Ein Tagesausflug nach Colmar

Fachwerk, Altstadt und französisches Lebensgefühl – von Thomas Gatzemeier

Hier verlangsamt sich der Schritt fast von selbst. Die Petite Venise ist kein Ort, den man durchquert, sondern einer, an dem man hängen bleibt. Das Wasser liegt ruhig zwischen den Häusern, als hätte es sich an sie gewöhnt. Fachwerk, Putz, Dächer – alles spiegelt sich leicht verzerrt, nichts drängt nach vorne.

Der Flaneur nimmt wahr, wie nah hier gebaut wurde. Die Häuser stehen nicht dekorativ am Ufer, sie stehen am Wasser, weil es früher so sein musste. Die Lauch – der Fluss – war Arbeitsraum, Transportweg, Grenze und Verbindung zugleich. Dass heute Restaurant-Tische dort stehen, wo einst Boote anlegten, ist keine Verklärung, sondern eine Verschiebung der Nutzung.

Die Schwäne treiben durch das Bild wie ein ruhiger Kommentar. Sie gehören längst dazu, so wie das leise Stimmengewirr von den Tischen. Wer einen Tagesausflug nach Colmar macht, merkt hier, dass das französische Lebensgefühl weniger mit Sehenswürdigkeiten zu tun hat als mit dem selbstverständlichen Nebeneinander von Alltag und Geschichte. Man sitzt, man schaut, man bleibt einen Moment länger als geplant. Nur. Es sitzen eher Touristen als Franzosen hier. Zumindest am Tage.

Colmar hat diese Fassaden, die man nicht „besichtigt“, sondern irgendwann bemerkt. Man läuft unter ihnen hindurch wie unter einem Dach aus Geschichte. Fachwerk, helle Felder, Fensterläden, die offenstehen, als würde gleich jemand hinausschauen. Und dann: die irritierenden Figuren. Sie hängen da nicht wie etwas, das immer schon da gewesen wäre. Eher wie eine Setzung der Gegenwart. Skelettartig, mit Flügeln, deutlich als Requisit zu erkennen. Ein Eingriff, der das historische Haus nicht erklärt, sondern kurz aus dem Gleichgewicht bringt. Der Flaneur mag solche Stellen. Nicht, weil sie „schön“ sind, sondern weil sie zeigen, dass eine Altstadt nicht nur Vergangenheit ist. Colmar ist eine Bühne und mittlerweile voll auf Tourismus ausgerichtet. Und manchmal reicht ein einziges Stück Dekoration, um diese Bühne sichtbar zu machen.

Das gehört eigentlich nicht zu dem französischen Lebensgefühl, das man bei einem Tagesausflug nach Colmar sucht. Denn die Tradition tritt hier als Kulisse in Erscheinung und wird nicht als Alltag empfunden. Alte Häuser tragen neue Zeichen und werden zum Spektakel. Manchmal dezent, manchmal mit Absicht zu laut. Und während man noch überlegt, ob das Spiel ernst gemeint ist, hat man schon wieder ein paar Schritte gemacht. Colmar lässt einen nicht festhalten. Es lässt einen weitergehen. Oder man wird von den Massen weiter geschoben. Und dies alles wegen ein oder zwei Filmen die in Asien berühmt waren.

Wer bei seinem Tagesausflug durch Colmar läuft, stößt früher oder später auf diese kleinen, unscheinbaren Institutionen: diese Tabac-Presse Läden. Läden, die in Frankreich jahrzehntelang mehr war als Verkaufsstelle für Zigaretten. Man kaufte dort Zeitung und Briefmarken, gab eventuell ein Paket ab, füllte ein Lottoschein aus, wechselte ein paar Worte – und ging mit dem Gefühl hinaus, dass der Alltag hier noch eine Theke hat.

Das Schild in der Gasse ist fast schon ein kleines Zeitdokument. „Presse“ steht meist noch ganz oben, aber darunter sieht man, wie sich das Geschäft verschiebt: „Cigares“ und inzwischen „Vape“. Der Tabakkonsum geht zurück, die Regeln werden strenger, und die Läden reagieren pragmatisch. Wo früher vor allem Zigarettenstangen über den Tresen gingen, kommen heute Lotterie (FDJ), E-Zigaretten, Zubehör, manchmal auch Paketservices und kleine Convenience-Artikel dazu. Nicht als Lifestyle, eher als Überlebensform.

Für viele Deutsche aus dem Grenzgebiet war Frankreich lange ein Ziel mit sehr konkretem Grund: Zigaretten. Nicht nur wegen der Preise, sondern auch wegen des „anderen Geschmacks“ und dieses schwer greifbaren französischen Lebensgefühls, das man sich gleich mitkaufte. Namen wie Gauloises oder Gitanes hatten etwas von Film und Caféhaus, während internationale Marken wie Marlboro, Camel oder Lucky Strike eher das Vertraute bedienten und heute schon allein wegen Trump verachtet sind. Der Einkauf war für manche ein Ritual: rüberfahren, kurz durch eine Altstadt gehen, die Luft anders finden, und dann mit einem Päckchen Alltag nach Hause zurückkehren. Heute wirkt das wie eine Erinnerung aus einer Übergangszeit. Und genau deshalb passt so ein Schild so gut in einen Tagesausflug nach Colmar: Es zeigt nicht nur Fachwerk und hübsche Fensterläden, sondern auch, wie sich eine Stadt im Kleinen verändert. Nicht im Museum, sondern an einer ganz normalen Hauswand, in einer engen Gasse, zwischen Tradition und Anpassung.

Der Schwendi-Brunnen auf der Place de l’Ancienne Douane stammt ursprünglich aus dem Jahr 1898. Entworfen wurde er von Auguste Bartholdi, der mit der Figur des Lazare de Schwendi eine historische Persönlichkeit der Stadt ins Zentrum stellte. Immerhin hat Bartholdi die Freiheitstatue von New York entwurfen. Im Jahr 1940 verschwand der Brunnen jedoch aus dem Stadtbild. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Anlage zerstört; das Elsass war zu dieser Zeit von Deutschland besetzt. Über die konkreten Umstände des Abbruchs – ob kriegsbedingt, aus materialtechnischen Gründen oder durch administrative Entscheidungen – geben die Quellen keine eindeutige Auskunft.

Belegt ist lediglich, dass der Brunnen seine ursprüngliche Gestalt verlor und nach dem Krieg in veränderter Form wieder aufgebaut wurde. Heute steht er erneut auf dem Platz, nicht als unverändertes Denkmal, sondern als sichtbares Zeichen einer unterbrochenen Geschichte. Man darf jedoch annehmen, dass die Nazis den Bildhauer hassten, weil er die Freiheitsstatue entworfen hatte. An solchen Ecken bleibt man stehen, ohne es zu planen.

Das Eckhaus schiebt sich in den Blick, als wolle es sagen: Hier beginnt etwas anderes. Die Straße öffnet sich kurz, dann zieht sie sich wieder zusammen. Fachwerk, Farbe, Fensterläden – alles bekannt, und doch jedes Mal neu zusammengesetzt. Der Flaneur nimmt wahr, dass diese Häuser nicht nur Kulisse sind. Unten wird gegessen, getrunken, gesprochen. Oben gewohnt. Die klare Ordnung der Fassaden erzählt von einer Zeit, in der Bauweise auch Haltung war. Gleichzeitig ist alles gegenwärtig: Markisen, Tafeln, Stimmen. Die Altstadt von Colmar lebt davon, dass sie sich benutzen lässt. Ein Tagesausflug nach Colmar führt zwangsläufig an solchen Punkten vorbei. Nicht als Ziel, sondern als Übergang. Man steht kurz, schaut nach links, nach rechts – und geht weiter, ohne genau zu wissen, warum dieser Ort im Gedächtnis bleibt. Gerade deshalb bleibt er. Hier geht man nicht einfach vorbei.

Der Weg am Wasser zwingt zur Langsamkeit. Der Langsamkeit eines Flaneurs. Links die Häuser, dicht an dicht, jedes anders gefasst, und doch Teil derselben Reihe. Rechts der Kanal, ruhig, fast gleichgültig gegenüber dem Treiben.

Der Flaneur beobachtet, wie sich dieser Ort benutzt anfühlt. Menschen bleiben stehen, lehnen am Geländer, schauen ins Wasser oder auf die Fassaden gegenüber. Das Viertel war einmal Arbeitsraum; heute ist es ein Ort des Gehens und Verweilens. Beides schließt sich nicht aus.

Ein Tagesausflug nach Colmar findet an solchen Stellen sein Maß. Man sieht nicht nur Fachwerk und Altstadt, man spürt, wie nah hier Geschichte und Gegenwart beieinanderliegen. Der Weg führt weiter, aber er lässt einen nicht eilig werden. Hier schaut der Flaneur nach oben. Nicht, weil etwas spektakulär wäre, sondern weil sich das Leben an der Fassade zeigt. Balkone, Fensterläden, Blumenkästen – nichts davon ist Bühne, alles ist Gebrauch. Die Häuser wirken bewohnt, nicht ausgestellt. Die Balkone erzählen von einer anderen Art, Raum zu denken. Nicht als abgeschlossene Einheit, sondern als etwas, das sich nach außen fortsetzt. Man stellt etwas ab, man lehnt sich hinaus, man lässt Dinge hängen. Das Fachwerk hält das zusammen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

In der Petite Venise sind solche Ansichten oft nur ein paar Schritte vom Wasser entfernt. Ein Tagesausflug nach Colmar besteht dann nicht aus einem Ziel, sondern aus Blicken wie diesem. Man geht weiter, aber der Gedanke bleibt kurz hängen – an einem Balkon, an einem Fenster, an der Selbstverständlichkeit, mit der hier gewohnt wird. Oder doch alles Unterkünfte von Airbnb? Man wird es nicht erfahren. Aber wo wohnen all die Asiaten, die hier herumwuseln?

Manchmal reicht es, sitzen zu bleiben. Der Flaneur hebt den Blick, nicht aus Neugier, sondern aus Ruhe. Über dem Tisch spannen sich Markisen, Schirme, Streben. Nichts davon ist geplant für den Blick nach oben, und doch ergibt es eine Ordnung. Eine zufällige Architektur entstanden aus dem Wunsch nach „Beschirmung“.

Hier sitzt man geschützt, leicht abgeschirmt vom Himmel, und hört das, was eine Altstadt eben mit sich bringt: Stimmen, Geschirr, Schritte. Auf dem Tisch ein Flammkuchen, daneben ein Glas elsässischer Riesling. Keine Inszenierung, sondern Alltag. Die Markisen erzählen davon, wie sehr diese Stadt darauf eingestellt ist, draußen zu sitzen – auch dann, wenn der Raum eigentlich fehlt.

Ein Tagesausflug nach Colmar besteht nicht nur aus Wegen und Plätzen. Er besteht auch aus diesen Pausen. Aus Blicken, die nichts festhalten wollen. Man isst, man trinkt, man schaut nach oben – und merkt erst später, dass genau das geblieben ist. Das sind die Momente, an die man im harschen deutschen Alltag sehnsüchtig denkt.

In der Adventszeit zeigt sich Colmar von einer besonders dichten Seite. Schaufenster werden zu Bühnen, dekoriert bis in den letzten Winkel, als müsse jedes Detail mit dem Strom der Besucher konkurrieren. Wer hier stehen bleibt, merkt schnell, dass es nicht mehr um Stille geht, sondern um Sichtbarkeit. Wie sich die Stadt in diesen Wochen verändert, was der Weihnachtszauber mit dem Stadtraum macht – und warum der Andrang selbst zum Thema wird –, darüber geht es in meinem Text „Colmar im Weihnachtswahn“. Ein Blick hinter die Kulissen einer Stadt, die im Winter besonders viele Blicke auf sich zieht.

Der figürliche Fassadenschmuck bündelt, was als elsässisch gelesen werden soll: Störche, Tracht, ländliche Tiere, ein angedeutetes Fachwerkhaus. Alles ist klar erkennbar, alles auf einmal und hübsch beieinander. Solche Darstellungen gehören zur Volkskunst des Elsass und sollen des Touristen Herz erfreuen. Sie sind keine überlieferten Hauszeichen, sondern bewusst gesetzte Bilder, entstanden im Spannungsfeld von regionaler Identität, die schon längst verschwunden ist und touristischer Erwartung der erfüllt werden muss. Der Storch steht dabei als zentrales Symbol für Heimat und Beständigkeit, die Trachtfiguren verweisen weniger auf gelebte Geschichte als auf deren Bildtradition.

Für den Flaneur ist dieses Element kein Schmuck im architektonischen Sinn. Es ist eine Erzählung an der Wand. Colmar zeigt sich hier nicht als gewachsene Stadt, sondern als Stadt, die die Erwartungen ihrer Besucher kennt – und diese sichtbar befriedigt. Da kommt dann schon mal der Chinese vorbei und denkt: huch haben die es heimelig.

Die Rue des Marchands ist eine jener Straßen, in denen Colmar sein Tempo zeigt – das Tempo der Touristen. Fachwerk, Fensterläden, Ausleger und Markisen bilden eine dichte Abfolge, die kaum Pausen lässt. Hier geht man nicht verloren, hier wird man weitergeschoben – von Geschäft zu Geschäft, von Blick zu Blick. Für den Flaneur ist diese Straße weniger Ort des Verweilens als des Beobachtens. Man liest an den Fassaden, wie sich die Altstadt organisiert: oben gewohnt, unten verkauft, dazwischen Geschichte und Gegenwart eng verzahnt. Ein Tagesausflug nach Colmar führt fast zwangsläufig hierher, weil sich an solchen Straßen das französische Lebensgefühl der Stadt besonders deutlich zeigt – geschäftig, dicht, und doch eingebettet in historische Formen. Und gerade diese Straße war für mich reizvoll, da die Fassaden Patina zeigten und nicht als Schauflächen für die Besucher herausgeputzt waren. An solchen Plätzen sammelt sich die Stadt. Fachwerk, Geschäfte, Wegweiser und Menschen kreuzen sich auf engem Raum. Nichts ist monumental, alles wirkt gewachsen. Der Flaneur bleibt kurz stehen, nicht weil etwas hervorsticht, sondern weil sich hier vieles überlagert.

Ein Tagesausflug nach Colmar führt unweigerlich durch solche Übergangsräume. Zwischen Museum, Altstadt und Einkaufsstraße zeigt sich das französische Lebensgefühl der Stadt in Bewegung: ein kurzer Blick, ein Richtungswechsel, ein weiterer Schritt durch die Geschichte, die hier selbstverständlich Teil des Alltags ist.

Auch wenn es einem recht heimelig beim Anblick der alten Fachwerkhäuser wird, darf man nicht vergessen, wie mühselig das Leben in der Zeit war, als diese Häuser „Neubauten“ waren. Aber der Flaneur an sich und ich im Besonderen bin ein positiv denkender Mensch und vertiefe mich ungern in Dinge, die meine Fröhlichkeit negativ beeinflussen könnten. Es kommt schon noch härter, wenn ich von den Grünewaldaltartafeln stehe. Wenn Sie möchten, so lesen Sie „Otto Dix trifft Grünewald in Colmar“.

Kulinarische Zwischenstationen beim Tagesbesuch in Colmar

Irgendwann setzt man sich. Nicht aus Hunger allein, sondern weil die Stadt es nahelegt. Bistro, Taverne, ein Tisch am Rand – das gehört zu einem Tagesausflug nach Colmar wie das Fachwerk zur Fassade. Die elsässische Küche ist dabei klar umrissen und unterscheidet sich deutlich von dem, was man sonst in Frankreich erwartet.

Der Flammkuchen, hier selbstverständlich Tarte flambée genannt, ist kein Gericht für den großen Auftritt. Dünner Teig, Sauerrahm, Zwiebeln, Speck – mehr braucht es nicht. Er kommt nicht als Hauptgang, sondern als Begleiter, oft in mehreren Varianten, geteilt am Tisch. Weniger Mahlzeit als Rhythmusgeber. Deutlicher wird die Eigenständigkeit bei der Choucroute garnie. Sauerkraut, Würste, gepökeltes Fleisch – kräftig, sättigend, ohne jede Leichtigkeit und sehr ans Deutsche erinnernd. Diese Küche schaut nicht nach Paris, sondern über den Rhein nach Osten oder auch nach Bayern. Auch der Baeckeoffe, ein langsam gegarter Ofeneintopf aus Fleisch, Kartoffeln und Zwiebeln, gehört zu dieser Tradition des Geduldigen und Bodenständigen. Fast unscheinbar, aber charakteristisch sind die Fleischschnacka: gefüllte Nudelscheiben, in der Pfanne gebraten. Ein Restegericht ursprünglich, heute fester Bestandteil der regionalen Küche. Nichts davon will modern sein, alles will bleiben. Und das macht diese Küche so sympatisch.

Dazu werden elsässische Weine getrunken – Riesling, Pinot Blanc, Gewürztraminer. Trocken, aromatisch, ohne Umwege. Sie begleiten das Essen, sie kommentieren es nicht. Auch hier zeigt sich der Unterschied zu anderen Regionen Frankreichs: weniger Inszenierung, mehr Selbstverständlichkeit.

Wer in Colmar isst, merkt schnell, dass Essen hier kein Ereignis ist, sondern Teil des Gehens. Man setzt sich, man isst, man steht wieder auf – und nimmt etwas mit, das nicht nur satt macht. Wer Colmar besucht, sitzt früher oder später draußen. Nicht, weil das Wetter perfekt wäre, sondern weil es dazugehört. Das Draußensitzen ist in Frankreich keine saisonale Ausnahme, sondern Teil der Stadtkultur. Tische stehen nicht am Rand, sie stehen im Raum. Man schaut, man wird gesehen, man bleibt.

Gerade in der Altstadt von Colmar wird diese Haltung sichtbar. Zwischen Fachwerkhäusern, Winstuben und kleinen Restaurants wird der Platz zum Wohnzimmer. Essen und Trinken sind dabei fast nebensächlich. Wichtiger ist das Verweilen, das langsame Gespräch, das Gefühl, Teil des Stadtbildes zu sein. Dass wir diese Form der Außengastronomie inzwischen auch in Deutschland übernommen haben, ist ein Glück. In Colmar aber merkt man, woher sie kommt: aus einer Selbstverständlichkeit heraus, die Öffentlichkeit nicht zu meiden, sondern zu nutzen. Draußensitzen ist hier keine Mode – es ist eine Haltung.

Fassadenschmuck in Colmar – Ein Alleinstellungsmerkmal?

Beim Gang durch die Altstadt fällt auf, dass viele Fassaden mehr zeigen als bloß Architektur. Neben dem historischen Fachwerk treten Objekte, Figuren und ganze Arrangements, die bewusst in das Stadtbild eingreifen. Gießkannen, Werkzeuge oder Tiere ersetzen den klassischen Blumenschmuck und machen die Häuser selbst zu Schauflächen. Dieser Fassadenschmuck ist keine überlieferte Bauform, sondern eine zeitgenössische Praxis. Es handelt sich häufig um saisonale oder geschäftsbezogene Dekorationen, die das „Märchenbild“ der Altstadt gezielt verstärken. Besonders zur Weihnachtszeit wird diese Inszenierung sichtbar, wenn Colmar den öffentlichen Raum bewusst bespielt und als eigenes Programm vermarktet.

So entsteht ein Spannungsfeld zwischen historischer Substanz und heutiger Erzählfreude. Die Häuser bleiben, was sie sind – Zeugnisse einer alten Stadt –, doch ihre Fassaden werden ergänzt, kommentiert, manchmal auch überzeichnet. Colmar zeigt sich hier nicht nur als bewahrte Altstadt, sondern als gestalteter Stadtraum, in dem Tradition und Inszenierung nebeneinander existieren aber auch vor dem globalen Tourismus eine große Verbeugung machen. Nicht jeder Einheimische klatscht da in die Hände. Ja manche ballen sie in der Tasche zur Faust. Aber man lebt hier sehr gut von mir und all den anderen welche die Stadt überfluten.

Zum Autor:

Am dunkelsten Tag des Jahres 1954 im sächsischen Döbeln geboren, wurde Thomas Gatzemeier ungefragt von einem katholischen Pfarrer getauft. Als Kind buk er heimlich einen Kuchen, der als Brot gut ankam. Dieses scheinbare Missgeschick inspirierte ihn dazu, eine Ausbildung als Schrift- und Plakatmaler zu absolvieren, um Pinsel und Stift zu beherrschen. Er arbeitete anschließend auch als Steinmetzgehilfe und Grabsteindesigner. Nach dieser Grundausbildung studierte er Malerei und Grafik an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo Arno Rink und Volker Stelzmann zu seinen Lehrern zählten. 1980 beendete er sein Studium und ist seitdem als freier Künstler, Autor, Kunsthändler, Blogger und Freizeitkoch tätig. Konflikte mit den Machthabern der SBZ (Sozialistische Besatzungszone, später DDR) und ein mehrjähriges Ausstellungsverbot bewegten ihn 1986 dazu, die SBZ zu verlassen.

Danach lebte er vorwiegend in Karlsruhe, verbrachte aber auch längere Zeit in Zürich und nahe Worpswede. Von 2006 bis 2015 hatte er ein weiteres Atelier in Leipzig. Nach 34 Jahren Hauptwohnsitz in Karlsruhe verlegte der Wanderer zwischen den Welten im Februar 2020 seinen Wohnsitz endgültig nach Leipzig.

Nähere Informationen: Thomas Gatzemeier, Gottschallstraße 24, 04157 Leipzig, Telefon: 0172 610 25 35, E-Mail: info@thomas-gatzemeier.de

Headlines, Fakenews, Nius, von Storch, Martin Huber und Markus Lanz und was das alles miteinander zu tun hat

Dass die Diskussionskultur, wenn es um Politik geht, ein sehr geringes Maß an Niveau aufweist, ist nichts Neues. Als Paradebeispiele und Ursache für manchmal auch unversöhnliche Gespräche sind an vorderster Stelle der Angriffskrieg der Russen gegen die Ukraine und der Konflikt im Gazastreifen zu nennen. Informiert durch Headlines und gegebenenfalls noch einer Unterzeile aus den „Sozialen Medien“ fühlen sich viele berufen, ihre oft unausgegorene und mit wenig Faktenwissen belegte Meinung zu äußern – Instagram, Facebook und Co. machen es ja möglich. So wird zumindest geglaubt.

Was da an Äußerungen getätigt werden, sind diese so absurd, dass sie einen fassungslos machen können. So wird im Falle des Angriffskrieges der Russen gegen die Ukraine das Opfer zum Täter gemacht. Es wird behauptet, dass Putin die russische Minderheit in der Ukraine schützen wolle, dass das westliche Verteidigungsbündnis NATO schuld habe, weil es so viele ehemalige Ostblockländer aufgenommen habe, dass das Existenzrecht der Ukraine als eigenständiges Land nicht gegeben sei und dass die Ukraine so stark von faschistisch orientierten Kräften durchsetzt sei, dass Putin gar nicht mehr anders konnte, als diesen wehrhaft gegenüberzutreten.

Vergessen wird, dass Putin seit seinem Amtsantritt als Präsident immer wieder Kriege begonnen hat – gegen Tschetschenien und gegen Georgien und schon seit 2014 gegen die Ukraine. Nicht zu vergessen sind die von Putin installierten künstlichen Gebilde wie Transnistrien auf dem Gebiet der Republik Moldau sowie Abchasien und Ossetien auf dem Gebiet Georgiens. Und mehr als glaubwürdig belegt ist, dass Putin und die mit ihm verbündeten Oligarchen eine Kleptokratie geschaffen haben, die ausschließlich dem eigenen materiellen Vorteil dient. Mit dabei sind natürlich auch die üblichen Verdächtigen wie das Militär und der Geheimdienst.

Ähnlich Lügenhaftes wird auch über den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern verbreitet. Extreme Kreise stellen das Existenzrecht Israels als Staat in Frage, manche glauben, dass die Hamas eine Freiheitsorganisation der Palästinenser sei und dass deren Anschlag auf die israelische Zivilbevölkerung im Jahre 2023 mit über 1000 Toten ein Akt des Widerstandes war.

Aber auch in diesem Fall machen es sich viele zu einfach. Anstatt sich über die komplexe politische Situation im Nahen Osten kundig zu machen, reichen den meisten headlines, um sich als versierte Kenner zu gerieren. Wer aber wirklich etwas Substanzielles zu diesem Thema beitragen möchte, sollte sich ausführlich damit beschäftigen. Und da bedarf es vieler geschichtlicher Kenntnisse, deren Ursprünge schon Tausende von Jahren zurückliegen.

Dass die politische Diskussionskultur aber nicht nur in alltäglichen Gesprächen so ein geringes Niveau aufweist, sondern auch in Kreisen, die es besser wissen sollten, ist um so verheerender. Deutliche Belege dafür gab es in der vergangenen Woche am Mittwoch und Donnerstag bei Markus Lanz.

Am Mittwoch unter anderem zu Gast war Beatrix von Storch von der AfD, die zunächst nachplapperte, was der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance schon einmal auf der Münchener Sicherheitskonferenz herausposaunt hatte: dass die Meinungsfreiheit in Europa gefährdet sei. Dass ein führender Vertreter der amerikanischen Regierung ohne jegliche Kenntnisse solch einen Unsinn redet, ist angesichts des Umgangs von Trump & Co. mit kritischen Journalisten mehr als unsäglich. Dass eine Politikerin wie von Storch, die dazu noch bei Markus Lanz eingeladen war und ihre Meinung äußern durfte, den gleichen Quatsch erzählt, ist unerträglich.

Damit nicht genug behauptete sie auch, dass der Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein, Daniel Günther, in einer früheren Sendung von Markus Lanz die Einschränkung der Pressefreiheit gefordert hätte. Doch damit kam sie bei Markus Lanz nicht durch. Wie er belegen konnte, wurden die Äußerungen von Daniel Günther vom Sender Nius des ehemaligen Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt so zusammengeschnitten, dass ein falscher Eindruck entstanden war. Im Original hatte Günther sich ausschließlich für ein Verbot sozialer Medien für Jugendliche bis 16 Jahren ausgesprochen, wie es von der australischen Regierung vor kurzem beschlossen wurde – nicht für ein Verbot ihm missliebiger Presseorgane.

Dass es übrigens überzeugende Argumente für dieses Verbot gibt, belegt unter anderem ein mit der Überschrift „Digitales Heroin“ betitelter und im Spiegel erschienener Leitartikel, in dem folgender Satz zu lesen ist: „Im Jahr 2021 enthüllte die ehemalige Facebook-Datenspezialistin Frances Haugen, wie genau das Unternehmen über den schädlichen Einfluss sozialer Medien Bescheid wusste. Laut einer internen Befragung sagten 32 Prozent der weiblichen Teenager dass sich ihr Körpergefühl weiter verschlechtert habe, nachdem sie auf Instagram gewesen waren. 13 Prozent der befragten Jugendlichen in Großbritannien gaben an, dass ihre Suizidgedanken mit der Nutzung von Instagram begonnen hätten.

Angesichts der politischen Haltung von von Storch und ihrer Partei könnte natürlich gesagt werden, dass von ihr nichts anderes als das Nachplappern rechtspopulistischer Inhalte auf einem rechtspopulistischen Sender zu erwarten gewesen wäre.

Doch dass auch Politiker der traditionellen Parteien solche Lügen wie die über Daniel Günther verbreiten, ist dafür umso verwerflicher. Passiert ist das am vergangenen Donnerstag. Unter anderem zu Gast war der Generalsekretär der CSU, Martin Huber, der genau den gleichen Unsinn erzählte, wie es von Storch getan hatte. Auch er wurde eines Besseren belehrt. Aber nicht nur in diesem Fall war er von jeglichen Kenntnissen befreit. Das Gleiche galt für die in der Sendung thematisierte Neuregelung der Erbschaftssteuer, von der er auch nicht viel zu verstehen schien.

Armes Deutschland, das von solchen Politikern vertreten wird.

P.s.: Nicht nur bei Markus Lanz wurden geistige Lücken offenbart. Das passierte auch bei der Sendung von Dieter Nuhr, in der die Kabarettistin Simone Solga dem Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins, Daniel Günther, ebenfalls eine Neigung zur Pressezensur attestierte.

Swinging Nordhorn – eine mobile Dauerausstellung

Eine neue Dauerausstellung mit dem Titel „Swinging Nordhorn – Jugend in einer Kleinstadt im Grünen“ wird am Samstag, 14. Februar, ab 20 Uhr im Saal 2 der Alten Weberei in Nordhorn der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie besteht aus 14 großformatigen Collagen über eine Jugend zwischen Rock´n Roll, Pop, Mode, Kino, Festivals und Protest.

Als prominenter Gast konnte der ESC-Kommentator und NDR-Musikjournalist Peter Urban gewonnen werden, der aus seinem Buch „On Air – Erinnerung an ein Leben mit der Musik“ vorlesen wird. Im Anschluss gibt es Live-Musik mit Frank Stehle & Friends featuring Peter Urban. Gespielt werden Coverversionen aus den 1960-ern, 1970-ern und 1980-ern.

Veranstalter ist der Förderverein Kulturzentrum Alte Weberei.

Eigene Erinnerungen

Wenn ich mich an meine Jugend in Nordhorn erinnere, gibt es einige zentrale Eckpunkte, die auch viele meiner Altersgenossen geprägt haben. Womit könnte ich anfangen? Vielleicht mit meinen ersten Konzert-Erlebnissen, die ich im Konzert- und Theatersaal hatte: „Birth Control“ und „Floh de Cologne“. Gegensätzlicher hätte deren beider Musik kaum sein können: Zum einen dynamischer und hypnotischer Krautrock mit vielen Soloeinlagen, zum anderen mit Jazz vermischter Politrock, kombiniert mit kabarettistischen Einlagen im Geiste der APO und nachfolgend der DKP und damit ideologisch eins zu eins einem dialektisch-marxistischen Weltbild verpflichtet. Gehört beziehungsweise gelesen hatte ich von der Gruppe in der Konkret, einer Zeitschrift für Politik und Kultur mit weit links stehenden Positionen, die auch heute noch existiert. Ob ich damals den ideologischen Überbau verstanden habe, weiß ich nicht mehr. Vielleicht hatte es mich einfach nur gereizt, bei einer Veranstaltung dabei zu sein, die wegen ihrer politischen Ausrichtung schon den Hauch des Verbotenen hatte.

Eine weitere Veranstaltung dieser Art war ein Filmabend der DKP in einem gemieteten Raum des damaligen Bahnhofrestaurants. Gezeigt wurde „Nackt unter Wölfen“. Basierend auf dem Roman von Bruno Apitz drehte der bekannte Regisseur Frank Beyer den gleichnamigen Film, der vom Ende des Dritten Reiches im Konzentrationslager Buchenwald handelt. Im Mittelpunkt steht ein dreijähriges Kind, das von den Gefangenen versteckt wird, um es vor den Schergen des Naziregimes zu schützen, die es ermordet hätten, wenn sie es entdeckt hätten. Als ich mir mit den anderen den Film anguckte, fühlte ich mich wie das Mitglied einer verschworenen kleinen Gemeinschaft.

Anzumerken ist an dieser Stelle, dass ich mich schon früh für Politik interessierte und auf der Suche nach politischer Orientierung war. Ich sah mich politisch auf der linken Seite, ohne allerdings eine ideologisch gefestigte Einstellung zu haben. Die Ereignisse, die einen damals prägten: die Taten der RAF, der Kampf des Staates gegen diese und die damit verbundenen Folgen wie politisch erregte Diskussionen, die Rasterfahndung, die dadurch entstandene Angst vor einem übermächtigen Staat, die Atomkraft und die Angst vor deren Nutzung, die Beschäftigung mit der damals sogenannten Dritten Welt, angeregt durch die auch in der Grafschaft Bentheim entstandenen Dritte Welt-Läden, und der Konflikt zwischen Ost und West, der unter anderem durch die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) entschärft werden sollte. Direkt vor Ort beschäftigte die Menschen neben dem Kernkraftwerk in Lingen auch noch der von der Royal Air Force genutzte Bombenabwurfplatz Nordhorn-Range, gegen den immer wieder protestiert wurde – sogar mit Schulstreiks.

Von Interesse waren für mich aber nicht nur die großen politischen Themen, sondern auch die Musik. Und da darf ein Name nicht fehlen: Georgies. Der leider heute nicht mehr existierende Laden war ein Kultort. Fast wöchentlich oder noch öfters stöberte ich dort nach LPs, die ich, bevor ich mir eine eigene Plattensammlung zulegte, bei meinem viel zu früh verstorbenen Vetter Michael gesehen und gehört hatte. In seinem vom Rest des großen Elternhauses meiner Mutter etwas abgetrennten Zimmer im früheren Dachboden hörte ich über eine Anlage höchster Qualität alles, was damals Rang und Namen hatte: die Rolling Stones, Deep Purple, Pink Floyd, Santana, Crosby Stills Nash & Young, Yes, Uria Heep, Mike Oldfield und auch schon Vertreter der damals im Kommen begriffenen Krautrock-Musik wie Wallenstein, Birth Control, Frumpy und manche mehr. Es gab aber nicht nur Rock zu hören, sondern auch Klassik. Was mir von damals noch in Erinnerung ist: die Vier Jahreszeiten von Vivaldi, die Brandenburgischen Konzerte von Bach und Toccata & Fuge – ebenfalls von Bach.

Neben der Musik faszinierten mich auch Bücher, ebenfalls beeinflusst von meinem äußerst belesenen Vetter Michael. Einer der Klassiker damals: Hermann Hesse. Obwohl schon 1962 verstorben, war er einer der Kultautoren vieler Jugendlichen meiner Generation. Seine Werke wie Demian, Unterm Rad und vor allem Der Steppenwolf trafen den Nerv. Das Aufbegehren gegen überkommene Autoritäten und die Sinnsuche vor dem Hintergrund einer vom Konsum und Materialismus geprägten Gesellschaft bestimmten das Denken der Heranwachsenden.

Nicht fehlen darf bei diesen Erinnerungen an eine Jugend in Nordhorn das Jugendzentrum. Dort kam ich erst im Alter von 17 oder 18 Jahren hin. Der Grund: Bis dahin kannte ich keinen, der dort hinging. Erst durch einen ehemaligen Freund lernte ich das Jugendzentrum kennen und war sofort begeistert. Dort wurde die Musik gespielt, die ich hörte, und dort waren auch die Leute, mit denen man politisch auf einer Wellenlänge war und mit denen man auch andere Interessen wie Musik und Literatur teilte. Legendär noch immer: die Discos am Mittwoch und am Wochenende in der zumeist proppenvollen Tenne, die anfangs nur bis 23 Uhr liefen. Später kam noch die Scheune dazu, um dem Besucherstrom gerecht zu werden. Neben der Disco gab es im Jugendzentrum auch viele unvergessliche Konzerte mit Herman Brood, The Touch mit Terence Trent D´Arby als Sänger, Cuby & The Blizards und später Rausch, Abwärts, Reamonn mit Ray Garvey als Frontmann, H-Blockx, Rammstein (tatsächlich) und vielen vielen mehr. Das waren noch Zeiten.

Ich könnte vermutlich noch viel mehr aus dieser Zeit erzählen, wollte mich aber nur auf die Punkte beziehen, die wohl viele meiner Generation gemein haben. Und ich freue mich auf die Eröffnung der Ausstellung.

Expedition Weltmeere – kulturhistorisch und immersiv

Etwa 70 Prozent der Erdoberfläche ist mit Wasser bedeckt, davon sind 96,5 Prozent Meerwasser. Müsste die Erde nicht eigentlich „Planet Wasser“ heißen? Die Weltmeere gelten als der Ursprung allen Lebens auf der Erde. Sie bieten Rohstoffe, Energie, Nahrung, Transportwege und funktionieren als Klimamaschine. Die kulturhistorische und immersive Ausstellung Expedition Weltmeere, die noch bis zum 6. April in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen ist, beleuchtet nicht nur die „oberflächliche“ Beziehung zwischen Mensch und Meer, sondern taucht auch in die geheimnisvollen submarinen Gefilde ein.

Bereits seit 4000 Jahren nutzen Menschen die Wasserwege als globalen Highway, deshalb mutet es geradezu paradox an, dass wir heute über die Oberflächen von Mond und Mars mehr wissen als über die Weltmeere, deren Tiefen lediglich zu fünf Prozent erforscht sind. Die Weltmeere waren stets imaginäre Räume, die Sehnsüchte weckten, Fantasie anregten, aber auch Ängste schürten. Seit jeher spielten sie beim Austausch zwischen Völkern und Kontinenten eine Schlüsselrolle: Waren, Ideen und Religionen verbreiteten sich immer auch auf dem Seeweg. Die Meere wurden auf der Suche nach Siedlungsmöglichkeiten, nach Gold, Gewürzen und neuen Wissensquellen überquert. So entstanden in einem jahrhundertelangen Prozess von Interaktionen vielfältige Verbindungen und Netzwerke rund um den Globus.

Bereits in der Frühzeit war die Seefahrt ein Mittel ökonomischer und machtpolitischer Expansion: Wer die Meere beherrschte, hatte auch am Land das Sagen. Der beschämendste Aspekt dieses transkontinentalen Strebens nach Macht und Reichtum war der Handel mit versklavten Menschen aus Afrika (15. bis 19. Jahrhundert), deren Schwerstarbeit den Wohlstand Europas und der Vereinigten Staaten von Amerika überhaupt erst ermöglichte. Die Ozeane und Meere sind der größte zusammenhängende Lebensraum unseres Planeten. Da sie Wärme und CO2 in großen Mengen speichern, haben sie maßgeblichen Einfluss auf Wetter und Klima. Umgekehrt nehmen sie und ihre Ökosysteme durch die Auswirkungen des Klimawandels erheblichen Schaden. Auch Überfischung, industrielle Nutzung, intensiver Schiffsverkehr und die anthropogene Verschmutzung drohen die faszinierende Vielfalt der Weltmeere zu vernichten.

Zu den Zielen der 2021 gestarteten UN-Ozeandekade gehört neben Maßnahmen zum Schutz der Meere auch das Bestreben, das Wissen über die Ozeane zu verbreiten und stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Das Thema Weltmeere bietet unzählige Betrachtungsperspektiven und Zugänge. Die Ausstellung Expedition Weltmeere richtet den Fokus auf das lustvolle Erforschen und Erkunden unterschiedlicher Facetten der marinen Welten, deren Transformationsprozesse sowie die vielfältigen kulturellen Beziehungen zwischen Mensch und Meer. Sie hebt die Schönheit der rätselhaften Lebensräume unter Wasser hervor und weist gleichzeitig hin auf ihre Bedrohung durch Verschmutzung, Lärm, Übernutzung mariner Ressourcen und den vom Menschen verursachten Klimawandel.

Die Ausstellung konzentriert sich auf drei große Themenschwerpunkte: Die Tiefsee mit ihren rätselhaften Lebenswelten und dem fragilen Ökosystem, die Weltmeere als umkämpfter Wirtschaftsraum und Grundlage der Globalisierung und schließlich die Weltmeere als Sehnsuchtsort und Transferraum für Menschen und Ideen. Diese geheimnisvollen Gefilde waren schon immer eine Inspirationsquelle für Fantasie und Kreativität: Neben Originalobjekten aus Natur, Wissenschaft und Technik führen historische wie zeitgenössische Kunstwerke die gefährdete Schönheit der marinen Flora und Fauna vor Augen und animieren zum Nachdenken über die wechselvolle Beziehung zwischen Mensch und Meer.

Die beiden immersiven Stationen in der Ausstellung, Der Fahrstuhl in die Tiefsee und Die Unterwasserstation, vermitteln neueste wissenschaftliche Erkenntnisse in einem zeitgemäßen Format. Bei der Station Der Fahrstuhl in die Tiefsee sind Assoziationen mit der Nautilus, dem berühmten Unterwasserboot des Kapitän Nemo, durchaus naheliegend. Der Fahrstuhl wurde als eine Kabine für mehrere Personen konzipiert, deren „Fenster“ aus großen Monitoren bestehen, auf denen auf acht „Etagen“ die dort lebende Meeresflora und -fauna in Originalaufnahmen zu sehen sind. Die Unterwasserstation erzählt die Geschichte der Endurance, des vermutlich berühmtesten Expeditionsschiffs der Wissenschaftsgeschichte, mit dem der Polarforscher Ernest Shackleton 1914 zu seiner Trans-Antarktis Expedition aufbrach. Das Schiff sank 1915, ohne sein Ziel zu erreichen, sein Wrack wurde erst 2022 in 3008 Metern Tiefe entdeckt – eine weltweite Sensation. Die realitätsnah gestaltete Unterwasserstation bietet den Ausgangspunkt für die Erkundung des Wracks der Endurance auf dem Meeresboden.

Ausstellungstexte

Die Weltmeere sind der Ursprung allen Lebens auf der Erde. Sie bilden das größte zusammenhängende Ökosystem auf unserem Planeten und sind Lebensraum für geschätzt mehr als zwei Millionen Arten. Für unser Leben sind sie unentbehrlich als Klimaregulator und Sauerstoffproduzent. Sie liefern Nahrung, Rohstoffe und Energie. Und obwohl sie etwa 70 Prozent der Erdoberfläche bedecken, wissen wir mehr über Mond und Mars als über die Weltmeere. Unsere Ausstellung taucht in diese geheimnisvollen submarinen Gefilde ein und beleuchtet die komplexe Beziehung zwischen Mensch und Meer. Im Mittelpunkt stehen das Erforschen und Erkunden der marinen Welten. Wir feiern ihre Bedeutung und ihre Schönheit und verweisen gleichzeitig auf ihre Gefährdung. Wir präsentieren die Weltmeere als Wirtschaftsräume und Transferzonen für Menschen, Waren und Ideen. Und wir erzählen von den Ozeanen als Quelle kreativer Fantasie und der Abenteuerlust sowie als Ursprung tiefer Ängste gleichermaßen. In der Mitte der von den Vereinten Nationen 2021 ausgerufenen Dekade der Ozeane und im Jahr der Nachhaltigkeit in der Bundeskunsthalle will die Ausstellung das Wissen über die Weltmeere und ihre existenzielle Bedeutung stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken.

Der Blaue Planet

Vom Weltall aus betrachtet, erscheint die Erdkugel in einem kräftigen Blau. Das liegt an der Größe der Ozeane, die zirka 70 Prozent der Erdoberfläche bedecken. Seit der Mensch sich aufgemacht hat, die Ozeane zu erobern, nutzt und erforscht er sie, bedroht aber auch deren Existenz. Um sich auf See zu orientieren, sind Schiffe auf Navigationsinstrumente und Karten angewiesen. Früher mussten die Seeleute ihren Weg mit Hilfe der Gestirne finden, um anhand der Position der Himmelskörper den eigenen Standort zu bestimmen. Heute vertrauen sie auf moderne Techniken wie Radar und GPS. Trotz ihrer riesigen Ausdehnung sind die Unterwasserwelten immer noch wenig erforscht. Dabei sind die vielfältigen marinen Lebensräume mit ihrem überwältigenden Reichtum an Flora und Fauna nicht nur der Ursprung allen Lebens auf unserem Planeten, sondern auch ein Reich voller Wunder und Rätsel. Doch die Ozeane sind zunehmend bedroht. Das größte zusammenhängende Ökosystem der Erde leidet unter menschengemachten Problemen wie Lärm, Vermüllung, Übernutzung mariner Ressourcen und Klimawandel.

Die Kunst der Navigation

Solange es die Seefahrt gibt, nutzten Menschen Hilfsmittel, um sich auf dem Meer zu orientieren. Zunächst waren es die Sterne, der Sonnenstand und die Küstennavigation. Seit dem Mittelalter gehörten das Astrolabium, der Kompass sowie Portolankarten mit ihren Seerouten zur Grundausstattung der Schiffe. Die Erfindung des Sextanten und des Chronometers zur Bestimmung der Breiten- und Längengrade im 18. Jahrhundert machte, zusammen mit den ersten wissenschaftlichen Weltkarten, eine präzise Navigation möglich. Im Zuge der ersten großen Expeditionen erfolgte schließlich im 19. Jahrhundert die Kartierung der Meeresfläche und die Tiefenmessung. In der heutigen Navigation, die für die Sicherheit und die Erforschung der Weltmeere unverzichtbar ist, werden traditionelle und moderne Methoden wie Radar, Echolot und GPS verwendet.

Unterwasserwelten

„Die vielleicht größte Entdeckung des 20. Jahrhunderts über den Ozean war die Entdeckung des Ausmaßes unserer Unwissenheit“, stellt Sylvia Earl, eine der weltweit führenden Meeresforscherinnen, ernüchtert fest. Zwar haben die meereskundlichen Expeditionen seit dem 19. Jahrhundert das Wissen über die Unterwasserwelten erweitert, doch die Weltmeere sind heute in ihrer Gesamtheit lediglich zu fünf Prozent erforscht. Die gerade stattfindende technologische Revolution bietet neue Möglichkeiten, diese unbekannten Welten zu ergründen. Dabei stellt sich heraus, dass das Leben in den Meeren genauso bunt und vielfältig ist wie auf dem Festland. Die abwechslungsreichen Geländeformationen und mehr als zwei Millionen Arten stehen für die schier grenzenlose Vielfalt des marinen Lebensraums. Diese geheimnisvollen Gefilde sind seit jeher auch eine ergiebige Inspirationsquelle für die menschliche Fantasie und Kreativität.

Bedrohte Lebensräume

Die Ozeane geraten zunehmend aus der Balance. Das größte zusammenhängende Ökosystem auf unserem Planeten leidet unter den von Menschen verursachten Schäden wie Lärm, Vermüllung, Übernutzung mariner Ressourcen und Klimawandel. Insbesondere die Erwärmung der Meere bedroht die Lebensräume zahlreicher Meeresbewohner. Durch die Aufnahme von Kohlendioxid und die Vermischung des Treibhausgases mit dem Wasser versauern die Ozeane. Die jüngsten Messungen am Great Barrier Reef vor der Küste Australiens belegen, dass die Schäden durch die Korallenbleiche ein Rekordausmaß erreicht haben. Eine weitere Gefahr stellen die zirka 150 Millionen Tonnen Plastikmüll dar, die in den Ozeanen treiben und sich in fünf riesigen Müllstrudeln sammeln.Die nicht abbaubaren Mikroplastikpartikel dringen in alle Meeresregionen vor und gefährden hunderte von Tierarten, die das Plastik mit ihrer Nahrung aufnehmen.

Die Globalisierung der Weltmeere

Seit jeher spielten die Weltmeere beim Austausch zwischen Völkern und Kontinenten eine Schlüsselrolle. Man überquerte sie auf der Suche nach neuen Siedlungsmöglichkeiten, Rohstoffen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. So entstanden bereits in der Frühzeit vielfältige Verbindungen und Netzwerke rund um den Globus. Die Weltmeere waren auch immer, spätestens jedoch seit dem Beginn der Globalisierung im 15. Jahrhundert, ein umkämpfter Wirtschaftsraum und Schauplatz des Strebens nach Macht und Reichtum, an dem alle seefahrenden Nationen beteiligt waren. Heute sind die Meere das Rückgrat der globalen Wirtschaft. Zunehmend wurden die Ozeane in die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Systeme eingebunden. Heute betrachtet man sie nicht nur als geografische Räume, sondern als Orte vielfältiger Interaktionen, die internationale Regelungen und Kontrollen erfordern. Die globale Vernetzung und zunehmende menschliche Nutzung der Meere führen zu bedrohlichen ökologischen Problemen. Auch hier ist internationale Zusammenarbeit erforderlich, um eine nachhaltige Nutzung ihrer Ressourcen sicherzustellen.

Ozeane im Austausch

Seit Tausenden von Jahren existierten auf den Ozeanen zahlreiche Seewege und Netzwerke, und auch untereinander waren die Weltmeere stets verbunden. Das 15. und 16. Jahrhundert markiert jedoch einen großen Umbruch. Die damaligen europäischen Versuche, auf dem Seeweg nach Indien zu gelangen, führten zu Entdeckungen, die die Weltmeere auf eine neue Art und Weise miteinander verknüpften. Von nun an zogen sich neue Seerouten kreuz und quer über die Ozeane, und zwischen den Kontinenten wurde ein Schiffsverkehr mit einem weltweiten Austausch von Waren, Menschen, Tieren und Pflanzen etabliert. Die Erschließung neuer Seewege ging mit dem Beginn der Kolonisierung und Besiedlung der neu entdeckten Territorien durch Europäer einher. Diese Expansionspolitik auf den Weltmeeren setzte sich auch nach dem so genannten „Entdeckerzeitalter“ fort.

Globale Handelsrouten

Maritime Handelsrouten waren seit jeher Achsen des wirtschaftlichen und kulturellen Austauschs zwischen Regionen und Kontinenten. Im 16. Jahrhundert gelang es den europäischen Kolonialmächten mit nautischen und logistischen Kenntnissen, aber auch mit Waffengewalt, die Grundlage für ein weltumspannendes maritimes Handelsnetzwerk zu schaffen. Mitte des 19. Jahrhunderts begann mit der Einführung der Dampfschiffe ein neues Zeitalter. Diese schnellere und zuverlässigere Transportmöglichkeit wirkte sich auch auf die Weltwirtschaft aus. Heute werden ca. 90 % des internationalen Güterverkehrs auf dem Seeweg abgewickelt. Möglich machte dies die Erfindung des standardisierten Containers 1956. Die einfache wie geniale Idee, Waren nicht einzeln als Stückgut, sondern gebündelt zu transportieren, revolutionierte den Welthandel und wurde zum Symbol der Globalisierung.

Profit um jeden Preis ‒ Der transatlantische Sklavenhandel

Der europäische Sklavenhandel zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert stellt eines der größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Es wirkt bis heute in allen Teilen der Welt nach. Die Kolonialmächte zwangen zirka 13 Millionen Afrikaner in die Sklaverei, um sie auf den profitbringenden Plantagen in der neuen Welt als praktisch kostenlose Arbeitskräfte einzusetzen. Neben Waren wie Gold, Gewürze, Zucker, Tabak und Baumwolle wurde auch die Handelsware Mensch transportiert. Aus verschleppten Menschen wurden „Sklaven“, denen man alle Rechte und jegliche Humanität absprach. Die Überfahrt fand unter menschenunwürdigen Bedingungen auf speziell für diesen Zweck umgebauten und ausgerüsteten Sklavenschiffen statt. Mehr als 1,8 Millionen Menschen verloren dabei ihr Leben. Erst mit der Sklavenbefreiung in den USA 1865 endete die institutionell legitimierte Sklaverei in den Industrienationen.

Weltmeere als Ressource: Fischerei

Seit Jahrzehnten schrumpfen die Fischbestände in den Weltmeeren. Die Ursachen liegen in der industriellen Fischerei mit großen Fangflotten und moderner Technik, aber auch im illegalen Fischfang, fehlenden Kontrollen, hohen Fischkonsum und Aquakulturen. Die Folgen der Überfischung sind dramatisch: Die Fischpopulationen brechen zusammen, marine Ökosystem werden durch den Einsatz von Schleppnetzen zerstört oder geraten ins Ungleichgewicht, und viele Menschen verlieren dadurch ihre Lebensgrundlage. Die Lösungen im Kampf gegen die Überfischung sind bekannt: eine nachhaltige Fischerei mit festgelegten Höchstfangquoten und Schutzzeiten sowie marine Schutzgebiete, in denen gar nicht oder nur eingeschränkt gefischt werden darf. Aber auch ein verändertes Verhalten der Verbraucher, weniger oder bewusster Fisch zu konsumieren und dabei auf Zertifizierungen wie das MSC-Siegel (Marine Stewardship Council) zu achten, ist wichtig.

Weltmeere als Ressource: Rohstoffe

Neben der Öl- und Gasgewinnung aus dem Meeresboden, die mittlerweile ein Drittel der weltweiten Förderung ausmacht, sind es die mineralischen Rohstoffe aus der Tiefsee, die eine zentrale Rolle für die Zukunft spielen. Denn Manganknollen, Massivsulfide und Kobaltkrusten liefern wertvolle Metalle und seltene Erden für moderne Technologien. Diese Rohstoffe, die auf dem Meeresboden jenseits der nationalen Hoheitsgebiete (mehr als 200 Seemeilen vor der Küste) zu finden sind, werden im Internationalen Seerechts übereinkommen der Vereinten Nationen von 1982 als das „gemeinsame Erbe der Menschheit“ bezeichnet. Ihr kommerzieller Abbau hat noch nicht begonnen und ist hoch umstritten. Er ist nur mit der Genehmigung der Internationalen Meeresbodenbehörde möglich, die entsprechende Lizenzen vergibt und verhindern soll, dass nur reiche Industrienationen oder Konzerne von den Rohstoffen profitieren.

Schutz der Meere

„Wir müssen die Ozeane retten, wenn wir uns selbst retten wollen“, erklärte die Seerechtsexpertin, Ökologin und Publizistin Elisabeth Mann Borgese (Anm.: Bekannt wurde die Tochter von Thomas Mann durch den Dokumentarfilm „Die Manns“ von Heinrich Breloer) bereits in den 1960er-Jahren. Heute ist die Bedrohung für die Weltmeere und somit für unsere gesamte Lebensgrundlage durch Verschmutzung, Lärm, Übernutzung mariner Ressourcen und den vom Menschen verursachten Klimawandel mehr als dramatisch. Die im Jahr 2021 gestartete Ozeandekade der Vereinten Nationen hat sich daher zum Ziel gesetzt, durch gemeinsame Forschungsprojekte, Handlungsstrategien und Informa tionskampagnen bis 2030 einen gesunden und nachhaltig bewirtschafteten Ozean zu schaffen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss auch das Wissen über den Ozean und seine massive Gefährdung stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Gerade jetzt, in Zeiten der geopolitischen Krise ist der Dialog zwischen Wissenschaft, Politik, NGOs und Zivilgesellschaft von höchster Bedeutung.

Ozeane als Transferraum für Menschen und Ideen

Die Beziehung zwischen Mensch und Meer ist so alt wie die Menschheit selbst. Sie ist von dem Wunsch geprägt, die grenzenlosen Weiten der Ozeane zu erkunden und zu erschließen. So entwickelten sich die Weltmeere zu einer Transferzone, deren Passagen auch für unterschiedliche Migrationsbewegungen offenstehen. Die Beweggründe hierfür sind vielfältig: Politische und religiöse Motive, Hoffnung auf eine bessere wirtschaftliche und soziale Zukunft haben Millionen Menschen auf die Reise geschickt. Mit den Menschen reisten auch Ideen zu neuen Ufern. Die Hafenstädte entwickelten sich zu Informationsbörsen und Umschlagplätzen für Nachrichten aus aller Welt. Ob die Ideale der Französischen Revolution oder die vibrierenden Tanzrhythmen der afrikanischen Diaspora – sie alle verbreiteten sich ebenfalls übers Meer. Die menschliche Wahrnehmung des Meeres wurzelt in einem Spannungsfeld zwischen Wissensaneignung und der Sehnsucht nach dem Unbekannten. Seit der Frühzeit befeuerten die Mythen über mächtige Seegottheiten und furchterregende Ungeheuer in den Meerestiefen Abenteuerlust und Fantasie der Menschen gleichermaßen.

Migration übers Meer

Die Migration über das Meer hat viele Facetten: Die Beweggründe der Menschen reichen von freiwilliger Auswanderung bis zur lebensrettenden Flucht. Schon in prähistorischer Zeit migrierten Menschen über die Weltmeere. So begann die polynesische Besiedlung hunderter von Inseln im Pazifik bereits um 1500 v. Chr. Der Atlantik erlebte eine erste große Migrationswelle im späten 15. Jahrhundert. Sie brachte Europäer, vor allem aber Millionen von versklavten Menschen aus Afrika nach Amerika. Eine weitere Migrationswelle folgte im 19. Jahrhundert, als schätzungsweise mehr als 50 Millionen Menschen aus Europa nach Nord- und Südamerika auswanderten. Die Hauptursachen hierfür waren wirtschaftliche Not, politische Umbrüche und religiöse Verfolgung. Diese Motive bedingen bis heute die Migration über die Meere auf der ganzen Welt. Neben Krieg, Armut und Verfolgung gehört mittlerweile auch der Klimawandel dazu.

Transatlantischer Ideentransfer – Die Haitianische Revolution

Im 18. Jahrhundert entwickelten sich die Hafenstädte der europäischen Kolonien in der Karibik zu bedeutenden Knotenpunkten eines weitgespannten Informationsnetzes. So verbreiteten sich die Ideale der Französischen Revolution von 1789 auch über den Seeweg. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte weckte Hoffnungen bei vielen versklavten Menschen, die auf den Zuckerrohrplantagen der französischen Kolonie Saint-Domingue Schwerstarbeit leisteten. Doch eine Abschaffung der Sklaverei in Übersee war nicht vorgesehen. 1791 erhoben sich Tausende Sklaven gegen die Plantagenbesitzer. Nach einem brutalen Bürgerkrieg riefen die siegreichen Aufständischen am 1. Januar 1804 den ersten und einzigen von ehemaligen Sklaven gegründeten Staat der Weltgeschichte aus. In Anlehnung an den ursprünglichen indigenen Namen der Insel hieß er fortan Haiti.

Sagen, Mythen, Abenteuer

In allen Kulturen gibt es Sagen, Mythen und Legenden, die von in den Meeren lebenden furchteinflößenden Wesen erzählen. Diese Meeresungeheuer beschäftigen seit alters die Fantasie der Menschen: Sie sind riesengroß, bringen Schiffe zum Kentern und töten Menschen. Sie verkörpern eine zerstörerische Macht, während die Meeresgottheiten das Meer, seine Bewohner und die Naturgewalten repräsentieren. Götter wie Poseidon oder Triton gehören der antiken Mythologie an, in vielen außereuropäischen Kulturen spielen Meeresgottheiten wie die nordische Sedna jedoch nach wie vor eine wichtige Rolle. Die Vorstellung von geheimnisvollen „ozeanischen Mächten“ hat auch in der modernen Welt nichts von ihrer Faszination verloren. Doch bereits Jules Verne zeigte, dass die Tiefsee kein Ort des Schreckens, sondern der Entdeckung ist, und inspirierte so Genera tionen von Forschenden, die Unterwasserwelten zu erkunden.

635 Tage im Eis – Die British Imperial Trans-Antarctic Expedition von Ernest Shackleton

Angetrieben von dem Ziel, als erster den antarktischen Kontinent zu durchqueren, bricht der Polarforscher Ernest Shackleton (1874–1922) am 8. August 1914 zu seiner Antarktis-Expedition auf. Doch sein Schiff, die Endurance, erreicht den Eiskontinent nie. Wenige Seemeilen vor dem Ziel bleiben Shackleton und seine 28-köpfige Besatzung im Packeis stecken. Von den Eismassen eingeschlossen und schließlich zerquetscht, sinkt ihr Schiff im November 1915. Es folgt eine der dramatischten Rettungsaktionen der Forschungsgeschichte, die im August 1916 ein glückliches Ende findet. 10 Mehr als 100 Jahre später macht sich der Unterwasserarchäologe Mensun Bound mit seinem hochspezialisierten Team auf die Suche nach der Endurance. Am 5. März 2022 ist die Sensation perfekt – das Sonarbild des nahezu unzerstörten Wracks geht um die Welt.

Publikation

Begleitend zur Ausstellung erscheint eine Publikation Expedition Weltmeere. Magazin zur Ausstellung. Herausgeber ist die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland Mit über 40 Beiträgen aus Wissenschaft und Kunst von David Barrie, Daniela Baumann, Rachel L. Carson, Katharina Chrubasik, Volker Dehs, André Freiwald, Rainer Froese, Amitav Gosh, Gerd Hoffmann-Wieck, Florian Huber, Andrea Koschinsky, Mark Lenz, Agnieszka Lulińska , Olaus Magnus, Ina Makosi, Nele Matz-Lück, Alexander Meier-Dörzenbach, Katja Mintenbeck, Maike Nicolai, Martin Papirowski, Grischka Petri, Henriette Pleiger, Heike Raphael-Hernandez, Iris Schröder, Felix Schürmann, Simon Schwartz, Julia Sigwart, Dava Sobel, Christiane Stahl, Solvin Zankl, darunter Interviews mit Antje Boetius, Mensun Bound, Boris Herrmann und Katja Matthes Umfang und Format Broschur, 21 x 29,7 cm 194 Seiten, 190 farbige Abbildungen Deutsche Ausgabe Hirmer Verlag, München Preis: 19,90 Euro, Buchhandelspreis: 25 Euro.

Nähere Informationen: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH Museumsmeile Bonn, Helmut-Kohl-Allee 4, 53113 Bonn, Telefon: +49 228 9171-200, Fax: +49 228 234154, E-Mail: info@bundeskunsthalle.de

Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne

Die Welt der Arbeit ist im Umbruch. Vertraute Berufsbilder verändern sich in rasantem Tempo. Homeoffice und künstliche Intelligenz sorgen für Freiheitsgewinne, schaffen zugleich aber auch neue Abhängigkeiten. Flexibilität und Resilienz sind gefragt.

Vergleichbare Entwicklungen prägten bereits das frühe 20. Jahrhundert, als die Modernisierung der Arbeitswelt ebenso tiefgreifende Veränderungen hervorrief wie heute. Künstlerinnen und Künstler reagierten auf diese Umbrüche, indem sie den technischen Fortschritt feierten, soziale Ungerechtigkeiten anprangerten und Visionen einer künftigen Gesellschaft entwickelten.

Die Ausstellung „Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne“, die noch bis zum 12. April 2026 im Rheinisches Landesmuseum für Archäologie, Kunst- und Kulturgeschichte zu sehen ist, eröffnet verschiedene Perspektiven auf die Arbeitswelt der Moderne zwischen 1890 und 1940. Sie reflektiert die Hoffnungen und Herausforderungen der damals lebenden Menschen anhand von Kunstwerken, Publikationen und Alltagsobjekten. Ikonen der Neuen Sachlichkeit wie Leo Breuers „Kohlenmann“ von 1931 treten in einen Dialog mit Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern wie Otto Dix, Conrad Felixmüller, Hannah Höch und Franz Wilhelm Seiwert. Weniger bekannte Positionen, etwa von Magnus Zeller, Sella Hasse oder Thea Warncke vervollständigen das Bild.

In jedem Ausstellungskapitel schlagen interaktive Bereiche einen Bogen vom Gestern ins Heute und laden zum Mitmachen ein. Schließlich ist kaum etwas so eng mit unserem eigenen Leben verwoben wie die Frage: Wie wollen wir zukünftig arbeiten?

Katalog zur Ausstellung

Der ausstellungsbegleitende Katalog „Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne“ gibt einen vollumfänglichen Einblick in die Themen und Exponate der Ausstellung. Über 220 hochwertige Abbildungen begleiten die wissenschaftlichen Beiträge.

Der 256 Seiten umfassende Katalog erscheint im Hirmer Verlag und ist an der Museumskasse für 39 Euro zu erwerben (Buchhandelspreis 50 Euro).

Das LVR-Landesmuseum Bonn

Das LVR-Landesmuseum Bonn zeigt Schätze der Archäologie, Kunst- und Kulturgeschichte aus über 400.000 Jahren. Es ist das einzige kulturgeschichtliche Museum im Rheinland und zeichnet mit seinen Exponaten die Entwicklung der Region von den Anfängen bis zur Gegenwart nach.

Kern der musealen Arbeit ist die Bewahrung, Sammlung, Präsentation, Vermittlung und Erforschung von kunst- und kulturhistorischen Zeugnissen. Diesen Aufgaben hat sich das LVR-Landesmuseum Bonn leidenschaftlich verschrieben und ist zudem ein national und international führendes archäologisches Forschungsinstitut.

Der Träger des LVR-Landesmuseums Bonn ist der Landschaftsverband Rheinland.

Die Geschichte des Museums

Das LVR-Landesmuseum Bonn ist eines der ältesten Museen in Deutschland. Es kann mittlerweile auf eine spannende, über 200-jährige Geschichte zurückblicken.

Die Anfänge

Am 4. Januar 1820 wurde in Bonn das „Antiquitätenkabinett Rheinisch-Westphälischer Alterthümer“ gegründet – auch genannt „Museum vaterländischer Alterthümer“. Dieses durch einen Erlass des bedeutenden preußischen Staatskanzlers Karl August Fürst von Hardenberg ins Leben gerufene Museum gilt als der frühste Vorgänger des heutigen LVR-LandesMuseums.

„Die Königl. Preußische Regierung hat durch eine Anordnung des Fürsten Staatskanzlers vom 4. Januar 1820 einen neuen Beweis gegeben, welches Intereße sie für die Bildung und für den Flor der Wissenschaften und Künste in den Rheinisch-Westfälischen Provinzen nimmt, indem durch ein planmäßiges und zusammenhängendes Verfahren die zerstreuten Bruchstücke aus der altdeutschen und Römischen Zeit vor Zerstörung, Verstümmelung und Zersplitterung sichergestellt werden sollen.“ (Preußischen Staats-Zeitung, 4. März 1820)

Aufgabe des Museums waren die Ausgrabung, die Erhaltung und das Sammeln von Artefakten aus der Vor-und Frühgeschichte und von Zeugnissen der römischen Anwesenheit im Rheinland. Leider stand die Anfangszeit des Museums unter weniger guten Vorzeichen als erhofft: Nach zwei Jahren verstarb 1822 Fürst von Hardenberg und Wilhelm Dorow, der erste Direktor, verließ das Museum. Ohne eigene Räumlichkeiten, ohne substantielle staatliche Förderung und am Desinteresse der Bevölkerung leidend, musste das Museum versuchen, seinen Platz in der Bonner Kulturlandschaft zu finden.

Neugründung: Das Provinzialmuseum

Die Lage des Museums verbesserte sich – oder viel eher: Änderte sich gänzlich – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auf Beschluss des Provinziallandtags in Düsseldorf wurde 1874 die Gründung des Provinzialmuseums Bonn initiiert. Treibende Kraft war hier insbesondere Ernst aus’m Weerth, der später der erste Direktor des Provinzialmuseums wurde. Das Museum sollte, nicht zuletzt im Lichte eines neu erwachten Interesses für die Historie der eigenen Nation, die kulturelle Geschichte des Rheinlands von seinen Anfängen bis zur Gegenwart abbilden. Die Sammlung dieses neu gegründeten Provinzialmuseums setzte sich aus der bereits bestehenden Sammlung des „Museums vaterländischer Alterthümer“ und aus der Sammlung des Vereins von Altertumsfreunden im Rheinlande zusammen. Die ursprüngliche Funktion des Museums, die archäologischen Zeugnisse sowohl durch Grabung, Forschung und Bewahrung zu erhalten, wurde bestätigt und die enge Zusammenarbeit mit der Bodendenkmalpflege gefestigt.

Die Gründung des Provinzialmuseums umfasste zudem eine strukturelle Erneuerung: Das Museum unterstand nun der „Provinzialverwaltung der Rheinlande“ – der Vorläuferorganisation des heutigen Landschaftsverbands Rheinland (LVR). Dieser Umstand sollte in der Zukunft durchaus große Bedeutung für das Museum haben.

Nach seiner Gründung hatte auch das Provinzialmuseum mit einer gewissen Raumnot zu kämpfen, da dem Museum kein eigenes Gebäude zur Verfügung stand. Ein Teil der Sammlung war zwar beständig in der Universität Bonn untergebracht, andere Sammlungskonvolute mussten jedoch immer wieder ihren Standort wechseln. Eine optimale Nutzung der Sammlung war so kaum möglich. Der Einzug des Provinzialmuseums in das eigene Haus am heutigen Standort in der Colmantstraße erfolgte 1893. Dank des Neubaus konnte die Sammlung nun zusammenhängend präsentiert werden.

Auch im Provinzialmuseum wurde die Sammlung durch Grabungen, Ankäufe und Schenkungen beständig erweitert und verändert. Das Sammeln von Gemälden, obwohl nicht vollkommen vernachlässigt, stand dabei nicht unbedingt im Fokus der Sammlungsentwicklung des Hauses. Im Jahr 1902 wurde der Stadt Bonn eine Leihgabe von 226 Gemälden aus der Sammlung des Ehepaars Wesendonck angeboten. Die Bilder wurden 1909 von der Stadt an das Museum gegeben. Zunächst eine Leihgabe, wurden viele Stücke der Sammlung 1925 dem Wesendonck Erben durch das Museum und die Stadt Bonn abgekauft. So vervielfachte sich der Bestand an Gemälden – Alte Meister und aktuellere Kunst – am Beginn des neuen Jahrhunderts sprunghaft. Tatsächlich wurde der Umfang der Sammlung damit so groß, dass nun ein dringend benötigter Anbau realisiert wurde.

Das Museum in der NS-Zeit

Die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland 1933-1945 ging am Museum keinesfalls spurlos vorbei. Bereits kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 erhielt das SA und NSDAP Mitglied Hans-Joachim Apffelstaedt als neuer Kulturdezernent im Rheinland großen Einfluss auf das Museum und wusste diesen zu nutzen, um die eigenen kulturpolitischen Ideen umzusetzen.

Mit der Übernahme der Rheinischen Provinzialverwaltung durch den Nationalsozialisten Heinrich Haake wurden Umstrukturierungen des Museums großzügig finanziert – mangelnde finanzielle Mittel waren in den Jahren zuvor noch ein ständiges Hemmnis in der Entwicklung des Museums gewesen – und eine inhaltliche Neuausrichtung der Präsentation vorgenommen. Das Museum sollte als Prestigeobjekt der Nationalsozialisten den neuen Typus eines Museums abbilden, das eine „volksnahe Bildungsstätte“ sein und die nationalsozialistische Ideologie kulturpolitisch untermauern sollte. So wurden in der Ausstellung die provinzialrömischen Objekte zu Gunsten der Vor- und Frühgeschichte weit in den Hintergrund gerückt. Es sollte ein Fokus auf vermeintlich deutsche Vorfahren gelegt werden, römisches galt als uninteressant und in der Vergangenheit über Gebühr bevorzugt. 1934 wurde zudem der Name von „Provinzialmuseum Bonn“ in „Rheinisches Landesmuseum“ geändert.

Während der Umgestaltung wurden Objekte veräußert, die nicht in das angestrebte Konzept passten. Beispielsweise wurde ein großer Teil der Wesendonck-Sammlung 1935 in einer Auktion bei Lempertz in Köln versteigert. Für die Realisierung der nationalsozialistischen Ansprüche an das Haus erhielt das Museums immer neue finanzielle Mittel von der Rheinischen Provinzialverwaltung und Sponsoren, die zu nicht unerheblichen Teilen für den Ankauf von Gemälden genutzt wurden.

Bei den Neuerwerbungen wurde ein Schwerpunkt auf solche Gemälde rheinischer und flämisch-niederländischer Maler gelegt, die als „artverwandt“ galten. Viele dieser Kunstwerke wurden durch Apffelstaedt und den Leiter der Gemäldegalerie des Museums, Franz Rademacher, in Paris, Amsterdam und Brüssel gekauft. Die Kunstwerke stammten häufig aus Sammlungen, die zuvor ihren Besitzern und Besitzerinnen enteignet worden waren oder deren Besitzer bzw. Besitzerinnen sich durch Flucht und Emigration zum Verkauf ihrer Sammlungen genötigt sahen.

Obwohl das Museum Ende August 1939 für das Publikum geschlossen wurde und große Teile der Sammlung in verschiedene Kunstschutzdepots verbracht wurden, konnte der Verlauf des Krieges das Akquirieren von neuen Exponaten nicht bremsen: Noch in der ersten Hälfte des Jahres 1944 reisten Mitarbeiter des Museums nach Frankreich, um im besetzten Paris bei Galeristen und in Museen Gemälde für die Sammlung zu kaufen.

Viele der Gemälde, die in dieser exzessiven Ankaufphase während des Krieges ins Rheinische Landesmuseum bzw. dessen Schutzdepots gelangten, wurden direkt nach Ende des Krieges und der Öffnung der Depots von den Alliierten an die Herkunftsländer zurückgegeben. Über die Herkunft und den Umgang mit Objekten, die zur Zeit des Nationalsozialismus oder mit potenziell belasteter Provenienz nach dem Krieg in den Besitz des Museums gelangten, finden im LVR-LandesMuseum andauernde Provenienzforschungen statt.

Neuausrichtung nach dem Krieg

Das Jahrzehnt nach dem Krieg war von der Beseitigung der Kriegsschäden und der Wiedereinrichtung des Museums geprägt. Im Zuge der danach erfolgten Neuaufstellung richtete sich das Rheinische Landesmuseum an den Bedürfnissen der Besucher*innen und den aktuellsten musealen Standards aus. So war bereits zu Beginn der 1970er Jahre ein museumspädagogisches Angebot im Haus angesiedelt, das auch für die kleinsten Bürger und Bürgerinnen den Besuch im Museum spannend und interessant gestaltete.

Mit dem Jahr 1998 begann ein aufwendiger Umbau des Museums in dessen Zuge eine ganz neue Dauerausstellung konzipiert wurde. Es wurden sogenannte Themenrundgänge eingerichtet, in denen unter thematischen Aspekten Objekte unterschiedlicher Epochen und Gattungen gemeinsam präsentiert wurden. Mit dieser Art der Präsentation sollten die Querverbindungen und Zusammenhänge zwischen den Objekten der Sammlung verdeutlicht und ein Netz von Bezügen über die Jahrhunderte hinweg geknüpft werden. Diese Rundgänge standen beispielsweise unter den Überschriften: Von Göttern zu Gott, Macht und Mächte und Kelten im Rheinland.

Es war und bleibt der Anspruch des Museums die Geschichte des Rheinlandes an möglichst viele Menschen vermitteln zu können und das kulturelle Erbe zu bewahren, zu präsentieren und zu erforschen. Um diesem Leitgedanken gerecht zu werden, finden am LVR-Landesmuseum fortdauernde Forschungen zu aktuellen Funden und archäologischen, historischen Fragestellungen statt.

Ein neues Kapitel

Im Jahr 2018 nahm das LVR-Landesmuseum Bonn (diesen Namen trägt das Museum seit 2008) Umbaumaßnahmen in Angriff, um dem eigenen Anspruch an Partizipation und Inklusion gerecht zu werden. Das Museum möchte allen Menschen einen spannenden, informativen und kurzweiligen Besuch des Hauses ermöglich. Deswegen wird weiter daran gearbeitet, die Liegenschaft komplett barrierefrei zu gestalten und die Ausstellungen sollen gänzlich inklusiv und interaktiv werden.

An dieser Leitidee ausgerichtet, wird derzeit die Dauerausstellung überarbeitet: Sie wird komplett neugestaltet und ermöglicht nach der Fertigstellung einen Streifzug durch 400.000 Jahre Geschichte. Dafür wurde die Einteilung nach Themenrundgängen aufgegeben und ein ganz neues Ausstellungskonzept erstellt. Die Objekte werden in Zukunft entlang des roten Fadens der Zeit epochengeschichtlich-thematisch präsentiert. Als erster Bereich ist die Neandertaler-Rotunde nach diesem Konzept realisiert. Das zweite Obergeschoss mit der Zeit des Mittelalters bis zur Gegenwart wurde im Herbst 2023 eröffnet. In der zweiten Jahreshälfte 2025 folgt das erste Obergeschoss mit archäologischen Zeugnissen der Vor- und Frühgeschichte, der Römerzeit und des Frühmittelalters.

Die Geschichte des Museumsgebäudes

Der Charakter des LVR-Landesmuseums ist eng mit dem Museumsgebäude verbunden. Das Landesmuseum versteht sich als Ort, der alle Menschen einlädt, Geschichte zu erleben, Wissen zu vertiefen und Fragen zu stellen – der dabei stets wandelbar bleibt und auf die Herausforderungen der Zeit eingeht.

Die Notwendigkeit eines Gebäudes

Ein Großteil der Sammlung des „Antiquitätenkabinetts“ (der Vorläuferinstitution des LVR-Landesmuseums) war in Räumlichkeiten des Schlosses der Universität Bonn untergebracht, wo er – mit kurzen Zwischenstationen einige Exponate beispielsweise im Kapitelsaal des Bonner Münsters – die meiste Zeit seit der Gründung des Museums 1820 auch verblieb.

Mit der Gründung des Provinzialmuseums 1874 wurde das Vorhaben, ein eigenes Museumsgebäude zu erhalten, forciert. Hermann Schaaffhausen sprach sich für das Grundstück des Königlichen Gymnasiums an der Koblenzer Straße (der heutigen Adenauerallee) aus, da er die Nähe zur Universität bevorzugte. Er konnte sich mit diesem Vorhaben nicht durchsetzen und es wurde beschlossen, das Grundstück Urban Colmants an der heutigen Colmantstraße anzukaufen. Der Neubau des Museums nach Plänen von Clemens Guinbert wurde am 8. April 1890 begonnen und die Arbeiten dauerten bis 1893. In diesem neuen Museum konnte die Sammlung nun zusammenhängend und nutzungsorientiert präsentiert werden – die Zielgruppen waren allerdings hauptsächlich Gelehrte und Studenten der Archäologie. Von einem „Museum für alle“ war man damals noch weit entfernt.

Das ursprüngliche Museumsgebäude wurde bereits nach wenigen Jahren durch einen Anbau erweitert. Dieser Anbau, der im Jahr 1909 eröffnet wurde, war deshalb notwendig, weil die Gemälde der Wesendonck-Sammlung, die als Leihgabe ins Provinzialmuseum gekommen waren, sonst keinen adäquaten Platz gehabt hätten. Durch das stetige Wachsen der Sammlung war ohnehin bereits ein gewisser Platzmangel deutlich geworden.

Der Neubau wurde als zweigeschossiger Flügelbau in Richtung Bachstraße ausgeführt, der die auch heute noch prominente Oberlichthalle umfasste.

Kriegsschäden

In den 1930er Jahren fanden abermals bauliche Maßnahmen statt. Sie standen unter der Prämisse, das Gebäude und die Architektur der Ausstellungsräume den Anforderungen der Nationalsozialisten an das Museum als „volksnahe Bildungsstätte“ anzupassen.

Im zweiten Weltkrieg wurde das Museum geschlossen und die meisten Exponate ausgelagert. Sehr große Steinobjekte waren jedoch für den Transport zu schwer und wurden daher im Museum durch Sandsäcke, Holzplatten oder provisorische Backsteinwände geschützt. Außerdem blieben auch kleinere archäologische Funde in den Magazinschränken im Keller.

Am 28. Dezember 1944 wurden das Haus und das Gelände von drei Bomben getroffen und zu großen Teilen zerstört. Im vorderen Bereich des Gebäudes wurde die Eingangstreppe und die Fassade beschädigt, wodurch sich der Giebel des Dachs verschob und die Statik dieses Teils des Hauses beeinträchtigt wurde. Der gesamte hintere Teil des Altbaus wurde zerstört, wobei auch der vordere Teil des Anbaus beschädigt wurde. Durch die einstürzenden Wände und Decken des Museums wurde die Kellerdecke durchschlagen und die unterirdischen Magazinräume zerstört. Die dort gelagerten Objekte gingen dabei verloren.

Weitere Schäden am Gebäude entstanden in den letzten Wochen des Kriegs: Durch die Sprengung der Rheinbrücke im Frühjahr 1945 stürzten instabil gewordene Teile der Fassade des Altbaus ein.

Aus Altbau wird Neubau

1953 wurde entschieden, den beschädigten Altbau abzureißen. Somit blieb nur noch der hintere Teil des Museumsbaus erhalten, der nach dem Krieg renoviert wurde und in dem das Museum seit 1950 wieder einen Teil seiner Sammlung präsentierte. An die Stelle des abgerissenen Altbaus sollte ein Neubau treten und mit dem bestehenden Gebäude – das seitdem als „Altbau“ bezeichnet wird – verbunden werden. Nach den Plänen des Wiesbadener Architekten Rainer Schell wurde zwischen 1963 und 1967 ein zur damaligen Zeit wegweisender Bau errichtet. Die Verwendung von Beton und Glas in einer sehr klaren Formsprache machte den neuen Museumsbau zu einem typischen Gebäude der Moderne. Das Gebäude erhielt, dem Namen des Architekten entsprechend, die umgangssprachliche Bezeichnung „Schellbau“.

Um die Ausstellung modernen Ansprüchen anzupassen, orientierte man sich bei der Errichtung des Schellbaus und der Präsentation der Objekte an den aktuellen Standards von Ausstellungswesen und museumspädagogischem Wissen. Die Vitrinen wurden nicht mit Objekten vollgestopft, sondern jedes Exponat sollte die Chance erhalten, auf den Besuchenden zu wirken. Das bedeutete allerdings, dass es viel mehr Objekte gibt, die es wert sind, gezeigt zu werden, als es letztlich in die Ausstellung schafften. Tatsächlich wird nur ein Bruchteil der Sammlungen im Museum gezeigt. Der überwältigende Großteil des Bestands wird in Depots gelagert. Diese befinden sich sowohl in Bonn wie auch in Meckenheim, wo ein eigenes Depotgebäude errichtet wurde.

Neues ab der Jahrtausendwende

In den 1990er Jahren wurden Pläne für einen abermaligen Umbau des Museums beschlossen. Der Schellbau sollte an aktuelle Standards der musealen Präsentation, Ökologie und Technik angepasst werden. Für dieses Vorhaben wurde die Architektengruppe Stuttgart in Zusammenarbeit mit Knut Lohrer und Dieter K. Keck beauftragt. Die umfassende bauliche Neugestaltung begann 1998 und war nicht im laufenden Betrieb zu realisieren, weswegen das Museum für das Publikum schließen musste. Die zunächst auf drei Jahre angelegte Schließungs- und Umbauzeit verlängerte sich, wodurch das Museum erst im November 2003 wiedereröffnete.

Die Fassade des Neubaus wird seit dem Umbau durch eine Holzverkleidung geprägt, der eine gläserne Hülle vorgesetzt ist. Dadurch entstand zwischen der Holzfassade und der Glaswand eine Fläche, die als erster Ausstellungsraum architektonische Exponate enthält.

Mit den Holzbalken, die waagerecht und schräg zur Fassade verlaufen, soll der Eindruck von alten Grabungskisten erweckt werden. Grabungskisten sind Kästen – früher aus Holz, heute aus Plastik – in denen die Funde bei Grabungen gelagert und transportiert werden. Das LVR-Landesmuseum ist letztlich solche eine Kiste: Voller spannender Funde und Objekte. Die Glashülle, die das Haus umgibt, spielt ebenfalls mit musealen Ausstattungsgegenständen: Wie eine Vitrine schützt das Glas das Haus und lässt dennoch den Blick ins Innere zu. Im Gebäude selbst werden die verwendeten Materialien Holz, Glas und Beton aufgegriffen und eine helle, offene Gestaltung erreicht.

Die 1998-2003 ausgeführten Erneuerungen wurden 2019/2020 durch Arbeiten im Erd- und Untergeschoss ergänzt. Dafür wurden Herrmann & Bosch engagiert, die bereits in den Umbau zur Jahrtausendwende involviert waren. Während des laufenden Betriebs wurden eine neue Gestaltung des Foyers und der Einbau eines zentralen, gläsernen Aufzugschachts durchgeführt. Zudem wurden im Bereich des Neandertalers die neuen Gestaltungselemente der Dauerausstellung umgesetzt. Mithilfe von klaren Linien, einem deutlichen Leitsystem, Licht und partizipativen Angeboten wird ein ganz neues, inklusives und interaktives Museumserlebnis geschaffen.

Nähere Informationen: Rheinisches Landesmuseum für Archäologie, Kunst- und Kulturgeschichte, Colmanstraße 14 – 16, 53115 Bonn, Telefon: 0228 2070351, E-Mail: info@landesmuseum-bonn,lvr.deKunst- und

Maritime Mode im Nationalen Maritimen Museum

Kapitänsjacken, Kabelpullover und eine Tasche in Form einer Perle: Die Ausstellung „Oceanista“, die noch bis zum 12. April 20026 im National Maritime Museum in Amsterdam zu sehen ist, ist ein Fest für die Augen. Die erste Modeausstellung des Museums zeigt, wie viele Alltagskleidungsstücke maritime Wurzeln haben.

Aber die entscheidenden Fragen – warum bestimmte Stile so beharrlich zurückkehren, was sie bedeuten – bleiben unbeantwortet. Inhaltlich bleibt es oberflächlich.

Was macht die Kapitänsjacke zu einem so beständigen Modefavoriten? Die steife, blaue Jacke mit goldenen Streifen und glänzenden Knöpfen kehrt immer wieder in die Mode zurück, sei es in Form von Vintage-Jacken oder zeitgenössischen Neuinterpretationen. Modemarken wie Balmain und Thom Browne haben es bereits mehrfach genutzt. Während ihrer Konzertreihe „Love Boat“ im Jahr 2012 trugen die „Toppers“ passende blau-weiße Kapitänsanzüge, die von oben bis unten mit Pailletten bedeckt waren. Was sagt diese anhaltende Faszination für die Marineuniform über uns als Menschen aus?

Maritime Wurzeln

Jedenfalls ist diese Faszination keine Einzelerscheinung. Die Ausstellung zeigt den weitreichenden Einfluss des Lebens in und um Ozeane auf die Mode, anhand einer Auswahl zeitgenössischer und historischer Modestücke, die – direkt oder indirekt – aus der maritimen Welt hervorgegangen sind. Ein Teil dieser Auswahl wurde vom dänischen M/S Maritime Museum bestimmt, von dem das National Maritime Museum die Ausstellung übernahm. Das Museum ergänzte die Auswahl weiter, hauptsächlich mit Leihgaben von niederländischen Museen und Bekleidungsmerken, darunter Kassl, Duran Lantink und Martan.

„Oceanista“ ist in Räume mit unterschiedlichen Themen unterteilt, die zeigen, wie das Meer die Mode auf unterschiedliche Weise beeinflusst hat. Es ist überraschend – wie im Museum zu sehen, dass ganz alltägliche Kleidung maritime Wurzeln hat. Manche sind so häufig, dass man vergessen würde, dass sie von dort stammen. Der Kabelpullover zum Beispiel ist, wie das bretonische gestreifte Hemd, ein klassisches Fischerkleidungsstück. Oder der gelbe Gummiregenmantel, eine Ableitung des jahrhundertealten Ölmantels, der erfunden wurde, um nassen Stürmen standzuhalten. Er bestand aus Baumwolle, die in Leinöl, Bienenwachs und Terpentin getaucht war und gelb gefärbt war, um auf dem Schiffsdeck oder an der Küste besser sichtbar zu sein.

Ein anderer Raum zeigt Entwürfe, die eine Ode an die mystische Schönheit des Meereslebens sind. Es gibt eine Tasche von Simone Rocha in Form einer vergrößerten, eiförmigen Perle und ein Kleid von Botter in tropischen Fischfarben, gefertigt aus dünnem Organza mit ausgeschnittenem Schuppenmuster. Im Mittelpunkt steht ein Kleid von Iris van Herpen mit einem Rock aus Seidenschichten, die wie fließendes Wasser wirbeln oder wie Tentakel nach oben kriegen – je nachdem, wie man es betrachtet.

Unbeantwortete Fragen

Es ist eine reiche und erfrischende Auswahl an Kleidungsstücken und Accessoires, die durch das Design der Ausstellung optisch gut in Szene gesetzt werden: Bühnen in Form von Papierbooten, wellenförmige Trennwände, hängende Fischernetze statt Vitrinen. „Oceanista“ ist eine wunderschöne Ausstellung, aber inhaltlich bleibt sie an der Oberfläche. Dass viel Mode vom Meer inspiriert ist, wird nach ein paar Räumen klar – aber die interessanten Fragen bleiben weitgehend unbeantwortet. Warum entschieden sich so viele Designer für Kapitänsjacken? Was bedeuten die verrückten Paillettenanzüge von „De Toppers“ eigentlich? Wann wurden Ölschalen zu Modeartikeln, und was sagt das über diese Zeit aus? Die Ausstellung hätte von mehr Klarheit in der Art der Präsentation profitiert, zumal die Ausstellung keinen Katalog hatte.

Das hätte auch klarer gemacht, warum „Oceanista“ gerade jetzt relevant ist.

Das Museum selbst betont diese Relevanz, indem es feststellt, dass die maritime Welt eine Quelle der Kreativität für eine nachhaltige Zukunft ist. Doch die Geschichte über Nachhaltigkeit bleibt auch recht allgemein und dreht sich manchmal mehr um das nachhaltige und zeitlose Aussehen maritimer Stile – Ölmäntel, Segelanzüge, Kabelpullover – als um die spezifischen Probleme, die die Modeindustrie für marine Ökosysteme und für die Technologien und Systeme, die damit umgehen, verursacht.

Glücklicherweise erzählen manche Designs diese tieferen Geschichten unabhängig voneinander. Wie der von Charlotte McCurdy entworfene Regenmantel, der das harte Aussehen einer öligen Jacke hat, aber aus Meeresalgen besteht: ein nachhaltigeres Material, das aus dem Meer selbst stammt. Der Designer Niño Divino verwendet kunstvolles Falten und Knoten mit handbemaltem Stoff und mit Fischernetzen, um die Geschichte von Fischern in der Karibik zu erzählen, die mit den Folgen der Kolonialgeschichte zu kämpfen haben. Solch maritime Mode bedarf kaum der Worte. (Text von Nora Veerman, erschienen in der Museumstijdschrift)

Nähere Informationen: Het Scheepvaart National Maritime Museum, Kattenburgerplein 1, 1018 KK Amsterdam, Telefon: 020 523 2222, E-Mail: info@hetscheepvaartmuseum.nl

Jan Fleischhauer hat es bei „Eingesperrt mit Jan Fleischhauer“ auf ZDF versemmelt – eine Mischung aus unfreiwilliger Komik und mangelndem Sachverstand

Als der Öffentlich Rechtliche Rundfunk mal überlegte, auch einer konservativen oder vielleicht auch mal einer rechter gesinnten Meinung Öffentlichkeit zu verleihen, gab es eine Julia Ruhs, die das mal machen sollte – die Debatten darüber und das Ende sind bekannt.

Am Dienstag sah ich nun den ehemaligen Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer, den ich für einen streitbaren, aber intellektuell kompetenten Vertreter seines Faches gehalten habe, und der wie Julia Ruhs auch so was eher Konservatives oder Rechter Gesinntes liefern sollte. Und war enttäuscht. Vielleicht lag es an dem Medium und der Form, in der das gelaufen ist: einer kleinen auf ihn unpassend zugeschnittene Talkshow auf ZDF nach dem heute journal update mit dem Titel „Eingesperrt mit Jan Fleischhauer“.

Sein Kontrapart war eine Katja Diehl, die sich wohl für eine andere Art von Mobilität im Bereich Verkehr einsetzt – mehr ÖPNV und so. Erster Eindruck: Die komisch-bunte Hose, die streng wirkende Brille, eine gewisse Freudlosigkeit und vielleicht ein Zahnproblem, das eine Hälfte ihres Gesichtes ein wenig unrund aussehen ließ. Sie war ja bemüht, dem vermeintlich komischen Format einer launigen Plauderei noch eine gewisse Lustigkeit beizufügen, was nicht so recht gelingen wollte. Humor will gelernt sein!

Die Studio-Atmosphäre: ein wenig Klaus Krömer, ein wenig klaustrophobisch, aber immerhin mit einem VW Cabrio aus früheren Zeiten geschmückt, ein paar Verkehrszeichen und anderem Gedöns – und mit einer Bushaltestelle von wegen ÖPNV. Und die beiden waren eingesperrt, was angesichts mancher Situation mit Mann und Frau in dieser Kombination – erinnert sei an Fritzl und Kampusch, vielleicht noch Marc Dutronc – von ebenfalls unfreiwilliger Komik in den Bereich des Schreckens gerät.

Sei es drum. Der schlecht gekleideten und eher mißmutigen Aktivistin Frau Diehl steht ein seriös gekleideter älterer, aber sehr nervös und unsicher wirkender und vor allem nicht telegener Herr Fleischhauer gegenüber, der sich einerseits in seiner Auto-Nostalgie suhlt und andererseits behauptet, die Verkehrswende in Richtung E-Mobilität als Ursache für den Stellenabbau in der Automobilbranche zu betrachten. Das mag so sein, obwohl ausgewiesene Autoexperten wie Ferdinand Dudenhöfer der Branche eher attestieren, technologische Entwicklungen verpennt zu haben, richtig wissen tut er es nicht so, denn als studierter Literaturwissenschaftler ist er vielleicht nicht so im Thema, was er auch zugibt.

Das verbindet ihn wiederum mit Frau Diehl, die auch keine ausgewiesene Expertin für das Thema Mobilität ist, sondern auch Literaturwissenschaften studiert hat. Sie möchte eine Wende in Richtung des öffentlichen Personennahverkehrs, hat sicherlich dafür auch Argumente, aber keine substanziellen, die beweisbar zeigen, wie das auch praktisch umgesetzt werden kann – abgesehen von ein paar kleinen Projekten.

Irgendwann redeten sie nach ihrer ergebnislosen Plauderei unabhängig voneinander über den anderen und stellten fest, dass sie in unterschiedlichen Welten leben; und dann ist es vorbei.

Glücklicherweise dauert es nur eine halbe Stunde; und wenn ich nicht alleine mit meiner Meinung stehe, wird sich das Format auch schnell erledigt haben.

Die ikonischen Museen des verstorbenen Architekten Frank Gehry

Vor Kurzem ist der amerikanische Architekt Frank Gehry (1929–2025) verstorben. Mit seinem verspielten architektonischen Stil hinterließ Gehry einen wichtigen Eindruck im Erscheinungsbild zeitgenössischer Museen. Er machte sogar Städte damit weltberühmt.

Biografisches und ein Überblick über seine ikonischsten Museen

Frank Gehry wurde 1929 in Toronto, Kanada, als Frank Owen Goldberg geboren, ein Kind jüdischer Einwanderer. Er studierte Architektur an der University of Southern California in Los Angeles und änderte später seinen Namen in Frank Gehry.

In den 1980-er Jahren machte er sich mit ikonischen Gebäuden einen Namen, die alle traditionellen architektonischen Regeln brechen: Regeln über Schönheit, über Materialverwendung und sogar physikalische Regeln über die Schwerkraft. Er hatte eine Vorliebe für glänzendes Metall und Hightech-Kunststoffe.

Als Architekt wurde Gehry vom Dekonstruktivismus beeinflusst, bei dem Gebäude aus einzelnen Elementen errichtet werden. Im Fall von Gehry führte dies zu Fassaden in gestapelten geometrischen Formen, als wäre sein Entwurf als Modell auf dem Boden auseinandergefallen und dann in der falschen Reihenfolge wieder zusammengeklebt worden. 1989 gewann er den Pritzker-Preis, auch bekannt als Nobelpreis für Architektur.

Doch seine expressive Architektur war nicht ohne Kontroversen. So würde er spektakuläre Architektur schaffen und den größenwahnsinnigen Wünschen der Großunternehmen entsprechen. Aber seine Gebäude werden auf der ganzen Welt geliebt. Er hinterließ auch einen wichtigen Eindruck im Prestige zeitgenössischer Museen. Aus klassischen Gebäuden, die Kunst dienen, sind Gehrys Museen zu eigenständigen Kunstwerken hervorgegangen. Nicht, was man im Museum sehen kann, aber das Gebäude selbst ist die Hauptattraktion.

Frank Gehrys Einfluss reichte sogar über seinen Tod hinaus. Im Jahr 2026 – nach einer Bauphase von zwanzig Jahren – wird sein Guggenheim-Museum in Abu Dhabi eröffnet.

Die wichtigsten Museen von Frank Gehry

Vitra Design Museum, Weil am Rhein (1989)

Als Gehry Ende der 1980er Jahre beauftragt wurde, das neue Design Museum für den Möbelhersteller Vitra zu entwerfen, war er bereits ein großer Name in den USA. Mit diesem ersten Gebäude in Europa schafft er sofort eine mächtige Visitenkarte. Das Betongebäude ähnelt am ehesten einer Origami-Konstruktion. Im Inneren bietet der fragmentierte Grundriss spannende Ausblicke zwischen den verschiedenen Ausstellungsräumen. Gehry hat das Museum als Sammlung quadratischer Kisten abgeschafft.

Guggenheim-Museum, Bilbao (1992)

1992 war Bilbao eine graue Industriestadt in einer baskischen Ecke Spaniens. 1993 sieht die Welt eine Stadt voller Reiz und Flair – alles dank des titanverkleideten Guggenheim-Museums. Bei hellem Tageslicht glänzt das Gebäude wie ein Diamant; In der roten Abendsonne sieht es aus wie eine atmosphärische Laterne. Der große Erfolg des Guggenheims zieht Besucher aus aller Welt an und verschafft der Stadt einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung. Dies ist als der ‚Bilbao-Effekt‘ bekannt. Museen auf der ganzen Welt wollen ebenfalls einen Gehry, um ihr Image zu verbessern.

Fondation Louis Vuitton, Paris (2014)

Mit Baukosten von 126 Millionen Euro ist die Fondation Louis Vuitton in Paris das teuerste und prestigeträchtigste Museum in Gehry. Das Gebäude sieht aus wie ein riesiges Segelschiff mit zwölf wallenden Segeln. Die Fassade besteht aus mehr als zehntausend halbtransparenten Fensterteilen, von denen keiner gleich ist. Hinter der spektakulären Fassade befindet sich eine traditionelle Stapelung von Betonvolumen. Das Museumsgebäude, das von der bekannten Luxusmarke in Auftrag gegeben wurde, wird daher mit gemischten Kritiken aufgenommen. Hat der Gehry-Trick nachgelassen?

LUMA, Arles (2021)

Als Maja Hoffmann, die wohlhabende Erbin der Schweizer Chemiefirma Roche, ein privates Museum für die Familienkunstsammlung errichten lässt, ist es nur logisch, dass sie Gehry fragt. Es ist inzwischen allgemein bekannt, dass er mit einer visuellen Geste ein Museum auf die Landkarte setzen kann. Gehry entwarf einen 56 Meter hohen Turm für das LUMA-Museum in Arles im Süden Frankreichs, der am ehesten einem riesigen Bienenstock ähnelt. Obwohl Gehry sagt, er sei von Vincent van Goghs Gemälde Die Sternennacht aus dem Jahr 1889 inspiriert worden. Die Edelstahlblöcke beziehen sich auf die zerklüfteten Felsformationen der nahegelegenen Hügel, die sich in Cézannes Werk widerspiegeln. Wieder einmal liefert Gehry ein hochkarätiges Museumsgebäude. (Text aus Museumstijdschrift)

Neue Ausstellung im DHM: „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“

Was ist gemeint, wenn von „Natur“ die Rede ist? Auf diese Frage sind in der deutschen Geschichte sehr unterschiedliche Antworten gegeben worden. Regierungen sowie religiöse und politische Bewegungen haben den Begriff der Natur definiert – und für sich beansprucht. In der neuen Ausstellung zeigt das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin, wie unterschiedlich „Natur“ zu verschiedenen Zeiten im Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht verstanden und politisch eingesetzt wurde. Der schillernde und vielseitige Begriff der „Natur“ wird in seiner historischen Breite und Tiefe ausgelotet.

Die Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“, die noch bis zum 7. Juni 2026 im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums zu sehen ist, blickt auf Beispiele aus 800 Jahren deutscher Geschichte zurück: Ausgehend von Hildegard von Bingens Begriff der göttlichen „Grünkraft“ im 12. Jahrhundert spannt die Kuratorin Julia Voss den Bogen bis zu den Naturkonzepten im geteilten Deutschland, der Umweltpolitik und der frühen Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er Jahre. Die Vereinnahmung des angeblich Natürlichen war zudem eine der ideologischen Grundlagen für die NS-Diktatur, die sowohl die „äußere“ als auch die „innere“ Natur mit einer Unzahl von Gesetzen in ihre Definitionsmacht und Gewalt bringen wollte. Die „Nürnberger Gesetze“ und das „Reichsnaturschutzgesetz“ waren aufeinander bezogen und wurden im gleichen Jahr erlassen: 1935.

Nach einem Prolog werden in der Ausstellung historische Etappen dieses Bedeutungswandels durchschritten: In fünf chronologisch angeordneten Themenräumen öffnen verschiedene Stationen historische Fenster auf Ereignisse oder Entwicklungen, in denen das Naturverständnis markant geprägt oder verändert wurde. Diese Stationen werden jeweils mit einem Tier oder einer Pflanze eingeleitet. Die Ausstellung rückt dabei unterschiedliche Landschaften in den Fokus: von den Kulturlandschaften des Mittelalters über die Wüstungen des Dreißigjährigen Krieges und den im 19. Jahrhundert zum Mythos aufgestiegenen „deutschen Wald“ bis zu den Lausitzer Tagebaulandschaften in der DDR im 20. Jahrhundert.

Die Untersuchung geht über die Fokussierung auf Themen des Natur- oder Umweltschutzes hinaus, die in Zeiten des Klimawandels häufig ins Zentrum gestellt werden. Gegenstand der Betrachtung sind nicht alleine die gegenwärtige Aufladung und die heutige semantische Bedeutung von „Natur“, sondern die sich verändernden Vorstellungen in der deutschen Geschichte. Die heutigen Debatten sollen durch die historischen Perspektiven bereichert werden.

Die Publikationen zur Ausstellung: Natur und deutsche Geschichte. Im Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht

„Natur” ist ein vielschichtiger und schillernder Begriff, der in der deutschen Geschichte überraschende Wandlungen durchlief. Von Hildegard von Bingens Konzept der „Grünkraft” bis zur Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er-Jahre: Im Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht haben Regierungen sowie unterschiedlichste politische und religiöse Bewegungen ihren je eigenen Naturbegriff definiert und für sich beansprucht. Natur und deutsche Geschichte zeigt Umbrüche und Verschiebungen in den Naturvorstellungen aus 800 Jahren. Anhand von beispielhaften Ereignissen aus der Zeit des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, der Zeit der Industrialisierung, des Nationalsozialismus sowie des geteilten Deutschlands wird Geschichte in Geschichten erzählt, gerahmt von Gesprächen mit herausragenden Historikern. Jede historische Epoche wird mit einem Tier oder einer Pflanze eingeleitet: vom Wolf und Beluga-Wal über die Eiche, die Kartoffel und das Usambaraveilchen bis zur Burgunder-Traube. Historische Rezepte spiegeln die Bedeutung von Lebensmitteln und Essgewohnheiten wider. Ein reich illustrierter Bildband, der die kontrastreichen Transformationen von Naturvorstellungen in der deutschen Geschichte vom Mittelalter bis in die 1970er-Jahre anhand ausgewählter Stationen anschaulich macht.

Herausgegeben von: Raphael Gross und Julia Voss für das Deutsche Historische Museum Berlin 2025, 248 Seiten, Matthes & Seitz Berlin, ISBN 978-3-7518-4041-5, 28 Euro.

Publikation 2: Historische Urteilskraft 06. Magazin des Deutschen Historischen Museums

Das Titelthema der sechsten Ausgabe befasst sich mit den politischen Bedeutungen des Naturbegriffs in der deutschen Geschichte. Insgesamt umspannt der Untersuchungszeitraum der Beiträge 900 Jahre.

In drei einführenden Artikeln geben Annette Kehnel, Jutta Nowosadtko und Frank Uekötter einen Überblick über die wechselvollen Naturbeziehungen in Mittelalter, Neuzeit und im 19. und 20. Jahrhundert. Margot E. Fassler erkundet Hildegard von Bingens Begriff der „viriditas“ (Grünkraft) im 12. Jahrhundert, Hiram Kümper behandelt die Natur als Ressource bei der Hanse und Viktoria Urmersbach schreibt über das Bild vom Wald im 18. Jahrhundert, Nils Franke untersucht Natur und Ideologie im Nationalsozialismus. Tilo Wesche stellt die Dialektik der Naturverhältnisse bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno vor. Stephen Milder thematisiert die Anfänge der Anti-Atomkraftbewegung und Astrid M. Eckert erläutert das Nationalparkprogramm der späten DDR.

Daneben macht sich Volker Braun im Einführungsessay als „Freund präziser Abweichungen“ Gedanken über die Strapazen der Urteilskraft. Die Fotografin Laura J. Padgett erstellte einen Foto-Essay zur Lage des barocken Zeughauses in Berlin-Mitte, den Annett Gröschner mit ihren Überlegungen zur historischen Verortung des Zeughauses begleitet. Liliane Weissberg stellte Lorraine Daston, Martha C. Nussbaum sowie Neil MacGregor die Frage: „Was bedeutet Aufklärung?“ und Ansbert Baumann beleuchtet die Geschichte des Gastarbeiterfußballs in der Bundesrepublik. Anna-Carolin Augustin beschäftigt sich mit Schenkungen des Museums für deutsche Geschichte aus dem Jahr 1990 an das United States Holocaust Memorial Museum. Ulinka Rublack, Stephanie Neuner, Brigitte Reineke und Mathias Lang trafen sich in unserer Gemäldesammlung, um einige Details und ihre Bedeutung aus den Augsburger Monatsbildern herauszuarbeiten. Julia Franke ordnet die Elefanten-Sammlung Juliane Webers ein in den historischen und Sammlungskontext – Juliane Weber war die langjährige Büroleiterin von Bundeskanzler Helmut Kohl. Sie verstarb im Dezember 2023.

Herausgegeben von: Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin 2024, 104 Seiten, ISBN 978-3-86102-234-3, ISSN 2626-8094, 12 Euro, zzgl. Porto.

Nähere Informationen: Museumsverein des Deutschen Historischen Museums, Unter den Linden 2, 10117 Berlin, Telefon: +49 30 814535510, E-Mail: kontakt@dhm-museumsverein.de

Verortet – Auf den Spuren von C&A in Sneek

Gründungsorte haben etwas beinahe Mystisches. Sie sind mehr als nur geografische Punkte – sie stehen für Identität und Tradition. Noch heute steht das kleine Fachwerkhaus des von Friedrich Krupp gegründeten Stahlkonzerns wie ein Fremdkörper auf dem Gelände der Essener Firmenzentrale. Die Garage, in der Steve Jobs und Steve Wozniak den ersten Apple-Rechner zusammenlöteten, steht heute unter Denkmalschutz. Unternehmen brauchen historische Ankerpunkte. Bisweilen jedoch geraten sie in Vergessenheit – wie etwa bei C&A.
Lange Zeit galt das Haus am Oosterdijk 7/9 in Sneek als Gründungsort von C&A. Bis vor Kurzem hatte eine Tafel am heutigen Gebäude – ein Doppelhaus mit zwei Boutiquen – daran erinnert. Tatsächlich stand hier das erste Ladengeschäft von Clemens und August Brenninkmeijer, das sie 1860 eröffneten – fast 20 Jahre nach Unternehmensgründung. Denn schon 1841 hatten sich Clemens und August Brenninkmeijer selbstständig gemacht und zunächst als Wanderhändler gearbeitet. Wo aber genau stand das Haus, in dem sie ihr erstes Magazin hatten und von wo aus sie ihren ersten eigenen Geschäften nachgingen? Wo nahm die Geschichte von C&A tatsächlich ihren Anfang?
Die Ausstellung „Verortet – Auf den Spuren von C&A in Sneek“, die vom 26. November bis 26. April 2026 in den Räumlichkeiten der Draiflessen Collection in Mettingen im Rahmen der Reihe „Das Forum“ zu sehen ist, spürt anhand von Fotos, Memoiren, Geschäftsbüchern und Verwaltungsunterlagen dem Ort nach, wo die Brüder Clemens und August 1841 ihr Unternehmen gründeten. Die Besucherinnen und Besucher dürfen sich auf eine spannende, vielschichtige Entdeckungsreise durch Archive, Stadtgeschichte und Unternehmensgedächtnis freuen.

Nähere Informationen: Draiflessen Collection, Georgstraße 18, 49497 Mettingen, Telefon: +49 (0)5452. 9168-3500, E-Mail: info@draiflessen.com. Öffnungszeiten Mittwoch bis Sonntags von 11 bis 17 Uhr, jeder erste Donnerstag im Monat von 11 bis 21 Uhr. Montags und Dienstags ist geschlossen.