Ein „Söpien“ in Altendorf für 100 Milliarden Mark

Theaterstück über die Hyper-Inflation nach dem Ersten Weltkrieg

„Ein Witzbold schickte der Polizei einen kleinen Sühnebeitrag für nächtliche Ruhestörung in Gestalt eines mehrere Kilo wiegenden Pakets mit Scheinen, deren Zählung eine Person mehrere Tage beschäftigt haben würde. Im Jahre 1923 holten die Fabriken ihre notwendigen Lohngelder kiloweise mit Autos aus Osnabrück, und Anfang November 1923 kostete ein „Söpien“ in Altendorf 100 Milliarden Mark“ – so steht es in dem von dem ehemaligen Schulrektor, Heimatkundler und Politiker Heinrich Specht (*1885 – +1952) geschriebenen Buch „Nordhorn – Geschichte einer Grenzstadt“.

Was war geschehen? Das Deutsche Reich hatte den Ersten Weltkrieg verloren, musste erhebliche Reparationsleistungen an die Alliierten Siegermächte bezahlen und zahlreiche Gebietsverluste in Kauf nehmen. Gleichzeitig standen die jetzt demokratisch gewählten Regierungen in der Verpflichtung, die von vielen Bürgern gekauften Kriegsanleihen zurückzahlen zu müssen. Angesichts leerer Staatskassen sahen die verantwortlichen Politiker dafür nur eine Lösung: Sie schmissen die Gelddruckmaschinen an, was eine exorbitante Inflation zur Folge hatte. Das Geld war wertlos geworden. Weitere Folgen des verlorenen Krieges: Lebensmittel wurden knapp, da sie in die benachbarten Niederlande befördert wurden, weil sie dort für hochwertige Gulden statt für wertlose Mark verkauft werden konnten. Knapp wurde auch der Brennstoff, weil die Alliierten Teile des Ruhrgebietes und des Saarlandes, in denen Kohle abgebaut wurde, besetzt hielten. Damit nicht genug, verließen viele Handwerker und Gehilfen Nordhorn in Richtung Niederlande, um dort gutes Geld zu verdienen.

Auch die durch den verlorenen Weltkrieg ausgelösten politischen Veränderungen bereiteten den Menschen Sorgen und Nöte. Das Kaiserreich war untergegangen, Unruhen breiteten sich zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen aus, und die gerade entstandene Demokratie, die „Weimarer Republik“, hatte mit erheblichen Geburtswehen zu kämpfen, ausgelöst einerseits durch reaktionäre Kräfte, die eine Rückkehr des Kaiserreiches herbeisehnten, andererseits durch extreme linke Kräfte, die ein politisches System wie das der fast gleichzeitig entstandenen Sowjetunion erstrebten.

Vor diesem dramatischen Hintergrund, geprägt von großer existentieller Not, aber auch von perfiden wirtschaftlichen Interessen Einzelner, spielt das von Dr. Werner Rohr und Reinhard Prüllage geschriebene Stück „Inflation 1923 in Nordhorn – Ruin des Bürgertums “, das in diesem und im kommenden Jahr von der Theaterwerkstatt Nordhorn unter der Leitung des Regisseurs Ernst R. Schröder aufgeführt wird.

Stilmittel von Bertolt Brecht genutzt

Inspiriert von dem epischen Theater Bertolt Brechts, weg von der Darstellung tragischer Einzelschicksale, weg von der klassischen Illusionsbühne und ihrer Scheinrealität, verbunden mit dem Ziel der Darstellung der großen gesellschaftlichen Konflikte wie Krieg, Revolution, Ökonomie und soziale Ungerechtigkeit, werfen die beiden Autoren einen Blick auf zentral agierende Gruppen, deren soziale Umstände und Interessen. Besonders im Fokus stehen das Bürgertum, die Bauern, die Fabrikanten und die Kriegsveteranen.

Von Szene zu Szene machen die beiden Autoren einen räumlichen Sprung, mal in Richtung des Hauses eines Amtsrichters und seiner Familie oder des Hauses und Ladenlokals eines Lebensmittelhändlers, die beide stellvertretend für das Bürgertum stehen, mal in Richtung der Villa eines Fabrikanten, der wie andere Fabrikanten für das wirtschaftliche System des Kapitalismus steht, mal in die Versammlungsräume eines Veteranenvereins, deren Mitglieder für den überkommenen Geist des Militarismus stehen.

Ein Soldat kehrt heim

Das Stück beginnt mit der Rückkehr des Nordhorners und gerade zum Amtsrichter ernannten, ehemaligen Hauptmanns Johann Elinkmann aus dem Ersten Weltkrieg – nach fünf bitteren Jahren an der Front und im Schützengraben. Nach einem kurzen Willkommen durch die Familie drehen sich die Gespräche schnell um die allgemein herrschende und auch sie betreffende wirtschaftliche Not, um die Geld fressende Inflation und die aktuelle Politik. Unruhen versetzen das Bürgertum in Angst. Verhaftet im reaktionären Geist des Kaisertums merkt Elinkmann nicht, wie er selbst zum Opfer dieses Kaisertums geworden ist. Feinde und die Ursache auch seiner wirtschaftlichen Not verortet er bei den aufständischen Arbeitern und Soldaten und bei den sie vertretenden Parteien wie der KPD und der SPD.

Auch andere werden von den Ereignissen eingeholt. Der Lebensmittelhändler Wegbünder will von der um sich greifenden Spekulation, ausgelöst durch die Hyper-Inflation, profitieren, erkennt aber nicht die Feinheiten des Spekulationswesens und gibt sich dem Alkohol und seinen literarischen Träumereien hin.

Obwohl ebenfalls Opfer eines überkommenen Systems, schwören die Mitglieder eines Veteranen-Vereins auf das untergegangene Kaiserreich, das ihnen ihr Elend verursacht hat. Die Stimme eines Einzelnen, der schildert, wie ihn der Krieg körperlich als auch psychisch ruiniert hat, wollen sie nicht hören.

Im Geheimen kommt gleichzeitig die Sehnsucht nach den durch die Demokratie geschaffenen Freiheiten zum Ausdruck. Das gilt insbesondere für Frau Elinkmann, die einerseits der traditionellen Ordnung verhaftet ist, andererseits aber von den neuen Möglichkeiten für Frauen weiß, ihr Leben zu gestalten. Bei einem Kaffeekränzchen mit Freundinnen berichtet sie von ihren Träumen und Wünschen.

Was die Nordhorner Fabrikanten angeht, sind sie zwar auch dem Geist des Kaiserreiches verhaftet, aber im Gegensatz zu den anderen gesellschaftlichen Gruppierungen wissen sie ihre Interessen auch in Notsituationen wahrzunehmen. Die Hyper-Inflation verschafft ihnen zwei gute Gelegenheiten: ihre Schulden mit wertlosen Reichsmark zu bezahlen und ihre Waren gegen stabile Gulden zu verkaufen.

Mit ihrem Stück, das auf realen Geschehnissen vor Ort und bekannten historischen Figuren der Nordhorner Stadtgeschichte basiert, spannen die beiden Autoren einen großen, vielfältigen und inhaltsreichen Bogen um die historischen Ereignisse in Deutschland – mit dem Fokus auf Nordhorn – nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und dessen spezifischen Auswirkungen auf unterschiedliche gesellschaftlichen Klassen. Im Sinne Brechts könnte man von einem Lehrstück in dessen Tradition sprechen. Aber trotz gelegentlich holzschnittartiger Dramaturgie, die die Darsteller manches mal nur als Träger von Informationen und politischen Äußerungen oder Botschaften erscheinen lässt, wird ein lebendiges Bild der damaligen Zeit vermittelt.

Zu den Autoren:

Mit der Heimatgeschichte bestens vertraut ist der Nordhorner Historiker Dr. Werner Rohr. Er ist Mitinitiator der Geschichtswerkstatt der Volkshochschule, Autor von zahlreichen Büchern und Artikeln sowie ehemaliger Vorsitzender des Trägervereins des Stadtmuseums Nordhorn. Engagiert ist Rohr bei der Theaterwerkstatt als Darsteller und Mitglied des geschäftsführenden Vorstands. Von ihm stammt auch das Stück „Lindenallee – Die Straße der SA“, das von der Theaterwerkstatt mit großem Erfolg in der Kornmühle und im Capitol aufgeführt wurde. Als zweites Stück liegt jetzt „Inflation 1923 in Nordhorn – Ruin des Bürgertums “ vor, das auf einer Idee von ihm basiert und in dem auch Figuren aus dem ersten Stück eine Rolle spielen. Zur Seite stand ihm als Co-Autor Reinhard Prüllage, der als Redner, Rezitator, Fotograf, Künstler und Vorsitzender des Ateliers Sägemühle in Nordhorn tätig ist.

Nähere Informationen: http://www.theaterwerkstatt-nordhorn.de

„Lob der Demokratie“ – gegen rechte und faschistische Umtriebe in Deutschland

Lesung der Theaterwerkstatt in der Kornmühle in Nordhorn

Vor dem Hintergrund immer mehr um sich greifender rechter und demokratiefeindlicher Gesinnungen und Handlungen in Teilen der Gesellschaft lädt die Theaterwerkstatt Nordhorn in Kooperation mit der Initiative „Grafschaft zeigt Gesicht“ zu mehreren Lesungen mit dem Titel „Lob der Demokratie“ in die Kornmühle ein.

Gelesen wird unter anderem aus dem Werk von Kurt Tucholsky, Kurt Tucholsky war als Schriftsteller und Autor von Zeitschriften wie „Der Weltbühne“ einer der größten Verfechter der ersten Demokratie in Deutschland, der „Weimarer Republik“, und einer der führenden Gegner der Nationalsozialisten.

Aus Verzweiflung über den Sieg der Nationalsozialisten bei der Wahl im Jahre 1933 setzte er 1935 im Exil in Schweden seinem Leben ein Ende. Unter anderem in seinen Q-Tagebüchern, die er von 1934 bis 1935 schrieb, setzte er sich – manchmal auch in sehr drastischer, aber vor dem geschichtlichen Hintergrund auch nachvollziehbarer drastischer Sprache – mit dem aufgekommenen und sich verbreitenden Faschismus sowie dem damit einhergehenden Antisemitismus auseinander, aber auch mit der Feigheit der von den Nazis bedrohten Personen, seien es Betroffene wie die Juden selbst zu damaliger Zeit oder andere von Verfolgung bedrohte Personenkreise. So wird Tucholsky in seinem schwedischen Exil von folgender Äußerung aus seinem näheren oder ferneren Bekanntenkreis berichtet: „Das ist das einzig Richtige. Hier sollen auch gar keine Juden mehr nach Schweden kommen, das steigert nur den Antisemitismus, und die Juden sollen sich überhaupt in nichts hineindrängen …“ Tucholskys Antwort darauf in seinen Q-Tagebüchern: „Nun, daß solch ein Hosenhändler (Anm.: ein Jude) seine privilegierte Stellung des Schutzjuden den andern gegenüber ausspielt, selbst aber nicht daran denkt, (aus Deutschland) wegzugehen, das haben wir ja schon mal erlebt. Was mich an diesen Leuten so tief empört, ist die Konzession: Ja, wir sind ein Dreck und müssen uns verkriechen. Sie haben so gar keine Würde, so gar kein Gefühl für echte Gleichberechtigung …“. Kurt Tucholsky, der gleichfalls aus einer jüdischen Familie stammt, ist entsetzt über die Haltung anderer Juden, die sich – wissentlich oder unwissentlich – vor ihrem drohenden Schicksal wegducken.

Dieses Entsetzen Tucholskys ist auch einer anderen Eintragung in seinem Q-Tagebuch zu entnehmen. Ursache dieses Entsetzens ist die Lektüre einer Zeitung: „Habe im Läsesaal (Lesesaal) eine Coullion-Zeitschrift (Anm.: Coullion bedeutet in der Übersetzung aus dem Französischen Armleuchter und meint genau das) in der Hand gehabt. Die Beschimpfungen des „Stürmer“ (Anm.: „Der Stürmer“ war eine Hetzzeitschrift der Nationalsozialisten, die vor allem in unsäglicher Weise die Juden verunglimpfte und verbal den Weg für den Holocaust ebnete) sind nichts gegen die kalte Selbstverständlichkeit dieser Haltung. Das ist viel schlimmer als alles andere. Und es gibt wohl nur noch eines, das verächtlicher ist: das ist die Haltung der Juden und jener Herausgeschmissenen, die „das gar nicht so schlimm finden“. Das ist beispiellos. Sie kriegen in die Fresse und lachen, wie der Mann im Witz, weil sie gar nicht der sind, den der Ohrfeigende in ihnen gesehen hat. „Ich heiße doch gar nicht Lehmann.“ Also haben die andern recht, weil sie stärker sind, und weil es geht, und weil man sich das erlauben kann.“

Tucholskys Vorwürfe in Bezug auf die Unterwerfung vor den Nationalsozialisten richten sich vor dem Hintergrund der vom Völkerbund (Anm.: Vorgänger der Vereinten Nationen bis zur Auflösung im Jahre 1946) für das Jahr 1935 anberaumten Volksabstimmung über die Zukunft des Saarlandes aber selbstverständlich auch an das deutsche Volk. Das im Zuge des verlorenen Ersten Weltkrieges unter französischer Verwaltung stehende Saarland beziehungsweise deren Bevölkerung war vor die Wahl gestellt, sich für die Zugehörigkeit zum Deutschen Reich, zu Frankreich oder für die Beibehaltung des status quo zu entscheiden.

Tucholsky schreibt: „Der Bericht … über die Saar ist trostlos pessimistisch. Es scheint dort, wenn das richtig ist, ein derart trockner und stiller Terror zu herrschen, daß selbst der Zusatz des Völkerbundes, daß sie später noch einmal stimmen dürfen, nichts mehr helfen wird. Er kommt auch viel zu spät … und es ist ihnen nicht zu helfen. Die armen Hunde, die dabei unterliegen! Es stimmen sicherlich viele junge Menschen für Deutschland, weil sie sich auf den blutigen Karneval freuen, der dann losgeht und wie ein Krieg das graue Alltagsleben lieblich unterbricht.“ Die Wahl fiel zugunsten der Rückkehr in das Deutsche Reich aus.

In weiteren Ausführungen seines Tagebuches geht es Tucholsky auch um das Schicksal von Schriftstellerkollegen, die dem Nazi-Terror nicht entfliehen konnten. Schon 1934 fand Erich Mühsam den Tod im Konzentrationslager Oranienburg, und Tucholskys Freund und Mitstreiter bei der Zeitschrift „Die Weltbühne“, Carl von Ossietzky, wird bis zu seiner Erkrankung an Tuberkulose im Konzentrationslager Sonnenburg bei Küstrin inhaftiert. Er stirbt 1938 im Staatskrankenhaus der Polizei in Berlin.

Lesetipps: Wer sich näher für das Thema „Faschismus“ in der belletristischen oder autobiografischen Literatur interessiert, dem seien folgende Bücher empfohlen: Alfred Andersch, „Der Vater eines Mörders“, Verlag Diogenes. Darin behandelt der Autor eine autobiografisch geprägte Begegnung mit dem Vater von Heinrich Himmler, dem Rektor eines Münchener Gymnasiums; Erich Kästner, „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“, Atrium Verlag. Er spielt in der Endphase der Weimarer Republik, in der die Nationalsozialisten immer mehr an Zulauf erhalten: Ralph Giordano, „Erinnerungen eines Davongekommenen“, Verlag Kiepneheuer & Witsch. Der Journalist erzählt vom Schicksal seiner jüdischen Familie und seinem eigenen nach der Übernahme der Herrschaft in Deutschland durch die Nationalsozialisten. Sie überleben Verfolgung und Krieg im Keller eines Hauses; Edgar Hilsenrath, „Der Nazi und der Friseur, Fischer Verlag. In dieser bösen Satire übernimmt ein Nazi die Identität eines Juden und macht Karriere in Israel, und eine Entdeckung bei der Buchmesse in Leipzig, als Rumänien Gastland war: Catalin Mihuleac, „Oxenberg & Bernstein, Zsolnay Verlag. Darin wird die Verfolgung der Juden in Rumänien geschildert.

Termine für die Lesungen „Lob der Demokratie“ sind der 6., 14., 20. und 21. September jeweils um 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Um eine Spende für weitere Aktionen der Initiative „Grafschaft zeigt Gesicht“ wird gebeten.