Restitution von fünf Zeichnungen durch die Kunsthalle Bremen

Gerechte und faire Lösung mit der Erbengemeinschaft Siegfried Lämmle gefunden

Die Kunsthalle Bremen hat fünf Zeichnungen an die Erben von Siegfried Lämmle restituiert. Die fünf sowohl künstlerisch als auch historisch bedeutenden Werke wurden im Rahmen einer gerechten und fairen Lösung für die Sammlung der Kunsthalle zurück erworben. So kann die Geschichte jüdischer Kunsthändler*innen und Sammler*innen innerhalb der Museumsbestände erhalten und zukünftig weiter präsentiert werden.

Im Zuge eines Provenienzforschungsprojektes der Kunsthalle Bremen wurden fünf Zeichnungen als NS-Raubkunst nachgewiesen und kürzlich restitutiert, d.h. an die Erben der rechtmäßigen Eigentümer zurückerstattet. Bei den Werken handelt es sich um Zeichnungen des 17. bis 19. Jahrhunderts von der Hand unterschiedlicher Künstler. Neben Figurenstudien von Theodor Mintrop und Johann Zimmermann finden sich unter den Zeichnungen auch ein Entwurf für ein barockes Deckengemälde von Johann Georg Bergmüller und eine niederländische Genreszene von Joos van Craesbeeck. Außerdem gehört ein kleines Blatt mit einem Flötenspieler dazu, das ehemals Antoine Watteau zugeschrieben war (heute Anonym).

Diese sehr unterschiedlichen Zeichnungen vereint ihre Herkunft aus der Sammlung des Münchner Kunsthändlers Siegfried Lämmle (14. Februar 1863 Laupheim – 11. Juni 1953 Los Angeles). Lämmle war Inhaber der Münchner Kunst- und Antiquitätenhandlung Siegfried Lämmle (1894 1937). Am 28. August 1935 wurde ihm ein Berufsverbot durch den Erlass zum Ausschluss jüdischer Kunsthändler erteilt. 1937 war er unter dem Druck der Reichskammer für Bildende Künste zur Geschäftsauflösung gezwungen, woraufhin ein Ausverkauf seines Warenlagers erfolgte. Am 30. September 1938 flüchtete Lämmle mit seiner Familie über Frankfurt am Main in die Vereinigten Staaten.

Die Kunsthalle erwarb die fünf Blätter zwischen 1936 und 1938 von dem Bremer Kunsthändler Arnold Blome (1894 1972). Dieser hatte sie nachweislich im Herbst 1936 bei der Kunsthandlung Siegfried Lämmle in München erworben. Im September 1936 hatte Lämmle seine Kunden über die bevorstehende Auflösung seines Geschäfts informiert und stellte starke Preisreduktionen in Aussicht. Ab Oktober 1936 tätigte Arnold Blome erste Ankäufe bei Lämmle, darunter die fünf Zeichnungen, die er später an den Kunstverein in Bremen weiterverkaufte.

Kurz nach der Flucht Lämmles in die Vereinigten Staaten wurde das restliche Inventar seines Geschäfts beschlagnahmt und vom 9. bis 10. März 1939 beim Auktionshaus Adolf Weinmüller in München versteigert. Dabei erwarb Blome im Auftrag des Kunstvereins in Bremen eine weitere französische Zeichnung von Claude Lorrain. Diese wurde mit zahlreichen anderen Kunstwerken 1943 ausgelagert. Seit der Plünderung des Auslagerungsortes in Brandenburg im Frühjahr 1945 ist die Zeichnung Lorrains ein Kriegsverlust.

Der Kunstverein hat sich bereits 2015 gegenüber der Erbengemeinschaft nach Siegfried Lämmle verpflichtet, die Zeichnung Lorrains im Falle eines Rückerhalts zu restituieren. Da sich im Zuge der nun erfolgten Forschungen neue Ergebnisse zu weiteren fünf zwischen 1936 bis 1938 erworbenen Zeichnungen ergeben haben, nahm der Kunstverein in Bremen erneut Kontakt zur Erbengemeinschaft auf, um die Restitution einzuleiten. Diese konnte im Frühjahr 2026 einvernehmlich abgeschlossen werden. Der Kunstverein in Bremen hat sich dazu entschieden, die fünf sowohl künstlerisch als auch historisch bedeutenden Werke für die Kunsthalle Bremen von den Erben nach Siegfried Lämmle zurück zu erwerben, um die Geschichte jüdischer Künsthändler*innen und Sammler*innen innerhalb der Bestände des Kunstvereins zu erhalten und zukünftig weiter präsentieren zu können. Die Rückerwerbung wurde ermöglicht durch Mittel aus dem Nachlass von Fritz Müller-Arnecke. Der Kunstverein in Bremen dankt der Erbengemeinschaft, vertreten durch Nina McGehee, für eine gerechte und faire Lösung im Sinne der Washingtoner Prinzipien.

Das Forschungsprojekt der Kunsthalle

Bremen Die fünf Zeichnungen sind im Rahmen eines Projektes zur Erforschung der NS-Provenienzen der französischen Handzeichnungen der Kunsthalle Bremen aufgefallen. Das Projekt lief von 2022 bis 2025 und wurde durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gefördert. Seit 2024 bildet ein gezieltes Forschungsprojekt des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München eine neue Basis für die Provenienzforschung zur ehemaligen Kunsthandlung Lämmle. Dieses hat auch die Anstrengungen der Kunsthalle Bremen auf der Suche nach den rechtmäßigen Eigentümern dieser Werke erheblich unterstützt.

Provenienzforschung an der Kunsthalle Bremen

Der privat getragene Kunstverein in Bremen bekennt sich zu den Washingtoner Prinzipien von 1998 sowie der Gemeinsamen Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände von 1999 zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturguts, insbesondere aus jüdischem Besitz. Seit 2010 überprüft die Kunsthalle Bremen systematisch ihre Bestände nach Kunstwerken, die Verfolgten des NS-Regimes geraubt oder abgepresst wurden. Ziel ist die möglichst lückenlose Aufarbeitung der Geschichte der Werke und die Identifizierung von potentiell vorhandenem NS-Raubgut, um es an die Nachkommen der Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung zurückzugeben. Gefördert wurden diese Recherchen vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, ohne dessen Unterstützung diese aufwendigen, langjährigen Forschungen in der Kunsthalle Bremen nicht möglich gewesen wären. Das erste dieser Forschungsprojekte begann 2010 und wurde im Winter 2014/15 mit einer großen Ausstellung unter dem Titel „Eine Frage der Herkunft. Drei Bremer Sammler und die Wege ihrer Bilder im Nationalsozialismus“ abgeschlossen. Dies war eine der ersten und wichtigsten Ausstellungen zum Thema der Provenienzforschung, zu der ein ausführlicher Katalog erschien. Als Begleitprogramm zur Ausstellung organisierte die Kunsthalle im November 2014 das Herbsttreffen zur Provenienzforschung. Bei diesem Anlass wurde der Arbeitskreis Provenienzforschung e. V. gegründet – mit damals 69 Mitgliedern. Heute vernetzt der Arbeitskreis mehr als 660 Provenienzforscher*innen weltweit. Dies demonstriert die engagierte Rolle, die die Kunsthalle Bremen von Anfang an in der deutschen Provenienzforschung eingenommen hat. Von 2014 bis 2017 folgte ein umfassendes Projekt zur „Systematischen Überprüfung des Gemäldebestands der Kunsthalle Bremen“. Dabei wurden sämtliche nach 1933 erworbenen und vor 1945 entstandenen Gemälde der Kunsthalle Bremen untersucht. Das dritte Projekt, das von 2022 bis 2025 lief, überprüfte die „Ankäufe französischer Zeichnungen mit staatlichen Sondermitteln in der NS-Zeit sowie die Erwerbungen mit unbekanntem Vorbesitz in der Nachkriegszeit“. Ausgewählte Ergebnisse wurden abschließend in der Ausstellung „Corot bis Watteau. Französischen Zeichnungen auf der Spur“ (2025) präsentiert.

Restitutionen des Kunstvereins in Bremen

Entsprechend der Haltung des Kunstvereins und dem wissenschaftlichen Anspruch der Kunsthalle Bremen wurden sämtliche Provenienzrecherchen ergebnisoffen betrieben. Diese führten in der Vergangenheit mehrfach zu Restitutionen beziehungsweise gütlichen Einigungen mit den Nachfahren der Vorbesitzer. Zuletzt wurde beispielsweise 2024 für ein bedeutendes Gemälde von Camille Pissarro eine gütliche Einigung gefunden. 2016 wurde die Zeichnung „Felsige Waldlandschaft mit weitem Ausblick“ (um 1610/15) von Isaak Major restituiert und zeitgleich zurück erworben. 2013 und 2014 wurden zwei Zeichnungen an die Erben des jüdischen Sammlers Michael Berolzheimer (1866–1942) zurückgegeben und zurückerworben.

Nähere Informationen: Kunsthalle Bremen, Am Wall 207, 28195 Bremen, Telefon: +49 (0)421 – 32 9080, Fax +49 (0)421 – 32908470, E-Mail: info@kunsthalle-bremen.de

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