Wissenswertes aus der Grafschaft Bentheim

Auf eine weitere Entdeckungsreise durch die Grafschaft Bentheim laden die Autoren des Bentheimer Jahrbuches 2026 ein, das vor Kurzem in den Räumlichkeiten des Kreis- und Kommunalarchives an der Nino-Allee in Nordhorn offiziell vorgestellt wurde.

Geboten wird auf über 300 Seiten eine abwechslungsreiche Mischung aus heimatkundlichen Betrachtungen über Natur und Landschaft bis hin zu Erinnerungen aus Geschichte und Zeitgeschehen; und auch die plattdeutsche Sprache findet ihren festen Platz mit Geschichten und Gedichten.

Was diese Ausgabe wie auch die der Vergangenheit ausmacht, ist der tiefere Blick, den die Autorinnen und Autoren auf die Themen ihrer Artikel geworfen haben. Was für den Außenstehenden beispielsweise nur ein historisches Gebäude mit hohen Mauern ist, wird durch die Lektüre des Bentheimer Jahrbuches zu einem Ort der Geschichte und vieler spannender Geschichten, die sich dahinter verbergen.

Wer heute beim Gymnasium Nordhorn am Stadtring vorbeifährt, wird es für eine Selbstverständlichkeit halten, dass eine Kreisstadt mit über 50.000 Einwohnern über eine höhere Schule verfügt. Dass Nordhorn aber nicht immer die heutige Bedeutung hatte und eine höhere Schule vor Ort nicht selbstverständlich war, lässt sich im Artikel „100 Jahre Gymnasium – Wie es im Jahre 1925 zur Gründung kam“ von Jan Leutnantsmeyer, ehemaliger Lehrer und Oberstudienkoordinator am Gymnasium Nordhorn, nachlesen.

Welcher Wandel sich in einem Gebäude vom Bau in den 1930-er Jahren bis in die Gegenwart entwickeln kann, belegt der Artikel „Vom Lichtspielhaus zum Kulturtempel“ über das Capitol an der Neuenhauser Straße in Nordhorn. Autor Andreas Meistermann skizziert die Geschichte von der Gründung als Kino im Jahre 1939 über die Schließung im Jahre 2013 bis hin zur Renovierung, Sanierung und Umgestaltung zu einem Ort für Kulturveranstaltungen unterschiedlichster Art sowie zur erfolgreichen Neueröffnung im Jahre 2024.

Noch länger zurück liegt die Gründung des Klosters Frenswegen. Der Historiker Dr. Werner Rohr lenkt in seinem Artikel aber den Blick auf die Gründung der Stiftung Kloster Frenswegen vor 50 Jahren, mit der das Gebäude vor dem dauerhaften Verfall bewahrt und einer Neunutzung als ökumenischer Bildungs- und Begegnungsstätte zugeführt werden konnte.

Was diesem Artikel eine gewisse Würze verleiht, ist die deutliche Kritik, die Rohr an der vor 50 Jahren beschlossenen Satzung übt, in der die beteiligten Stifter vom Fürstlichen Haus bis zu den Kirchen im Falle anstehender Verbindlichkeiten von jeglicher Nachschusspflicht befreit waren. Damit verbunden ist eine schwache finanzielle Ausstattung vonseiten der Stiftung, die bis heute immer wieder zu großen Problemen führt, wenn unter anderem Sanierungs- und Renovierungsarbeiten durchgeführt werden müssen.

Wer es noch nicht gesehen und davon noch nichts gehört und gelesen hat, wird zunächst etwas verwundert sein. Die Rede ist vom neuen Wehrgang an der historischen Stadtmauer am Beginn der Mauerstraße in Schüttorf. Was auf den ersten Blick wie eine Kulisse für einen mittelalterlichen Film aussieht, basiert auf einer Idee von Floris Kröner vom Heimatverein Schüttorf, Gerd-Ludwig Hienz, Vorsitzender des Heimatvereins Samtgemeinde Schüttorf und der Autorin des Artikels „Ein Denkmal für die Zukunft – Der Wehrgang an der historischen Schüttorfer Stadtmauer“, Elke Bischop-Stentenbach, die sich durch ihr Engagement für die Geschichte der Grafschaft Bentheim einen Namen gemacht hat.

Wie sie erläutert, war es das Ziel, mit dem Bau des Wehrgangs, „ein Stück Geschichte und die Bedeutung der Stadtmauer in die Köpfe der Menschen“ zurückzuholen. Des weiteren geht sie auf vom Heimatverein geplante Aktivitäten in Verbindung mit dem Wehrgang und auf die historischen Gründe ein, die im 14. Jahrhundert zum Bau einer Stadtmauer in Schüttorf führten.

Kritische Anmerkungen zur Kommerzialisierung der niedersächsischen Archäologie durch private Grabungsfirmen, die auch in der Grafschaft Bentheim zum Zuge gekommen sind, bestimmen einen Artikel von Dr. Christoph Otto, Projekt- und Grabungsleiter für archäologische Maßnahmen und Lehrbeauftragter an der Universität Münster. Seine Befürchtungen betreffen die Gewinn-Orientierung der beteiligten Unternehmen und den wirtschaftliche Druck, dem diese durch knappe Mittel, begrenzte Zeitfenster und Fachkräftemangel ausgesetzt sind.

Wer mehr über die im Volksmund „Poaschebarg“ oder „Osterberg“ genannte Erhebung an einem Altarm der Vechte bei Neuenhaus wissen will, sollte sich den von Elke Bischop-Stentenbach und Matthias Bollmer geschriebenen Artikel „Hatte die Turmhügelburg Grasdorf eine Vorburg – Georeferenzierte Radarprospektion am „Poaschebarg“ durchlesen.

Das Thema Archäologie in der Grafschaft Bentheim greift Dr. Otto in einem weiteren Artikel auf. Darin geht es um eine Untersuchung auf dem Zebelinger Esch am Nordrand der Stadt Schüttorf und um die Frage, ob dort eine Burg existiert hat.

Mit dem Thema „Von Ehehindernissen und Dispensen – Zur Rechtsprechung des Oberkirchenrats der Grafschaft Bentheim in Ehesachen“ beschäftigt sich Dr. Heinrich Voort, langjähriger Vorsitzender des Heimatvereins Grafschaft Bentheim. Er blickt in seinen Ausführungen zurück in das 17. Jahrhundert, in dem sowohl der Fürst als auch hohe Vertreter der Verwaltung großen Einfluss auf das Privatleben der Menschen hatten. Wie Voort ausführt, wurde ein vierköpfiges Gremium bestimmt, „gotsförchtige, verständige und erfahrne“ Männer, die sich neben vielen anderen Aufgaben auch um „streitige Ehesachen“ zu kümmern hatten. Dazu gehörten unter anderem gebrochene Eheversprechen, voreheliche Schwängerung und eine bestrittene Vaterschaft. Ein weiteres Thema: der Grad der Blutsverwandschaft. Auf einige Fälle dieser Art und die Veränderungen und Zuständigkeiten in diesem Bereich, die sich nach dem Übertritt des Grafen Ernst Wilhelm zu Bentheim im Jahre 1668 zum katholischen Glauben und weitere geschichtliche Ereignisse wie die Besetzung deutscher Gebiete durch Napoleon I ergeben, geht Dr. Voort in seinem Beitrag zum Bentheimer Jahrbuch ein.

In einem weiteren Beitrag skizziert er den Wandel, der sich bei der Zuständigkeit im Schulwesen vom 18. bis 20. Jahrhundert vollzogen hat, die lange Zeit in den Händen der Kirche lag, bis nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch der Monarchie die Überführung des Schul- und Bildungswesens in staatliche Verantwortung vollzogen wurde.

Mit Bedauern werden viele Radfahrer auf die Schließung von „Arnolds Bauerncafé“ im Jahre 2022 zurückblicken. Dass sich hinter dem zum ehemaligen Bauerncafé gehörenden Hof eine 1200-jährige Geschichte mit vielen Drehungen und Wendungen verbirgt, wissen wohl nur die Wenigsten. Nachzulesen ist das im Artikel „Vom Vollerbhof zum Bauerhocafé – Die 1200-jährige Geschichte des Hofes Stegemann in Samern“ aus berufenem Namen. Geschrieben wurde er von Anne Hartgering, Schwester von Arnold und die Tochter von Marie und Hermann Hartgering.

Auf „Motivsuche in Bentheim“ lädt Helmut Schönrock ein. Der ehemalige Lehrer und aktuell als Kurator für das Museum am Herrenberg in Bad Bentheim tätige Autor beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Darstellung der Bentheimer und Gildehauser Steinbrüche in den Bildern des niederländischen Landschaftsmalers Jacob van Ruisdaels.

Um 1650 hat Ruisdael auch die Grafschaft Bentheim bereist. In den folgenden Jahren malte er in seinem heimischen Atelier unter anderem mehrere Ansichten von der Burg Bentheim. Ein von etwa 1655 stammendes Burg-Gemälde Ruisdaels, das in der Burg Bentheim zu sehen ist, wurde erst 1988 wiederentdeckt. Der Landkreis Grafschaft Bentheim ersteigerte es während einer Auktion und stellte es 23 Jahre lang im Kloster Frenswegen in Nordhorn aus. Erst 2012 kam es im Rahmen der Kunstaktion „raumsichten“ an den Ort, den es zum Motiv hat: die Burg Bentheim. Weitere seiner Gemälde von Burg Bentheim sind unter anderem im Reichsmuseum Amsterdam und in der Nationalgalerie Dublin ausgestellt.

Auf Spurensuche hat sich Wilhelm Hoon begeben und sich der Frage gestellt, wie die Burg in Lage vor 400 Jahren aussah. Ausgangspunkt seines Artikels ist eine Zeichnung des Landmessers Arnold Wilhelm Schraders (*1671 +1752) aus dem Jahre 1735, der damals mit seinem Sohn Johann oder Joan (*1707 +1776) vom Haus Twickel in Delden/NL, Eigentümer der Burgruine, den Auftrag erhielt, die Felder, Äcker und Wasserläufe rund um Lage zu vermessen und zu kartieren. Und dabei entstand auch ein Bild der Ruine.

Weitere Themen des Bentheimer Jahrbuches sind unter anderem die Lagerung von Ausgaben der Grafschafter Nachrichten im Kreis- und Kommunalarchiv, die Kanäle und Schleusen in der Grafschaft Bentheim, das Schicksal eines Soldaten im Zweiten Weltkrieg, Natur und Landschaft sowie Heimatkunde und Grafschafter Platt.

Das Bentheimer Jahrbuch ist im örtlichen Buchhandel erhältlich.

Sammlung Ströher im Museum Küppersmühle

Auf gut 5000 Quadratmetern sind im Erweiterungsbau des Museum Küppersmühle (MKM) Highlights aus der Sammlung Ströher zu sehen, einer der wichtigsten und umfangreichsten Sammlungen deutscher Kunst nach 1945. Der Fokus liegt auf der Malerei. Die Sammlung umfasst zentrale Positionen der Kunstentwicklung in Deutschland von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die Gegenwart. Im Inneren lässt eine Abfolge von 36 hellen, klar strukturierten Sammlungsräumen der Kunst viel Raum zum Wirken.

Ermöglicht wurde das Vorhaben durch das Engagement der privaten MKM-Stiftung, die von den Sammlern Sylvia und Ulrich Ströher gegründet wurde. Die Sammler haben maßgeblich an der Auftakt-Planung der Ausstellungsräume mitgewirkt. Im Neubau liegt der Schwerpunkt auf Informel und Abstraktion deutscher Künstler, ergänzt durch einige Positionen europäischer Nachkriegskunst. Die Sammlung Ströher präsentiert eine große Bandbreite von Werken folgender Künstlerinnen und Künstler: Afro, Josef Albers, Jean Arp, Willi Baumeister, Peter Brüning, Alberto Burri, Rafael Canogar, Michael Croissant, Karl Fred Dahmen, Jean Dubuffet, Adolf Richard Fleischmann, Rupprecht Geiger, Karl Otto Götz, Otto Herbert Hajek, Hans Hartung, Bernhard Heiliger, Gerhard Hoehme, Anselm Kiefer, Norbert Kricke, André Masson, Georges Mathieu, Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff, Manolo Millares, Ernst Wilhelm Nay, Jean-Paul Riopelle, Otto Ritschl, Giuseppe Santomaso, Antonio Saura, Bernard Schultze, Emil Schumacher, Jaroslav Serpan, K.R.H. Sonderborg, Pierre Soulages, Antoni Tàpies, Fred Thieler, Hann Trier, Hans Uhlmann, Emilio Vedova, Maria Helena Vieira Da Silva, Fritz Winter und Wols.

Die Räume im Bestandsbau des MKM sind ebenfalls mehrheitlich neu eingerichtet, schwerpunktmäßig mit Werken der späteren deutschen Nachkriegskunst von Georg Baselitz, Jürgen Brodwolf, Abraham David Christian, Günther Förg, Christoph M. Gais, Winfred Gaul, Gotthard Graubner, Ernst Hermanns, Anselm Kiefer, Imi Knoebel, Thomas Lehnerer, Markus Lüpertz, A.R. Penck, Gerhard Richter, Reiner Ruthenbeck, Michael Schoenholtz, Heinrich Siepmann, Walter Stöhrer und Rudolf Wachter.

Die wiederkehrende Neuhängung von Räumen und Neuvorstellung weiterer Werke aus der Sammlung ist Teil des Präsentationskonzepts. In Wechselausstellungen im Erdgeschoss, sowie im großen Saal des 3. Obergeschoss werden Sammlungspositionen vertiefend präsentiert und internationale Künstler:innen außerhalb der Sammlung vorgestellt.

„Die Sammlung vermittelt ein wesentliches Stück deutscher Kunstgeschichte der Nachkriegszeit“, sagt MKM-Direktor Walter Smerling. „Das Herz, wenn man so will, sind die informellen und abstrakten Maler, die „Gründerväter“ der deutschen Nachkriegskunst wie Willi Baumeister, K.O. Götz oder Emil Schumacher und ihre europäischen Kollegen Emilio Vedova, Maria Helena Vieira Da Silva oder Wols. Auch die Nachfolgegeneration, die sich intensiv mit der Geschichte auseinandergesetzt hat wie Anselm Kiefer, Georg Baselitz, Gerhard Richter und andere ist mit zentralen Werken vertreten. Die Sammlung ist zugleich sehr persönlich, das macht ihren Charakterund ihre Vitalität aus. Man spürt die Begeisterung für die Abstraktion durch die Jahrzehnte, das zeigen Werke von Walter Stöhrer, Christoph M. Gais oder David Schnell. Und das Anliegen der Sammler, „ihre“ Künstlerinnen und Künstler mit Werkkonvoluten aus unterschiedlichen Schaffensphasen zu präsentieren, ist ein großes Glück für das Museum. So lässt sich deutsche Kunstgeschichte erleben, die Lehrer- und Schülergeneration vergleichen, die Werk-Entwicklung einzelner Künstlerpersönlichkeiten nachvollziehen. Der Erweiterungsbau, die Neueröffnung mit der erstmaligen Präsentation Sammlung in diesem Umfang ist ein großes Glück für die Kunstlandschaft der Bundesrepublik Deutschland.“

Nähere Informationen: Museum für moderne Kunst Küppersmühle, Philosophenweg 55, 47051 Duisburg, Telefon 0203 30194811, E- Mails: kasse@museum-kueppersmuehle.de (für Kasse und Information), buchung@museum-kueppersmuehle.de (für Buchung von Führungen und Workshops) und office@museum-kueppersmuehle.de (für Stornierungen und Fragen zu Tickets), Internet: www.museum-kueppersmuehle.de. Geöffnet ist von Freitag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr.

Lichtkunstausstellung von Tatjana Busch im DA, Kunsthaus

In dieser Wintersaison bespielt die renommierte Künstlerin Tatjana Busch vom 13. Dezember bis zum 22. Februar 2026 unter dem Titel „Wonderwalk“ die besonderen Ausstellungsräume des DA, Kunsthaus, auf dem Gelände des Klosters Gravenhorst.

In immersiven Licht-Sound-Installationen erforscht Busch die Synthese von Form, Farbe, Bewegung, Klang und Licht. Im Zusammenspiel von Material, Raum und Lichtinszenierung entstehen vielschichtige Resonanzräume. Skulpturale Objekte aus farbigem Acrylglas werden mittels Lichtprojektionen und Spots aktiviert und wechseln von durchscheinend zu opak, von massiv zu filigran. Lichtreflexionen an Wand, Boden und Decke setzen den Raum und seine Grenzen in Bewegung und schaffen eine fließende Dynamik von Werden und Vergehen. Beim Durchgehen der multisensorischen Inszenierung tauchen die Besuchenden in den Rhythmus des Wandels, der Vielfalt an Erscheinungen und neuen Wahrnehmungen ein.

Zur Künstlerin:

Tatjana Busch beschäftigt sich mit der intuitiven Form von Objekten und lotet deren Potenzial mit verschiedenen Medien aus. Sie hat Visuelle Kommunikation an der freien Hochschule für Grafik Design und Bildende Kunst in Freiburg studiert. Von 2003 bis 2005 besuchte sie die Klasse von Jean Scully an der Akademie der Bildenden Künste in München sowie den Kurs „Experimentelles Arbeiten mit Papier“ bei Andreas von Weizsäcker. 2007 „Haus der Kunstpreis“ von Chris Dercon. 2010 ein Stipendium im ISCP, dem International Studio and Curatorial Program in New York. Einzel- und Gruppenausstellungen, Messen und Lichtkunstfestivals (Auswahl): 2017 im Palazzo Bembo im Rahmen der Biennale von Venedig; 2022 auf der Ars Electronica mit dem künstlerischen Forschungsprojekt „BRAINPALACE“, das durch das Netzwerk der Fraunhofergesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Design realisiert wurde. 2021 gewann Tatjana Busch das „Kunst am Bau“-Projekt „Social Sculpture“ in München in Zusammenarbeit mit KUNST RAUM Konzepte. Ihr Konzept „anotherNOW“ wurde 2022 zur Realisierung des Kunst am Bau-Projekts „AM TACHELES“ in Berlin ausgewählt. Sie ist unter anderem in den Sammlungen von Sal. Oppenheim/Deutsche Bank und der Collection J.H. Simons Fondation in New York vertreten.

Führung im Rahmen des „Gravenhorster Advents“

Gemeinsam mit dem Café Clara lädt das DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst an den Adventssonntagen erneut zu einem stimmungsvollen Programm voller Kunst, Literatur, Musik und Theater. Zum 3. Advent am 14. Dezember haben Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, an der ersten Führung durch die neue Winterlicht-Ausstellung »Wonderwalk« von Tatjana Busch teilzunehmen. In immersiven Licht-Sound-Installationen erforscht die Künstlerin die Synthese von Form, Farbe, Bewegung, Klang und Licht. Gästeführerin Annette Hinricher lädt das Publikum ein, in den Rhythmus des Wandels, der Vielfalt an Erscheinungen und neuen Wahrnehmungen einzutauchen.
Die Teilnahme ist kostenfrei. Um Anmeldung unter der Telefonnummer 02551 6942-15 wird gebeten.

Nähere Informationen: DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst, Klosterstraße 10, 48477 Hörstel, Telefon 02551 694215, E-Mail: da-kunsthaus@kreis-steinfurt.de. Das DA, Kunsthaus ist von Dienstag bis Samstag von 14 bis 18 Uhr sowie am Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

„Das ist ja überhaupt alles sehr beweglich.“ – Joseph Beuys & Fluxus

Konzept, Aktion, Musik, Poesie, Sprache und wissenschaftsbasierte Ansätze anstelle von traditionellem Tafelbild und Skulptur: Der erweiterte Kunstbegriff der intermedialen Fluxus-Bewegung bildet die Basis des erweiterten Kunstbegriffs von Joseph Beuys. Das Fluxus-Kollektiv hatte als supranationales Netzwerk ab 1962 jede herkömmliche Form akademischer und institutioneller Verfestigung verflüssigt und die Rezipienten als freie, selbst bestimmte, schöpferische Individuen ins Zentrum gesetzt. Für Beuys bedeutete der frühe Kontakt zu der unorthodoxen intellektuellen Gruppe Befreiung aus der „ästhetischen Zwangsjacke“, interdisziplinäre Kommunikation sowie den Eintritt in den öffentlichen, gesellschaftlichen und politischen Raum.

Beuys wurde zu Beuys erst durch Fluxus. In den Jahren 1962–1964 ereignete sich der entscheidende Umschlag im Werk des Künstlers, der bis dahin als Bildhauer und Zeichner gearbeitet hatte: In Bezug auf die Wahl seiner Medien (Aktionen, später Multiples), Materialien und Methoden, zu denen auch sein offensiver Umgang mit den Medien zählte. Im Umgang mit Fluxus-Inhalten entwickelte Beuys eine ganz eigene Strategie: Begreifen, Aneignen, Kooperieren und Transformieren.

Die Ausstellung, die vom 23. November bis 15. Februar 2026 im Museum Schloss Moyland zu sehen ist, betrachtet den Künstler nicht, wie so häufig, als solitäre Erscheinung, sondern setzt ihn in einen offenen kollaborativen Kontext. Darin spielen Künstlerfreunde und -kollegen wie Fluxus-Initiator George Maciunas, Nam June Paik und die dänische Fluxus-Connection (Arthur Køpcke, Henning Christiansen) eine besondere Rolle.

Innerhalb einer chronologischen Struktur werden Schlaglichter gesetzt: Auf die frühen formativen Fluxus-Jahre (1962–1964), auf Beuys‘ Aktionen mit Paik und Christiansen (bis 1985) und auf die Zeit der Studentenbewegung, als sich im Umfeld der Düsseldorfer Kunstakademie der anti-autoritäre emanzipatorische Fluxus-Impuls durch Künstler wie Robert Filliou, Daniel Spoerri und Dieter Roth reaktivierte (1967–1974).

Das Projekt, das Archivalien und Werke, Konzepte und Fotografien, Audios und Videos versammelt, verbindet das Dokumentarische mit dem Ereignishaften und Experimentellen.

Zur Ausstellung erscheint ein Begleitheft, das von der Anton-Betz-Stiftung der Rheinischen Post gefördert wurde.

Die Ausstellungsarchitektur lag in den Händen von Dagmar von der Ahe, Frieda Hünsch und Luisa Mowitz (Baukunst, Kunstakademie Düsseldorf) und erfolgte in Zusammenarbeit mit Susanne Rennert

Die Eröffnung der Ausstellung am Sonntag, 23. November, wird von der Performance „Missing Questions“ der Klasse Danica Dakić (Film und Video, Kunstakademie Düsseldorf) begleitet und ist von Robert Filliou: „Ample Food For Stupid Thought“ (1965) inspiriert.

Kuratiert wird die Ausstellung von Susanne Rennert.

Stiftung Museum Schloss Moyland, Am Schloss 4, 47551 Bedburg-Hau, Telefon: +49 (0)2824 9510-60, E-Mail: info@moyland.de. Geöffnet ist Sommer (1. April bis 31. Oktober), Montag 11 bis 17 Uhr (nur Parkanlage), Dienstag bis Freitag 11 bis 18 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertage 10 bis18 Uhr, Winter (1. November bis 31. März), Montag 11 bis 17 Uhr (nur Parkanlage), Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr.

Literatur-Tipp: László Krasznahorkais neuer Roman „Zsömle ist weg“

In »Zsömle ist weg«, der im Dezember beim S. Fischer Verlag erscheint, überrascht der ungarische Schriftsteller, László Krasznahorkai, diesjähriger Nobelpreisträger für Literatur, mit einem Roman voll milder Melancholie, sarkastischem Humor und großer Seltsamkeit.

Wer vor der Politik flieht, den sucht sie heim. László Krasznahorkai erzählt von Onkel Józsi, seiner Hauptfigur, die alles getan hat, um vor den Augen der Welt zu verschwinden, seine Familie und seine Herkunft hat er geheim gehalten: Er ist nämlich Spross einer jahrhundertealten Adelslinie, die auf verschlungenen Wegen bis Dschingis Khan zurückreicht. Sogar Anspruch auf den ungarischen Thron könnte er erheben, aber er will sich nicht in die Politik einmischen und lebt, wie alle seine Vorfahren, im Verborgenen. Und sehr bescheiden in einem kleinen Häuschen in der tiefsten Provinz als 91-jähriger Rentner, der gerade mit seinem Geld zurechtkommt.

Bis er von einer merkwürdigen Schar vermeintlicher Anhänger aufgespürt wird – von unverbesserlichen Monarchisten und verschrobenen Archivaren. Mit Ungarn gehe es bergab, der Glanz sei dahin, alles sei verloren, da sind sich alle einig. Als sie ihre Pläne enthüllen, zerreißt das Gespinst. Die Nähte des Lebens sind verschlissen, die Gedanken jagen sich im Kreis, das Glück gibt es nur noch retrospektiv. Bleibt nur die Flucht …

In seiner episch-melodischen Sprache, die sich dem Schlusspunkt verweigert und wie ein fließender Strom voranschreitet, erzählt László Krasznahorkai in »Zsömle ist weg«, seinem neuen Roman, die Geschichte eines geheimen Thronfolgers, der im politischen Wirrwarr der ungarischen Gegenwart für stabile Verhältnisse sorgen soll – und der nicht bereit ist, diese Verantwortung zu übernehmen.

Und dass sich die von ihm erzählte Geschichte wie ein aktueller Kommentar zur politischen Situation Ungarns und zur in vielen Ländern der Welt zu spürenden Sehnsucht nach autoritären Führern anhört, ist vermutlich kein Zufall.

Über den Autor László Krasznahorkai

»Jedes meiner Bücher soll die literarische Landkarte verschieben«, sagt László Krasznahorkai, dem 2015 der International Man Booker Prize verliehen wurde. 1954 in Gyula/Ungarn geboren, gilt er als einer der innovativsten Schriftsteller Europas, dessen Romane »Satanstango« und »Melancholie des Widerstands« überall auf der Welt begeistert aufgenommen werden. Die internationale Beachtung begann jedoch 1993 in Deutschland mit dem SWR-Bestenliste-Preis für »Melancholie des Widerstands«. In den letzten Jahren erschienen die Erzählbände »Seiobo auf Erden« (Brücke-Berlin-Preis und Literaturpreis Leuk 2010) sowie »Die Welt voran« (2014). Für seinen Roman »Baron Wenckheims Rückkehr« (2018) wurde er mit dem National Book Award 2019 for Translated Literature ausgezeichnet. 2021 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur sowie 2024 den spanischen Literaturpreis Prix Formentor. 2025 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Zuletzt erschienen der Roman »Herscht 07769« und der Erzählband »Im Wahn der Anderen«. Heute lebt László Krasznahorkai in Triest, Italien.

„Ich, Gustave Courbet“ – Realismus, Rebellion und kosmopolitische Perspektiven

Das Museum Folkwang in Essen präsentiert 2026 ein Jahresprogramm, das historische Bezüge, zeitgenössische Relevanz und kulturelle Vielfalt miteinander verbindet. Herausragende Retrospektiven, international bedeutende Fotografie und die kontinuierliche Weiterentwicklung der Sammlung machen das Museum zu einem Ort der Reflexion, Vorstellungskraft und des Dialogs zwischen den Künsten aus Gegenwart und Geschichte.

Von der radikalen Bildsprache Gustave Courbets über die transkulturelle Perspektive der Fotografie-Ausstellungen bis hin zur frühen islamischen Sammlung des Museumsgründers Karl Ernst Osthaus spannt sich der Bogen des Jahresprogramms. Mit dem Zusammenspiel aus Historie, Gegenwartskunst und künstlerischer (Er-)Forschung eröffnet es neue Perspektiven auf zentrale Fragen von Kunst und Gesellschaft.
„Mit dem Jahresprogramm 2026 möchten wir die Besucher:innen einladen, Kunst als lebendigen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu erleben. Wir zeigen, wie radikale künstlerische Positionen, historische Sammlungen und zeitgenössische Praktiken in unserem Museum zusammentreffen – ein Ort, an dem Erfahren und Empfinden verschmelzen“, sagt Peter Gorschlüter, Direktor des Museum Folkwang.

Gustave Courbet: Wegbereiter der Moderne

Mit der großen Retrospektive „Ich, Gustave Courbet“ (17. Juli – 8. November 2026) widmet sich das Museum einem der einflussreichsten Künstler des 19. Jahrhunderts. Courbets kompromisslose Haltung und seine innovative Maltechnik machten ihn zum Grenzgänger zwischen Kunst, Gesellschaft und Politik. Die Ausstellung beleuchtet zentrale Werkgruppen – Selbstbildnisse, soziale Realität, Landschaft, Erotik und Exil – und zeigt, wie Courbets radikaler Realismus der Moderne den Weg bereitete. Die Schau entsteht in Kooperation mit dem Leopold Museum Wien und steht unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron sowie unter dem Ehrenschutz von Alexander Van der Bellen, Bundespräsident der Republik Österreich.

Nach Damaskus … Karl Ernst Osthaus und die islamischen Künste

Die Ausstellung „Nach Damaskus …“ (6. November 2026 – 21. Februar 2027) stellt zum ersten Mal die ehemalige „Islamische Abteilung“ des Museums in den Fokus. Rund 300 Objekte – von Keramiken über Textilien bis zu Metall- und Glasarbeiten, darunter bedeutende Leihgaben – veranschaulichen, wie die Begegnungen von Karl Ernst Osthaus mit Kunst und Kulturen aus Nordafrika und Westasien die Entwicklung dieser Sammlung prägten. Ausgewählte Werke der Klassischen Moderne, europäisches Kunsthandwerk und zeitgenössische Positionen erweitern den Blick auf die Bestände und ermöglichen neue Perspektiven auf den Sammlungsbereich.
Peter Gorschlüter betont: „Mit „Ich, Gustave Courbet“ und „Nach Damaskus…“ stellen wir zwei Ausstellungen vor, die auf unterschiedliche Weise von der Kraft künstlerischer Erneuerung erzählen. Beide Ausstellungen zeigen, wie eng Kunst, Politik und kulturelle Identität miteinander verwoben sind. In 2026 verhandeln wir diese Fragen neu – mit einer Offenheit, die sowohl den Künstler Courbet als auch das Museum Folkwang seit seiner Gründung prägt.“

Germaine Krull: Chronistin des 20. Jahrhunderts

Mit „Germaine Krull: Chien Fou“ (28. November 2025 – 15. März 2026) rückt das Museum Folkwang die kosmopolitische Fotografin, deren Nachlass sich seit 1995 in der Fotografischen Sammlung des Museums befindet, in den Mittelpunkt. Neben ihren bekannten avantgardistischen Fotografien der 1920er- und 1930er-Jahre werden erstmals in größerem Umfang ihre (auto)biografischen Texte, Fotobücher, Maquetten und politischen Berichte präsentiert. Die Ausstellung beleuchtet insbesondere Krulls OEuvre als Autorin sowie ihre fotografische Praxis ab Beginn des Zweiten Weltkriegs, als sie Europa dauerhaft verließ. Sie eröffnet eine neue, transkulturelle Perspektive auf ihr Werk.


Vielfalt, Vermittlung und junge Positionen

Neben den großen Schauen zeigt das Museum ein breites Spektrum weiterer Ausstellungen: „L is for Look“ (27. Februar – 7. Juni 2026) beleuchtet einen besonderen Aspekt fotografischer Gebrauchsformen und zeigt, wie Fotografien Eingang in die Kinderliteratur fanden – von fantasievollen Bilderbüchern bis hin zu literarischen Geschichten. Die Ausstellung „Herbert W. Franke / Gottfried Jäger“ (16. Oktober 2026 – 10. Januar 2027) befasst sich mit den experimentellen Jahren der gegenstandlosen Fotografie, die von Debatten und Positionsbestimmungen einer damals jungen Generation geprägt war. „Photography Masters“ (16. Oktober 2026 – 10. Januar 2027) hingegen zeigt die künstlerischen Ansätze und thematischen Schwerpunkte junger fotografischer Positionen heute. Die Präsentation „Saâdane Afif: Affiches / Plakate“ (13. März – 4. Oktober 2026) gibt erstmals umfassend Einblick in diese besondere Werkgruppe des französischen Konzept- und Objektkünstlers und die neuseeländische Künstlerin „Kate Newby“ entwickelt eine neue ortspezifische Arbeit im Außenbereich des Museums. Mit dem Stipendienprogramm der Neuen Folkwang Residence und dem Ausstellungsformat „6 ½ Wochen“ werden weiterhin junge Künstler:innen mit ihren ersten musealen Ausstellungen gefördert. Die Schau „100 Beste Plakate 25“ (3. Juli – 2. August 2026) präsentiert außer Haus auf dem UNESCO Welterbe Zollverein die Höhepunkte des jährlich größten deutschsprachigen Wettbewerbs für Plakatdesign.

Sammlung und Neuerwerbungen

Die Sammlungspräsentation „NEUE WELTEN“ stellt den Dialog der Künste ins Zentrum. Sie bleibt kostenfrei zugänglich. Ein Highlight im Jahr 2026 ist die Neuerwerbung der Skulptur „Hahn und Podest“ von Katharina Fritsch, die ab März 2026 als raumgreifende Installation das Museum bereichern wird.

Nähere Informationen: Museum Folkwang, Museumsplatz 1, 45128 Essen, Telefon +49 2018845000, E-Mail: info@museum-folkwang.essen.de

„Smile! Wie das Lächeln in die Fotografie kam“

Smizing, Squinching, Duckface, Fish Gape, Cheese oder Prunes: Schönheitsideale und Soziale Medien lösen immer schnelllebigere Trends für Porträtfotos aus. Bis zum späten 19. Jahrhundert war das Fotografiertwerden eine Prozedur, die größte Bewegungslosigkeit erforderte, um ein scharfes Bild zu erzeugen, was zu starren und leblosen Gesichtsausdrücken führte.

Die Präsentation „Smile! Wie das Lächeln in die Fotografie kam“ in den Fotoräumen des Museum Ludwig untersucht, wie sich unsere „Fotografiergesichter“ im Laufe der Zeit verändert haben. Sie bringt anonyme Porträtfotografien und künstlerisch gestaltete Porträts aus dem 19. bis 21. Jahrhundert zusammen zu einer Geschichte des Lächelns.

Ob wir lächeln, wenn wir wissen, dass wir fotografiert werden, oder nicht, ob wir dabei Zähne zeigen oder nicht, das hängt von gesellschaftlichen Konventionen und der Entwicklung der Fototechnik ab. So beobachtete der Fotograf Josef Janssen 1878: „[…] schon die Zwangslage allein, in welcher sich die Person im Augenblicke der Aufnahme befindet, genügt, sie an der freien Entfaltung ihrer Individualität zu hindern. Sie soll, an den vielgehassten und gefürchteten und doch unentbehrlichen Kopfhalter gelehnt, unbeweglich und unverwandt eine Zeitlang nach einem bestimmten Punkt hinsehen, der dem Auge gewöhnlich nichts zu betrachten bietet. Was anders kann die Folge davon sein, als Starrheit und Leblosigkeit?“

Dass die Menschen, die im 19. Jahrhundert ins Fotoatelier gingen, um sich fotografieren zu lassen, selten lächeln, entsprach aber auch den Wünschen und Konventionen, wie man sich auf einem Porträt zeigen wollte; diese waren abhängig von Klasse, Gender und Kontext. Gefühle gehörten besser ins Private und nicht auf ein Bild.

Für den Einzug des Lächelns in die Porträts des 20. Jahrhunderts spielte die Entwicklung des Stummfilms eine bedeutende Rolle. Die Mimik war es, über die Regungen erzählt wurden. Dafür zoomte die Kamera immer näher an das Gesicht heran. Parallel dazu lässt sich beobachten, dass das Ganzkörperporträt zunehmend abgelöst wurde vom Fokus auf das Gesicht. Später dann kommt die Werbung hinzu, in der das Glücksversprechen eines Produkts durch das Strahlen der dargestellten Personen kommuniziert wird. Immer höher ziehen sich die Mundwinkel. Eine 2015 erschienene Untersuchung von Schülerporträts aus US-amerikanischen Jahrbüchern konnte belegen, dass das Lächeln seit Anfang des 20. Jahrhunderts kontinuierlich zugenommen hat, wobei Frauen messbar mehr lächeln als Männer. Weltweit lässt sich eine zunehmende Expressivität in der Mimik beobachten. Der Blick in die Modefotografie allerdings zeigt, dass Status und Coolness auch dadurch ausgedrückt werden, wie wenig gelächelt wird. Schon 1927 schrieb der Soziologe Siegfried Kracauer davon, dass sich die Welt – und damit auch der Mensch darin – ein „Photographiergesicht“ zugelegt habe. Die Präsentation im Museum Ludwig, die dort noch bis zum 22. März 2026 zu sehen ist, will zeigen, dass sich daran bis heute nichts verändert hat. Das Lächeln hat eine Geschichte.

Publikation

Zur Ausstellung erscheint eine Broschüre: „Smile! Wie das Lächeln in die Fotografie kam“, hrsg. von Miriam Szwast, mit einem Essay von Katharina Sykora, Broschur, 14, 8 x 21 cm, 48 Seiten, 26 Abb., deutsche Ausgabe, ISBN 978-3-9827144-2-4, 8 Euro.

Nähere Informationen: Museum Ludwig, Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln, Telefon: +49-221-221-26165, E-Mail: infomuseum-ludwig.de. Das Museum ist Dienstag bis Sonntag (inkl. Feiertage) jeweils von 10 bis 18 Uhr und jeden ersten Donnerstag im Monat von 10 bis 22 Uhr geöffnet.

Armin Mueller-Stahl. Nacht und Tag auf der Erde

„Die Schauspielerei ist mir nicht in die Wiege gelegt worden, die Malerei schon.“ 1930 kommt Armin Mueller-Stahl in Ostpreußen in einer musisch geprägten Familie zur Welt. Dort gehören Zeichnen, Malen, Musizieren und Schauspiel zum Alltag. Mueller-Stahl ist mehrfach begabt – er ist ausgebildeter Konzertgeiger, Komponist, Schauspieler, Schriftsteller und bildender Künstler.

Für ihn verbindet die Malerei vieles mit der Schauspielkunst: Mit wenigen Gesten das Wesentliche erfassen, spontan und voller Ausdruckskraft. Täglich arbeitet er im Atelier, verarbeitet die eigene Biografie und das Weltgeschehen als politisch wacher Geist in meist figürlichen Bildern. Als Zeitzeuge hat er Krieg, Diktatur, Teilung und Neuanfang erlebt – vom alten Europa über den Nationalsozialismus, die DDR und die BRD bis nach Hollywood.

Seine über hundert Werke in der Ausstellung „Nacht und Tag auf der Erde“, die noch bis zum 12. April 2026 in der Kunsthalle Emden zu sehen ist, spiegeln diese Erfahrungen wider: kraftvoll, eindringlich und von großer künstlerischer Vielfalt. Sie zeigen eindrucksvoll, wie reich Mueller-Stahls Leben an Herausforderungen, aber auch an schöpferischer Energie ist.

Getragen von einer Partnerschaft zwischen der Kunsthalle Emden, der Stiftung Museum Schloss Moyland und der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim ist die Ausstellung unter der Federführung von Dr. Antje-Britt Mählmann realisiert worden.

Rahmenprogramm

Gemeinsam mit dem Internationalen Filmfest Emden-Norderney präsentiert die Kunsthalle Emden im VHS-Forum ausgewählte Filme mit Armin Mueller-Stahl. Jede Vorführung beginnt mit einer Einführung von Festivalleiter Edzard Wagenaar. Auszüge eines Gesprächs der Bremer Kulturjournalistin Hilke Theessen mit dem Schauspieler geben Einblicke in das persönliche Wirken und Denken von Armin Mueller-Stahl.

Weiter zum Rahmenprogramm gehört die Veranstaltungsreihe „Kunstlese – Literatur trifft Kunst“ mit Gesprächen zu ausgewählten literarischen Werken. Anschließend folgt ein gemeinsamer Ausstellungsrundgang. Im Fokus stehen Texte von Armin Mueller-Stahl sowie ein Werk von Thomas Mann, den Mueller-Stahl in der Filmproduktion „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ eindrucksvoll verkörperte.

Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen: Armin Mueller-Stahl. Nacht und Tag auf der Erde

Hrsg. von Antje-Britt Mählmann, mit Texten von Eske Nannen, Armin Mueller-Stahl, Antje-Britt Mählmann, Beate Kemfert und Kristin Schrader. Hardcover, Deutsch, 136 Seiten, über 160 Farbabbildungen. Preis an der Museumskasse 28 Euro. 30 Prozent Rabatt gibt es für Mitglieder der Freunde der Kunsthalle e.V.

Nähere Informationen: Kunsthalle Emden, Hinter dem Rahmen 13, 26721 Emden, Telefon: +49 4921 9750-50, E-Mail über die Internetseite. Die Ausstellung ist Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr sowie am Samstag und Sonntag sowie an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Zusätzlich ist jeden ersten Dienstag im Monat von 10 bis 21 Uhr geöffnet.

„Someone`s neighbour“ – Livemusik mit eigenen Stücken in der Kornmühle

Die Band „Someone`s Neigbour“ steht am 13. Dezember um 18.30 Uhr auf der Bühne
der Kornmühle in Nordhorn mit einem Konzert, das ganz im Zeichen von
handgemachter, ehrlicher Rockmusik steht.
Die vier aus der Grafschaft Bentheim stammenden Musiker, Jürgen „Joschi“ Rasch (Gitarre, Gesang), Sabine „Bine“ Hannusch (Gesang), Christian „Zaffy“ Zafuda (Bass) und Armin Schärling (Schlagzeug, Percussion, Gesang) fanden 2022 zusammen und bringen seither frischen Wind in die regionale Musikszene. Unterschiedliche musikalische Wurzeln und Band-Erfahrungen prägen ihren Sound, der sich bewusst nicht auf ein Genre festlegen läßt. „Someone`s Neighbour“ spielen ausschließlich eigene Songs – abwechslungsreich, energiegeladen, mit viel Gefühl für Dynamik.
Mal klingen die Songs leicht und verspielt, dann wieder druckvoll, rau und voller Ecken und Kanten. Zwischen sphärischen Klängen, rotzigen Gitarrenriffs und markanten Rhythmen entstehen Songs, die das Publikum mit auf eine musikalische Reise nehmen – von der Karibik bis zur dunklen Seite des Mondes.
Der Eintritt ist frei.

Wie aus einem Justizdrama ein Kommentar zur Zeitgeschichte wird

Eine umjubelte Premiere war am vergangenen Freitag in der Kornmühle zu erleben. Die Theaterwerkstatt Nordhorn führte unter der Regie von Ernst Schröder das Justizdrama „Die 12 Geschworenen“ nach dem gleichnamigen Fernsehspiel von Reginald Rose auf, das durch den mit so bekannten Namen wie Henry Fonda, Martin Balsam, Lee J. Cobb, Jack Warden und Jack Klugman hochkarätig besetzten Kinofilm auch international bekannt wurde.

Doch wie die Zeiten sich wandeln. Vor dem Hintergrund einer immer erregteren Diskussions-Unkultur, die viele Gespräche zu vergiften droht – sei es über den Krieg in der Ukraine oder den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis – , wird aus einem Justizdrama ein Kommentar zum aktuellen Geschehen, geprägt von sogenannten alternativen Fakten, Lügen und Hetze – Donald Trump und AfD lassen grüßen. Ob das so von Regisseur Schröder beabsichtigt war, wird er nur selber beantworten können.

Doch worum geht es eigentlich? Nach sechs Verhandlungstagen eines Mordprozesses, in dem ein achtzehnjähriger Puerto-Ricaner aus den New Yorker Slums des Mordes an seinem Vater beschuldigt wird, ziehen sich die zwölf Geschworenen in das Geschworenenzimmer des Gerichts zurück. Hier sollen sie über das Urteil beraten, das einstimmig gefällt werden muss. Dem Angeklagten droht im Falle des Schuldspruchs die Hinrichtung durch den elektrischen Stuhl. Aufgrund zweier eindeutiger Zeugenaussagen scheint der Schuldspruch eine klare Angelegenheit zu sein, die keine lange Beratung erfordert. Doch in der ersten Abstimmung stimmt der Geschworene Nr. 8 als einziger der zwölf Geschworenen für nicht schuldig, während die elf anderen mehr oder weniger überzeugt für eine Verurteilung des jungen Mannes stimmen.

Die Aufgabe der 12 Geschworenen ist eine große. Es geht um die Entscheidung über ein Menschenleben und um die Wahrheitsfindung – vor dem Hintergrund schwieriger Bedingungen. Eingesperrt in einem Raum bei unerträglichen Temperaturen sollen sie den Fall klären, der aufgrund von zwei Zeugenaussagen deutlich zu sein scheint. Eine Frau und ein Mann aus der Nachbarschaft sind überzeugt, den 18-jährigen Puerto-Ricaner bei der Tat gesehen zu haben. Diese Aussagen haben auch die Geschworenen bis auf einen überzeugt. Aber wie substanziell ist diese Überzeugung und wie sehr ist diese von den unterschiedlichen Charakteren der Geschworenen geprägt?

Da gibt es den Vorsitzenden Nr. 1 (Kalle Busche), der um Ordnung bemüht ist und versucht, die Diskussion zu leiten. Mit seiner eigenen Meinung zu dem Fall hält er sich jedoch zurück. Als er merkt, dass die Stimmung kippt, schließt er sich zögernd der neuen Mehrheit an.

Nr. 2 (Phila Swafing) ist eine freundliche Frau, anfangs sehr unsicher und zugleich aufgeregt, zumal er zum ersten Mal in einer Jury sitzt. Er versucht zu begründen, warum er den Angeklagten für schuldig hält, kann es aber nicht schlüssig erklären. Im Laufe der Handlung wandelt sich ihr Agieren.

Nr. 3 (Bernd Wilke) ist ein grobschlächtiger, aufbrausender Mann, der die Konflikte mit seinem Sohn auf den Angeklagten überträgt und diesen dafür verurteilt sehen will.

Nr. 4 (Birgitta Dietz) ist eine analytisch und objektiv denkender Frau, die sich keine Emotionen erlaubt und sich stets unter Kontrolle hat. Trotz der schwülen Hitze im Raum schwitzt sie zunächst nicht einmal. Disziplinlosigkeit ist ihr zuwider, und sie verabscheut die Emotionsausbrüche anderer Geschworener. Sie versucht mit sachlichen Argumenten zu überzeugen und genießt eine gewisse Autorität bei den anderen Juroren.

Nr. 5 (Nevio Oelrichs) ist, wie der Angeklagte, in den New Yorker Slums aufgewachsen. Er reagiert empfindlich auf Vorurteile, die im Laufe der Diskussion auftauchen.

Nr. 6 (Katharina „Kitty Munk) ist eine einfache Frau ohne intellektuellen Hintergrund, dafür aber mit klaren moralischen Grundsätzen.

Nr. 7 (Werner Rohr) schlägt sich als Handelsvertreter für Marmelade durchs Leben und fällt durch seine flotten Sprüche und kleinen Witze auf. Ob der Angeklagte schuldig ist oder nicht, scheint ihn nicht zu interessieren. Wichtiger ist ihm, dass die Sache schnell über die Bühne geht, weil er das Baseballspiel der New York Yankees am Abend auf keinen Fall verpassen will.

Der schon erwähnte Nr. 8 (Clemens Haas) hält die Schuld des Angeklagten nicht für zweifelsfrei bewiesen. Deshalb stimmt er als Einziger von Anfang an für „nicht schuldig“, auch wenn er es für möglich hält, dass der Angeklagte die Tat begangen haben könnte. Aber nur so kann er die anderen dazu bringen, den gesamten Fall Punkt für Punkt durchzugehen.

Nr. 9 (Regina Liu) ist eine ruhige, älterer Frau mit gesundheitlichen Problemen, die zuerst auch für „schuldig“ stimmt, dann aber Nr. 8 nach dessen ersten Ausführungen als erste folgt.

Nr. 10 (Hanno Buscher), Betreiber mehrerer Tankstellen, ist ein cholerischer Rassist, der mit seinen Vorurteilen nicht hinter dem Berg hält. Für ihn ist der Angeklagte allein wegen seiner puerto-ricanischen Herkunft schuldig. Deshalb interessieren ihn Tatsachen nur, solange sie die Schuld des Angeklagten zu beweisen scheinen.

Nr. 11 (Vera Wicke), eine Einwanderin aus Europa, ist eine disziplinierte Frau, die stolz darauf ist, jetzt Amerikanerin zu sein. Sie macht sich Notizen und beobachtet das Geschehen genau. Ihr fallen dabei einige Widersprüche auf. Sie weiß die Vorteile einer freien Gesellschaft und eines fairen Justizsystems zu schätzen und ermahnt die erhitzten Gemüter zur Ruhe.

Nr. 12 (Gerd Hensen) ist ein oberflächlicher Opportunist. Konflikte liegen ihm nicht, die scharfen Auseinandersetzungen sind ihm zuwider. Während der Diskussionen kritzelt er gelangweilt auf seinem Block herum. Er ist ein Mann der Schlagworte und flapsigen Redensarten. Inhaltlich kann er nicht viel beitragen. Als er sich mit der Mehrheit weiß, ist er noch sehr selbstsicher. Das ändert sich im Laufe der Handlung.

Bei seiner Inszenierung ist es Regisseur Ernst Schröder zum einen gelungen, diese unterschiedlichen Charaktere – vom ganzen Ensemble hervorragend umgesetzt – herauszuarbeiten, zum anderen die Spannung bei einem Stück zu halten, das in nur einem Raum spielt und inhaltlich ausschließlich aus Gesprächen und Diskussionen besteht.

Was die Spannung ausmacht, ist aber nicht nur die Inszenierung, sondern auch die Unterschiedlichkeit der Haltungen, die die 12 Geschworenen zu ihrer Aufgabe der Wahrheitsfindung einnehmen, und die Veränderung ihrer Einstellungen, die sich im Laufe der Handlung ergibt.

Für letzteres ist natürlich der von dem Geschworenen 8 (Clemens Haas) nachdrücklich geäußerte Zweifel an den angeblich so eindeutigen Fakten zu Lasten des Angeklagten ausschlaggebend.

Obwohl es sein Recht ist, Zweifel zu äußern, wird es ihm vor allem von drei Personen abgesprochen, denen ein schnelles Urteil wichtiger ist als ein auf dem Abwägen von Argumenten basierendes Urteil. Es sind Nr. 3, Nr. 7 und Nr. 10. Nr. 3 projiziert die im Streit erfolgte Trennung von seinem Sohn auf den Angeklagten, Nr. 7 will ein Baseballspiel nicht verpassen und Nr. 10 ist von seiner rassistischen Haltung gegenüber dem angeklagten Puerto-Ricaner so durchdrungen, dass er keine Argumente gelten lassen will. Aus persönlichen Gründen werden diese drei ihrer Aufgabe, ein begründbares Urteil über Schuld oder Unschuld und vor allem über Todesstrafe oder Freispruch zu treffen, nicht gerecht. Bei Nr. 4 ist die Situation eine andere. Sie ist eine analytisch und objektiv denkende Frau, die mit sachlichen Argumenten zu überzeugen versucht. Was sie nicht versteht: dass es vor dem Hintergrund der ungeheuren Mordtat Ungereimtheiten geben kann, die nicht aufzulösen sind. Und so beginnt vor allem zwischen ihnen und Nr. 8 eine erbitterte Auseinandersetzung.

Anders ist es bei den anderen, zunächst noch etwas blass und unentschieden wirkenden Geschworenen. Allmählich ist bei ihnen der Zweifel gewachsen; und durch eigene Beobachtungen und Erinnerungen an den Gerichtsprozess, angeregt von Nr. 8, stellen sie Lücken in der vom Staatsanwalt vorgelegten Beweiskette fest.

Kurzum: Die Besucherinnen und Besucher der noch folgenden Aufführungen erleben ein spannendes Justizdrama, das viel über eine demokratisch verfasste Staatsordnung, Recht, Gerechtigkeit und vor allem über die Freiheit, begründete Zweifel zu haben, aussagt.