Gregor Samsa und sein Doppelgänger Gregor Ducksa

Vom Rätselhaften zum Einfachen

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ – Literaturliebhaber kennen diesen ersten Satz aus Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“. Er gehört zu den berühmtesten Sätzen der Weltliteratur und ist der Beginn einer unheimlichen und rätselhaften Geschichte, die zu vielen Interpretationen Anlass bot und immer noch bietet.

Kurzum: Es geht in diesem Klassiker der Weltliteratur also um diesen Gregor Samsa, der zunächst als Person nicht näher beschriebern wird, und den das Schicksal der Verwandlung in ein Insekt ereilt hat. Erst denkt er noch, er hätte schlecht geträumt. Doch sein neuer Körper mit einem gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch und dünnen, zappelnden Beinchen belehrt ihn eines Besseren. Und schon beginnen die Probleme. Das Aufstehen wird aufgrund seines neuen und ungewohnten Insektenkörpers zur fast unüberwindlichen Qual und er hat den Wecker nicht gehört.

Eigentlich hätte er um 4 Uhr morgens aufstehen müssen, um seiner Arbeit als Handelsreisender in Tuchwaren nachzugehen, doch es ist schon halb 7. Eigentlich möchte er auch noch ein wenig schlafen, die Arbeit strengt ihn so an, dass er oft müde ist. Gregor Samsa will daher auch gar nicht mehr als Reisender tätig sein und kündigen. Doch da gibt es ein Problem: Er muss mit dem verdienten Geld die Schulden der Eltern abtragen, die mit einem Geschäft pleite gegangen sind. Und die Familie samt Schwester macht sich Sorgen, als sie merken, dass Gregor verschlafen hat. Es ruft die Mutter: „Gregor. Es ist dreiviertel sieben. Wolltest du nicht wegfahren?“ Die Situation ist mehr als abstrus. Gregor macht sich trotz seiner besonderen Lage Gedanken, wie es mit der Arbeit weitergehen könne. Wegen der Unpünktlichkeit erwartet er ein Donnerwetter des Chefs, Er denkt realistisch, ganz konkret über seine Situation als Handelsreisender nach, ist aber gleichzeitig in seiner neuen Situation als Käfer gefangen. Eine Ausweglosigkeit, die sich auch in vielen anderen Figuren ihres literarischen Schöpfers Franz Kafka wiederfindet.

Dass in der Erzählung „Die Verwandlung“ ausgedrückte Gefühl, dass ihm trotz einer wirklich überflüssigen Schläfrigkeit ganz wohl sei und dass er „sogar einen besonders kräftigen Hunger“ habe, macht das ganze Geschehen noch umso absurder. Aber es kommt noch schlimmer. Seine Stimme, so meint er zu hören, mische sich bei seinem Versuch, der Mutter zu antworten, mit einem „nicht zu unterdrückenden, schmerzlichen Piepen …, das die Worte förmlich nur im ersten Augenblick in ihrer Deutlichkeit beließ, um sie im Nachklang derart zu zerstören, daß man nicht wußte, ob man recht gehört hatte.“

Bald steht auch der Vater vor der Tür, und gleichfalls die Schwester. Auch sie rufen nach Gregor und bitten, dass er die Tür öffnen möge. Der aber denkt gar nicht daran, dem nachzukommen. Sein Wunsch für den weiteren Verlauf seines Handelns ist ein anderer und klingt eigentlich sehr vernünftig: „Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und vor allem frühstücken, und dann erst das Weitere überlegen, denn, das merkte er wohl, im Bett würde er mit dem Nachdenken zu keinem vernünftigen Ende kommen. Er erinnerte sich, schon öfters im Bett irgendeinen vielleicht durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmerz empfunden zu haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Erfindung herausstellte, und er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich auflösen würden.“

Es geht in diesem Moment aber nicht um Erfindungen und Vorstellungen. Sein Körper ist ein ganz anderer – der eines Insektes – geworden, und das Bemühen, „sich nicht im Bette unnütz“ aufzuhalten, wird zur Qual. Kafka beschreibt es so: „Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Körpers aus dem Bett hinauskommen, aber diese untere Teil, den er übrigens noch nicht gesehen hatte und von dem er sich auch keine rechte Vorstellung machen konnte, erwies sich als zu schwer beweglich; es ging so langsam; und als er schließlich, fast wild geworden, mit gesammelter Kraft, ohne Rücksicht sich vorwärtsstieß, hatte er die Richtung falsch gewählt, schlug an den unteren Bettpfosten heftig an, und der brennende Schmerz, den er empfand, belehrte ihn, daß gerade der untere Teil seines Körpers augenblicklich vielleicht der empfindlichste war.“

Auch weitere Versuche scheitern. Doch Gregor gibt nicht auf und sagt sich noch einmal, „daß er unmöglich im Bett bleiben könne und daß es das Vernünftigste sei, alles zu opfern, wenn auch nur die kleinste Hoffnung bestünde, sich dadurch vom Bett zu befreien. Gleichzeitig aber vergaß er nicht, sich zwischendurch daran zu erinnern, daß viel besser als verzweifelte Entschlüsse ruhige und ruhigste Überlegung sei.“ Auch über die Arbeit macht er sich Gedanken, schließlich ist er ja schon unpünktlich. Er sagt sich: „Ehe es ein viertel Acht schlägt, muß ich unbedingt das Bett verlassen haben. Im übrigen wird auch bis dahin jemand aus dem Geschäft kommen, um nach mir zu fragen, denn das Geschäft wird vor sieben Uhr geöffnet.“ Und so geschieht es auch. Der Prokurist steht vor der Wohnungstür und läutet. Und in Gregors Kopf dreht sich ein Fragenkarussell: „Warum war nur Gregor dazu verurteilt, bei einer Firma zu dienen, wo man bei der kleinsten Versäumnis gleich den größten Verdacht fasste? Waren denn alle Angestellten samt und sonders Lumpen, gab es denn unter ihnen keinen treuen, ergebenen Menschen, der, wenn er auch nur ein paar Morgenstunden für das Geschäft nicht ausgenützt hätte, vor Gewissensbissen närrisch wurde und geradezu nicht imstande war, das Bett zu verlassen? Genügte es wirklich nicht, einen Lehrjungen nachfragen zu lassen … mußte da der Prokurist selbst kommen, und mußte dadurch der ganzen unschuldigen Familie gezeigt werden, daß die Untersuchung dieser verdächtigen Angelegenheit nur dem Verstand des Prokuristen anvertraut werden konnte?“

Diese Überlegungen haben schmerzvolle Folgen: “Und mehr infolge der Erregung, in welche Gregor durch diese Überlegungen versetzt wurde, als infolge eines richtigen Entschlusses, schwang er sich mit aller Macht aus dem Bett … Ein wenig wurde der Fall durch den Teppich abgeschwächt, auch war der Rücken elastischer, als Gregor gedacht hatte … Nur den Kopf hatte er nicht vorsichtig genug gehalten und ihn angeschlagern; er drehte ihn und rieb ihn an dem Teppich vor Ärger und Schmerz.“

Und was passiert derweil vor Gregors Tür? Der Vater weist darauf hin, dass der Prokurist gekommen ist, um sich zu erkundigen, warum er seiner Arbeit nicht nachgekommen sei, und die Mutter sagt entschuldigend, dass ihm nicht wohl sei. Gleichzeitig versichert sie, dass ihr Sohn eigentlich nichts anderes im Kopf habe als das Geschäft. Der Prokurist akzeptiert zunächst den von der Mutter angeführten Grund für Gregors Fernbleiben von der Arbeit, macht aber auch gleichzeitig darauf aufmerksam, „daß wir Geschäftsleute – wie man will, leider oder auch glücklicherweise – ein leichtes Unwohlsein sehr oft aus geschäftlichen Rücksichten einfach überwinden müssen.“ Diese Äußerung bringt den Vater dazu, auch Druck zu machen, obwohl Gregor gesagt hat, dass er gleich kommen werde: „Also kann der Herr Prokurist schon zu dir hinein?“, fragte der ungeduldige Vater und klopfte wieder an die Tür.“

Auch die Schwester macht sich bemerkbar. Sie beginnt im Nebenzimmer zu schluchzen. Gregor macht sich über die Gründe Gedanken: „Und warum weint sie denn? Weil er nicht aufstand und den Prokuristen nicht hereinließ, weil er in Gefahr war, den Posten zu verlieren, und weil dann der Chef die Eltern mit den alten Forderungen wieder verfolgen würde? Das waren doch vorläufig wohl unnötige Sorgen.“

Außerdem hat Gregor ja auch seine nachvollziehbaren Gründe, die Tür nicht zu öffnen. Sie sind seinem neuen Insektenkörper geschuldet, der ihm ungewohnte Schwierigkeiten bereitet: „Augenblicklich lag er wohl da auf dem Teppich, und niemand, der seinen Zustand gekannt hätte, hätte im Ernst von ihm verlangt, daß er den Prokuristen hereinlasse.“ Gregor interpretiert seine Verweigerung, die Tür zu öffnen, als „kleine Unhöflichkeit, für die sich ja später leicht eine passende Ausrede finden würde.“ Und er glaubt nicht, dass sein momentanes Verhalten Grund dafür sein könne, ihn zu entlassen. Vielmehr, so scheint ihm, wäre es viel vernünftiger, „ihn jetzt in Ruhe zu lassen, statt ihn mit Weinen und Zureden zu stören.“ Gregor hat aber auch Verständnis für das Verhalten der anderen: „ … es war eben die Ungewissheit, welche die anderen bedrängte und ihr Benehmen entschuldigte.“

Während er noch Verständnis für das Verhalten der anderen aufbringt, steigt vor allem beim Prokuristen das Unverständnis gegenüber Gregors Verhalten, das er auch in deutlichen Vorwürfen und Drohungen artikuliert: „Sie verbarrikadieren sich da in Ihrem Zimmer, antworten bloß mit Ja und Nein, machen Ihren Eltern schwere, unnötige Sorgen und versäumen … Ihre geschäftlichen Pflichten in einer eigentlich unerhörten Weise … Ich glaubte Sie als einen ruhigen, vernünftigen Menschen zu kennen, und nun scheinen Sie plötzlich anfangen zu wollen, mit sonderbaren Launen zu paradieren. Der Chef deutete mir zwar heute früh eine mögliche Erklärung für ihre Versäumnis an – sie betraf das Ihnen seit kurzem anvertraute Inkasso -, aber ich legte wahrhaftig fast mein Ehrenwort dafür ein, daß diese Erklärung nicht zutreffen könne. Nun aber sehe ich hier Ihren unbegreiflichen Starrsinn und verliere ganz und gar jede Lust, mich auch nur im geringsten für Sie einzusetzen. Und Ihre Stellung ist durchaus nicht die festeste.“

Gregor ist aufgrund dieser vernichtenden Äußerungen außer sich und versucht dem Prokuristen gegenüber, sein seltsam erscheinendes Verhalten mit Unwohlsein und Schwindelgefühl zu entschuldigen, verwahrt sich gegen die Vorwürfe, weist auf von ihm eingeholte Aufträge hin, die vielleicht nicht berücksichtigt worden seien, bittet darum, seine Eltern vor solchen Anschuldigungen zu schonen, und erklärt, dass er sich gleich auf den Weg machen werde: „Übrigens, noch mit dem Achtuhrzug fahre ich auf die Reise, die paar Stunden Ruhe haben mich gekräftigt. Halten Sie sich nur nicht auf, Herr Prokurist, ich bin gleich selbst im Geschäft, und haben Sie die Güte, das zu sagen und mich dem Herrn Chef zu empfehlen!“

Während er „dies alles hastig ausstieß und kaum wußte, was er sprach“, gelingt es ihm trotz der durch seinen neuen Körper bedingten Schmerzen im Unterleib, Herrschaft über sich zu erlangen und aufrecht zu stehen, indem er sich gegen die Rückenlehne eines nahen Sessels fallen lässt, „an deren Rändern er sich mit seinen Beinchen festhielt.“

Vor seiner Tür bricht bei der Familie Panik aus. Wieder klingt seine Stimme unverständlich, der Prokurist vermutet eine Tierstimme. Die Mutter befürchtet, dass Gregor schwer krank sei und erteilt der Tochter Grete den Auftrag, den Arzt zu verständigen, der Vater hingegen verlangt nach einem Schlosser, der die Tür öffnen soll.

Gregor ist angesichts der Aktivitäten seiner Eltern „viel ruhiger geworden“. Er vermutet, dass sie verstanden haben, „dass es mit ihm nicht ganz in Ordnung war“ und dass sie bereit sind, ihm zu helfen. Seine Stimmung bessert sich im nu: „Die Zuversicht und Sicherheit, mit welchen die ersten Anordnungen getroffen worden waren, taten ihm wohl. Er fühlte sich wieder einbezogen in den menschlichen Kreis und erhoffte von beiden, vom Arzt und vom Schlosser, ohne sie eigentlich genau zu scheiden, großartige und überraschende Leistungen.“

Angespornt von den Aktivitäten vor der Tür versucht auch Gregor einen Beitrag zu leisten. Trotz der Schwierigkeiten, die ihm sein neuer Körper bereitet, bemüht er sich nach Kräften, an den Schlüssel zu kommen, ihn zu drehen und damit die Tür zu öffnen. Das gelingt trotz einer Verletzung. Langsam lugt er hinter der Tür hervor.

Als die da draußen ihn dann erstmals in seiner jetzigen Gestalt sehen, ist der Schrecken groß. „Oh“, ruft der Prokurist, die Mutter wird ohnmächtig und der Vater scheint ihm mit der Faust zu drohen, doch das war nur der erste Eindruck. Nach einem kurzem Moment weint er angesichts der Verwandlung seines Sohnes so stark, „daß sich seine mächtige Brust schüttelte.“

So hat Gregor das Gefühl, „daß er der einzige war, der die Ruhe bewahrt hatte“, und versichert, dass er sich gleich auf den Weg machen werde: „Ich werde mich gleich anziehen, die Kollektion zusammenpacken und wegfahren“. In Richtung Prokurist zeigt er sich unterwürfig, entschuldigend und sagt: „Sie sehen, ich bin nicht starrköpfig und ich arbeite gern; das Reisen ist beschwerlich, aber ich könnte ohne das Reisen nicht leben … Man kan im Augenblick unfähig sein, zu arbeiten, aber dann ist gerade der richtige Zeitpunkt, sich an die früheren Leistungen zu erinnern und zu bedenken, daß man später, nach Beseitigung des Hindernisses, gewiß desto fleißiger und gesammelter arbeiten wird. Ich bin ja dem Herrn Chef so sehr verpflichtet, das wissen Sie doch recht gut.“ Gregor geht aber in der Angst, seine Arbeit zu verlieren, noch weiter, bittet und bettelt den Prokuristen an: „Machen Sie es mir aber nicht schwieriger, als es schon ist. Halten Sie im Geschäft meine Partei! Man liebt den Reisenden nicht, ich weiß. Man denkt, er verdient ein Heidengeld und führt dabei ein schönes Leben … Sie aber, Herr Prokurist, Sie haben einen besseren Übewrblick über die Verhältnisse als das sonstige Personal, ja sogar, ganz im Vertrauen gesagt, einen besseren Überblick als der Chef selbst … Herr Prokurist, gehen Sie nicht weg, ohne mir ein Wort gesagt zu haben, das mir zeigt, daß Sie mir wenigstens zu einem kleinen Teil recht geben!“

Doch alles Bitten und Betteln hilft nicht, der Prokurist wendet sich von Gregor ab. Dessen Sorgen angesichts des bevorstehenden Weggangs des Prokuristen verschärfen sich: „Gregor sah ein, daß er den Prokuristen in dieser Stimmung auf keinen Fall weggehen lassen dürfe, wenn dadurch seine Stellung im Geschäft nicht aufs äußerste gefährdet werden sollten … Der Prokurist musste gehalten, beruhigt, überzeugt und schließlich gewonnen werden; die Zukunft Gregors und seiner Familie hing doch davon ab!“ Diese Sorgen bewegen ihn zu einem fatalen Schritt. Gregor bewegt sich auf den Prokuristen zu, der fluchtartig die Wohnung verlässt und die Treppe runterstürzt. Gleichzeitig erschrickt die Mutter angesichts seiner körperlichen Erscheinung, und der Vater versucht, ihn mithilfe eines Stocks und einer Zeitung in sein Zimmer zurückzutreiben. Gregor widersetzt sich dem nicht, doch sein Körper, den er nicht so recht zu koordinieren vermag, spielt ihm einen Streich und es dauert lange, bis er sich in Richtung Zimmer bewegen kann, in das er letztendlich mit dem Fußtritt seines Vaters befördert wird, verletzt und blutend. Dann wird es endlich still.

Der langsame Niedergang des Gregor Samsa

Als er aus einem „schweren ohnmachtsähnlichen Schlaf“ erwacht und sich zunächst „genügend ausgeruht und ausgeschlafen“ fühlt, bemerkt Gregor Samsa die körperlichen Folgen, die er von dem Fußtritt seines Vaters davongetragen hat: „Seine linke Seite schien eine einzige lange, unangenehm spannende Narbe, und er mußte auf seinen zwei Beinreihen regelrecht hinken. Ein Beinchen war übrigens im Laufe der vormittäglichen Vorfälle schwer verletzt worden … und schleppte leblos nach.“ Damit hat es mit seiner elenden Situation aber noch kein Ende. Das ihm vorgesetzte Essen, bestehend aus süßer Milch, „in der kleine Schnitten von Weißbrot schwammen“, schmeckt ihm trotz großen Hungers nicht, obwohl Milch „sonst sein Lieblingsgetränk war.“

Was ihm nach der abgebrochenen Nahrungsaufnahme auffällt, ist die Stille, die in der Wohnung herrscht. Das laute Vorlesen der Zeitung durch den Vater, das sonst jeden Morgen am Frühstückstisch erfolgt und von dem ihm die Schwester berichtet hat – er selbst war ja zu dieser Zeit schon als Reisender in Sachen Textilien unterwegs – scheint aus der Übung gekommen zu sein. Gregor kommt ins Grübeln: „Was für ein stilles Leben die Familie doch führte“, sagt er sich „und fühlte … einen großen Stolz darüber, daß er seinen Eltern und seiner Schwester ein solches Leben in einer so schönen Wohnung hatte verschaffen können. Wie aber, wenn jetzt alle Ruhe, aller Wohlstand, alle Zufriedenheit ein Ende mit Schrecken nehmen sollten?“

Was Gregor auch bemerkt, ist das veränderte Verhalten seiner Familie. Hatte diese am Morgen noch voller Sorge zu ihm hereinkommen wollen, ist es am Abend genau das Gegenteil: „… jetzt, da er die eine Tür geöffnet hatte … kam keiner mehr, und die Schlüssel steckten nun auch von außen.“

Nachdem sich die Familie zur Nachtruhe begeben hat, verfällt er wieder ins Grübeln und überlegt, „wie er sein Leben jetzt neu ordnen sollte.“ Erfüllt von einer Angst, deren Ursache er nicht herausfinden kann, eilt er unter das Kanapee, „wo er sich, trotzdem sein Rücken ein wenig gedrückt wurde und trotzdem er den Kopf nicht mehr erheben konnte, gleich sehr behaglich fühlte und nur bedauerte, daß sein Körper zu breit war, um vollständig unter dem Kanapee untergebracht zu werden.“ Gregor scheint sich trotz des körperlichen Ungemachs in Form der Verwandlung in ein Insekt in sein Schicksal zu fügen.

So ist also in der Erzählung „Die Verwandlung“ etwas geschehen, was beim Leser sofort Fragen auslöst. Ist es denn die Möglichkeit, dass ein Mensch sich in ein Insekt verwandeln kann, was soll das überhaupt und was will uns der Dichter eigentlich damit sagen?

Um darauf eine Antwort zu geben, bedarf es der Literaturwissenschaft. Wie Egon Ecker, der Autor mehrerer Fachbücher über deutsche Literatur, in der Reihe Analysen und Reflexionen des Beyer Verlages über einige Erzählungen Kafkas schreibt, sei es schwierig, in Kafkas Welt einzudringen: „Seine Werke sind vieldeutig und lassen daher die verschiedensten Interpretationen zu, manche seiner Texte sind sogar kaum deutbar, weil uns der persönliche Bezug fehlt“, heißt es im Kapitel Einführung in Kafkas Weltanschauung. Das klingt allerdings, ich muss es gestehen, nicht gerade hilfreich. Es stellt sich die Frage, was ich mit einem Text soll, zu dem ich keinen persönlichen Bezug habe. Auch der Hinweis, dass gerade in der Vieldeutigkeit der Texte der besondere Reiz liegt, erscheint wenig zielführend. Von sprachlichen Zeichenkombinationen, mehreren Dekodierungen und einem aufnehmenden Reproduktionsprozess mit immer neuen Variationen ist bei Ecker die Rede. Das klingt auch für den anspruchsvolleren Leser mehr als anstrengend.

Und es kommt noch dicker. Beim Leser soll der „Prozess der weiterdichtenden, ins Offene hinausführenden Deutungsversuche“ in Gang gesetzt werden, wie es bei dem von Ecker zitierten Karl-Heinz Fingerhut in ,dessen Schrift „Zugang zu Erzählungen Kafkas über das Märchen“ in: Blätter für den Deutschlehrer, H. 3, 1971, S. 88, nachzulesen ist. Die Erkenntnis daraus lässt sich kurzfassen: Der Leser muss sich mit einem Text befassen, den er nicht versteht, und dann soll er noch den Literaten in sich wachrufen, um zumindest den Versuch wagen zu können, den Text verstehen zu wollen, den er nicht versteht, weil er nicht zu verstehen ist.

Hilfreich angesichts dieser aussichtslos erscheinenden Situation des Nichtverstehens ist es, auf andere Variationen des Motivs der Erzählung „Die Verwandlung“ zurückzugreifen, die dem Leser die Möglichkeit bieten, einen persönlichen Bezug herzustellen und auch etwas verstehen zu können.

Wie eine literarische Entdeckung – ohne Anspruch auf Erstentdeckung – meinerseits belegt, gibt es auch einen Comic-Doppelgänger von Gregor Samsa, der bisher weitestgehend ein Schattendasein in der von literarischem Feingeist geprägten feuilletonistischen Öffentlichkeit führte. Eingefleischte Donaldisten werden ihn natürlich kennen. Er heißt mit Pseudonym Gregor Ducksa, entstammt aber unter seinem richtigen Namen Donald Duck ursprünglich aus der Stadt Entenhausen, vielen aus der Reihe „Lustiges Taschenbuch“ bekannt.

Im Comic „Die Verwandlung“, so ist es dort zu lesen, heißt er aber, wie schon erwähnt, Gregor Ducksa, und lebt in Prag. Der erste Bezug zu Franz Kafka, der gleichfalls in Prag lebte, ist hier zumindest schon auszumachen.

Auch andere Figuren aus dieser mit vielen Bildern und wenig Text dargestellten Geschichte mit einem abenteuerlichen und humorvollen Inhalt, wie ein Comic als lexikalischer Begriff offiziell definiert ist, kommen einem bekannt vor. Es sind im Original Onkel Dagobert Duck als Dagotek Ducksa, die Neffen Tick, Trick und Track als Vli, Vla und Vlo, Daisy als russisches Hausmädchen Anna im Haus Ducksa, Erfinder Daniel Düsentrieb als Danielcek Düsinski und Klaas Klever als Klaasek Kleverini.

Was die in dem Comic erzählte Geschichte angeht, ist sie eine etwas andere als die in der gleichnamigen Erzählung von Franz Kafka. Während bei Kafka viele Fragen nach der Deutung des Textes trotz allen literaturwissenschaftlichen Bemühens offen bleiben werden, geht es im Comic etwas eindeutiger und handfester zu, was vielleicht auch der literarischen Form geschuldet ist. Oder auch dem Bedürfnis des Lesers nach einer für gewöhnliche Gemüter zu verstehenden Handlung mit einem Schluss, der keine Fragen offen lässt.

Der Ausgangspunkt der Geschichte ist aber zunächst der gleiche wie bei Kafka. Gregor Ducksa, ebenfalls Handelsreisender in Textilien, hat verschlafen. Doch im Gegensatz zu Kafka geht das weitere Geschehen seinen schnellen Gang, und auch die Ursache der Schulden ist eine andere. Durch seine ständige Schläfrigkeit hat Gregor Ducksa bei einem Transport einen Kahn mit Stoffballen versenkt, die seinem Onkel Dagotek gehörten. Der Schaden: 10.000 Kronen.

Zack zack wird daher der Held der Geschichte von seinem Onkel aus dem Bett getrieben, damit dieser durch seine Tätigkeit als Handelsreisender erzielten Erlöse sobald wie möglich seine Schulden begleichen kann. Gregor macht sich also mit seinem Musterkoffer per Zug auf den Weg von Prag nach Brünn.

Währenddessen trifft sein Onkel auf seinen ewigen Widersacher in Sachen Erfolgreiche Geschäfte, Klaasek Kleverini, der mit seinem gleichnamigen Zirkus auf Tour ist. Was es mit diesem hier schon kurz angedeuteten erzählerischen Nebenstrang der Geschichte auf sich hat, darauf ist später noch mehr einzugehen.

Wie aber der eingefleischte Leser der „Lustigen Taschenbücher“ bereits ahnt oder weiß, ist das Geschick Gregor Ducksas dem Original Donald Duck nachempfunden, der wie in seinem tragischen und richtigen Leben von einem Mißgeschick in das andere gerät. Das erhoffte Geschäft in Brünn will natürlich nicht gelingen und so nimmt das Schicksal Donalds beziehungsweise Gregors seinen verhängnisvollen Lauf.

Dass es alte Zeiten gegeben hat, wo das Wünschen noch geholfen hat, meint sein Onkel Dagotek in der Zwischenzeit zu wissen; und der wünscht sich nach einer weiteren geschäftlichen Pleite nichts anderes, als dass sein Neffe tüchtig und erfolgreich werde. Und wer kann da helfen? Erfinder Danielcek Düsinski, der, wie es der Zufall gerade so will, einen Wachmacher in Form von Pillen entwickelt hat. Schelm, der Böses dabei denkt.

Eher nicht dem Zufall, sondern der Weiterführung der bald unglaublich wirkenden Geschichte geschuldet, kommt es bei der Verabreichung der Pillen zu einem unglücklichen Vorfall. Es waren die falschen Pillen, und statt tüchtig und erfolgreich zu werden, wachsen Gregor am ganzen Körper schwarze Haare. Natürlich zum Erschrecken der Familie, allerdings nicht der ganzen Familie. Onkel Dagotek vermutet hinter dem Haarwuchs einen Trick, damit sich der Neffe vor der Arbeit drücken kann

Gerade rechtzeitig kommt da Zirkusdirektor Klaasek Kleverini ins Spiel, Er entdeckt per Zufall, was mit Gregor Ducksa geschehen ist und hat sofort ein Angebot, dass der kaum ablehnen kann: Wenn Gregor sich als „einzig echtes Haarwunder“ für einen Monat im Zirkus bestaunen lässt, winkt ihm als Lohn die Summe von 10.000 Kronen. Er wäre alle seiner Schulden ledig und könnte ein neues Leben beginnen. Gregor stimmt in seiner Verzweiflung zu.

Und was geschieht in der Zwischenzeit im Hause Ducksa? Dienstmädchen Anna entdeckt, als sie Gregor eine Suppe bringen will, sein Verschwinden. Vli, Vla und Vlo bekommen das auch mit. Eine Spur, wo er sein könnte, findet sich per Zufall in Form einer Epaulette, doch etwa Genaueres kann da noch niemand wissen.

Auch an anderer Stelle nimmt die Geschichte ihren Lauf. Onkel Dagotek, der den Grund des urplötzlichen Haarwuchses ahnt, wendet sich in seiner Not ein weiteres Mal an Erfinder Düsinski, der sofort erkennt, dass es sich durch einen Fehlgriff bei den verabreichten Pillen um Chitinin handelte, ein noch nicht erprobtes Haarwuchsmittel, nicht um ein Mittel, aus einem eher trägen und schläfrigen einen tüchtigen und erfolgreichen Neffen und Mitarbeiter zu machen. Logischerweise gibt es natürlich umgehend ein Gegenmittel namens Euchitinon, und so machen sich Dagotek Ducksa und Danielcek Düsinski auf den Weg zu Gregor, den sie immer immer noch in seinem Zimmer wähnen.

Die schon erwähnte Epaulette, die auf die Uniform eines Zirkusdirektors verweist führt dann alle auf die richtige Spur: zum Zirkus von Klaasek Kleverini natürlich, wo Gregor Ducksa zum haarigen Publikumsliebling aufgestiegen ist. Im Schlaf nach erfolgreicher Show wird ihm von Danielcek Düsinski das Gegenmittel gespritzt. Doch das Ergebnis gefällt nur Onkel Dagotek, Klaasek Kleverini kann mit einem unbehaarten Gregor im Zirkus nichts anfangen und kündigt den Vertrag, der den übermäßigen Haarbewuchs als Grundbedingung beinhaltet, sodass Gregor nicht zu seinen erhofften 10.000 Kronen kommt. Die Folge: Erfinder Düsinski muss vor dem wütenden Gregor ebenso fliehen wie Onkel Dagotec. Und so endet die Geschichte.

Ein deutscher Literaturnobelpreisträger: Heinrich Böll

Er gehört mit Günter Grass und Siegfried Lenz zu den literarischen Chronisten der Nazi- und der Nachkriegszeit in Deutschland: Heinrich Böll (*1917 +1985). Mit Romanen wie „Gruppenbild mit Dame“, „Ansichten eines Clowns“ oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ hat er sich auch international einen großen Namen gemacht.

1972 erhielt er den Literaturnobelpreis für zwei weitere Werke: „Und sagte kein einziges Wort“ sowie „Billard um halb Zehn“. Zum ersten Mal seit dem Beginn des Dritten Reiches wurde er wieder nach Deutschland vergeben. Die Wahl auf Böll hatte mit mehreren Faktoren zu tun. Neben der literarischen Qualität seines Werkes spielten zum einen seine Popularität jenseits des „Eisernen Vorhanges“ und zum anderen seine Tätigkeit als Vorsitzender des internationalen Schriftstellerverbandes PEN (steht für poets, essayists und novelists) eine Rolle, in der er sich zu einer „Art universellen literarischen Gewissens entwickelt hat und mutig die Regierungen sowohl faschistischer als auch kommunistischer Länder angreift, in denen die Freiheit des Wortes nicht respektiert wird“, wie Dr. Kjell Strömberg von der Schwedischen Akademie schrieb.

Auf Leben und Werk Bölls ging sein Kollege Peter Härtling anlässlich der Nobelpreisverleihung ein. Der bezeichnet ihn als moralischen Aufrührer, was wohl darin begründet ist, dass Böll immer wieder die Schrecken der Nazi-Herrschaft und die Verheerungen, die diese mörderische Diktatur im Nachkriegsdeutschland angerichtet hat, thematisiert – entgegen dem Wunsch vieler, die Zeit von 1933 bis 1945 vergessen zu wollen.

Bölls Kritik richtete sich auch gegen die politische Restauration unter Konrad Adenauer und vor allem gegen die katholische Kirche, die in überkommenen Traditionen und Heuchelei erstarrt war. Das blieb nicht ohne Folgen. Immer wieder wurde er von rechten und konservativen Kräften angefeindet. Doch das focht ihn nie an. Bis ins hohe Alter blieb Böll ein engagierter Bürger, der sich einmischte. Beispielhaft dafür stehen seine Unterstützung der Ostpolitik Willy Brandts, seine Gegnerschaft zum Vietnam-Krieg, seine Bemühungen zur Freilassung seines sowjetischen Schriftstellerkollegen Alexander Solschenyzin und die Unterstützung der Friedens- und Anti-AKW-Bewegung in den 1980er Jahren.

Und sagte kein einziges Wort“

Vor allem die Nachwirkungen der Naziherrschaft und des durch diese ausgelösten Zweiten Weltkrieg sowie eine in Tradition und Heuchelei erstarrte katholische Kirche thematisiert Heinrich Böll in seinem Roman „Und sagte kein einziges Wort“, dessen Titel dem Lied eines schwarzen Sängers entstammt, das im Radio zu hören ist, und in ähnlicher Form immer wieder im Text aufgegriffen wird. So lässt Böll ein weiteres Thema anklingen: die Sprachlosigkeit, die sich nach dem Schrecken des Krieges und des Völkermordes an den Juden breit machte, und das Schweigen, weil im Nachkriegs-Deutschland keiner mit dieser Schuld leben konnte und wollte und sie am liebsten verdrängte.

Köln ein paar Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges: Eine Stadt liegt in Trümmern. Fred, ein ehemaliger Soldat, der Tod und Zerstörung erlebt hat und davon schwer gezeichnet ist, läuft ohne festes Dach über dem Kopf durch Straßen voller Schuttberge. Sein Geld verdient er sich als Telefonist bei einer Kirchenbehörde und als Nachhilfslehrer. In der restlichen Zeit stromert er herum, vertrinkt und verspielt sein Geld in Kneipen.

In der Ich-Form schildert ihn Böll mit einer von Ungekünsteltheit, Authentizität und Klarheit gekennzeichneten Sprache als einen verzweifelten Menschen, der es in der bürgerlichen Behaglichkeit, in der sich die meisten Menschen schon wieder eingerichtet haben, nicht aushalten kann. Vom offiziellen katholischen Glauben ist er aufgrund seiner Kriegserfahrungen und auch aufgrund des Verhaltens vieler Mitglieder dieser Kirche im Nachkriegs-Deutschland schon längst abgefallen.

Beispielhaft wird das im Roman zunächst am Ehepaar Franke. Sie engagieren sich in vielfältiger Weise in der katholischen Kirche, aber nicht in einer von Barmherzigkeit und Liebe gekennzeichneten Weise, sondern von oben herab in Form gnädig gewährter „milder Gaben“. Ihr Verhalten ist geprägt durch selbstgefällige Moral, durch das Wohlgefallen an ihrer Tugend und durch ihren von Verachtung geprägten Blick auf die weniger Tugendhaften.

Zu denen gehört Fred. Er hatte es den Frankes zu verdanken, dass er auf so beengtem Raum mit seiner fünfköpfigen Familie zusammenleben musste, dass es nicht mehr auszuhalten war. In deren Händen lag aufgrund ihres kirchlichen Engagements die Vergabe von Wohnraum; und da hatten Fred und seine immer noch gläubige, aber durch die Erfahrung des Krieges und des Verhaltens der Menschen im Nachkriegsdeutschland schon skeptischer und desillusionierter gewordene Frau Käte schlechte Aussichten.

Ebenfalls aus der Ich-Perspektive schildert Käte ihr Leben. Mit ihren Kindern fristet sie auf engstem Raum in einer von Kriegsschäden und dem dadurch verursachten Verfall geprägten Wohnung ein Leben voller Entbehrungen. Um mit ihrem Mann trotz vieler Schuldgefühle – sie hat die Kinder allein gelassen – eine Liebesnacht zu verbringen, trifft sie sich mit ihm in einem Hotel – eine schwierige Beziehung, denn er hat die Kinder aus Wut über die ärmlichen Lebensumstände geschlagen, flüchtet sich in Alkohol- und Spielsucht, alle Energie ist ihm durch seine schrecklichen Kriegserlebnisse geraubt worden. Trotzdem liebt Käte ihren Mann, mit dem sie auch noch ein weiteres Schicksal teilt – der Tod zweier Kinder durch den Krieg.

Am Morgen im Hotel hören Fred und Käte die Geräusche einer Kirmes – eine gute Gelegenheit, sich ein wenig abzulenken, doch es gelingt ihnen nicht, sie sprechen über ihre Probleme. Während Käte die Beobachtung schildert, die sie vom Verhalten – sie wirken aufgrund der Situation leise, angepasst und duldsam wie so viele andere – ihrer Kinder gemacht hat und die Sorge ausspricht, dass sie sie nicht so schützen könne, wie sie es gerne möchte, gibt er sich die Schuld für die Armut und die Wohnungssituation seiner Familie, gesteht seine Haltlosigkeit und seine Antihaltung gegenüber den Tüchtigen und Angepassten. Sie spricht von Trennung, weiß aber einerseits von der Unmöglichkeit des Zusammenlebens und andererseits von der Unerträglichkeit einer Trennung.

Und während sie so über vergangene Zeiten – vor allem die des Zweiten Weltkrieges – und deren bis in die Gegenwart reichenden Folgen sprechen und nachdenken, geht in Köln das gewohnte Leben weiter. Es ist Prozessionstag und die Stimme des Bischofs, dessen Rede sich anhört wie ein „theologisches Stichwortverzeichnis voller Phrasen“, drängt sich ungefragt ins Ohr. Die führenden Köpfe der Kirche gehen ihren gewohnten Gang weiter und verstecken sich hinter weihevoll klingenden Worten. Auch das bevorstehende Wirtschaftswunder kündigt sich an, dass die Wunden des Krieges für viele Menschen oberflächlich zu übertünchen vermag. In Köln ist eine Tagung der Drogisten, die zusätzlich mit dem Verteilen von Werbeartikeln und inhaltsleeren Slogans wie „Vertrau dich deinem Drogisten an“ an allen Ecken die Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Der Gleichklang von traditionellen, überkommenen Kirchenzeremonien und künftigen wirtschaftlichen Erfolgsaussichten lässt die Schrecken der Vergangenheit scheinbar vergessen.

Wer wissen möchte, wie es im alltäglichen Leben der Menschen im Nachkriegsdeutschland ausgesehen hat, dem sei der Roman „Und sagte kein einziges Wort“ von Heinrich Böll ans Herz gelegt.

Billard um halb zehn“

Die Geheimnisse der Familie Fähmel

Es ist eine seltsame Arbeitsstelle, von der die Sekretärinn Leonore zu Beginn des zweiten Romanes „Billard um halb zehn“ berichtet, für den Heinrich Böll 1972 den Literaturnobelpreis miterhalten hat. Sie ist in einem Büro für statische Berechnungen beschäftigt, das von einem Dr. Robert Fähmel geführt wird. Es ist kaum etwas zu tun, die Erreichbarkeit für Besuch ist in höchstem Maße eingeschränkt – nur die Familie Fähmel und ein Herr Schrella, der ein Phantom zu sein scheint, weil er noch nie zu sehen war, dürfen es betreten -, der Kontakt zu den drei Mitarbeitern erfolgt ausschließlich in brieflicher Form und der Chef ist im Büro höchstens für eine Stunde zu erreichen. Was ihr noch auffällt: die ausdrückliche Höflichkeit, mit der ihr alle Mitglieder der Familie begegnen, und die eigentlich traumhafte Arbeitsatmosphäre. Die von ihr an den Chef gerichteten Wünsche und Bitten, zum Beispiel wegen eines Urlaubs oder anderer privater Angelegenheiten, werden komplett erfüllt.

Alles läuft seinen gewöhnlichen Gang, bis der Sekretärin ein Fehler unterläuft, dessen Dimension sie nicht zu ermessen weiß. Sie hat einem Fremden trotz ausdrücklicher Ansage, dies nicht zu tun, auf Anfrage geantwortet, an welchem Ort Dr. Robert Fähmel erreichbar ist. Dieser ist regelmäßig von halb zehn bis 11 Uhr im Hotel Prinz Heinrich zu Gast.

Erst allmählich kristallisiert sich heraus, welch tragische Geschichte die Familie Fähmel mit sich schleppt; und die ist eng mit der von Verfolgung, Mord und Krieg geprägten Herrschaft des Nationalsozialismus verbunden, die Deutschland in den Untergang trieb. Der Vater von Dr. Fähmel hat infolge des Krieges nicht nur den Tod zweier Kinder zu beklagen, seine Frau hat sich in den Wahnsinn geflüchtet, das „Phantom“ Schrella steht in Verbindung mit Widerstand und Exil und der Mann, der sich nach Dr. Fähmel erkundigt hat, war in die Verbrechen der Nazi-Diktatur verwickelt, hat aber nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg schnell die Seiten gewechselt und spielt wieder eine große Rolle im politischen Betrieb der Nachkriegszeit.

Während dieser Mann mit Namen Dr. Nettlinger sich auf den Weg zum Hotel Prinz Heinrich macht, befindet sich Dr. Fähmel im dortigen Billardzimmer im Gespräch mit dem Portier Hugo. Mehr und mehr lüftet sich dabei das Geheimnis, das die Familie Fähmel mit Schrella und Nettlinger verbindet. Ein Zeitsprung in das Jahr 1935: Robert Fähmel, Schrella und Nettlinger sind noch Schüler. Bei einem Schlagballspiel wird Außenseiter Schrella, der einer nicht näher beschriebenen Sekte angehört, von Nettlinger und seinen Nazi-Kameraden schikaniert – die Verfolgung der Gegner der Nazi-Herrschaft und selbst ernannter Feinde wie den Juden und anderen Minderheiten nimmt zwei Jahre nach der Machtergreifung nicht nur im Schulalltag ihren Lauf. Nach einem Anschlag auf ein Mitglied der NSDAP geraten Schrella und Fähmel ins Visier der Gestapo, doch beide können in die benachbarten Niederlande fliehen.

Ein weiterer Zeitsprung: Beim Aufräumen von alten Akten und privaten Papierenn berichtet der Vater von Dr. Robert Fähmel dessen Sektretärin Leonore aus seinem Leben. Es ist das Jahr 1907, als er sich nach Köln mit dem Ziel aufmacht, große Karriere als Architekt zu machen, eine Frau aus gutem Hause zu heiraten und mit ihr eine Familie zu gründen. Das gelingt. Was den Umgang mit der politischen Situation angeht, verhält er sich wie die meisten seiner Zeitgenossen – opportunistisch. Trotz Gegnerschaft zum Ersten Weltkrieg hält er sich mit seiner Meinung der Karriere wegen zurück. Das gilt gleichfalls für die weiteren politischen Ereignisse wie die Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten. Seine Meinung versteckt er hinter Ironie und Scherzen, bis auch er persönlich betroffen ist. Seine Söhne Otto und Heinrich sterben im Krieg, Robert muss vor den Nazis fliehen und seine Frau verfällt aufgrund der politischen Ereignisse und dem Verlust zweier Kindes dem Wahnsinn.

Auch in den folgenden Kapiteln nimmt sich Autor Heinrich Böll der Sichtweisen weiterer Protagonisten seines Romans an, so dass sich ein schlüssiges Bild über das Schicksal der Famile Fähmel und der mit ihr auf unterschiedliche Weise verbundenen Personen ergibt. Wie in vielen seiner Romane und anderer Werke dreht sich die ganze Geschichte um die Nachwirkungen der grauenhaften Herrschaft des Nationalsozialismus, die die Menschen noch lange nach dem Ende des Krieges tief ins Innerste trifft. Und um die Erkenntnis, dass Schweigen es nicht vermag, vor dem realen Geschehen von Verfolgung, Tod und vielem mehr fliehen zu können. Und natürlich um den Opportunismus vieler Personen, die ihre Verwicklung in die Verbrechen leugnen und in der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland Karriere machen und ihrer mehr als verdienten Strafe entgehen.

Dank einer klaren, schnörkellosen Sprache wie schon bei „Und sagte kein einziges Wort“ und einer spannend aufgebauten Handlung vermag es Heinrich Böll, den Leser in eine Zeit zu versetzen, die er aus eigener Anschauung kaum noch kennen kann. Diese Lektüre lohnt sich ohne Wenn und Aber.

Buchtipp: Jeremias Gotthelf – Die schwarze Spinne

Als es noch Tod und Teufel gab

„Über die Berge hob sich die Sonne, leuchtete in klarer Majestät in ein freundliches, aber enges Tal und weckte zu fröhlichem Leben die Geschöpfe, die geschaffen sind, an der Sonne ihres Lebens sich zu freuen.“ – mit diesem idyllisch und fröhlich klingenden Satz beginnt zunächst in aller Harmlosigkeit die Erzählung „Die schwarze Spinne“ des Schweizer Schriftstellers Jeremias Gotthelf (1797 – 1854).

Er berichtet darin von der abgeschieden gelegenen Welt der Alpenbauern seines Heimatlandes, die noch stark von ihren christlichen Traditionen früherer Jahrhunderte geprägt sind und dem heutigen Leser eher befremdlich vorkommen. Die Rollen der handelnden Personen sind festgelegt. Es gibt die herrschenden Bauern auf der einen Seite, Knechte und Mägde auf der anderen Seite, die sich zu fügen haben; und auch die Aufgaben der Männer und Frauen sind festgelegt. Die Männer kümmern sich um die Ställe, das Heu und die Bäume, die Frauen um den Garten und die Pflanzplätze. Eine zentrale Figur spielt gleichfalls der Landpfarrer als geistlicher Führer und Seelsorger, der in diesen beiden Funktionen fest in die Dorfgemeinschaft eingebunden ist.

Um zu verstehen, vor welchem geistigen Hintergrund diese Erzählung wie auch viele weitere Werke Gotthelfs entstanden sind, bedarf es eines genaueren Blickes auf das Leben des Autors und die Zeit, in der er lebte. Gotthelf entstammte einem Geschlecht bernischer Landpfarrer und hatte es in seiner Tätigkeit als Vikar und Pfarrherr in Lützelflüh, einer kleinen Gemeinde im Verwaltungskreis Emmental des Schweizer Kantons Bern, vor allem mit der ländlichen Bevölkerung zu tun. Erst mit 40 Jahren begann seine große literarische Karriere.

Wie der Literaturexperte Konrad Nussbächer in einem Nachwort zur Erzählung „Die schwarze Spinne“ schreibt, gehört Jeremias Gotthelf mit Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer zu den „drei großen Schöpfergestalten“ der Schweizer Literatur des 19. Jahrhunderts. Ihre unterschiedlichen Biografien bestimmten auch ihr Werk. Keller entstammte dem handwerklichen Kleinbürgertum Zürichs, und so war es schon fast festgeschrieben, dass er sich in seinen Romanen und Erzählungen mit der bürgerlichen Welt Zürichs und der Schweizer Kleinstädte auseinandersetzte. Ein Paradebeispiel dafür ist die Geschichtensammlung „Die Leute von Seldwyla“, deren Bekannteste ohne Zweifel „Kleider machen Leute“ ist. Conrad Ferdinand Meyer hingegen gehörte der Klasse der vornehmen Züricher Patrizierfamilien an. Sein Thema waren „die herrscherlichen Gestalten der Schweizer und der europäischen Geschichte, vor allem der Renaissance und des Barock.“ Und bei Gotthelf ist es die „Schweizer Bauernlandschaft … das gesegnete Emmental, mit seinen staatlichen Dörfern und großen Einzelhöfen, mit Acker und Vieh, Weide und Wald, mit seinen Menschen und ihren Schicksalen“, wie Konrad Nussbächer erläutert.

Dieses Umfeld bildet aber nur die Kulisse für die Darstellung menschlicher Existenz in all ihrer Vielfalt. Gräßliches und grausames Geschehen gehört ebenso dazu wie wilde, finstere, dämonische Leidenschaften und natürlich das ewige Thema von Gut und Böse.

Beim Beginn der Erzählung „Die schwarze Spinne“ ist das alles noch ganz fern. In aller Detailliertheit beschreibt Gotthelf das beschauliche Emmental mit seiner einzigartigen Landschaft und das Geschehen rund um eine Kindstaufe. Die Mägde sind mit den Vorbereitungen für reichhaltiges Essen und Trinken beschäftigt, und auch sonst gibt es viel zu tun, denn schließlich soll das Ereignis mit der ganzen Dorfgemeinschaft festlich gefeiert werden. Und so geschieht es auch. Fleißig wird getrunken und gegessen, es wird geplaudert, über den ein oder anderen gelästert und auch mancher Scherz macht die Runde.

Nachdem alle reichlich zu sich genommen haben, wird der Vorschlag angenommen, sich auf einen kleinen Verdauungsspaziergang zu begeben. Dabei fällt irgendwann der Blick auf das schöne, neue Haus der Gastgeber der Kindstaufe. Und einer der Frauen sticht etwas ins Auge. Obwohl eigentlich des Lobes voll über das Haus, und von dem Wunsch, selbst so eines haben zu wollen, beseelt, hat sie doch eine kritische Anmerkung in Richtung des Großvaters der Gastgeber: „Aber fragen möchte ich doch, nehmt es nicht für ungut, warum da gleich neben dem ersten Fenster der wüste, schwarze Fensterposten (Bystal) ist, der steht dem ganzen Hause übel an.“

Was sich hinter der scheinbaren Mißgestaltung verbirgt, möchte der Großvater gern verschweigen und versucht, sich auf Mangel an passendem Holz als Grund für die Verwendung älteren Materials herauszureden, doch die Neugierde der Anwesenden ist so groß, daß er nachgibt und eine gar schauerliche Geschichte davon erzählt, welche wirkliche Bewandnis es mit dem „wüsten, schwarzen Fensterposten“ hat.

Ein Zeitsprung über 600 Jahre zurück: Damals herrschten Ritter, „die man die Teutschen nannte“, über das Tal. Die Menschen, die dort lebten, waren Leibeigene, mussten den Zehnten und Bodenzinse geben und Frondienste leisten. Wie der Großvater berichtet, war die Not der Menschen am größten, als ein Hans von Stoffeln aus dem Schwabenlande die Herrschaft innehatte. Nicht genug damit, dass die Bauern auf Weisung des von Stoffeln auf einem Berg ein Schloss zu bauen hatten und so ihrer eigenen Arbeit mit Säen und Ernten nicht mehr nachkamen, sollten sie auch noch einen Schattengang anlegen und zu diesem Zweck innerhalb eines Monats 100 Buchen zum Berg transportieren, um diese dort anzupflanzen – eine Aufgabe, die nicht zu bewältigen war. Das Jammern und Weinen griff um sich und wollte kein Ende nehmen. Doch in diesem Moment stand plötzlich „lang und dürre ein grüner Jägersmann“ vor ihnen, auf dem „kecken Barett eine rote Feder“ und im „schwarzen Gesicht ein rotes Bärtchen“. Er erkennt die Not der Bauern und redet von einem tüchtigen Gespann, über dass er eventuell verfüge und mit dem „Holz und Steine oder Buchen und Tannen“ transportiert werden könnten. Erleichterung macht sich breit, bis die Bauern erfahren, welchen Preis der „Jägersmann“, der in Wirklichkeit der Teufel ist, von ihnen verlangt. Es geht dabei um das künftige Schicksal eines Kindes.

Vor dem Hintergrund des im 19. Jahrhunderts immer mehr zu erkennenden Kampfes „zwischen christlicher Ordnung und der drohenden Zersetzung durch den Zeitgeist“ ging es dem Autor in seinem Werk um „die tätige Hilfe für seine Kirchenkinder, um die Läuterung ihrer Seelen, um die Kräftigung und Rettung des Schweizer Bauernstandes“, wie Konrad Nussbächer in seinem Nachwort zur Erzählung „Die schwarze Spinne“ schreibt. Nussbächer erläutert die damaligen Zeitläufte und die Intentionen Gotthelfs: „Auch in die Schweiz war die nivellierende Strömung des Materialismus eingedrungen und unterhöhlte die lebendig gewachsene und gestufte, in christlicher Sitte verwurzelte Demokratie. In seiner geistlichen Praxis als Vikar und bald auch als Pfarrherr in Lützelflüth erkannte Bitzius (Gotthelfs bürgerlicher Name) mit scharfem Auge die Risse und Schäden im inneren Gefüge: Hochmut und Geiz, Ichsucht und Hartherzigkeit auf der Seite der Besitzenden, Trägheit und Schlendrian, Auflehnung und Zuchtlosigkeit bei den ländlichen Bediensteten; daneben eine furchtbare Armennot.“

Um diesen Mißständen zu begegnen, wählte Gotthelf im für damalige Verhältnisse schon etwas fortgeschrittenen Alter von 40 Jahren das Mittel der Literatur. Ihm war es ein zentrales Anliegen, „die Seelen aufzurütteln, den Schweizern einen wahren Spiegel der Zustände auf dem Lande vorzuhalten und gegenüber unbestimmten Verlockungen das Bild bewährter, echter Ordnung aufzurichten“, so Nussbächer.

In der Erzählung „Die schwarze Spinne“ bildet die grausige Geschichte von der schwarzen Pest, die ein Gebirgstal heimsucht, den Kern der Handlung. Und diese Pest kommt nicht schicksalhaft über die Menschen, sondern durch schwere Schuld und böse Leidenschaften. Nussbächer zufolge wird Gericht über die Schuldigen gehalten, „bei dem die ewigen metaphysischen Mächte, Gott und Teufel unmittelbar eingreifen“ wie in den großen literarischen Werken des Barock.

Kurzum: Der Leser stößt mit „Die schwarze Spinne“ auf ein wuchtiges Werk, dass den uralten Kampf von Gut gegen Böse auf plastische, spannende, aber auch lehrreiche Weise wieder aufleben lässt. Zu diesem Zweck hat Gotthelf visionäre Bilder von unheimlicher Kraft geschaffen, die einen nicht loslassen und lange nachwirken.

Buchtipp: Ludwig Tieck – Merkwürdige Lebensgeschichte Sr. Majestät Abraham Tonelli

Wie auf wundersame Weise aus einem Schneiderlehrling ein reicher Herrscher wird

„Ich fühlte bald, daß ich zu größern Dingen bestimmt sein müßte; denn ich merkte keinen sonderlichen Trieb zur Arbeit in mir. Ich wünschte mir immer, zaubern zu können oder ein König zu werden…“ – schon gleich zu Anfang der spannenden, unterhaltsamen und mit großem Humor geschriebenen Erzählung „Merkwürdige Lebensgeschichte Sr. Majestät Abraham Tonelli“ von Ludwig Tieck (*1773 +1853), einem der führenden Autoren der Romantik, macht der Protagonist mit Taufnamen Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli klar, wie sein künftiges Leben verlaufen soll. Doch seine Lebensverhältnisse geben das eigentlich nicht her.

Aus niedriger Herkunft stammend, gelingt es ihm gerade noch, eine Schneiderlehre in Wien zu beginnen – ohne allerdings daran viel Freude zu gewinnen. Bei seiner Vorstellung, ein großer und wohl vornehmer Mann zu werden, ohne irgendwelche Voraussetzungen dafür zu besitzen, auch kaum verwunderlich.

Basierend auf einer bekannten literarischen Vorlage entwickelt Tieck mit seinem Protagonisten die schon aus dem Barock bekannte Figur des Schelmen, der sich mit Lug und Trug durch das Leben kämpft. Ähnlichkeiten zum „Simplicissimus“ von Grimmelshausen sind deutlich zu erkennnen.

Entgegen der von den meisten der anderen Schriftstellern der Romantik verwendeten Stilelemente und Erzähl-Motive wie der Innigkeit eines Naturgefühls, dem Glauben an Liebe und Freundschaft sowie der Leidenschaft für Malerei und Musik setzt Tieck bei dieser Erzählung auf populäre Drastik, groben Humor, Phantasie und Laune, wie sie eben passt. Seine Figur Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli ist ein maßstablos naiver junger Mann, töricht wie ein Kind, das nur seinem direkten Nutzen verpflichtet ist, keiner Selbstkritik zugänglich ist, nichts dazulernt und nie über elementare Bedürfnisse wie ein fürstliches Mahl und viel Alkohol hinausdenkt. Aber mit der Vitalität eines Hanswurstes, der alle Last des Lebens im nu an sich abprallen lässt, folgt er seinem eigentlich unerreichbaren Ziel, ein von allen anerkannter Bürger (oder noch Höheres) zu werden, der wohlgenährt und materiell gesichert seinem Lebensabend entgegensieht.

Wie der Germanist und Autor Ernst Ribbat in einem Nachwort zur Erzählung schreibt, ist Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli womöglich ein Paradebeispiel für ein Gegenstück zum Fortschrittspathos der bürgerlichen Aufklärung. Statt eines nach Erkenntnis strebenden Menschen entwirft Tieck eine von Trieben gesteuerte Figur, die sich trotz unzureichender Erkenntnis- und Sprachfähigkeit durch das Leben wurstelt, mal mit weniger, mal mit mehr und dann richtig großem Glück, wie im Titel der Erzählung schon angedeutet. Schließlich ist aus dem Schneiderlehrling die „Majestät Abraham Tonelli“ geworden.

Wie aber konnte es dazu kommen? Hexenkünste, Geister und unterirdische Schätze, wie sie die damalige Literatur in immer neuen Variationen und Erscheinungsformen hervorbrachte, spielen dabei eine wichtige Rolle; ansonsten wäre eine solche Karriere, wie die des Helden, zu damaliger Zeit kaum möglich gewesen.

Von seinem Meister nicht ganz zu Unrecht als „Lumpenhund“ bezeichnet und von den übrigen Handwerksburschen wegen seiner goßspurigen Art gescholten und auch verprügelt, macht sich Abraham Anton auf die Wanderschaft. Mit der Vorstellung im Kopf, dass es ihm eigentlich leicht fallen müsse, „binnen kurzem ein großer und vornehmer Mann zu werden.“

Die Realität ist eine andere: Proviant und Reisegeld gehen aus, wilde Tiere und Mörder trachten ihm nach dem Leben, doch Autor Ludwig Tieck gibt seinem Helden immer wieder eine Chance. Mithilfe von schon angesprochenen Hexenkünsten und Geistern gelangt der zu Wunderkräften und ungeahnten Schätzen, die er aber aus Großmannssucht, Völlerei und anderen Charakterschwächen immer wieder aus den Händen gibt. Die gemachten Erfahrungen lehren ihn nichts. Wie es ihm dann doch gelingt, Kaiser zu werden und ein mehr als auskömmliches Leben zu führen, wird an dieser Stelle nicht verraten, denn dieser Text soll nur ein wenig zur Lektüre dieser wunderbaren, unterhaltsamen und äußerst humorigen Erzählung ermuntern. Glauben Sie mir!

Buchtipp: Johann Peter Hebel – Kalendergeschichten

Das erste Mal, dass ich den Namen Johann Peter Hebel vernahm, war in Verbindung mit einer etwas altertümlich klingenden, aber gleichzeitig wundersamen und sehr unterhaltsamen Kurzgeschichte aus einem Schullesebuch. Darin berichtet der Autor von einem deutschen Handwerksburschen, den es nach Amsterdam verschlagen hatte. Neugierig erkundet der die Stadt und stößt zunächst auf ein prächtiges und schönes Haus, das wohl einem reichen Bürger gehören muss. Auf die Frage an einen Passanten, wem denn dieses prächtige und schöne Haus gehöre, bekommt er nur die knappe Antwort „Kannitverstan“.

Als er weitergeht, sieht er, wie im Hafen ein großes Schiff mit erlesensten Waren aus aller Welt entladen wird. Wieder fragt er, wem denn dieses Schiff und die auf ihm transportierten Waren gehörten, und wieder erhält er die Antwort „Kannitverstan“, woraufhin er in betrübliche Gedanken versinkt. Wie könne es denn sein, dass diesem Herrn Kannitverstan alles zu gehören scheine, während er doch als Handwerksbursche eher ein armer Hund sei, denkt er, bis er auf einmal auf einen langen Trauerzug stößt. Immer noch neugierig, fragt er, wer denn da zu Grabe getragen werde; und wieder schallt es ihm nur knapp entgegen: „Kannitverstan“. Da wurde „ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. „Armer Kannitverstan“, rief er aus, „was hast du nun von allem deinen Reichtum? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme: ein Totenkleid und ein Leintuch, und von allen deinen schönen Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust oder eine Raute“, schreibt Hebel über den Wandel des Gemütszustandes seines Protagonisten. Und seine Kurzgeschichte mit dem passenden Namen „Kannitverstan“ endet mit den Worten „… und wenn es ihm wieder einmal schwerfallen sollte, daß so viele Leute in der Welt so reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab.“

Kurzum: Aufgrund mangelnder Sprachkenntnis von beiden Seiten, die diese aber nicht erkennen, kommt der Handwerksbursche „durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis“, wie Hebel einleitend zu seiner lehrreichen Kurzgeschichte erläutert. Die Erkenntnis: Trotz der unterschiedlichen materiellen Verhältnisse der Menschen in ihrer Lebenszeit ereilt sie unweigerlich mit dem Tode das gleiche Schicksal. Das mag Manchen zu brav oder bieder erscheinen, doch was ist hilfreicher: Das ewige Klagen über die Ungleichheit unter den Menschen oder der Trost, dass das letzte Hemd keine Taschen hat?

Was aber hat es so weiter auf sich mit den beim Insel Verlag erschienenen Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel? Dazu erst einmal ein paar biografische Daten zum Autor: Johann Peter Hebel wurde 1760 in Basel in der Schweiz geboren. Trotz bescheidener familiärer Verhältnisse – seine Mutter arbeitete nach dem frühen Tod ihres Mannes als Bedienstete bei einer Schweizer Patrizierfamilie und trug mit dieser Arbeit allein zum Familieneinkommen bei – schaffte Hebel den Sprung aufs Karlsruher Gymnasium. Danach folgte ein Studium der Theologie, das er mit einem Predigtamtsexamen abschloss. Nach Tätigkeiten als Hauslehrer und Vikar ging es mit seiner beruflichen Karriere steil voran. 1791 wird er Lehrer am Karlsruher Gymnasium, 1798 Professor der Dogmatik und hebräischen Sprache, 1804 Direktor seiner ehemaligen Schule und ab 1819 evangelischer Prälat und Landtagsabgeordneter.

In den 1780-er Jahren beginnt er mit dem Schreiben. Zu seinen wichtigsten Werken gehören die „Alemannischen Gedichte“, „Der Rheinländische Hausfreund“ und das „Schatkästlein des rheinischen Hausfreundes“. Vor allem in den beiden letzt genannten Veröffentlichungen sind seine vor allem älteren Lesern bekannten Kalendergeschichten enthalten, Kurzgeschichten mit einer besonderen Erkenntnis oder Moral, die häufig biederer daherkommen, als sie es in Wirklichkeit sind. So schreibt der bekannte Philosoph Ernst Bloch (*1885 +1977), mit seinem Werk „Das Prinzip Hoffnung“ einer der Geistesheroen der 68-er Bewegung und enger Freund Rudi Dutschkes, einem der führenden Köpfe der 68-er Bewegung, äußerst lobend über Hebel: „Seine Kalendergeschichten sind geschrieben von einem Anwalt der Armen und Verleumdeten, einem Freund der Französischen Revolution und der Aufklärung.“

Auch andere prominente Autoren wie der Erziehungswissenschaftler und Publizist Hartmut von Hentig loben den Autor und sein Werk. So schrieb er in dem Buch „Zeit-Bibliothek der 100 Bücher“ von der Lust des Verstehens, der Kurzweil und Intelligenz der Moral sowie dem Handwerk der Menschlichkeit, die Hebel einem nahegebracht habe. In einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung betont Thomas Steinfeld das Ineinander von Bürgerlichkeit und literarischer Intelligenz, die viele von Hebel erzählten Geschichten auszeichne: „Die meisten Geschichten sind von kalkulierter Schlichtheit (aber nicht alle sind schlicht). Und sie sind, obgleich tief in der Religion verwurzelt und von vertrauten Gestalten belebt, alles andere als erbaulich. Ein Aufklärer ist in diesen Geschichten am Werk, doch einer von der bodenständigen, konservativen Sorte.“

Beispielhaft dafür – insbesondere Hebels liebevoller Augenmerk auf die armen, oft am Rande der Gesellschaft stehenden Menschen – steht die anrührende Geschichte mit dem Titel „Unverhofftes Wiedersehen“, die ebenfalls in Schullesebüchern der 1970-er Jahre zu finden war. Hebel erzählt von der tragischen Liebesgeschichte eines Bergmanes und seiner Braut, die sich im schwedischen Ort Falun zugetragen haben soll. Bevor sich das Glück für beide entfalten kann, „da meldete sich der Tod“. Von seinem Weg zum Bergwerk kehrt der Bergmann nicht zurück. Die angehende Braut versinkt in Trauer. 50 Jahre gehen ins Land – ein Zeitraum, der von Hebel anhand von zentralen geschichtlichen Ereignissen zwischen den Jahren 1755 (Erdbeben in Lissabon) und 1807 (Bombardement Kopenhagens durch die Engländer) knapp und plastisch auf den Punkt gebracht wird und die kleine mit der großen Welt verbindet – , bis Bergleute bei Grabungsarbeiten zufällig die Leiche eines von Eisenvitriol durchtränkten Jünglings finden, der aufgrund der konservierenden Wirkung des Vitriols so aussah, „als wenn er erst vor einer Stunde gestorben oder ein wenig eingeschlafen wäre an der Arbeit.“

Das bekommt die ehemalige Verlobte, inzwischen grau und zusammengeschrumpft, mit. Als sie sagt, dass es ihr Verlobter ist, „wurden die Gemüter aller Umstehenden von Wehmut und Tränen ergriffen, als sie sahen die ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Brust nach fünfzig Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte.“ Am Tag der Beerdigung begleitet sie ihren verstorbenen Verlobten im „Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeitstag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre.“ Die Geschichte endet mit ihren an den Geliebten gerichteten, zu Herz rührenden, aber auch tröstlichen Worten: „Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehn im kühlen Hochzeitsbett, und laß dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, und bald wirds wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweiten Male auch nicht behalten.“

Solche Geschichten, traurige, lustige, merkwürdige oder höchst fabulöse, erläutert Bloch in seinem Nachwort, wurden zu einer Zeit erzählt, als noch viel Land war und es an stillen Abenden galt, in geselliger Runde die Langeweile mit dem Erzählen zu vertreiben. Etwas, was heute durch die Informationsflut aus allen möglichen Kanälen nicht mehr passiert.

Auch die zahlreichen anderen Geschichten Hebels, in denen nicht selten von Situationen berichtet wird, die noch heute Manchem im Alltag passieren können, lohnen die Lektüre. Insbesondere sei dabei auch auf die Episoden hingewiesen, die sich bei Hebel oft in Wirtshäusern abspielen, einem Ort der Ausgelassenheit, die hin und wieder überzuschäumen droht.

Buchtipp: Ralf Langroth – „Mauern und Lügen“

Mit „Mauern und Lügen“ setzt der Autor Ralf Langroth in diesem Jahr eine 2021 begonnene Reihe mit spannenden, unterhaltsamen und geschichtsträchtigen Thrillern fort, die von den politischen Geschehnissen in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland inspiriert sind.

Hauptfigur ist der BKA-Kommissar Philipp Gerber. Er musste wegen seiner Gegnerschaft zum Nazi-Regime 1939 mit seiner Familie Deutschland verlassen und emigrierte Richtung USA. Dort arbeitete Gerber für den US-amerikanischen Geheimdienst CIC, der im Bereich Spionageabwehr tätig war. Als Soldat in Diensten der USA kehrte er 1945 nach Deutschland zurück.

In seiner Funktion beim Bundeskriminalamt ist er immer wieder in brisante Fälle verwickelt, bei denen die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges eine große Rolle spielen. Es geht dabei um die Konflikte zwischen den ehemaligen Verbündeten USA und der Sowjetunion, die zu konkurrierenden Großmächten geworden sind, politische Skandale wie den Fall John (Anm.: erster Präsident des Bundesverfassungsschutzes), Affären wie der Tod der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt und die Trennung Deutschlands in eine von den Alliierten besetzte Zone und eine von der Sowjetunion beherrschte Zone, aus der 1949 die DDR wird.

Letzteres bestimmt die Handlung von „Mauern und Lügen.“ Doch bevor sich das herauskristallisiert, passieren einige merkwürdige Dinge. Auf den eigentlich im Ruhestand befindlichen General Hiram Anderson, dem ehemaligen Chef Philipp Gerbers beim US-Militärgeheimdienst, wird bei seiner Ankunft in Deutschland ohne zunächst ersichtlichen Grund ein Attentat verübt, Gerber selbst wird in seinem Hotelzimmer überfallen – ebenfalls ohne zunächst ersichtlichen Grund – und entgeht nur knapp einem tödlichen Angriff; und seine Freundin, die Journalistin Eva Herden, wird von einer Vertreterin des DDR-Staates um eine positive Berichterstattung über die im Dienst des Sozialismus tätigen Baubrigaden gebeten, was ihr äußerst merkwürdig vorkommt. Damit nicht genug erhält Philipp Gerber von amerikanischer Seite die Information, dass der von dem schillernden und geheimnisumrankten Reinhard Gehlen geleitete Bundesnachrichtendienst an höchster Stelle von einem Spion in Diensten der Sowjetunion unterwandert worden ist.

Diese Geschehnisse sind auf den August 1961 datiert, ein Jahr, in dem der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, bei einer Pressekonferenz am 15. Juni, zwei Monate vor den dramatischen Ereignissen im Roman, den noch heute legendären und berüchtigten Satz „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“ fallen lässt. Dass das eine Lüge war, sollte sich bald herausstellen.

Wind von den Plänen für den Bau einer Mauer zwischen Ost- und West-Berlin bekommt die Journalistin Eva Herden bei ihren Recherchen über die Baubrigaden in Ost-Berlin; und sie steht vor der Frage, wie sie mit dieser äußerst brisanten Information umgehen soll, denn die Stasi, der Geheimdienst der DDR hat sie im Blick.

Auch ihr Freund Philipp Gerber steht vor einem Dilemma. Auf Veranlassung seines Chefs vom Bundeskriminalamt soll er sich in Kontakt mit dem Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes setzen, der unter Spionageverdacht steht – ohne dass sein Chef davon weiß. Es geht um eine von höchster politischer Ebene gewünschte Zusammenarbeit zwischen dem BKA und dem BND. Damit nicht genug, wird er von dem Chef des Bundesnachrichtendienstes auch noch in einen anderen Fall von Spionage involviert. Und an seiner Seite steht – wissentlich oder unwissentlich – der unter Spionageverdacht stehende Mitarbeiter. Wer auf welcher Seite steht, wird immer unklarer.

Mehr wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Nur Folgendes muss noch erwähnt werden: Wie gewohnt besticht der neue Roman von Ralf Langroth durch akribische zeitgeschichtliche Recherche bis ins letzte Detail. Der Leser wird unmittelbar in die Bundesrepublik der 1950-er und 1960-er Jahre versetzt. Und wie bei den Vorgängern der Reihe um Philipp Gerber und Eva Herden bekommt er eine packende Story geboten, die ihre Spannung bis zum Schluß hält – kurzum eine absolute Leseempfehlung.

Buchtipp: Alfred Andersch – Der Vater eines Mörders

„Diesen hör ich, sind wir los geworden Und er wird es nicht mehr weiter treiben Er hat aufgehört, uns zu ermorden. Leider gibt es sonst nichts zu beschreiben. Diesen nämlich sind wir los geworden Aber viele weiß ich, die uns bleiben.“ – dieses Zitat von Bertolt Brecht aus dessen Text „Auf den Tod eines Verbrechers“ stellt Alfred Andersch seiner Erzählung „Der Vater eines Mördeers“ voran. Und spätestens auf Seite 47 dieses posthum erschienenen Werkes wird mit der Nennung eines Namens klar, worauf Brecht mit seinen bewusst kalt klingenden, von jeglichem Mitleid freien Zeilen ansprach: Himmler. Wer in diesem Zusammenhang an Heinrich Himmler, SS-Chef während der Herrschaft des Nationalsozialismus und einen der schlimmsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte, denkt, ist schon auf der richtigen Spur, aber nicht ganz.

Brechts Worte betrafen allerdings nicht nur eine Person, sondern alle vom Ungeist des Nationalsozialismus beherrschten Menschen und deren menschenverachtende, raubmörderische Ideologie.

Der Autor (*1914 +1980), den vor allem viele Abiturienten älteren Jahrgangs wegen seines Romans „Sansibar oder der letzte Grund“ kennen, der Ende der 1970-er, Anfang der 1980-er Jahre und auch in späteren Zeiten oft noch verpflichtende Schullektüre war, beschäftigte sich in seinen vielfach autobiografisch geprägten Werken immer wieder mit dem Nationalsozialismus, dessen Ursachen, Voraussetzungen und Folgen. Unter anderem in seinem Roman „Winterspelt“, in dem er seine Desertation aus der deutschen Wehrmacht und das Überlaufen zur US-Armee im Zweiten Weltkrieg thematisiert.

In seiner ebenfalls autobiografisch geprägten Erzählung „Der Vater eines Mörders“ geht Andersch zurück in den Monat Mai des Jahres 1928. Aus der Sicht der Figur des Franz Kien, Schüler am Wittelsbacher Gymnasium in München, schildert er ein äußerst eindrückliches Erlebnis, das den immer noch herrschenden autoritären Geist der eigentlich vergangenen Ära Kaiser Wilhelms II. widerspiegelt, neun Jahre nach der durch die November-Revolution erzwungene Abdankung dieses seinem Amt nicht gewachsenen Monarchen.

Der neue Geist der 1919 mit der Weimarer Republik geschaffenen Demokratie hatte sich noch längst nicht in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens durchgesetzt. Das galt auch für die Schulen. Nationalismus und der blinde Glaube an überkommene Hierarchien bestimmten das Denken vieler Deutscher

Sehr deutlich wird das in der Erzählung von Alfred Andersch durch das Auftreten des Schuldirektors während einer Griechisch-Stunde. Was zunächst wie eine Inspektion des Unterrichts beginnt, entfaltet sich zu einem „Miniaturdrama auf engstem Raum und in kürzester Zeit“, wie der deutsche Journalist, Autor, Literatur- und Filmkritiker Wolfram Schütte schreibt.

Andersch schreibt von einem Erlebnis, dass sich unauslöschlich bei ihm eingebrannt hat.

Ohne Ankündigung tritt der „Rex“, wie er von Schüler Franz Kien – Alter ego von Alfred Anersch in mehreren seiner Werke – genannt wird, noch vor Unterrichtsbeginn in den Klassenraum der Untertertia ein. Auch Lehrer Kandlbinder ist nicht informiert. Mit der Zeit übernimmt der „Rex“ den Unterricht, kritisiert den Wissensstand der Schüler in verächtlichem Ton als nicht ausreichend und nimmt auch die dem Unterricht zugrunde liegende Grammatik aufs Korn, die er voll Hohn und Spott als nicht geeignet für die Altersklasse der Untertertia erklärt.

Die Degradierung des Lehrers ist in vollem Gange, doch richtig schlimm wird die Situation im Klassenraum mit dem Auftritt des von Kandlbinder aufgerufenen Schülers Konrad von Greiff, der eine Frage zur griechischen Grammatik beantworten soll. Er antwortet auf die Aufforderung seines Lehrers mit einem süffisant klingenden „Sehr gerne, Herr Doktor Kandlbinder“ und unterstreicht damit für alle deutlich die Ablehnung der Autorität Kandlbinders, und das auch noch in Gegenwart des Schuldirektors. Der „Rex“ bezeichnet die Antwort von Greiffs als unerlaubte Bereitwilligkeitserklärung, verweist auf die als Anrede für alle Lehrer gängige Titulierung Professor (nicht Herr Doktor) und verordnet als Strafe zunächst eine Stunde Arrest. Doch damit ist der Konflikt noch lange nicht beendet. Jetzt nimmt sich der Schuldirektor den Schüler weiter vor und kanzelt ihn vor der ganzen Klasse mit dem lateinischen Zitat „Quod licet Jovi, non licet bovi“ ab, was in deutscher Übersetzung „Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt“ heißt und sich in der Erzählung von Andersch darauf bezieht, dass der „Rex“ Lehrer Kandlbinder aufgrund seines hohen Ranges als Herr Doktor ansprechen kann, aber nicht der Schüler von Greiff. Und dann kommt eine Antwort, die vor allem wegen eines Namens einen großen Schrecken beim Leser auslöst: „Ich gehöre nicht zum Rindvieh“, stieß er (Konrad von Greiff) hervor. „Und Sie sind nicht Jupiter. Für mich nicht! Ich bin ein Freiherr von Greiff, und Sie sind nichts weiter als ein Herr Himmler.“

Jetzt ist der Name gefallen, der Name eines der schlimmsten Verbrecher in der Zeit der totalitären und mörderischen Nazi-Herrschaft, Chef der gefürchteten SS und verantwortlich für den millionenfachen Mord an den Juden; doch bei dem in der Erzählung angesprochenen Himmler handelt es sich nicht um den Nazi-Schergen, sondern um dessen Vater, der eher der katholischen, deutsch-nationalen Bayrischen Volkspartei zuzuordnen ist. Vater und Sohn stehen also in unterschiedlichen politischen Lagern und sind übrigens dadurch in Streit geraten, wie vom Vater Franz Kiens im Gespräch mit seinem Sohn zu erfahren ist.

Im „Nachwort für Leser“ belegt Alfred Andersch den autobiografischen Bezug seiner Erzählung: „Ich bin es doch gewesen, ich und niemand anderer, der von dem alten Himmler in Griechisch geprüft und infolge des blamablen Ergebnisses aus dem humanistischen Gymnasium eskamotiert (entfernt) worden ist.“ In der Figur des Franz Kien, die dem Erzähler nach eigenen Worten „eine gewisse Freiheit des Erzählens“ ermöglicht, wird Alfred Andersch zum weiteren Opfer des autoritären Himmler sen.

Die vom Rex gestellte Aufgabe, den Satz „Es ist verdienstvoll, Franz Kien zu loben“ als Beispiel für den Gebrauch des Infinitivs ins Griechische zu übersetzen, kann er nicht erfüllen und wird vor seinen Schulkameraden in unerbittlichster Weise vorgeführt.

Zwei Sätze Himmlers bringen das zum Ende der Examination Kiens deutlich zum Ausdruck: „Du wirst die Untertertia nicht erreichen“ und „Dabei könntest du, wenn du wolltest. Aber du willst nicht.“ Aber damit hört die Degradierung noch nicht auf. Auf die zunächst persönlich klingende Frage nach den beruflichen Ambitionen Kiens, der auf diese mit Schriftsteller antwortet und auf die nach seinem Lieblingsautor mit Karl May, kommt ihm nochmals die geballte Verachtung Himmlers sen. entgegen; und dieser wird dann auch noch in privaten Angelegenheiten Kiens indiskret, ebenso, wie er es bei Konrad von Greiff und dessen familiärer Biographie (Beleidigung des Standes der Freiherrn als Bauernschänder) getan hat. Er unterlässt es nicht, vor der ganzen Klasse auf die Armut der Familie Kien hinzuweisen, die nicht in der Lage sei, das Schulgeld zu bezahlen, dass man nur erlassen könne, wenn die Leistungen von Franz und seinem Bruder Karl, der ebenfalls das Gymnasium besucht, gut wären, was sie aber nicht seien.

Die Erzählung endet mit dem Verlassen des Klassenzimmers vor Unterrichtsende durch den „Rex“ und mit der von Franz Kien gleichgültig aufgenommenen Degradierung, der nach der Schule seinen freizeitlichen Aktivitäten wie gewohnt nachgeht. Fünf Jahre später erfolgt die Machtübernahme in Deutschland durch die Nationalsozialisten, aber das ist ein anderes Kapitel.

Vorhang zu und alle Fragen offen? Zur Figur des Schuldirektors Himmler gibt es im Nachwort von Andersch noch ein paar Informationen, die eine ungefähre Annäherung an diese Person ermöglichen. Der Autor rechnet ihn der Kaderschule des bairischen Ultramontanismus zu, einer politischen Haltung des Katholizismus, die sich insbesondere in deutschsprachigen Ländern auf Weisungen von der päpstlichen Kurie, also aus dem von dort aus gesehen „jenseits der Berge“ (lateinisch ultra montes – gemeint sind die Alpen) liegenden Vatikan stützte. Diese Haltung ging einher mit dem Antimodernismus, einer Strömung innerhalb der gesamten katholischen Kirche, die sich insbesondere in der zweiten Hälfte ds 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gegen gesellschaftliche und politische Reformen zur Durchsetzung von Menschenrechten und Demokratie wandte, kurz gesagt gegen unser heutiges Verständnis einer demokratischen Gesellschaftsordnung, deren Vorprägung es schon in der Weimarer Republik gab.

Ob Himmler sen. sich mit seinem Sohn Heinrich, einem fanatischen Anhänger der Nazi-Ideologie, nach der Machtergreifung durch die NSDAP aussöhnte, bleibt offen. Nur eine Ehrensalve der SS nach dessen Tod über seinem Sarg ist überliefert. Was bleibt, ist die Tatsache, „daß der alte Himmler der Vater eines Mörders war.“ Wie Andersch weiter ausführt, ist die „Bezeichnung Mörder für Heinrich Himmler… milde; er ist nicht irgendein Kapitalverbrecher gewesen, sondern, so weit meine historischen Kenntnisse reichen, der größte Vernichter des menschlichen Lebens, den es je gegeben hat.“

Der Autor erhebt trotz dieses familiären Hintergrundes für seine Erzählung nicht den Anspruch, „die private, die persönliche Wahrheit dieses Menschen, des Rex, zu bestimmen“, und auch Kausalitäten zwischen der Persönlichkeit des alten Himmler und der Entwicklung seines Sohnes zu einem der größten Verbrecher der Nazi-Diktatur mag er ungern herstellen. Andersch erläutert seine Haltung zu diesen Fragen in aller Ausführlichkeit: „War es dem alten Himmler vorbestimmt, der Vater des jungen zu werden? Mußte aus einem solchen Vater mit Naturnotwendigkeit, d. h. nach sehr verständlichen psychologischen Regeln, nach den Gesetzes des Kampfes zwischen aufeinander folgenden Generationen und den paradoxen Folgen der Familien-Tradition, ein solcher Sohn hervorgehen? Waren beide, Vater und Sohn, die Produkte eines Milieus und einer politischen Lage, oder, gerade entgegengesetzt, die Opfer von Schicksal, welches bekanntlich unabwendbar ist – die bei uns Deutschen beliebteste aller Vorstellungen? Ich gestehe, daß ich auf solche Fragen keine Antwort weiß.“

Und als Autor nimmt Andersch für sich in Anspruch, kein Interesse am Schreiben einer Geschichte mit klaren Zuordnungen zu den darin handelnden Personen zu haben: „Ein Interesse… wird ausschließlich durch den Anblick offener Figuren ausgelöst, nicht von solchen, über die ich schon ganz genau Bescheid weiß, ehe ich anfange, zu schreiben.“

Trotzdem bleibt für Andersch eine Frage: „Angemerkt sei nur noch, wie des Nachdenkens würdig es doch ist, daß Heinrich Himmler, – und dafür liefert meine Erinnerung den Beweis -, nicht wie der Mensch, dessen Hypnose er (gemeint ist Adolf Hitler, dessen glühender Anhänger Heinrich Himmler war) erlag, im Lumpenproletariat aufgewachsen ist, sondern in einer Familie aus altem, hunmanistisch fein gebildetem Bürgertum. Schützt Humanismus denn vor gar nichts? Die Frage ist geeignet, einen in Verzweiflung zu stürzen.“

Was bleibt ist eine spannende und tiefsinnige, um viele wesentliche Fragen kreisende Erzählung aus der Zeit der von vielen Irrungen und Wirrungen geprägten Weimarer Republik, die unbedingt die Lektüre lohnt. Zitiert sei an dieser Stelle der bekannte Literaturkritiker Joachim Kaiser, einer der führenden Vertreter seiner Zunft über mehrere Jahrzehnte, aus einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung: „Ein meisterhafter Text, ein konzentriertes, dramatisches, spannendes Prosa-Stück.“

Buchtipp: Hans Traxler – Meine Klassiker Bildergedichte

Lesern der Satiremagazine „Pardon“ und „Titanic“ ist der Name Hans Traxler ebenso vertraut wie Lesern der Zeitungen „Frankfurter Allgemeine“, „Süddeutsche Zeitung“ oder „Die Zeit“. In seinen mit äußerst feinem Strich gearbeiteten Cartoons, Bildergeschichten und Illustrationen nimmt er sich voller Humor unter anderem der großen Namen aus Politik, Wissenschaft, Literatur, Malerei und Philosophie an.

Für das bei Reclam erschienene Bändchen „Meine Klassiker“ hat er eine Auswahl seiner schönsten Bildergedichte getroffen, bei der die Erotik keine geringe Rolle spielt. Der Leser erfährt dabei so Manches, was er von Goethe, Flaubert, Freud, Nietzsche, Marx und manchen mehr vielleicht so nicht gedacht oder vermutet hätte. Mit Traxlers Hilfe vermag er einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und trifft die Geistes- und Künstler-Heroen hin und wieder gewissermaßen mit heruntergelassener Hose an.

Der Einstieg beginnt mit dem frivolen, von viel Alkohol und Eros begleiteten Treiben des größten Geistesheroen der deutschen Klassik überhaupt, Johann Wolfgang Goethe, während seines legendären Aufenthaltes in Rom. Konservative Goethe-Exegeten dürften entsetzt sein, was Traxler über den gottgleich verehrten Dichter zu zeichnen und zu dichten weiß. Der Sockel, auf den Goethe so oft gestellt wird, scheint brüchig geworden zu sein.

Während das Liebesleben bei Goethe seinen lockeren Gang nimmt, hakt es bei dem ein oder anderen Prominenten. So muss sich der weltberühmte Dr. Sigmund Freud aus unerklärlichen Gründen auf die Suche nach seinem „P…“ machen, der Philosoph Friedrich Nietzsche wird von einer Frau aus dem Hause geschmissen und erhält erst wieder Einlass nach dem Vorzeigen einer Peitsche („Gehst Du zum Weibe, vergiss…“), der große Frauenliebhaber Giacomo Casanova hat mit nachlassenden Triebgelüsten zu kämpfen, und der vom Bazillenwahn befallene Virologe Robert Koch ist von seiner Freundin Mabel nur mit dem Rufe „Stroptokokken“ in die Kissen zu locken.

Das Buch „Meine Klassiker“ und seinen Zeichner und Dichter Hans Traxler aber nur auf das Thema der Erotik zu reduzieren, ist allerdings zu kurz gegriffen. Traxler weiß auch um die Eitelkeiten und intellektuellen Probleme seiner prominenten Figuren. Beispielhaft wird das unter anderem an zwei Ausnahmefiguren der deutschen Literatur deutlich.

Entgegen der vermeintlichen und oft behaupteten Geistesbruderschaft von Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller, wie sie sich auch in dem Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater in Weimar ausgedrückt findet, geht es in dem Bildergedicht „Olympischer Diskurs“ um den Streit, wer von den beiden der Größere sei; und es wird deutlich, dass dieser nicht von Schiller ausgeht, sondern von Goethe, diesem eitlen Pfauen.

Goethe, das wird spätestens mit einem weiteren Bildergedicht, „Zwei deutsche Künstler in der Campagna“ klar, geht auch mit anderen Kollegen, in diesem Falle dem Maler Johann Heinrich-Wilhelm Tischbein, nicht viel anders um als mit Schiller. Mehr darüber, was im Vorfeld des 1787 entstandenen Porträts „Goethe in der römischen Campagna“ geschehen ist, soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden.

Einer der bekanntesten Physiker, Mathematiker, Astronomen und Denker der Welt ist Sir Isaac Newton. Von ihm stammt unter anderem das Gravitationsgesetz, besser bekannt als das Gesetz von der Schwerkraft. Es gehört zu den bekanntesten und grundlegendsten Erkenntnissen der Wissenschaften mit geradezu revolutionärer Wirkung. Was weniger bekannt ist, sind die Schwierigkeiten, die dieses Gesetz seinem Schöpfer zu Lebzeiten (*1643 +1727) bereitete. Davon handelt auf äußerst anschauliche Weise das Bildergedicht „Newtons Gesetz“.

Und so geht es in Hans Traxlers Buch „Meine Klassiker“ unterhaltsam, lehrreich und vor allem humorvoll weiter und weiter. Insgesamt vereint das Buch über 40 Bildergedichte, und wer schon immer mal wissen wollte, warum Hans Traxler so gerne zeichnet, wird auch noch fündig.

Buchtipp: Thilo Mischke: „Alles muss raus – Notizen vom Rand der Welt“

Der Reporter, Globetrotter und Abenteurer Thilo Mischke (Journalist des Jahres 2021) ist unterwegs zu den Rändern der Welt und auf der Suche nach dem, was wirklich wichtig ist.

Wer über 100 Länder der Welt bereist hat, hat gewiss was zu erzählen. Vor allem wenn man einen offenen Blick für Menschen und ihre Geschichten hat, und einen unersättlichen Lebens- und Erfahrungshunger.

Dass das für den Journalisten, Autor und Fernsehmoderator Thilo Mischke gilt, wird schon bei der ersten Story – Titel „Mit dem Tod beginnen“ – aus seinem 2022 erschienenen Buch „Alles muss raus – Notizen vom Rand der Welt“ deutlich. Entgegen des auf dem Klappentext nachzulesenden Satzes „Es ist nicht der Reiz des Extremen, der ihn in die entlegensten Ecken treibt“ scheint ihn genau dieser Reiz zu treiben.

In einem der neun Höllenkreise von Dantes „Inferno“

Die ersten Seiten der Beschreibung seines Aufenthaltes in El Salvador wirken, als sei er in einem der neun Höllenkreise von Dantes „Inferno“ gelandet. In einem der gewalttätigsten Länder der Erde, das von jahrelangen, blutigen und tödlichen Bandenkriegen beherrscht wird, macht sich Thilo Mischke mit einem Kamerateam und einem Forensiker auf den Weg zur Bergung einer Leiche, inmitten einer unwirtlichen, von Hitze und Trockenheit ausgemergelten Landschaft.

Diese Geschichte entwickelt sich zu einer starken persönlichen Reflexion über den Tod.“

Der Tote ist ein Opfer der Bandenkriege. Ob er auch Täter ist, lässt sich nicht klären. Diese Geschichte entwickelt sich zu einer persönlichen Reflexion über den Tod. Mit bestechend klarer Sprache beschreibt er neben seiner Reise in die Finsternis eines mittelamerikanischen Landes im stetigen Wechsel das Dahinsiechen seiner geliebten Oma, deren allmähliches Ableben er bis zum letzten Atemzug mitbekommt.

Das Nebeneinander zweier Handlungsstränge kennzeichnet auch die weiteren Geschichten. In „Wir wurden wenige. Über Freundschaft“ verwebt Mischke persönliche Betrachtungen über die Freundschaft mit der Erinnerung an eine Reise auf Island mit dem besten Freund, den er aus nicht benannten Gründen verloren hat, und mit einem Aufenthalt in Somalia, einem Land, einem „failed state“, der an einem jahrelangen und unerbittlichen Bürgerkrieg zerbrochen ist, und über das er berichten soll. Verlust und Tod schweben über allem.

Persönliche Neugierde und naive Vorstellungen

Immer wieder geht es dem Autor um die ganz großen Sachen, um Leben und Tod, Abenteuer und Gefahr; und er ist dabei so ehrlich, zuzugeben, dass bei seinen Geschichten aus den gefährlichsten Ecken der Welt persönliche Neugierde und naive Vorstellungen – „Ich wollte diese Kriege sehen, weil ich wissen wollte, was sie sind, wie sie funktionieren. Ich wollte, ganz romantisch verträumt, mit schusssicherer Weste und Staub im Gesicht bewundert werden“ – keine unwesentliche Rolle spielen.

Was Mischke aber vor allem klar machen will, ist, dass es in vielen Ländern der Erde die von den meisten Menschen im Westen lange verdrängte Realität des Krieges gibt, die die meisten nur aus den Nachrichten kennen, deren Randerscheinungen uns aber auch schon in Form von Anschlägen begegnet sind, vom 11. September 2011 in New York über Madrid und London bis zum Breitscheidplatz in Berlin. Und nach dem brutalen Überfall Russlands in die Ukraine auch noch ein bedrohlicher Krieg direkt an Europas Grenzen.

Tröstlich immerhin: Es gibt in Mischkes Buch auch eine Liebesgeschichte, zwar nicht von Dauer, aber intensiv und nachrücklich in der Erinnerung des Autors.

Thilo Mischke, „Alles muss raus – Notizen vom Rand der Welt“, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-27872-7

Der Hintergrund zu den Liedern und manchem mehr

Paul McCartney gibt in seinem zweibändigen, sehr aufwendig und liebevoll gestalteten Buch „Lyrics“ Einblicke in das eigene Schaffen und das der Beatles.

Als Fan der besten Band der Welt kam ich natürlich an einem Buch nicht vorbei, und das war das zweibändige, beim C. H. Beck Verlag erschienene Werk „Lyrics“ von Paul McCartney. Der Ex-Beatle, der vor allem mit John Lennon Musikgeschichte prägte wie kaum jemand sonst, hat darin Texte der Beatles-Songs und auch Songs der Nach-Beatles-Ära, autobiografische Kommentare aus erster Hand, handgeschriebene „lyrics“, Erinnerungsstücke, Fotografien und manches mehr zusammengestellt – kurzum neue und bisher unbekannte Einblicke in das Leben und Schaffen sowohl der Beatles als auch Paul McCartneys.

Wie Paul McCartney im Vorwort zu „Lyrics“ schreibt, war er schon immer wieder mal dazu gedrängt worden, eine Autobiografie auf Papier zu bringen. Aber das sollte nie so richtig gelingen; es fehlte einfach die Zeit. „Meist zog ich Kinder groß oder war auf Tour“, berichtet er. Keine guten Bedingungen, um sich für längere Zeit auf das Erlebte zu konzentrieren, Erinnerungen zu ordnen und sie niederzuschreiben. Und Tagebücher oder dergleichen waren auch nicht vorhanden.

Was es aber immer gab waren seine Songs und natürlich die mit John Lennon gemeinsam geschriebenen, entstanden über einen Zeitraum von inzwischen über 65 Jahren. Sie sind es, die alphabetisch geordnet die Grundstruktur der beiden Lyrics-Bände bilden.

Wer wissen möchte, wie die Songs entstanden sind, welche Inspirationsquellen es gab und was sich hinter manchen Textzeilen verbirgt, deren Sinn sich nicht immer gleich direkt erschließt, wird in diesem Mammut-Werk fündig.

Als ein Beispiel von vielen: „Get back“ aus dem Jahre 1969, geschrieben mit John Lennon in der Endphase der Beatles kaum ein Jahr vor der Trennung. In McCartneys Erinnerung ging es angesichts der sich immer deutlicher abzeichnenden Auflösung der Band aufgrund von persönlichen und künstlerischen Differenzen bei dem Song um Sehnsucht, um die Rückkehr zu den Wurzeln und konkret um eine Wiederbelebung der Band, die wieder gemeinsam spielt und auftritt. Doch John Lennon gab im Gespräch mit McCartney zur Antwort: „Ich mache nicht mit, ich steige aus. Tschüss“. Und so endete eine unvergeßliche Ära der Musikgeschichte, aber die Erinnerung bleibt.