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Eine Ausstellung im Tuchmacher Museum Bramsche zeigt das Handwerk des Webens.
Die Farben des Feuers sind Inspiration für diese Ausstellung und Symbol zugleich: Sie stehen für die Begeisterung, das Entbranntsein für das Handwerk Weben. Die Wanderausstellung zum 20-jährigen Bestehen des Vereins „weben+“, die noch bis zum 7. September im Tuchmacher Museum Bramsche zu sehen ist, macht deutlich, dass Handweben nicht nur eine Technik zum Herstellen von Geweben ist, sondern immer auch Ausdruck kreativer Arbeit.
Bekleidung, Heimtextilien, Meterware und künstlerische Arbeiten: Die Exponate aus allen Bereichen der Handweberei zeigen den Entwicklungsprozess der Arbeit, den Weg von der ersten Idee über Skizzen, Farbzusammenstellung, Garnauswahl, Bindungen, Webtechnik und Nachbehandlung bis zum fertigen Gewebe. Die ungewöhnliche Ausstellung gibt tiefe Einblicke in den spannenden Schaffensprozess der Weber:innen und ihre Begeisterung für die Handweberei.
Lange bevor das Handweben 2023 von der Deutschen UNESCO-Kommission in die Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde, gründete sich im Jahr 2000 der Verein „weben+“ mit dem Ziel, die textile Kultur des Handwebens zu erhalten, zu fördern und weiterzuentwickeln. Seitdem werden die handwerklichen Fertigkeiten und das Wissen um sie nicht nur durch Ausstellungen, sondern auch in Fortbildungen, Fachgruppen und zahlreichen anderen Aktivitäten weitergegeben.
Heute gehören dem Verein 400 Mitglieder an. 32 Handweberinnen und Handweber von ihnen haben ihre Arbeiten zur Ausstellung beigesteuert und den Entstehungsprozess in einer Begleitbroschüre dokumentiert, die im Museum erhältlich ist.
Nähere Informationen: Tuchmacher Museum Bramsche, Mühlenort 6, 49565 BramscheTelefon: 05461 94510, E-Mail: info@tuchmachermuseum.de
Ausstellung im LWL-Museum Textilwerk in Bocholt
Mode und Accessoires, Kosmetik und Düfte aber auch Chirurgie, Sport und Ernährung – all das und noch viel mehr ist Teil der Schönheitsindustrie, die weltweit für mehr 500 Milliarden US-Dollar Umsatz im Einzelhandel sorgt. Doch wo kommen die Trends her? Wer bestimmt, was „Schönheit“ ist und wie Mann oder Frau sie erreichen können?
Mit vielen interaktiven Ausstellungseinheiten präsentiert das LWL-Museum Textilwerk in Bocholt noch bis zum 1. November 2026 auf über 600 Quadratmetern auch die Rolle der Werbung und der Medien sowie den Einfluss von Social Media.
Das Spektrum der rund 800 Exponate reicht von Kleidern und formender Wäsche über Lockenwickler, Rasierer, Lippenstifte und Utensilien aus dem Fitnessstudio bis hin zu denen der Schönheitschirurgie wie Spritzen und Brustimplantate. Höhepunkte sind unter anderem Kleid und Krone der ersten und einzigen deutschen Miss Universe Marlene Schmidt (1961) sowie ein Yves Saint Laurent-Kostüm von Marlene Dietrich aus den 1970-er Jahren.
Videointerviews mit Protagonisten und Protagonistinnen der Branche, darunter ein Schönheitschirurg, die Chefin einer Kosmetikfirma, die Betreiberin einer Model-Agentur und ein Curve-Model, geben Einblicke in verschiedene Geschäftsfelder. Viele Mitmach-Stationen, Spiegel, ein Laufsteg und eine Selfie-Station laden dazu ein, sich mit der eigenen Einstellung zum Thema Schönheit zu beschäftigen.
Öffentliche Führung durch die Sonderausstellung finden jeden Sonntag um 15 Uhr statt. Am Donnerstag, 18. September, und am Donnerstag, 30. Oktober, jeweils in der Zeit von 18 – 20 Uhr, wird eine Kuratorführung mit einem Glas Sekt für 10 Euro inklusive Eintritt angeboten. Für eine Gruppenführung „Behind Beauty“ von zirka 60 Minuten werden 45 Euro zuzüglich Eintritt berechnet.
Nähere Informationen: LWL-Museum Textilwerk, Weberei: Uhlandstraße 50, 46397 Bocholt, Spinnerei (auch Postadresse): Industriestraße 5, 46395 Bocholt, Telefon 02871 21611-210, Fax 02871 21611-266, E-Mail textilwerk@lwl.org
„In The Garden of My Good Days“ ist die erste museale Einzelausstellung der Amsterdamer Künstlerin Ivna Esajas in den Niederlanden. Zu sehen ist sie vom 6. September 2025 bis 2. Februar 2026 im „Museum de Fundatie“ in Zwolle.
In dieser Ausstellung erkundet Ivna Esajas Wege, den Raum des Museums herauszufordern und ihren Platz im wörtlichen und übertragenen Sinne zu behaupten. Mit ihrer Arbeit weigert sie sich, festen Vorstellungen von Schönheit oder Perfektion zu entsprechen. Das Werk existiert, und das ist wertvoll genug.
Oft sind es Gedichte, die Ivna inspirieren und in denen sie einen Sinn findet. Sie nähern sich dem Kern ihres Werks, ohne es zu erklären oder ihm eine ausdrückliche Botschaft zu geben. So kann man als Betrachter das Werk auch selbst interpretieren. Der Titel der Ausstellung stammt aus dem Gedicht „The Ragged and the Beautiful“ der jamaikanischen Dichterin und Schriftstellerin Safiya Sinclair.
Ivna schafft großformatige Zeichnungen auf Leinwand, Kompositionen von Figuren, die den Alltag und die Welt der Schwarzen und deren Vorstellungswelt erkunden. Die Figuren sind miteinander verbunden, teilen ihre Körper, berühren und halten sich gegenseitig, als ob ihr individuelles Gleichgewicht von ihrer Einheit, Solidarität, Freude und Liebe abhängt. Weit entfernt von jeglichem äußeren Urteil oder Zwang.
Ihr Werk entsteht intuitiv. Sie folgt den Linien auf der Leinwand, erkundet Form und Zwischenform. Linien, die Vergangenheit und Gegenwart, persönliche Geschichten und Erinnerungen miteinander verbinden. Diese Geschichten und Erinnerungen wandern durch das Universum und verbinden Vergangenheit und Gegenwart mit dem, was wir sehen und fühlen.
Ivna Esajas hat ein Atelier in Amsterdam Zuidoost, bei der Open Ateliers Stichting (Kruitberg). Sie erwarb ihren Master am Sandberg Institut im Programm „Blacker Blackness“ (2023). Im Jahr 2024 erhielt sie das Stipendium des Mondriaan-Fonds „Artist Start“.
Ihre Arbeiten wurden bereits in einer Einzelausstellung im „Metro54“ in Amsterdam (2024) und in verschiedenen Gruppenausstellungen gezeigt, unter anderem im „CBK Zuidoost“ (2024), im „Kunstenlab“ (2023) und bei den Open Ateliers Zuidoost (2023).
Nähere Informationen: Museum de Fundatie, Blijmarkt 20, 8011 NE Zwolle, Telefon 0031 572388188, E-Mail info@museumdefundatie.nl und Internet www.museumdefundatie.nl. Geöffnet ist es dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.
Zum ersten Mal tritt die international renommierte Künstlerin Marina Abramović mit dem Marina Abramović Institute (MAI) in einen direkten künstlerischen Dialog mit dem Erbe von Joseph Beuys, einem der einflussreichsten Wegbereiter der Aktionskunst. Veranstaltungsort ist das Schloss Moyland. Eröffnet wird die Ausstellung am 13. Juli, 14.30 Uhr.
Zugleich ist es das erste Mal, dass sich das MAI und die beteiligten Künstlerinnen und Künstler in einem langfristigen Projekt mit den Beständen einer sammelnden Institution auseinandersetzen. Bereits 2005 reinterpretierte Abramović Beuys‘ ikonische Performance „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ im New Yorker Guggenheim Museum.
Die Ausstellung im Museum Schloss Moyland bringt nun die Dokumentation der beiden Inszenierungen zusammen und präsentiert sie im Kontext historischer Plastiken, Archivmaterialien und Zeichnungen von Beuys aus der Sammlung. Im März war im Rahmen eines interdisziplinären Residenzprogramms eine Gruppe von dreizehn internationalen Performance-Künstlerinnen und -Künstlern eingeladen, Beuys’ künstlerische Herangehensweisen zu erforschen und neue ortspezifische Performances für das Museum Schloss Moyland zu entwickeln.
Während der Ausstellung sind die Performances im Schloss und im Park des Museums zu sehen. Die Ausstellung erweitert somit den Rezeptionsrahmen der künstlerischen Arbeiten sowohl von Beuys als auch Abramović und bietet neue Perspektiven auf die Schnittstellen von Performance, Aktionskunst und Archivforschung.
Eine künstlerische Verbindung über Generationen hinweg
Ein zentraler Fokus der Ausstellung liegt auf der ikonischen Performance „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ von Joseph Beuys aus dem Jahr 1965 und ihrer Re-Performance durch Marina Abramović. Beuys führte diese Aktion erstmals in Düsseldorf auf: Mit Honig und Blattgold bedeckt, schob und zog er das Tier mit seinen Händen und Zähnen durch den Raum der Galerie Schmela. Vierzig Jahre später brachte Marina Abramović Beuys’ Werk in einen neuen Kontext: In ihrer legendären Performance-Serie „7 Easy Pieces“ (2005) im New Yorker Guggenheim Museum rekonstruierte sie ikonische Arbeiten der Performancekunst – darunter auch von Beuys.
Die Ausstellung stellt die beiden Inszenierungen erstmals direkt gegenüber. Während Beuys als Mann aus der deutschen Kriegsgeneration einst die Bilder dem Hasen „erklärte“, wird diese Aufgabe nun von einer Frau und Künstlerin der Nachkriegsgeneration aus dem kommunistischen Jugoslawien aufgegriffen. So entsteht die einmalige Möglichkeit, die symbolische Bedeutung des toten Hasen in der neu eröffneten Ausstellungshalle des Museums, aus zwei unterschiedlichen Perspektiven zu erleben.
Joseph Beuys hat seit den 1960er Jahren entscheidend zur Entwicklung der Performancekunst beigetragen. Indem er seine skulpturalen Arbeiten erweiterte und den eigenen Körper als Medium nutzte, ebnete er den Weg für nachfolgende Künstlergenerationen. Marina Abramović, Ulay und zahlreiche mehr stehen in dieser Linie und entwickeln sie weiter.
Eine neue Generation internationaler Performance-Künstler
Das interdisziplinäre Residenzprogramm verbindet dreizehn herausragende Performance- Künstlerinnen und Künstler, die aus verschiedenen Teilen der Welt auf das Erbe von Beuys und Abramović treffen. Das Marina Abramović Institute (MAI) setzt erstmals im Museum Schloss Moyland eine Residency um, in deren Rahmen neue Performances entstehen. Inspiriert von Beuys’ Werken, der Sammlung und den Archivalien entwickelten die Performerinnen und Performer neue Arbeiten, die speziell für das Museum Schloss Moyland und das umliegende Parkgelände konzipiert wurden. Die Performances finden täglich während der Öffnungszeiten statt – acht Stunden pro Tag, an jedem dritten Donnerstag im Monat sogar zehn Stunden. Mit ihren individuellen Perspektiven, kulturellen Erfahrungen und performativen Ansätzen setzen sich die Künstlerinnen und Künstler mit dem Denken von Joseph Beuys auseinander und übertragen seine Impulse in einen zeitgenössischen Kontext. Dabei entstehen Performances, die nicht nur den Beuys-Bestand des Museums auf völlig neue Weise aktivieren, sondern auch eine unmittelbare, lebendige Interaktion zwischen Kunst, Ort, Raum und Besuchern schaffen.
So interessiert sich Sandra Johnston speziell für die Verbindungen, die Beuys nach Irland unterhielt, wo er zum Aufbau der zeitgenössischen Kunstszene entscheidend beitrug.
Martin Toloku beschäftigt sich mit ritualistischen Handlungen in Beuys‘ Schaffen.
Michelle Samba richtet den Blick auf Beuys‘ Institutions- und Verwaltungskritik und verbindet dies mit ihrer eigenen Biografie.
In seinen feinsinnigen Reflexionen über den Körper in der Natur bringt Eşref Yıldırım poetisch-performative Ebenen zum Vorschein.
Luisa Sancho-Escanero, Evan Macrae Williams und Yan Jun Chin vom Pfalztheater Kaiserslautern zeigen ebenfalls ein großes Interesse an Körperlichkeit – insbesondere an den tänzerischen Elementen in Beuys‘ zeichnerischem und performativen Werk.
In der Arbeit von Virginia Mastrogiannaki greift die Künstlerin auf die Europäische Verfassung und die Reden von Anacharsis Cloots zurück – jenem visionären Revolutionär aus Kleve, der von Beuys als geistiger Verbündeter verehrt wurde.
Das Interesse von Maria Stamencović Herranz gilt der Verknüpfung politischer Unruhen und kollektiver revolutionärer Handlungen, zu Beuys‘ Zeiten und in der Gegenwart.
Isaac Chong Wai, der 2024 in der Hauptausstellung der Biennale von Venedig zu sehen war und schon 2022 eine Ausstellung im Dialog mit Beuys im Museum Schloss Moyland realisierte, überträgt Beuys’ Interesse an alltäglichen Handlungen und Materialien in ein transformiertes Raumgefüge.
Die Preisträgerin des Förderpreises des Landes NRW 2023, Cristiana Cott Negoescu beschäftigt sich mit ritualisierten Handlungen unter inhumanen Arbeitsbedingungen. Ihre Performance verweist auf gesellschaftliche Themen des globalen Kapitalismus.
Rubiane Maia spannt den Bogen zwischen den ökologischen Herausforderungen unserer Zeit – einer Frage, die Joseph Beuys bereits früh beschäftigte – und den historischen Handelsrouten des Kolonialismus und der Sklaverei, die unsere Gegenwart bis heute beeinflussen.
Francesco Marzano, der zu den Studenten von Marina Abramović im ersten Jahrgang der Pina Bausch-Professur an der Folkwang Universität der Künste Essen gehörte, kommt ursprünglich aus der Musik. Er wird sich mit dem Rhythmus des individuellen und kollektiven Atmens beschäftigen. Durch den globalen Dialog zwischen aktuellen Performance-Strömungen und historischen Archivmaterialien entsteht ein einzigartiger Prozess und ein neuer multiperspektivischer Austausch zum Oeuvre von Beuys. Die Ausstellung verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Utopien der Zukunft, erforscht das performative Potenzial von Beuys’ Schaffen neu und hinterfragt die Grenzen des Museums.
Nähere Informationen: Stiftung Museum Schloss Moyland, Am Schloss 4, 47551 Bedburg-Hau, Telefon: +49 (0)2824 9510-60, E-Mail: info@moyland.de. Geöffnet ist Sommer (1. April bis 31. Oktober), Montag 11 bis 17 Uhr (nur Parkanlage), Dienstag bis Freitag 11 bis 18 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertage 10 bis18 Uhr, Winter (1. November bis 31. März), Montag 11 bis 17 Uhr (nur Parkanlage), Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr.
Ort für lebendige Geschichte aber auch zeitgenössische Kunst ist das bei Hörstel gelegene Kloster Gravenhorst.
Idyllisch inmitten von Wäldern und Wiesen ist das Kloster Gravenhorst angesiedelt, das im Jahre 1256 von dem Tecklenburger Ritter Konrad von Brochterbeck gemeinsam mit seiner Frau Amalgarde von Budde gegründet wurde. Erste Äbtissin wurde deren gemeinsame Tochter Oda, die es in der Folgezeit verstand, den Klosterbesitz zu mehren und dafür zu sorgen, dass der von ihr ins Leben gerufene Zisterzienser-Orden zwar nicht offiziell anerkannt, aber dennoch geduldet wurde. Trotz der Übergriffsversuche weltlicher Herren und der beständigen Auseinandersetzungen mit dem Generalkapitel der Zisterzienser, dem die große Selbständigkeit der Gravenhorsterinnen sowie deren enger Kontakt mit ihrem weltlichen Umfeld immer missfiel, gelang es der kleinen Gemeinschaft, bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts die Eigenständigkeit zu wahren und ihre Interessen gegen alle Widerstände durchzusetzen. Nach der endgültigen Auflösung des Orden im Jahre 1808 folgten zahlreiche Besitzerwechsel und unterschiedliche Nutzungen der Klostergebäude. Zuletzt war dort eine Champignonzucht untergebracht, ehe der Trägerverein Kloster Gravenhorst die Anlage 1986 kaufte. Ende der 1990-er Jahre übernahm der Kreis Steinfurt das Kloster Gravenhorst als erbbauberechtigter Projektträger und bemühte sich in den Folgejahren um eine neue Nutzung des sanierungsbedürftigen Gebäudeensembles. Ein kulturelles Nutzungskonzept wurde im Rahmen des Strukturförderprogramms „Regionale 2004 links und rechts der Ems“ des Landes Nordrhein-Westfalen erstellt, das die notwendigen Gelder für die Instandsetzung bereitstellte. Im Mai 2004 war es dann so weit, dass das DA Kunsthaus Kloster Gravenhorst seine Pforten öffnen konnte.
Seitdem zieht die fulminante Rekonstruktion der fast vollständig erhaltenen Klosteranlage Gravenhorst das Publikum nicht mehr nur als atmosphärisch dichtes Ausstellungsforum für Zeitgenössische Kunst in seinen Bann. Sie macht auch neugierig, mehr über die Geschichte des Ortes zu wissen, der in seiner architektonischen Gestalt über ferne Zeiten zu berichten scheint. Wie das DA Kunsthaus Kloster Gravenhorst auf seiner Internetseite schreibt, wird mit der Nutzung als Kunstort auf die spirituellen Wurzeln des Ortes zurückverwiesen. Wörtlich heisst es weiter: „… Kunst wie Religion erweitern unsere Wahrnehmung, unser Bewusstsein und unsere Vorstellung von Welt und Wahrhaftigkeit. Damit scheint der Ort heute gewissermaßen an seine ursprüngliche Bestimmung zurückgeführt zu sein. Mit dem DA, Kunsthaus wird im Kloster Gravenhorst ein Kreis geschlossen und der Ort bleibt dennoch lebendig und in ständiger Veränderung.“
Und wofür steht das DA?
Dazu schreiben die Verantwortlichen des Hauses Folgendes: „DA wurde von der konzeptionellen Bezeichnung des ehemaligen Klosters als Denk-Mal-Atelier abgeleitet. Mit dieser Bezeichnung wird zugleich auf die historische und architektonische Bedeutung des Klosterensembles und auf die aktuelle Produktion und Auseinandersetzung mit Kunst hingewiesen. Der Begriff „Atelier“ verweist auf die Produktion von Kunst.
Auseinander geschrieben verweist der Begriff »Denk-Mal-Atelier« auf wichtige Bestandteile des Programms:
Denk = Vermittlung von Wissen über Kunst, Aufforderung zur kritischen Auseinandersetzung mit Kunst.
Mal = verweist auf »malen«, im übertragene Sinne auf das »Selber tun«, machen = erlebnisorientierte, aktive Auseinandersetzung mit Kunst.
Atelier = Produktion, Werkstattcharakter, Experimentierfeld und Forum für Künstler und Laien, Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Die Kürzung der Bezeichnung Denk-Mal-Atelier zum DA war ein gelungener Kunstgriff und eine Marketingstrategie der Firma Total Identity. Mit der von ihr entwickelten Corporate Identity und der Wahl des Wortes DA wurden nicht nur die grafischen Richtlinien für die Werbung des Hauses formuliert, sondern auch eine Kommunikationsstrategie entwickelt, die die ambitionierten Leitideen des Kunsthauses unterstützen. Denn DA steht (als Zeige- und Ausrufewort) auch für zeigen und Richtung weisen. DA heißt suchen und finden und DA steht für Veränderung und Bewegung. In Gravenhorst wird Kunst nicht als schmückendes Beiwerk, als kompensatorische Verschönerung der Gesellschaft, sondern als Forschung, Spiel und kritischer Diskurs im aktuellen gesellschaftlichen Kontext verstanden.“
So lautet daher der Hintergrundtenor des Nutzungskonzeptes. Denn nur unter diesen beiden Voraussetzungen, nämlich der Anbindung an das aktuelle (auch internationale) Kunstgeschehen, sowie einer Einbindung in das (Kultur-)Leben der Region kann das Kunsthaus erfolgreich sein. »Kunst im Kontext« – das heißt einerseits Bezug und Rücksicht auf die Geschichte, andererseits Reflexion über das aktuelle, gesellschaftliche Geschehen durch die Kunst. Im DA wird Kunst in die Lebenszusammenhänge der Menschen eingebunden und – an die Erfahrungen und die Erlebnisse der Menschen anknüpfend – vermittelt. Kunst ist hier auch im Sinne von Lebens-Kunst zu verstehen, d.h. als Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensentwurf; als Fähigkeit zum Teilhaben an gesellschaftlichen Prozessen und als kreative Schaffung von neuen Lebensperspektiven in einer immer unüberschaubareren Welt.
Dieses Verständnis von der Rolle der Kunst, das als die grundlegende DA-Leitidee gelten kann, findet im Herzstück des Kunsthauses – im Stipendiumsprogramm »KunstKommunikation« – seine deutlichste und konkreteste Umsetzung. Die ersten Kunstprojekte des Stipendiumsprogramms wurden ab Herbst 2005 im DA durchgeführt. Der Fokus der Stipendien liegt in der Förderung kommunikativer Kunstprojekte, die vor Ort durchgeführt werden. Das heißt vor allem gemeinschaftsorientierte öffentliche Kunstprojekte, die nicht ursprünglich und ausschließlich für einen musealen Kunstraum geplant sind.
Also Kunstprojekte, die sich inhaltlich auf gesellschaftlich-soziale, partizipatorische Aspekte konzentrieren und die nicht vorrangig ergebnis- sondern prozess- und erfahrungsorientiert sind.
Gemeint sind auch ortsbezogene Kunstprojekte, die sich gezielt mit der Geschichte, der Topographie, den sozialen Zusammenhängen oder der Ökologie des Ortes Kloster Gravenhorst auseinandersetzen. Kunstprojekte und Werke, deren Produktionsprozesse von der Partizipation künstlerischer Laien, auch von Kindern und Jugendlichen geprägt sind, werden ebenfalls gefördert.
Das Kunsthaus Gravenhorst ist also – trotz seiner ländlichen Lage – kein Refugium für Künstler, keine Idylle fernab von der gesellschaftlichen Realität.
Das Spannungsfeld zwischen Globalität und Regionalität, zwischen Geschichte und Aktualität, spiegelt sich auch in den fünf Themenkomplexen wieder, die die Ausstellungs- und Projekttätigkeit des Kunsthauses bestimmen sollen.
„Remember History/Think History“ reflektiert unter dem Label »Kunst und Geschichte« die historische Authentizität des Ortes. „Natural Reality“ thematisiert unter der deutschen Subline »Kunst und Ökologie« Fragen der Natur, der Landschaft und des Environments. „Lost Paradise“ (verlorenes Paradies) bezieht sich auf die sakralen Ursprünge des Ortes auch unter dem Aspekt einer spezifisch »weiblichen« Spiritualität, wie sie zur Gründungszeit des Klosters in Europa in großer Blüte stand. Unter dem Begriff „Body Relations“ (Kunst und Körper) sowie „Perception – Observation – Truth“ (Kunst und Wahrnehmung) werden aktuelle und kunstimmanente Themen aufgegriffen.
Seit fünfzehn Jahren fördert der Kreis Steinfurt im DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst mit dem Stipendiumsprogramm »KunstKommunikation« gemeinschaftsorientierte Kunstprojekte, die von Handlung und Laienbeteiligung leben und gesellschaftsrelevante Themen mit partizipatorischen Aspekten aufgreifen.
Im Fokus stehen Kunstprojekte auf internationaler Ebene im ländlichen Raum, die sich nicht nur an ein spezifisches Kunstpublikum wenden, sondern auch an eine breite, regionale Öffentlichkeit, die immer Teil der künstlerischen Konzepte und Aktionen ist. Lebensnahe Themen bieten im DA und in der ganzen Region Anlass für künstlerische Projekte, Aktionen und Interventionen, die oft in Kooperation mit Betrieben, Vereinen und Schulen der Region durchgeführt werden. So wurden seit 2006 zahlreiche Kunstprojekte gefördert, die nicht vorrangig ergebnis-, sondern prozess- und erfahrungsorientiert sind – ortsbezogene Kunstprojekte, die sich gezielt mit der Geschichte, der Topographie, den sozialen Zusammenhängen oder der Ökologie des ländlichen Raums auseinandersetzen.
»Novizinnen gesucht!« – Wasserbaukunst, einen Mann im Frauenkloster, Mittelalter erleben oder »Die Auflösung des Sehens« – im DA, Kunsthaus gibt es inszenierte Schauspielführungen für Familien, Schulklassen und Besuchergruppen, kreative Workshops mit den Künstlerinnen und Künstlern des Projektstipendium „KunstKommunikation“ und kunstpädagogische Führungen für Kinder… Und natürlich „DA ist Kunst“ – die Führung zu den aktuellen Ausstellungen im DA, Kunsthaus.
Geschichte hinterm Giebel – Historische Präsentationen im DA
Die kleine, aber feine Reihe der historischen Ausstellungen im DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst zeigt ungewöhnliche Facetten zur spannenden Geschichte des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters: Das können Fundstücke aus der Zeit der Ausgrabungen im Zuge des Umbaus zum Kunsthaus sein – anschaulich präsentiert als Vitrinenausstellung im Foyer oder kleinen Saal des DA. Schriftstücke und Dokumente beleuchten die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen durch die Jahrhunderte. Émigrés in Gravenhorst, Flucht übers Nonnenpättken oder Napoleons Machtübernahme in Westfalen: Die historischen Präsentationen erzählen von guten und schlechten Zeiten, von Krieg und Wohlstand, gesellschaftlichen Gepflogenheiten, Wasserbaukunst und Müllerhandwerk – und schlagen immer wieder auch den Bogen in die heutige Zeit.
Regionale Produkte und viel Selbstgemachtes, das Künstlerdorf mit spannenden Aktionen der jeweiligen Stipendiaten, Kreativangebote für die Jüngsten, ein fröhliches Miteinander, staunen und diskutieren, Künstler kennen lernen, durch aktuelle Ausstellungen zeitgenössischer Kunst schlendern oder die besondere Atmosphäre der historischen Gemäuer atmen – Kunstfeste im DA sind ein Vergnügen für die ganze Familie, für Kunstinteressierte aus nah und fern, Müßiggänger und Genussmenschen. Übers ganze Jahr lässt sich ein attraktives Kunsterlebnis entdecken: »Marktzauber« – der Klostermarkt mit seinen rund 70 Ausstellern im Mai, openART – der inspirierende Sommerabend der offenen Tür im DA, spontane Aktionen wie Osterfest samt Picknick, ein Apfelfest mit Buchsbaumanalye und „Meeting Halfway“ oder der Gravenhorster Adventskranz zeigen, dass im DA ist immer was los ist.
openART steht ganz im Zeichen des Projektstipendiums „KunstKommunikation“, das seit 2006 jährlich mit bis zu vier partizipativen, ortsbezogenen Kunstprojekten zum Mitmachen und Mitdenken einlädt. Die »AUSBLICK!«-Ausstellung, die im Rahmen von »openART« ihre feierliche Eröffnung erlebt, versammelt die Entwürfe aus der Ideenwerkstatt. Außerdem werden die ausgewählten Projektideen für das Projektstipendium „KunstKommunikation 26“ erstmals öffentlich bekanntgegeben und vorgestellt. Mit den Kunstaktionen und Präsentationen der Stipendiatinnen und Stipendiaten des aktuellen Projektjahrs wird openART zu einem einmaligen Erlebnis, das Austausch und Inspiration in besonderer, historischer Kulisse verspricht.
Die Wahrnehmung von Natur ist ein komplexes und vielschichtiges Phänomen. Je nach kulturellem Verständnis, wissenschaftlichen Erkenntnissen und philosophischen Perspektiven stellt es sich unterschiedlich dar und befindet sich in einem ständigen Wandel. Wie stehen wir heute zur Natur und wie erleben wir sie?
Ausgehend vom Gedanken der Biophilie widmet sich die Ausstellung dem tiefverankerten Bedürfnis des Menschen nach einer Verbindung mit der Natur und allem Lebendigen an sich. Im Blickpunkt steht der Kosmos der Pflanzen und deren Prozesse von Wachstum, Transformation und Zyklen in wechselseitigem Verhältnis zum Menschen.
In der Ausstellung vertreten sind Werke von Thomas Baumgärtel, Susanne von Bülow & Emmy Bergsma, Maike Denker, Brigitte Hofherr, Marcus Kaiser, Karin Kneffel, Gerlinde Miesenböck, Gabriela Oberkofler, Verena Redmann, Jonas Maria Ried, Jan Philip Scheibe, Nils Völker, Catharina & Dieter Wagner, Astrid Wilk.
Ein vielfältiges Begleitprogramm aus Führungen, Workshops, Kunst-Natur-Events, Vorträgen und vielem mehr lädt zum Vertiefen, Entdecken und gemeinsamen Austauschen ein.
Das DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst wird übers ganze Jahr auch zur Bühne für hochkarätige Konzerte von Jazz bis Klassik. Stipendiaten der Werner Richard – Dr. Carl Dörken Stiftung musizieren regelmäßig im Großen Saal gleich zu Beginn des neuen Jahres oder im Familienkonzert »Septemberklänge«, Jazzgrößen wie Christoph Haberer oder Georg Ruby waren bereits zu Gast.
Bereits zwei Mal war das DA „FilmSchauPlatz“ der Film- und Medienstiftung NRW: Mit »Loving Vincent« wurde der erste komplett aus Ölgemälden geschaffene Film über die Welt des Vincent van Gogh im Klosterinnenhof gezeigt. Wortgewaltiges gibt es auch schon mal spontan: bei der Lesung mit Thomas Kienast in der Sommerausstellung von Simone Zaugg oder mit „Slam DA“ – dem Poetry-Festival im Kunsthaus.
Mit der Umstellung auf die Sommerzeit im März 2019 begann im DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst eine neue Zeitrechnung: Fortan wird immer im Sommerhalbjahr die Freifläche rund um das Kloster als Plattform für temporäre Kunstinterventionen genutzt. Natur, Garten und Landschaft sind die Bezugspunkte der ortsspezifischen Kunstprojekte. Die Kunst tritt saisonal in Erscheinung, betritt die grüne Bühne temporär und thematisiert in besonderer Weise ihr eigenes Werden und ihre Vergänglichkeit. So verändert sich die Ansicht des Klosters einmal im Jahr besonders künstlerisch und die zeitgenössische Kunst kreiert eine eigene Gravenhorster Jahreszeit: Die Gravenhorster SAISONALE*!
Wohlfühlen und in einer angenehmen Atmosphäre einen Moment dem Alltag entfliehen – so lautet die Philosophie des Café Clara. Das Team von Peter Holczer lädt zum Verweilen nach einem Besuch des Kunsthauses oder zu einer Rast nach einer Rad- oder Wandertour ein. Platz nehmen kann man im modern ausgestatteten Innenraum Platz oder auf der gemütlichen Sonnenterrasse im idyllischen Klosterinnenhof. Auf der Karte stehen leckere Tee- und Kaffeespezialitäten, ausgesuchte Weine und Spirituosen sowie kleine kalte und warme Gerichte mit Produkten aus der Region. Neben einem kurzen Abstecher zu Kaffee und Kuchen bieten die stilvollen Räumlichkeiten des ehemaligen Klosters auch den idealen Ort für feierliche Anlässe. Egal, ob privat oder geschäftlich.
Nähere Informationen: DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst, Klosterstraße 10, 48477 Hörstel, Telefon 02551 694215, E- Mail: da-kunsthaus@kreis-steinfurt.de. Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag von 14 bis 18 Uhr, an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr.14.00 – 18.00
Dass „Bussemakerhuis“ in Borne ist das einzige verbliebene Leinenhandelshaus in den Niederlanden, das sich noch fast im Originalzustand befindet und für die Öffentlichkeit zugänglich ist.
Zirka 40 Kilometer entfernt von Nordhorn befindet sich die zur Provinz Overijssel gehörende niederländische Stadt Borne. Sie besticht durch eine landschaftlich reizvolle Landschaft und durch ihre Altstadt mit vielen noch gut erhaltenen und kulturell bedeutenden Häusern aus früheren Jahrhunderten. Was die Stadt aber auch noch ausmacht, ist ihre textile Vergangenheit, die viele Parallelen zu der von Nordhorn hat.
Museum als Erinnerungsort
Daran erinnert das Bussemakerhuis am Ennekerdijk im früheren Zentrum von Borne. Seit 1993 dient es als Museum. Die Besucher erhalten dort einen interessanten Einblick in die Lebens- und Arbeitswelt von Textilfabrikanten und Textilarbeitern vom 17. bis zum 20. Jahrhundert.
Ein weiteres Themenfeld ist die Glaubensgemeinschaft der Mennoniten, die im 18. und 19. Jahrhundert die Region Twente prägten. Sie gehören der Evangelischen Freikirche an und gehen auf die Täuferbewegungen der Reformationszeit zurück. Ihre besondere Geschichte ist über Jahrhunderte von Verfolgungen geprägt, da sie aufgrund ihres von einer strengen Auslegung der Bibel geprägten Glaubens und ihrer kritischen Haltung zur offiziellen Amtskirche als eine Gefahr für die Autorität von Staat und Kirche angesehen wurden.
Aber nicht nur zu diesen beiden Aspekten hat das Museum eine umfassende Sammlung zusammengetragen, sondern auch über die jüdische Familie Spanjaard, die seit dem frühen 19. Jahrhundert zu den führenden Textilfabrikanten in Borne und der Region gehörte.
Sonderausstellungen
Darüber hinaus werden im Bussemakerhuis drei bis vier Sonderausstellungen zu einem speziellen Thema gezeigt. Unter dem Titel „Magisches Schottland: Clans, Tartans und Kilts“ geht es aktuell um den charakteristischer Wollstoff Tartan, aus dem der schottische Kilt hergestellt wird, und darum, welche Bedeutung der Kilt und seine besondere Ausstattung für das früher von Clans geprägte Schottland hatte. So galten im18. Jahrhundert Tartans und Kilts als Symbole des Widerstands gegen die verhasste britische Herrschaft. Auch heute noch werden Tartans und Kilts bei zeremoniellen Anlässen wie Hochzeiten oder den Highland Games mit Stolz getragen. Die Ausstellung ist noch bis zum 15. Juli zu sehen.
Vom Familienwohnsitz zum Museum
1779 ließ der Fabrikant Jan Bussemaker das 1655 errichtete Stammhaus der Familie zu einem Wohn- und Geschäftshaus umbauen und nahm so seine heutige Gestalt an. Im Rahmen der Renovierungs- und Umbauarbeiten wurde das Gebäude erweitert, was im Dachgeschoss noch zu erkennen ist. Nachdem im Jahre 1882 die letzten Mitglieder der Familie Bussemaker das Haus verlassen hatten, wurde es für längere Zeit an Privatpersonen vermietet. Im Jahre 1959 wurde dann die Bussemaker-Foundation gegründet, um dass inzwischen dem Verfall preisgegebene Gebäude vor dem Abriss zu bewahren. Nachdem es zunächst weiter an Privatpersonen vermietet wurde, konnten Konzepte für eine neue Nutzung in die Tat umgesetzt werden. Seit 1993 dient es als Museum, dass an die Bedeutung des Textilhandels und der Textilfabrikation für die Entwicklung Bornes erinnert.
Geschichte der Twenter Textilindustrie
Die Ursprünge der Twenter Textilindustrie lassen sich auf die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückführen. Borne war damals das wichtigste Zentrum des Handels mit Stoffen aus Leinen. Händler wie Jan Bussemaker bildeten in dieser Zeit das unverzichtbare Bindeglied zwischen den Webern und dem Markt. Sie handelten oft nicht nur mit Leinen, sondern auch mit anderen Produkten wie Holz und Kolonialwaren. Darüber hinaus lieferten sie den Bauern anfangs auch Leinsamen, da dieser qualitativ besser war als der Samen, der den Bauern von der Flachsernte übrig blieb. Später, als immer mehr Textilien gewebt wurden und der heimische Flachs nicht mehr ausreichte, stellten die Hersteller den Webern auch das Garn zur Verfügung. Nach dem Aufkommen der Baumwollwebereien verlagerte sich der durch die sich allmählich entwickelnde Textilindustrie entstandene Wohlstand zumeist in die umliegenden Städte wie Enschede, Almelo und Haaksbergen. Eine Ausnahme bildeten die unternehmerischen Aktivitäten der Familie Spanjaard.
Spanjaard größter Arbeitgeber
Es war der 1783 in Deutschland geborene Salomon Jacobs, der den Grundstock für ein fast 200 Jahre währendes Textil-Imperium legte. Nachdem er zunächst als Kaufmann in Zwolle tätig war, führte ihn sein Weg nach Borne, wo er seine Frau Sara David van Gelder heiratete. In Borne nahm er dann den Namen Spanjaard an und begann zunächst mit dem Handel von konfektioniert und gebrauchter Kleidung. Später kam die Produktion von Textilien hinzu. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wuchs das Unternehmen der Familie Spanjaard stetig und entwickelte sich mit bis zu 2000 Mitarbeitern zum größten Arbeitgeber in Borne. Zu kriseln begann das Unternehmen dann in den 1950-er Jahren, bis schließlich 1961 der Verkauf an die Koninklijke Textilfabrieken Nijverdal-Ten Cate beschlossen wurde. Doch auch das konnte den Untergang der früheren NV Dampfspinnereien und Webereien SJ Spanjaard nicht verhindern. Schwierige Jahre, geprägt von Konkurrenz aus asiatischen Schwellenländern, folgten, bis 1973 die Spanjaard-Werke endgültig geschlossen wurden.
Aktivitäten im Bussemakerhuis
Das Bussemakerhuis ist nicht nur ein Ort der Präsentation, sondern auch ein Ort der Aktivitäten.
Dort wird unter anderem gezeigt, wie Flachsleinen gewebt wurde. Dabei wird der gesamte Prozess abgedeckt – von der Ernte der Flachspflanze bis zum Weben selbst. Und es wird erklärt, wie in der Gegend rund um Borne unter schwierigen Umständen Flachs angebaut werden konnte. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter zeigen den Besuchern außerdem alle erforderlichen Prozesse zur Herstellung der gewebten Stoffe auf den Jahrhunderte alten Handwebstühlen; und sie widmen sich der heutigen Verwendung von Flachsfasern.
Führungen durch Borne
Wer sich noch vertiefter mit der Geschichte Bornes beschäftigen will, kann sich einer Führung anschließen. Dabei arbeitet das Museum Bussemakerhuis eng mit der „Stichting Gidsen Oud Borne“ zusammen, die Spaziergänge durch Oud Borne organisiert.
Nähere Informationen: Museum Bussemakerhuis, Ennekerdijk 11, 7622 ED Borne, Telefon: 0031 (0)74 2669636, E-Mail communicatie@bussemakerhuis.nl. Geöffnet ist das Museum am Freitag von 11.30 bis 16.30 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 13 bis 16.30 Uhr.
Die Textilindustrie hatte in Bocholt eine ähnlich lange Tradition und Bedeutung wie die in Nordhorn. Beide endeten aufgrund sich wandelnder wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Museal ist sie aber noch zu erleben.
Im Herzen eines neuen Kulturquartiers zwischen Bocholter Innenstadt und Aasee liegt das Textilwerk mit Weberei und Spinnerei. Eine Brücke über den Fluss Aa verbindet die beiden Museums-Standorte. In den imposanten Sälen der historischen Spinnerei Herding erhalten die Besucher spannende Einblicke in historische und moderne Technik, erleben Modegeschichte und aktuelles Design. In der Weberei wird eine Erlebniswelt mit täglicher Schauproduktion an historischen Webstühlen geboten; und ein vollständig eingerichtetes Wohnhaus mit blühendem Garten vermittelt, wie die Arbeiter früher gelebt haben.
Zur Geschichte der Textilindustrie in Bocholt
Das Spinnen und Verweben von Baumwolle hat in Bocholt eine lange Tradition. Über 450 Jahre lang prägte die Faser, die aus Übersee importiert werden muss, das Wirtschaftsleben Bocholts und der gesamten Region. Vor allem zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg boomte die Branche: Bocholt zählte bis zu 80 Textilbetriebe, in denen zeitweise bis 10.000 Menschen arbeiteten. Mitte der 1960er Jahre setzte auch im Westmünsterland die Strukturkrise ein. Sie ist gekennzeichnet durch einen anhaltenden Schrumpfungsprozess aufgrund der zunehmenden Konkurrenz durch Fernost. Viele Betriebe schlossen, und Tausende Menschen verloren ihren Arbeitsplatz.
Geschichte der „Spinn-Web Herding“
Die Spinnerei und Weberei Herding ist ein typisches Beispiel aus der Boomzeit der Textilindustrie in Bocholt: Eine Handweberei war die Keimzelle eines der zeitweilig größten Textilbetriebe der Stadt, gegründet 1870 von Heinrich Schüring und seinem Schwager Max Herding. Als es sich in den Jahren hoher Garnpreise nach 1900 lohnte, eigene Spinnerei-Kapazitäten aufzubauen, entschied sich Max Herding jun. zum Bau einer Spinnerei neben der bestehenden Weberei. Er wählte dazu das Architekturbüro Sequin & Knobel in Rüti bei Zürich.
Die Schaufassade des viergeschossigen Gebäudes aus dem Jahr 1907 mit dem repräsentativen Wasserturm zeigte zur Innenstadt und kündete von dem neuen aufstrebenden Unternehmen:
Mit fast 600 Webstühlen und 23.600 Spindeln gehörte die „Spinnweb“ Herding lange Zeit zu den größten Bocholter Textilbetrieben.1943 wurde der zur Straße gelegene Teil mit dem Wasserturm bei einem Luftangriff zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte 1949/50 in schlichten Formen und ohne den Turm.
Anfang der 1960-er Jahre begann dann die Krise. Als Kammgarnspinnerei und Weberei konnte die Produktion unter neuen Eigentümern noch bis 1973 in reduzierter Form aufrecht erhalten werden. Dann ließ man alle Hallen räumen, die Maschinen wurden verkauft und verschrottet, um die Flächen als Lagerraum zu vermieten.
Weberei als Museumsfabrik
Mitten in der Strukturkrise beschloss die Landschaftsversammlung des LWL 1984 die Einrichtung eines Textilmuseums. Weil ein historisches Gebäude seinerzeit nicht zur Verfügung stand, entschied man sich zunächst für den Nachbau einer typischen Weberei aus der Zeit der Jahrhundertwende. 1989 wurde an der Aa die Eröffnung gefeiert.
Im Jahr 2004 kaufte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe zusätzlich den viergeschossigen Backsteinbau der Spinnerei Herding als zweiten Teil seines Textilmuseums hinzu. Das gelang mit finanzieller Unterstützung des Landes, des Kreises Borken, der Stadt Bocholt und der Stadtsparkasse Bocholt. 2009 begann der Umbau mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II. Seit der Eröffnung der Spinnerei im September 2011 firmiert das Textilmuseum mit seinen beiden Standorten als „Textilwerk Bocholt“.
Spuren der Arbeit und moderne Nutzung
Der Umbau zum Museum und Kulturforum erfolgte ab 2004 unter der Leitung des renommierten Stuttgarter Architekturbüros Atelier Brückner. Ziel war es, die Spuren der Arbeit und der 100-jährigen Geschichte des Gebäudes deutlich zu zeigen. Auf allen vier Etagen entwickelt sich ein „Zwiegespräch“ zwischen aktueller Nutzung und historischem Bestand: Abblätternde Farbschichten und zerschlissene Betonböden wurden bewusst belassen und kontrastierten mit modernen Einbauten, allen voran die rote Stahltreppe, die in den 20 Meter hohen Seilgang eingebracht wurde, dazu klare Kuben für Shop und Servicebereiche sowie die Gastronomie auf dem Dach.
Kultur fördern
Mit Hilfe des 1980 gegründeten Förderkreises Westfälisches Textilmuseum konnte in den letzten 35 Jahren die größte Sammlung von Textilmaschinen und Alltagstextilien in Europa aufgebaut werden.
Nach dem Ankauf der ehemaligen Spinnerei Herding und ihrer Eröffnung als Forum für Sonderausstellungen und Veranstaltungen 2011 wird das textile Erbe in Ausstellungen und angemessenen Archiven erschlossen.Und dank der Unterstützung des Fördervereins konnte ein großes Haus von internationalem Rang entwickelt werden, das als Forum der Kultur, Wissenschaft und der Begegnung weit ausstrahlt.
Spinnerei Forum für Textilkultur
Der viergeschossige Backsteinbau der ehemaligen Spinnerei Herding ist ein typisches Beispiel aus der Boomzeit der Textilindustrie in Bocholt. 1907 ließen die Firmeninhaber das Gebäude an der Aa mit Schaufassade und repräsentativen Wasserturm errichten. Mit fast 600 Webstühlen und 23.600 Spindeln gehörte die „Spinnweb“ Herding lange Zeit zu den größten Bocholter Textilbetrieben. Heute präsentiert das LWL-Museum in dem Gebäude Ausstellungen aus der Modegeschichte und zeigt Technik in Funktion. Geöffnet ist es von März bis Oktober.
Parcours de la Mode
Im Erdgeschoss der Spinnerei befindet sich ein „Parcours de la Mode“: In einer 23 Meter langen Vitrine, die als Laufsteg aufgebaut ist, nehmen historische Kleidungsstücke und Schuhe sowie textile Musterbücher die Besucher mit auf eine farbenfrohe Reise durch mehr als 100 Jahre Modetrends. Das älteste Stück, ein schwarzes Tournüren-Kleid, stammt aus dem Jahr 1885. Dieser Teil der Ausstellung wird kontinuierlich sein Gesicht wandeln: Aus dem großen Fundus der Sammlung werden immer wieder neue Stücke den Laufsteg beleben und zeigen, wie vielfältig die Welt der Mode war und ist.
Im Flyersaal im ersten Obergeschoss präsentiert das LWL-Museum am authentischen Ort die Bedeutung der Textilunternehmer und der ansonsten selten ausgestellten Baumwollspinnerei. Die Schau zeigt die wirtschaftlichen Zusammenhänge und rückt die „Macher“ und die Lebenswelt der Unternehmer in den Fokus. Teilweise laufende Maschinen machen ein Stück Textilgeschichte der Region lebendig.
Mehr als 500 Exponate bekommen die Besucher auf 1300 Quadratmetern zu sehen. In ihrer Komposition verdeutlichen sie, dass sich die Handlungsfelder der Textilunternehmer in Westfalen – und speziell im Westmünsterland – in den vergangenen 150 Jahren kaum verändert haben.
Ausgestellt wird beispielsweise ein Schreibtisch des Textilunternehmers Carl Herding, den dieser Anfang des 20. Jahrhunderts gekauft und über viele Jahrzehnte hinweg benutzte. Der Kauf eines gebraucht gekauften Konzertflügels, ein mittleres Modell eines Montblanc-Füllfederhalters, Unternehmerporträts in Öl – alles Exponate, die darauf hinweisen, dass die „Macher“ in der Region zwar auf globalen Märkten agierten, in der Heimat jedoch bescheiden lebten.
An einem modernen Medientisch kommen 14 Unternehmerpersönlichkeiten zu Wort. Sie berichten über die Motivation ihres Handelns, über Tradition, Familie und modernes Wirtschaften.
App „Bist Du ein Macher?“
Bei dem App-Spiel „Bist du ein Macher?“ schlüpfen Museumsbesucher mit ihrem Smartphone oder Tablet selbst in die Rolle eines angehenden Textilunternehmers – mit dem Ziel, die eigene Firma so erfolgreich wie möglich zu machen. Ganz nebenbei erfährt man, was einen erfolgreichen westfälischen Unternehmer wirklich ausgemacht hat, wie er seine Entscheidungen getroffen hat und was sein Leben beeinflusste.
Als potenzielle „Macher“ stehen Spieler vor Aufgaben, die gelöst werden können, während sie die Ausstellung erkunden. Das Spiel läuft in der App „Biparcours“, die kostenlos in den Stores für iOS und Android heruntergeladen werden kann (in der Suchfunktion „Bist Du ein Macher“ eingeben).
Technik in Funktion
Das Westfälische Landesmuseum für Industriekultur besitzt eine der größten Sammlungen von Textilmaschinen in Europa. Einige davon wurden in den vergangenen Jahren aufwändig restauriert und sind jetzt in der neuen Ausstellung zu sehen. Die bis zu knapp 20 Meter langen Maschinen – vom Öffnerzug aus dem Jahr 1910 bis zur OE-Feinspinnmaschine von 1986 – lassen die Herstellung von Baumwollgarnen nachvollziehen. Medienterminals zeigen zudem historische Aufnahmen und erklären die Funktionsweise der Spinnmaschinen. Einige dieser Maschinen werden den Besuchenden zudem regelmäßig vorgeführt.
Weberei – Vom Faden zum fertigen Stoff
Die Produktionshalle der Weberei des Textilwerks ist ein Nachbau des alten Websaals der Weberei Gebr. Essing in Rhede. Mit 50 Webstühlen und 25 Webern hatte die Firma 1891 den Betrieb aufgenommen. Als die Gebäude der Firma im Februar 1985 abgerissen wurden, konnte das LWL-Museum die gußeisernen Säulen des Websaals von 1889/94 und andere Original-Einbauten retten.
Der Websaal
Der Websaal ist eine „Shedhalle“. Solche Hallen mit der charakteristischen sägeförmigen Silhouette der Dächer waren bis in die 1950er Jahre die typische Bauform für zahlreiche Fabriken. Ihr Name rührt von der Aneinanderreihung schuppenähnlicher Bauelemente (engl. shed = Schuppen) her. Die großen Glasfenster in den Dächern sind meist nach Norden ausgerichtet. Das sorgt für eine gleichmäßige Beleuchtung und verhindert eine Aufheizung durch die Sonne.
Für den heutigen Betrachter ist nur noch schwer nachzuvollziehen, wie neu und ungewohnt die Fabrikanlagen des 19. Jahrhunderts für die Zeitgenossen waren. Die 32 Webstühle des Museums vermitteln ansatzweise einen Eindruck von der Dimension großer Arbeitssäle mit Hunderten in Reih und Glied aufgestellter Webmaschinen.
An 13 Medienterminals können Besucher per Knopfdruck Informationen zu technischen Funktionen und Arbeitsabläufen abrufen. Animationen zeigen den jeweiligen Raum und weisen auf historische Einbauten hin. Nicht nur der Websaal, auch Kontor, Werkstatt und Maschinenhaus sind auf diese Weise in den Rundgang eingebunden.
Der Clou ist ein digitales Rollenspiel: Besuchende lernen dabei den Arbeitsalltag aus der Sicht eines Webers kennen, der 13 verschiedenen Personen begegnet. Darunter befinden sich eine Passiererin, die für die Vorbereitung der Webketten zuständig war, der Maschinist, der Heizer und ein Büroangestellter.
Das Maschinenhaus
Im Gegensatz zu den sehr schlichten und schmucklosen Produktionsräumen, ragen die Maschinenhäuser der Textilbetriebe durch gesteigerten architektonischen Aufwand und kunstvolle Verzierungen wie zum Beispiel farbige Bodenfliesen, Schablonenmalerei an den Wänden und pompöse Türen heraus. Denn dort befindet sich das Herz der Fabrik: die Dampfmaschine. Hierhin wurden Besuchende geführt, und die Fülle erhaltener Fotografien dokumentiert die besondere Aufmerksamkeit, die der „Kraftzentrale“ gewidmet wurde. Entsprechend repräsentativ ist auch das Maschinenhaus des Museums eingerichtet.
Die Dampfmaschine wird heute über einen Elektromotor in Bewegung gesetzt: Über Seile überträgt sie die Energie auf die Transmission im Websaal.
Die Werkstatt
Die Werkstatt diente der Wartung und der Instandhaltung der Maschinen und der gesamten Fabrik. Neben den Reparaturen wurden hier auch Neukonstruktionen und technische Verbesserungen entwickelt. Die Werkstatt hatte die besondere Aufgabe, den Betrieb soweit wie möglich von Fremdleistungen unabhängig zu machen. Die Werkstatt der Museumsfabrik ist wie üblich in unmittelbarer Nähe des Kesselhauses und des Maschinenhauses in einem Raum untergebracht, der sich wegen der ungünstigen Beleuchtungsverhältnisse zu anderen Zwecken nicht eignen würde. Man betritt die Werkstatt durch eine Tür aus der ehemaligen Weberei Lühl in Gemen, wo sie den Zugang zum Kesselhaus von 1894 ermöglichte.
Das Arbeiterhaus
Das nach alten Plänen erbaute und vollständig möblierte Arbeiterhaus mit bewirtschaftetem Garten und Kleintierhaltung erinnert an die Lebenswelt der münsterländischen Textilarbeiter zur Zeit der Industrialisierung. Wohnküche, „Gute Stube“, Schlafräume, aber auch Vorratskeller und Waschküche hat das Team des Museums für die Besucher im Arbeiterhaus wieder eingerichtet.
Beim Gang durch das Haus lernen die Besucher das Lebensumfeld einer Textilarbeiterfamilie um 1920 kennen. Der bewirtschaftete Nutzgarten mit Hühnern und Kaninchen lässt erahnen, wie viel Arbeit auch nach Feierabend in der Fabrik auf die Textilarbeiter zukam, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.
Im linken Teil des Arbeiterhauses werden die Themen Ernährung, Hygiene, Energie sowie Kleidung und Heimtextilien in eigenen Ausstellungseinheiten dargestellt. Ein gedeckter Tisch stimmt die Besucher auf das Thema Ernährung früher und heute ein. Historische Alltagstextilien wie Arbeitshosen und Arbeitsschürzen werden im Obergeschoss neben gestickten Mustertüchern ausgestellt. Geflickte Bettbezüge oder Bettlaken zeigen viel vom historischen Alltagsleben, das von Knappheit geprägt war. Nur durch eigenes Anfertigen, durch Nähen oder Stricken konnte die Hausfrau die Versorgung ihrer Familie mit Textilien sicherstellen.
„LUCID“ von Tristan Schulze – Interaktive Installation in der Spinnerei
Tristan Schulze erforscht in seiner Arbeit „LUCID“, wie gestalterisch-kreative Interaktionen zwischen Menschen und Maschinen zukünftig aussehen könnten. Eine Apparatur mit künstlicher Intelligenz generiert in kreativen Prozessen Webmuster und lädt die Besuchenden ein, diese mitzugestalten. Der eigene schöpferische Prozess verbindet sich mit dem der Maschine und hinterlässt Spuren in deren Code. Das Verhältnis bleibt jedoch ambivalent – schließlich trainiert jede Interaktion die künstliche Intelligenz weiter und verstärkt damit deren Autonomie.
Maschinelles Lernen ist ein wichtiger Bestandteil von vielen industriellen Automations-Prozessen und verändert zunehmend unser Konzept von Arbeit. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich Tristan Schulze neben der Frage, was wir in Zukunft als Arbeit betrachten werden, vor allem mit Überlegungen dazu, wie wir arbeiten werden.
Als Basis für neue Webmuster, schöpft LUCID aus dem umfangreichen Musterarchiv des Textilwerkes Bocholt, in dem sich die Textilgeschichte des 20. Jahrhunderts abbildet. Dieses Archiv wird in den nächsten Jahren für junge Designer zugänglich gemacht und wird damit gleichzeitig Inspirationsquelle für neue Muster.
Zum Künstler: Tristan Schulze, 1982 in Leipzig geboren, ist ein deutscher Designer, Künstler und Dozent. Seine Arbeit reflektiert aktuelle Entwicklungen in der digitalen Welt, unter anderem die Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz, Mixed Reality oder Internet of Things-Technologien. Körperlichkeit und Haptik spielen in Schulzes Arbeit eine wichtige Rolle und schlagen die Brücke zwischen digitaler und physischer Welt. Schulze arbeitet und lebt in Leipzig.
Ausstellungen: Die noch bis zum 2. November geöffnete Ausstellung „Muster und Märkte – Auf den Spuren westfälischer African Prints begibt sich auf Spurensuche und beleuchtet die oft unsichtbaren Verflechtungen der Textilveredelungsbetriebe Heinrich Habig AG und Göcke & Sohn AG in koloniale Handelsstrukturen. Zwischen den 1920er- und 1970er-Jahren produzierten sie auch sogenannte African Prints. Die Unternehmen stehen exemplarisch für ein Wirtschaftssystem, das von kolonialen Machtverhältnissen profitierte. Während unternehmerische Positionen dank zahlreicher Akten gut dokumentiert sind, eröffnet die Ausstellung bewusst neue Perspektiven.
Die Ausstellung wurde unter Leitung von Prof. Joachim Baur von einer Gruppe Master-Studenten der Kulturanthropologie des Textilen an der TU Dortmund kuratiert.
Noch bis zum 1. November ist die Ausstellung „Behind the beauty – Hinter den Kulissen der Schönheitsindustrie“ geöffnet. Zum Inhalt: Mode und Accessoires, Kosmetik und Düfte aber auch Chirurgie, Sport und Ernährung – all das und noch viel mehr ist Teil der Schönheitsindustrie, die weltweit für mehr 500 Milliarden US-Dollar Umsatz im Einzelhandel sorgt. Doch wo kommen die Trends her? Wer bestimmt, was „Schönheit“ ist und wie Mann oder Frau sie erreichen können? Mit vielen interaktiven Ausstellungseinheiten präsentiert das LWL-Museum Textilwerk auf über 600 Quadratmetern auch die Rolle der Werbung und der Medien sowie den Einfluss von Social Media.
Öffnungszeiten: Die Weberei ist ganzjährig, die Spinnerei ab 16. März von Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Letzter Einlass ist um 17.30 Uhr. Geschlossen ist montags (außer an Feiertagen). Sonntags werden auch Führungen angeboten.
Nähere Informationen: LWL-Museum Textilwerk, Weberei Uhlandstraße 50, 46397 Bocholt, Spinnerei (auch Postadresse) Industriestraße 5, 46395 Bocholt, Telefon 02871 21611-210, Fax 02871 21611-266, E-Mail textilwerk@lwl.org, Internet http://www.textilwerk-bocholt.lwl.org
Etwa 100.000 Besucher kamen am 2. Juli 1995 auf das Studiogelände des WDR in Köln-Bocklemünd. Anlass war ein Fest zur 500. Folge der beliebten ARD-Vorabendserie.
Als am Sonntag. 8. Dezember 1985, um 18.40 Uhr die erste Sendung „Herzlich willkommen“ der ARD-Vorabendserie „Lindenstraße“ lief, hätte, vielleicht abgesehen von den Machern mit Erfinder, Regisseur und Produzent Hans W. Geißendörfer an der Spitze – bekannt geworden als Vertreter des Neuen Deutschen Films durch anspruchsvolle Literaturverfilmungen wie „Der Zauberberg“, „Die Wildente“, „Theodor Chindler“ und „Ediths Tagebuch“ – kaum jemand mit dem großen Erfolg, der sich im Laufe der Jahre einstellte, gerechnet.
Einblicke in den Alltag ganz normaler Leute
Entgegen der erwartbaren Inhalte deutscher Vorabendserien, die sich zumeist des Krimi-, Abenteuer- oder Herz-Schmerz-Genres bedienten, bekamen die Zuschauer bei der Lindenstraße Einblicke in den Alltag ganz normaler Leute mit ganz normalen Problemen, wie sie eigentlich jeder kennt, geboten; und die Kritiken waren auch nicht dazu angetan, einen Erfolg vorauszusehen. Ein „Panoptikum der Piefigkeit“ nannte sie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, „Dürftig und schlecht gemacht“, urteilte etwa der Fachdienst „epd / Kirche und Rundfunk“ über die erste Folge „Herzlich willkommen“. Das Blatt rügte die Serie als „Sozialkitsch“ und prophezeite ihr ein baldiges Ende; und in der Frankfurter Allgemeinen war folgende, auch nicht gerade schmeichelhafte Überschrift zu lesen: „Eine Volkshochschule feiert Jubiläum. Zum 500. Mal Lindenstraße. Kein Ende vor dem Weltuntergang“. Ähnlich fielen damals die meisten Kritiken aus.
Die Häme der Kritiker war also groß, doch davon ließ sich das Fernsehpublikum nicht abhalten und blieb am Bildschirm haften – in den besten Zeiten über 10 Millionen. So entwickelte sich die Serie zum Kult.
Mit dem Bus von Nordhorn nach Köln-Bocklemünd
Der erreichte auch die Grafschaft Bentheim – zumindest wesentliche Teile davon. 1995 bot sich dann für den Autor dieses Artikels die Gelegenheit, an einer vom Jugendzentrum Nordhorn organisierten Busfahrt nach Köln-Bocklemünd teilzunehmen, wo sich die Studios befanden, in denen die „Lindenstraße“ gedreht wurde. Anlass der Fahrt war ein großes Publikumsfest auf dem Studiogelände aus Anlass der 500. Folge.
Die Anfrage beim WDR, ob für das Grafschafter Wochenblatt, bei dem ich damals tätig war, die Möglichkeit zur Berichterstattung und zu Interviews mit den Stars der Serie bestehen würde, wurde prompt mit Ja beantwortet. Dann war nur noch daran zu denken, am Sonntag rechtzeitig beim Jugendzentrum zu sein, wo schon ein Bus bereit stand. Als kleines Team hatte ich damals den Fotografen Hans Pache (+) und zusätzlich Hans Trulsen dabei, der bei den Interviews für die Mikrofon- und Aufnahmetechnik zuständig war.
Dass die „Lindenstraße“ nach anfänglich schwachem Start ein allmählich größeres Zuschauerinteresse verzeichnen konnte, wusste ich inzwischen, aber welche Dimensionen das über damals zehn Jahre angenommen hatte, wurde mir erst vor Ort klar. Über 100.000 Besucherinnen und Besucher tummelten sich auf dem Studiogelände, auf dem als Unterhaltungsprogramm unter anderem eine große Kirmes aufgebaut war.
Mit den Stars im Backstage-Bereich
Es war daher kein Wunder, dass die anderen Teilnehmer der Busfahrt mit einem gewissen Neid auf das Team vom Grafschafter Wochenblatt blickten, da wir als Medienvertreter Zugang zum VIP-Bereich und damit auch direkten Kontakt zu den Stars der „Lindenstraße“ hatten. Wir trafen auf „Momo“, „Herrn Schiller“, „Olaf Kling“, „Mutter Beimer“, „Hans Beimer“, „Iffi Zenker“, „Valerie Zenker“ und viele mehr.
Interviews durften wir mit der wie immer quirligen und temperamentvollen „Iffi Zenker“ (Rebecca Siemoneit-Barum, Tochter des früheren Zirkusdirektors Gerd Siemoneit-Barum) und der eher sperrigen und maulfaulen „Valerie Zenker“ (Nadine Spruß) führen. Beide spielten die Töchter von „Andi Zenker“ (Jo Bolling), der 1990 in der 220. Folge als alleinerziehender Vater (Frau war bei einem Unfall verstorben) mit seiner Kinderschar, zu der auch der damals noch nicht so bekannte Til Schweiger als „Jo Zenker“ gehörte, in die Lindenstraße eingezogen war.
Nach den beiden Interviews bestand dann noch die Gelegenheit, einen Gang durch die Außenkulissen der Lindenstraße zu machen. Ein Höhepunkt für die zahlreichen Fans war nach der Übertragung der gerade anstehenden Folge eine Autogrammstunde mit den Stars, die ohne Übertreibung einen Andrang auslöste, den sonst nur nationale Acts wie „Tokyo Hotel“ oder internationale Bands wie die „Backstreet Boys“ oder „Take That“ zu ihren besten Zeiten verzeichnen konnten.
Unser Besuch in der Lindenstraße endete dann mit der WDR-Unterhaltungssendung „Hollymünd“, die wir im Backstage-Bereich verfolgen durften, und bei der als die bekanntesten Künstler die „Erste Allgemeine Verunsicherung“ und die „Sparks“ auftraten.
Epilog
Zu meinem großen Bedauern wurde die „Lindenstraße“ am 29. März 2020 mit der 1758. Folge eingestellt. Begründet wurde dies von der ARD mit den gesunkenen Zuschauerzahlen, die sich zum Ende unter 2 Millionen bewegte. Das mag zwar so gewesen sein, aber die „Lindenstraße“ war mir immer viel lieber als die unzähligen und überwiegend unseligen Vorabend-Krimis, die jetzt so geboten werden. Und ich werde es der ARD nicht verzeihen, dass sie mir mit der Einstellung der Lindenstraße den Fernsehabend am Sonntag dermaßen durcheinandergebracht hat, dass ich eine ganze Zeit sehr schwermütig war; und das musste mal gesagt und geschrieben werden!!!
Über das Gefühl des Unverstandenseins, Tattoos, Depressionen und Musik berichtet die 18-jährige Sanja Wolters in einem Beitrag über das Thema „Jugendkultur“.
„I ´ve always told them I ´m okay / But I don´t / I ´m full of pain / of tears / of loneliness / But I always laught for them / And said the right answers / So they wouldn´t be worried / Or because I ´m afraid they wouldn´t listen / because they are not interested in it“ – so lautet der Text eines Gedichts der 18-jährigen Nordhornerin Sanja Wolters, die ein Unwohlgefühl von Jugendlichen gegenüber der Gesellschaft zum Ausdruck bringt, die nach ihrer Meinung oft von Oberflächlichkeit, schönem Schein und der Verdrängung von Problemen geprägt ist.

„Manchmal scheint uns keiner zu verstehen“, sagt sie im Gespräch mit einer gewissen Wut. „Was habt Ihr denn, Euch geht es doch gut, Ihr habt doch alles, was Ihr braucht“, schallt es ihr oft entgegen. Aber Sanja geht es nicht um die materiellen Dinge. Es geht um Offenheit, Zuhören und den Kampf gegen Vorurteile.Poetry Slam und der Malerei zugewandt. Aber wie es etwas genauer in ihrer Welt aussieht, sagt sie im Gespräch: „Manchmal ist alles zuviel: Der Meinungs- und Informationsschwall durch Social Medi, der große Einfluss durch gleichaltrige Jugendliche und Peer-Groups, der einen schon verunsichern kann, wenn es beispielsweise um Aussehen und Mode geht. Damit nicht genug, gibt es auch enormen Druck vonseiten der Familie, von der Schule und durch die Berufsaussbildung. Die ganzen Erwartungen, die auf einem lasten, prägen uns. Und dann gibt es in großen Teilen unserer Gesellschaft leider auch viele Vorurteile, mit denen wir klar kommen müssen.
Es geht um Offenheit, Zuhören und den Kampf gegen Vorurteile.
Ein gutes Beispiel dafür sind Vorurteile gegenüber Erkrankungen wie Depressionen. Da dürfen sich viele Betroffene so böse Sätze anhören wie „Das ist doch keine richtige Krankheit, „Das bildest Du dir nur ein“, oder „Ja, weil es jeder hat, musst Du das jetzt auch haben.“
Oft ist es auch der Fall, dass sich viele von einem zurückziehen, der an Depressionen erkrankt ist. Als sei man ansteckend. Dabei ist es doch das Wichtige, dass genau dann die Leute aus dem engeren Umfeld wie Familie und Freunde bei einem sind und ihn stärken. Viele werden jetzt wahrscheinlich denken, so kann das doch gar nicht stimmen, wir sind doch in unserer heutigen Zeit bei diesem Thema weit gekommen, was die Heilung angeht. Ich finde aber, dass dies so nicht gan stimmt. Was das Medizinische und Psychologische angeht, sind wir sehr viel weiter gekommen, das ist richtig. Doch in unserer Gesellschaft ist das Sprechen über Depressionen oft noch immer ein Tabu. Vor allem wird es runtergespielt, verdrängt, und diese Verhaltensmuster bringen viele dazu, sich keine Hilfe zu suchen und weiter unter diesem Druck zu leiden. Hinzu kommt jetzt noch die aktuelle Situation mit Corona. Allein seit Beginn der Pandemie sind zusätzlich 477.000 Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren mit Symptomen von Depressionen betroffen, wie ich online auf www.tagesschau.de nachgelesen habe. Die Aussage basiert auf einer Studie von Martin Bujard.
Schlimm ist es auch, mit Vorurteilen betrachtet zu werden, wie es mir schon passiert ist. Wenn jemand Tattoos hat wie ich, ist er gleich abgestempelt als Rocker oder Asi und überhaupt als unanständig. Mit unanständig ist bei der Bewertung nicht unbedingt gemeint etwas gemeint, was beleidigend ist oder einen nackten Körper darstellt. Selbst einfache Blumenmuster werden als unanständig bezeichnet, einfach nur, weil es Tattoos sind. Dies sind zumindest die Vorurteile von vielen Erwachsenen mir gegenüber.“
„Mit Tattoos können wir das verewigen, was uns ausmacht oder was wir mit uns verbinden.“
Doch in den Kreisen von mir Gleichaltrigenbedeuten Tattoos etwas ganz anderes. Ich selbst habe nur ein Tattoo, will aber noch mehr haben. Glücklicherweise habe ich viele Freunde, die alle verschiedene und auch sehr viele Tattoos haben. Und Sie haben sich ebenso was dabei gedacht wie ich auch, und deshalb verstehen wir uns. Mit Tattoos können wir das verewigen, was uns ausmacht oder was wir mit uns verbinden. Wir können die schönsten Momente verewigen und wir können auf verschiedene Weisen auch die schlechten Momente verewigen, um uns zu stärken, zu erinnern und um uns aufrecht zu halten. Viele verbinden mit ihren Tattoos eine Geschichte aus ihrem Leben, selbst wenn es nur ein Tattoo ist, welches beim Trinken entstanden ist. Auch da steckt eine Geschichte drin, über die man weinen, lachen und sich an alte Zeiten erinnern kann. Viele identifizieren sich über ihre Tattoos.
Eine weitere Leidenschaft ist für mich wie für meine Freunde die Musik. Ich selbst bin gerne in der Rock- und Metalszene unterwegs. Allerdings höre ich ab und zu auch etwas Klassisches von Komponisten wie Fritz Kreisler und Frederic Chopin.
Was Filme angeht, bin ich ein riesiger Tim Burton-Fan, aber nicht nur. Bei dem, was ich mag, lasse ich mir keinen Stempel aufdrücken, der besagt, zu welcher Gruppe man gehört.
Für die verschiedensten Situationen und für die verschiedensten Gefühle gibt es bei mir und meinen Freunden verschiedene Musikrichtungen. Wenn ich gute Laune habe und Spaß, und vielleicht mal ein bisschen feiern möchte, dann bin ich bei Pop, Rock und Metal. Wenn ich lerne und mich konzentriere, höre ich klassische Musik, und wenn ich zeichne, male oder traurig bin, höre ich oft Birdy und ähnliche Musiker. Die Musik hat für mich die verschiedensten Formen, Gefühle rüberzubringen und einen zu erreichen. Man kann sich in die Musik flüchten und sich mit ihr retten. Die Musik ist für mich vielfältig und so sind die Menschen auch, oder sollten es sein. Ich mag diese Vielfalt einfach und kann nicht verstehen, warum es Menschen gibt, die einem bloß anhand der Musikrichtung einen negativen Stempel aufdrücken wollen, oder anhand der Tatsache, dass jemand Tattoos mag.“