Kunstbetrachtungen, Teil 11

Kunst als Selbstverständigung

In der letzten Folge der Kunstbetrachtungen, basierend auf dem Buch „Kunst – Eine philosophische Einführung“, ging es um Kunst und das Nachdenken über sie.

Autor Georg W. Bertram verbindet im Kapitel „Die Unausweichlichkeit des Nachdenkens über Kunst“ die Selbstverständigung, die beim Betrachter eines Kunstwerks ausgelöst werden kann, mit der vielfach geteilten Beobachtung, „dass Kunst immer und unentwegt umstritten ist“.

Prozess der Selbstverständigung

Betram führt das darauf zurück, dass die Selbstverständigung mit einem Kunstwerk zumeist höchst individuell ist: „Die Betrachterin (beziehungsweise der Betrachter) sieht sich in ihren (seinen) eigenen Verständnissen angesprochen. Das Bild sagt ihr (ihm) etwas mit Blick darauf, was sie über Menschen, Tiere und Welt, über die kleinen und großen Dinge ihres Alltags denkt“.

Der Autor betont dabei, dass der Prozess der Selbstverständigung bei der Begegnung von Betrachter und Kunstwerk immer wieder neu anfängt, dass es aber auch gleichfalls geschehen kann, dass Kunstwerke einen nicht ansprechen, „sie auch stumm bleiben können, dass sie uns nichts über uns sagen“, wie Bertram schreibt.

Im Kapitel „Die Geschichtlichkeit der ästhetischen Erfahrung“ greift Betram die schon einmal angesprochene Geschichte von Kunst und Kunstwerken auf und formuliert entsprechend seiner vorherigen Gedankengänge folgerichtig die

… dass die Geschichte der Kunst als Kunst von ästhetischen Erfahrungen her verstanden werden muss.“

Georg W. Bertram, Philosoph und Autor

These, „dass die Geschichte der Kunst als Kunst von ästhetischen Erfahrungen her verstanden werden muss.“ Der Betrachter eines Werkes und die durch das Werk ausgelösten Gedanken sind von zentraler Bedeutung. Bertram schreibt: „Ein Gegenstand erweist sich erst dadurch als Kunst, dass er in einer bestimmten Weise als geeignet für die Klärung vom jeweiligen Selbstverständnis (einer Person oder mehrerer Personen) erfahren wird.

Ebenfalls folgerichtig ist ein weiterer Gedanke Bertrams: „Versteht man die Geschichte der Kunst auf der Basis ästhetischer Erfahrungen, hat Kunst keinen definitiven Anfang und auch kein definitives Ende. Was zu einer Zeit als ästhetisch wertvoll erfahren wird, kann zu einer anderen Zeit als bloßer Alltagsgegenstand gebraucht werden.“ Kurz gesagt: Er verliert an ästhetischem Wert.

Künstlerisches Erbe Bachs für Nachwelt gesichert

Das Auf und Ab dieser Entwicklung macht er an der Bedeutung von Musikern und ihren Kompositionen fest. Beispielhaft nennt Bertram die lange Zeit vergessene Musik der Renaissance, die eine Wiedererweckung erlebt hatte, und auch die ebenfalls vergessene Musik von Johann-Sebastian Bach, die durch eine Aufführung seiner „Matthäus-Passion“ eine Wiederbelebung erfuhr und Anlass wurde, „das überwältigende künstlerische Erbe Bachs für die Nachwelt zu sichern.“

Bertram verweist auf die Philosophen Hegel und Heidegger, die in ihren kunstphilosophischen Schriften die „spezifische Geschichtlichkeit ästhetischen Erfahrens“ thematisiert haben. Er spricht auch von einem Verstehen, das seinen jeweils eigenen geschichtlichen Horizont habe. So könne eine ästhetische Selbstverständigung ebenso in einer Auseinandersetzung mit einer zeitgenössischen Trance-Musik wie mit einem antiken Kultgegenstand zustande kommen.

Kunstbetrachtungen, Teil 10

Was ist der Wert der Kunst?

In der letzten Folge der Kunstbetrachtungen ging es um die nicht ausreichend geklärte Bestimmung des Wertes der Kunst für den Betrachter.

Wie Georg W. Bertram, Autor des Buches „Kunst – Eine philosophische Betrachtung“, im Kapitel „Noch ein Problem: Was ist der Wert der Kunst?“ deutlich macht, ist der Begriff des Wertes im Zusammenhang mit der Kunst noch nicht ausreichend geklärt.

Annäherungen an Begrifflichkeiten

Nach seiner Auffassung „geht es in erster Linie weder um Besitz noch um Werte individuellen oder gesellschaftlichen Verhaltens.“ Um sich dem Verständnis darüber anzunähern, welcher Prozess zwischen Betrachter und Werk in Gang gesetzt wird, damit daraus eine ästhetische Erfahrung entsteht, bezieht sich Bertram auf die kunstphilosophischen Überlegungen von Martin Heidegger (*1889 +1976) und Georg Wilhelm Friedrich Hegel (*1770 +1831).

In der Abhandlung „Der Ursprung des Kunstwerks“ nimmt Heidegger eine Analyse eines Bildes von Vincent van Gogh vor, auf dem ausschließlich Schuhe zu sehen sind, „die von Alter und Gebrauch gekennzeichnet sind“. In ihrer Nutzlosigkeit charakterisieren sie für Heidegger nicht nur den Gegenstand, sondern auch das Bild, das sich jedem formalen Zweck entzieht.

Gerade in ihrer Unbrauchbarkeit beginnt Kunst uns etwas zu sagen“

Georg W. Bertram, Philosoph und Autor

Daraus folgert Bertram: „Gerade in ihrer Unbrauchbarkeit beginnt Kunst uns etwas zu sagen. Als solche eignet sie sich in besonderer Weise, uns Dinge unseres Lebens vor Augen zu führen. Sie eröffnet uns Blicke auf Vertrautes und überraschende Perspektiven. Sie sagt, wie wir verstehen können, was uns alltäglich umgibt“. Im Fall der gemalten Schuhe geht es um sie „als Teil einer Welt, in der sie im Zusammenhang mit Arbeitsschritten stehen, in der sie mit Unterwegssein und schweren Füßen verbunden sind“.

Im Bezug auf Hegels Philosophie der Kunst betont Bertram den Begriff der Selbstverständigung. Der Betrachter sieht bei einem Kunstwerk, das es ihm etwas über sich und seine Welt sagt. „Der Wert der Kunst besteht darin, dass sie für uns besondere Aspekte der Welt, in der wir leben, und unserer selbst, verständlich macht“, erläutert Betram und ergänzt: „Es geht (für den Betrachter) darum, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.“

Selbstverständnis des Betrachters

Dabei kann nach Bertrams Meinung beispielsweise ein abstraktes Bild ebenso wie ein figürliches Bild zum Selbstverständnis des Betrachters beitragen. Als Beispiel führt er Barnett Newmans Werk „Who is afraid of red, yellow and blue III“ an, das im Stedelijk Museum Amsterdam hängt. „Obwohl nur Farben auf Flächen zu sehen sind, die in unterschiedlichen Varianten miteinander verbunden wurden“, so erläutert Bertram, „halte die Farblichkeit von Newmans Werk Kontakt zu der Welt alltäglicher Erfahrunge, da die von Newman verwendeten Farben in der Welt und in der Vorstellung eines jeden Menschen – außer er ist farbenblind – vorkämen.

Wie der Autor von „Kunst – Eine philosophische Betrachtung“ noch einmal betont, steht die Kunst nicht für sich in einem abgehobenen Raum, sondern ist unverzichtbar mit dem Nachdenken über sie verbunden. Es geht um einen Gegenstand wie das schon erwähnte Werk von Newman, um eine Erfahrung des Betrachters, die es womöglich auslöst, und um eine klar und deutlich zum Ausdruck gebrachte Selbstverständigung des Betrachters, der sagen kann, welche Aspekte eines Kunstwerkes diese gut getroffen hätten. Bertram nutzt dafür den Begriff der Rechenschaft.

Kunstbetrachtungen, Teil 9

Kunst muss erfahren werdenAls unbefriedigend bewertet der Autor Georg W. Bertram die Institutionentheorie, die Kunst nur in Verbindung mit Museen und Fachleuten wie Kunstkritikern wahrnimmt.

Wie im Teil 8 der Kunstbetrachtungen schon angesprochen, wendet sich der Verfasser von „Kunst – Eine philosophische Betrachtung“ einem schon angesprochenen Aspekt zu: Der Erfahrung, die mit Kunstwerken gemacht oder nicht gemacht wird, eine ästhetische Praxis, die einen etwas angeht oder nicht.

Musik in der Einkaufspassage

Georg W. Bertram stellt sich die Frage „Welchen Wert hat die Kunst für uns?“ und greift beispielhaft anhand des Hörens von Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ die Bedeutung des subjektiven Empfindens auf. Es geht um die Frage, was einem diese Musik sagt, auch in einer Situation, in der eigentlich gar nicht bewusst Musik gehört wird, wie zum Beispiel in einer Einkaufspassage mit musikalischer Beschallung, die womöglich zum Konsum anregen soll, also einem anderen Zweck dient als dem des musikalischen Genusses. So kann aber aus einer alltäglichen Konsumsituation eine ästhetische Erfahrung werden, wenn einen die Musik in der Weise anspricht, dass sie als ästhetisch empfunden wird.

Was ist aber mit Musik, die eher Abneigung hervorruft oder Abneigung hervorgerufen hat wie die schon erwähnten Beispiele aus der Zwölftonmusik oder Strawinskis „Sacre du printemps“? Wie sagt Bertram so treffend: „Nicht jede Musik eignet sich für ein ästhetisches Hören.“ Das gilt womöglich auch für andere Künste wie die Malerei oder Bildhauerei.

Das Kunstwerk involviert mich in ein ästhetisches Geschehen.“

Georg W. Bertram, Philosoph und Autor

Worum geht es dann beim Kunstgenuss? Bertram spricht von der Erfahrung, die mit einem der Kunst zugerechneten Werke gemacht wird: „Wenn eine Musik mit einem Mal zu mir spricht, heißt das nicht, dass ich einfach meine Einstellung verändert habe. Es heißt vielmehr, dass ich eine Erfahrung mache. Das Kunstwerk involviert mich in ein ästhetisches Geschehen.“

Der Autor von „Kunst – Eine philosophische Betrachtung“ kommt zu folgendem Schluss: „Kunst lässt sich nur mit Blick auf Situationen begreifen, in denen Rezipienten (Betrachter) durch Kunstwerke angesprochen werden.“ Er macht deutlich, dass ohne Betrachter und dessen Erfahrungen nicht sinnvoll von Kunst gesprochen werden kann.

Wenn von Kunst die Rede ist, darf ein Verweis auf den Philosophen Immanuel Kant und das von ihm stammende Postulat des „interesselosen Wohlgefallens“ (aus seiner Schrift „Kritik der Urteilskraft“), das von einem Kunstwerk ausgehen soll, nicht fehlen. Bertram bestätigt das, in dem er sagt, „dass die ästhetische Erfahrung selbstzweckhaft ist. Wer ästhetische Erfahrungen macht, will damit nichts sonst in der Welt erreichen.“ Ergänzend fügt er hinzu, „dass die ästhetische Erfahrung kein Ziel hat, das über sie hinausgeht.“

Eine Frage bleibt aber ungeklärt: Das Bemessen des Wertes in Verbindung mit einem Kunstwerk.

Kunstbetrachtungen, Teil 8

Was im Museum hängtDie letzte Folge der Reihe zum Thema Kunst endete mit dem Thema Institutionen-Theorie und ihrer inhaltlichen Substanz. Daran gibt es Kritik.

Kunst ist das, was im Museum hängt, lautet also äußerst verknappt die von dem amerikanischen Kunstphilosophen George Dickie vertretene Institutionen-Theorie.

Autor Bertram ist von dieser These nicht überzeugt und begründet seine Zweifel mit einer einfachen Frage: Was ist eine Kunstinstitution? Gehört eine Konzerthalle, in der eine Rockband spielt, ebenso dazu wie ein Jazzclub oder ein Multiplexkino? Bertram vertritt die Auffassung, dass diese Frage objektiv kaum zu beantworten ist.

Kunstkritik als Maßstab

Ähnlich ist es mit der Kunstkritik als Maßstab für die Bewertung von Kunst. „Ist Kunst nur, was in den Feuilletons großer Zeitungen als Kunst besprochen wird?“, fragt Bertram. Und die Frage lässt sich erweitern: Welches Feuilleton bestimmt,

… keine Erfahrung, die man von außen bestimmen oder diagnostizieren kann …“

was Kunst ist, dass der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen oder der Zeit? Gilt auch das Feuilleton einer kleineren Lokalzeitung als Maßstab, oder eine Kultursendung im Fernsehen?

Der Autor von „Kunst – Eine philosophische Betrachtung“ kommt vor lauter ungelöster Fragen wieder auf die Erfahrung zurück, die der Betrachter eines als Kunst deklarierten Objektes macht oder machen sollte: „Ein Kunstwerk … muss als Kunstwerk erfahren werden, um als das Werk, das es ist, erkennbar zu sein. Die Erfahrung allerdings muss man machen.“ Für Bertram ist dabei eines ganz wichtig: „Sie ist keine Erfahrung, die man von außen bestimmen oder diagnostizieren kann.“

Ebenfalls wieder in den Blick geraten der Betrachter und natürlich seine Bewertung, ob er etwas als Kunst ansieht und eine entsprechende Erfahrung macht. Das führt den Autor zu einer weiteren wichtigen Frage: „Welchen Wert hat die Kunst für uns?“ Als Beispiel nennt er Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ und das, was sie beim Zuhörer auslöst oder nicht, auch wenn er das Stück nicht zielgerichtet, sondern zufällig gehört hat.

Ein deutscher Literaturnobelpreisträger: Heinrich Böll

Er gehört mit Günter Grass und Siegfried Lenz zu den literarischen Chronisten der Nazi- und der Nachkriegszeit in Deutschland: Heinrich Böll (*1917 +1985). Mit Romanen wie „Gruppenbild mit Dame“, „Ansichten eines Clowns“ oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ hat er sich auch international einen großen Namen gemacht.

1972 erhielt er den Literaturnobelpreis für zwei weitere Werke: „Und sagte kein einziges Wort“ sowie „Billard um halb Zehn“. Zum ersten Mal seit dem Beginn des Dritten Reiches wurde er wieder nach Deutschland vergeben. Die Wahl auf Böll hatte mit mehreren Faktoren zu tun. Neben der literarischen Qualität seines Werkes spielten zum einen seine Popularität jenseits des „Eisernen Vorhanges“ und zum anderen seine Tätigkeit als Vorsitzender des internationalen Schriftstellerverbandes PEN (steht für poets, essayists und novelists) eine Rolle, in der er sich zu einer „Art universellen literarischen Gewissens entwickelt hat und mutig die Regierungen sowohl faschistischer als auch kommunistischer Länder angreift, in denen die Freiheit des Wortes nicht respektiert wird“, wie Dr. Kjell Strömberg von der Schwedischen Akademie schrieb.

Auf Leben und Werk Bölls ging sein Kollege Peter Härtling anlässlich der Nobelpreisverleihung ein. Der bezeichnet ihn als moralischen Aufrührer, was wohl darin begründet ist, dass Böll immer wieder die Schrecken der Nazi-Herrschaft und die Verheerungen, die diese mörderische Diktatur im Nachkriegsdeutschland angerichtet hat, thematisiert – entgegen dem Wunsch vieler, die Zeit von 1933 bis 1945 vergessen zu wollen.

Bölls Kritik richtete sich auch gegen die politische Restauration unter Konrad Adenauer und vor allem gegen die katholische Kirche, die in überkommenen Traditionen und Heuchelei erstarrt war. Das blieb nicht ohne Folgen. Immer wieder wurde er von rechten und konservativen Kräften angefeindet. Doch das focht ihn nie an. Bis ins hohe Alter blieb Böll ein engagierter Bürger, der sich einmischte. Beispielhaft dafür stehen seine Unterstützung der Ostpolitik Willy Brandts, seine Gegnerschaft zum Vietnam-Krieg, seine Bemühungen zur Freilassung seines sowjetischen Schriftstellerkollegen Alexander Solschenyzin und die Unterstützung der Friedens- und Anti-AKW-Bewegung in den 1980er Jahren.

Und sagte kein einziges Wort“

Vor allem die Nachwirkungen der Naziherrschaft und des durch diese ausgelösten Zweiten Weltkrieg sowie eine in Tradition und Heuchelei erstarrte katholische Kirche thematisiert Heinrich Böll in seinem Roman „Und sagte kein einziges Wort“, dessen Titel dem Lied eines schwarzen Sängers entstammt, das im Radio zu hören ist, und in ähnlicher Form immer wieder im Text aufgegriffen wird. So lässt Böll ein weiteres Thema anklingen: die Sprachlosigkeit, die sich nach dem Schrecken des Krieges und des Völkermordes an den Juden breit machte, und das Schweigen, weil im Nachkriegs-Deutschland keiner mit dieser Schuld leben konnte und wollte und sie am liebsten verdrängte.

Köln ein paar Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges: Eine Stadt liegt in Trümmern. Fred, ein ehemaliger Soldat, der Tod und Zerstörung erlebt hat und davon schwer gezeichnet ist, läuft ohne festes Dach über dem Kopf durch Straßen voller Schuttberge. Sein Geld verdient er sich als Telefonist bei einer Kirchenbehörde und als Nachhilfslehrer. In der restlichen Zeit stromert er herum, vertrinkt und verspielt sein Geld in Kneipen.

In der Ich-Form schildert ihn Böll mit einer von Ungekünsteltheit, Authentizität und Klarheit gekennzeichneten Sprache als einen verzweifelten Menschen, der es in der bürgerlichen Behaglichkeit, in der sich die meisten Menschen schon wieder eingerichtet haben, nicht aushalten kann. Vom offiziellen katholischen Glauben ist er aufgrund seiner Kriegserfahrungen und auch aufgrund des Verhaltens vieler Mitglieder dieser Kirche im Nachkriegs-Deutschland schon längst abgefallen.

Beispielhaft wird das im Roman zunächst am Ehepaar Franke. Sie engagieren sich in vielfältiger Weise in der katholischen Kirche, aber nicht in einer von Barmherzigkeit und Liebe gekennzeichneten Weise, sondern von oben herab in Form gnädig gewährter „milder Gaben“. Ihr Verhalten ist geprägt durch selbstgefällige Moral, durch das Wohlgefallen an ihrer Tugend und durch ihren von Verachtung geprägten Blick auf die weniger Tugendhaften.

Zu denen gehört Fred. Er hatte es den Frankes zu verdanken, dass er auf so beengtem Raum mit seiner fünfköpfigen Familie zusammenleben musste, dass es nicht mehr auszuhalten war. In deren Händen lag aufgrund ihres kirchlichen Engagements die Vergabe von Wohnraum; und da hatten Fred und seine immer noch gläubige, aber durch die Erfahrung des Krieges und des Verhaltens der Menschen im Nachkriegsdeutschland schon skeptischer und desillusionierter gewordene Frau Käte schlechte Aussichten.

Ebenfalls aus der Ich-Perspektive schildert Käte ihr Leben. Mit ihren Kindern fristet sie auf engstem Raum in einer von Kriegsschäden und dem dadurch verursachten Verfall geprägten Wohnung ein Leben voller Entbehrungen. Um mit ihrem Mann trotz vieler Schuldgefühle – sie hat die Kinder allein gelassen – eine Liebesnacht zu verbringen, trifft sie sich mit ihm in einem Hotel – eine schwierige Beziehung, denn er hat die Kinder aus Wut über die ärmlichen Lebensumstände geschlagen, flüchtet sich in Alkohol- und Spielsucht, alle Energie ist ihm durch seine schrecklichen Kriegserlebnisse geraubt worden. Trotzdem liebt Käte ihren Mann, mit dem sie auch noch ein weiteres Schicksal teilt – der Tod zweier Kinder durch den Krieg.

Am Morgen im Hotel hören Fred und Käte die Geräusche einer Kirmes – eine gute Gelegenheit, sich ein wenig abzulenken, doch es gelingt ihnen nicht, sie sprechen über ihre Probleme. Während Käte die Beobachtung schildert, die sie vom Verhalten – sie wirken aufgrund der Situation leise, angepasst und duldsam wie so viele andere – ihrer Kinder gemacht hat und die Sorge ausspricht, dass sie sie nicht so schützen könne, wie sie es gerne möchte, gibt er sich die Schuld für die Armut und die Wohnungssituation seiner Familie, gesteht seine Haltlosigkeit und seine Antihaltung gegenüber den Tüchtigen und Angepassten. Sie spricht von Trennung, weiß aber einerseits von der Unmöglichkeit des Zusammenlebens und andererseits von der Unerträglichkeit einer Trennung.

Und während sie so über vergangene Zeiten – vor allem die des Zweiten Weltkrieges – und deren bis in die Gegenwart reichenden Folgen sprechen und nachdenken, geht in Köln das gewohnte Leben weiter. Es ist Prozessionstag und die Stimme des Bischofs, dessen Rede sich anhört wie ein „theologisches Stichwortverzeichnis voller Phrasen“, drängt sich ungefragt ins Ohr. Die führenden Köpfe der Kirche gehen ihren gewohnten Gang weiter und verstecken sich hinter weihevoll klingenden Worten. Auch das bevorstehende Wirtschaftswunder kündigt sich an, dass die Wunden des Krieges für viele Menschen oberflächlich zu übertünchen vermag. In Köln ist eine Tagung der Drogisten, die zusätzlich mit dem Verteilen von Werbeartikeln und inhaltsleeren Slogans wie „Vertrau dich deinem Drogisten an“ an allen Ecken die Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Der Gleichklang von traditionellen, überkommenen Kirchenzeremonien und künftigen wirtschaftlichen Erfolgsaussichten lässt die Schrecken der Vergangenheit scheinbar vergessen.

Wer wissen möchte, wie es im alltäglichen Leben der Menschen im Nachkriegsdeutschland ausgesehen hat, dem sei der Roman „Und sagte kein einziges Wort“ von Heinrich Böll ans Herz gelegt.

Billard um halb zehn“

Die Geheimnisse der Familie Fähmel

Es ist eine seltsame Arbeitsstelle, von der die Sekretärinn Leonore zu Beginn des zweiten Romanes „Billard um halb zehn“ berichtet, für den Heinrich Böll 1972 den Literaturnobelpreis miterhalten hat. Sie ist in einem Büro für statische Berechnungen beschäftigt, das von einem Dr. Robert Fähmel geführt wird. Es ist kaum etwas zu tun, die Erreichbarkeit für Besuch ist in höchstem Maße eingeschränkt – nur die Familie Fähmel und ein Herr Schrella, der ein Phantom zu sein scheint, weil er noch nie zu sehen war, dürfen es betreten -, der Kontakt zu den drei Mitarbeitern erfolgt ausschließlich in brieflicher Form und der Chef ist im Büro höchstens für eine Stunde zu erreichen. Was ihr noch auffällt: die ausdrückliche Höflichkeit, mit der ihr alle Mitglieder der Familie begegnen, und die eigentlich traumhafte Arbeitsatmosphäre. Die von ihr an den Chef gerichteten Wünsche und Bitten, zum Beispiel wegen eines Urlaubs oder anderer privater Angelegenheiten, werden komplett erfüllt.

Alles läuft seinen gewöhnlichen Gang, bis der Sekretärin ein Fehler unterläuft, dessen Dimension sie nicht zu ermessen weiß. Sie hat einem Fremden trotz ausdrücklicher Ansage, dies nicht zu tun, auf Anfrage geantwortet, an welchem Ort Dr. Robert Fähmel erreichbar ist. Dieser ist regelmäßig von halb zehn bis 11 Uhr im Hotel Prinz Heinrich zu Gast.

Erst allmählich kristallisiert sich heraus, welch tragische Geschichte die Familie Fähmel mit sich schleppt; und die ist eng mit der von Verfolgung, Mord und Krieg geprägten Herrschaft des Nationalsozialismus verbunden, die Deutschland in den Untergang trieb. Der Vater von Dr. Fähmel hat infolge des Krieges nicht nur den Tod zweier Kinder zu beklagen, seine Frau hat sich in den Wahnsinn geflüchtet, das „Phantom“ Schrella steht in Verbindung mit Widerstand und Exil und der Mann, der sich nach Dr. Fähmel erkundigt hat, war in die Verbrechen der Nazi-Diktatur verwickelt, hat aber nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg schnell die Seiten gewechselt und spielt wieder eine große Rolle im politischen Betrieb der Nachkriegszeit.

Während dieser Mann mit Namen Dr. Nettlinger sich auf den Weg zum Hotel Prinz Heinrich macht, befindet sich Dr. Fähmel im dortigen Billardzimmer im Gespräch mit dem Portier Hugo. Mehr und mehr lüftet sich dabei das Geheimnis, das die Familie Fähmel mit Schrella und Nettlinger verbindet. Ein Zeitsprung in das Jahr 1935: Robert Fähmel, Schrella und Nettlinger sind noch Schüler. Bei einem Schlagballspiel wird Außenseiter Schrella, der einer nicht näher beschriebenen Sekte angehört, von Nettlinger und seinen Nazi-Kameraden schikaniert – die Verfolgung der Gegner der Nazi-Herrschaft und selbst ernannter Feinde wie den Juden und anderen Minderheiten nimmt zwei Jahre nach der Machtergreifung nicht nur im Schulalltag ihren Lauf. Nach einem Anschlag auf ein Mitglied der NSDAP geraten Schrella und Fähmel ins Visier der Gestapo, doch beide können in die benachbarten Niederlande fliehen.

Ein weiterer Zeitsprung: Beim Aufräumen von alten Akten und privaten Papierenn berichtet der Vater von Dr. Robert Fähmel dessen Sektretärin Leonore aus seinem Leben. Es ist das Jahr 1907, als er sich nach Köln mit dem Ziel aufmacht, große Karriere als Architekt zu machen, eine Frau aus gutem Hause zu heiraten und mit ihr eine Familie zu gründen. Das gelingt. Was den Umgang mit der politischen Situation angeht, verhält er sich wie die meisten seiner Zeitgenossen – opportunistisch. Trotz Gegnerschaft zum Ersten Weltkrieg hält er sich mit seiner Meinung der Karriere wegen zurück. Das gilt gleichfalls für die weiteren politischen Ereignisse wie die Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten. Seine Meinung versteckt er hinter Ironie und Scherzen, bis auch er persönlich betroffen ist. Seine Söhne Otto und Heinrich sterben im Krieg, Robert muss vor den Nazis fliehen und seine Frau verfällt aufgrund der politischen Ereignisse und dem Verlust zweier Kindes dem Wahnsinn.

Auch in den folgenden Kapiteln nimmt sich Autor Heinrich Böll der Sichtweisen weiterer Protagonisten seines Romans an, so dass sich ein schlüssiges Bild über das Schicksal der Famile Fähmel und der mit ihr auf unterschiedliche Weise verbundenen Personen ergibt. Wie in vielen seiner Romane und anderer Werke dreht sich die ganze Geschichte um die Nachwirkungen der grauenhaften Herrschaft des Nationalsozialismus, die die Menschen noch lange nach dem Ende des Krieges tief ins Innerste trifft. Und um die Erkenntnis, dass Schweigen es nicht vermag, vor dem realen Geschehen von Verfolgung, Tod und vielem mehr fliehen zu können. Und natürlich um den Opportunismus vieler Personen, die ihre Verwicklung in die Verbrechen leugnen und in der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland Karriere machen und ihrer mehr als verdienten Strafe entgehen.

Dank einer klaren, schnörkellosen Sprache wie schon bei „Und sagte kein einziges Wort“ und einer spannend aufgebauten Handlung vermag es Heinrich Böll, den Leser in eine Zeit zu versetzen, die er aus eigener Anschauung kaum noch kennen kann. Diese Lektüre lohnt sich ohne Wenn und Aber.

Buchtipp: Jeremias Gotthelf – Die schwarze Spinne

Als es noch Tod und Teufel gab

„Über die Berge hob sich die Sonne, leuchtete in klarer Majestät in ein freundliches, aber enges Tal und weckte zu fröhlichem Leben die Geschöpfe, die geschaffen sind, an der Sonne ihres Lebens sich zu freuen.“ – mit diesem idyllisch und fröhlich klingenden Satz beginnt zunächst in aller Harmlosigkeit die Erzählung „Die schwarze Spinne“ des Schweizer Schriftstellers Jeremias Gotthelf (1797 – 1854).

Er berichtet darin von der abgeschieden gelegenen Welt der Alpenbauern seines Heimatlandes, die noch stark von ihren christlichen Traditionen früherer Jahrhunderte geprägt sind und dem heutigen Leser eher befremdlich vorkommen. Die Rollen der handelnden Personen sind festgelegt. Es gibt die herrschenden Bauern auf der einen Seite, Knechte und Mägde auf der anderen Seite, die sich zu fügen haben; und auch die Aufgaben der Männer und Frauen sind festgelegt. Die Männer kümmern sich um die Ställe, das Heu und die Bäume, die Frauen um den Garten und die Pflanzplätze. Eine zentrale Figur spielt gleichfalls der Landpfarrer als geistlicher Führer und Seelsorger, der in diesen beiden Funktionen fest in die Dorfgemeinschaft eingebunden ist.

Um zu verstehen, vor welchem geistigen Hintergrund diese Erzählung wie auch viele weitere Werke Gotthelfs entstanden sind, bedarf es eines genaueren Blickes auf das Leben des Autors und die Zeit, in der er lebte. Gotthelf entstammte einem Geschlecht bernischer Landpfarrer und hatte es in seiner Tätigkeit als Vikar und Pfarrherr in Lützelflüh, einer kleinen Gemeinde im Verwaltungskreis Emmental des Schweizer Kantons Bern, vor allem mit der ländlichen Bevölkerung zu tun. Erst mit 40 Jahren begann seine große literarische Karriere.

Wie der Literaturexperte Konrad Nussbächer in einem Nachwort zur Erzählung „Die schwarze Spinne“ schreibt, gehört Jeremias Gotthelf mit Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer zu den „drei großen Schöpfergestalten“ der Schweizer Literatur des 19. Jahrhunderts. Ihre unterschiedlichen Biografien bestimmten auch ihr Werk. Keller entstammte dem handwerklichen Kleinbürgertum Zürichs, und so war es schon fast festgeschrieben, dass er sich in seinen Romanen und Erzählungen mit der bürgerlichen Welt Zürichs und der Schweizer Kleinstädte auseinandersetzte. Ein Paradebeispiel dafür ist die Geschichtensammlung „Die Leute von Seldwyla“, deren Bekannteste ohne Zweifel „Kleider machen Leute“ ist. Conrad Ferdinand Meyer hingegen gehörte der Klasse der vornehmen Züricher Patrizierfamilien an. Sein Thema waren „die herrscherlichen Gestalten der Schweizer und der europäischen Geschichte, vor allem der Renaissance und des Barock.“ Und bei Gotthelf ist es die „Schweizer Bauernlandschaft … das gesegnete Emmental, mit seinen staatlichen Dörfern und großen Einzelhöfen, mit Acker und Vieh, Weide und Wald, mit seinen Menschen und ihren Schicksalen“, wie Konrad Nussbächer erläutert.

Dieses Umfeld bildet aber nur die Kulisse für die Darstellung menschlicher Existenz in all ihrer Vielfalt. Gräßliches und grausames Geschehen gehört ebenso dazu wie wilde, finstere, dämonische Leidenschaften und natürlich das ewige Thema von Gut und Böse.

Beim Beginn der Erzählung „Die schwarze Spinne“ ist das alles noch ganz fern. In aller Detailliertheit beschreibt Gotthelf das beschauliche Emmental mit seiner einzigartigen Landschaft und das Geschehen rund um eine Kindstaufe. Die Mägde sind mit den Vorbereitungen für reichhaltiges Essen und Trinken beschäftigt, und auch sonst gibt es viel zu tun, denn schließlich soll das Ereignis mit der ganzen Dorfgemeinschaft festlich gefeiert werden. Und so geschieht es auch. Fleißig wird getrunken und gegessen, es wird geplaudert, über den ein oder anderen gelästert und auch mancher Scherz macht die Runde.

Nachdem alle reichlich zu sich genommen haben, wird der Vorschlag angenommen, sich auf einen kleinen Verdauungsspaziergang zu begeben. Dabei fällt irgendwann der Blick auf das schöne, neue Haus der Gastgeber der Kindstaufe. Und einer der Frauen sticht etwas ins Auge. Obwohl eigentlich des Lobes voll über das Haus, und von dem Wunsch, selbst so eines haben zu wollen, beseelt, hat sie doch eine kritische Anmerkung in Richtung des Großvaters der Gastgeber: „Aber fragen möchte ich doch, nehmt es nicht für ungut, warum da gleich neben dem ersten Fenster der wüste, schwarze Fensterposten (Bystal) ist, der steht dem ganzen Hause übel an.“

Was sich hinter der scheinbaren Mißgestaltung verbirgt, möchte der Großvater gern verschweigen und versucht, sich auf Mangel an passendem Holz als Grund für die Verwendung älteren Materials herauszureden, doch die Neugierde der Anwesenden ist so groß, daß er nachgibt und eine gar schauerliche Geschichte davon erzählt, welche wirkliche Bewandnis es mit dem „wüsten, schwarzen Fensterposten“ hat.

Ein Zeitsprung über 600 Jahre zurück: Damals herrschten Ritter, „die man die Teutschen nannte“, über das Tal. Die Menschen, die dort lebten, waren Leibeigene, mussten den Zehnten und Bodenzinse geben und Frondienste leisten. Wie der Großvater berichtet, war die Not der Menschen am größten, als ein Hans von Stoffeln aus dem Schwabenlande die Herrschaft innehatte. Nicht genug damit, dass die Bauern auf Weisung des von Stoffeln auf einem Berg ein Schloss zu bauen hatten und so ihrer eigenen Arbeit mit Säen und Ernten nicht mehr nachkamen, sollten sie auch noch einen Schattengang anlegen und zu diesem Zweck innerhalb eines Monats 100 Buchen zum Berg transportieren, um diese dort anzupflanzen – eine Aufgabe, die nicht zu bewältigen war. Das Jammern und Weinen griff um sich und wollte kein Ende nehmen. Doch in diesem Moment stand plötzlich „lang und dürre ein grüner Jägersmann“ vor ihnen, auf dem „kecken Barett eine rote Feder“ und im „schwarzen Gesicht ein rotes Bärtchen“. Er erkennt die Not der Bauern und redet von einem tüchtigen Gespann, über dass er eventuell verfüge und mit dem „Holz und Steine oder Buchen und Tannen“ transportiert werden könnten. Erleichterung macht sich breit, bis die Bauern erfahren, welchen Preis der „Jägersmann“, der in Wirklichkeit der Teufel ist, von ihnen verlangt. Es geht dabei um das künftige Schicksal eines Kindes.

Vor dem Hintergrund des im 19. Jahrhunderts immer mehr zu erkennenden Kampfes „zwischen christlicher Ordnung und der drohenden Zersetzung durch den Zeitgeist“ ging es dem Autor in seinem Werk um „die tätige Hilfe für seine Kirchenkinder, um die Läuterung ihrer Seelen, um die Kräftigung und Rettung des Schweizer Bauernstandes“, wie Konrad Nussbächer in seinem Nachwort zur Erzählung „Die schwarze Spinne“ schreibt. Nussbächer erläutert die damaligen Zeitläufte und die Intentionen Gotthelfs: „Auch in die Schweiz war die nivellierende Strömung des Materialismus eingedrungen und unterhöhlte die lebendig gewachsene und gestufte, in christlicher Sitte verwurzelte Demokratie. In seiner geistlichen Praxis als Vikar und bald auch als Pfarrherr in Lützelflüth erkannte Bitzius (Gotthelfs bürgerlicher Name) mit scharfem Auge die Risse und Schäden im inneren Gefüge: Hochmut und Geiz, Ichsucht und Hartherzigkeit auf der Seite der Besitzenden, Trägheit und Schlendrian, Auflehnung und Zuchtlosigkeit bei den ländlichen Bediensteten; daneben eine furchtbare Armennot.“

Um diesen Mißständen zu begegnen, wählte Gotthelf im für damalige Verhältnisse schon etwas fortgeschrittenen Alter von 40 Jahren das Mittel der Literatur. Ihm war es ein zentrales Anliegen, „die Seelen aufzurütteln, den Schweizern einen wahren Spiegel der Zustände auf dem Lande vorzuhalten und gegenüber unbestimmten Verlockungen das Bild bewährter, echter Ordnung aufzurichten“, so Nussbächer.

In der Erzählung „Die schwarze Spinne“ bildet die grausige Geschichte von der schwarzen Pest, die ein Gebirgstal heimsucht, den Kern der Handlung. Und diese Pest kommt nicht schicksalhaft über die Menschen, sondern durch schwere Schuld und böse Leidenschaften. Nussbächer zufolge wird Gericht über die Schuldigen gehalten, „bei dem die ewigen metaphysischen Mächte, Gott und Teufel unmittelbar eingreifen“ wie in den großen literarischen Werken des Barock.

Kurzum: Der Leser stößt mit „Die schwarze Spinne“ auf ein wuchtiges Werk, dass den uralten Kampf von Gut gegen Böse auf plastische, spannende, aber auch lehrreiche Weise wieder aufleben lässt. Zu diesem Zweck hat Gotthelf visionäre Bilder von unheimlicher Kraft geschaffen, die einen nicht loslassen und lange nachwirken.

Buchtipp: Ludwig Tieck – Merkwürdige Lebensgeschichte Sr. Majestät Abraham Tonelli

Wie auf wundersame Weise aus einem Schneiderlehrling ein reicher Herrscher wird

„Ich fühlte bald, daß ich zu größern Dingen bestimmt sein müßte; denn ich merkte keinen sonderlichen Trieb zur Arbeit in mir. Ich wünschte mir immer, zaubern zu können oder ein König zu werden…“ – schon gleich zu Anfang der spannenden, unterhaltsamen und mit großem Humor geschriebenen Erzählung „Merkwürdige Lebensgeschichte Sr. Majestät Abraham Tonelli“ von Ludwig Tieck (*1773 +1853), einem der führenden Autoren der Romantik, macht der Protagonist mit Taufnamen Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli klar, wie sein künftiges Leben verlaufen soll. Doch seine Lebensverhältnisse geben das eigentlich nicht her.

Aus niedriger Herkunft stammend, gelingt es ihm gerade noch, eine Schneiderlehre in Wien zu beginnen – ohne allerdings daran viel Freude zu gewinnen. Bei seiner Vorstellung, ein großer und wohl vornehmer Mann zu werden, ohne irgendwelche Voraussetzungen dafür zu besitzen, auch kaum verwunderlich.

Basierend auf einer bekannten literarischen Vorlage entwickelt Tieck mit seinem Protagonisten die schon aus dem Barock bekannte Figur des Schelmen, der sich mit Lug und Trug durch das Leben kämpft. Ähnlichkeiten zum „Simplicissimus“ von Grimmelshausen sind deutlich zu erkennnen.

Entgegen der von den meisten der anderen Schriftstellern der Romantik verwendeten Stilelemente und Erzähl-Motive wie der Innigkeit eines Naturgefühls, dem Glauben an Liebe und Freundschaft sowie der Leidenschaft für Malerei und Musik setzt Tieck bei dieser Erzählung auf populäre Drastik, groben Humor, Phantasie und Laune, wie sie eben passt. Seine Figur Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli ist ein maßstablos naiver junger Mann, töricht wie ein Kind, das nur seinem direkten Nutzen verpflichtet ist, keiner Selbstkritik zugänglich ist, nichts dazulernt und nie über elementare Bedürfnisse wie ein fürstliches Mahl und viel Alkohol hinausdenkt. Aber mit der Vitalität eines Hanswurstes, der alle Last des Lebens im nu an sich abprallen lässt, folgt er seinem eigentlich unerreichbaren Ziel, ein von allen anerkannter Bürger (oder noch Höheres) zu werden, der wohlgenährt und materiell gesichert seinem Lebensabend entgegensieht.

Wie der Germanist und Autor Ernst Ribbat in einem Nachwort zur Erzählung schreibt, ist Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli womöglich ein Paradebeispiel für ein Gegenstück zum Fortschrittspathos der bürgerlichen Aufklärung. Statt eines nach Erkenntnis strebenden Menschen entwirft Tieck eine von Trieben gesteuerte Figur, die sich trotz unzureichender Erkenntnis- und Sprachfähigkeit durch das Leben wurstelt, mal mit weniger, mal mit mehr und dann richtig großem Glück, wie im Titel der Erzählung schon angedeutet. Schließlich ist aus dem Schneiderlehrling die „Majestät Abraham Tonelli“ geworden.

Wie aber konnte es dazu kommen? Hexenkünste, Geister und unterirdische Schätze, wie sie die damalige Literatur in immer neuen Variationen und Erscheinungsformen hervorbrachte, spielen dabei eine wichtige Rolle; ansonsten wäre eine solche Karriere, wie die des Helden, zu damaliger Zeit kaum möglich gewesen.

Von seinem Meister nicht ganz zu Unrecht als „Lumpenhund“ bezeichnet und von den übrigen Handwerksburschen wegen seiner goßspurigen Art gescholten und auch verprügelt, macht sich Abraham Anton auf die Wanderschaft. Mit der Vorstellung im Kopf, dass es ihm eigentlich leicht fallen müsse, „binnen kurzem ein großer und vornehmer Mann zu werden.“

Die Realität ist eine andere: Proviant und Reisegeld gehen aus, wilde Tiere und Mörder trachten ihm nach dem Leben, doch Autor Ludwig Tieck gibt seinem Helden immer wieder eine Chance. Mithilfe von schon angesprochenen Hexenkünsten und Geistern gelangt der zu Wunderkräften und ungeahnten Schätzen, die er aber aus Großmannssucht, Völlerei und anderen Charakterschwächen immer wieder aus den Händen gibt. Die gemachten Erfahrungen lehren ihn nichts. Wie es ihm dann doch gelingt, Kaiser zu werden und ein mehr als auskömmliches Leben zu führen, wird an dieser Stelle nicht verraten, denn dieser Text soll nur ein wenig zur Lektüre dieser wunderbaren, unterhaltsamen und äußerst humorigen Erzählung ermuntern. Glauben Sie mir!

„Lob der Demokratie“ – gegen rechte und faschistische Umtriebe in Deutschland

Lesung der Theaterwerkstatt in der Kornmühle in Nordhorn

Vor dem Hintergrund immer mehr um sich greifender rechter und demokratiefeindlicher Gesinnungen und Handlungen in Teilen der Gesellschaft lädt die Theaterwerkstatt Nordhorn in Kooperation mit der Initiative „Grafschaft zeigt Gesicht“ zu mehreren Lesungen mit dem Titel „Lob der Demokratie“ in die Kornmühle ein.

Gelesen wird unter anderem aus dem Werk von Kurt Tucholsky, Kurt Tucholsky war als Schriftsteller und Autor von Zeitschriften wie „Der Weltbühne“ einer der größten Verfechter der ersten Demokratie in Deutschland, der „Weimarer Republik“, und einer der führenden Gegner der Nationalsozialisten.

Aus Verzweiflung über den Sieg der Nationalsozialisten bei der Wahl im Jahre 1933 setzte er 1935 im Exil in Schweden seinem Leben ein Ende. Unter anderem in seinen Q-Tagebüchern, die er von 1934 bis 1935 schrieb, setzte er sich – manchmal auch in sehr drastischer, aber vor dem geschichtlichen Hintergrund auch nachvollziehbarer drastischer Sprache – mit dem aufgekommenen und sich verbreitenden Faschismus sowie dem damit einhergehenden Antisemitismus auseinander, aber auch mit der Feigheit der von den Nazis bedrohten Personen, seien es Betroffene wie die Juden selbst zu damaliger Zeit oder andere von Verfolgung bedrohte Personenkreise. So wird Tucholsky in seinem schwedischen Exil von folgender Äußerung aus seinem näheren oder ferneren Bekanntenkreis berichtet: „Das ist das einzig Richtige. Hier sollen auch gar keine Juden mehr nach Schweden kommen, das steigert nur den Antisemitismus, und die Juden sollen sich überhaupt in nichts hineindrängen …“ Tucholskys Antwort darauf in seinen Q-Tagebüchern: „Nun, daß solch ein Hosenhändler (Anm.: ein Jude) seine privilegierte Stellung des Schutzjuden den andern gegenüber ausspielt, selbst aber nicht daran denkt, (aus Deutschland) wegzugehen, das haben wir ja schon mal erlebt. Was mich an diesen Leuten so tief empört, ist die Konzession: Ja, wir sind ein Dreck und müssen uns verkriechen. Sie haben so gar keine Würde, so gar kein Gefühl für echte Gleichberechtigung …“. Kurt Tucholsky, der gleichfalls aus einer jüdischen Familie stammt, ist entsetzt über die Haltung anderer Juden, die sich – wissentlich oder unwissentlich – vor ihrem drohenden Schicksal wegducken.

Dieses Entsetzen Tucholskys ist auch einer anderen Eintragung in seinem Q-Tagebuch zu entnehmen. Ursache dieses Entsetzens ist die Lektüre einer Zeitung: „Habe im Läsesaal (Lesesaal) eine Coullion-Zeitschrift (Anm.: Coullion bedeutet in der Übersetzung aus dem Französischen Armleuchter und meint genau das) in der Hand gehabt. Die Beschimpfungen des „Stürmer“ (Anm.: „Der Stürmer“ war eine Hetzzeitschrift der Nationalsozialisten, die vor allem in unsäglicher Weise die Juden verunglimpfte und verbal den Weg für den Holocaust ebnete) sind nichts gegen die kalte Selbstverständlichkeit dieser Haltung. Das ist viel schlimmer als alles andere. Und es gibt wohl nur noch eines, das verächtlicher ist: das ist die Haltung der Juden und jener Herausgeschmissenen, die „das gar nicht so schlimm finden“. Das ist beispiellos. Sie kriegen in die Fresse und lachen, wie der Mann im Witz, weil sie gar nicht der sind, den der Ohrfeigende in ihnen gesehen hat. „Ich heiße doch gar nicht Lehmann.“ Also haben die andern recht, weil sie stärker sind, und weil es geht, und weil man sich das erlauben kann.“

Tucholskys Vorwürfe in Bezug auf die Unterwerfung vor den Nationalsozialisten richten sich vor dem Hintergrund der vom Völkerbund (Anm.: Vorgänger der Vereinten Nationen bis zur Auflösung im Jahre 1946) für das Jahr 1935 anberaumten Volksabstimmung über die Zukunft des Saarlandes aber selbstverständlich auch an das deutsche Volk. Das im Zuge des verlorenen Ersten Weltkrieges unter französischer Verwaltung stehende Saarland beziehungsweise deren Bevölkerung war vor die Wahl gestellt, sich für die Zugehörigkeit zum Deutschen Reich, zu Frankreich oder für die Beibehaltung des status quo zu entscheiden.

Tucholsky schreibt: „Der Bericht … über die Saar ist trostlos pessimistisch. Es scheint dort, wenn das richtig ist, ein derart trockner und stiller Terror zu herrschen, daß selbst der Zusatz des Völkerbundes, daß sie später noch einmal stimmen dürfen, nichts mehr helfen wird. Er kommt auch viel zu spät … und es ist ihnen nicht zu helfen. Die armen Hunde, die dabei unterliegen! Es stimmen sicherlich viele junge Menschen für Deutschland, weil sie sich auf den blutigen Karneval freuen, der dann losgeht und wie ein Krieg das graue Alltagsleben lieblich unterbricht.“ Die Wahl fiel zugunsten der Rückkehr in das Deutsche Reich aus.

In weiteren Ausführungen seines Tagebuches geht es Tucholsky auch um das Schicksal von Schriftstellerkollegen, die dem Nazi-Terror nicht entfliehen konnten. Schon 1934 fand Erich Mühsam den Tod im Konzentrationslager Oranienburg, und Tucholskys Freund und Mitstreiter bei der Zeitschrift „Die Weltbühne“, Carl von Ossietzky, wird bis zu seiner Erkrankung an Tuberkulose im Konzentrationslager Sonnenburg bei Küstrin inhaftiert. Er stirbt 1938 im Staatskrankenhaus der Polizei in Berlin.

Lesetipps: Wer sich näher für das Thema „Faschismus“ in der belletristischen oder autobiografischen Literatur interessiert, dem seien folgende Bücher empfohlen: Alfred Andersch, „Der Vater eines Mörders“, Verlag Diogenes. Darin behandelt der Autor eine autobiografisch geprägte Begegnung mit dem Vater von Heinrich Himmler, dem Rektor eines Münchener Gymnasiums; Erich Kästner, „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“, Atrium Verlag. Er spielt in der Endphase der Weimarer Republik, in der die Nationalsozialisten immer mehr an Zulauf erhalten: Ralph Giordano, „Erinnerungen eines Davongekommenen“, Verlag Kiepneheuer & Witsch. Der Journalist erzählt vom Schicksal seiner jüdischen Familie und seinem eigenen nach der Übernahme der Herrschaft in Deutschland durch die Nationalsozialisten. Sie überleben Verfolgung und Krieg im Keller eines Hauses; Edgar Hilsenrath, „Der Nazi und der Friseur, Fischer Verlag. In dieser bösen Satire übernimmt ein Nazi die Identität eines Juden und macht Karriere in Israel, und eine Entdeckung bei der Buchmesse in Leipzig, als Rumänien Gastland war: Catalin Mihuleac, „Oxenberg & Bernstein, Zsolnay Verlag. Darin wird die Verfolgung der Juden in Rumänien geschildert.

Termine für die Lesungen „Lob der Demokratie“ sind der 6., 14., 20. und 21. September jeweils um 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Um eine Spende für weitere Aktionen der Initiative „Grafschaft zeigt Gesicht“ wird gebeten.

Buchtipp: Johann Peter Hebel – Kalendergeschichten

Das erste Mal, dass ich den Namen Johann Peter Hebel vernahm, war in Verbindung mit einer etwas altertümlich klingenden, aber gleichzeitig wundersamen und sehr unterhaltsamen Kurzgeschichte aus einem Schullesebuch. Darin berichtet der Autor von einem deutschen Handwerksburschen, den es nach Amsterdam verschlagen hatte. Neugierig erkundet der die Stadt und stößt zunächst auf ein prächtiges und schönes Haus, das wohl einem reichen Bürger gehören muss. Auf die Frage an einen Passanten, wem denn dieses prächtige und schöne Haus gehöre, bekommt er nur die knappe Antwort „Kannitverstan“.

Als er weitergeht, sieht er, wie im Hafen ein großes Schiff mit erlesensten Waren aus aller Welt entladen wird. Wieder fragt er, wem denn dieses Schiff und die auf ihm transportierten Waren gehörten, und wieder erhält er die Antwort „Kannitverstan“, woraufhin er in betrübliche Gedanken versinkt. Wie könne es denn sein, dass diesem Herrn Kannitverstan alles zu gehören scheine, während er doch als Handwerksbursche eher ein armer Hund sei, denkt er, bis er auf einmal auf einen langen Trauerzug stößt. Immer noch neugierig, fragt er, wer denn da zu Grabe getragen werde; und wieder schallt es ihm nur knapp entgegen: „Kannitverstan“. Da wurde „ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. „Armer Kannitverstan“, rief er aus, „was hast du nun von allem deinen Reichtum? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme: ein Totenkleid und ein Leintuch, und von allen deinen schönen Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust oder eine Raute“, schreibt Hebel über den Wandel des Gemütszustandes seines Protagonisten. Und seine Kurzgeschichte mit dem passenden Namen „Kannitverstan“ endet mit den Worten „… und wenn es ihm wieder einmal schwerfallen sollte, daß so viele Leute in der Welt so reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab.“

Kurzum: Aufgrund mangelnder Sprachkenntnis von beiden Seiten, die diese aber nicht erkennen, kommt der Handwerksbursche „durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis“, wie Hebel einleitend zu seiner lehrreichen Kurzgeschichte erläutert. Die Erkenntnis: Trotz der unterschiedlichen materiellen Verhältnisse der Menschen in ihrer Lebenszeit ereilt sie unweigerlich mit dem Tode das gleiche Schicksal. Das mag Manchen zu brav oder bieder erscheinen, doch was ist hilfreicher: Das ewige Klagen über die Ungleichheit unter den Menschen oder der Trost, dass das letzte Hemd keine Taschen hat?

Was aber hat es so weiter auf sich mit den beim Insel Verlag erschienenen Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel? Dazu erst einmal ein paar biografische Daten zum Autor: Johann Peter Hebel wurde 1760 in Basel in der Schweiz geboren. Trotz bescheidener familiärer Verhältnisse – seine Mutter arbeitete nach dem frühen Tod ihres Mannes als Bedienstete bei einer Schweizer Patrizierfamilie und trug mit dieser Arbeit allein zum Familieneinkommen bei – schaffte Hebel den Sprung aufs Karlsruher Gymnasium. Danach folgte ein Studium der Theologie, das er mit einem Predigtamtsexamen abschloss. Nach Tätigkeiten als Hauslehrer und Vikar ging es mit seiner beruflichen Karriere steil voran. 1791 wird er Lehrer am Karlsruher Gymnasium, 1798 Professor der Dogmatik und hebräischen Sprache, 1804 Direktor seiner ehemaligen Schule und ab 1819 evangelischer Prälat und Landtagsabgeordneter.

In den 1780-er Jahren beginnt er mit dem Schreiben. Zu seinen wichtigsten Werken gehören die „Alemannischen Gedichte“, „Der Rheinländische Hausfreund“ und das „Schatkästlein des rheinischen Hausfreundes“. Vor allem in den beiden letzt genannten Veröffentlichungen sind seine vor allem älteren Lesern bekannten Kalendergeschichten enthalten, Kurzgeschichten mit einer besonderen Erkenntnis oder Moral, die häufig biederer daherkommen, als sie es in Wirklichkeit sind. So schreibt der bekannte Philosoph Ernst Bloch (*1885 +1977), mit seinem Werk „Das Prinzip Hoffnung“ einer der Geistesheroen der 68-er Bewegung und enger Freund Rudi Dutschkes, einem der führenden Köpfe der 68-er Bewegung, äußerst lobend über Hebel: „Seine Kalendergeschichten sind geschrieben von einem Anwalt der Armen und Verleumdeten, einem Freund der Französischen Revolution und der Aufklärung.“

Auch andere prominente Autoren wie der Erziehungswissenschaftler und Publizist Hartmut von Hentig loben den Autor und sein Werk. So schrieb er in dem Buch „Zeit-Bibliothek der 100 Bücher“ von der Lust des Verstehens, der Kurzweil und Intelligenz der Moral sowie dem Handwerk der Menschlichkeit, die Hebel einem nahegebracht habe. In einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung betont Thomas Steinfeld das Ineinander von Bürgerlichkeit und literarischer Intelligenz, die viele von Hebel erzählten Geschichten auszeichne: „Die meisten Geschichten sind von kalkulierter Schlichtheit (aber nicht alle sind schlicht). Und sie sind, obgleich tief in der Religion verwurzelt und von vertrauten Gestalten belebt, alles andere als erbaulich. Ein Aufklärer ist in diesen Geschichten am Werk, doch einer von der bodenständigen, konservativen Sorte.“

Beispielhaft dafür – insbesondere Hebels liebevoller Augenmerk auf die armen, oft am Rande der Gesellschaft stehenden Menschen – steht die anrührende Geschichte mit dem Titel „Unverhofftes Wiedersehen“, die ebenfalls in Schullesebüchern der 1970-er Jahre zu finden war. Hebel erzählt von der tragischen Liebesgeschichte eines Bergmanes und seiner Braut, die sich im schwedischen Ort Falun zugetragen haben soll. Bevor sich das Glück für beide entfalten kann, „da meldete sich der Tod“. Von seinem Weg zum Bergwerk kehrt der Bergmann nicht zurück. Die angehende Braut versinkt in Trauer. 50 Jahre gehen ins Land – ein Zeitraum, der von Hebel anhand von zentralen geschichtlichen Ereignissen zwischen den Jahren 1755 (Erdbeben in Lissabon) und 1807 (Bombardement Kopenhagens durch die Engländer) knapp und plastisch auf den Punkt gebracht wird und die kleine mit der großen Welt verbindet – , bis Bergleute bei Grabungsarbeiten zufällig die Leiche eines von Eisenvitriol durchtränkten Jünglings finden, der aufgrund der konservierenden Wirkung des Vitriols so aussah, „als wenn er erst vor einer Stunde gestorben oder ein wenig eingeschlafen wäre an der Arbeit.“

Das bekommt die ehemalige Verlobte, inzwischen grau und zusammengeschrumpft, mit. Als sie sagt, dass es ihr Verlobter ist, „wurden die Gemüter aller Umstehenden von Wehmut und Tränen ergriffen, als sie sahen die ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Brust nach fünfzig Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte.“ Am Tag der Beerdigung begleitet sie ihren verstorbenen Verlobten im „Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeitstag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre.“ Die Geschichte endet mit ihren an den Geliebten gerichteten, zu Herz rührenden, aber auch tröstlichen Worten: „Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehn im kühlen Hochzeitsbett, und laß dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, und bald wirds wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweiten Male auch nicht behalten.“

Solche Geschichten, traurige, lustige, merkwürdige oder höchst fabulöse, erläutert Bloch in seinem Nachwort, wurden zu einer Zeit erzählt, als noch viel Land war und es an stillen Abenden galt, in geselliger Runde die Langeweile mit dem Erzählen zu vertreiben. Etwas, was heute durch die Informationsflut aus allen möglichen Kanälen nicht mehr passiert.

Auch die zahlreichen anderen Geschichten Hebels, in denen nicht selten von Situationen berichtet wird, die noch heute Manchem im Alltag passieren können, lohnen die Lektüre. Insbesondere sei dabei auch auf die Episoden hingewiesen, die sich bei Hebel oft in Wirtshäusern abspielen, einem Ort der Ausgelassenheit, die hin und wieder überzuschäumen droht.

Buchtipp: Ralf Langroth – „Mauern und Lügen“

Mit „Mauern und Lügen“ setzt der Autor Ralf Langroth in diesem Jahr eine 2021 begonnene Reihe mit spannenden, unterhaltsamen und geschichtsträchtigen Thrillern fort, die von den politischen Geschehnissen in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland inspiriert sind.

Hauptfigur ist der BKA-Kommissar Philipp Gerber. Er musste wegen seiner Gegnerschaft zum Nazi-Regime 1939 mit seiner Familie Deutschland verlassen und emigrierte Richtung USA. Dort arbeitete Gerber für den US-amerikanischen Geheimdienst CIC, der im Bereich Spionageabwehr tätig war. Als Soldat in Diensten der USA kehrte er 1945 nach Deutschland zurück.

In seiner Funktion beim Bundeskriminalamt ist er immer wieder in brisante Fälle verwickelt, bei denen die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges eine große Rolle spielen. Es geht dabei um die Konflikte zwischen den ehemaligen Verbündeten USA und der Sowjetunion, die zu konkurrierenden Großmächten geworden sind, politische Skandale wie den Fall John (Anm.: erster Präsident des Bundesverfassungsschutzes), Affären wie der Tod der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt und die Trennung Deutschlands in eine von den Alliierten besetzte Zone und eine von der Sowjetunion beherrschte Zone, aus der 1949 die DDR wird.

Letzteres bestimmt die Handlung von „Mauern und Lügen.“ Doch bevor sich das herauskristallisiert, passieren einige merkwürdige Dinge. Auf den eigentlich im Ruhestand befindlichen General Hiram Anderson, dem ehemaligen Chef Philipp Gerbers beim US-Militärgeheimdienst, wird bei seiner Ankunft in Deutschland ohne zunächst ersichtlichen Grund ein Attentat verübt, Gerber selbst wird in seinem Hotelzimmer überfallen – ebenfalls ohne zunächst ersichtlichen Grund – und entgeht nur knapp einem tödlichen Angriff; und seine Freundin, die Journalistin Eva Herden, wird von einer Vertreterin des DDR-Staates um eine positive Berichterstattung über die im Dienst des Sozialismus tätigen Baubrigaden gebeten, was ihr äußerst merkwürdig vorkommt. Damit nicht genug erhält Philipp Gerber von amerikanischer Seite die Information, dass der von dem schillernden und geheimnisumrankten Reinhard Gehlen geleitete Bundesnachrichtendienst an höchster Stelle von einem Spion in Diensten der Sowjetunion unterwandert worden ist.

Diese Geschehnisse sind auf den August 1961 datiert, ein Jahr, in dem der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, bei einer Pressekonferenz am 15. Juni, zwei Monate vor den dramatischen Ereignissen im Roman, den noch heute legendären und berüchtigten Satz „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“ fallen lässt. Dass das eine Lüge war, sollte sich bald herausstellen.

Wind von den Plänen für den Bau einer Mauer zwischen Ost- und West-Berlin bekommt die Journalistin Eva Herden bei ihren Recherchen über die Baubrigaden in Ost-Berlin; und sie steht vor der Frage, wie sie mit dieser äußerst brisanten Information umgehen soll, denn die Stasi, der Geheimdienst der DDR hat sie im Blick.

Auch ihr Freund Philipp Gerber steht vor einem Dilemma. Auf Veranlassung seines Chefs vom Bundeskriminalamt soll er sich in Kontakt mit dem Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes setzen, der unter Spionageverdacht steht – ohne dass sein Chef davon weiß. Es geht um eine von höchster politischer Ebene gewünschte Zusammenarbeit zwischen dem BKA und dem BND. Damit nicht genug, wird er von dem Chef des Bundesnachrichtendienstes auch noch in einen anderen Fall von Spionage involviert. Und an seiner Seite steht – wissentlich oder unwissentlich – der unter Spionageverdacht stehende Mitarbeiter. Wer auf welcher Seite steht, wird immer unklarer.

Mehr wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Nur Folgendes muss noch erwähnt werden: Wie gewohnt besticht der neue Roman von Ralf Langroth durch akribische zeitgeschichtliche Recherche bis ins letzte Detail. Der Leser wird unmittelbar in die Bundesrepublik der 1950-er und 1960-er Jahre versetzt. Und wie bei den Vorgängern der Reihe um Philipp Gerber und Eva Herden bekommt er eine packende Story geboten, die ihre Spannung bis zum Schluß hält – kurzum eine absolute Leseempfehlung.