in Versailles stationiert. Aus disziplinarischen Gründen wurde er in den Algerienkrieg einberufen, wo er zunächst beim Bodenpersonal einer Luftwaffeneinheit als Schreibkraft eingesetzt und anschließend zum Nachrichten- und Dokumentationsdienst des Generalgouvernements in Algier versetzt wurde. Dort nutze Bourdieu seinen Zugriff auf die bestausgestatteten Bibliotheken des Landes.

1957 brach er seine Promotion ab, um sich ethnologisch-soziologischer Feldforschung in Algerien zu widmen. Die Methoden der Ethnologie eignete er sich autodidaktisch an. Mit dem Willen die algerische Gesellschaft besser zu verstehen blieb er auch nach seiner Zeit beim Militär in der algerischen Hauptstadt und übernahm eine Dozentur an der „Faculté des lettres“ in Algier. Zwischen 1958 und 1960 führte er Feldforschungen zur Kultur der Berber durch. Dies war unter den Bedingungen des Krieges nicht selten sehr riskant und gefährlich. In der Kabylei arbeitete Bourdieu mit den ansässigen „pères blancs“, katholischen Missionaren aus dem Orden der Afrikamissionare, zusammen. Mit Unterstützung einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern führte er zwei große sozialwissenschaftliche Erhebungen durch. Eine widmete sich dem Arbeitsbegriff im städtischen Umfeld, die andere beschäftigte sich mit den „entwurzelten“ Bauern in den von den Franzosen eingerichteten Umsiedlungslagern.

Bourdieu war zeitlebens ein ungewöhnlicher Denker, der zwischen den Disziplinen und Wissenschaftskulturen wandelte. Als kritischer Intellektueller hinterfragte er den Kolonialkrieg und nahm stets zu allem politisch Stellung. Zu jener Zeit, in der den Kolonisierten nicht nur die wirtschaftliche Rationalität, sondern auch Kultur abgesprochen wurde, versuchte er nicht nur materiell, sondern auch symbolisch die Beherrschten zu rehabilitieren. Das tat er, in dem er ihre Formen der Rationalität herausarbeitete, schriftlich festhielt und somit auch dem Westen (insbesondere den Franzosen) die Möglichkeit gab diese nachzuvollziehen.

In der Zeit zwischen 1958 und 1961 entstanden rund 3000 Fotos, die das Alltagsleben (und dessen Besonderheiten zu Zeiten der Kolonisation und des Krieges) in Algerien. Vereinzelt dienten die Fotos Bourdieu als Titelbilder für seine Bücher oder wurden in den Publikationen zur Anschauung verwendet. Auch wenn bereits 1958 seine erste Publikation „Sociologie de l’Algérie“ erschien. Weitere zunächst nicht publizierte Manuskripte und einige Fachaufsätze folgten. In seinem späteren sehr vielfältigen Oeuvre nahm er immer wieder Bezug auf das nordafrikanische Land, so etwa in seinem berühmten 1972 erschienenen »Entwurf einer Theorie der Praxis auf der Grundlage der kabylischen Gesellschaft« (Esquisse d’une théorie de la pratique. Précédé de Trois études d’ethnologie kabyle).

Pierre Bourdieu schrieb über sein Projekt: „Ich kam als Wehrpflichtiger nach Algerien. Nach zwei recht harten Jahren, in denen von wissenschaftlicher Arbeit keine Rede sein konnte, konnte ich mich wieder dransetzen. Ich begann ein Buch (Sociologie de l’Algérie) zu schreiben mit der Idee, die Realität dieses Landes und die tragische Situation bekannt und greifbar zu machen, in der die Algerier stecken – aber nicht nur sie, auch die Algerier-Franzosen, deren Lage nicht minder dramatisch war, was immer über deren Rassismus etc. zu sagen war. Ich war betroffen über die Kluft zwischen den Vorstellungen der französischen Intellektuellen von diesem Krieg, davon wie er zu beenden sei, und meinen Eindrücken, dem, was ich mit eigenen Augen sah. Ich wollte nützlich sein, vielleicht nur um mein schlechtes Gewissen einzuschläfern. Ich mochte mich nicht mit dem Lesen von Büchern und dem Gang in Bibliotheken begnügen. In einer historischen Situation, in der in jedem Moment, in jeder politischen Erklärung, in jedem Gespräch, in jeder Petition die gesamte Wirklichkeit auf dem Spiel stand, war es absolut notwendig, selber an den Ort des Geschehens zu gehen und sich ein eigenes Bild zu machen – gleichviel wie gefährlich das sein mochte, und es war gefährlich.“ [Bourdieu, 1986, S. 146]

Nach seiner Rückkehr nach Frankreich war Bourdieu von 1960 bis 1961 Assistent von Raymond Arons, der ihn an der philosophischen Fakultät der Sorbonne in seinen Forschungsvorhaben unterstützte. Es folgten Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte in Princeton und am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

1963 publizierte er gemeinsam mit Alain Darbel, Jean-Paul Revet und Claude Seibel Abhandlungen über die Entstehung der Lohnarbeit und eines städtischen Proletariats in Algier (Travail et travailleurs en Algérie).

1964 erschien eine Arbeit über die Krise der traditionellen Landwirtschaft, die Zerstörung der Gesellschaft sowie die Umsiedlungsaktionen durch die französische Armee, die er gemeinsam mit Abdelmalek Sayad verfasst hatte (Le Déracinment).

Viele weitere Werke Bourdieus beziehen sich auf die ethnologischen und soziologischen Forschungsergebnisse in Algerien, insbesondere seine Veröffentlichungen zur Theorie der Praxis (Esquisse d’une théorie de la pratique) auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft im Jahr 1972 und „Sozialer Sinn; Kritik der theoretischen Vernunft (Le Sens pratique) aus dem Jahr 1980, ebenso seine späte Arbeit „Die männliche Herrschaft“ (La domination masculine) von 1998.

Seit 1975 hat er die Forschungsreihe „Actes de la recherche en sciences sociales“ herausgegeben.

1964 wechselte Bourdieu an die „École des hautes études en sciences sociales“ (EHESS), wo er 1968 mit Hilfe Raymond Arons das „Centre de sociologie européenne“ (CSE) gründete, dessen Direktor er 1985 wurde.

Ab 1981 kam Bourdieu in den »Olymp der französischen Wissenschaft und Intelligentsia« und wurde auf einen Lehrstuhl für Soziologie am „Collège de France“ berufen, eine der höchsten Positionen im französischen Universitätssystem. 1993 erhielt er die höchste akademische Auszeichnung, die in Frankreich vergeben wird, die „Médaille d’or des Centre National de Recherche Scientifique“. 1997 wurde ihm der „Ernst-Bloch-Preis“ der Stadt Ludwigshafen verliehen.

Zwischen 2000 und 2002 kam es schließlich zu einem Austausch zwischen Bourdieu, Camera Austria und der Fondation Bourdieu. Daraufhin wurden seine fotografischen Dokumente, die seit Jahrzehnten in Kisten verstaubten, gesichtet, strukturiert und mit den ethnographischen und soziologischen Studien Bourdieus in Beziehung gesetzt. Dieses Vorhaben wird mit Hilfe dieser Webseite und den Werken der im Transcript Verlag erscheinenden Buch-Reihe »Visuelle Formen soziologischer Erkenntnis – Pierre Bourdieu und die Fotografie« weiterentwickelt

Nähere Informationen: Fondation Bourdieu, Rosgartenstrasse 41, 8280 Kreuzlingen, SchweizVerantwortlich für den Inhalt: Prof. Dr. Franz Schultheis, E-Mail franz.schultheis@zu.de, Telefon +41 71 2242930.

Geschlecht – Herrschaft – Visualität – Pierre Bourdieus soziologischer Blick

Die Ausstellung „Geschlecht – Herrschaft – Visualität – Pierre Bourdieus soziologischer Blick“, die vom 15. November bis zum 1. März 2026 in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen ist, zeigt thematisch ausgewählte Fotografien aus dem Nachlass des französischen Soziologen Pierre Bourdieus, die nach seiner Aussage seine wichtigsten theoretischen Konzepte visualisierten.

Bourdieu gehört zu den prägenden Stimmen der internationalen Soziologie des 20. Jahrhunderts. Seine Hauptwerke, wie „Die feinen Unterschiede“ (1979) oder „Das Elend der Welt“ (1997), werden breit rezipiert. Weniger bekannt sind hingegen Bourdieus frühe ethnographische Forschungen in Algerien zwischen 1957 und 1961, die während des algerischen Unabhängigkeitskriegs (1954–1962) unter der französischen Kolonialherrschaft entstanden. Hier begleitet ihn seine Kamera und der Blick durch den Sucher bei vielfältigen empirischen Studien auf Schritt und Tritt.

In hunderten fotografischen Aufnahmen sicherte er die Spuren einer durch koloniale Gewalt zerstörten traditionellen Lebensform und die Folgen der Entwurzelung durch brutale Zwangsumsiedlung breiter Bevölkerungsgruppen. Bourdieus soziologischer Blick richtete sich besonders darauf, wie sich geschlechtsspezifische Alltagspraxen und Rollenbilder in verschiedenen sozialen Kontexten zeigen – etwa bei der Arbeit oder in sozialen Tätigkeiten im privaten und öffentlichen Raum. Diese frühen Beobachtungen von körperlichen und sozialen Verhaltensweisen wurden später zu einer wichtigen Inspirationsquelle für seine Habitus-Theorie und die Studie „Die männliche Herrschaft“. Die Ausstellung arbeitet daher mit einer systematischen Kombination von Bild und Text, um diesen Zusammenhang deutlich sichtbar zu machen.

Am 19. und 20. November finden in der Kunsthalle Bielefeld die ersten „Bourdieu- Lectures“ der Universität Bielefeld statt. Sie bilden eine jährlich stattfindende Symposiumsreihe, die in enger Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld, der Zeppelin Universität (Friedrichshafen), der Pädagogischen Hochschule Freiburg und der „Fondation Pierre Bourdieu“ organisiert und ausgerichtet wird.

Details und Anmeldung finden Interessierte auf der Website der Fondation Bourdieu.

Nähere Informationen: Kunsthalle Bielefeld, Artur-Ladebeck-Straße 5, 33602 Bielefeld, Telefon: 0521 32999500, Fax: 0521 329995050, E-Mail: info@kunsthalle-bielefeld.de. Die Kunsthalle ist am Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr, am Mittwoch von 11 bis 21 Uhr geöffnet.

Industriekultur anderenorts: „Zeche Nachtigall in Witten“

Das Muttental in Witten, in dem das LWL-Museum „Zeche Nachtigall“ liegt, gilt als „Wiege des Ruhrbergbaus“. Anders als der Name des LWL-Industriemuseums vermuten lässt, gibt es dort noch viel mehr zu entdecken als nur die Spuren der ehemaligen Kohlenzeche. Das heutige Museumsgelände wurde im Laufe der Zeit mehrfach umgenutzt.

Alles begann vor über 300 Jahren mit dem Kleinbergbau. Ausgerüstet mit Eimer und Schaufel machten sich zunächst ein paar ortsansässige Bauern auf die Suche nach der nahe an der Erdoberfläche liegenden Kohle. Es folgte der professionelle Stollenbetrieb, der schließlich durch drei Tiefbauschächte mit einer Tiefe von bis zu 450 Metern erweitert wurde. Nachdem der Zechenbetrieb 1892 eingestellt wurde, ließ sich der Unternehmer Wilhelm Dünkelberg auf dem ehemaligen Zechengelände nieder und errichtete dort eine Ziegelei. Vor Ort abgebaut wurden nun der benötigte Schieferton, Sandstein und die Restkohlen, die die Zeche Nachtigall übrigließ.

Erst 1963 wurde der Ziegeleibetrieb eingestellt und der allmähliche Verfall des heutigen Industriekulturdenkmals begann. Zwischenzeitlich wurde das Gelände sogar als Schrottplatz genutzt, bis der Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL) 1979 beschloss, den Ort aufwendig zu restaurieren und ihn für Besucherinnen und Besucher zugänglich zu machen.

Mitglieder der Fotografischen Gesellschaft Osnabrück haben unter anderem die historische Dampfmaschine fotografiert sowie den Ringofen der ehemaligen Ziegelei Dünkelberg mit ihrem markanten Schornstein.

Die Ausstellung „Zeche Nachtigall in Witten“, die noch bis zum 25. Januar 2026 zu sehen ist, ist Teil der Reihe „Industriekultur andernorts“ im Museum für Industriekultur (MIK) in Osnabrück. Diese präsentiert in unregelmäßigen Abständen Impressionen von Industriekulturlandschaften anderer Regionen und ermöglicht so interessante Vergleiche mit den Gegebenheiten vor der eigenen Haustür am Piesberg.

Nähere Informationen: MIK – Museum Industriekultur Osnabrück, Fürstenauer Weg 171, 49090 Osnabrück, E-Mail: info@mik-osnabrueck.de

Kulturtipp: Wolfgang Tillmanns in Remscheid

Einer der bedeutendsten zeitgenössischen Fotografen weltweit, Wolfgang Tillmans (*1968, in Remscheid), präsentiert auf 600 Quadratmetern eine Ausstellung mit seinen Werken in Remscheid im frisch sanierten Haus Cleff neben dem Werkzeugmuseum.

Im Tillmans-Jahr 2025 mit Großprojekten im Albertinum Dresden und dem Centre Pompidou, Paris, bietet die Ausstellung in der Geburtsstadt des Künstlers mit originärem Ortsbezug und ihren biografischen Verflechtungen eine ganz neue Perspektive auf sein künstlerisches Schaffen. Tillmans zeigt im Haus Cleff eine Gesamtinstallation mit Fotografien und Videoprojektionen in 30 Räumen auf drei Etagen.

Ein Besuch lohnt sich wegen der Ausstellung, aber auch das sanierte historische Rathaus als Ausstellungsort ist sehenswert und wer noch Lust hat, kann einen Rundgang durch das Deutsche Werkzeugmuseum auf gleichem Gelände machen. Die Ausstellung wird noch bis zum 4. Januar 2026 gezeigt.

Wolfgang Tillmans gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der zeitgenössischen Fotografie. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Porträt, Abstraktion und gesellschaftlicher Reflexion – stets mit einem einzigartigen Gespür für das Sichtbare und das Unsichtbare.

Schon als Jugendlicher entdeckte Tillmans seine Leidenschaft für die Fotografie. Nach ersten Experimenten mit Fotokopien zog er nach England, wo ihn die pulsierende Club- und Kunstszene der 1990er prägte. Seine ungestellten Porträts von Freundinnen und Freunden, Liebenden und Partys erschienen in Magazinen wie „i-D“ und „Spex“ – und machten ihn bekannt als den Fotografen einer Generation.

Tillmans hat die klassische Fotografie radikal erweitert. Er hängt Bilder ohne Rahmen an die Wand, kombiniert große und kleine Formate und lässt Alltagsszenen neben abstrakte Farbverläufe treten. Mit Werkreihen wie „Freischwimmer“, „Silver“ oder „Blushes“ erschafft er farbige, fast malerische Kompositionen – ohne Kamera, direkt auf Fotopapier. So wird Fotografie für ihn zu einem Experiment mit Licht, Chemie und Zufall.

In seiner Serie „Neue Welt“ (ab 2009) widmet sich Tillmans der digitalen Fotografie. Er reist um den Globus, fotografiert Menschen, Städte und Landschaften – und untersucht, wie sich durch Technik unser Sehen verändert. Seine Fotos erzählen weniger von Motiven als von Wahrnehmung selbst.

Tillmans nutzt Fotografie als gesellschaftliches Werkzeug. Mit Projekten wie dem „truth study center“ stellt er Fragen nach Wahrheit, Medien und Verantwortung. Er engagiert sich gegen Nationalismus und für Vielfalt – und bringt auch persönliche Themen wie seine HIV-Erkrankung offen in seine Kunst ein.

Im Jahr 2000 gewann Wolfgang Tillmans als erster Fotograf den Turner Prize – eine Sensation in der Kunstwelt. 2015 folgte der renommierte „Hasselblad Award“. Seine Werke hängen heute in bedeutenden Museen wie dem „MoMA“ New York, der „Tate Modern“ London und dem Museum „Ludwig“ Köln. Neben seiner künstlerischen Arbeit lehrte er an der Städelschule Frankfurt und betreibt in Berlin den Projektraum „Between Bridges“, der sich sozial engagierter Kunst widmet.

Nähere Informationen: Haus Cleff, Cleffstraße 2-6, 42855 Remscheid, E-Mail: mail@haus-cleff.de, Internet: http://www.haus-cleff.de

Deutscher Friedenspreis für Fotografie 2025 und Felix Schoeller Photo Award 2025

Im Museumsquartier Osnabrück werden die ausgezeichneten und nominierten Arbeiten des „Deutschen Friedenspreises für Fotografie 2025“ und des „Felix Schoeller Photo Award 2025“ präsentiert. Die Ausstellung dokumentiert die Vielfalt zeitgenössischer Fotografie und wie eindrucksvoll sie gesellschaftliche Entwicklungen, Fragen nach Verantwortung und die Suche nach Frieden sichtbar machen kann.

Der Deutsche Friedenspreis für Fotografie, gemeinsam vergeben von der Stadt Osnabrück und der Felix Schoeller Group, zeichnet künstlerische Positionen aus, die sich in besonderer Weise mit dem Thema Frieden auseinandersetzen. 2025 erhielt Maximilian Mann den Preis für seine Serie „Letzte Rettung Oberhausen“. Die Arbeit porträtiert Menschen, die in einer stillgelegten Zeche Zuflucht gefunden haben, und überzeugte die Jury durch ihren sensiblen, dokumentarischen Blick. Mann setzte sich damit gegen Bewerbungen aus 88 Ländern durch.
Der Felix Schoeller Photo Award wurde in diesem Jahr in zwei Kategorien vergeben. In der Kategorie „Nachhaltigkeit“ ging der Preis an den deutsch-mexikanischen Fotojournalisten Axel Javier Sulzbacher für seine Serie „Green Dystopia“, die sich mit den ökologischen und sozialen Auswirkungen technologischen Fortschritts auseinandersetzt.

In der Kategorie „Nachwuchs“ wurde die in Frankfurt und Berlin lebende Künstlerin Verdiana Albano für ihre Arbeit „I ain’t from no east coast“ ausgezeichnet, in der sie Fragen von Identität, Zugehörigkeit und kulturellem Erbe untersucht.

Die Ausstellung vereint alle prämierten und nominierten Serien beider Wettbewerbe und bietet einen aktuellen Einblick in die internationale Fotografie. Die gezeigten Arbeiten verdeutlichen, wie Fotografie über das Sichtbare hinausweist und neue Perspektiven auf globale Zusammenhänge eröffnet.

Gezeigt werden alle Arbeiten der Fotografinnen und Fotografen – beim persönlichen Besuch entfalten die Originale ihre volle Ausdruckskraft und Wirkung.

Öffentlichen Führungen durch die Ausstellung werden jeweils Sonntags, 26. Oktober, 30. November, 25. Januar 2026 und 22. Februar um 15.30 Uhr angeboten.

Zum Foto „Letzte Rettung Oberhausen“ von Maximilian Mann

Im Ruhrgebiet liegt ein besonderer Ort, an dem die globalen Krisen und Konflikte dieser Welt eine erschreckende Nähe gewinnen: das Friedensdorf Oberhausen. Hier manifestieren sich die Folgen von Krieg und Gewalt in Gesichtern – gezeichnet von Brandnarben, Verletzungen und Schmerz. Es sind die Gesichter von Kindern, die noch keine Jugendlichen sind und doch bereits das Schlimmste durchlebt haben.
Doch dieser Ort ist keiner der Resignation, sondern einer des Neuanfangs. Durch medizinische Versorgung und das Engagement ehrenamtlicher Ärztinnen und Ärzte erhalten die Kinder nicht nur körperliche Heilung, sondern auch eine Perspektive – einen Moment des unbeschwerten Lachens, einen Schritt zurück ins Leben.

Nähere Informationen: Museumsquartier, Lotter Straße 2, 49078 Osnabrück, E-Mail: museum@osnabrueck.de, Telefon: 0541 323-2207 oder 0541 323-2237.

Nachtrag zum DKM Museum

Wie auf dieser Seite in einem vorherigen Artikel zum DKM-Museum in Duisburg schon erwähnt, werden in der dortigen Sammlung fünf Bereiche vereint: zeitgenössische Kunst seit den 1960er Jahren, alte und aktuelle Kunst vom Orient bis Fernost, Kunst aus Alt-Ägypten, Gefäße aus 5.000 Jahren Kulturgeschichte sowie klassische und zeitgenössische Fotografie.

Hier soll etwas näher darauf eingegangen werden.

Neue Kunst:

Das Sammeln aktueller Kunst setzt Mitte der 1960-er Jahre ein und dauert bis heute an. Dabei richtet sich das Interesse zunächst auf konkrete, später auch auf konzeptuelle Kunst. Die Zuneigung zu plastischen Werken und Rauminstallationen übertrifft diejenige zu gemalten Bildern. Farben finden sich eher als annähernd monochrome Farbfeldmalerei denn als malerische Farbtonmodulation. In Graphik und Zeichnung dominieren die Linie oder die klare Farbfläche.

Etwa ein Drittel des Werks von Ernst Hermanns, des einzigen Bildhauers der 1948 in Recklinghausen gegründeten Gruppe „junger Westen“, befindet sich in der Sammlung DKM. Sein künstlerischer Weg vom Informel zur konkreten Kunst ist nachvollziehbar zu sehen. Als ein Hauptwerk wird der «Düsseldorfer Raum» (1994) dargeboten.

Zur konkreten Kunst tragen die Schweizer Gottfried Honegger als Maler und Plastiker, Peter Stein als Maler und Zeichner sowie Hugo Suter als Plastiker ebenso bei wie Erich Reusch mit einer Bodenskulptur aus Stahlblöcken und mit Rußkästen, Ulrich Erben mit Farbfeldbildern und Alf Schuler mit einer Skulptur, die von der Schwerkraft mit geformt wird.

Von Norbert Kricke stammen zwei kleine plastische Arbeiten sowie eine Reihe von Zeichnungen, darunter sechs Blätter wie ein letztes Ausatmen, die kurz vor seinem Tod entstanden sind. Eine Stahlplastik von Otto Boll in Form eines zu den Enden spitz auslaufenden Kreissegments schreibt imaginär einen kompletten Kreis in den Raum.

Tadaaki Kuwayama ist mit monochromen Farbfeldern vertreten, Bernd Minnich hingegen mit einer sehr atmosphärischen Arbeit in Weiß, Gelb und Gold in einem gestreckten Querrechteck. Qiu Shi-Huas große, weiße Leinwand lässt gleichwohl eine Landschaft wie aus Nebeln auftauchen. Auf der Grenze zwischen gegenstandsfreier und abbildlicher Darstellung bewegen sich die aus der Linie lebenden Tiefdrucke von Ben Nicholson (1966/67).

Felsspaltende Kräfte manifestieren die Skulpturen von Ulrich Rückriem, der gleichzeitig den Gegensatz von polierten Flächen und natürlichen Oberflächen ausspielt. Von Rückriem stammt auch eine Reihe von Bildern mit dem Titel «Damenthema». Giuseppe Spagnulos Arbeit veranschaulicht Stahl aufbrechende Kräfte.

Spielarten konzeptueller Kunst bieten die Chinesen Ai Weiwei, Yin Xiuzhen und Song Dong, die Japaner Yuji Takeoka, Hayato Goto und Katsuhito Nishikawa, die Koreaner Jai Young Park und Lee Ufan, die Engländer Hamish Fulton und Richard Long, die Deutschen Christiane Möbus, Dorothee von Windheim, Raimund Kummer, Thomas Virnich und Nikolaus Koliusis.

Acht der 1001 Stühle («fairy-tales»), die Ai Weiwei zusammen mit gleich vielen Chinesen zur 12. Documenta 2007 nach Kassel gebracht hat, sind in die Sammlung gelangt, zudem «coloured vases», 39 neolithische Gefäße (2000/3000 BCE.), die durch Eintauchen in Industriefarbe bunt gefärbt sind, so dass sie nichts von ihrer Jahrtausende alten Geschichte berichten können. Yin Xiuzhens Installation «Peking-Oper» versetzt den Betrachter/Zuhörer in chinesische Alltagsszenen. Song Dongs Installation «Schreibe deine Botschaft mit Wasser» lädt dazu ein, Gedanken mit Pinsel und Wasser einer Steinplatte anzuvertrauen. Yuji Takeoka verwandelt Sockel, Podeste, Vitrinen, Schranken als Elemente musealer Präsentationen in eigenständig wirkende Formen, die die Aufmerksamkeit auf die Leere richten, auf das Abwesende, das als Energie aber spürbar wird. Katsuhito Nishikawas «Physalis» bildet nicht die Frucht nach, sondern überträgt deren Form durch gigantische Vergrößerung in autonome Skulptur.

Hayato Gotos Skulpturen in Form von Booten weisen auf übertragene Inhalte wie etwa jenes mit kunstvoll gefügtem Geäst, das den Titel «people» trägt. Hamish Fulton und Richard Long, Protagonisten der Land Art, lassen den Betrachter an Wanderungen teilnehmen, entweder durch einen poetisch beschreibenden Satz oder durch Serien von Zeichnungen oder Photographien, die auch die zeitliche Dimension veranschaulichen, oder durch Material, das unterwegs gesammelt und zu einem Steinkreis geformt wurde. Christiane Möbus‘ Werke lassen Humor durchblitzen: «Knochenarbeit» reiht Markknochenstücke zu einer Kette oder «Einer von Vieren» zeigt einen ausgestopften Flamingo unter einem Tisch mit vier Feldern dicht über dem Boden und mit einer schräg gestellten, gläsernen Platte. Es fragt sich: sind drei Flamingos entschwunden?

Thomas Virnich vermittelt bei seinem Werk «Von der Schule bis zur Kirche» eine Vorstellung von der Situation von seinem Atelier in einer ehemaligen Schule über mehrere Häuser bis zur Kirche, wobei auch das Innere der Häuser vom Dach bis zum Keller einzusehen ist. Seine Skulptur «Großer Pott» besteht aus zwei Teilen, die sich aufeinander beziehen: aus einem alten, leeren Kupferkessel und aus mehreren Stücken gebrannten Tons, die zu einer plastischen Form entsprechend dem Kesselvolumen zusammengesetzt sind.

In der Neuen Kunst bildet die Fotographie einen eigenen Sammlungsbereich, dessen Radius Reisefotographien des 19. Jahrhunderts aus Ägypten und Japan ebenso einschließt wie die zeitgenössische eines Wolfgang Volz oder Jaroslav Poncar, ferner die klassische Fotographie in großer Breite mit Namen wie Albert Renger-Patzsch, Adolf Lazi, Herbert List bis Bernd und Hilla Becher und Candida Höfer. Aktuelle Positionen vertreten der Koreaner Kyungwoo Chung, die Japaner Ruiji Miyamoto und Kazuo Katase, die Deutschen Robert Voit, Claudia Terstappen und Ulrich Tillmann, dessen Arbeit «Meditationen» zum Logo des Museum DKM avanciert ist.

Die Sammlungsbereiche Neue Kunst und Fotographie, die weit umfänglicher als hier beschrieben und im Museum DKM ausgestellt sind, wachsen kontinuierlich weiter.

Alte Kunst:

Der Bereich Alte Kunst ist in der Sammlung DKM in großer Breite vertreten: von der klassischen, griechisch-römischen Antike, über Kunsthandwerk und Kunst des alten Ägypten, Tiergefäße und Bronzen von Amlash im Nordwesten des heutigen Iran, bis zu Statuen, Statuenfragmenten und Reliefs aus Gandhāra (Pakistan/Afghanistan) sowie einigen Werken aus Indien. Der Radius reicht weiter: die Sammlung umfasst auch Buddha-Köpfe und -Büsten aus Ayutthaya, der alten Hauptstadt von Siam (Thailand), Keramik und Skulpturen der Khmer in Kambodscha, vor allem aber zahlreiche Statuetten, Statuen, Statuenfragmente, Ahnenbilder, Gelehrtensteine, Porzellane aus China, wobei der Schwerpunkt auf Werken der Han-, Wei-, Nördlichen Chi- und Tang-Dynastie (206 vor unserer Zeitrechnung – 968 nach unserer Zeitrechnung) liegt. Japanische Kunst beschränkt sich im Wesentlichen auf das 19. Jahrhundert.

Die klassische Antike ist mit wenigen Werken (Fragmenten von Marmorstatuen und Keramik) in der Sammlung repräsentiert. Stärker ist der Fokus auf alte ägyptische Kunst gerichtet. Der größere Teil des Bestandes ist dem Antikenmuseum und Sammlung Ludwig in Basel/CH als Dauerleihgabe überlassen, darunter das Relieffragment (Kopf) eines Beamten (Altes Reich, 2345 – 2181 vor unserer Zeitrechnung), das Fragment (Beine) einer Statuette des Amenophis’ III. (Neues Reich, 18. Dynastie, 1423 – 1365 vor unserer Zeitrechnung) und ein bronzener Apis-Stier (Spätzeit, 5. bis 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung), während im Museum DKM einige Gefäße aus verschiedenen Steinen (bis zu 3000 vor unserer Zeitrechnung), eine Osiris-Statuette und mehrere Ibis-Sarkophage gezeigt werden, sowie, als Rarität, ein kupferner Sarkophag für eine Spitzmaus (400–300 vor unserer Zeitrechnung). Die Tongefäße in Gestalt von Tieren oder Tierköpfen sowie die Tiergestalten in einer Kupferlegierung aus der Zeit von 1250 bis zum 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, aus dem Bereich der Stadt Amlash (Provinz Gilan), haben sicherlich kultische Aspekte als Voraussetzung für ihre Entstehung.

Die Sammlung umfasst mehrere Statuen und Statuenfragmente des Buddha und des Bodhisattwa, dazu eine Reihe von szenischen Reliefs zum Leben des Buddha, eine kleine, in ihre Teile zerlegte Stupa sowie verschiedene fein gearbeitete Gefäße aus Stein. Der hellenistische Einfluss macht sich im ponderierten Stand von Figuren wie auch in einem harten Schnitt von Nase, Brauen, Augenlidern und auch der Lippen bemerkbar.

Aus Indien stammt ein „linga“ aus dem 11. bis 12. Jahrhundert. Es ist ein Pfeiler, der im unteren Teil quaderförmig, im mittleren oktogonal und im oberen rund ist. Während unteres und mittleres Drittel grob behauen sind, ist das obere Drittel fein poliert und mit den Hochreliefs von vier Köpfen geschmückt. Alle vier Köpfe mit einem dritten Auge auf der Stirn zeigen „Śiva“, der gekrönte Kopf in seinem Furcht erregenden Aspekt als „Aghora“.

Das aufgetürmte Haar der anderen drei Köpfe symbolisiert „Śiva“ als „Mahāyogin“ und als „dhurjattin“ (’der eine Last in den Haaren trägt’). Das „Linga“ kann die Form eines Phallus annehmen, um die lebenserzeugende Kraft Śivas zu veranschaulichen. Überdies gehören zwei Fenstergitter (Jali) aus der Zeit um 1700, der Mogul-Periode, zur Sammlung.

Eine Photographie von Gundlach zeigt den Kopf eines jungen Kambodschaners neben dem Kopf einer alten Khmer-Statue. Es ist überraschend zu sehen, dass der Menschenschlag des historischen Khmer-Reichs vom 9. bis 15. Jahrhundert mit dem Zentrum Angkor Wat sich offenkundig bis heute in der Region gehalten hat: beide Gesichter mit breiter Stirn, schweren Wangenknochen und ausladendem Kiefer stimmen im fast quadratischen Gesichtsumriss überein. Neben zahlreichen Gefäßen und Gefäßfragmenten (Elefantenköpfen) besitzt die Sammlung auch einige Steinskulpturen.

Die Sammlung japanischer Kunst umfasst die Statue eines Shinto-Priesters aus dem 12. Jahrhundert, einen Hausaltar mit dem Bodhisattwa Jizô aus dem 18. Jahrhundert und Keramiken, Rollbilder, Paravents, Kalligraphien aus dem 19. Jahrhundert. Unter den Rollbildern, Keramiken und Kalligraphien finden sich viele von der Hand der Otagaki Rengetsu, einer bemerkenswerten Frau (1791 – 1875), die als Dichterin und Malerin hervorgetreten und mit 40 Jahren Nonne geworden, aber weiterhin als Künstlerin tätig geblieben ist.

In der Sammlung Alter Kunst kommt der chinesischen Kunst die größte Bedeutung zu, aufgrund der Vielzahl der Werke, der unterschiedlichen Gattungen und der Qualität der Objekte. Aus der Zeit der Han-Dynastie (206 vor unserer Zeitrechnung – 220 nach unserer Zeitrechnung) stammen ein Zug mit 15 Reitern sowie eine Reihe von 16 Fußsoldaten. Die Han-Dynastie, die China über 400 Jahre und damit am längsten regierte und dem Land wirtschaftlich und kulturell eine Blütezeit bescherte, hat den großen Reichseiniger und ersten Kaiser Qin Shihuang Di (221 – 210 vor unserer Zeitrechnung) beerbt, dessen Qin-Dynastie bald nach ihm 206 vor Christi erlosch. Die Han-Dynastie übernahm ein geeintes Reich mit einheitlichen Gesetzen, verwaltet von geschulten, gelehrten Beamten, erschlossen durch ein verzweigtes Straßennetz mit genormter Wagenspur, ausgestattet mit einheitlichen Maßen und Gewichten. Die für alle geltende weltanschauliche Basis war der Konfuzianismus, eine Staatsethik der Loyalität und Pietät, der Über- und Unterordnung, die der Oberschicht auch im Jenseits die Weiterführung des Ranges im Leben garantierte. Der Ahnen- und Totenkult war somit ein Privileg der Elite.

Nach der Han-Zeit zerbrach das Reich. Gleichzeitig begann der Buddhismus im 3. Jahrhundert, sich auf sanfte Weise in China zu verbreiten. Seine Klöster bildeten geistige, kulturelle und wirtschaftliche Zentren. Der Buddhismus fand großen Zulauf als individuelle Heilslehre, die den Menschen zur Reinheit des „nirvāna“ läutern wollte. Der Buddhismus blieb etwa ein Jahrtausend in China, wurde während der Tang- und Song-Dynastie (618 – 907, 960 – 1279 nach unserer Zeitrechnung) gewaltsam zurückgedrängt und schließlich ausgelöscht. Seine Blütezeit erreichte der Buddhismus zur Zeit der Nördlichen Qi-Dynastie (550 – 577 nach unserer Zeitrechnung) und der Sui-Dynastie (581 – 618 nach unserer Zeitrechnung), die das chinesische Reich wieder einte.

Buddha-Statuen und –Köpfe aus Kalkstein in großer Zahl und von bezaubernder Schönheit umfasst die Sammlung, darunter einen monumentalen Buddha-Kopf aus weißem Marmor (90 cm Höhe) mit Spuren farbiger Fassung.

Aus der Wei-Dynastie (386 – 550 nach unserer Zeitrechnung), die nur einen Teil des Reiches beherrschte, stammt ein Zug mit 53 Figuren aus einer Grabbeigabe – in der konfuzianischen Tradition der Han-Dynastie –, die in der hohen Beamtenschaft und im Militär überdauerte und zur Tang- und Song-Zeit den Buddhismus bekämpfte. Aus der Tang-Dynastie besitzt die Sammlung hervorragende Werke: die Statue eines Tempelwächters mit furchterregender Mimik und Tierskulpturen aus Ton von großer Realitätsnähe.

Seit der Song-Zeit sind Gelehrtensteine überliefert, Objekte des sinnenden Betrachtens und des Wanderns der Augen in einer Miniaturlandschaft, die auf flachen Holzsockeln lagern. Die Exemplare in der Sammlung datieren aus der Qing-Dynastie (18. bis 19. Jahrhundert). Aus dieser Zeit stammen auch mehrere großformatige Rollbilder mit Ahnenportraits hoch- und höchstgestellter Personen in prachtvollen, zeremoniellen Gewändern. Überdies hat die Sammlung auch einige historische Möbel erworben. Eine Vielzahl von Porzellanen seit der Song-Zeit rundet die Vorstellung von chinesischer Kultur in der Sammlung ab. Diese Porzellane zeichnen sich durch eine hohe Formvollendung aus, die das Design bis in die heutige Zeit in den besten Fällen nachdrücklich beeinflusst.

Nähere Informationen: Museum DKM, Güntherstraße 13–15, 47051 Duisburg-Dellviertel, Telefon: +49 203 9355547–0, E-Mail: mail@museum-dkm.de