Infos zur Stiftung Pierre Bourdieu

Die Stiftung Pierre Bourdieu wurde 2005 in Genf (Schweiz) gegründet. Sie hat zum Zweck, im Sinne des Namensgebers – der seine Forschungen interdisziplinär und international vernetzte – Fächer und Länder übergreifende Debatten der verschiedenen Sozial- und Humanwissenschaften sowohl auf wissenschaftlicher wie auch auf politischer Ebene zu fördern.

Zur Gründung

Die Stiftung beruht auf einem Konzept, an dem der französische Soziologe Pierre Bourdieu wenige Monate vor seinem Tod 2002 mitgearbeitet hatte. Präsident ist der Soziologe Franz Schultheis. Er ist zur Zeit Professor für Soziologie an der Zeppelin Universität Friedrichshafen und Mitglied des „Nationalen Forschungsrates“ der Schweiz und hatte seit 1986 mit Bourdieu im „Centre de sociologie Européenne“ in Paris zusammengearbeitet. Die weiteren Gründungsmitglieder stammen ebenfalls aus dem Umfeld Pierre Bourdieus und haben gemeinsam mit ihm geforscht und publiziert.

Stiftungszweck

Zu den Zielen der Stiftung gehören die möglichst frei zugängliche Weitergabe des Vermächtnisses Bourdieus, dieVerwaltung des fotografischen Archivs, die Unterstützung von Initiativen, die die nationalen Bildungstraditionen von Sozialwissenschaften überschreiten, die Förderung von Interdisziplinarität innerhalb der Sozialwissenschaften, die Organisierung eines kritischen Netzwerkes von Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen. die Unterstützung der Beiträge dieses Netzwerkes gegen eine Vermarktung wissenschaftlicher Beiträge, die Koordination verschiedener wissenschaftlicher und kultureller Projekte, die Herausgabe der Reihe „Schriften“ (Suhrkamp), die Herausgabe der Reihe “Forschen mit Bourdieu” (transkript) und die Organisation der Tagungen “Bourdieu Lectures” in Kooperation mit der Universität Bielefeld, der Zeppelin Universität (Friedrichshafen) und der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Über das Archiv

„Die Fotografien, die Pierre Bourdieu im Rahmen seiner ethnologischen und soziologischen Forschungsarbeiten während des Befreiungskrieges in Algerien gemacht hat, ermöglichen es uns, einen neuen Zugang zu seinem Blick auf die gesellschaftliche Welt zu gewinnen. Diese Fotos, die vierzig Jahre lang in verstaubten Kartons vergraben blieben, zeugen von einer Initiationsreise und einer tief gehenden biographischen Konversion, die den Ausgangspunkt einer außergewöhnlichen wissenschaftlichen und intellektuellen Flugbahn bildeten“ [Franz Schultheis, 2019]

Pierre Bourdieu hat sein gesamtes Archiv an Fotografien, die während seiner Feldforschungsarbeiten in Algerien zwischen 1958 und 1961 und 1961 bis 1962 in Lasseube, Béarn (Frankreich) entstanden sind, der „Stiftung Bourdieu“ und „Camera Austria“ anvertraut, mit dem Ziel sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Bourdieu stand einer Veröffentlichung seiner Fotografien zu Lebzeiten sehr kritisch gegenüber, da er diese nicht als ästhetisch-künstlerische Fotografie missverstanden wissen wollte.

Gemeinsam mit ihm wurde deshalb entschieden, dass diese fotografische Arbeit anlässlich von Publikationen oder Ausstellungen immer nur als untrennbarer Teilaspekt seiner ethnografischen Feldforschungen und in ihrem Dialog mit den jeweils zeitgleich entstanden schriftlichen Zeugnissen verstanden und präsentiert werden sollten. Seit seinem Tod wurden diese Bilder in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Pierre Bourdieu nutzte die Fotografie während seiner frühen Feldforschungen systematisch als Methode, Instrument und Erkenntnisform. Dadurch erweitert er das Forschungs- und Methodenrepertoire der Sozialwissenschaften um originär empirisch-fotografische Bildpraktiken. Bisher war nur ein Bruchteil des Bourdieu´schen Fotoarchivs und der umfangreichen mit ihm korrespondierenden Dokumente in Paris zugänglich. Jetzt erst konnten im Rahmen des DFG-Projekts „Fotografie als Instrument, Methode und Erkenntnisform soziologischer Forschung bei Pierre Bourdieu“ die visuellen Komponenten gesichtet, strukturiert und mit den ethnographischen und soziologischen Studien Bourdieus in Beziehung gesetzt werden. Die erstmalige digitale Archivierung der Fotografien ermöglicht nun allen Anhängern Bourdieus, Forschern, Historikern, die sich für die Kolonialzeit, sowie Revolution in Algerien interessieren, aber selbstverständlich auch Fotografen und Foto-Ästheten freien Zugang zu den Fotografien.

Zu den Hauptaktivitäten der „Fondation Pierre Bourdieu“ zählte bis jetzt die Verwaltung von Bourdieus photographischem Archiv mit Bildern von seiner Forschung in Algerien. Bourdieu übergab diese Bilder der „Fondation Pierre Bourdieu“ und „Camera Austria“. So weit wie möglich am Sinn Bourdieus orientiert, der das Projekt bis zum Herbst 2001 begleiten konnte, wurde unter Kuratorenschaft von Franz Schultheis und Christine Frisinghelli die Wanderausstellung Pierre Bourdieu. In Algerien. Zeugnisse der Entwurzelung konzipiert. Sie war erstmals 2003 im Institut du monde arabe in Paris zu sehen und wandert seither, stets begleitet von Symposien und Konferenzen, die das Erbe und die Relevanz der Theorie und der Methoden (insbesondere der Photographie) Bourdieus diskutieren.

Bisher war das Archiv in den USA, in Algerien und in vielen Ländern Europas zu sehen. Die ausstellungsbegleitende bebilderte Publikation liegt in deutscher und französischer Sprache vor. In der umfangreichen Rezeption der Ausstellung in Fachzeitschriften und der Tagespresse ist zunehmend klar geworden, dass die Arbeiten Bourdieus nicht primär in ihrer ästhetischen Dimension, sondern als visuelle Anthropologie bzw. ethnographisches Primärmaterial zu betrachten sind und einen Zugang zu Bourdieus Gesamtwerk ermöglichen.

2024 wurde das Archiv zurück in “seine Heimat” nach Paris gebracht. Das Centre Pompidou kaufte einen Großteil der Sammlung auf, die sich nun in der Kadinsky Bibliothek am Standort in Paris befinden. Die Bildrechte bleiben weiterhin bei der Fondation Pierre Bourdieu. Durch die Verwaltung der Bildrechte am photographischen Archiv Bourdieus und die Veröffentlichung dieser Zeugnisse will die Stiftung auch in Zukunft dazu beitragen, das intellektuelle Vermächtnis Bourdieus weiterzuverbreiten

Pierre Bourdieu – Leben und Wirken

Pierre Félix Bourdieu (* 1. August 1930 in Denguin; † 23. Januar 2002 in Paris) zählt zu den herausragendsten Vertretern der Sozialwissenschaften des 20. Jahrhunderts.

Nach der Schule begann er ein Philosophie Studium an der Elitehochschule „École normale supérieure“(ENS), wo er 1954 die Agrégation erhielt und anschließend mit einer Dissertation bei Georges Canguilhem begann. 1955 wurde er mit 25 Jahren zum Militärdienst eingezogen. Nur für eine kurze Zeit war er in Versailles stationiert. Aus disziplinarischen Gründen wurde er in den Algerienkrieg einberufen, wo er zunächst beim Bodenpersonal einer Luftwaffeneinheit als Schreibkraft eingesetzt und anschließend zum Nachrichten- und Dokumentationsdienst des Generalgouvernements in Algier versetzt wurde. Dort nutze Bourdieu seinen Zugriff auf die bestausgestatteten Bibliotheken des Landes.

1957 brach er seine Promotion ab, um sich ethnologisch-soziologischer Feldforschung in Algerien zu widmen. Die Methoden der Ethnologie eignete er sich autodidaktisch an. Mit dem Willen die algerische Gesellschaft besser zu verstehen blieb er auch nach seiner Zeit beim Militär in der algerischen Hauptstadt und übernahm eine Dozentur an der „Faculté des lettres“ in Algier. Zwischen 1958 und 1960 führte er Feldforschungen zur Kultur der Berber durch. Dies war unter den Bedingungen des Krieges nicht selten sehr riskant und gefährlich. In der Kabylei arbeitete Bourdieu mit den ansässigen „pères blancs“, katholischen Missionaren aus dem Orden der Afrikamissionare, zusammen. Mit Unterstützung einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern führte er zwei große sozialwissenschaftliche Erhebungen durch. Eine widmete sich dem Arbeitsbegriff im städtischen Umfeld, die andere beschäftigte sich mit den „entwurzelten“ Bauern in den von den Franzosen eingerichteten Umsiedlungslagern.

Bourdieu war zeitlebens ein ungewöhnlicher Denker, der zwischen den Disziplinen und Wissenschaftskulturen wandelte. Als kritischer Intellektueller hinterfragte er den Kolonialkrieg und nahm stets zu allem politisch Stellung. Zu jener Zeit, in der den Kolonisierten nicht nur die wirtschaftliche Rationalität, sondern auch Kultur abgesprochen wurde, versuchte er nicht nur materiell, sondern auch symbolisch die Beherrschten zu rehabilitieren. Das tat er, in dem er ihre Formen der Rationalität herausarbeitete, schriftlich festhielt und somit auch dem Westen (insbesondere den Franzosen) die Möglichkeit gab diese nachzuvollziehen.

In der Zeit zwischen 1958 und 1961 entstanden rund 3000 Fotos, die das Alltagsleben (und dessen Besonderheiten zu Zeiten der Kolonisation und des Krieges) in Algerien. Vereinzelt dienten die Fotos Bourdieu als Titelbilder für seine Bücher oder wurden in den Publikationen zur Anschauung verwendet. Auch wenn bereits 1958 seine erste Publikation „Sociologie de l’Algérie“ erschien. Weitere zunächst nicht publizierte Manuskripte und einige Fachaufsätze folgten. In seinem späteren sehr vielfältigen Oeuvre nahm er immer wieder Bezug auf das nordafrikanische Land, so etwa in seinem berühmten 1972 erschienenen »Entwurf einer Theorie der Praxis auf der Grundlage der kabylischen Gesellschaft« (Esquisse d’une théorie de la pratique. Précédé de Trois études d’ethnologie kabyle).

Pierre Bourdieu schrieb über sein Projekt: „Ich kam als Wehrpflichtiger nach Algerien. Nach zwei recht harten Jahren, in denen von wissenschaftlicher Arbeit keine Rede sein konnte, konnte ich mich wieder dransetzen. Ich begann ein Buch (Sociologie de l’Algérie) zu schreiben mit der Idee, die Realität dieses Landes und die tragische Situation bekannt und greifbar zu machen, in der die Algerier stecken – aber nicht nur sie, auch die Algerier-Franzosen, deren Lage nicht minder dramatisch war, was immer über deren Rassismus etc. zu sagen war. Ich war betroffen über die Kluft zwischen den Vorstellungen der französischen Intellektuellen von diesem Krieg, davon wie er zu beenden sei, und meinen Eindrücken, dem, was ich mit eigenen Augen sah. Ich wollte nützlich sein, vielleicht nur um mein schlechtes Gewissen einzuschläfern. Ich mochte mich nicht mit dem Lesen von Büchern und dem Gang in Bibliotheken begnügen. In einer historischen Situation, in der in jedem Moment, in jeder politischen Erklärung, in jedem Gespräch, in jeder Petition die gesamte Wirklichkeit auf dem Spiel stand, war es absolut notwendig, selber an den Ort des Geschehens zu gehen und sich ein eigenes Bild zu machen – gleichviel wie gefährlich das sein mochte, und es war gefährlich.“ [Bourdieu, 1986, S. 146]

Nach seiner Rückkehr nach Frankreich war Bourdieu von 1960 bis 1961 Assistent von Raymond Arons, der ihn an der philosophischen Fakultät der Sorbonne in seinen Forschungsvorhaben unterstützte. Es folgten Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte in Princeton und am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

1963 publizierte er gemeinsam mit Alain Darbel, Jean-Paul Revet und Claude Seibel Abhandlungen über die Entstehung der Lohnarbeit und eines städtischen Proletariats in Algier (Travail et travailleurs en Algérie).

1964 erschien eine Arbeit über die Krise der traditionellen Landwirtschaft, die Zerstörung der Gesellschaft sowie die Umsiedlungsaktionen durch die französische Armee, die er gemeinsam mit Abdelmalek Sayad verfasst hatte (Le Déracinment).

Viele weitere Werke Bourdieus beziehen sich auf die ethnologischen und soziologischen Forschungsergebnisse in Algerien, insbesondere seine Veröffentlichungen zur Theorie der Praxis (Esquisse d’une théorie de la pratique) auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft im Jahr 1972 und „Sozialer Sinn; Kritik der theoretischen Vernunft (Le Sens pratique) aus dem Jahr 1980, ebenso seine späte Arbeit „Die männliche Herrschaft“ (La domination masculine) von 1998.

Seit 1975 hat er die Forschungsreihe „Actes de la recherche en sciences sociales“ herausgegeben.

1964 wechselte Bourdieu an die „École des hautes études en sciences sociales“ (EHESS), wo er 1968 mit Hilfe Raymond Arons das „Centre de sociologie européenne“ (CSE) gründete, dessen Direktor er 1985 wurde.

Ab 1981 kam Bourdieu in den »Olymp der französischen Wissenschaft und Intelligentsia« und wurde auf einen Lehrstuhl für Soziologie am „Collège de France“ berufen, eine der höchsten Positionen im französischen Universitätssystem. 1993 erhielt er die höchste akademische Auszeichnung, die in Frankreich vergeben wird, die „Médaille d’or des Centre National de Recherche Scientifique“. 1997 wurde ihm der „Ernst-Bloch-Preis“ der Stadt Ludwigshafen verliehen.

Zwischen 2000 und 2002 kam es schließlich zu einem Austausch zwischen Bourdieu, Camera Austria und der Fondation Bourdieu. Daraufhin wurden seine fotografischen Dokumente, die seit Jahrzehnten in Kisten verstaubten, gesichtet, strukturiert und mit den ethnographischen und soziologischen Studien Bourdieus in Beziehung gesetzt. Dieses Vorhaben wird mit Hilfe dieser Webseite und den Werken der im Transcript Verlag erscheinenden Buch-Reihe »Visuelle Formen soziologischer Erkenntnis – Pierre Bourdieu und die Fotografie« weiterentwickelt

Nähere Informationen: Fondation Bourdieu, Rosgartenstrasse 41, 8280 Kreuzlingen, SchweizVerantwortlich für den Inhalt: Prof. Dr. Franz Schultheis, E-Mail franz.schultheis@zu.de, Telefon +41 71 2242930.

Buchtipp des S. Fischer-Verlages: Florian Ilies: „Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary“

Im glühend heißen Sommer 1933 spitzt sich die politische Lage in Europa zu – und die der Familie Mann: Der für seinen Roman „Die Buddenbrooks“ mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Schriftsteller Thomas, seine Frau Katia Mann und ihre sechs Kinder sind nach abenteuerlichen Fluchten im Juni in dem verträumten Hafenort Sanary am französischen Mittelmeer gestrandet. Und jetzt wissen sie alle weder vor noch zurück.

Ein Ort, eine Familie, drei Monate bei 30 Grad – »Wenn die Sonne untergeht« ist eine große Familienaufstellung: Kaum im unsicheren südfranzösischen Exil angekommen, will Thomas Mann eigentlich sofort wieder zurück in seine edle Münchner Villa. Sein Bruder Heinrich hingegen genießt die Freiheit des Südens. Dazwischen die sechs Kinder von Thomas und Katia: Der eine, Michael, spielt Tag und Nacht Geige, der zweite, Klaus, gründet eine Exil-Zeitschrift, die dritte, Elisabeth, badet und genießt die Zeit ohne Schule. Erika, die älteste, führt Regie und schmuggelt den Besitz der Manns aus München über die Grenze, Golo holt das Geld von den Konten und versorgt den vergessenen Hund. Und Monika? Sie bleibt einfach am Strand von Sanary liegen.

Autor Florian Illies erzählt in seinem neuen, beim S. Fischer Verlag erschienen Buch von der Trauer um den Verlust der Heimat und des Besitzes, der Angst vor den Plünderungen der Nazis, von Trotz und Leidenschaft. Von Wehmut und vom Überlebenswillen, obwohl die alte Welt einzustürzen droht. Und er erzählt von der großen Zerreißprobe zwischen Klaus und Erika und ihrem Vater Thomas.

»Ich glaube«, sagte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (*1920 +2013) und frühere Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, »dass es in Deutschland im 20. Jahrhundert keine bedeutendere, originellere und interessantere Familie gegeben hat als die Manns.« In Sanary ist diese außergewöhnliche Familie in einem absoluten Ausnahmezustand – alle werden das erste Mal gezwungen, sich zu bekennen. Zueinander. Zu Deutschland. Oder auch, so traurig es ist: Dagegen.

Autor Florian Illies zeigt sich einmal mehr als einer der ganz großen Erzähler, die es hierzulande gibt. Immersiv und lebendig verfolgt er in seinem neuen Roman »Wenn die Sonne untergeht« die Geschichte der vielleicht bedeutendsten deutschen Schriftstellerfamilie, der Familie Mann, im Sommer 1933 auf dem Weg ins Exil. Es ist das letzte Mal, dass sie als Ganzes zusammen kommt.
Illies erschafft das spannende Porträt einer Familie, in der am Rande des Exils ganz grundlegende Konflikte aufbrechen. Akribisch und mit großem Sinn fürs Detail recherchiert.

Zum Autor

Florian Illies, »der große Geschichtenerzähler« (»Süddeutsche Zeitung«) begründete mit seinem Welterfolg »1913« ein neues Genre. Ihm folgten bei S. Fischer das inzwischen in über 20 Sprachen übersetzte Buch über die 1920-er und 1930-er Jahre »Liebe in Zeiten des Hasses« (2021) sowie der große Nr. 1-Bestseller über die Sehnsuchtsbilder Caspar David Friedrichs, »Zauber der Stille« (2023).

Geboren 1971, studierte Florian Illies Kunstgeschichte und Neuere Geschichte in Bonn und Oxford. Er wurde 1996 Redakteur der »FAZ«, war Feuilletonchef der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« und leitete ein Kunst-Auktionshaus. Heute ist Illies einer der Herausgeber der »ZEIT« und lebt als Autor in Berlin. Sein Kunst-Podcast »Augen zu« (gemeinsam mit Giovanni di Lorenzo) gehört zu den meistgehörten Podcasts deutscher Sprache.

Ein anderer west-östlicher Diwan oder vielmehr ein west-östliches Bett

Zu Joseph Roths Roman „Die Geschichte von der 1002. Nacht“

Weltbekannt sind die „Geschichten aus tausendundeiner Nacht“. Was zunächst nach orientalischen Märchen und Geschichten voller Spannung und exotischem Reiz klingt, hat einen dramatischen und für eine gewisse Frau oder mehrere Frauen lebensbedrohlichen Hintergrund.

Als der König Schahriyar feststellen muss, dass seine Gattin Ehebruch begeht, ist sein Vertrauen in Frauen und ihre Treue nachhaltig zerstört. Er beschließt, nur noch für jeweils eine Nacht zu heiraten, um seine sexuellen Bedürfnisse zu stillen, und am nächsten Tag aus Angst vor Untreue seine junge Gattin zu ermorden. Scheherazade, die Tochter seines Wesirs, will diesen Kreislauf der Gewalt mit einer List durchbrechen. Nachdem sie mit Schahriyar in der Nacht das Bett geteilt hat, erzählt sie ihm anschließend eine Geschichte, unterbricht diese jedoch bei Morgengrauen an ihrer spannendsten Stelle – heute würde man es Cliffhanger nennen – , wodurch der König – begierig darauf, das Ende zu hören – die Hinrichtung aufschiebt. Da Scheherazade jedoch immer wieder neue Geschichten erzählt beziehungsweise geschickt weitere in eine bereits begonnene einwebt, wiederholt sich der Prozess eintausend weitere Nächte lang. Am Ende rückt der König innerlich ab von seinem Schwur, seine Frau nach der Hochzeitsnacht zu töten, und gewährt ihr Gnade. Scheherazade durchbricht so erfolgreich den Kreislauf der Gewalt.

Bei den „Geschichten aus tausendundeiner Nacht“ handelt es sich um eine Sammlung von mehr als 550 Geschichten aus dem arabischen, persischen und indischen Kulturraum und gilt als Klassiker der Weltliteratur. Die Erzählungen aus tausendundeiner Nacht umfassen verschiedene Genres, darunter Liebesgeschichten, Abenteuergeschichten und Anekdoten bis hin zu Schilderungen mit offenem erotischen Charakter.

Der Ursprung der Geschichten wird um 250 vermutet: und über die Jahrhunderte sind viele dazugekommen. Das ursprüngliche Werk ist nicht erhalten. Als älteste (nur teilweise erhaltene) Handschrift gilt die Gallandt-Handschrift. aus dem 15. Jahrhundert. Zahlreiche der Erzählungen finden sich auch in anderen Erzähl- und Märchensammlungen der klassischen arabischen und persischen Literatur.

Jahrhunderte nach dem König Schahriyar gibt es immer noch mächtige bis allmächtige orientalische Herrscher, die es im Übermaß nach Frauen gelüstet und dabei keinen Widerstand gelten lassen wollen, nicht einmal den der Frau. Doch manches Gelüst der beschriebenen Art kann erhebliche Schwierigkeiten nach sich ziehen – insbesondere wenn der Weg solch eines Herrschers vom Morgenland in Richtung Abendland führt.

Aber zunächst von Anfang an: „Im Frühling des Jahres 18.. begann der Schah-in-Schah, der heilige, erhabene und große Monarch, der unumschränkte Herrscher und Kaiser aller Staaten von Persien, ein Unbehagen zu fühlen, wie er es noch niemals gekannt hatte.“ – mit diesem Satz beginnt der Roman „Die Geschichte von der 1002. Nacht“ von Joseph Roth, in dem er von großem Witz beseelt ein weiteres Mal die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der österreichisch-ungarischen Monarchie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschreibt – und das anhand einer Geschichte, die so schräg und skurril ist, dass sie den Leser zunächst staunen macht und am Glauben an dessen Wahrheit zweifeln lässt.

Was passiert? Wegen seines Unbehagens konsultiert der Schah seinen Obereunuchen Patominos, der ihm als Berater zur Seite steht und der auch einen Rat hat: „Herr, Eure Sehnsucht zielt nach exotischen Ländern, nach den Ländern Europas, zum Beispiel.“ Aber der Schah hat noch ein weiteres Problem: „Patominos“, sagte der Schah, „du weißt, daß ich schon wochenlang keine Frau mehr angerührt habe.“ Was soll ein Eunuch dazu sagen? In seiner Weisheit spricht Patominos: „… man muß sagen, daß Menschen meiner besonderen Art nicht viel von derlei Dingen verstehen.“ Was er hingegen versteht in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse ist, dass „die Männer dem Gesetz der Abwechslung unterworfen sind. Es ist ein trügerisches Gesetz; denn es gibt keine Abwechslung.“ Das gilt insbesondere für die Mächtigen; und der Schah scheint verstanden zu haben: „Wolltest du damit gesagt haben, daß ich dieser Abwechslung halber irgendwohin fahren sollte?“ Der kluge Patominos antwortet: „Ja Herr …, um sich zu überzeugen, daß es keine gibt.“ Und Patominos hat auch schon eine Idee. Er rät zu einer Reise nach Wien. Diese Passage wie auch die folgende deutet schon den großen Humor Roths an: „Der Herrscher erinnerte sich: „Mohammedaner waren dort schon vor vielen Jahren gewesen.“ „Herr es gelang ihnen damals leider nicht, in die Stadt zu kommen. Auf dem Stefansdom stünde sonst heute nicht das Kreuz, sondern unser Halbmond!“ „Alte Zeiten, alte Geschichten. Wir leben in Frieden mit dem Kaiser von Österreich.“ „Jawohl, Herr!“ „Wir fahren!“ befahl der Schah … Und es geschah, wie er befohlen hatte.“

Von Persien nach Wien

Dass ein Staatsbesuch so einiges an Aufwand mit sich bringt, ist klar. So reist der Schah mit seinem aus 365 Frauen bestehenden Harem an, und was er sonst noch mitbringt an Gefolge, Kleidung und vielem mehr, birgt auch logistische Anforderungen. Bei diesen Dingen gibt es nur ein kurzfristiges Problem mit dem Gepäck.

Große Probleme hingegen bringen die sexuellen Bedürfnisse des Schahs mit sich. Auf einem Ball zu seinen Ehren im Redoutensaal, Schauplatz für Bankette und Konzerte an der Wiener Hofburg, gegeben, begehrt er die Gräfin Helene W. Die Gräfin, mit dem Grafen W., einem „Sektionschef im Finanzministerium“, verehelicht, liebte einst den jungen Rittmeister Alois Franz Baron von Taittinger. Ebendieser Baron von Taittinger wird, wie es der Zufall will, während des Staatsbesuchs des Schahs „zur besonderen Verwendung abkommandiert“, weil er ein besonderes Talent für den Umgang mit Frauen hat. Da die Gräfin dem Schah für eine Liebesnacht – wegen unterschiedlicher Auffassungen über Frauen im Morgen- und im Abendland – unmöglich zugeführt werden kann und den unbeholfenen Wiener Gastgebern das Problem schier unlösbar erscheint, tritt Taittinger in Aktion. Er meint, die Gräfin W. gleiche seiner Freundin Mizzi Schinagl wie eine Zwillingsschwester. Mizzi, Tochter des Ofensetzers Alois Schinagl aus Sievering, einem Stadtteil Wiens, „arbeitet“ bei Frau Josephine Matzner im Bordell. Die Prostituierte hatte dem Baron einen Sohn geboren und ihn Alois Franz Alexander genannt. Taittinger zahlt keine Alimente, sondern hat Mizzi ein Geschäft einrichten lassen. Nebenbei ist Mizzi weiterhin im Bordell „tätig“.

Mit Kleidung und Accessoires aus dem Fundus des Wiener Burgtheaters ausgestattet, wird Mizzi als Adlige ausstaffiert, und der Schah wird zu der vorgeblichen „Gräfin“ ins Bordell lanciert. Der Herrscher ist mit der Mizzi im Bett so zufrieden, dass er ihr am nächsten Morgen eine Kette aus drei Reihen schwerer großer Perlen im Wert von ungefähr 50.000 Gulden zum Geschenk machen lässt.

So weit so gut, wäre da nicht die Situation, dass sich herumspricht, was sich an jenem Abend und in der folgenden Nacht ereignet hat. Das hat Folgen für manche Beteiligte. Joseph Roth gelingt ein weiteres Mal eine analytisch genaue Beschreibung der Gesellschaft der österreichisch-ungarischen Monarchie von den niederen bis zu den höheren Ständen.

Auf der einen Seite steht der Baron Taittinger, Paradebeispiel für den Niedergang dieser einstmals großen Nation. Von wenig Ehrgeiz beseelt, versieht er seinen Militärdienst mit möglichst wenig Aufwand – er verantwortet das Kasino, in dem sich die Offiziere zu Speis und Trank treffen – und besticht durch eine schier unglaubliche Mischung aus Arroganz, Gleichgültigkeit, Dummheit und charakterlicher Schwäche. Seine Beteiligung an der Affäre mit dem Schah und der vermeintlichen Gräfin W. bringt ihn allmählich um seine gesellschaftliche Stellung. Richtig schlimm wird es für ihn, als der schmierige Redakteur Bernhard Lazik die Geschichte Mizzis und somit auch Taittingers peinliche Affäre unter dem Titel „Die Perlen von Teheran“ veröffentlicht. Und Taittinger gibt diesem Lazik, der ihn in den Abgrund stürzen wird, aus Unwissenheit – er liest weder Zeitung, noch kann er komplexe Zusammenhänge verstehen und brenzlige Situationen einschätzen – auch noch das Geld für die Veröffentlichung. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt dabei ein intriganter Vertreter der geheimen Polizei, der über die ganze Geschichte genau Bescheid weiß.

Auf der anderen Seite steht seine ehemalige und später neue Geliebte Mizzi, der ein Auf und Ab ihres Lebens widerfährt. Mit den geschenkten Perlen des Schahs ist Mizzi auf einmal eine reiche Frau, spielt Madame und lebt auf großem Fuße. Doch klug ist sie nicht. Ein gewisser Franz Lissauer erschleicht sich Mizzis Vertrauen und eröffnet in ihrer von dem Baron eingerichteten Pfaidlerei, einem Geschäft, in dem Hemden, Bett- und Kurzwaren verkauft werden, einen schwunghaften „Handel“ mit gefälschter Brüsseler Spitze. Als Lissauers Betrug auffliegt, hat auch die geizige Frau Matzner, Inhaberin des Bordells, in dem Mizzi arbeitet, deren Geld teilweise in der Pfaidlerei steckt, herben finanziellen Verlust zu beklagen. Sie strengt einen Prozess gegen Lissauer an. Der Betrüger wird verurteilt, aber auch Mizzi bekommt als Mitwisserin sechzehn Monate Gefängnis. Die erträgt sie geduldig. Von dort schreibt sie den Baron Taittinger an, den sie immer noch liebt und der erkennt, welche Mitschuld er an ihrem Schicksal hat.

Auch hier versagen seine Instinkte, was den Umgang mit den niederen Schichten betrifft, mit denen man sich angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse in einer autokratischen Aristokratie nicht einlassen sollte. Er besucht sie trotzdem, von einer Mischung aus Schuld, schlechtem Gewissen und Liebe getrieben, was seine Lage nicht verbessert. Das bleibt nicht unverborgen. Aus der Armee wegen angeblicher nervlicher Zerrüttung entlassen, treibt er sich jetzt in den Kreisen der Mizzi auf, die am Prater beheimatet sind und dort ihren Geschäften wie einem Karussell oder anderem nachgehen. Der Abgrund für Taittinger, aus der gehobenen Gesellschaft gestoßen und bei der niederen Gesellschaft nie angekommen und dort auch verhasst, rückt immer näher. Mizzi hingegen, die kurz noch von einer neuen gehobenen Stellung als Frau Baronin träumt, rappelt sich auf und verdient ihr Geld mit einem von Taittinger mitfinanzierten Wachsfigurenkabinett. Sie überlebt die Affäre.

Wie Dieter Kliche schreibt, hat die Begegnung Taittingers mit Mizzi einen an „Arthur Schnitzler gemahnenden „Reigen“ von Betrug, Gleichgültigkeit, Liebe und Geld ausgelöst, in den alle im Roman agierenden Figuren auf diese oder jene Weise verstrickt sind. Es ist eine Parodie auf das „felix austria“ und die „belle èpoque“ des Wiens der Jahrhundertwende. Und es ist mehr als diese Parodie: wieder im Niedergang einer Persönlichkeit der schlimme Weg einer Erkenntnis. Die Affäre hängt Taittinger an und verunsichert ihn … Sein bislang ausreichendes Wertungssystem „charmant“, „langweilig“ und „fad“ genügt nicht mehr, und eine neuartige, vorher nicht gekannte, ihn verwirrende Gefühlsmischung von Mitleid, Kummer, Bangnis, Weh, Schmerz, Scham, Sehnsucht, Liebe und Verlorenheit stellt sich ein.“

Zum Roman „Die Beichte eines Mörders“ von Joseph Roth

Semjon Semjonowitsch Golubtschik: ein politischer Prototyp

Das große erzählerische Talent von Joseph Roth, das den an der europäischen Historie des 19. und 20. Jahrhunderts interessierten Leser sofort mitnimmt, hatte ich ja schon gelobt. Da kann es dann auch nicht ausbleiben, das von mir noch weitere Werke dieses Autors in die Hand genommen wurden.

An dieser Stelle soll es um die „Beichte eines Mörders – erzählt in einer Nacht“ gehen, zuerst 1936 beim Verlag Allert de Lange in Amsterdam erschienen, der sich vor dem Hintergrund der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der damit verbundenen Flucht und Vertreibung vieler Schriftsteller auf deutsche Exilliteratur spezialisiert hatte.

Schon drei Jahre befindet sich der Autor im Exil, aber entgegen den Schwierigkeiten manch anderer Autoren, die das gleiche Schicksal wie Joseph Roth erlitten haben, bleibt dieser produktiv und findet auch Möglichkeiten zur Veröffentlichung.

Diese Zeit des Exils ist auch die, in der die Handlung des Romans „Beichte eines Mörders“ spielt. Der Ich-Erzähler, selber Exilant, ist wie der Autor in einem Hotel in Paris untergekommen. Viel Zeit verbringt er dort in dem russischen Restaurant „Tari Bari“, dass durch eine besondere Eigenart besticht oder diesen Eindruck zu erwecken weiß: Dort scheint die Zeit wie aufgehoben zu sein: „Eine blecherne Uhr hing an der Wand. Manchmal stand sie, manchmal ging sie falsch; sie schien die Zeit verhöhnen zu wollen“, schreibt Roth.

Einer der Gäste, zumeist russische Exilanten, die vor den kommunistischen Herrschern geflohen sind, fällt dem Ich-Erzähler besonders auf, denn er hat den Eindruck, „daß (dies)er in jeder Stunde des Tages im Restaurant „Tari-Bari“ anzutreffen sei.“

Wichtiger aber ist, welch widersprüchlichen Eindruck dieser Gast hinterlässt, der im Roman später eine große, wenn nicht sogar die größte Rolle spielen wird: „… das sonst ehrliche und sympathische Angesicht des Mannes bekam, wenn er lächelte, nicht gerade einen widerwärtigen, wohl aber einen gleichsam verdächtigen Zug. Sein Lächeln war war nicht etwas Helles, es erhellte also nicht das Gesicht, sondern es war trotz aller Freundlichkeit düster, ja, wie ein Schatten huschte es über das Angesicht …“

Noch viel wichtiger als die Auffälligkeit und der äußere Eindruck des Gastes, den er beim Ich-Erzähler erweckt, ist aber die Geschichte, die dieser zu erzählen hat, und die sofort an bürgerliche Dramen des 18. und 19. Jahrhunderts erinnert, in denen der Konflikt zwischen der noch herrschenden Aristokratie und dem aufstrebenden Bürgertum gespiegelt wird; und das hat mit der Zeit zu tun, in der die Vorgeschichte des Romans spielt, Jahre vor dem Ersten Weltkrieg im zaristischen Russland.

Golubtschik, so heißt dieser seltsame Gast, hat durchaus eine spannende Geschichte zu erzählen, die den Leser in Atem hält. Er ist ein unehelicher Sohn des Fürsten Krapotkin, aber ehelich der Sohn des einfachen Försters Golubtschik. Die Mutter war mit dem Fürsten fremdgegangen. Als Gymnasiast fordert der Junge in Odessa von seinem Vater, er wolle Krapotkin heißen und auch als solcher von diesem anerkannt werden. Der Fürst lacht ihn aus und speist ihn mit einem Geschenk ab. Golubtschik entfernt sich wie ein begossener Pudel. Zuvor macht er auf dem fürstlichen Schloss noch die Bekanntschaft seines Halbbruders, des jungen Fürsten Krapotkin. Dieser tückische Junge wird aber vom alten Fürsten geliebt. Golubtschik will – getrieben von unbändigem Ehrgeiz und unbedingtem Hass – den Halbbruder vernichten, koste es, was es wolle. An seiner Seite hat er den undurchsichtigen, mephistophelischen und aus Ungarn stammenden „Hopfenkommissionär“ Jenö Lakatos, der ihn als vermeintlicher Freund in seinem Anliegen zu unterstützen scheint, doch in Wirklichkeit sich als Verräter erweist. Durch dessen Intrige gerät er bei der Polizei in Verdacht, ein Dieb zu sein; und wie ein böser Geist, den man nicht los wird, taucht dieser immer wieder im Leben Golubtschicks auf.

Eingeschüchtert lässt sich Golubtschik im Gefängnis als Spitzel anwerben und wird Agent bei der Ochrana, der politischen Geheimpolizei des zaristischen Russland. Eine der ersten Aufgaben: sich das Vertrauen oppositioneller oder revolutionärer Kräfte zu erschleichen, um sie zu Aussagen zu verleiten, die diese ins Gefängnis bringen. Aus dieser Tätigkeit als Spion, gepaart mit dessen unbedingten Willen und Ehrgeiz, in die Fußstapfen eines Fürstensohnes zu treten, entwickelt Autor Joseph Roth eine Geschichte, die an die großen Romanciers des 19. Jahrhunderts wie Victor Hugo, Emile Zola oder Guy de Maupassant erinnert. Das gilt auch für den Protagonisten, der allmählich in einen moralischen Zwiespalt gerät. Einerseits genießt er die Macht, die er durch seine Tätigkeit verliehen bekommt – samt Geld, schönen Frauen und einem nur nach außen scheinendem gesellschaftlichen Status als vermeintlicher Fürstensohn -, andererseits weiß er um die Schlechtigkeit seines Tuns, hadert damit, lässt aber davon nicht ab. Und letztendlich erweist er sich nur als eine Figur, die in einem intriganten Spiel von unbekannten Fäden gezogen wird und bei dem irgendwann keiner mehr weiß, wer auf welcher Seite steht. Was übrigens die von Golubtschick eingestandenen Morde angeht, darf der Leser gespannt sein – aber auch, was dessen tragisches und zum Schluss armseliges Schicksal angeht.

Gedrungen von verborgenen Kräften, von Hass und Neid ebenso beseelt wie von unbändigem Ehrgeiz sowie moralisch schwach ohne inneren Kompass wird Golubtschick zum Prototypen für das beginnende 20. Jahrhundert und dessen politischer Akteure aus den unteren Reihen, die sich ebenso wie ihre Führer zum Täter machen – sowohl für das bolschewistische Russland als auch für das nationalsozialistische Deutschland. Einmal mehr erweist sich Joseph Roth als hellsichtiger Autor, der die politischen Entwicklungen seiner Zeit erkennt und auf den Punkt genau zu beschreiben weiß.

Über einen weiteren von Joseph Roth im Exil geschriebenen Roman: „Tarabas – ein Gast auf dieser Erde“

Österreicher, Jude, Katholik, kaisertreuer Legitimist, Offizier, Journalist, Dichter, Revolutionär, Sozialist, Konservativer – diese Zuschreibungen von Dieter Kliche in einem Essay treffen auf einen der interessantesten österreichischen Schriftsteller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu: Joseph Roth (*1894 +1939).

Nachdem ich schon in einem vorherigen Artikel über diesen Journalisten und Romanschriftsteller und insbesondere seinen Roman „Die Kapuzinergruft“ geschrieben hatte, ließ mich das Interesse einfach nicht los; und so nahm ich mir gleich einen weiteren Roman Roths vor: Tarabas – ein Gast auf dieser Erde“.

Mit seiner schnörkellosen Sprache und seinem großen erzählerischen Talent gelingt es Joseph Roth wie schon in seinen anderen Romanen, den Leser im Nu in den Bann zu ziehen und ihn insbesondere für seine Hauptfigur, den Gutsbesitzersohn Nikolaus Tarabas, einzunehmen; und das nicht gerade, weil der von sympathischem Charakter ist, sondern vielmehr weil er eine höchst interessante und zwiespältige Persönlichkeit ist, dessen Leben und Handeln von den geschichtlichen und politischen Entwicklungen seiner Zeit geprägt ist – wie das vieler Menschen, die in der Zeit rund um den Ersten Weltkrieg gelebt haben.

Wer ist dieser Nikolaus Tarabas, der aus dem galizischen Dorf Koryla in Russland stammt und die Technische Hochschule in St. Petersburg besucht? Ohne, das Roth es genauer ausformuliert, erkennt Tarabas oder wird durch andere Mitstudenten auf die gesellschaftlichen Verhältnisse im Zarenreich aufmerksam gemacht, das von einer kleinen aristokratischen und korrupten Kaste beherrscht wird, die ihren Reichtum allein der schweren und äußerst mühseligen Arbeit ihrer Leibeigenen verdanken. Der Unterschied zwischen arm und reich ist exorbitant; und beeinflusst von revolutionärem Gedankengut aus dem Westen Europas, dessen Bandbreite sich von sozialdemokratischen, sozialistischen, sozialutopischen, kommunistischen bis hin zu anarchistischen Ideen erstreckt, bestimmt die Frage nach sozialer Gerechtigkeit und nach der Gleichberechtigung aller die Diskussion in zunächst kleinen politischen Zirkeln, die sich an den Universitäten entwickeln, aber auch in intellektuellen Kreisen. Berühmte Beispiele dafür sind der Schriftsteller Fjodor Dostojewski und der Philosoph und Revolutionär Wladimir Lenin.

Aber zurück zu Nikolaus Tarabas: Er beteiligt sich, beeinflusst von studentischen Kameraden, an einem Anschlag auf einen zaristischen Gouverneur; und das hat Folgen. Vor Gericht wird er zwar freigesprochen, aber von seinem Vater von Haus und Hof verwiesen und mit Geld dazu überredet, nach Amerika auszuwandern. Roth bringt die Situation des Tarabas kurz und knapp auf den Punkt: „Der junge Tarabas verließ die Heimat, unbesonnen, wie er zwei Jahre vorher Revolutionär geworden war. Er folgte der Neugier, dem Ruf der Ferne, sorglos und kräftig und voller Zuversicht auf ein „neues Leben“.

Doch dass will nicht gelingen. Amerika wird nicht seine Heimat. Orientierungs- und haltlos bewegt er sich durch die Steinwüste New Yorks, lässt sich treiben, die Gedanken voller Heimweh. Einziger Halt ist die Liebe zu einem Mädchen, die ebenfalls aus Russland stammt und von der er hofft, dass wenigstens sie ihn verstehe. Von Eifersucht getrieben wird dieses Mädchen Auslöser einer Schlägerei zwischen Tarabas und dem Wirt, bei dem das Mädchen beschäftigt ist. Bevor die Polizei kommt, tritt Tarabas die Flucht an – mit der Befürchtung im Kopf, dass er den Wirt womöglich erschlagen hat. Der erste Teil einer Weissagung einer Zigeunerin auf einem Jahrmarkt, dass er ein Mörder, aber auch ein Heiliger sei, scheint sich zu bewahrheiten.

Auf der Flucht bekommt er eine Nachricht mit, die seinem Leben eine neue Wende gibt: Eine Zeitung vermeldet den Beginn des Krieges zwischen Österreich und Russland, der schließlich Auslöser des Ersten Weltkrieges wird. Der ursprüngliche Gedanke, sich dem ersten Polizisten auszuliefern, den er antrifft, ist sofort vergessen. Tarabas wendet sich an die russische Botschaft, um sich als Soldat registrieren zu lassen. Ein Schiff bringt ihn in die alte Heimat: „Gebräunt, gekräftigt, neugierig auf die Heimat und begierig auf den Krieg, verließ Tarabas eines Morgens im Hafen von Riga das Schiff.“

Glückliche Umstände begleiten seine Rückkehr. Von dem früheren Prozess wegen des Anschlages auf den Gouverneur ist Dank der Beziehungen und dem Geld seines Vaters keine Rede mehr, die Gnade des Zaren und eine Ernennung zum Leutnant sind erteilt.

Tarabas ist sofort von seiner neuen Mission mehr als beseelt: „Seiner Meinung nach war er es, der dem Zaren die Gnade erwies, im dreiundneunzigsten Infanterieregiment als Leutnant zu dienen. Es wäre ein schwerer Schaden der russischen Armee widerfahren, wenn man Tarabas degradiert hätte“, schreibt Roth über die Gedankengänge seinen Helden, dessen vermessenes Selbstbild keine Grenzen mehr zu kennen scheint.

In seiner neuen Rolle als Krieger für das Vaterland angekommen, lässt er diese seine Mitmenschen spüren. Im Zug auf dem Weg zu seiner Familie nennt er sich einen „Kurier des Zaren“ und beansprucht ein Coupé allen für sich. Der Krieg macht ihn zum entfesselten Menschen, der keine Grenzen mehr zu kennen scheint. Den Respekt und die Liebe seiner Familie fordert er bei seiner Heimkehr – kurz bevor es für ihn an die Front geht – mit seiner neuen Autorität ein, spürt aber, dass er beides nicht bekommt; und als er seine Cousine verführt, schmeißt ihn sein Vater ein weiteres Mal aus dem Haus.

Im Krieg wird Tarabas als außerordentlicher Frontoffizier wegen seines unerbittlichen Kampfeswillens und seines todesverachtenden Mutes zum Hauptmann befördert. Er führt die Untergebenen mit eiserner Faust, lässt töten und tötet. Was als soldatische Tugend des Tarabas von seinen Vorgesetzten geschätzt wird, ist, so wie es Roth schreibt, in Wirklichkeit dessen Todessehnsucht, wie sie in vielen Ländern Europas um sich gegriffen hat. Die alte Welt taumelt ihrem Untergang entgegen; und die neue Welt, zumindest in Russland, kündigt sich in der Revolution an, die die zaristische Herrschaft mit Gewalt beendet. Die damit verbundenen Konsequenzen und politischen Schlussfolgerungen blendet Tarabas aus. Er macht weiter wie bisher und hält die Reste seiner Kompanie zusammen – auch mit Stock und Fäusten.

Doch dann tritt ein wildfremder rothaariger Soldat, ein Jude, auf. Ohne genau zu wissen, woran es liegt, spürt oder meint Tarabas zu spüren, dass von diesem eine zunächst unsichtbare Gefahr für ihn ausgeht. Eines Tages tritt der bei Tarabas vor und behauptet, die Revolutionhabe gesiegtund der BürgerTarabas könne nach Hause gehen. Der Hauptmann aber lässt sich nicht entmachten – schon gar nicht von einem Juden, den er für einen sicheren Unheilsbringerhält. Tarabas dringt zu den neuen Machthabern vor, tritt resolut auf und wird tatsächlich als Oberst eingesetzt. Er soll in der Garnison Koropta ein Regimentaufstellen, nicht weit von seinem Heimatort Koryla entfernt.

Dort geriert er sich als allmächtiger Herrscher, der er aber nur scheinbar ist. Aber das kann er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Tarabas wirkt wie ein Prototyp für grenzenlose Machtanmaßung, dem die Herrschaft über Menschen eine Selbstverständlichkeit ist und der in Zeiten des Krieges und damit einhergehenden politischen Veränderungen zu meist kurzfristiger Größe gelangt.

Zu seinem Machtzentrum bestimmt er den Gasthof des von ihm verachteten Juden Kristianpoller, der für ihn und seine Offizier alles an Essen und Trinken bereitzustellen hat, was verfügbar ist. Dort werden Gelage gefeiert; und durch seine unbändige Trunksucht droht Tarabas allmählich, die Kontrolle über seine Garnison und den Ort Koropta zu verlieren. Damit nicht genug, werden ihm auch seine Grenzen aufgezeigt. Die militärische Macht übt der nur nach außen schwach wirkende General Lakubeit aus, ehemals Advokat von Tarabas’ Vater und Vertreter der neuen Herrscher, der über die familiären Angelegenheiten des Tarabas ebenso Bescheid weiß wie über die Geschehnisse in Amerika. Er ordnet an, dass der frischgebackene Oberst ein Regiment aufzustellen und aus in Koropta herumlungernden Männer zu rekrutieren habe. Bei einer Inspektion macht General Lakubeit seinen Oberst Tarabas darauf aufmerksam, dass unzuverlässige Soldaten zu entwaffnen und aus dem Regiment zu entfernen sind – ein Vorbote der späteren stalinistischen Säuberungsaktionen, bei der Millionen tatsächliche oder vermeintliche Feinde der bolschewistischen Herrschaft zu Tode kommen. Tarabas lässt die „Entlassungskandidaten“ betrunken machen.

Dann entgleisen die Ereignisse. Im Gasthof Kristianpollers wird ein Marienbild entdeckt. Dem Wirt wird unterstellt, einen heiligen Ort geschändet zu haben. Betrunkene Bauern und Soldaten beginnen ein Pogrom gegen die jüdische Minderheit. Ohnmächtig steht Tarabas den Ereignissen gegenüber. Auch seine Getreuenkommen bei den Ausschreitungen durch Christenhand um. Um die Juden vor weiteren Übergriffen zu schützen, befiehlt er, dass diese ihre Häuser nicht verlassen dürfen. Da läuft ihm der rothaarige jüdische Bethausdiener Schemarjah über den Weg. In seiner Wut misshandelt ihn der Oberst. Tarabas meint zu Recht, Schemarjah sei der Vater jenes rothaarigen Revolutionärs, der ihn nach Hause schicken wollte.

Tarabas erkennt, nachdem er das Verbrechen an Schemarjah begangen hat – er hat ihm den Bart ausgerissen – dass er ein Unhold ist, ein Mörder sogar. Er will büßen, will seinen ganzen mörderischen Glanz ablegen. Deshalb legt er die Zeichen seiner Macht ab und wird zum bettelnden Landstreicher. Dieses entbehrungsreiche Leben ruiniert die Gesundheit des vormals robusten, kerngesunden Soldaten.

Wie Dieter Kliche in einem Essay über die Exilromane Joseph Roths schreibt, hat „Tarabas, ein Gast auf dieser Erde“ einen deutlichen Bezug auf die politischen Verhältnisse in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Kliche schreibt: „Tarabas“ wie auch der Napoleon-Roman „Die Hundert Tage“, der ein Jahr später erscheint, zeigen die Machtanmaßung und die Usurpation von Herrschaft über Menschen als Hybris.“ Er erkennt aber auch weitere Bezüge: „Bereits der Titel verweist auf das Motiv der Gewalt: der Name Tarabas assoziiert in gleicher Weise den biblischen Mörder Barabas, den – anstelle von Jesus – die Juden bei Pilatus freibitten, wie den gewalttätigen Kosakenführer Taras Bulba in Gogols gleichnamiger Novelle.“ Kliche verweist auch auf den Literaturwissenschaftler Claudio Magris, der mehrere von Roth geschriebene Werke als „Bildungsromane mit religiösem Hintergrund“ bezeichnet.

Ein weiterer Verweis Kliches bezieht sich auf die Zweiteilung des Romans „Tarabas“ in „Die Prüfung“ und „Die Erfüllung“. Sie erinnert ihn „an Dostojewskis „Schuld und Sühne“, vor allem aber an die Struktur mittelalterlicher Heiligenlegenden, in denen die wunderbare Bekehrung eines Sünders zur Buße und schließlich zu seiner Heiligsprechung führt. Die Romanlegende ist dabei von weiteren christlichen Motiven durchsetzt: die verzückte Marienverehrung der Soldaten und Bauern, die Motive von Weissagung und Pilgerschaft, von Martyrium, Demut und Selbstverleugnung. Die christliche Legende liefert ein Gleichnis für individuelle Erlösung innerhalb eines sozialen Chaos, einer aus den Fugen geratenen Welt.“ Darüber hinaus erkennt Kliche im Roman „Tarabas“ einen jüdisch-religiösen Hintergrund, basierend auf der Tradition chassidischer Geschichten.

Kurzum: Roth ist wie mit „Die Kapuzinergruft“ auch bei „Tarabas“ ein Roman gelungen, der plastisch die Ereignisse rund um den Ersten Weltkrieg und dessen fatale Nachwirkungen am Beispiel der von ihm geschilderten zeittypischen Protagonisten zu schildern weiß. Eine absolute Leseempfehlung.

Anmerkungen zu Joseph Roths Roman „Die Kapuzinergruft“

Über 50 Jahre ist es jetzt her, dass ich in Berührung mit dem Werk des österreichischen Schriftstellers Joseph Roth kam. Bereits im zarten Alter von 10 Jahren sah ich mit großer Faszination – ohne alles zu verstehen, aber vielleicht manchmal zu ahnen – die Verfilmung seines Romans „Das falsche Gewicht“ durch den bekannten Regisseur Bernhard Wicki. Zu damaliger Zeit wurden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen viele Literaturverfilmungen gezeigt.

Was ich von damals als Erinnerung zurückbehalten habe, war vor allem die äußerst beeindruckende Gestalt Helmut Qualtingers, einem der besten österreichischen Schauspieler der Nachkriegszeit, in der Rolle des brutalen Eichmeisters Anselm Eibenschütz, dessen Aufgabe darin bestand, die Gewichte auf den Märkten in einem kleinen verdreckten Grenzdorf Galiziens zur Zeit der noch bestehenden – aber schon im schleichenden Untergang befindlichen – kaiserlich-königlichen Monarchie Österreich-Ungarn zu kontrollieren und dies zum Unmut der Bevölkerung auch mit aller Pedanterie tat. Bei der Urgewalt, die Qualtinger ausstrahlte, schien es kaum die Möglichkeit zu sein, dass ihm oder vielmehr seiner Figur als Anselm Eibenschütz irgendwie beizukommen sei. Nicht mit Gewalt – die kommt erst später – und Verleumdung, sondern mit der Macht der Liebe oder vielmehr der erotischen Verführung, gelingt es doch. Eibenschütz verliebt sich in die wunderbar von Evelyn Opela gespielte Zigeunerin Euphemia Nikitsch, der er bedingungslos verfällt – nachvollziehbarerweise für die, die die Eleganz, Unnahbarkeit und Rätselhaftigkeit Opelas (bekannt durch Auftritte unter anderem in mehreren Folgen der Krimiserien „Der Kommissar“, „Der Alte“ sowie „Derrick“), so wie sie sich in Szene setzte, noch in Erinnerung haben.

Zweite Begegnung mit dem Werk von Joseph Roth

Aber jetzt zu meiner zweiten Begegnung mit dem Werk von Joseph Roth: Vor kurzem stieß ich auf einen 1990 im Aufbau Verlag erschienenen Band mit Romanen aus seiner Zeit im Exil und entschied mich für „Die Kapuzinergruft“ – immer noch in Erinnerung an mein frühes und nachhaltiges Fernseherlebnis mit „Das falsche Gewicht“. Auch auf die anderen, mir noch nicht bekannten Romane werde ich zurückkommen. Bevor ich aber als ersten „Die Kapuzinergruft“ vorstellen werde, soll noch auf das Leben und insbesondere die literarische Bedeutung des Autors eingegangen werden.

Anmerkungen zu Joseph Roth

Der Untergang der kaiserlich-königlichen Monarchie Österreich-Ungarn ist das zentrale Thema der Werke des 1894 in Brody, Ostgalizien, Österreich-Ungarn, geborenen und 1939 im Pariser Exil gestorbenen Schriftstellers und Journalisten Moses Joseph Roth.

Erste Berichte, Artikel für Feuilletons und Kolumnen, aber auch Prosa und Gedichte, erscheinen von ihm noch zur Zeit des Ersten Weltkrieges in mehreren Zeitungen seiner Heimat, unter anderem in der Wiener Tageszeitung „Der neue Tag“, für die auch so bekannte Autoren und Journalisten wie Alfred Polgar und Egon Erwin Kisch schreiben. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erschienen Beiträge von ihm gleichfalls in mehreren deutschen Zeitungen wie der „Neuen Berliner Zeitung“, dem „Berliner Börsen Courier“, der „Frankfurter Zeitung“ und dem „Vorwärts“, dem Parteiorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands – unter dem Pseudonym „Der rote Josef“.

In dieser Zeit gehört Roth zu den führenden und bestbezahlten Journalisten der Weimarer Republik. Hellsichtig schreibt er über den Kapp-Putsch, völkische Studenten, über die Rathenau-Attentäter, den Hitler-Prozess, die Allianz zwischen Wirtschaft und rechtsradikalen politischen Kräften – aber auch für literarische Zeitschriften

Zu Schwierigkeiten führt die unterschiedliche politische Ausrichtung der Zeitungen, bei denen er arbeitet. Dass er unter anderem beim „Berliner Börsen Courier“ kündigt, begründet Roth so: „Ich kann wahrhaftig nicht mehr die Rücksichten auf ein bürgerliches Publikum teilen und dessen Sonntagsplauderer bleiben, wenn ich nicht täglich meinen Sozialismus verleugnen will.“ Er kennt aber auch seine Eitelkeiten und schreibt weiter: „Vielleicht wäre ich trotzdem schwach genug gewesen, für ein reicheres Gehalt meine Überzeugung zurückzudrängen, oder für eine häufigere Anerkennung meiner Arbeit.“ Diese Eitelkeiten gehen dann aber so weit, dass er gegen ein hohes Honorar für die nationalistische „Münchner Neuesten Nachrichten“ schreibt, was ihm viel Kritik bei seinen schreibenden Kollegen einbringt.

So deutet sich schon an, dass die politische Haltung Roths keine gefestigte und vor allem keine ideologische ist. Einen Anstoß zu Roths Abwendung vom Sozialismus gibt eine Reportage-Reise, die er im Herbst 1926 in die Sowjetunion unternimmt. Er beobachtet dort eine Gesellschaft, deren kalte Modernität und programmatische Sachlichkeit jeglichem Lebensgeheimnis den Garaus gemacht und zu einer „geistige[n] Leere“ geführt hat, was in ihm eine Reaktion hervorruft, für die er den Ausdruck „bourgeoiser Atavismus“ findet. Der deutsche Journalist, Autor und Joseph Roth-Biograf Wilhelm von Sternburg schreibt dazu: „Roth wird in Russland nicht vom sozialistischen Saulus zum reaktionären Paulus. Aber die Reise zählt zu den wichtigen Wendepunkten in seinem Leben. Die Erlebnisse und Erkenntnisse, die ihm die Monate in der Sowjetunion bescheren, führen zum endgültigen Abschied von seiner »sozialistischen« Phase. […] Der Atheismus, dem Roth in der Sowjetunion begegnet, lässt ihn die eigenen religiösen Überzeugungen überdenken.“

Aber das ist nicht der einzige Wandel in seinen politischen Überzeugungen. Während sich Roth in frühen journalistischen Arbeiten sehr monarchiekritisch zeigt, wandelt sich diese Position später zu einer Idealisierung der Habsburger Monarchie. Er sieht zwar die Fehler und Versäumnisse – ein wiederkehrendes Thema auch seiner Romane – des nicht mehr existierenden österreichischen Kaiserreichs, malt aber gleichzeitig in romantischer Verklärung die Utopie eines Österreich, wie es hätte sein können oder sein sollen.

Einher mit dem Wandel politischer Überzeugungen geht auch ein Wandel religiöser Vorstellungen. Als Jude geboren und kurz auch dem Geist des Zionismus verbunden, wendet er sich insbesondere vor der drohenden Diktatur des Nationalsozialismus, die mit der Machtergreifung 1933 Realität in Deutschland wird, dem Katholizismus zu. In der katholischen Kirche sieht er die einzigen Kräfte, denen er zutraut, der „braunen Pest“ hinreichenden Widerstand entgegensetzen zu können – wenn sie sich dazu entschließen könnten. Dabei geht es ihm besonders um die Erhaltung des habsburgischen Grundsatzes „Leben und Leben lassen!“ im Gegensatz zur Strenge Preußens und insbesondere im Gegensatz zur menschenverachtenden Politik der Nazis. Was seine Haltung zum Faschismus angeht, ist Roths Haltung hellsichtig und klar. So schreibt er an seinen Schriftstellerkollegen Stefan Zweig: „Inzwischen wird es Ihnen klar sein, daß wir großen Katastrophen zutreiben. Abgesehen von den privaten – unsere literarische und materielle Existenz ist ja vernichtet – führt das Ganze zum neuen Krieg. Ich gebe keinen Heller mehr für unser Leben. Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen. Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert.“ Am 30. Januar 1933, dem Tag von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, verlässt Roth Deutschland.

Als Ort seines Exils wählt er Paris, das er von seiner Tätigkeit als Auslandskorrespondent für die Frankfurter Zeitung kennt und die ihn als Stadt schon damals fasziniert. Von dort unternimmt er diverse, teils mehrmonatige Reisen, unter anderem in die Niederlande, nach Österreich – wo er vergeblich das Gespräch mit dem Bundeskanzler Kurt Schuschnigg untersucht, um ihn zu einer Abdankung zugunsten Otto von Habsburgs zu überreden, dem Vertreter der alten Dynastie – und nach Polen, wo er auf Einladung des polnischen PEN-Klubs eine Reihe von Vorträgen hält. Von Juni 1934 bis Juni 1935 hält sich Roth, wie viele andere Emigranten, an der französischen Riviera auf. Zusammen mit den Schriftstellerkollegen Hermann Kesten und Heinrich Mann mieten Roth und seine Freundin Manga Bell ein Haus in Nizza.

Anders als vielen emigrierten Schriftstellern gelingt es Roth, nicht nur produktiv zu bleiben, sondern auch Publikationsmöglichkeiten zu finden. Seine Werke erscheinen in verschiedenen Exilverlagen- und in einem christliche Verlag.

In den letzten Lebensjahren verschlechtert sich Roths finanzielle und gesundheitliche Situation rapide. Die Möglichkeit, seine Texte zu veröffentlichen, schwinden, und seine Gesundheit ruiniert er mit exorbitantem Alkoholgenuss. Am 23. Mai 1939 wird Roth in ein Armenspitaleingeliefert, in dem er am 27. Mai an einer doppelseitigen Lungenentzündung stirbt. Am 30. Mai 1939 wird Roth auf dem zu Paris gehörenden Cimetiére parisien de Thiais in Thiais beerdigt. Die Beisetzung erfolgt nach „gedämpft-katholischem“ Ritus, da kein Beleg für die Taufe Roths erbracht werden kann. Bei der Beerdigung kommt es beinahe zu Zusammenstößen zwischen den sehr heterogenen Beteiligten der Trauergesellschaft: österreichische Monarchisten, Kommunisten und Juden reklamieren den Toten jeweils als einen der ihren. Bei der geistigen Vielfalt dieses Autors ist und bleibt es schwierig, ihn in eine Ecke zu sortieren. Gut so!

Aber wie schreibt schon Dieter Kliche in seinem Essay „Die Paradoxien des Joseph Roth“: „Joseph Roth war Sozialist und Monarchist, Jude und Katholik, rationalistisch und gläubig, der Aufklärung verbunden und fortschrittsskeptisch.“ Und Roth selbst?: „… ich bin ein Franzose aus dem Osten, ein Humanist, ein Rationalist mit Religion, ein Katholik mit jüdischem Gehirn, ein wirklicher Revolutionär …“ – also eine wirklich schillernde Figur der deutschsprachigen Literatur mit vielen Facetten.

Literarisches Werk

Joseph Roth debütiert als Romanautor mit „Das Spinnenetz“, der 1923 im Fortsetzungsabdruck in der sozialdemokratischen Wiener „Arbeiterzeitung“ erscheint und sich durch eine erstaunlich frühe und bestechend hellsichtige Anatomie des aus dem Kleinbürgertums stammenden demokratiefeindlichen, reaktionären Nationalismus und späteren Faschismus auszeichnet. Es folgen Zeitromane wie das „Hotel Savoy“ und „Die Rebellion“. Die ironisch-distanziert erzählten Tatsachenberichte werfen ein skeptisches Licht auf die Nachkriegszeit.

1930 erscheint der Roman „Hiob“, mit dem Roths zweite Schaffensphase beginnt. Im Gegensatz zu den früheren Romanen, die sich durch einen klaren wie zugänglichen Stil auszeichnen, stehen sich hier die kräftige Bildlichkeit des Alten Testaments“ und die Drastik des Geschehens gegenüber. Er beschreibt den Leidensweg des jüdisch-orthodoxen Toralehrers Mendel Singer im (fiktiven) Schtetl Zuchnow in Russland und in dem folgenden amerikanischen Exil in den Vereinigten Staaten von Amerika in der Zeit von 1900 bis nach dem Ersten Weltkrieg. Mendel erleidet in der Geschichte schwere Schicksalsschläge – ähnlich derer, die der titelgebende „Hiob“ im Alten Testament erleidet – und durch die seine Frömmigkeit erschüttert und sein Glaube an Gott auf eine harte Probe gestellt werden.

In seinem 1932 erschienenen Roman „Radetzkymarsch“, einem Requiem auf das Habsburgerreich, schildert er anhand des Werdegangs der Familie Trotta den Zerfall Österreich-Ungarns. Der historische Roman, eine elegische Wiedererweckung des Habsburgerreiches und Verfallsanalyse zugleich, gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Romanen des 20. Jahrhunderts.

Im Exil thematisiert Roth immer wieder den schon lange vor dem Ersten Weltkrieg sich anbahnenden Untergangs jener schwarz-gelben Welt Österreichs, die von Tirol bis Galizien, von Böhmen bis Dalmatien reichte und der die Menschen in Joseph Roths Romanen entstammen: „Tarabas“, „Beichte eines Mörders“, „Das falsche Gewicht“, „Die Geschichte von der 1002. Nacht“ und „Die Kapuzinergruft“, in der Roth noch einmal die Familie Trotta in den Blick nimmt.

Neben den beiden bedeutenden Romanen „Hiob“ und „Radetzkymarsch“ sind es unter anderem die Novelle „Die Legende vom heiligen Trinker“ und der Essay „Juden auf Wanderschaft“, die seinen Rang als einer der wichtigsten deutschsprachigen Erzähler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begründen.

Zur „Kapuzinergruft“

Der Tod kreuzte schon seine knochigen Hände über den Kelchen, aus denen wir tranken, fröhlich und kindisch.“

Welch ein Schlussbild für einen Roman: Der Ich-Erzähler bleibt nach dem Eintreten eines Uniformierten, mit dem sich symbolisch der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahre 1938 ankündigt, in einem Wiener Café allein zurück – alle seine Freunde und auch das Personal haben es verlassen – und ihm verbleibt nur der Wachhund „Franz“, den er eigentlich überhaupt nicht mag, als Begleitung zurück; und den spricht er auch noch als Ober an, bei dem er bezahlen möchte. Von dort führt ihn der Weg zur titelgebenden Kapuzinergruft, in der der 1916 verstorbene Kaiser Franz Josef I begraben liegt.

In dem im Exil entstandenen Roman „Die Kapuzinergruft“ greift Joseph Roth – wie in seinem bekanntesten Werk „Radetzkymarsch“ – noch einmal das Schicksal der Familie Trotta als Thema auf. „Wir heißen Trotta. Unser Geschlecht stammt aus Sipolje, in Slowenien. Ich sage Geschlecht; denn wir sind nicht eine Familie. Sipolje besteht nicht mehr.“ – so stellt sich der Ich-Erzähler vor und weist gleichzeitig lakonisch darauf hin, dass die familiären Wurzeln unwiederbringlich ausgelöscht sind.

Was in Sipolje, aber auch in vielen anderen Ecken des früheren österreichisch-ungarischen Reiches geschehen ist, kristallisiert sich allmählich heraus und gehört zu den größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Aber davon später. Was den Ich-Erzähler angeht, macht der kein Hehl aus seinen Lebensumständen. Sie hängen zunächst damit zusammen, dass er mit der Gegenwart Österreichs, aus der er erzählt, nichts anzufangen weiß : „Ich bin nicht ein Kind dieser Zeit, ja, es fällt mir schwer, mich nicht ihren Feind zu nennen. Nicht, daß ich sie nicht verstünde, wie ich es so oft behaupte. Dies ist nur eine fromme Ausrede. Ich will einfach, aus Bequemlichkeit, nicht ausfällig oder gehässig werden, und also sage ich, daß ich das nicht verstehe, von dem ich sagen müsste, daß ich es hasse oder verachte. Ich bin feinhörig, aber ich spiele einen Schwerhörigen.“

Er ist eher stolz darauf, dass „in den verschollenen Annalen der alten österreichisch-ungarischen Armee … unser Name verzeichnet“ ist – und auf den Bruder seines Großvaters, der Kaiser Franz Joseph in der Schlacht von Solferino das Leben gerettet hat. Joseph Roth schreibt weiter: „Die geadelten Trottas waren fromm ergebene Diener Franz Josephs gewesen.“

Aus einer anderen Linie der Trottas kommt der Ich-Erzähler. Sein Vater ist ein „Rebell und ein Patriot … Er wollte das Reich reformieren und Habsburg retten. Er kannte den Sinn der österreichischen Monarchie zu gut. Er wurde aber zu verdächtig und mußte fliehen.“

Nachdem er gutes Geld in Amerika gemacht hat, treibt ihn das Heimweh nach Österreich zurück, wo er sich politisch engagiert und von einem slawischen Königreich unter der Herrschaft der Habsburger träumt. Zu diesem Zweck gewinnt er einflussreiche Freunde aus der näheren Umgebung des Erzherzog-Thronnachfolgers Franz Ferdinand, der als reformwillig gilt. Vergeblich. Der Vater stirbt etwa anderthalb Jahre vor der Ermordung Franz Ferdinands, mit dessen Tod die Ereignisse ins Rollen kommen, die den weiteren Verlauf des Romans bestimmen.

Was den Ich-Erzähler angeht, soll der zum Erben der Ideen seines Vaters werden, eine Rolle, die er aber nicht auszufüllen vermag: „Ich war damals jung und töricht, um nicht zu sagen: leichtsinnig. Leichtfertig auf jeden Fall. Ich lebte damals, wie man so sagt: in den Tag hinein. Nein! Dies ist falsch: ich lebte in die Nacht hinein; ich schlief in den Tag hinein.“

Diese Verhaltensweisen teilt er mit seinen Freunden, die alle der Oberschicht des Habsburgerreiches entstammen und komplett dem Müßiggang ergeben sind. Sie treffen sich in Restaurants, Cafés und Gaststätten und ziehen die Nächte durch. Die Konflikte, die sich in dem Vielvölkerstaat allmählich entwickeln, deuten sich in Gesprächen an, werden aber nicht weiter verfolgt. Was den immer mehr um sich greifenden Antisemitismus angeht, bedienen sie sich einer dekadenten Haltung. Weil der Antisemitismus sich auch in den unteren Schichten breit macht – und noch plumper und vulgärer geäußert wird als in den oberen Schichten – entdecken sie nicht aus innerer Überzeugung, sondern als Attitüde, plötzlich ihre Zuneigung für die Juden. Es ist eine Stilfrage geworden.

Etwas aus diesen gesellschaftlichen Verhältnissen heraus tritt der Ich-Erzähler, nachdem er Besuch von einem Verwandten erhalten hat, der als Bauer und Maronenverkäufer sein Leben fristet. Und durch diesen kommt er auch in Kontakt mit einem jüdischen Kutscher, der mit einem Anliegen an ihn herantritt. Dieser Manes Reisiger möchte seinem musikalisch begabten Enkel einen Platz am Konservatorium in Wien verschaffen. Kein Problem für Trotta, der über die richtigen Kontakte verfügt.

Ob es Attitüde oder Überzeugung ist, wird sich noch herausstellen, doch Trotta scheint auf einmal durch die Begegnung mit seinem Verwandten und dem Juden Manes Reisiger die Liebe zum einfachen Volk entdeckt zu haben. Er nimmt verstärkt Kontakt zu ihnen auf, bekommt von dem so ganz anderen Leben der beiden mit; und es wirkt, als wolle er in gewisser Weise das politische Erbe seines Vaters – die Reform eines erstarrten Systems durch die Beteiligung des Volkes – antreten und eine nicht beglichene Schuld einlösen. Das geht sogar so weit, dass Trotta die beiden als Freunde ansieht.

Und dann kommt das große Ereignis, dass die Verhältnisse zum Tanzen bringt: Der Erste Weltkrieg. Der wirkt auf Trotta wie eine weitere moralische Läuterung. Statt seinen soldatischen Pflichten an einem geschützten Ort nachzukommen, wie es seiner gesellschaftlichen Stellung entspricht, will er sich dem Regiment anschließen, zu dem auch seine neuen Freunde müssen – in Frontnähe und in ständiger Gefahr, getötet oder gefangen genommen zu werden.

Autor Joseph Roth hat wie in so vielen seiner Romane einen klaren Blick auf das, was sich gerade ereignet. Er schreibt von einer Todessehnsucht, die viele befallen hat und deren Konsequenz sich kaum jemand auszumalen vermag. Die letzte Stunde für das österreichisch-ungarische Kaiserreich hat geschlagen.

Dass es mit der Freundschaft zum einfachen Volk nicht so einfach ist, wird Trotta in den Kriegswirren erfahren. Diese sozialromantischen Träumereien sind durch einen ohne Not begonnenen Streit zwischen seinen „Freunden“ und den damit verbundenen gefährlichen Konsequenzen bald ausgeträumt. Aber damit ist die rasante Entwicklung, die durch den Krieg ins Rollen gekommen ist, noch längst nicht zu Ende – insbesondere für Trotta nicht.

Als er aus dem Krieg wieder heimkehrt, hat sich die Welt gedreht. Die alten Eliten, zu denen er gehörte, erfahren ihre Götterdämmerung. Pointiert schildert Roth diese Situation anhand der Wiederbegegnung Trottas mit seiner Frau. Noch vor dem Krieg hat sie wie viele andere Frauen ein Schattendasein geführt. Es war nicht die Liebe, die sie zusammengeführt hat. Trotta wollte wie viele seiner Freunde, die in den Krieg zogen, von einer Frau vermisst werden, ein Gefühl wie das einer Attitüde; und so wurde im Schnellverfahren geheiratet. Nach dem Krieg sind die Verhältnisse andere. Die nach außen selbstbewusst wirkende Frau Trottas ist in einem Ladenlokal anzutreffen, in dem Kunsthandwerk angeboten wird. Sie hat den Schritt in die Selbstständigkeit angetreten; und damit nicht genug hat sie auch noch eine Affäre mit einer Frau, die gleichfalls eine Rolle in dem neuen Geschäft spielt.

Doch was zunächst nach gesellschaftlichem Fortschritt – die Emanzipation der Frau und die Überwindung überkommener aristokratischer Eliten – klingt, erweist sich als hohler Schein. Mit skeptischem Blick betrachtet Roth die Nachkriegszeit. Lug und Trug herrschen und windige Geschäftsleute bestimmen die Szenerie. Die neue Gesellschaft ist nicht so, wie sie ersehnt wurde; und die alte Gesellschaft dämmert immer schneller ihrem Untergang entgegen – bis im Jahre 1933 sowohl in Österreich als auch in Deutschland autokratische Regime die Macht übernehmen.

Joseph Roth gelingt es mit seinem Roman „Die Kapuzinergruft“ auf zirka 130 Seiten, die umfassenden gesellschaftlichen Veränderungen und geschichtlichen Ereignisse in Österreich-Ungarn aus der Zeit kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges bis hin zur austrofaschistischen Diktatur des Engelbert Dollfuß (*1892 +1934) im Jahre 1933 kurz, prägnant und mit großer erzählerischer Qualität ohne Schnörkel auf den Punkt zu bringen – kurzum eine absolute Leseempfehlung für an Historie des 20. Jahrhunderts interessierte Literaturliebhaber.

Wir da oben und die da von unten

Betrachtungen zum „Zauberberg“ von Thomas Mann

Es ist schon eine merkwürdige Geschichte, die Thomas Mann in seinem 1924 erschienenen monumentalen Roman „Der Zauberberg“ erzählt. Da kommt mit Hans Castorp ein Sohn aus großbürgerlichen Verhältnissen von Hamburg nach Davos, um seinen Cousin Joachim Ziemsen, der sich dort wegen einer Lungenerkrankung in einem Sanatorium aufhält, für drei Wochen zu besuchen und bleibt für sieben Jahre, bis 1914 die damalige Welt erschüttert wird.

Bevor ich aber über meine Lektüre des Romans berichte, muss ich vorausschicken, dass ich vorher die monumentale Verfilmung von Hans W. Geissendörfer aus dem Jahre 1982 gesehen hatte, von der ich trotz mancher gängiger Kritik an Literaturverfilmungen immer noch sehr begeistert bin. Es war vor allem die schauspielerische Leistung von Christoph Eichhorn in der Rolle des Hans Castorp, die mich sofort für dieses große Kinoerlebnis einnahm.

Es reist dieser blasiert wirkende und noch sehr lebensunerfahrene Bürgersohn, Student der Ingenieurswissenschaften für das Schifffahrtswesen und von zuhause aus mit einem großen Erbe ausgestattet, von seiner Heimatstadt nach Davos in eine ganz andere Welt, in die Welt des Zauberbergs, in der Krankheit, Tod und ein zumeist dahinplätschernder Alltag, geprägt von üppigen Mahlzeiten, Liegekuren, Untersuchungen, Behandlungen, Spaziergängen und abendlichen Vergnügungen, das Leben der Kurgäste bestimmen und die Zeit dahinfließen lassen.

Es ist die ganz andere Luft in bergigen Höhen, es sind die Erzählungen seines Cousins über das befremdliche Leben im Sanatorium, der Sanatoriums-Alltag und die Begegnungen mit den teilweise von Thomas Mann karikaturenhaft überzeichneten Figuren seines Romans – von der äußerst dummen Frau Stöhr über das tratschhafte Fräulein Engelhart und den unterwürfigen Herrn Wehsal bis hin zum charismatischen Mynheer Peperkorn – , die Hans Castorp zu Beginn des Romans verwirren und überfordern. Manches Mal wirkt er so, als sei er besoffen oder zumindest total durcheinander; und die durch Überforderung ausgelösten Ermüdungserscheinungen zwingen ihn in den ersten Tage zu früher Bettruhe. Es war für mich faszinierend zu sehen, wie Christoph Eichhorn diese wiederkehrende komplexe Stimmungs- und Gedankenlage eines zeitweisen Nervenbündels schauspielerisch umzusetzen wusste.

Aber bevor ich mich in meinen Betrachtungen über den Film verliere, der neben weiteren grandiosen Schauspielerinnen und Schauspielern wie Rod Steiger, Margot Hielscher, Alexander Radszun, Rolf Zacher und Hans-Christian Blech durch seine üppige Ausstattung und grandiose Landschaftsbilder immer noch besticht, zurück zum Roman und seinem Helden. Ich muss gestehen, dass mir in jungen Jahren bei der ersten Lektüre die Satzungetüme Thomas Manns sehr aufstießen und ich – kaum bis zur Hälfte durchgekommen – den „Zauberberg“ für viele Jahre zur Seite legte. Im zweiten Anlauf hat es dann vor Kurzem geklappt, auch wenn es viel Zeit in Anspruch nahm.

Mann ohne Eigenschaften, ein Parzifal vielleicht?

Wer ist denn nun dieser Hans Castorp? Äußerlich ist er ja schon beschrieben worden, aber für wen oder was steht er als literarische Figur? Dazu gibt es die verschiedensten Beschreibungen. Für den einen ist er ein unbeschriebenes Blatt, das im Laufe des Romans gewissermaßen vollgeschrieben wird mit den Erlebnissen und Gesprächen, die ihm auf dem Zauberberg widerfahren, für den anderen ein „Mann ohne Eigenschaften“ wie Ulrich aus dem gleichnamigen Roman von Robert Musil, wiederum andere bemühen den Parzival von Wolfram von Eschenbach, der, von nichts wissend, in eine fremde Welt gestoßen wird. In einem Artikel der Zeit hat es der bekannte Schriftsteller Martin Mosebach auf den Punkt gebracht, wie es mit Hans Castorp bestellt ist: „Der Jüngling Castorp, keineswegs dumm, aber denkungewohnt und über das hinaus, was er im Gymnasium erfahren hat, nicht weiter unterrichtet … wird zum willigen Objekt vielfältiger Bildungsanstrengungen – er wird von dem Freimaurer und Humanisten Settembrini in die Grundlagen der Aufklärung und des Republikanismus eingeweiht, von (dem Jesuiten) Naphta in den anthropologischen Pessimismus der Gegenaufklärung, er erhält ein ausführliches anatomisches Privatissimum vom Chefarzt (Hofrat Berends) des Sanatoriums, sammelt Erfahrungen in der Liebe, in der Psychoanalyse und Parapsychologie und in der Malerei und geht immer wieder das Wagnis des Selberdenkens ein.“

Settembrini und Naphta – zwischen Aufklärung und heiligem Terror

Um das von Mosebach Geschriebene zu verstehen, bedarf es einiger Erklärungen, insbesondere zu den Herren Settembrini und Naphta. Beide nehmen sich Hans Castorps an und versuchen, dessen Weltbild zu beeinflussen. Der Journalist und Schriftsteller Settembrini ist ein enthusiastischer und unbeirrbarer Vertreter der Philosophie der Aufklärung, ein Anhänger des Humanismus, des Fortschritts und der Demokratie. Sein Gegenpart ist der Jesuit und ehemalige Lehrer Naphta. Er glaubt wie der Großinquisitor aus Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ nicht an die Fähigkeit des Menschen, vernünftig zu handeln, sieht die wissenschaftlichen Erkenntnisse – ausgehend von der kopernikanischen Wende – als kontraproduktiv an, da sie die christlich-metaphysische Bedeutung der Erde als von Gott geschaffener zentraler Planet und der auf ihr lebenden Menschen als höchste Krönung der Schöpfung auf ein Minimum reduziert habe, und übt vernichtende Kritik an dem sogenannten Fortschritt, der nur den Interessen des bürgerlichen Kapitalismus diene, kurz der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Aus seinem durchaus nihilistischen Denken heraus fordert er den heiligen Terror, der durchaus Ähnlichkeiten mit der Inquisition des 15. Jahrhunderts hat.

Was die Auseinandersetzung zwischen diesen extremen Gegenpolen des philosophischen Denkens bei Hans Castorp auslöst, stellt sich für Mosebach wie folgt dar: „Da lässt Thomas Mann seinen Parzifal über all das, was er in naiver Faszination aufgeschnappt hat, mit eigenen Worten unter wiederholter Aufputzung der sich ihm eingeprägt habenden Begriffe darauflosphilosophieren … In enthusiastischer Folgsamkeit vorgetragen, einer Bereitschaft, sich Dinge zu eigen zu machen, deren Tragweite ihm gar nicht bekannt ist, werden große Gedankengebäude zu drolligen Schlagwortgirlanden …“

Was die Liebe, die Psychoanalyse und Parapsychologie angeht, mit der Hans Castorp auf dem Zauberberg in Berührung kommt, bedarf es auch einiger Erklärungen. Dass Hans Castorp in der Liebe angesichts seines Alters und der zumeist noch von Prüderie geprägten Gesellschaft ebenso ein unbeschriebenes Blatt ist wie in den schon angesprochenen Angelegenheiten, nimmt nicht weiter wunder. Die einzige erotische Erfahrung vor seinem Aufenthalt im Sanatorium ist der Besuch eines Bordells. Auf dem Zauberberg ist es die geheimnisumwitterte und nicht minder faszinierende Clawdia Chauchat, die trotz mancher Anzeichen ihrer Erkrankung die Aufmerksamkeit Hans Castorps auf sich zieht – zunächst nur dadurch, dass sie beim Eintritt in den Speisesaal die Tür hinter sich zuknallen lässt. Daraus wird mehr, soll aber hier nicht weiter ausgeführt werden.

Was heute Psychoanalyse genannt wird, heißt in Thomas Manns Roman Seelenzergliederung und ist zu damaliger Zeit der letzte Schrei, ausgelöst vor allem durch Sigmund Freud. Für das Thema zuständig ist der Assistent des Chefarztes, Dr. Edhin Krokowski, eine mysteriöse, fast rasputinhafte Figur, der regelmäßig gut besuchte Vorträge zu diesem Thema hält.

Schräge Züge nimmt es auf dem Zauberberg an, als ausgelöst durch ein seltsames Ereignis, ein neuer Hype die Szenerie dort bestimmt. Auch hier ist Hans Castorp involviert. Auf dem Zauberberg macht das Gerücht die Runde, dass eine gewisse Ellen Brand, ein neunzehnjähriges Mädchen aus Dänemark, über magische Kräfte verfüge, was dazu führt, dass mit ihr spiritistische Sitzungen durchgeführt werden, bei denen vermeintliche parapsychologische Effekte eine große Rolle spielen. Alle scheinen des Glaubens zu sein, mit den Toten in Kontakt treten zu können.

Und dann geht auf einmal alles ganz schnell und dem Ende zu. Unter der Überschrift „Der große Stumpfsinnn“ beschreibt Mann, wie sich die Bewohner zumeist jeder für sich in einer atemlosen Hektik mit allen möglichen Arten der Ablenkung von der Briefmarkensammlung über das Legen von Patiencen bis hin zu den schon angesprochenen spiritistischen Sitzungen beschäftigen.

Was aber noch viel schlimmer ist: der Ausbruch von Gewalt unter den Bewohnern, aber auch zwischen Bewohnern und Personal, aus nichtigen Anlässen. Eine der schlimmsten Folgen: das durch einen Streit ausgelöste Duell zwischen Settembrini und Naphta, das tödlich endet.

Alles endet mit dem großen Donnerknall: der Verkündigung des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges. Alle Bewohner verlassen den Zauberberg und Hans Castorp findet sich unvermittelt als Soldat in der Schlacht von Langemarck wieder.

Zeitgeschichtliche Aspekte

Was den Zauberberg als Ort und symbolische Bedeutung ausmacht, stehen hier natürlich Krankheit und Tod – wie in vielen anderen Werken Thomas Manns – deutlich im Fokus. Was aber bei der Lektüre noch auffallender ist, ist der Eindruck, in eine hermetisch abgeschnittene Welt einzutreten, die eine so ganz andere ist als die da unten, wo die Bewohner oder Patienten ursprünglich hergekommen sind. In aller Ruhe absolvieren sie bis kurz vor dem „Donnerknall“ auf dem Zauberberg ihren Sanatoriums-Alltag zwischen Liegekuren, dem Einnehmen von Mahlzeiten, kleinen Spaziergängen und abendlichen Vergnügungen. Und wenn jemand an seiner Lungenerkrankung stirbt, wird alles getan, damit es so wenig wie möglich auffällt.

Martin Mosebach schreibt in seinem Artikel von einer „Lungenheilanstalt, in welchem die Insassen aus den gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen ihrer Herkunft über viele Jahre herausgelöst sind und sich in einer Ausnahmesituation befinden.“

Ganz anders sieht die Welt außerhalb des Zauberbergs aus. Immer wieder drohen Konflikte zwischen den westlichen Großmächten aufgrund ihrer imperialen Bestrebungen; an allen Seiten wird aufgerüstet. Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle, wie Mosebach ausführt: „ … die Länder, aus denen diese Kranken stammen, befanden sich in den Jahren vor dem großen Krieg ja keineswegs im Zustand zeitvergessener Trance. Gern sieht man die Vorkriegszeit als Phase der Dekadenz, man sieht überall die Anzeichen eines Endes – die Kunst und Literatur sind nicht unschuldig an diesem Bild, das sich vor die explosive ökonomische Aktivität, die Entdeckungen der Naturwissenschaften, die Erschließung ganzer Kontinente schiebt, ein allgemeines Erstarken, das am Ausbruch des Weltkonfliktes durchaus ursächlich beteiligt war. So ist denn die Szenerie der zeitlos verdämmernden Lungenkranken weniger eine Parabel der ausgehenden Kaiserreiche, als (vielmehr) Ausdruck eines tiefen Gefühls der Unwirklichkeit, das bei manchen durch Krieg und Revolution entstanden sein mag, als tausendjährige Monarchien wie die Seifenblasen zerplatzten.“

Von dem von Mosebach angesprochenen Gefühl der Unwirklichkeit war ja auch Thomas Mann betroffen. Er hatte den Krieg befürwortet und war vom Bestand des preußisch-deutschen Kaiserreiches überzeugt.

Erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wandelte sich sein politisches Denken hin zur Demokratie. 1933 emigrierte Thomas Mann nach der Machtübernahme des totalitären Nazi-Regimes von Deutschland in die USA und wurde dort zum führenden Sprecher für die Wiederherstellung einer Demokratie in Deutschland.

Kurzum: Trotz der Satzungetüme Thomas Manns und manch sehr komplexen Ausführungen zum Thema der Zeit als auch zu anderen Themen lohnt sich die Lektüre, bei der manche Kritiker auch Parallelen zu aktuellen politischen Entwicklungen zu erkennen glauben – nicht ganz zu unrecht.

Ein Kultururlaub: Buchmesse in Leipzig und Moritzburg in Halle/Sachsen-Anhalt

Es ist schon eine etwas längere Tradition, dass ich zur Buchmesse nach Leipzig fahre. Vor etwas längerer Zeit im März letzten Jahres war es wieder so weit.

Morgens um 9 Uhr ging es los, bei durchwachsenem Wetter, das sich aber bald zum Besseren wendete. Neben der Entscheidung, nach drei Jahren Pause wieder einmal zur Buchmesse zu fahren, war es eine weitere gute Entscheidung, statt über Hannover und Salzgitter zu fahren, die Strecke über Kassel zu wählen. Die war von der Fahrtzeit zwar länger angegeben, war aber kürzer und hatte den Vorteil, dass ohne Stau bis nach Naumburg durchgefahren werden konnte, wo das Hotel war, das äußerst empfehlenswerte „Braugasthaus“ in unmittelbarer Nähe des Marktplatzes mitten im Zentrum dieser schönen Stadt, die durch viele, gut erhaltene Gebäude aus verschiedenen Jahrhunderten besticht. Immer wieder bemerkenswert und aufs Neue zu entdecken sind die liebevoll mit Ornamenten, Objekten und Figuren gestalteten Fassaden in Fachwerkbauweise, die zum längeren Verweilen und genauerem Betrachten einladen.

Anhand der gut sichtbaren Hinweisschilder sind auch die architektonischen und kulturellen Sehenswürdigkeiten Naumburgs schnell zu entdecken. Dazu gehört an erster Stelle der Naumburger Dom, eine Doppelchoranlage mit je einem Chor an beiden Schmalseiten und eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler des europäischen Hochmittelalters. Weltweit einzigartig sind seine Architektur, die Glasmalerei und die Bildhauerkunst. Wertvolle Kunstschätze entführen den Besucher in die Welt des Mittelalters; und die romantische Ladegastorgel lässt den Dombesuch bei einem der zahlreichen Orgelkonzerte zum einzigartigen Klangerlebnis werden.

Nicht vergessen werden darf an dieser Stelle die Figur der Uta von Naumburg, eines der bedeutendsten plastischen Bildwerke der deutschen Gotik. Es handelt sich um die Darstellung der um 1000 geborenen Uta von Ballenstedt, die zum Hochadel und zum Hof des Kaisers gehörte. 1026 wurde sie mit Ekkehard II., Markgraf von Meißen, verheiratet. Sie galt als schönste Frau des Mittelalters, und so wurde sie vom Naumburger Meister dargestellt. Ihre Schönheit verdankt sie nach der Vorstellung des Künstlers ihrem Charakter, der von Vornehmheit, Gottesgläubigkeit, Frommheit und Großzügigkeit gekennzeichnet war. So war es auch kein Wunder, dass sie die Berühmteste der 12 Stifterfiguren des Naumburger Doms ist. Besonders war es für die damalige Zeit, nicht heilige, sondern weltliche Figuren in der Kirche darzustellen.

Alle zwei Jahre veranstaltet die Stadt Naumburg übrigens ein besonderes Treffen für alle Namenspaten der Stifterfigur des Naumburger Doms, „Uta von Ballenstedt“. Geboten wird ein vielfältiges Programm mit Dom- und Stadtführungen, Workshops, Theateraufführungen und Konzerten.

Interessant ist natürlich auch ein Besuch des Nietzsche-Hauses. Der Verkünder vom Tode Gottes und vom Übermenschen, der jenseits aller traditionellen, vor allem vom Christentum verkündeten Moralvorstellungen sein Leben in die selbstbestimmten Hände legt, hatte dort einige Zeit mit seiner Mutter und seiner Schwester Elisabeth zusammengelebt. Heute ist das Gebäude am Weingarten 18 ein Museum, das sich dem Leben und Werk des Philosophen widmet.

Und wer in Naumburg und Umgebung nur einfach Urlaub machen will, wird auch sein Vergnügen haben. Die abwechslungsreiche Landschaft und die umliegenden Weinorte und geschichtsträchtigen Städte sind immer einen Ausflug wert.

Abends kann man dann den Tag bei gutem Essen und Trinken in einer der zahlreichen gastronomischen Betriebe ausklingen lassen, die oft in älteren Gebäuden beherbergt sind und so durch ihre besondere, geschichtsträchtige Atmosphäre bestechen.

Als Peter Twiehaus mehrere Sachen aus seiner Tasche fielen

Am zweiten Tag geht es zur Buchmesse. Hier kann ein Stau angesichts der Besuchermassen nicht vermieden werden, aber der hält sich in Grenzen und ein Parkplatz, sogar kostenlos, ist schnell gefunden. Wer als Erstes auffällt, sind die „Cosplayer“ in ihren sehr fantasievoll gestalteten Kostümen. Sie haben bei der Buchmesse in Leipzig am Freitag ihren zentralen Tag. Wem der Name Cosplayer nichts sagt, dem sei erklärt, dass es sich um Fans von Comics, Fantasy, Science Fiction oder Manga handelt, die versuchen, ihrer Lieblingsfigur aus Buch und Film möglichst nahezukommen. Da darf es einen auch nicht wundern, wenn einem zum Beispiel „Darth Vader“, „Harry Potter“ oder „Jack Sparrow“ begegnen. Manches Mal sehen die auch sehr martialisch aus, aber es ist ja nur ein bunter Spaß.

Wie es der Zufall will, begegnet dem aufmerksamen Besucher schon kurz vor dem Eingang in eine der riesigen Hallen der Leipziger Messe, die durch ihre großen Glasfassaden bestechen, auf einen Prominenten. Es ist Peter Twiehaus, vielen als Film- und Buchexperte aus dem ZDF-Frühstücksfernsehen bekannt. Ihm ist etwas aus seiner Tasche gefallen, und beim Aufheben fällt ihm gleich alles aus der Tasche. Nervosität vor dem Auftritt? Er wird es wohl hinkriegen, war ja auch nicht viel, was auf dem Boden liegt, denken wir und gehen weiter zum Eingang.

Eine kurze Enttäuschung an der Kasse: Trotz des Eintrittspreises in Höhe von 24 Euro gibt es kein Programmheft, nur eine Wegbeschreibung. Begründung: Aus Umweltgründen soll auf Papier verzichtet werden. Da haben die Aktivisten, die einem auf dem Weg ohne Fragen Flyer in die Hand drücken, weniger Skrupel, aber ein höchst moralisches Anliegen. Sie machen sich für die Palästinenser im Gaza-Streifen stark, bezeichnen Israels Gegenwehr gegen den mörderischen Anschlag vom 7. Oktober mit über 1000 Toten und vielen Geiseln als Genozid, wissen aber nichts von der langjährigen und komplexen Geschichte, die dahinter steht. Ich war schon drauf und dran, den Aktivisten zu empfehlen, sich das Alte Testament zur Hand zu nehmen, aus dem sich die Anfänge des Konflikts zwischen den Arabern und Israelis entnehmen lassen, und dazu noch ein paar Bücher über die folgenden Entwicklungen bis zur Gegenwart, Zeitungen, politische Magazine und Sendungen im öffentlich rechtlichen Fernsehen; aber bei solchen vor selbstgefälliger Moral nur so strotzenden Leuten, die in ungewissen Internetforen ihre Wahrheit suchen und sie zumeist nur in Form von ein oder zwei Sätzen, begleitet mit ungesichertem Videomaterial, zu sich führen, kann ich mir die Mühe sparen.

Skurril muten zwei Trotzkisten an, die auf die Palästina-Aktivisten folgen. Ich wusste nicht einmal, dass es die noch gibt. Aber wissen die, dass Trotzki genau so ein kaltblütiger Mörder war wie seine Genossen Lenin und Stalin und es in Kauf nahm, auch auf Arbeiter und Soldaten schießen zu lassen, die für die Revolution waren, aber nicht für die Alleinherrschaft der Bolschewisten. Der Unterschied zu Stalin war nur, dass der gewiefter war, die Macht nach Lenins Tod ergriff und 1941 endgültig bewies, wer von den beiden im kommunistischen Lager was zu sagen hat. Trotzki bekam in seinem Exil in Mexiko einen Eispickel ins Gesicht mit tödlichem Ausgang. Stalin konnte dann noch weitermorden bis zu seinem krankheitsbedingten Tod im Jahre 1953. Auch auf diese Diskussion habe ich keinen Bock, da mit Ideologen, die durch ihre Unbeirrbarkeit immer im Recht sind, kein Wort zu sprechen ist.

Sowohl die Aktivisten als auch die Trotzkisten bleiben aus nachvollziehbaren Gründen zumeist für sich und ihre Flyer landen auf dem Boden. Schade ums Papier, das man besser für ein Programmheft zur Buchmesse hätte verwenden können. Sei´s drum.

Im Eingangsbereich West angekommen, lädt eine Gastronomie-Meile zum gemütlichen Verweilen ein, doch dann war der Name Dennis Scheck zu hören, bekannt als Literaturkritiker vor allem durch seine Sendung „Druckfrisch“. Und umstritten durch seine Art, wie er Bücher, die er überhaupt nicht mag, unter anderem von Sebastian Fitzek, gewissermaßen entsorgt. Darüber kann man streiten, aber nicht darüber, dass er geistreich und unterhaltsam ist; und dass er von sich überzeugt ist, gehört wohl zu seinem Metier. Beeindruckend allemal ist es, wie er in 30 Minuten 30 Lesetipps gibt und dabei in der Lage ist, zu jedem das Wichtigste zu sagen. Die Bandbreite reicht von aktuellen Büchern über Kafka aus Anlass seines 100. Todestages über Neuauflagen der Aphorismen und Parabeln von Kafka bis hin zu Nora Krug mit ihrer graphic novel „Im Krieg. Zwei illustrierte Tagebücher aus Kiew und St. Petersburg“ und zu Wolf Haas, der mit dem Roman „Eigentum“ zu den Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2024 gehörte.

Ohne festen Plan geht es dann zu den Ständen bekannter Verlage wie Rowohlt, Fischer, Beck und Reclam, wo ich zum ersten Mal fündig werde. Auf Empfehlung von Dennis Scheck kaufe ich mir die Fabeln von Franz Kafka, aus eigenem Interesse die wunderbar gezeichneten und äußerst humorvollen Bildergedichte „Meine Klassiker“ von Hans Traxler, indem er sich oft den sexuellen Begehrlichkeiten und Nöten so prominenter Figuren wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Nietzsche, Siegmund Freund oder Casanova widmet, und einen Band mit Kürzestgeschichten für den kleinen literarischen Hunger zwischendurch. Ein weiterer Anlaufpunkt: das Antiquariat, das von mehreren Antiquaren bestückt wird. Ärgerlich ist hier die ungeordnete Bestückung der Regale. Orientierunglos laufe ich dort herum, bis ich zumindest eine Idee habe, was ich mir dort kaufen könnte. Bei mehreren Gesprächen mit Freunden wurde ich auf die literarische Qualität der Maigret-Krimis von Georges Simenon hingewiesen. Aber wo finden? Glücklicherweise habe ich doch ein paar davon entdeckt. Ich entscheide mich aufgrund des Titels für den Band „Hier irrt Maigret“. Ein Glücksgriff, wie sich bei der späteren Lektüre herausstellt. Danach lasse ich es ein bisschen ruhiger angehen, gönne mir etwas zu trinken und beobachten die Leute. Was vor allem bei den Besuchern auffällt: geschmacklose und vor allem bei den Frauen unvorteilhafte Kleidung. Ich zerreiße mir innerlich das Maul, und wundere mich, warum Menschen, die sich mit einer so schönen Materie wie Literatur beschäftigen, so wenig auf ihr Äußeres achten.

Als Enttäuschung empfinde ich den Stand der Gastländer Niederlande und Flamen. Lieblos, ohne Zusammenhang und Erklärung wurden dort Bücher aneinandergereiht. Aber das war bei anderen Präsentationen von Gastländern auch schon der Fall. Ist aber keine Entschuldigung.

Ebenfalls enttäuschend: die Auswahl der Preisträger in den Bereichen Belletristik und Sachbuch. Ohne genau zu wissen, woran es liegt, spricht uns keines der Werke an. Die Autorinnen und Autoren sind bis auf Wolf Haas zumindest uns beiden völlig unbekannt.

Und dann geht es auch schon zurück nach Naumburg, wo ich den Abend bei gutem Essen und Trinken ausklingen lasse. Bei den Planungen für den kommenden Tag kommt irgendwann natürlich die Frage auf, welche Stadt ich mir am Samstag anschauen sollte. Da im Freundes- und Bekanntenkreis oft von Halle gesprochen wurde, und dem dort ansässigen Kunstmuseum Moritzburg, das mich auch interessierte, fiel die Entscheidung für Halle. Außerdem kannte ich die Stadt Halle noch nicht.

Auf nach Halle zur Moritzburg

Bevor es mit der Beschreibung des Kultururlaubes weitergeht, ein paar Worte zu der „Diva in grau“: Halle in Sachsen-Anhalt. Den Beinamen hat sich Halle durch den Fotoband „Diva in Grau. Häuser und Gesichter in Halle“ erworben. Die Fotografin Helga Paris hatte von 1983 bis 1985 auf ihren Motiven den desaströsen Zustand der Stadt festgehalten. Zudem enthielt der Band literarische Texte, die wie die Fotos den Zustand der Stadt und die Befindlichkeit vieler Bewohner mit einer poetischen Präzision trafen, dass „Diva in Grau“ in der Folge zu einer viel zitierten Chiffre für die Stadt wurde. Halle war zum Synonym für Verfall und Tristesse geworden.

Für den Betrachter von heute ergibt sich ein durchwachsenes Bild. An Orte des Verfalls schließen sich direkt viele gut erhaltene historische Gebäude an, die vom früheren Ruhm der Stadt als Standort von Handel, Universität, Kunst und Kultur und als Residenzort zeugen. Aufwändige Sanierungsmaßnahmen und städteplanerische Überlegungen haben Früchte getragen. In einem Artikel zum Fotoband heißt es, dass Halle bei aller Tristesse den Glauben aufrecht erhalten habe, eine unzerstörbare Würde zu besitzen, und für künftige Zeiten die Perspektive, wieder einmal lichtere Zeiten erleben zu können.

Was ich von Halle außerhalb der Moritzburg noch sehen werde, entscheidet sich später. Für die, die von der Moritzburg bisher noch nichts gehört haben, an dieser Stelle ein paar Basisinformationen: DieMoritzburgist heute eine als Museum rekonstruierte Burgruine, Im Jahr 1484 wurde der Grundstein für die spätere Residenz der Magdeburger Erzbischöfe gelegt. Sie wurde im Stil der Spätgotik errichtet und ist heute eines der imposantesten Bauwerke der Saalestadt Halle. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Moritzburg 1637 durch ein Feuer in weiten Teilen beschädigt und 1639 sprengten sächsische Truppen die Südwest-Bastion mit einer Mine, um die schwedischen Besatzungstruppen zur Aufgabe zu zwingen. Danach blieb die Burg weitgehend Ruine und der Wohnsitz des Magdeburger Erzbischofs wurde auch offiziell in die benachbarte, 1531 erbaute Neue Residenz verlegt. Seit 1904 beherbergt die Moritzburg vor allem ein Kunstmuseum mit überregionaler Ausstrahlung. Von 2005 bis Dezember 2008 wurden der Nord- und der Westflügel von den Architekten Enrique Sobejano und Fuensante Nieto zur Erweiterung der Ausstellungsfläche ausgebaut. Seit dem 13. Dezember 2008 ist das erweiterte Kunstmuseum für den Publikumsverkehr wieder geöffnet.

Der persönliche Eindruck: eine äußerst beeindruckende Anlage im Zentrum der Stadt, die gerade für Freunde der Kunst ein absolutes Muß ist. Die Bandbreite dessen, was dort an Kunst versammelt ist, beeindruckt. Sie erstreckt sich auf mehreren Ebenen von sakraler Kunst aus der Zeitspanne vom Mittelalter bis zum Barock über die Kunst des 16. bis 19. Jahrhunderts bis hin zur Kunst in der ehemaligen DDR.

Zunächst einiges zum Stichwort „Wege der Moderne – Kunst in der SBZ/DDR 1945 – 1990“: Nach dem Zusammenbruch der DDR herrschte insbesondere in Westdeutschland ein großer Vorbehalt gegenüber der dort von 1945 bis 1990 geschaffenen Kunst. Der Grund: die Nähe bekannter Künstler wie Werner Tübke, Willi Sitte und Bernhard Heisig zur allein herrschenden SED und dem diktatorischen Staatsapparat der DDR. Diese problematische Beziehung wird allerdings in der Ausstellung thematisiert. So wird darauf hingewiesen, dass die sogenannte Formalismus-Debatte im Jahre 1948 zu großen Verwerfungen in der dortigen Künstlerszene führten. Künstler, die nach dem Zweiten Weltkrieg einen Neuanfang wagten und sich nicht den Vorgaben des „Sozialistischen Realismus“ fügten, der eine klare Abgrenzung zum „westlich-dekadenten Kunstbetrieb“ zum Inhalt hatte, bekamen Schwierigkeiten. Auf der ersten Zentralen Kulturtagung der SED vom 7. Mai 1948 wurde eine Abkehr von der Freiheit der Kunst gefordert. „Die Idee der Kunst muss der Marschrichtung des politischen Kampfes folgen“, formulierte der Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl, was verkürzt bedeutete, dass sich die Künstler in der DDR in den Dienst der Idee des Sozialismus zu stellen hatten. Sie sollten mit ihren Werken ein wahrheitsgetreues und gegenständliches Abbild der „sozialistischen“ Wirklichkeit liefern. Der sogenannten „formalistischen Kunst“ aus dem Westen wurde die „Zerstörung der gesellschaftlichen Zusammenhänge“ und der „tatsächlichen Erscheinungsformen der Wirklichkeit“ zum Vorwurf gemacht, die Werke von Künstlern wie Pablo Picasso, Marc Chagall, Karl Schmidt-Rottluf und Karl Hofer wurden mit den Begriffen „Mummenschanz“ und „Wirklichkeitsfälschung“ tituliert.

Die Ausstellung in der Moritzburg greift diese Thematik auf. Wie dort auf Infotafeln nachzulesen ist, „werden offizielle sozialistisch-realistische Positionen kontrastiert mit Werken von Künstlern, die nach Wegen suchten, im Kontakt mit internationalen Entwicklungen zu bleiben beziehungsweise Positionen der künstlerischen Moderne weiterzuentwickeln.“

Wege der Moderne – Kunst in der SBZ/DDR 1945 – 1990“

Beim genaueren Betrachten des Bereiches „Wege der Moderne – Kunst in der SBZ/DDR 1945 – 1990“ wird deutlich, dass die von den Verantwortlichen der Moritzburg formulierten Ziele in bester Manier umgesetzt wurden. Die Bandbreite der Ausdrucksformen sowie das große künstlerische Handwerk überzeugen ebenso wie die zur Verfügung gestellten Informationen über die Künstler, ihre Werke und die damit verbundenen Auseinandersetzungen in einem Staat, der sich den Sozialismus auf die Fahnen geschrieben hatte und daran gescheitert ist.

Weiteres ist in einem Flyer nachzulesen: „Mit der Präsentation der Kunst nach 1945 bezieht sich das Museum auf die eigene Sammlung, die sich für diesen Zeit abschnitt historisch bedingt in erster Linie als eine Sammlung zur Kunst in der ehemaligen DDR darstellt. Dementsprechend bekennt sich das Museum zu seiner regionalen und historischen Verortung und präsentiert die Kunst in der zweiten Jahrhunderthälfte fokussiert auf die vielfältigen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten in der ehemaligen SBZ/DDR.

Den Auftakt bilden in Halle (Saale) entstandene Arbeiten aus den späten 1940er Jahren bis Mitte der 1950er Jahre, jener Zeit, in der Künstler wie Hermann Bachmann, Herbert Kitzel, Horst Strempel oder Theo Balden im Anknüpfen an die von den Nationalsozialisten geächtete Moderne einen künstlerischen Neuanfang versuchten. Infolge der Formalismus-Debatte ab 1948 verließen viele von ihnen enttäuscht die neu gegründete DDR gen Westen.

Im Kern der Präsentation werden offizielle sozialistisch realistische Positionen kontrastiert mit Werken von Künstlern, die nach Wegen suchten, im Kontakt mit internationalen Entwicklungen zu bleiben bzw. Positionen der Moderne weiterzuentwickeln. Arbeiten beispielsweise von Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte oder Willi Neubert treffen u. a. auf Werke von Hermann Glöckner, Robert Rehfeldt, Wasja Götze, Hans Ticha oder A. R. Penck und Hartwig Ebersbach. Mit Werken von Einar Schleef, Wolfram Ebersbach, Clemens Gröszer, Norbert Wagenbrett, Eberhard Göschel, Peter Ma kolies und Hartmut Bonk öffnet sich die Präsentation in die Jahre vor der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten.

Kunst aus dem Dritten Reich

Auch an ein Tabuthema wagt sich das Museum heran: umstrittene Kunst aus dem Dritten Reich. Wie es damit umgeht, ist auf der Internetseite des Museums nachzulesen: „Eine Besonderheit stellt der Ausstellungsbereich zur Kunst 1933 bis 1945 dar. Es werden Werke präsentiert, die in diesem Zeitabschnitt entstanden und zum Teil auch erworben worden sind – sowohl von Vertretern der Moderne als auch von Vertretern der „NS-Kunst“. Mit diesem Ausstellungsteil geht das Museum als eines der ersten Kunstmuseen in Deutschland offensiv mit seiner Institutions- und Sammlungsgeschichte im Rahmen einer Dauerausstellung um und spart die „schwarzen Jahre“ der nationalsozialistischen Diktatur nicht länger als blinden Fleck der Sammlungspräsentation aus. Vielmehr wird in Reaktion auf die jüngeren Forschungsergebnisse zur Kunst im „Dritten Reich“ reagiert und eine Präsentation der Werke gezeigt, die die plakative Schwarz-Weiß Zeichnung der Vergangenheit aufgibt und den Besucher zu einer differenzierten Betrachtung der in dieser Zeit entstandenen Kunst einlädt.“

Dauerausstellung zur Kunst des 20. Jahrhunderts in Deutschland

Es werden aber auch weitere Kunstwerke aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt: „Die 2017 neu eingerichtete Dauerausstellung zur Kunst in Deutschland zwischen 1900 und 1945 stellt die einzigartige Museumsgeschichte anhand herausragender Objekte aus den Sammlungen des Hauses vor. Sie ist in drei Bereiche gegliedert: Kunst 1900–1918 mit dem Schwerpunkt Expressionismus; Kunst 1919–1933 mit den Schwerpunkten Neue Sachlichkeit und Abstraktion; und wie schon erwähnt Kunst 1933–1945. Entlang dieser Abschnitte wird die Geschichte des Museums mit seinen Direktoren und deren Formung der Sammlungen gemeinsam mit der Entwicklung der Kunst in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermittelt. Alle drei Bereiche präsentieren Werke der freien und angewandten Kunst gleichrangig miteinander – neben Gemälden und Plastiken werden dem historischen Profil des 1885 als Museum für Kunst und Kunstgewerbe gegründeten Hauses entsprechend Objekte des Kunsthandwerks sowie kleinplastische Medaillen ausgestellt.“

Vertreten sind Werke unter anderem von Gustav Klimt, George Minne, Edvard Munch, Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Franz Marc, Emil Nolde, Wilhelm Lehmbruck, Georg Kolbe, Moissey Kogan, Alexander Kanoldt, Karl Völker, Richard Horn, Conrad Felixmüller, William Wauer, Lyo nel Feininger, Otto Griebel, Georg Schrimpf, Christian Schad, Oskar Nerlinger, Paul Klee, Fritz Winter, Erwin Hahs, El Lissitzky, Walter Dexel, Erich Buchholz, Ewald Mataré, Gustav Weidanz, Karl Hofer, Otto Dix, Franz Lenk, Werner Peiner, Ernst Wilhelm Nay, Max Ernst, Oskar Moll, Karl Müller, Heinz Trapp, Paul Mathias Padau, Fritz Klimsch, Richard Scheibe, Gerhard Marcks und Emi Roeder sowie Mathilde Flögl, Max Laeuger, Wilhelm Wagenfeldt, Marianne Brandt, Marguerite Friedlaender und Jan Bontjes van Beek.

Kunst des 16. bis 19. Jahrhunderts und Sakrale Kunst vom Mittelalter bis Barock

Ergänzt wird die insgesamt 250.000 Gemälde, Zeichnungen, Aquarellen, Druckgrafiken, Fotografien, Plastiken, Objekte des Kunsthandwerks und Designs sowie Münzen, Geldscheinen und Medaillen umfassende Sammlung durch Kunst des 16. bis 19. Jahrhunderts und durch Sakrale Kunst vom Mittelalter bis Barock.

In den beiden Etagen des Talamtsgebäudes im Südflügel der Moritzburg werden in sechs Räumen Gemälde, Plastiken, Objekte des Kunsthandwerks und Medaillen vom 16. bis 19. Jahrhundert präsentiert. Neben Arbeiten von Anselm Feuerbach, Hans von Marées oder Carl Adolf Senff gibt es unter anderem auch Gemälde von französischen und italienischen Meistern zu entdecken. Besondere Höhepunkte sind das Vanitas-Stillleben des Damien Lhomme, genannt „Meister des Almanachs“, und dieDiana von Hans von Aachen, des Hofmalers Kaiser Rudolfs II. in Prag.

Die Ausstellung mittelalterlicher Altäre und Skulpturen, von Spolien aus bedeutenden halleschen Bauwerken und sakralen Objekten im Gotischen Gewölbe vereint eine Auswahl aus den reichen Sammlungen der alten Kunst in einem Raum, der zu den ursprünglichen Teilen der Residenz zählt.

Seit 1952 wird das Gewölbe für Ausstellungen alter Kunst und des Kunsthandwerks genutzt. Die Altäre und Altarfiguren der Sammlung stammen vorwiegend aus Kirchen im mitteldeutschen Raum. Überwiegend wurden sie auch in den zahlreichen Werkstätten in der Region gefertigt.

„In Tausend Teile zersprungenen Mann wieder zusammenzufügen“

Biografischer Roman von Max Gallo über Napoleon

Eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der Geschichte ist ohne Zweifel Napoleon Bonaparte. Aus eher ärmlichen Verhältnissen stammend schaffte es der gebürtige Korse im fast noch zarten Alter von 30 Jahren, Herrscher Frankreichs zu werden und über 15 Jahre die politische Entwicklung Europas maßgeblich zu prägen.

Um einen gleichzeitig informativen wie unterhaltsamen Einblick in das Leben und Wirken dieses außergewöhnlichen Staatsmannes und Kriegsherren zu gewinnen, empfiehlt sich die Lektüre der in Romanform geschriebenen Biografie von Max Gallo, die auch als Grundlage für einen mehrteiligen Fernsehfilm mit hochkarätiger Besetzung (unter anderem John Malkovich, Isabella Rosselini und Gerard Depardieu) diente.

Voraus gestellt sei dieser Buchempfehlung, dass der auch als Historiker und Politiker tätige Autor bei seinen vor allem biografisch geprägten Veröffentlichungen ein eher traditionelles Geschichtsbild pflegte. Für ihn waren es weniger soziale Umwälzungen und gesellschaftliche Strukturen als große Männer, die Geschichte machten. Das prägt auch seine Darstellung des Napoleon.

Der Leser, der sich aber trotzdem darauf einlässt, kann sich auf ein umfassendes, detailreiches und äußerst spannend geschriebenes Porträt eines der bedeutendsten Staatsmänner des 19. Jahrhunderts freuen, dem trotz seiner persönlichen Widersprüchlichkeiten – vom Anhänger der Revolution bis zur Krönung zum Kaiser durch eigene Hand – in seiner Heimat Frankreich noch immer große Ehre zuteil wird.

Befragt nach dem Ziel, das Autor Gallo mit seinem biografischen Roman anstrebte, antwortete er vor dem Hintergrund vieler vorheriger Veröffentlichungen, in denen jeweils nur Teilaspekte Napoleons und seiner Herrschaft beschrieben wurden, dass es ihm darum gegangen sei, „diesen in tausend Teile zersprungenen Mann wieder zusammenzufügen. Ich wollte verstehen, wie man gleichzeitig den Code civil diktieren, eine Nacht mit einer Schauspielerin verbringen und den Plan für die Schlacht von Austerlitz entwerfen kann.“

Und das ist ihm wirklich gelungen. Wer sich als Leser darauf einlässt, gewinnt das Gefühl, bei allen politischen, militärischen und privaten Handlungen Napoleons diesem gewissermaßen über die Schulter schauen zu können und immer mitten im Geschehen zu sein. Zu erleben ist die Biografie eines Mannes, dem die große Karriere bis hin zum Kaiser von Frankreich nicht in die Wiege gelegt war. Die Chance, die sich ihm dank einer gewissen Protektion bietet, ist die Armee. Dort beißt er sich trotz vieler Kränkungen durch seine sogenannten Kameraden, die über ihn wegen seiner geringen Körpergröße spotten und ihn dies auch körperlich spüren lassen, durch, vertieft sich außerhalb seines Dienste in Lektüre unterschiedlichster Art und erhält als Leutnant der Artillerie bei der Schlacht um Toulon die Chance seines Lebens. Napoleon trägt mit seinem großen militärischen Wissen und Talent zum Sieg gegen die Feinde der französischen Revolution wesentlich bei. Von da an geht es steil voran. Er gewinnt weitere entscheidende Schlachten, bis ihn der Ruf der Unbesiegbarkeit umgibt und das Streben nach politischer Macht unausweichlich wird, weil das Volk seine Helden liebt. Er stürzt 1799 das seit fünf Jahren herrschende sogenannte Direktorium (Anm.: Exekutivgewalt der 1. Französischen Republik) und wird 1. Konsul.

Trotz eines gewissen Heroentums, mit dem Max Gallo seinen Helden adelt, beschreibt er aber auch andere durchaus kritische Aspekte, die das Leben sowie die politischen und militärischen Handlungen bestimmen. Der Leser lernt einen zutiefst misstrauischen, einsamen und fast nur ichbezogenen Menschen kennen, der alles dominieren und bestimmen will, was im Staate Frankreich passiert. Auch vor den Mitgliedern seiner Familie, die er zu einem nicht geringen Teil in sein Herrschaftssystem einbindet, das sich im Laufe der Jahre auf das kontinentale Europa erstrecken wird, und seiner ersten Frau Josefine macht er dabei nicht Halt in seinem Kontrollwahn. Das geht sogar so weit, dass er bestimmen möchte, wer geheiratet wird oder nicht.

Ein gehetzter Mann, so beschreibt es Gallo, begibt sich auf den Weg, der größte Herrscher seiner Zeit zu werden – wie einst Alexander der Große, dem er nacheifert. Unablässig ist er in Kriege gegen viele Länder Europas involviert, was zunächst die Reaktion darauf ist, dass sich Großbritannien, Deutschland und andere nach der Französischen Revolution und dem gewaltsamen Sturz Ludwigs des 16. sich auf die Seite des französischen Adels gestellt hatten und dabei auch auf Frankreichs Boden gegen die revolutionären Kräfte kämpften. Nicht ganz zu Unrecht sieht sich Napoleon von feindlichen Mächten umgeben. Doch das ist es nicht allein, was ihn antreibt. Es geht auch um die Eitelkeit des in jungen Jahren gekränkten Underdogs gegen die aristokratischen Eliten, die ihm mit Verachtung begegnen. Gallo kennt den Charakter von Napoleon, der sich nach Anerkennung sehnt und sich diese zumeist mit Gewalt verschafft. Bezeichnend dafür ist die von Gallo detailreich und vielschichtig geschilderte Zusammenkunft mit dem russischen Zaren Alexander 1., den er in einer Schlacht geschlagen hat. Napoleon entwickelt Sympathie für ihn, glaubt einen Bruder im Geiste kennengelernt zu haben und spinnt schon Pläne, gemeinsam ein Weltreich errichten zu wollen.

Die Enttäuschung darüber, dass Alexander 1. die Sympathie nicht erwidert, ist dann der Anfang vom Ende. Max Gallo beschreibt in aller Ausführlichkeit, wie sich Napoleon in unzähligen Kriegen an unterschiedlichsten Ecken Europas verliert, immer beratungsresistenter agiert und unter anderem mit dem Einmarsch in Russland einen großen Fehler begeht, der nicht wieder gutzumachen ist. Egomanie im Übermaß war schon immer der Wegbereiter des Untergangs vieler Herrscher. Für den französischen Kaiser ist die Herrschaft nach 15 Jahren beendet, sein Ende auf der weit entfernten Insel St. Helena tragisch und traurig.

Kurzum: Wer einmal mit dem Roman angefangen hat, Interesse an Geschichte und spannenden Persönlichkeiten hat, wird ihn kaum wieder aus der Hand legen.

Gregor Samsa und sein Doppelgänger Gregor Ducksa

Vom Rätselhaften zum Einfachen

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ – Literaturliebhaber kennen diesen ersten Satz aus Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“. Er gehört zu den berühmtesten Sätzen der Weltliteratur und ist der Beginn einer unheimlichen und rätselhaften Geschichte, die zu vielen Interpretationen Anlass bot und immer noch bietet.

Kurzum: Es geht in diesem Klassiker der Weltliteratur also um diesen Gregor Samsa, der zunächst als Person nicht näher beschriebern wird, und den das Schicksal der Verwandlung in ein Insekt ereilt hat. Erst denkt er noch, er hätte schlecht geträumt. Doch sein neuer Körper mit einem gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch und dünnen, zappelnden Beinchen belehrt ihn eines Besseren. Und schon beginnen die Probleme. Das Aufstehen wird aufgrund seines neuen und ungewohnten Insektenkörpers zur fast unüberwindlichen Qual und er hat den Wecker nicht gehört.

Eigentlich hätte er um 4 Uhr morgens aufstehen müssen, um seiner Arbeit als Handelsreisender in Tuchwaren nachzugehen, doch es ist schon halb 7. Eigentlich möchte er auch noch ein wenig schlafen, die Arbeit strengt ihn so an, dass er oft müde ist. Gregor Samsa will daher auch gar nicht mehr als Reisender tätig sein und kündigen. Doch da gibt es ein Problem: Er muss mit dem verdienten Geld die Schulden der Eltern abtragen, die mit einem Geschäft pleite gegangen sind. Und die Familie samt Schwester macht sich Sorgen, als sie merken, dass Gregor verschlafen hat. Es ruft die Mutter: „Gregor. Es ist dreiviertel sieben. Wolltest du nicht wegfahren?“ Die Situation ist mehr als abstrus. Gregor macht sich trotz seiner besonderen Lage Gedanken, wie es mit der Arbeit weitergehen könne. Wegen der Unpünktlichkeit erwartet er ein Donnerwetter des Chefs, Er denkt realistisch, ganz konkret über seine Situation als Handelsreisender nach, ist aber gleichzeitig in seiner neuen Situation als Käfer gefangen. Eine Ausweglosigkeit, die sich auch in vielen anderen Figuren ihres literarischen Schöpfers Franz Kafka wiederfindet.

Dass in der Erzählung „Die Verwandlung“ ausgedrückte Gefühl, dass ihm trotz einer wirklich überflüssigen Schläfrigkeit ganz wohl sei und dass er „sogar einen besonders kräftigen Hunger“ habe, macht das ganze Geschehen noch umso absurder. Aber es kommt noch schlimmer. Seine Stimme, so meint er zu hören, mische sich bei seinem Versuch, der Mutter zu antworten, mit einem „nicht zu unterdrückenden, schmerzlichen Piepen …, das die Worte förmlich nur im ersten Augenblick in ihrer Deutlichkeit beließ, um sie im Nachklang derart zu zerstören, daß man nicht wußte, ob man recht gehört hatte.“

Bald steht auch der Vater vor der Tür, und gleichfalls die Schwester. Auch sie rufen nach Gregor und bitten, dass er die Tür öffnen möge. Der aber denkt gar nicht daran, dem nachzukommen. Sein Wunsch für den weiteren Verlauf seines Handelns ist ein anderer und klingt eigentlich sehr vernünftig: „Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und vor allem frühstücken, und dann erst das Weitere überlegen, denn, das merkte er wohl, im Bett würde er mit dem Nachdenken zu keinem vernünftigen Ende kommen. Er erinnerte sich, schon öfters im Bett irgendeinen vielleicht durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmerz empfunden zu haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Erfindung herausstellte, und er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich auflösen würden.“

Es geht in diesem Moment aber nicht um Erfindungen und Vorstellungen. Sein Körper ist ein ganz anderer – der eines Insektes – geworden, und das Bemühen, „sich nicht im Bette unnütz“ aufzuhalten, wird zur Qual. Kafka beschreibt es so: „Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Körpers aus dem Bett hinauskommen, aber diese untere Teil, den er übrigens noch nicht gesehen hatte und von dem er sich auch keine rechte Vorstellung machen konnte, erwies sich als zu schwer beweglich; es ging so langsam; und als er schließlich, fast wild geworden, mit gesammelter Kraft, ohne Rücksicht sich vorwärtsstieß, hatte er die Richtung falsch gewählt, schlug an den unteren Bettpfosten heftig an, und der brennende Schmerz, den er empfand, belehrte ihn, daß gerade der untere Teil seines Körpers augenblicklich vielleicht der empfindlichste war.“

Auch weitere Versuche scheitern. Doch Gregor gibt nicht auf und sagt sich noch einmal, „daß er unmöglich im Bett bleiben könne und daß es das Vernünftigste sei, alles zu opfern, wenn auch nur die kleinste Hoffnung bestünde, sich dadurch vom Bett zu befreien. Gleichzeitig aber vergaß er nicht, sich zwischendurch daran zu erinnern, daß viel besser als verzweifelte Entschlüsse ruhige und ruhigste Überlegung sei.“ Auch über die Arbeit macht er sich Gedanken, schließlich ist er ja schon unpünktlich. Er sagt sich: „Ehe es ein viertel Acht schlägt, muß ich unbedingt das Bett verlassen haben. Im übrigen wird auch bis dahin jemand aus dem Geschäft kommen, um nach mir zu fragen, denn das Geschäft wird vor sieben Uhr geöffnet.“ Und so geschieht es auch. Der Prokurist steht vor der Wohnungstür und läutet. Und in Gregors Kopf dreht sich ein Fragenkarussell: „Warum war nur Gregor dazu verurteilt, bei einer Firma zu dienen, wo man bei der kleinsten Versäumnis gleich den größten Verdacht fasste? Waren denn alle Angestellten samt und sonders Lumpen, gab es denn unter ihnen keinen treuen, ergebenen Menschen, der, wenn er auch nur ein paar Morgenstunden für das Geschäft nicht ausgenützt hätte, vor Gewissensbissen närrisch wurde und geradezu nicht imstande war, das Bett zu verlassen? Genügte es wirklich nicht, einen Lehrjungen nachfragen zu lassen … mußte da der Prokurist selbst kommen, und mußte dadurch der ganzen unschuldigen Familie gezeigt werden, daß die Untersuchung dieser verdächtigen Angelegenheit nur dem Verstand des Prokuristen anvertraut werden konnte?“

Diese Überlegungen haben schmerzvolle Folgen: “Und mehr infolge der Erregung, in welche Gregor durch diese Überlegungen versetzt wurde, als infolge eines richtigen Entschlusses, schwang er sich mit aller Macht aus dem Bett … Ein wenig wurde der Fall durch den Teppich abgeschwächt, auch war der Rücken elastischer, als Gregor gedacht hatte … Nur den Kopf hatte er nicht vorsichtig genug gehalten und ihn angeschlagern; er drehte ihn und rieb ihn an dem Teppich vor Ärger und Schmerz.“

Und was passiert derweil vor Gregors Tür? Der Vater weist darauf hin, dass der Prokurist gekommen ist, um sich zu erkundigen, warum er seiner Arbeit nicht nachgekommen sei, und die Mutter sagt entschuldigend, dass ihm nicht wohl sei. Gleichzeitig versichert sie, dass ihr Sohn eigentlich nichts anderes im Kopf habe als das Geschäft. Der Prokurist akzeptiert zunächst den von der Mutter angeführten Grund für Gregors Fernbleiben von der Arbeit, macht aber auch gleichzeitig darauf aufmerksam, „daß wir Geschäftsleute – wie man will, leider oder auch glücklicherweise – ein leichtes Unwohlsein sehr oft aus geschäftlichen Rücksichten einfach überwinden müssen.“ Diese Äußerung bringt den Vater dazu, auch Druck zu machen, obwohl Gregor gesagt hat, dass er gleich kommen werde: „Also kann der Herr Prokurist schon zu dir hinein?“, fragte der ungeduldige Vater und klopfte wieder an die Tür.“

Auch die Schwester macht sich bemerkbar. Sie beginnt im Nebenzimmer zu schluchzen. Gregor macht sich über die Gründe Gedanken: „Und warum weint sie denn? Weil er nicht aufstand und den Prokuristen nicht hereinließ, weil er in Gefahr war, den Posten zu verlieren, und weil dann der Chef die Eltern mit den alten Forderungen wieder verfolgen würde? Das waren doch vorläufig wohl unnötige Sorgen.“

Außerdem hat Gregor ja auch seine nachvollziehbaren Gründe, die Tür nicht zu öffnen. Sie sind seinem neuen Insektenkörper geschuldet, der ihm ungewohnte Schwierigkeiten bereitet: „Augenblicklich lag er wohl da auf dem Teppich, und niemand, der seinen Zustand gekannt hätte, hätte im Ernst von ihm verlangt, daß er den Prokuristen hereinlasse.“ Gregor interpretiert seine Verweigerung, die Tür zu öffnen, als „kleine Unhöflichkeit, für die sich ja später leicht eine passende Ausrede finden würde.“ Und er glaubt nicht, dass sein momentanes Verhalten Grund dafür sein könne, ihn zu entlassen. Vielmehr, so scheint ihm, wäre es viel vernünftiger, „ihn jetzt in Ruhe zu lassen, statt ihn mit Weinen und Zureden zu stören.“ Gregor hat aber auch Verständnis für das Verhalten der anderen: „ … es war eben die Ungewissheit, welche die anderen bedrängte und ihr Benehmen entschuldigte.“

Während er noch Verständnis für das Verhalten der anderen aufbringt, steigt vor allem beim Prokuristen das Unverständnis gegenüber Gregors Verhalten, das er auch in deutlichen Vorwürfen und Drohungen artikuliert: „Sie verbarrikadieren sich da in Ihrem Zimmer, antworten bloß mit Ja und Nein, machen Ihren Eltern schwere, unnötige Sorgen und versäumen … Ihre geschäftlichen Pflichten in einer eigentlich unerhörten Weise … Ich glaubte Sie als einen ruhigen, vernünftigen Menschen zu kennen, und nun scheinen Sie plötzlich anfangen zu wollen, mit sonderbaren Launen zu paradieren. Der Chef deutete mir zwar heute früh eine mögliche Erklärung für ihre Versäumnis an – sie betraf das Ihnen seit kurzem anvertraute Inkasso -, aber ich legte wahrhaftig fast mein Ehrenwort dafür ein, daß diese Erklärung nicht zutreffen könne. Nun aber sehe ich hier Ihren unbegreiflichen Starrsinn und verliere ganz und gar jede Lust, mich auch nur im geringsten für Sie einzusetzen. Und Ihre Stellung ist durchaus nicht die festeste.“

Gregor ist aufgrund dieser vernichtenden Äußerungen außer sich und versucht dem Prokuristen gegenüber, sein seltsam erscheinendes Verhalten mit Unwohlsein und Schwindelgefühl zu entschuldigen, verwahrt sich gegen die Vorwürfe, weist auf von ihm eingeholte Aufträge hin, die vielleicht nicht berücksichtigt worden seien, bittet darum, seine Eltern vor solchen Anschuldigungen zu schonen, und erklärt, dass er sich gleich auf den Weg machen werde: „Übrigens, noch mit dem Achtuhrzug fahre ich auf die Reise, die paar Stunden Ruhe haben mich gekräftigt. Halten Sie sich nur nicht auf, Herr Prokurist, ich bin gleich selbst im Geschäft, und haben Sie die Güte, das zu sagen und mich dem Herrn Chef zu empfehlen!“

Während er „dies alles hastig ausstieß und kaum wußte, was er sprach“, gelingt es ihm trotz der durch seinen neuen Körper bedingten Schmerzen im Unterleib, Herrschaft über sich zu erlangen und aufrecht zu stehen, indem er sich gegen die Rückenlehne eines nahen Sessels fallen lässt, „an deren Rändern er sich mit seinen Beinchen festhielt.“

Vor seiner Tür bricht bei der Familie Panik aus. Wieder klingt seine Stimme unverständlich, der Prokurist vermutet eine Tierstimme. Die Mutter befürchtet, dass Gregor schwer krank sei und erteilt der Tochter Grete den Auftrag, den Arzt zu verständigen, der Vater hingegen verlangt nach einem Schlosser, der die Tür öffnen soll.

Gregor ist angesichts der Aktivitäten seiner Eltern „viel ruhiger geworden“. Er vermutet, dass sie verstanden haben, „dass es mit ihm nicht ganz in Ordnung war“ und dass sie bereit sind, ihm zu helfen. Seine Stimmung bessert sich im nu: „Die Zuversicht und Sicherheit, mit welchen die ersten Anordnungen getroffen worden waren, taten ihm wohl. Er fühlte sich wieder einbezogen in den menschlichen Kreis und erhoffte von beiden, vom Arzt und vom Schlosser, ohne sie eigentlich genau zu scheiden, großartige und überraschende Leistungen.“

Angespornt von den Aktivitäten vor der Tür versucht auch Gregor einen Beitrag zu leisten. Trotz der Schwierigkeiten, die ihm sein neuer Körper bereitet, bemüht er sich nach Kräften, an den Schlüssel zu kommen, ihn zu drehen und damit die Tür zu öffnen. Das gelingt trotz einer Verletzung. Langsam lugt er hinter der Tür hervor.

Als die da draußen ihn dann erstmals in seiner jetzigen Gestalt sehen, ist der Schrecken groß. „Oh“, ruft der Prokurist, die Mutter wird ohnmächtig und der Vater scheint ihm mit der Faust zu drohen, doch das war nur der erste Eindruck. Nach einem kurzem Moment weint er angesichts der Verwandlung seines Sohnes so stark, „daß sich seine mächtige Brust schüttelte.“

So hat Gregor das Gefühl, „daß er der einzige war, der die Ruhe bewahrt hatte“, und versichert, dass er sich gleich auf den Weg machen werde: „Ich werde mich gleich anziehen, die Kollektion zusammenpacken und wegfahren“. In Richtung Prokurist zeigt er sich unterwürfig, entschuldigend und sagt: „Sie sehen, ich bin nicht starrköpfig und ich arbeite gern; das Reisen ist beschwerlich, aber ich könnte ohne das Reisen nicht leben … Man kan im Augenblick unfähig sein, zu arbeiten, aber dann ist gerade der richtige Zeitpunkt, sich an die früheren Leistungen zu erinnern und zu bedenken, daß man später, nach Beseitigung des Hindernisses, gewiß desto fleißiger und gesammelter arbeiten wird. Ich bin ja dem Herrn Chef so sehr verpflichtet, das wissen Sie doch recht gut.“ Gregor geht aber in der Angst, seine Arbeit zu verlieren, noch weiter, bittet und bettelt den Prokuristen an: „Machen Sie es mir aber nicht schwieriger, als es schon ist. Halten Sie im Geschäft meine Partei! Man liebt den Reisenden nicht, ich weiß. Man denkt, er verdient ein Heidengeld und führt dabei ein schönes Leben … Sie aber, Herr Prokurist, Sie haben einen besseren Übewrblick über die Verhältnisse als das sonstige Personal, ja sogar, ganz im Vertrauen gesagt, einen besseren Überblick als der Chef selbst … Herr Prokurist, gehen Sie nicht weg, ohne mir ein Wort gesagt zu haben, das mir zeigt, daß Sie mir wenigstens zu einem kleinen Teil recht geben!“

Doch alles Bitten und Betteln hilft nicht, der Prokurist wendet sich von Gregor ab. Dessen Sorgen angesichts des bevorstehenden Weggangs des Prokuristen verschärfen sich: „Gregor sah ein, daß er den Prokuristen in dieser Stimmung auf keinen Fall weggehen lassen dürfe, wenn dadurch seine Stellung im Geschäft nicht aufs äußerste gefährdet werden sollten … Der Prokurist musste gehalten, beruhigt, überzeugt und schließlich gewonnen werden; die Zukunft Gregors und seiner Familie hing doch davon ab!“ Diese Sorgen bewegen ihn zu einem fatalen Schritt. Gregor bewegt sich auf den Prokuristen zu, der fluchtartig die Wohnung verlässt und die Treppe runterstürzt. Gleichzeitig erschrickt die Mutter angesichts seiner körperlichen Erscheinung, und der Vater versucht, ihn mithilfe eines Stocks und einer Zeitung in sein Zimmer zurückzutreiben. Gregor widersetzt sich dem nicht, doch sein Körper, den er nicht so recht zu koordinieren vermag, spielt ihm einen Streich und es dauert lange, bis er sich in Richtung Zimmer bewegen kann, in das er letztendlich mit dem Fußtritt seines Vaters befördert wird, verletzt und blutend. Dann wird es endlich still.

Der langsame Niedergang des Gregor Samsa

Als er aus einem „schweren ohnmachtsähnlichen Schlaf“ erwacht und sich zunächst „genügend ausgeruht und ausgeschlafen“ fühlt, bemerkt Gregor Samsa die körperlichen Folgen, die er von dem Fußtritt seines Vaters davongetragen hat: „Seine linke Seite schien eine einzige lange, unangenehm spannende Narbe, und er mußte auf seinen zwei Beinreihen regelrecht hinken. Ein Beinchen war übrigens im Laufe der vormittäglichen Vorfälle schwer verletzt worden … und schleppte leblos nach.“ Damit hat es mit seiner elenden Situation aber noch kein Ende. Das ihm vorgesetzte Essen, bestehend aus süßer Milch, „in der kleine Schnitten von Weißbrot schwammen“, schmeckt ihm trotz großen Hungers nicht, obwohl Milch „sonst sein Lieblingsgetränk war.“

Was ihm nach der abgebrochenen Nahrungsaufnahme auffällt, ist die Stille, die in der Wohnung herrscht. Das laute Vorlesen der Zeitung durch den Vater, das sonst jeden Morgen am Frühstückstisch erfolgt und von dem ihm die Schwester berichtet hat – er selbst war ja zu dieser Zeit schon als Reisender in Sachen Textilien unterwegs – scheint aus der Übung gekommen zu sein. Gregor kommt ins Grübeln: „Was für ein stilles Leben die Familie doch führte“, sagt er sich „und fühlte … einen großen Stolz darüber, daß er seinen Eltern und seiner Schwester ein solches Leben in einer so schönen Wohnung hatte verschaffen können. Wie aber, wenn jetzt alle Ruhe, aller Wohlstand, alle Zufriedenheit ein Ende mit Schrecken nehmen sollten?“

Was Gregor auch bemerkt, ist das veränderte Verhalten seiner Familie. Hatte diese am Morgen noch voller Sorge zu ihm hereinkommen wollen, ist es am Abend genau das Gegenteil: „… jetzt, da er die eine Tür geöffnet hatte … kam keiner mehr, und die Schlüssel steckten nun auch von außen.“

Nachdem sich die Familie zur Nachtruhe begeben hat, verfällt er wieder ins Grübeln und überlegt, „wie er sein Leben jetzt neu ordnen sollte.“ Erfüllt von einer Angst, deren Ursache er nicht herausfinden kann, eilt er unter das Kanapee, „wo er sich, trotzdem sein Rücken ein wenig gedrückt wurde und trotzdem er den Kopf nicht mehr erheben konnte, gleich sehr behaglich fühlte und nur bedauerte, daß sein Körper zu breit war, um vollständig unter dem Kanapee untergebracht zu werden.“ Gregor scheint sich trotz des körperlichen Ungemachs in Form der Verwandlung in ein Insekt in sein Schicksal zu fügen.

So ist also in der Erzählung „Die Verwandlung“ etwas geschehen, was beim Leser sofort Fragen auslöst. Ist es denn die Möglichkeit, dass ein Mensch sich in ein Insekt verwandeln kann, was soll das überhaupt und was will uns der Dichter eigentlich damit sagen?

Um darauf eine Antwort zu geben, bedarf es der Literaturwissenschaft. Wie Egon Ecker, der Autor mehrerer Fachbücher über deutsche Literatur, in der Reihe Analysen und Reflexionen des Beyer Verlages über einige Erzählungen Kafkas schreibt, sei es schwierig, in Kafkas Welt einzudringen: „Seine Werke sind vieldeutig und lassen daher die verschiedensten Interpretationen zu, manche seiner Texte sind sogar kaum deutbar, weil uns der persönliche Bezug fehlt“, heißt es im Kapitel Einführung in Kafkas Weltanschauung. Das klingt allerdings, ich muss es gestehen, nicht gerade hilfreich. Es stellt sich die Frage, was ich mit einem Text soll, zu dem ich keinen persönlichen Bezug habe. Auch der Hinweis, dass gerade in der Vieldeutigkeit der Texte der besondere Reiz liegt, erscheint wenig zielführend. Von sprachlichen Zeichenkombinationen, mehreren Dekodierungen und einem aufnehmenden Reproduktionsprozess mit immer neuen Variationen ist bei Ecker die Rede. Das klingt auch für den anspruchsvolleren Leser mehr als anstrengend.

Und es kommt noch dicker. Beim Leser soll der „Prozess der weiterdichtenden, ins Offene hinausführenden Deutungsversuche“ in Gang gesetzt werden, wie es bei dem von Ecker zitierten Karl-Heinz Fingerhut in ,dessen Schrift „Zugang zu Erzählungen Kafkas über das Märchen“ in: Blätter für den Deutschlehrer, H. 3, 1971, S. 88, nachzulesen ist. Die Erkenntnis daraus lässt sich kurzfassen: Der Leser muss sich mit einem Text befassen, den er nicht versteht, und dann soll er noch den Literaten in sich wachrufen, um zumindest den Versuch wagen zu können, den Text verstehen zu wollen, den er nicht versteht, weil er nicht zu verstehen ist.

Hilfreich angesichts dieser aussichtslos erscheinenden Situation des Nichtverstehens ist es, auf andere Variationen des Motivs der Erzählung „Die Verwandlung“ zurückzugreifen, die dem Leser die Möglichkeit bieten, einen persönlichen Bezug herzustellen und auch etwas verstehen zu können.

Wie eine literarische Entdeckung – ohne Anspruch auf Erstentdeckung – meinerseits belegt, gibt es auch einen Comic-Doppelgänger von Gregor Samsa, der bisher weitestgehend ein Schattendasein in der von literarischem Feingeist geprägten feuilletonistischen Öffentlichkeit führte. Eingefleischte Donaldisten werden ihn natürlich kennen. Er heißt mit Pseudonym Gregor Ducksa, entstammt aber unter seinem richtigen Namen Donald Duck ursprünglich aus der Stadt Entenhausen, vielen aus der Reihe „Lustiges Taschenbuch“ bekannt.

Im Comic „Die Verwandlung“, so ist es dort zu lesen, heißt er aber, wie schon erwähnt, Gregor Ducksa, und lebt in Prag. Der erste Bezug zu Franz Kafka, der gleichfalls in Prag lebte, ist hier zumindest schon auszumachen.

Auch andere Figuren aus dieser mit vielen Bildern und wenig Text dargestellten Geschichte mit einem abenteuerlichen und humorvollen Inhalt, wie ein Comic als lexikalischer Begriff offiziell definiert ist, kommen einem bekannt vor. Es sind im Original Onkel Dagobert Duck als Dagotek Ducksa, die Neffen Tick, Trick und Track als Vli, Vla und Vlo, Daisy als russisches Hausmädchen Anna im Haus Ducksa, Erfinder Daniel Düsentrieb als Danielcek Düsinski und Klaas Klever als Klaasek Kleverini.

Was die in dem Comic erzählte Geschichte angeht, ist sie eine etwas andere als die in der gleichnamigen Erzählung von Franz Kafka. Während bei Kafka viele Fragen nach der Deutung des Textes trotz allen literaturwissenschaftlichen Bemühens offen bleiben werden, geht es im Comic etwas eindeutiger und handfester zu, was vielleicht auch der literarischen Form geschuldet ist. Oder auch dem Bedürfnis des Lesers nach einer für gewöhnliche Gemüter zu verstehenden Handlung mit einem Schluss, der keine Fragen offen lässt.

Der Ausgangspunkt der Geschichte ist aber zunächst der gleiche wie bei Kafka. Gregor Ducksa, ebenfalls Handelsreisender in Textilien, hat verschlafen. Doch im Gegensatz zu Kafka geht das weitere Geschehen seinen schnellen Gang, und auch die Ursache der Schulden ist eine andere. Durch seine ständige Schläfrigkeit hat Gregor Ducksa bei einem Transport einen Kahn mit Stoffballen versenkt, die seinem Onkel Dagotek gehörten. Der Schaden: 10.000 Kronen.

Zack zack wird daher der Held der Geschichte von seinem Onkel aus dem Bett getrieben, damit dieser durch seine Tätigkeit als Handelsreisender erzielten Erlöse sobald wie möglich seine Schulden begleichen kann. Gregor macht sich also mit seinem Musterkoffer per Zug auf den Weg von Prag nach Brünn.

Währenddessen trifft sein Onkel auf seinen ewigen Widersacher in Sachen Erfolgreiche Geschäfte, Klaasek Kleverini, der mit seinem gleichnamigen Zirkus auf Tour ist. Was es mit diesem hier schon kurz angedeuteten erzählerischen Nebenstrang der Geschichte auf sich hat, darauf ist später noch mehr einzugehen.

Wie aber der eingefleischte Leser der „Lustigen Taschenbücher“ bereits ahnt oder weiß, ist das Geschick Gregor Ducksas dem Original Donald Duck nachempfunden, der wie in seinem tragischen und richtigen Leben von einem Mißgeschick in das andere gerät. Das erhoffte Geschäft in Brünn will natürlich nicht gelingen und so nimmt das Schicksal Donalds beziehungsweise Gregors seinen verhängnisvollen Lauf.

Dass es alte Zeiten gegeben hat, wo das Wünschen noch geholfen hat, meint sein Onkel Dagotek in der Zwischenzeit zu wissen; und der wünscht sich nach einer weiteren geschäftlichen Pleite nichts anderes, als dass sein Neffe tüchtig und erfolgreich werde. Und wer kann da helfen? Erfinder Danielcek Düsinski, der, wie es der Zufall gerade so will, einen Wachmacher in Form von Pillen entwickelt hat. Schelm, der Böses dabei denkt.

Eher nicht dem Zufall, sondern der Weiterführung der bald unglaublich wirkenden Geschichte geschuldet, kommt es bei der Verabreichung der Pillen zu einem unglücklichen Vorfall. Es waren die falschen Pillen, und statt tüchtig und erfolgreich zu werden, wachsen Gregor am ganzen Körper schwarze Haare. Natürlich zum Erschrecken der Familie, allerdings nicht der ganzen Familie. Onkel Dagotek vermutet hinter dem Haarwuchs einen Trick, damit sich der Neffe vor der Arbeit drücken kann

Gerade rechtzeitig kommt da Zirkusdirektor Klaasek Kleverini ins Spiel, Er entdeckt per Zufall, was mit Gregor Ducksa geschehen ist und hat sofort ein Angebot, dass der kaum ablehnen kann: Wenn Gregor sich als „einzig echtes Haarwunder“ für einen Monat im Zirkus bestaunen lässt, winkt ihm als Lohn die Summe von 10.000 Kronen. Er wäre alle seiner Schulden ledig und könnte ein neues Leben beginnen. Gregor stimmt in seiner Verzweiflung zu.

Und was geschieht in der Zwischenzeit im Hause Ducksa? Dienstmädchen Anna entdeckt, als sie Gregor eine Suppe bringen will, sein Verschwinden. Vli, Vla und Vlo bekommen das auch mit. Eine Spur, wo er sein könnte, findet sich per Zufall in Form einer Epaulette, doch etwa Genaueres kann da noch niemand wissen.

Auch an anderer Stelle nimmt die Geschichte ihren Lauf. Onkel Dagotek, der den Grund des urplötzlichen Haarwuchses ahnt, wendet sich in seiner Not ein weiteres Mal an Erfinder Düsinski, der sofort erkennt, dass es sich durch einen Fehlgriff bei den verabreichten Pillen um Chitinin handelte, ein noch nicht erprobtes Haarwuchsmittel, nicht um ein Mittel, aus einem eher trägen und schläfrigen einen tüchtigen und erfolgreichen Neffen und Mitarbeiter zu machen. Logischerweise gibt es natürlich umgehend ein Gegenmittel namens Euchitinon, und so machen sich Dagotek Ducksa und Danielcek Düsinski auf den Weg zu Gregor, den sie immer immer noch in seinem Zimmer wähnen.

Die schon erwähnte Epaulette, die auf die Uniform eines Zirkusdirektors verweist führt dann alle auf die richtige Spur: zum Zirkus von Klaasek Kleverini natürlich, wo Gregor Ducksa zum haarigen Publikumsliebling aufgestiegen ist. Im Schlaf nach erfolgreicher Show wird ihm von Danielcek Düsinski das Gegenmittel gespritzt. Doch das Ergebnis gefällt nur Onkel Dagotek, Klaasek Kleverini kann mit einem unbehaarten Gregor im Zirkus nichts anfangen und kündigt den Vertrag, der den übermäßigen Haarbewuchs als Grundbedingung beinhaltet, sodass Gregor nicht zu seinen erhofften 10.000 Kronen kommt. Die Folge: Erfinder Düsinski muss vor dem wütenden Gregor ebenso fliehen wie Onkel Dagotec. Und so endet die Geschichte.