Buchtipp: Thilo Mischke: „Alles muss raus – Notizen vom Rand der Welt“

Der Reporter, Globetrotter und Abenteurer Thilo Mischke (Journalist des Jahres 2021) ist unterwegs zu den Rändern der Welt und auf der Suche nach dem, was wirklich wichtig ist.

Wer über 100 Länder der Welt bereist hat, hat gewiss was zu erzählen. Vor allem wenn man einen offenen Blick für Menschen und ihre Geschichten hat, und einen unersättlichen Lebens- und Erfahrungshunger.

Dass das für den Journalisten, Autor und Fernsehmoderator Thilo Mischke gilt, wird schon bei der ersten Story – Titel „Mit dem Tod beginnen“ – aus seinem 2022 erschienenen Buch „Alles muss raus – Notizen vom Rand der Welt“ deutlich. Entgegen des auf dem Klappentext nachzulesenden Satzes „Es ist nicht der Reiz des Extremen, der ihn in die entlegensten Ecken treibt“ scheint ihn genau dieser Reiz zu treiben.

In einem der neun Höllenkreise von Dantes „Inferno“

Die ersten Seiten der Beschreibung seines Aufenthaltes in El Salvador wirken, als sei er in einem der neun Höllenkreise von Dantes „Inferno“ gelandet. In einem der gewalttätigsten Länder der Erde, das von jahrelangen, blutigen und tödlichen Bandenkriegen beherrscht wird, macht sich Thilo Mischke mit einem Kamerateam und einem Forensiker auf den Weg zur Bergung einer Leiche, inmitten einer unwirtlichen, von Hitze und Trockenheit ausgemergelten Landschaft.

Diese Geschichte entwickelt sich zu einer starken persönlichen Reflexion über den Tod.“

Der Tote ist ein Opfer der Bandenkriege. Ob er auch Täter ist, lässt sich nicht klären. Diese Geschichte entwickelt sich zu einer persönlichen Reflexion über den Tod. Mit bestechend klarer Sprache beschreibt er neben seiner Reise in die Finsternis eines mittelamerikanischen Landes im stetigen Wechsel das Dahinsiechen seiner geliebten Oma, deren allmähliches Ableben er bis zum letzten Atemzug mitbekommt.

Das Nebeneinander zweier Handlungsstränge kennzeichnet auch die weiteren Geschichten. In „Wir wurden wenige. Über Freundschaft“ verwebt Mischke persönliche Betrachtungen über die Freundschaft mit der Erinnerung an eine Reise auf Island mit dem besten Freund, den er aus nicht benannten Gründen verloren hat, und mit einem Aufenthalt in Somalia, einem Land, einem „failed state“, der an einem jahrelangen und unerbittlichen Bürgerkrieg zerbrochen ist, und über das er berichten soll. Verlust und Tod schweben über allem.

Persönliche Neugierde und naive Vorstellungen

Immer wieder geht es dem Autor um die ganz großen Sachen, um Leben und Tod, Abenteuer und Gefahr; und er ist dabei so ehrlich, zuzugeben, dass bei seinen Geschichten aus den gefährlichsten Ecken der Welt persönliche Neugierde und naive Vorstellungen – „Ich wollte diese Kriege sehen, weil ich wissen wollte, was sie sind, wie sie funktionieren. Ich wollte, ganz romantisch verträumt, mit schusssicherer Weste und Staub im Gesicht bewundert werden“ – keine unwesentliche Rolle spielen.

Was Mischke aber vor allem klar machen will, ist, dass es in vielen Ländern der Erde die von den meisten Menschen im Westen lange verdrängte Realität des Krieges gibt, die die meisten nur aus den Nachrichten kennen, deren Randerscheinungen uns aber auch schon in Form von Anschlägen begegnet sind, vom 11. September 2011 in New York über Madrid und London bis zum Breitscheidplatz in Berlin. Und nach dem brutalen Überfall Russlands in die Ukraine auch noch ein bedrohlicher Krieg direkt an Europas Grenzen.

Tröstlich immerhin: Es gibt in Mischkes Buch auch eine Liebesgeschichte, zwar nicht von Dauer, aber intensiv und nachrücklich in der Erinnerung des Autors.

Thilo Mischke, „Alles muss raus – Notizen vom Rand der Welt“, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-27872-7

Der Hintergrund zu den Liedern und manchem mehr

Paul McCartney gibt in seinem zweibändigen, sehr aufwendig und liebevoll gestalteten Buch „Lyrics“ Einblicke in das eigene Schaffen und das der Beatles.

Als Fan der besten Band der Welt kam ich natürlich an einem Buch nicht vorbei, und das war das zweibändige, beim C. H. Beck Verlag erschienene Werk „Lyrics“ von Paul McCartney. Der Ex-Beatle, der vor allem mit John Lennon Musikgeschichte prägte wie kaum jemand sonst, hat darin Texte der Beatles-Songs und auch Songs der Nach-Beatles-Ära, autobiografische Kommentare aus erster Hand, handgeschriebene „lyrics“, Erinnerungsstücke, Fotografien und manches mehr zusammengestellt – kurzum neue und bisher unbekannte Einblicke in das Leben und Schaffen sowohl der Beatles als auch Paul McCartneys.

Wie Paul McCartney im Vorwort zu „Lyrics“ schreibt, war er schon immer wieder mal dazu gedrängt worden, eine Autobiografie auf Papier zu bringen. Aber das sollte nie so richtig gelingen; es fehlte einfach die Zeit. „Meist zog ich Kinder groß oder war auf Tour“, berichtet er. Keine guten Bedingungen, um sich für längere Zeit auf das Erlebte zu konzentrieren, Erinnerungen zu ordnen und sie niederzuschreiben. Und Tagebücher oder dergleichen waren auch nicht vorhanden.

Was es aber immer gab waren seine Songs und natürlich die mit John Lennon gemeinsam geschriebenen, entstanden über einen Zeitraum von inzwischen über 65 Jahren. Sie sind es, die alphabetisch geordnet die Grundstruktur der beiden Lyrics-Bände bilden.

Wer wissen möchte, wie die Songs entstanden sind, welche Inspirationsquellen es gab und was sich hinter manchen Textzeilen verbirgt, deren Sinn sich nicht immer gleich direkt erschließt, wird in diesem Mammut-Werk fündig.

Als ein Beispiel von vielen: „Get back“ aus dem Jahre 1969, geschrieben mit John Lennon in der Endphase der Beatles kaum ein Jahr vor der Trennung. In McCartneys Erinnerung ging es angesichts der sich immer deutlicher abzeichnenden Auflösung der Band aufgrund von persönlichen und künstlerischen Differenzen bei dem Song um Sehnsucht, um die Rückkehr zu den Wurzeln und konkret um eine Wiederbelebung der Band, die wieder gemeinsam spielt und auftritt. Doch John Lennon gab im Gespräch mit McCartney zur Antwort: „Ich mache nicht mit, ich steige aus. Tschüss“. Und so endete eine unvergeßliche Ära der Musikgeschichte, aber die Erinnerung bleibt.

Buchtipp: Katerina Gordeeva: „Nimm meinen Schmerz – Geschichten aus dem Krieg“

Anna Politkowskaja-Preisträgerin Katerina Gordeeva hat mit „Nimm meinen Schmerz“ ein beeindruckendes, äußerst berührendes und angesichts der geschilderten Schicksale der Opfer ein zugleich schwer erträgliches Werk über den Ukraine-Krieg geschrieben.

„Eines Tages werden die Bücher von Katja Gordeeva für das Geschichtsstudium verwendet werden. Aber nicht die Geschichte des Krieges, sondern die Geschichte des Menschen im Krieg. Seit den ersten Kriegstagen dokumentiert sie Tag für Tag, wie wir mit der menschenverachtenden Erfahrung des Geschehens umgehen. Keiner war darauf vorbereitet“, schreibt Swetlana Alexijewitsch, Nobelpreisträgerin für Literatur.

Großes Lob von einer Nobelpreisträgerin für Literatur

Dieses Lob macht deutlich, welchen Rang die aus Russland stammende Autorin einnimmt. Katerina Gordeeva, geboren 1977, wurde von der Romir Research Holding zu einer der zehn einflussreichsten unabhängigen Journalistinnnen Russlands ernannt und vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2022 mit dem Internationalen Anna Politkowskaja-Journalistenpreis, benannt nach der am 7. Oktober 2006 in Moskau ermordeten Journalistin, die eine der führenden Kritikerinnen des Putin-Regimes war.

Bis 2012 arbeitete Katerina Gordeeva als TV-Reporterin und als Kriegsberichterstatterinen, 2014 verließ sie ihre Heimatstadt Moskau aus Protest gegen die Annexion der zur Ukraine gehörenden Krim. Verfolgung, Gefängnis oder Tod waren zu befürchten. Seitdem lebt sie mit ihrer Familie im Exil in Lettland. 2020 gründete sie ihren eigenen YouTube-Kanal und erreicht damit ein Millionen-Publikum.

Gleich im Vorwort zu ihrem im Verlag Droemer erschienen Buch „Nimm meinen Schmerz“ setzt sich die Autorin mit Gedanken auseinander, die äußerst schmerzhaft für sie sind.

Die Hälfte unserer Familie lebt in der Ukraine, in Kyiw: mein Cousin und meine Cousine, ihre Familien und Kinder …“

Sie muss das Land verlassen, das trotz des mörderischen Putin-Regimes und des Krieges gegen die Ukraine ihre Heimat bleiben wird, sie muss ihre Kindern erzählen, dass ihr Heimatland einen äußerst brutalen Krieg begonnen hat, und dass der Staat, deren Bürgerin sie ist, Menschen angegriffen hat, die sie liebt. Wie viele andere Russen hat sie familiäre Beziehungen zur Ukraine. „Die Hälfte unserer Familie lebt in der Ukraine, in Kyiw: mein Cousin und meine Cousine, ihre Familien und Kinder, mein Onkel, der 1939 geboren ist“, schreibt Katerina Gordeeva über ihre spezielle Situation.

Bevor sie das Buch geschrieben hat, entstand zunächst ein Film, indem sie mit vom Krieg betroffenen Menschen gesprochen hatte. Er erschien auf ihren YouTube-Kanal. Katerina Gordeeva stellte dann aber fest, dass die Begegnungen und Erlebnisse, die mit dem Film verbunden waren, sie nicht mehr losließen.

Frau verliert ganze Familie im Krieg

„Doch der Film erschien, und die Figuren – sowohl die im Film als auch die, die nicht in der endgültigen Fassung vorkamen – ließen mich nicht los. Ich träumte von ihnen. Hörte ihre Stimmen in meinem Kopf. Mir wurde klar, dass ich es aufschreiben muss, dass es anders nicht geht.“

Dass die von Katerina Gordeeva gemachten Erfahrungen mit vom Krieg betroffenen Menschen so schmerzlich waren, belegt unter anderem der Fall von Tanja, die in der schwer umkämpften Stadt Mariuopol lebte. Kaum zu ertragen ist das Schicksal dieser auch noch von Kinderlähmung betroffenen Frau und Mutter zweier Kinder. Ihr Haus wird niedergebrannt mitsamt bettlägerigen Verwandten, ihr Sohn stirbt im Kugelhagel, ihre Tochter beim Brand des Hauses. Damit nicht genug sterben auch noch ihr Mann und ihre Mutter.

Glück im eigentlich unbeschreiblichen Unglück: Durch das Engagement eines ehrenamtlich engagierten Helfers konnte Tanja nach Deutschland fliehen. Doch die Gedanken an das erlebte Schicksal werden ewig bleiben. Tanja sagt im Gespräch mit der Autorin: „Ich weiß nicht, warum ich lebe, wozu ich überlebt habe und wie ich weiterleben soll.“

Diese Gedanken teilt sie mit vielen anderen vom Krieg Betroffenen, deren tragisches Schicksal in Gordeevs Buch eindrucksvoll und schmerzlich berührend geschildert wird.

Einblicke in das Leben einer Nordhorner Jugendlichen

Über das Gefühl des Unverstandenseins, Tattoos, Depressionen und Musik berichtet die 18-jährige Sanja Wolters in einem Beitrag über das Thema „Jugendkultur“.

„I ´ve always told them I ´m okay / But I don´t / I ´m full of pain / of tears / of loneliness / But I always laught for them / And said the right answers / So they wouldn´t be worried / Or because I ´m afraid they wouldn´t listen / because they are not interested in it“ – so lautet der Text eines Gedichts der 18-jährigen Nordhornerin Sanja Wolters, die ein Unwohlgefühl von Jugendlichen gegenüber der Gesellschaft zum Ausdruck bringt, die nach ihrer Meinung oft von Oberflächlichkeit, schönem Schein und der Verdrängung von Problemen geprägt ist.

„Manchmal scheint uns keiner zu verstehen“, sagt sie im Gespräch mit einer gewissen Wut. „Was habt Ihr denn, Euch geht es doch gut, Ihr habt doch alles, was Ihr braucht“, schallt es ihr oft entgegen. Aber Sanja geht es nicht um die materiellen Dinge. Es geht um Offenheit, Zuhören und den Kampf gegen Vorurteile.Poetry Slam und der Malerei zugewandt. Aber wie es etwas genauer in ihrer Welt aussieht, sagt sie im Gespräch: „Manchmal ist alles zuviel: Der Meinungs- und Informationsschwall durch Social Medi, der große Einfluss durch gleichaltrige Jugendliche und Peer-Groups, der einen schon verunsichern kann, wenn es beispielsweise um Aussehen und Mode geht. Damit nicht genug, gibt es auch enormen Druck vonseiten der Familie, von der Schule und durch die Berufsaussbildung. Die ganzen Erwartungen, die auf einem lasten, prägen uns. Und dann gibt es in großen Teilen unserer Gesellschaft leider auch viele Vorurteile, mit denen wir klar kommen müssen.

Es geht um Offenheit, Zuhören und den Kampf gegen Vorurteile.

Ein gutes Beispiel dafür sind Vorurteile gegenüber Erkrankungen wie Depressionen. Da dürfen sich viele Betroffene so böse Sätze anhören wie „Das ist doch keine richtige Krankheit, „Das bildest Du dir nur ein“, oder „Ja, weil es jeder hat, musst Du das jetzt auch haben.“

Oft ist es auch der Fall, dass sich viele von einem zurückziehen, der an Depressionen erkrankt ist. Als sei man ansteckend. Dabei ist es doch das Wichtige, dass genau dann die Leute aus dem engeren Umfeld wie Familie und Freunde bei einem sind und ihn stärken. Viele werden jetzt wahrscheinlich denken, so kann das doch gar nicht stimmen, wir sind doch in unserer heutigen Zeit bei diesem Thema weit gekommen, was die Heilung angeht. Ich finde aber, dass dies so nicht gan stimmt. Was das Medizinische und Psychologische angeht, sind wir sehr viel weiter gekommen, das ist richtig. Doch in unserer Gesellschaft ist das Sprechen über Depressionen oft noch immer ein Tabu. Vor allem wird es runtergespielt, verdrängt, und diese Verhaltensmuster bringen viele dazu, sich keine Hilfe zu suchen und weiter unter diesem Druck zu leiden. Hinzu kommt jetzt noch die aktuelle Situation mit Corona. Allein seit Beginn der Pandemie sind zusätzlich 477.000 Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren mit Symptomen von Depressionen betroffen, wie ich online auf www.tagesschau.de nachgelesen habe. Die Aussage basiert auf einer Studie von Martin Bujard.

Schlimm ist es auch, mit Vorurteilen betrachtet zu werden, wie es mir schon passiert ist. Wenn jemand Tattoos hat wie ich, ist er gleich abgestempelt als Rocker oder Asi und überhaupt als unanständig. Mit unanständig ist bei der Bewertung nicht unbedingt gemeint etwas gemeint, was beleidigend ist oder einen nackten Körper darstellt. Selbst einfache Blumenmuster werden als unanständig bezeichnet, einfach nur, weil es Tattoos sind. Dies sind zumindest die Vorurteile von vielen Erwachsenen mir gegenüber.“

Mit Tattoos können wir das verewigen, was uns ausmacht oder was wir mit uns verbinden.“

Doch in den Kreisen von mir Gleichaltrigenbedeuten Tattoos etwas ganz anderes. Ich selbst habe nur ein Tattoo, will aber noch mehr haben. Glücklicherweise habe ich viele Freunde, die alle verschiedene und auch sehr viele Tattoos haben. Und Sie haben sich ebenso was dabei gedacht wie ich auch, und deshalb verstehen wir uns. Mit Tattoos können wir das verewigen, was uns ausmacht oder was wir mit uns verbinden. Wir können die schönsten Momente verewigen und wir können auf verschiedene Weisen auch die schlechten Momente verewigen, um uns zu stärken, zu erinnern und um uns aufrecht zu halten. Viele verbinden mit ihren Tattoos eine Geschichte aus ihrem Leben, selbst wenn es nur ein Tattoo ist, welches beim Trinken entstanden ist. Auch da steckt eine Geschichte drin, über die man weinen, lachen und sich an alte Zeiten erinnern kann. Viele identifizieren sich über ihre Tattoos.

Eine weitere Leidenschaft ist für mich wie für meine Freunde die Musik. Ich selbst bin gerne in der Rock- und Metalszene unterwegs. Allerdings höre ich ab und zu auch etwas Klassisches von Komponisten wie Fritz Kreisler und Frederic Chopin.

Was Filme angeht, bin ich ein riesiger Tim Burton-Fan, aber nicht nur. Bei dem, was ich mag, lasse ich mir keinen Stempel aufdrücken, der besagt, zu welcher Gruppe man gehört.

Für die verschiedensten Situationen und für die verschiedensten Gefühle gibt es bei mir und meinen Freunden verschiedene Musikrichtungen. Wenn ich gute Laune habe und Spaß, und vielleicht mal ein bisschen feiern möchte, dann bin ich bei Pop, Rock und Metal. Wenn ich lerne und mich konzentriere, höre ich klassische Musik, und wenn ich zeichne, male oder traurig bin, höre ich oft Birdy und ähnliche Musiker. Die Musik hat für mich die verschiedensten Formen, Gefühle rüberzubringen und einen zu erreichen. Man kann sich in die Musik flüchten und sich mit ihr retten. Die Musik ist für mich vielfältig und so sind die Menschen auch, oder sollten es sein. Ich mag diese Vielfalt einfach und kann nicht verstehen, warum es Menschen gibt, die einem bloß anhand der Musikrichtung einen negativen Stempel aufdrücken wollen, oder anhand der Tatsache, dass jemand Tattoos mag.“

Kunstbetrachtungen, Teil 5 – Was ist ein Kunstwerk?

Nicht nur in der Malerei hat es revolutionäre Entwicklungen gegeben, die das Publikum überfordert haben. Gleiches gilt auch für die Musik.

Im Kapitel 1 „Es gibt Kunstwerke … gibt es sie wirklich?“ seines Buches zum Thema Kunst geht Autor Georg W. Bertram auf zwei musikalische Ereignisse im Jahre 1913 ein, die wie die Impressionismus-Ausstellung von 1878 (siehe Teil 1 der Kunstbetrachtungen) die Frage aufwarfen, ob das überhaupt Kunst sei.

Tumulte und Buhrufe

In Wien wurde das Stück „Altenberg-Lieder op. 4“ von Alban Berg, einem Schüler von Arnold Schönberg, aufgeführt. Beide sind der Zwölftonmusik zuzuordnen, die mit vorher geltenden Kompositionsregeln gebrochen hatte und für den nicht Eingeweihten zum Teil gewöhnungsbedürftig, zum Teil unzumutbar klang. Zwölf Halbtöne der Tonleiter, die an einer Stelle auf einmal erklangen, waren keine leichte Kost. Die Reaktion des Publikums: Tumulte, die einen Abbruch der Darbietung erzwangen.

In Paris wurde das Ballettstück „Le sacre du pritemps“ des russischen Komponisten Igor Stravinski auf die Bühne gebracht, das sich durch äußerst dominante Rhythmik, Melodienarmut und neue Akkorde auszeichnete. Die Reaktion des Publikums auf die wie bei Alban Berg ungewöhnlichen Töne: Buhrufe.

Kurzum: Die Übereinkunft zwischen Komponist und Hörer, was als klassische Musik oder überhaupt als Musik zu verstehen sei, galt nicht mehr. Der Philosoph Theodor W. Adorno brachte es auf den Punkt: „Zur Selbstverständlichkeit wurde, dass nichts, was die Kunst betrifft, noch selbstverständlich ist.“

Was macht ein Kunstwerk zu einem Kunstwerk, und was ist Kunst überhaupt?“

Vor diesem Hintergrund und angesichts des Bemühens, dem Kunstbegriff etwas näher zu kommen, stellen sich die von Bertram gestellten Fragen noch einmal mehr: Was macht ein Kunstwerk zu einem Kunstwerk, und was ist Kunst überhaupt?

Dazu bedarf es nach Bertram bestimmter Eigenschaften oder Merkmale, die ein musikalisches, malerisches oder skulpturales Werk besitzen muss, damit es als Kunst bezeichnet werden kann. Kurz gesagt geht es um den Unterschied von „echter Kunst“ und „bloßen“ Unterhaltungs- oder Gebrauchsprodukten.

Eine Zeit lang schien es vor allem in der Musik leicht zu sein, beides voneinander zu trennen. Klassik galt als E-Musik, der Rest als U-Musik. Aus damaligem Verständnis war Klassik als ernste, also E-Musik, in gutbürgerlichen Kulturkreisen als Kunst anerkannt, während auf sogenannte U-Musik wie zum Beispiel Schlager oder Jazz, herablassend heruntergeschaut wurde. Ihr wurde die Eigenschaft, Kunst zu sein, abgesprochen.

Frage nach Eigenschaften

Wie Bertram schreibt, wird Kunst aber bestimmt durch die Eigenschaften, die einem Kunstwerk zugeschrieben wird. Und was braucht es dazu? Zunächst viel Wissen über die Geschichte der Künste wie der Malerei, der Musik oder der Literatur. Das hilft bei der Einordnung dieser Gattungen in Epochen wie dem Barock, der Klassik oder dem Realismus. Eine erste Orientierung, was ein Kunstwerk ist oder sein soll, bietet laut Bertram ein schon länger existierender Kanon, oder anders ausgedrückt eine Richtschnur, auf den oder die sich die im Kulturbereich tätigen Menschen geeinigt haben. In entsprechenden Fachpublikationen sind Bilder, Skulpturen, Bücher oder Kompositionen zu fiden, denen der Begriff Kunst zugesprochen wird. Dazu gehören unter anderem die „Mona Lisa“ von Leonardo da Vinci, Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ oder Miguel de Cervantes „Don Quichote“, der zur Weltlieratur gerechnet wird.

Ein fotografischer Streifzug durch die Grafschaft mit Bildern von Anja Koch und Texten von Andreas Meistermann

Stimmungsvolle Landschaften zu unterschiedlichen Jahres- und Tageszeiten, Menschen bei der Arbeit, privat oder bei Freizeitvergnügungen, regionaltypische und exotische Tiere, Stadt- und Dorfimpressionen sowie Architektur im Dialog zwischen Tradition und Moderne – das alles bietet der qualitativ äußerst hochwertige Fotoband „Querfeldein – Ein Streifzug durch die Grafschaft Bentheim“, der in Kooperation der Nordhorner Fotografin Anja Koch mit dem Heimatverein Grafschaft Bentheim und der Grafschafter Sparkassenstiftung entstanden ist.

Anja Koch hat sich für das Buch auf die Suche nach Motiven begeben, die für sie die Grafschaft verkörpern. Unter dem auch titelgebenden Motto „Querfeldein“ führte sie der Weg von der Obergrafschaft über die Kreisstadt Nordhorn bis in die Niedergrafschaft – nur nicht immer in dieser Reihenfolge, wie das Wort „Querfeldein“ ja auch besagt.

Bei ihren zahlreichen Wanderungen und Fahrten wendete die Fotografin viel Zeit und Geduld dafür auf, die markanten Orte, Landschaften und Plätze zu finden, die je nach Jahres- und Tageszeit etwas von ihrer einzigartigen Faszination und Magie preisgeben. „Solche besonderen Eindrücke und Momente mit der Kamera festzuhalten bedurften oft mehrerer Stunden, bis der richtige Zeitpunkt für den Auslöser da war“, berichtet Anja Koch.

Einen besonderen Augenmerk legte sie bei ihren fotografischen Erkundungen auch auf die in der Grafschaft lebenden Menschen, die sie in den unterschiedlichsten Situationen angetroffen hat und bei denen sie auf viel Entgegengekommen gestoßen ist: „Was man sofort merkt, ist die Herzlichkeit und die Identifikation der Grafschafterinnen und Grafschafter mit der Landschaft und der Region im Ganzen. Ich habe auf meinen Erkundungstouren so viele interessante, herzliche und hilfsbereite Menschen getroffen, die sich sofort dazu bereit erklärt haben, fotografiert zu werden und mir auch in anderer Weise oft spontan behilflich waren“, erinnert sich Anja Koch an ihre Erlebnisse im oft zufälligen Kontakt.

Was die Zielsetzung des Buches angeht, macht sie klar, dass es sich dabei nicht um einen neuen Touristenführer handelt, sondern darum, einen neuen Blick auf Bekanntes, aber auch Unbekanntes zu bieten: „Mit diesem atmosphärischen Porträt der Grafschaft Bentheim wird den Bewohnern ihre Heimat oftmals aus neuer Sichtweise präsentiert und soll auch Auswärtigen Lust machen, einige dieser Orte und Landschaften – vielleicht auch aufs Neue – selbst einmal zu erkunden“, erläutert sie.

Den Worten Anja Kochs pflichtet auch Landrat Uwe Fietzek in seiner Funktion als erster Vorsitzender des Heimatvereins Grafschaft Bentheim bei. So schreibt er im Vorwort: „Die Orte, die über viele Monate von der Fotografin ausgwählt und aufgesucht wurden, erscheinen in diesem Bildband als Motive, die aus einer individuellen und intensiven Betrachtung heraus entstanden sind und den Betrachter inspirieren, die Schönheit ud Einzigartigkeit unserer Heimat mit neuen Augen zu sehen oder gar neu zu entdecken.“

Der Fotoband wird durch textliche Anmerkungen und Informationen von Andreas Meistermann sowie eine ausführliche Literaturliste zur Grafschafter Heimatgeschichte ergänzt.

Das Buch, das sich auch perfekt als originelles und individuelles Geschenk oder Gastgeschenk für Auswärtige eignet, ist ab dem 1. Juni zum Preis von 24,90 Euro in den regionalen Buchhandlungen erhältlich.

Leonid Wolkow: Putinland