Wissenswertes über die Andreaskirche in Düsseldorf

Vor kurzem hat mich meine Freundin Kerstin zu einem Stadtrundgang durch Düsseldorf eingeladen. Eines der Ziele war die St. Andreaskirche an der Andreasstraße, die durch ihre beeindruckende Architektur und Geschichte besticht.

Wie einem Flyer zu entnehmen ist, zählt die ehemalige Hof- und Jesuitenkirche Sankt Andreas im Herzen der Düsseldorfer Altstadt – zusammen mit der Hofkirche in Neuburg an der Donau – zu den „interessantesten Bauten der ausgehenden deutschen Renaissance und des beginnenden Barocks“ – nachzulesen im1988 erschienenen und von Sonja Schürmann geschriebenen DuMont Kunst-Reiseführer „Düsseldorf. Eine moderne Landeshauptstadt mit 700-jähriger Geschichte und Kultur“.

Die „stadt- und kunstgeschichtlich bedeutende Andreaskirche entstand auf Anregung der 1619 nach Düsseldorf gerufenen Jesuiten. Unter Herzog Wolfgang Wilhelm aus dem Hause Pfalz-Neuburg konnte die Kirche inmitten des Dreißigjährigen Krieges in recht kurzer Zeit (1622 – 1629) vollendet werden. Erweiterungen und Umbauten folgten in späteren Jahren. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde das sich westlich der Kirche anschließende Jesuitenkolleg errichtet. 1708 erhielt die Andreaskirche den offiziellen Titel „Hofkirche“. Das Mausoleum fand im 19. Jahrhundert seine heutige Form. Im Frühjahr 1991 konnten umfangreiche Restaurierungsarbeiten im Inneren der Kirche abgeschlossen werden.

Beim Betreten der hellen, dreischiffigen Emporenhalle mit ihrem Kreuzrippengewölbe fallen vor allem die Stuckarbeiten in den Deckenpartien ins Auge. Das Bildprogramm der Stuckdekoration ist aller Wahrscheinlichkeit nach in wesentlichen Teilen auf Herzog Wolfgang Wilhelm selbst zurückzuführen.

Formal der klassischen Spätrenaissance entsprechend thematisieren die Stuckarbeiten die Dreifaltigkeit (Apsis), die Engel, Patriarchen, Propheten, Evangelisten und heiligen Monarchen (Mittelschiff), das „Jüngste Gericht“ (hinter dem Orgelprospekt) sowie die Heiligen der Kirche (Seitenschiffe und Emporen.

Das Bildwerk in seiner Gesamtheit stellt nach den Worten des Kunsthistoriker und Verlegers Hugo Schnell die „umfassende Idee der Kirche“ dar. Hingewiesen sei besonders auf die Darstellungen des Heiligen Andreas (linke Empore) und des Heiligen Dominikus. In Ergänzung zu den stuckierten Heiligendarstellungen finden sich an den Außenpfeilern der Seitenschiffe unter anderen lebensgroße Holzstatuen der zwölf Apostel aus dem 17. Jahrhundert; an den Pfeilern des Mittelschiffs präsentieren sich verschiedene Heilige des Jesuitenordens.

Nähere Erläuterungen dazu gibt es in dem von Sonja Schürmann geschriebenen DuMont Kunst-Reiseführer „Düsseldorf. Eine moderne Landeshauptstadt mit 700-jähriger Geschichte und Kultur“. Wie sie darin ausführt, haben „alle diese Heiligendarstellungen … nicht nur eine dekorative Funktion, sie sind darüber hinaus Träger eines bestimmten Programms. Der gläubige Laie ist im ganzen Kirchenraum von Heiligen umgeben. Die Vorstellung des augustinischen Himmelsstaates „civitas dei“ wirkt hier nach.“

Die beiden Seitenaltäre sind Barockschöpfungen aus der Entstehungszeit der Kirche, die jetzigen Altarbilder entstanden im 19. Jahrhundert: auf der linken Seite „Maria als Himmelskönigin mit Kind“ von Ernst Deger und rechts „Christus an der Geisselsäule“ von Julius Hübner, beides Düsseldorfer Maler. Ebenfalls zur ursprünglichen Ausstattung (um 1650) gehört die Kanzel; wie die Seitenaltäre ist sie ein Werk der beiden Jesuitenkünstler J. Wolf und J. Hoen.

Ungewöhnlich im Rahmen der barocken Architektur ist der Hochaltar von Ewald Mataré. 1960 schuf der auch als Künstler tätige Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie diesen Marmoraltar einschließlich der Fenster des Chorraumes und des zentral hängenden Kreuz-Teppichs.

Aus dem im letzten Weltkrieg zerstörten barocken Hochaltar stammt das nun in der sogenannten „Fürstenloge“ zu sehende große Gemälde „Martyrium des Heiligen Andreas“ von Heinrich Lauenstein.

Durch die „Räume des Empfangs“ hindurch ist das Mausoleum zu erreichen. Dieser außen zwölf- und innen sechsseitige Zentralbau beherbergt die Sarkophage von sieben Mitgliedern des herzoglichen Hauses Pfalz-Neuburg, darunter auch den reich geschmückten Zinnsarkophag des 1716 verstorbenen Kurfürsten Johann Wilhelm, besser bekannt als „Jan Wellem“.

Wieder dem Ausgang der Kirche zugewandt fällt der Blick auf den prächtigen Orgelprospekt, entstanden in der Zeit von 1780 bis 1782 und links neben dem Portal auf ein großes Barockkreuz, das vermutlich von Gabriel de Grupello entworfen wurde.

Die Andreaskirche und ihre Schätze

Die Andreaskirche besitzt einen reichen Kirchenschatz. Bemerkenswert sind Silberfiguren aus dem 17. Jahrhundert, darunter eine Madonna von Heinrich Ernst aus dem Jahre 1656, ein kürzlich ergänzter Elfenbein-Kalvarienberg aus der Zeit um 1700 und ein Rokoko-Kelch aus dem Jahre 1760. Unter den Paramenten aus verschiedenen Jahrhunderten sind neben einer um 1650 entstandenen komplett schwarzen Kapelle zum Beispiel eine rote Kasel (1685) und barocke Chormäntel erwähnenswert.

Von den Jesuiten zu den Dominikanern

Bis zur Auflösung des Jesuitenordens 1773 blieb St. Andreas eine Klosterkirche. 1842 bis 2005 war sie Pfarrkirche, seitdem ist sie wieder Klosterkirche – jetzt der Dominikaner, die 1972 ihren Düsseldorfer Konvent von der Herzogstraße in die Altstadt verlegten und seitdem für die Seelsorge an der Kirche verantwortlich sind. 1991 begannen sie mit ihrem Cityseelsorge-Projekt „St. Andreas – Offene Kirche der Dominikaner“. Der Kirchenraum ist an allen Tagen geöffnet und findet durch Predigten, Gottesdienste und Gebet, aber auch durch Konzerte, Ausstellungen und andere kulturelle Veranstaltungen vielfältige Nutzung.

Nähere Informationen:

Telefon: 0211 136340

E-Mail: dominikaner@gmx.de

Internet: http://www.dominikaner-duesseldorf.de

Verwendete Literatur:

Jürgen Wiener, Düsseldorf – St. Andreas, Euro Art Verlag Kurt L. Lehner Kunstführer, Passau, 1997

Sonja Schürmann, Düsseldorf. Eine moderne Landeshauptstadt mit 700-jähriger Geschichte und Kultur, DuMont Kunst-Reiseführer, Köln, 1988

Flyer der St. Andreas – Offene Kirche der Dominikaner

Ein Kultururlaub: Buchmesse in Leipzig und Moritzburg in Halle/Sachsen-Anhalt

Es ist schon eine etwas längere Tradition, dass ich zur Buchmesse nach Leipzig fahre. Vor etwas längerer Zeit im März letzten Jahres war es wieder so weit.

Morgens um 9 Uhr ging es los, bei durchwachsenem Wetter, das sich aber bald zum Besseren wendete. Neben der Entscheidung, nach drei Jahren Pause wieder einmal zur Buchmesse zu fahren, war es eine weitere gute Entscheidung, statt über Hannover und Salzgitter zu fahren, die Strecke über Kassel zu wählen. Die war von der Fahrtzeit zwar länger angegeben, war aber kürzer und hatte den Vorteil, dass ohne Stau bis nach Naumburg durchgefahren werden konnte, wo das Hotel war, das äußerst empfehlenswerte „Braugasthaus“ in unmittelbarer Nähe des Marktplatzes mitten im Zentrum dieser schönen Stadt, die durch viele, gut erhaltene Gebäude aus verschiedenen Jahrhunderten besticht. Immer wieder bemerkenswert und aufs Neue zu entdecken sind die liebevoll mit Ornamenten, Objekten und Figuren gestalteten Fassaden in Fachwerkbauweise, die zum längeren Verweilen und genauerem Betrachten einladen.

Anhand der gut sichtbaren Hinweisschilder sind auch die architektonischen und kulturellen Sehenswürdigkeiten Naumburgs schnell zu entdecken. Dazu gehört an erster Stelle der Naumburger Dom, eine Doppelchoranlage mit je einem Chor an beiden Schmalseiten und eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler des europäischen Hochmittelalters. Weltweit einzigartig sind seine Architektur, die Glasmalerei und die Bildhauerkunst. Wertvolle Kunstschätze entführen den Besucher in die Welt des Mittelalters; und die romantische Ladegastorgel lässt den Dombesuch bei einem der zahlreichen Orgelkonzerte zum einzigartigen Klangerlebnis werden.

Nicht vergessen werden darf an dieser Stelle die Figur der Uta von Naumburg, eines der bedeutendsten plastischen Bildwerke der deutschen Gotik. Es handelt sich um die Darstellung der um 1000 geborenen Uta von Ballenstedt, die zum Hochadel und zum Hof des Kaisers gehörte. 1026 wurde sie mit Ekkehard II., Markgraf von Meißen, verheiratet. Sie galt als schönste Frau des Mittelalters, und so wurde sie vom Naumburger Meister dargestellt. Ihre Schönheit verdankt sie nach der Vorstellung des Künstlers ihrem Charakter, der von Vornehmheit, Gottesgläubigkeit, Frommheit und Großzügigkeit gekennzeichnet war. So war es auch kein Wunder, dass sie die Berühmteste der 12 Stifterfiguren des Naumburger Doms ist. Besonders war es für die damalige Zeit, nicht heilige, sondern weltliche Figuren in der Kirche darzustellen.

Alle zwei Jahre veranstaltet die Stadt Naumburg übrigens ein besonderes Treffen für alle Namenspaten der Stifterfigur des Naumburger Doms, „Uta von Ballenstedt“. Geboten wird ein vielfältiges Programm mit Dom- und Stadtführungen, Workshops, Theateraufführungen und Konzerten.

Interessant ist natürlich auch ein Besuch des Nietzsche-Hauses. Der Verkünder vom Tode Gottes und vom Übermenschen, der jenseits aller traditionellen, vor allem vom Christentum verkündeten Moralvorstellungen sein Leben in die selbstbestimmten Hände legt, hatte dort einige Zeit mit seiner Mutter und seiner Schwester Elisabeth zusammengelebt. Heute ist das Gebäude am Weingarten 18 ein Museum, das sich dem Leben und Werk des Philosophen widmet.

Und wer in Naumburg und Umgebung nur einfach Urlaub machen will, wird auch sein Vergnügen haben. Die abwechslungsreiche Landschaft und die umliegenden Weinorte und geschichtsträchtigen Städte sind immer einen Ausflug wert.

Abends kann man dann den Tag bei gutem Essen und Trinken in einer der zahlreichen gastronomischen Betriebe ausklingen lassen, die oft in älteren Gebäuden beherbergt sind und so durch ihre besondere, geschichtsträchtige Atmosphäre bestechen.

Als Peter Twiehaus mehrere Sachen aus seiner Tasche fielen

Am zweiten Tag geht es zur Buchmesse. Hier kann ein Stau angesichts der Besuchermassen nicht vermieden werden, aber der hält sich in Grenzen und ein Parkplatz, sogar kostenlos, ist schnell gefunden. Wer als Erstes auffällt, sind die „Cosplayer“ in ihren sehr fantasievoll gestalteten Kostümen. Sie haben bei der Buchmesse in Leipzig am Freitag ihren zentralen Tag. Wem der Name Cosplayer nichts sagt, dem sei erklärt, dass es sich um Fans von Comics, Fantasy, Science Fiction oder Manga handelt, die versuchen, ihrer Lieblingsfigur aus Buch und Film möglichst nahezukommen. Da darf es einen auch nicht wundern, wenn einem zum Beispiel „Darth Vader“, „Harry Potter“ oder „Jack Sparrow“ begegnen. Manches Mal sehen die auch sehr martialisch aus, aber es ist ja nur ein bunter Spaß.

Wie es der Zufall will, begegnet dem aufmerksamen Besucher schon kurz vor dem Eingang in eine der riesigen Hallen der Leipziger Messe, die durch ihre großen Glasfassaden bestechen, auf einen Prominenten. Es ist Peter Twiehaus, vielen als Film- und Buchexperte aus dem ZDF-Frühstücksfernsehen bekannt. Ihm ist etwas aus seiner Tasche gefallen, und beim Aufheben fällt ihm gleich alles aus der Tasche. Nervosität vor dem Auftritt? Er wird es wohl hinkriegen, war ja auch nicht viel, was auf dem Boden liegt, denken wir und gehen weiter zum Eingang.

Eine kurze Enttäuschung an der Kasse: Trotz des Eintrittspreises in Höhe von 24 Euro gibt es kein Programmheft, nur eine Wegbeschreibung. Begründung: Aus Umweltgründen soll auf Papier verzichtet werden. Da haben die Aktivisten, die einem auf dem Weg ohne Fragen Flyer in die Hand drücken, weniger Skrupel, aber ein höchst moralisches Anliegen. Sie machen sich für die Palästinenser im Gaza-Streifen stark, bezeichnen Israels Gegenwehr gegen den mörderischen Anschlag vom 7. Oktober mit über 1000 Toten und vielen Geiseln als Genozid, wissen aber nichts von der langjährigen und komplexen Geschichte, die dahinter steht. Ich war schon drauf und dran, den Aktivisten zu empfehlen, sich das Alte Testament zur Hand zu nehmen, aus dem sich die Anfänge des Konflikts zwischen den Arabern und Israelis entnehmen lassen, und dazu noch ein paar Bücher über die folgenden Entwicklungen bis zur Gegenwart, Zeitungen, politische Magazine und Sendungen im öffentlich rechtlichen Fernsehen; aber bei solchen vor selbstgefälliger Moral nur so strotzenden Leuten, die in ungewissen Internetforen ihre Wahrheit suchen und sie zumeist nur in Form von ein oder zwei Sätzen, begleitet mit ungesichertem Videomaterial, zu sich führen, kann ich mir die Mühe sparen.

Skurril muten zwei Trotzkisten an, die auf die Palästina-Aktivisten folgen. Ich wusste nicht einmal, dass es die noch gibt. Aber wissen die, dass Trotzki genau so ein kaltblütiger Mörder war wie seine Genossen Lenin und Stalin und es in Kauf nahm, auch auf Arbeiter und Soldaten schießen zu lassen, die für die Revolution waren, aber nicht für die Alleinherrschaft der Bolschewisten. Der Unterschied zu Stalin war nur, dass der gewiefter war, die Macht nach Lenins Tod ergriff und 1941 endgültig bewies, wer von den beiden im kommunistischen Lager was zu sagen hat. Trotzki bekam in seinem Exil in Mexiko einen Eispickel ins Gesicht mit tödlichem Ausgang. Stalin konnte dann noch weitermorden bis zu seinem krankheitsbedingten Tod im Jahre 1953. Auch auf diese Diskussion habe ich keinen Bock, da mit Ideologen, die durch ihre Unbeirrbarkeit immer im Recht sind, kein Wort zu sprechen ist.

Sowohl die Aktivisten als auch die Trotzkisten bleiben aus nachvollziehbaren Gründen zumeist für sich und ihre Flyer landen auf dem Boden. Schade ums Papier, das man besser für ein Programmheft zur Buchmesse hätte verwenden können. Sei´s drum.

Im Eingangsbereich West angekommen, lädt eine Gastronomie-Meile zum gemütlichen Verweilen ein, doch dann war der Name Dennis Scheck zu hören, bekannt als Literaturkritiker vor allem durch seine Sendung „Druckfrisch“. Und umstritten durch seine Art, wie er Bücher, die er überhaupt nicht mag, unter anderem von Sebastian Fitzek, gewissermaßen entsorgt. Darüber kann man streiten, aber nicht darüber, dass er geistreich und unterhaltsam ist; und dass er von sich überzeugt ist, gehört wohl zu seinem Metier. Beeindruckend allemal ist es, wie er in 30 Minuten 30 Lesetipps gibt und dabei in der Lage ist, zu jedem das Wichtigste zu sagen. Die Bandbreite reicht von aktuellen Büchern über Kafka aus Anlass seines 100. Todestages über Neuauflagen der Aphorismen und Parabeln von Kafka bis hin zu Nora Krug mit ihrer graphic novel „Im Krieg. Zwei illustrierte Tagebücher aus Kiew und St. Petersburg“ und zu Wolf Haas, der mit dem Roman „Eigentum“ zu den Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2024 gehörte.

Ohne festen Plan geht es dann zu den Ständen bekannter Verlage wie Rowohlt, Fischer, Beck und Reclam, wo ich zum ersten Mal fündig werde. Auf Empfehlung von Dennis Scheck kaufe ich mir die Fabeln von Franz Kafka, aus eigenem Interesse die wunderbar gezeichneten und äußerst humorvollen Bildergedichte „Meine Klassiker“ von Hans Traxler, indem er sich oft den sexuellen Begehrlichkeiten und Nöten so prominenter Figuren wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Nietzsche, Siegmund Freund oder Casanova widmet, und einen Band mit Kürzestgeschichten für den kleinen literarischen Hunger zwischendurch. Ein weiterer Anlaufpunkt: das Antiquariat, das von mehreren Antiquaren bestückt wird. Ärgerlich ist hier die ungeordnete Bestückung der Regale. Orientierunglos laufe ich dort herum, bis ich zumindest eine Idee habe, was ich mir dort kaufen könnte. Bei mehreren Gesprächen mit Freunden wurde ich auf die literarische Qualität der Maigret-Krimis von Georges Simenon hingewiesen. Aber wo finden? Glücklicherweise habe ich doch ein paar davon entdeckt. Ich entscheide mich aufgrund des Titels für den Band „Hier irrt Maigret“. Ein Glücksgriff, wie sich bei der späteren Lektüre herausstellt. Danach lasse ich es ein bisschen ruhiger angehen, gönne mir etwas zu trinken und beobachten die Leute. Was vor allem bei den Besuchern auffällt: geschmacklose und vor allem bei den Frauen unvorteilhafte Kleidung. Ich zerreiße mir innerlich das Maul, und wundere mich, warum Menschen, die sich mit einer so schönen Materie wie Literatur beschäftigen, so wenig auf ihr Äußeres achten.

Als Enttäuschung empfinde ich den Stand der Gastländer Niederlande und Flamen. Lieblos, ohne Zusammenhang und Erklärung wurden dort Bücher aneinandergereiht. Aber das war bei anderen Präsentationen von Gastländern auch schon der Fall. Ist aber keine Entschuldigung.

Ebenfalls enttäuschend: die Auswahl der Preisträger in den Bereichen Belletristik und Sachbuch. Ohne genau zu wissen, woran es liegt, spricht uns keines der Werke an. Die Autorinnen und Autoren sind bis auf Wolf Haas zumindest uns beiden völlig unbekannt.

Und dann geht es auch schon zurück nach Naumburg, wo ich den Abend bei gutem Essen und Trinken ausklingen lasse. Bei den Planungen für den kommenden Tag kommt irgendwann natürlich die Frage auf, welche Stadt ich mir am Samstag anschauen sollte. Da im Freundes- und Bekanntenkreis oft von Halle gesprochen wurde, und dem dort ansässigen Kunstmuseum Moritzburg, das mich auch interessierte, fiel die Entscheidung für Halle. Außerdem kannte ich die Stadt Halle noch nicht.

Auf nach Halle zur Moritzburg

Bevor es mit der Beschreibung des Kultururlaubes weitergeht, ein paar Worte zu der „Diva in grau“: Halle in Sachsen-Anhalt. Den Beinamen hat sich Halle durch den Fotoband „Diva in Grau. Häuser und Gesichter in Halle“ erworben. Die Fotografin Helga Paris hatte von 1983 bis 1985 auf ihren Motiven den desaströsen Zustand der Stadt festgehalten. Zudem enthielt der Band literarische Texte, die wie die Fotos den Zustand der Stadt und die Befindlichkeit vieler Bewohner mit einer poetischen Präzision trafen, dass „Diva in Grau“ in der Folge zu einer viel zitierten Chiffre für die Stadt wurde. Halle war zum Synonym für Verfall und Tristesse geworden.

Für den Betrachter von heute ergibt sich ein durchwachsenes Bild. An Orte des Verfalls schließen sich direkt viele gut erhaltene historische Gebäude an, die vom früheren Ruhm der Stadt als Standort von Handel, Universität, Kunst und Kultur und als Residenzort zeugen. Aufwändige Sanierungsmaßnahmen und städteplanerische Überlegungen haben Früchte getragen. In einem Artikel zum Fotoband heißt es, dass Halle bei aller Tristesse den Glauben aufrecht erhalten habe, eine unzerstörbare Würde zu besitzen, und für künftige Zeiten die Perspektive, wieder einmal lichtere Zeiten erleben zu können.

Was ich von Halle außerhalb der Moritzburg noch sehen werde, entscheidet sich später. Für die, die von der Moritzburg bisher noch nichts gehört haben, an dieser Stelle ein paar Basisinformationen: DieMoritzburgist heute eine als Museum rekonstruierte Burgruine, Im Jahr 1484 wurde der Grundstein für die spätere Residenz der Magdeburger Erzbischöfe gelegt. Sie wurde im Stil der Spätgotik errichtet und ist heute eines der imposantesten Bauwerke der Saalestadt Halle. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Moritzburg 1637 durch ein Feuer in weiten Teilen beschädigt und 1639 sprengten sächsische Truppen die Südwest-Bastion mit einer Mine, um die schwedischen Besatzungstruppen zur Aufgabe zu zwingen. Danach blieb die Burg weitgehend Ruine und der Wohnsitz des Magdeburger Erzbischofs wurde auch offiziell in die benachbarte, 1531 erbaute Neue Residenz verlegt. Seit 1904 beherbergt die Moritzburg vor allem ein Kunstmuseum mit überregionaler Ausstrahlung. Von 2005 bis Dezember 2008 wurden der Nord- und der Westflügel von den Architekten Enrique Sobejano und Fuensante Nieto zur Erweiterung der Ausstellungsfläche ausgebaut. Seit dem 13. Dezember 2008 ist das erweiterte Kunstmuseum für den Publikumsverkehr wieder geöffnet.

Der persönliche Eindruck: eine äußerst beeindruckende Anlage im Zentrum der Stadt, die gerade für Freunde der Kunst ein absolutes Muß ist. Die Bandbreite dessen, was dort an Kunst versammelt ist, beeindruckt. Sie erstreckt sich auf mehreren Ebenen von sakraler Kunst aus der Zeitspanne vom Mittelalter bis zum Barock über die Kunst des 16. bis 19. Jahrhunderts bis hin zur Kunst in der ehemaligen DDR.

Zunächst einiges zum Stichwort „Wege der Moderne – Kunst in der SBZ/DDR 1945 – 1990“: Nach dem Zusammenbruch der DDR herrschte insbesondere in Westdeutschland ein großer Vorbehalt gegenüber der dort von 1945 bis 1990 geschaffenen Kunst. Der Grund: die Nähe bekannter Künstler wie Werner Tübke, Willi Sitte und Bernhard Heisig zur allein herrschenden SED und dem diktatorischen Staatsapparat der DDR. Diese problematische Beziehung wird allerdings in der Ausstellung thematisiert. So wird darauf hingewiesen, dass die sogenannte Formalismus-Debatte im Jahre 1948 zu großen Verwerfungen in der dortigen Künstlerszene führten. Künstler, die nach dem Zweiten Weltkrieg einen Neuanfang wagten und sich nicht den Vorgaben des „Sozialistischen Realismus“ fügten, der eine klare Abgrenzung zum „westlich-dekadenten Kunstbetrieb“ zum Inhalt hatte, bekamen Schwierigkeiten. Auf der ersten Zentralen Kulturtagung der SED vom 7. Mai 1948 wurde eine Abkehr von der Freiheit der Kunst gefordert. „Die Idee der Kunst muss der Marschrichtung des politischen Kampfes folgen“, formulierte der Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl, was verkürzt bedeutete, dass sich die Künstler in der DDR in den Dienst der Idee des Sozialismus zu stellen hatten. Sie sollten mit ihren Werken ein wahrheitsgetreues und gegenständliches Abbild der „sozialistischen“ Wirklichkeit liefern. Der sogenannten „formalistischen Kunst“ aus dem Westen wurde die „Zerstörung der gesellschaftlichen Zusammenhänge“ und der „tatsächlichen Erscheinungsformen der Wirklichkeit“ zum Vorwurf gemacht, die Werke von Künstlern wie Pablo Picasso, Marc Chagall, Karl Schmidt-Rottluf und Karl Hofer wurden mit den Begriffen „Mummenschanz“ und „Wirklichkeitsfälschung“ tituliert.

Die Ausstellung in der Moritzburg greift diese Thematik auf. Wie dort auf Infotafeln nachzulesen ist, „werden offizielle sozialistisch-realistische Positionen kontrastiert mit Werken von Künstlern, die nach Wegen suchten, im Kontakt mit internationalen Entwicklungen zu bleiben beziehungsweise Positionen der künstlerischen Moderne weiterzuentwickeln.“

Wege der Moderne – Kunst in der SBZ/DDR 1945 – 1990“

Beim genaueren Betrachten des Bereiches „Wege der Moderne – Kunst in der SBZ/DDR 1945 – 1990“ wird deutlich, dass die von den Verantwortlichen der Moritzburg formulierten Ziele in bester Manier umgesetzt wurden. Die Bandbreite der Ausdrucksformen sowie das große künstlerische Handwerk überzeugen ebenso wie die zur Verfügung gestellten Informationen über die Künstler, ihre Werke und die damit verbundenen Auseinandersetzungen in einem Staat, der sich den Sozialismus auf die Fahnen geschrieben hatte und daran gescheitert ist.

Weiteres ist in einem Flyer nachzulesen: „Mit der Präsentation der Kunst nach 1945 bezieht sich das Museum auf die eigene Sammlung, die sich für diesen Zeit abschnitt historisch bedingt in erster Linie als eine Sammlung zur Kunst in der ehemaligen DDR darstellt. Dementsprechend bekennt sich das Museum zu seiner regionalen und historischen Verortung und präsentiert die Kunst in der zweiten Jahrhunderthälfte fokussiert auf die vielfältigen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten in der ehemaligen SBZ/DDR.

Den Auftakt bilden in Halle (Saale) entstandene Arbeiten aus den späten 1940er Jahren bis Mitte der 1950er Jahre, jener Zeit, in der Künstler wie Hermann Bachmann, Herbert Kitzel, Horst Strempel oder Theo Balden im Anknüpfen an die von den Nationalsozialisten geächtete Moderne einen künstlerischen Neuanfang versuchten. Infolge der Formalismus-Debatte ab 1948 verließen viele von ihnen enttäuscht die neu gegründete DDR gen Westen.

Im Kern der Präsentation werden offizielle sozialistisch realistische Positionen kontrastiert mit Werken von Künstlern, die nach Wegen suchten, im Kontakt mit internationalen Entwicklungen zu bleiben bzw. Positionen der Moderne weiterzuentwickeln. Arbeiten beispielsweise von Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte oder Willi Neubert treffen u. a. auf Werke von Hermann Glöckner, Robert Rehfeldt, Wasja Götze, Hans Ticha oder A. R. Penck und Hartwig Ebersbach. Mit Werken von Einar Schleef, Wolfram Ebersbach, Clemens Gröszer, Norbert Wagenbrett, Eberhard Göschel, Peter Ma kolies und Hartmut Bonk öffnet sich die Präsentation in die Jahre vor der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten.

Kunst aus dem Dritten Reich

Auch an ein Tabuthema wagt sich das Museum heran: umstrittene Kunst aus dem Dritten Reich. Wie es damit umgeht, ist auf der Internetseite des Museums nachzulesen: „Eine Besonderheit stellt der Ausstellungsbereich zur Kunst 1933 bis 1945 dar. Es werden Werke präsentiert, die in diesem Zeitabschnitt entstanden und zum Teil auch erworben worden sind – sowohl von Vertretern der Moderne als auch von Vertretern der „NS-Kunst“. Mit diesem Ausstellungsteil geht das Museum als eines der ersten Kunstmuseen in Deutschland offensiv mit seiner Institutions- und Sammlungsgeschichte im Rahmen einer Dauerausstellung um und spart die „schwarzen Jahre“ der nationalsozialistischen Diktatur nicht länger als blinden Fleck der Sammlungspräsentation aus. Vielmehr wird in Reaktion auf die jüngeren Forschungsergebnisse zur Kunst im „Dritten Reich“ reagiert und eine Präsentation der Werke gezeigt, die die plakative Schwarz-Weiß Zeichnung der Vergangenheit aufgibt und den Besucher zu einer differenzierten Betrachtung der in dieser Zeit entstandenen Kunst einlädt.“

Dauerausstellung zur Kunst des 20. Jahrhunderts in Deutschland

Es werden aber auch weitere Kunstwerke aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt: „Die 2017 neu eingerichtete Dauerausstellung zur Kunst in Deutschland zwischen 1900 und 1945 stellt die einzigartige Museumsgeschichte anhand herausragender Objekte aus den Sammlungen des Hauses vor. Sie ist in drei Bereiche gegliedert: Kunst 1900–1918 mit dem Schwerpunkt Expressionismus; Kunst 1919–1933 mit den Schwerpunkten Neue Sachlichkeit und Abstraktion; und wie schon erwähnt Kunst 1933–1945. Entlang dieser Abschnitte wird die Geschichte des Museums mit seinen Direktoren und deren Formung der Sammlungen gemeinsam mit der Entwicklung der Kunst in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermittelt. Alle drei Bereiche präsentieren Werke der freien und angewandten Kunst gleichrangig miteinander – neben Gemälden und Plastiken werden dem historischen Profil des 1885 als Museum für Kunst und Kunstgewerbe gegründeten Hauses entsprechend Objekte des Kunsthandwerks sowie kleinplastische Medaillen ausgestellt.“

Vertreten sind Werke unter anderem von Gustav Klimt, George Minne, Edvard Munch, Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Franz Marc, Emil Nolde, Wilhelm Lehmbruck, Georg Kolbe, Moissey Kogan, Alexander Kanoldt, Karl Völker, Richard Horn, Conrad Felixmüller, William Wauer, Lyo nel Feininger, Otto Griebel, Georg Schrimpf, Christian Schad, Oskar Nerlinger, Paul Klee, Fritz Winter, Erwin Hahs, El Lissitzky, Walter Dexel, Erich Buchholz, Ewald Mataré, Gustav Weidanz, Karl Hofer, Otto Dix, Franz Lenk, Werner Peiner, Ernst Wilhelm Nay, Max Ernst, Oskar Moll, Karl Müller, Heinz Trapp, Paul Mathias Padau, Fritz Klimsch, Richard Scheibe, Gerhard Marcks und Emi Roeder sowie Mathilde Flögl, Max Laeuger, Wilhelm Wagenfeldt, Marianne Brandt, Marguerite Friedlaender und Jan Bontjes van Beek.

Kunst des 16. bis 19. Jahrhunderts und Sakrale Kunst vom Mittelalter bis Barock

Ergänzt wird die insgesamt 250.000 Gemälde, Zeichnungen, Aquarellen, Druckgrafiken, Fotografien, Plastiken, Objekte des Kunsthandwerks und Designs sowie Münzen, Geldscheinen und Medaillen umfassende Sammlung durch Kunst des 16. bis 19. Jahrhunderts und durch Sakrale Kunst vom Mittelalter bis Barock.

In den beiden Etagen des Talamtsgebäudes im Südflügel der Moritzburg werden in sechs Räumen Gemälde, Plastiken, Objekte des Kunsthandwerks und Medaillen vom 16. bis 19. Jahrhundert präsentiert. Neben Arbeiten von Anselm Feuerbach, Hans von Marées oder Carl Adolf Senff gibt es unter anderem auch Gemälde von französischen und italienischen Meistern zu entdecken. Besondere Höhepunkte sind das Vanitas-Stillleben des Damien Lhomme, genannt „Meister des Almanachs“, und dieDiana von Hans von Aachen, des Hofmalers Kaiser Rudolfs II. in Prag.

Die Ausstellung mittelalterlicher Altäre und Skulpturen, von Spolien aus bedeutenden halleschen Bauwerken und sakralen Objekten im Gotischen Gewölbe vereint eine Auswahl aus den reichen Sammlungen der alten Kunst in einem Raum, der zu den ursprünglichen Teilen der Residenz zählt.

Seit 1952 wird das Gewölbe für Ausstellungen alter Kunst und des Kunsthandwerks genutzt. Die Altäre und Altarfiguren der Sammlung stammen vorwiegend aus Kirchen im mitteldeutschen Raum. Überwiegend wurden sie auch in den zahlreichen Werkstätten in der Region gefertigt.

Zu Besuch in Weimar – Von Goethe bis Bauhaus-Bewegung

Schon seit ein paar Jahren fahre ich zur Buchmesse nach Leipzig. Damit verbunden ist auch ein Ausflug zu Sehenswürdigkeiten in der näheren und weiteren Umgebung.

Da durfte natürlich die wunderschöne Stadt Weimar nicht fehlen, die nicht zuletzt durch das dortige Wirken des Dichters Johann Wolfgang von Goethe zu Weltruhm gelangte und bis heute ein kultureller Standort von hohem Rang ist. Davon zeugen unter anderem die Räumlichkeiten des ersten Bauhaus-Standortes, die Herzogin Anna Amalia-Bibliothek, das Nietzsche-Archiv und natürlich das Goethe-Haus am Frauenplan.

Und der erste Eindruck von Weimar, wenn man ins Zentrum gelangt: Ein absoluter Traum, man fühlt sich angesichts der vielen gut erhaltenen Häuser, Villen, Kultureinrichtungen, Schlösser oder anderer Amtssitze sofort in die Goethe-Zeit versetzt. Ganze Straßenzüge vermitteln den Eindruck, seit mehreren Jahrhunderten ohne große Veränderungen und unbeschadet geblieben zu sein. Und wenn einem einer der Helden der großen kulturellen Ära Weimars wie Goethe, Schiller oder Herder begegnet wäre, hätte es einen auch nicht gewundert.

Angesichts der Tatsache, dass wir nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung hatten, beschränkten wir uns bei dem Besuch von Sehenswürdigkeiten auf das Goethe-Haus und das Bauhaus-Museum. Aber das alleine reicht schon. So umfängt einen im äußerst repräsentativen Goethe-Haus – ausgestattet mit vielen Original-Möbeln, Kunstwerken, Nachbildungen griechischer und römischer Büsten sowie einer umfangreichen Sammlung aus seiner Tätigkeit als Naturwissenschaftler – der unermessliche Geist des Dichterfürsten, der mit dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ das Lebensgefühl der jungen Menschen seiner Zeit traf, mit dem „Faust“ das ultimative Drama um den Kampf zwischen Gut und Böse schrieb und mit vielen weiteren Werken zum führenden Vertreter der Klassik wurde, in der das geistige Schaffen der griechischen und römischen Kultur eine Renaissance erfuhr. Goethe war es auch, der dank der Unterstützung des Weimarer Fürstenhauses und dank seines Bekanntheitsgrad viele Geistesgrößen wie Friedrich Schiller und manche mehr um sich vereinen konnte und die damals noch nicht so bekannte Stadt zu einem führenden Zentrum des Geistes und der Kultur in Deutschland machte. Mit diesem Wissen im Kopf wird das Goethe-Haus immer wieder zu einem inspirierenden Ort, der die Leidenschaft nach Kunst, Kultur und Wissen stets neu zu entfachen vermag.

Auch im 20. Jahrhundert vermag es Weimar ein weiteres Mal, zu solch einem Ort zu werden. Nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges erwächst die Sehnsucht nach einer geistigen und kulturellen Neuorientierung. Sie manifestiert sich unter anderem in der Bauhaus-Bewegung, deren erster räumlicher Standort 1919 Weimar war. Was sich dahinter verbirgt, wird im Bauhaus-Museum auf dem ehemaligen Minolplatz am Rande des Weimarhallenparks sichtbar.

Die zwar erst 1924 formulierten Fragen „Wie werden wir wohnen, wie werden wir siedeln, welche Form des Gemeinwesens wollen wir anstreben“ bringen in knapper Form auf den Punkt, was schon vorher die Beteiligten mit Walter Gropius an der Spitze umtrieb. Er selbst formulierte folgenden Anspruch: „… Kunst … braucht die innigste Verbindung mit der Umwelt mit dem lebendigen Menschen. Erst muß der Mensch wohlgestaltet sein, dann erst kann ihm der Künstler das schöne Kleid anziehen. Das heutige Geschlecht muss von Grund auf neu beginnen, sich selbst verjüngen, erst eine neue Menschlichkeit, eine allgemeine Lebensform des Volkes erschaffen. Dann wird die Kunst kommen.“

In der Dauerausstellung werden die von der Bauhaus-Bewegung entwickelten Ideen und die daraus resultierenden Ergebnisse in mehrere Bereiche unterteilt, die aber auch in einem inneren Zusammenhang stehen: „Der neue Mensch“, „Schule als Experiment“, „Neuer Alltag“, „Neues Wohnen“ und „Bühne des Bauhauses als Experimentierfeld“. Auch die Frage „Was bleibt“ wird gestellt.

Deutlich wird im Bauhaus-Museum, wie unterschiedlich die Vorstellungen gerade beim Thema des „Neuen Menschen“ waren. Sollte es nach den Verheerungen des mit industriellen Mitteln geführten Ersten Weltkrieges und dem dadurch entstandenen Zweifel an der Technik und ihren auch zerstörerischen Möglichkeiten ein Zurück zur Natur geben? Können die infolge der Gründung der Sowjetunion aufgekommenen utopisch-sozialitischen Gesellschaftsideale eine Lösung sein? Was ist mit dem Begriff des von dem Philosophen Friedrich Nietzsche entwickelten Gedanken des Übermenschen, der sich aus den Fesseln des Christentums löst und sein Leben nach eigenen Vorstellungen in die Hand nimmt? Bekannt geworden ist auch die Wandervogelbewegung, die sich gegen das Diktat der Vernunft, der Erwachsenenwelt und der auferlegten Pflichten wendet und das Zurück zur Natur und zum Individualismus beschwört In eine ganz andere Richtung geht der Konstruktivismus. Er setzt auf die Technik der Zukunft, in der die Menschen mittels mathematischer Vernunft die Moderne verwirklichen können. Alle diese Positionen finden sich beispielhaft im Bauhaus-Museum.

Weiteres Stichwort „Schule als Experiment“: Am Bauhaus in Weimar sollen die vorher getrennten Bereich Kunst und Technik eine neue Einheit bilden. Eingerichtet werden neben dem Bereich Kunst, Architektur und Siedlungsplanug eine keramische Werkstatt, eine Metallwerkstatt, eine Textilwerkstatt, eine Möbelwerkstatt, eine Glas- und Wandmalereiwerkstatt, eine Grafische Druckerei, Werkstätten für Holz- und Steinbildhauerei und eine Werkstatt für Buchbinderei. Auch Tanz und Theater spielen eine Rolle.

Dem früheren System einer elitären Kunstakademie wird eine Absage erteilt. Kunst und Leben sollen in direkter Verbindung stehen, Unterricht und Lernen ergeben sich in Form von Experimenten, nicht in überkommenen Auffassungen. Deutlich wird, dass der Geist der 1919 ins Leben gerufenen Demokratie in Deutschland im Bauhaus seinen Widerhall findet. Dort sollen in intensiven Diskussionen Ideen entwickelt werden, wie mit Architektur, Kunst und Handwerk ein Beitrag dazu geleistet werden kann, dem modernen Menschen ein ihm entsprechendes Leben auch im täglichen Dasein zu ermöglichen. Und dass soll nicht nur für eine Elite gelten, sondern für alle. Dieser Geist wird im Bauhaus-Museum mit verschiedenen Ansätzen widergespiegelt. Wie Heike Hanada in dem Buch „Bauhaus Museum Weimar“ schreibt, soll das Gebäude eine Stätte lebendiger Vermittlung sein, die „offen ist für unterschiedliche Zielgruppen des Weimar-Tourismus, der Bildungsreise bis hin zu Schule und Studium, als Forum für Diskussionen und Veranstaltungen, als Zentrum von Aktivitäten und als Labor, in dem sich Forschen und Sammeln, Präsentieren und Vermitteln, Experimentieren und Reflektieren wechselseitig durchdringen“.

Programm des Bauhauses: Es geht bei dem zu vermittelnden Wissen um eine Verbindung zwischen Kunst und Handwerk. Zum einen wird die Meinung vertreten, dass Kunst nicht lehrbar sei, sondern in der „Gnade eines Augenblicks“ entsteht, zum anderen, dass Kunst handwerkliche Fähigkeiten voraussetzt. Ute Ackermann bringt diesen Aspekt in ihrem Beitrag „Die Institution“ zum Buch über das Bauhaus-Museum auf den Punkt: „Die Künstler und Architekten müssen zu ihrem gemeinsamen Ursprung, dem Handwerk zurückkehren. Deshalb sollten alle Schüler und Schülerinnen eine handwerkliche Lehre aufnehmen. Dementsprechend nannten sie sich Lehrlinge und Gesellen; die Professoren wurden als Bauhaus-Meister betitelt“.

Mit diesen Gedanken wurde zum Ausdruck gebracht, dass es im Bauhaus keine dünkelhafte Abgrenzung zwischen Künstler und Handwerker geben sollte. Gemeinsam sollten sowohl die „Meister“ als auch „die Lehrlinge und Gesellen“ Utopien für eine neue Gesellschaft entwickeln. So wurde unter Anleitung des „Meisters“ Walter Determann eine Siedlung im Sinne des Bauhauses geplant, mit Häusern, Möbeln, Gemeinschaftsbauten und Außenanlagen.

Bauhaus im Alltag: Selbstverständlich spielte das Bauhaus auch eine Rolle bei Dingen des Alltags. Es ging darum, das Leben im privaten Haushalt zu vereinfachen. Mobilität, Hygiene, Raumoptimierung sowie neue Licht- und Energiequellen spielten eine Rolle, aber auch der Bedarf an Haushaltsgeräten, welche die Erledigung der dieser Tätigkeiten vereinfachen konnten: Wasch- und Spülmaschinen zählten ebenso dazu wie Toaster und Staubsauger. Von zentraler Bedeutung waren die Funktionalität von Produkten, die funktionale Gestaltung und die materialgerechte Form für die maschinelle Form. Ein zentraler Satz bei der Erstellung solcher Produkte lautete: Die Form folgt der Funktion. Einige dieser Produkte sind natürlich im Bauhaus-Museum zu sehen.

Dieser Satz galt aber auch für Räume, insbesondere für die Küche, in der kein geringer Teil der Hausarbeit zu leisten war. Das aus Ideen des Bauhauses entstandene Haus Am Horn in Weimar macht deutlich, wie eine Küche neuerer Art gestaltet wurde. Hier wurden erstmals Arbeitsläufe durchdacht und in eine passende Form der Küchenmöbel umgesetzt. Alle zu erledigenden Arbeiten konnten ohne unnötigen Wege Schritt für Schritt erfolgen. Die Wohnküche alten Stils hatte ausgedient.

Ein weiterer Schritt bei der Raumgestaltung: Für die meisten Menschen war zu Zeiten des Bauhauses ein eigenes Bad in der Wohnung ein absoluter Luxus. So stellte sich die Aufgabe, mit kostengünstig in großer Stückzahl industriell gefertigten Elementen wie Armarturen, Becken und Wannen ein modern ausgestattetes Bad auf möglichst kleinem Raum unterzubringen.

Ein ganz großer Schritt: Häuser im Baukastensystem. Der Architekt und Leiter des Bauhauses, Walter Gropius, entwickelte die Idee, Gebäude als Massenprodukte fertigen zu lassen. Johannes Siebler schreibt darüber im Buch zum Bauhaus-Museum: „In Fabriken sollten einzelne Raumkörper auf Vorrat industriell gefertigt und dann vor Ort am Bauplatz zusammengefügt werden … Durch die unterschiedlichen Kombinationsmöglichkeiten der Raumkörper und ihrer diversen funktionalen Belegung wird versucht, den individuellen Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner gerecht zu werden und gleichzeitig eine Formvielfalt in der Architektur zu erhalten“. Heute nennt sich so etwas Fertighaus, ist aber oft von wenig kreativem Geist beseelt und sieht meist sehr fad aus.

Zu erwähnen sind natürlich auch noch die Themen Bühne, Ballett und Möbel, die im Museum in aller Ausführlichkeit widergespiegelt werden. Stichwort „Triadisches Ballett“.

Zum Schluss die Frage: Ist das Bauhaus gescheitert? Was die mit dem Bauhaus verbundenen Hoffnungen auf eine neue und bessere Gesellschaft angeht, muss wohl deutlich gesagt werden, dass die Zeit direkt nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches dafür noch nicht reif genug war. Wegen Anfeindungen von der politischen Rechten musste das Bauhaus seine Zelte 1925 in Weimar abbrechen, fand aber in Dessau eine neue Heimat. Dort ging es bis 1933 weiter. Dann übernahmen die Nationalsozialisten die Macht. Sie schlossen das Bauhaus und vernichteten nicht nur mit diesem Schritt alle Hoffnungen auf einen gesellschaftlichen Neuanfang im Geist von Humanität, Demokratie und geistiger Freiheit. Geistige Barbarei, Krieg und der Massenmord an den Juden, aber auch an vielen anderen Minderheiten, bestimmten die nächsten 12 Jahre in Deutschland, aber auch in vielen anderen von Deutschland überfallenen Staaten in Europa.

Aber auch in kleinerem Rahmen konnte das Bauhaus die selbst formulierten Ziele nicht erfüllen. So gelang es bei der Entwicklung neuer Produkte nicht oder kaum, etwas zu schaffen, was für eine Mehrheit der Bevölkerung erschwinglich war. Der Vorwurf, Luxusprodukte für eine kleine Elite geschaffen zu haben, stand im Raum. Das galt auch für den Baubereich. Die von Hannes Meyer, Architekt und zweiter Direktor des Bauhauses, favorisierte Idee, auf genossenschaftlicher Ebene Bauprojekte auf die Beine zu stellen, scheiterte an der Politik. Wegen seiner linken Gesinnung wurde Meyer als Direktor entlassen.

Es gibt aber trotzdem noch eine Faszination für das Bauhaus. Wie Ulrike Bestgen im Buch zum Bauhaus-Museum schreibt, gibt es eine rege Forschungstätigkeit. Themen sind unter anderem die Weiterentwicklung von im Bauhaus entstandenen Ideen, die nach Flucht und Vertreibung der zumeist dem Nationalsozialismus gegnerisch gegenüberstehenden Schülern und Lehrern international Verbreitung fanden, die Gründung von länderübergreifenden Netzwerken und die technische Erforschung der am Bauhaus eingesetzten Materialien und Produktionsweisen. Deutlich wird das große Interesse am Bauhaus auch durch die Besucherzahlen des Museums in Weimar und des Bauhauses in Dessau samt den anliegenden Meisterhäusern.

Und was noch bleibt: die im Bauhaus-Museum zusammengetragenen Werke von Bauhaus-Künstlern, Einblicke in das Wirken der Bauhaus-Direktoren Walter Gropius, Hannes Meyer und Mies van der Rohe, das Haus Am Horn, das Haus Esters in Krefeld und die Villa Tugendhat in Brünn (Brno) und und und … Kurzum: Ein Besuch Weimars lohnt immer wieder!

Kunstbetrachtungen, Teil 15

Die Künste und ihre Unterteilung

Schon in der letzten Folge der Kunstbetrachtungen wurde anhand des Buches „Kunst – Eine philosophische Einführung“ von Georg W. Bertram das Thema der Begrifflichkeit der Kunst und die unter diesem Oberbegriff zusammengefassten Künste angesprochen – aber auch die damit verbundene Problematik, wie es gelingen kann, trotz der Unterschiedlichkeit der Künste diese unter dem Obergriff Kunst zusammenzufassen.

Bertram vertritt dazu die These, dass die Unterschiedlichkeit ein Charakeristikum der Kunst sei und schreibt: „Die Frage nach der Kunst betrifft die Kunst gerade in der Unterschiedlichkeit der Künste. Kunst leistet Selbstverständigung in der Differenz unterschiedlicher künstlerischer Medien und Verfahrensweisen.“ Erinnert sei dabei an die schon angesprochenen künstlerischen Ausdrucksformen wie Literatur, Malerei oder Skulptur, ihre jeweils unterschiedliche Herstellungsweise und die ebenfalls unterschiedliche Art ihrer äußerlichen Darstellung.

Was die Autoren und ihre Texte angeht, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben, stellt Bertram heraus, dass viele davon sich darum kreisen, den Versuch zu unternehmen, die Künste zu gruppieren. Als einfachsten Weg, eine solche Gruppierung vorzunehmen, sieht er es an, „zwei Pole zu formulieren, und die unterschiedlichen Künste dann jeweils einem der beiden Pole zuzuordnen. Die Pole werden dabei so betrachtet, dass sie unterschiedliche Prinzipien von Kunst zum Ausdruck bringen, die ein einheitlicher Begriff der Kunst nicht zu umfassen vermag.“

Was diese Gruppierungen angeht, so stellt Bertram drei unterschiedliche Herangehensweisen bekannter deutscher Geistesgrößen heraus: „Es handelt sich erstens um Lessings prominente Unterscheidung von einerseits Künsten, die sich im Raum, und andererseits Künsten, die sich in der Zeit entwickeln. Zweitens kommt Nietzsches Unterscheidung von Dionysischem und Apollinischen zur Sprache.“ Und Dritter im Bunde ist Walter Benjamin, der zwischen auratischer und nichtauratischer Kunst unterschieden hat. Einschränkend weist der Autor darauf hin, dass es sowohl bei Nietzsche als auch bei Benjamin nicht der Fall sei, dass sie alle Künste jeweils in zwei unterschiedliche Lager verwiesen hätten.

Bedeutung von Raum und Zeit in den Künsten

Der erste der genannten Autoren, dem sich Bertram dann widmet, ist der bekannte Dichter und Vertreter der philosophischen Richtung der Aufklärung, Gotthold Ephraim Lessing, der 1766 die bekannte Schrift „Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie“ veröffentlichte. Er trifft darin den Unterschied „zwischen Raumkünsten und Zeitkünsten.“ Zu den Raumkünsten zählt er Architektur, Plastik und Malerei, zu den Zeitkünsten Literatur und Musik – eine Unterscheidung, die rasch nachvollziehbar ist – ihre Charakteristiken ebenfalls.

Bertram definiert die Unterschiede, basierend auf Lessings Ausführungen, wie folgt: „Für Raumkünste ist charakteristisch, dass sie den Raum benötigen, um sich zu entfalten. Kunstwerke dieser Künste konfigurieren unterschiedliche Elemente nebeneinander. Ein solches Nebeneinander kann man nur überblicken, wenn es sich im Raum darbietet. Die unterschiedlichen Elemente einer Architektur, einer Plastik oder einer Malerei werden so im Raum gleichzeitig wahrgenommen. Architektur ist als solche gestalteter Raum. Eine Plastik muss in einem Raum zur Aufstellung kommen. Ihre Elemente stehen im Raum neben. Auch für Bilder – Malerei, Grafik, Fotografie oder anderes – gilt, dass Sie ein Nebeneinander von Elementen realisieren. Das Nebeneinander findet allerdings in diesem Fall – mehr oder weniger – auf einer Fläche statt.

Und was Lessing zum Thema Literatur und ihren Besonderheiten zu sagen hat, folgt bald im Rahmen von Teil 16 der Kunstbetrachtungen – wie immer anhand des Buches „Kunst – Eine philosophische Einführung“ von Georg W. Bertram.

Kunstbetrachtungen, Teil 14

Der Begriff der Kunst und die Unterschiede in den Künsten

Ging es in der letzten Folge der Kunstbetrachtungen noch um die Beziehung zwischen der Kunst und ihrer Rezipienten, den Wert der Kunst und philosophische Betrachtungsweisen, stehen in dieser Folge die Kunst und ihre Unterarten im Fokus – aber auch die Problematik der Begrifflichkeiten.

Sie wird sogleich zu Anfang des Kapitels „Die Kunst und die Künste“ deutlich gemacht: „Der Singular Kunst ist nicht so selbstverständlich, wie andere Singulare es sind. Ich kann zum Beispiel davon sprechen, was der Hund ist. Es ist ein fleischfressendes Haustier, das vier Beine hat und das bellt. Auch wenn Hunde groß werden können wie Kälber oder in ausgewachsenem Zustand kleiner sind als gewöhnliche Katzen, bringt eine solche Bestimmung des Hundes wenig Probleme mit sich. Sie wird allen Hunden gerecht. Mit der Kunst verhält es sich anders.“

Zunächst ausgehend davon, dass Kunst vereinfacht als etwas betrachtet werden kann, das gemacht ist (Herkunft aus dem griechischen Begriff „téchne“ und dem lateinischen Begriff „ars“, die sich mit dem Wort Herstellungskunst übersetzen lassen), definiert Autor Georg W. Bertram, dass in den unter dem Begriff Kunst zusammengefassten Künste mit unterschiedlichen Materialien und auf unterschiedliche Weise gearbeitet wird.

Was die Literatur angeht, schreibt Bertram, arbeitet diese „mit dem Material natürlicher Sprachen und formt daraus Texte unterschiedlicher Länge und Gestalt, die in stiller Lektüre oder stimmhafter und körperlicher Aufführung dargeboten werden.“

Ganz anders bei der Plastik: Bei ihr wird „gewöhnlich kein im Vorhinein strukturiertes Material verwendet. Ihren Ausgangspunkt bilden höchst unterschiedliche Dinge: mehr oder weniger formlose Steine und Hölzer, verflüssigte Metalle oder alle möglichen sonstigen gestalteten oder ungestalteten Gegenstände der alltäglichen und nicht alltäglichen Welt.“

In Bertrams folgenden Ausführungen zum Thema „Kunst – Eine philosophische Betrachtung“ wird er die genannten Materialien als ästhetische Medien (die natürliche Sprache in der Literatur und form- und gestaltbare Materialien unterschiedlichster Art in der Plastik) und die Verarbeitungsformen als ästhetische Verfahrensweisen bezeichnen.

Was Verfahrensweisen bei der Literatur angeht, können Prosa und Lyrik unterschieden werden: „Formt die Prosa aus Ausdrücken der natürlichen Sprache lange Erzählstränge, geht es der Lyrik eher darum, aus solchen Ausdrücken bestimmte Konstellationen herzustellen.“

Was die ästhetische Verfahrensweise der Plastik angeht, ist diese nach Bertram „das Bearbeiten eines oder mehrerer Materialien an ihren Oberflächen und in den Raumkonstellationen, die sie bilden.“

Deutlich wird: Die unter dem Oberbegriff Kunst definierten Künste unterscheiden sich „grundsätzlich und zum Teil tiefgreifend mit Blick auf die ihnen eigenen Medien und Verfahrensweisen.“

Für den Autor stellt sich das Problem, das aufgrund dieser großen Unterschiede zwischen Plastik und Literatur und der jeweils mit ihnen verbundenen Medien und Verfahrensweisen nicht so einfach zu erklären ist, warum sie unter dem Oberbegriff Kunst zusammengefasst werden können. Und ein weiterer Aspekt kommt noch dazu: Die genannten Unterschiede haben „zum Beispiel zur Folge, dass manche Künste sich ausstellen lassen, andere Künste hingegen Darbietungen benötigen.“

Für Bertram ergibt sich daher folgende Aufgabe: „Einen Begriff der Kunst kann man nur dann verständlich machen, wenn eine plausible Antwort auf die Frage gelingt, wie trotz der Unterschiedlichkeit der Künste von Kunst gesprochen werden kann.“

Dazu mehr in der nächsten Folge der Kunstbetrachtungen.

„In Tausend Teile zersprungenen Mann wieder zusammenzufügen“

Biografischer Roman von Max Gallo über Napoleon

Eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der Geschichte ist ohne Zweifel Napoleon Bonaparte. Aus eher ärmlichen Verhältnissen stammend schaffte es der gebürtige Korse im fast noch zarten Alter von 30 Jahren, Herrscher Frankreichs zu werden und über 15 Jahre die politische Entwicklung Europas maßgeblich zu prägen.

Um einen gleichzeitig informativen wie unterhaltsamen Einblick in das Leben und Wirken dieses außergewöhnlichen Staatsmannes und Kriegsherren zu gewinnen, empfiehlt sich die Lektüre der in Romanform geschriebenen Biografie von Max Gallo, die auch als Grundlage für einen mehrteiligen Fernsehfilm mit hochkarätiger Besetzung (unter anderem John Malkovich, Isabella Rosselini und Gerard Depardieu) diente.

Voraus gestellt sei dieser Buchempfehlung, dass der auch als Historiker und Politiker tätige Autor bei seinen vor allem biografisch geprägten Veröffentlichungen ein eher traditionelles Geschichtsbild pflegte. Für ihn waren es weniger soziale Umwälzungen und gesellschaftliche Strukturen als große Männer, die Geschichte machten. Das prägt auch seine Darstellung des Napoleon.

Der Leser, der sich aber trotzdem darauf einlässt, kann sich auf ein umfassendes, detailreiches und äußerst spannend geschriebenes Porträt eines der bedeutendsten Staatsmänner des 19. Jahrhunderts freuen, dem trotz seiner persönlichen Widersprüchlichkeiten – vom Anhänger der Revolution bis zur Krönung zum Kaiser durch eigene Hand – in seiner Heimat Frankreich noch immer große Ehre zuteil wird.

Befragt nach dem Ziel, das Autor Gallo mit seinem biografischen Roman anstrebte, antwortete er vor dem Hintergrund vieler vorheriger Veröffentlichungen, in denen jeweils nur Teilaspekte Napoleons und seiner Herrschaft beschrieben wurden, dass es ihm darum gegangen sei, „diesen in tausend Teile zersprungenen Mann wieder zusammenzufügen. Ich wollte verstehen, wie man gleichzeitig den Code civil diktieren, eine Nacht mit einer Schauspielerin verbringen und den Plan für die Schlacht von Austerlitz entwerfen kann.“

Und das ist ihm wirklich gelungen. Wer sich als Leser darauf einlässt, gewinnt das Gefühl, bei allen politischen, militärischen und privaten Handlungen Napoleons diesem gewissermaßen über die Schulter schauen zu können und immer mitten im Geschehen zu sein. Zu erleben ist die Biografie eines Mannes, dem die große Karriere bis hin zum Kaiser von Frankreich nicht in die Wiege gelegt war. Die Chance, die sich ihm dank einer gewissen Protektion bietet, ist die Armee. Dort beißt er sich trotz vieler Kränkungen durch seine sogenannten Kameraden, die über ihn wegen seiner geringen Körpergröße spotten und ihn dies auch körperlich spüren lassen, durch, vertieft sich außerhalb seines Dienste in Lektüre unterschiedlichster Art und erhält als Leutnant der Artillerie bei der Schlacht um Toulon die Chance seines Lebens. Napoleon trägt mit seinem großen militärischen Wissen und Talent zum Sieg gegen die Feinde der französischen Revolution wesentlich bei. Von da an geht es steil voran. Er gewinnt weitere entscheidende Schlachten, bis ihn der Ruf der Unbesiegbarkeit umgibt und das Streben nach politischer Macht unausweichlich wird, weil das Volk seine Helden liebt. Er stürzt 1799 das seit fünf Jahren herrschende sogenannte Direktorium (Anm.: Exekutivgewalt der 1. Französischen Republik) und wird 1. Konsul.

Trotz eines gewissen Heroentums, mit dem Max Gallo seinen Helden adelt, beschreibt er aber auch andere durchaus kritische Aspekte, die das Leben sowie die politischen und militärischen Handlungen bestimmen. Der Leser lernt einen zutiefst misstrauischen, einsamen und fast nur ichbezogenen Menschen kennen, der alles dominieren und bestimmen will, was im Staate Frankreich passiert. Auch vor den Mitgliedern seiner Familie, die er zu einem nicht geringen Teil in sein Herrschaftssystem einbindet, das sich im Laufe der Jahre auf das kontinentale Europa erstrecken wird, und seiner ersten Frau Josefine macht er dabei nicht Halt in seinem Kontrollwahn. Das geht sogar so weit, dass er bestimmen möchte, wer geheiratet wird oder nicht.

Ein gehetzter Mann, so beschreibt es Gallo, begibt sich auf den Weg, der größte Herrscher seiner Zeit zu werden – wie einst Alexander der Große, dem er nacheifert. Unablässig ist er in Kriege gegen viele Länder Europas involviert, was zunächst die Reaktion darauf ist, dass sich Großbritannien, Deutschland und andere nach der Französischen Revolution und dem gewaltsamen Sturz Ludwigs des 16. sich auf die Seite des französischen Adels gestellt hatten und dabei auch auf Frankreichs Boden gegen die revolutionären Kräfte kämpften. Nicht ganz zu Unrecht sieht sich Napoleon von feindlichen Mächten umgeben. Doch das ist es nicht allein, was ihn antreibt. Es geht auch um die Eitelkeit des in jungen Jahren gekränkten Underdogs gegen die aristokratischen Eliten, die ihm mit Verachtung begegnen. Gallo kennt den Charakter von Napoleon, der sich nach Anerkennung sehnt und sich diese zumeist mit Gewalt verschafft. Bezeichnend dafür ist die von Gallo detailreich und vielschichtig geschilderte Zusammenkunft mit dem russischen Zaren Alexander 1., den er in einer Schlacht geschlagen hat. Napoleon entwickelt Sympathie für ihn, glaubt einen Bruder im Geiste kennengelernt zu haben und spinnt schon Pläne, gemeinsam ein Weltreich errichten zu wollen.

Die Enttäuschung darüber, dass Alexander 1. die Sympathie nicht erwidert, ist dann der Anfang vom Ende. Max Gallo beschreibt in aller Ausführlichkeit, wie sich Napoleon in unzähligen Kriegen an unterschiedlichsten Ecken Europas verliert, immer beratungsresistenter agiert und unter anderem mit dem Einmarsch in Russland einen großen Fehler begeht, der nicht wieder gutzumachen ist. Egomanie im Übermaß war schon immer der Wegbereiter des Untergangs vieler Herrscher. Für den französischen Kaiser ist die Herrschaft nach 15 Jahren beendet, sein Ende auf der weit entfernten Insel St. Helena tragisch und traurig.

Kurzum: Wer einmal mit dem Roman angefangen hat, Interesse an Geschichte und spannenden Persönlichkeiten hat, wird ihn kaum wieder aus der Hand legen.

Kunstbetrachtungen, Teil 13

Ein Zwischenstand

Angesichts der Bandbreite der Faktoren, die mit dem Thema Kunst verbunden sind, lässt Autor Georg W. Bertram seinen Leserinnen und Lesern eine Atempause, in dem er in einem weiteren Kapitel eine Zusammenfassung dessen gibt, was in seinem Buch „Kunst – Eine philosophische Einführung“ betrachtet und begrifflich definiert wurde.

Klar stellt er heraus, dass für ihn Kunst Gegenstände sind, „die grundsätzlich fragwürdig sind.“ Da kommt der Betrachter ins Spiel, dessen Frage beim Umgang mit der Kunst nicht „Was ist Kunst?“ sein sollte, sondern vielmehr „Welchen Wert hat die Kunst für uns?“ – und damit ist nicht der materielle Wert gemeint. Noch einmal kommt er auf den Begriff des Selbstverständigungsgeschehens zu sprechen, was sich vielleicht mit dem geistigen ( und emotionalen?) Prozess, den ein Kunstwerk beim Betrachter auslöst – oder auch nicht, verständiger ausdrucken lässt. Für Bertram bleibt die Frage, in welcher Form diese geschieht und ob sie dem Gegenstand der Kunst gerecht wird oder gerecht werden kann. Eines ist für ihn klar: „Das Geschehen der Kunst … ist immer von einer Reflexion beziehungsweise einem Streit um die Kunst begleitet.“

Und was die Philosophie der Kunst angeht: Für den Autor kann sie die Reflexion über Kunst beziehungsweise den Streit um sie deutlich machen. Und so formuliert er es deutlich: „Der Philosophie der Kunst darf man zutrauen zu erläutern, inwiefern Kunst ein Selbstverständigungsgeschehen darstellt und inwiefern sie sich von anderen Selbstverständigungsgeschehen (wie dem Tagebuchschreiben und der Psychotherapie) unterscheidet.

Es gibt für Bertram aber auch Grenzen dessen, was die Philosophie zu leisten vermag und was nicht: „Die Philosophie der Kunst kann Fragen, Begriffe und Konzepte explizit machen, die in einer ästhetischen Praxis – also der bewussten Auseinandersetzung mit Kunst – im Spiel sind. Durch ihre Explikation trägt sie günstigenfalls zu einer Bereicherung dieser Praxis bei. Sie kann allerdings nicht den Anspruch erheben, ein notwendiger Teil einer ästhetischen Praxis zu sein. Sie muss sich jederzeit vor der Kunst dadurch rechtfertigen, dass ihr Beitrag aufschlussreich und weiterführend ist. In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass das ein schwieriges Unterfangen ist.

Trotz vieler schon angesprochener Aspekte der Kunst und ihrer Betrachtung weist der Autor darauf hin, dass seine Ausführungen bis hierhin nur „Teil eines Vorspiels in Sachen Kunst“ gewesen seien.

Aber dazu mehr im nächsten Teil der Kunstbetrachtungen.

Kunstbetrachtungen, Teil 12

Der Satz vom Ende der Kunst

In Teil 11 der Kunstbetrachtungen ging es, ausgehend von Ausführungen des deutschen Philosophen Martin Heidegger, um das Phänomen der Vergänglichkeit, um die Geschichtlichkeit ästhetischer Erfahrungen. Nach Auffassung des Autors von „Kunst – Eine philosophische Einführung“, Georg W. Bertram, kann eine ästhetische Selbstverständigung des Betrachters bei der Auseinandersetzung mit Kunst sowohl bei zeitgenössischer Trance-Musik wie bei antiken Kultgegenständen zustande kommen – immer vor dem „jeweils eigenen geschichtlichen Hintergrund“, wie Bertram schreibt.

Das Thema der Vergänglichkeit greift auch der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel auf. Er vertritt die These, dass ästhetische Praktiken als selbstverständigende Praktiken, kurz die geistige Auseinandersetzung des Betrachters mit einem Kunstwerk, an Bedeutung verlieren könnten. Bekannt ist diese These als Satz vom Ende der Kunst. Hegel meint, dass es dazu kommen könne, das Kunstwerke nicht auf ewige Zeit die gleiche Resonanz hervorrufen. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass es zahlreiche Erfahrungen solcher Art gibt. Sowohl die Malerei als auch andere Künste wie die Literatur und insbesondere ihre Erschaffer haben Zeitläufte unterschiedlichster Art erlebt – von höchster Resonanz bis zum mehr oder minder großen Vergessen. Kurz gesagt: Ein Kunstwerk entfaltet seine Wirkung nur dann, wenn es beim Betrachter Gedankengänge auslöst, wenn es den Betrachter berührt und er einen persönlichen Zugang dazu findet. Und das ist dem stetigen Wandel unterzogen. Autor Bertram spricht von der Geschichte des Entstehens und Vergehens von Selbstverständigungen und schreibt: „Wo Kunstwerke ästhetisch erfahren werden, werden sie als Selbstverständigungen gesucht und hinterfragt.“ Im umgekehrten Schluss verlieren sie an Wert, wenn die Selbstverständigung unterbleibt.

Kunst und Philosophie der Kunst“

Im nachfolgenden Kapitel „Kunst und Philosophie der Kunst“ erklärt er den Zusammenhang von Kunst und Philosophie. Trotz der Tatsache, dass die Philosophie eine recht abstrakte Angelegenheit sei und die Kunst hingegen sinnlich und konkret, erläutert Bertram weiter, entstehe die Verbindung dieser zunächst gegensätzlichen Bereiche über den schon genannten Begriff der Selbstverständigung: „Wenn Kunst Selbstverständigung ist, dann gehört zu ihr immer das Nachdenken darüber, ob und wie sie als Selbstverständigung funktioniert. Kunst hängt untrennbar damit zusammen, dass sie als Kunst … befragt wird.“

Hier kommt dann die Kunstkritik ins Spiel, die unterschiedliche Formen annehmen kann – von der Interpretation und Bewertung von Kunstwerken über Gespräche bis hin zu Erfahrungsberichten und Artikeln in der Zeitung. Darin wird laut Bertram darüber nachgedacht, ob und wodurch Kunstwerke gelingen oder scheitern und was sie für uns wertvoll macht.“

Und die Philosophie hat auch ihre Aufgabe – mit dem Nachdenken über Kunst auf theoretischer Basis. Konkret heißt das für den Autor: „Sie muss die mit der Kunst verbundene Fragwürdigkeit so aufgreifen, wie sie sich in der Auseinandersetzung mit Kunstwerken ergibt. Die Philosophie der Kunst hat so die Aufgabe, die für die Kunst konstitutive mangelnde Selbstverständlichkeit und ihren Wert als Selbstverständigung explizit zu machen. Sie erweist sich damit möglicherweise als ein hilfreicher Partner in der Begegnung mit Kunst.“ Die Philosophie kann in diesem Zusammenhang laut Bertram „das Ziel haben, die Standards, die im Nachdenken über Kunst im Spiel sind, zu diskutieren und das Nachdenken so über das Erreichen und Verfehlen seiner eigenen Standards aufzuklären.“

Für Bertram auch wichtig: die Unterscheidung zwischen ästhetisch Erfahrenden (Betrachter, bei denen ein Kunstwerk Gedanken in Gang setzt) auf der einen Seite und der Philosophen auf der anderen Seite. Gleichzeitig, schreibt Bertram weiter, kann die ästhetische Praxis des Betrachters Gegenstand „fruchtbarer theoretischer Erkundung werden … Die philosophische Theorie entwickelt sich in Auseinandersetzung mit den Erfahrungen, die Rezipierende (Anm.: in diesem Fall eine Person, die sich über ein Kunstwerk informieren will) in der Auseinandersetzung mit Kunstwerken machen.“

Gregor Samsa und sein Doppelgänger Gregor Ducksa

Vom Rätselhaften zum Einfachen

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ – Literaturliebhaber kennen diesen ersten Satz aus Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“. Er gehört zu den berühmtesten Sätzen der Weltliteratur und ist der Beginn einer unheimlichen und rätselhaften Geschichte, die zu vielen Interpretationen Anlass bot und immer noch bietet.

Kurzum: Es geht in diesem Klassiker der Weltliteratur also um diesen Gregor Samsa, der zunächst als Person nicht näher beschriebern wird, und den das Schicksal der Verwandlung in ein Insekt ereilt hat. Erst denkt er noch, er hätte schlecht geträumt. Doch sein neuer Körper mit einem gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch und dünnen, zappelnden Beinchen belehrt ihn eines Besseren. Und schon beginnen die Probleme. Das Aufstehen wird aufgrund seines neuen und ungewohnten Insektenkörpers zur fast unüberwindlichen Qual und er hat den Wecker nicht gehört.

Eigentlich hätte er um 4 Uhr morgens aufstehen müssen, um seiner Arbeit als Handelsreisender in Tuchwaren nachzugehen, doch es ist schon halb 7. Eigentlich möchte er auch noch ein wenig schlafen, die Arbeit strengt ihn so an, dass er oft müde ist. Gregor Samsa will daher auch gar nicht mehr als Reisender tätig sein und kündigen. Doch da gibt es ein Problem: Er muss mit dem verdienten Geld die Schulden der Eltern abtragen, die mit einem Geschäft pleite gegangen sind. Und die Familie samt Schwester macht sich Sorgen, als sie merken, dass Gregor verschlafen hat. Es ruft die Mutter: „Gregor. Es ist dreiviertel sieben. Wolltest du nicht wegfahren?“ Die Situation ist mehr als abstrus. Gregor macht sich trotz seiner besonderen Lage Gedanken, wie es mit der Arbeit weitergehen könne. Wegen der Unpünktlichkeit erwartet er ein Donnerwetter des Chefs, Er denkt realistisch, ganz konkret über seine Situation als Handelsreisender nach, ist aber gleichzeitig in seiner neuen Situation als Käfer gefangen. Eine Ausweglosigkeit, die sich auch in vielen anderen Figuren ihres literarischen Schöpfers Franz Kafka wiederfindet.

Dass in der Erzählung „Die Verwandlung“ ausgedrückte Gefühl, dass ihm trotz einer wirklich überflüssigen Schläfrigkeit ganz wohl sei und dass er „sogar einen besonders kräftigen Hunger“ habe, macht das ganze Geschehen noch umso absurder. Aber es kommt noch schlimmer. Seine Stimme, so meint er zu hören, mische sich bei seinem Versuch, der Mutter zu antworten, mit einem „nicht zu unterdrückenden, schmerzlichen Piepen …, das die Worte förmlich nur im ersten Augenblick in ihrer Deutlichkeit beließ, um sie im Nachklang derart zu zerstören, daß man nicht wußte, ob man recht gehört hatte.“

Bald steht auch der Vater vor der Tür, und gleichfalls die Schwester. Auch sie rufen nach Gregor und bitten, dass er die Tür öffnen möge. Der aber denkt gar nicht daran, dem nachzukommen. Sein Wunsch für den weiteren Verlauf seines Handelns ist ein anderer und klingt eigentlich sehr vernünftig: „Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und vor allem frühstücken, und dann erst das Weitere überlegen, denn, das merkte er wohl, im Bett würde er mit dem Nachdenken zu keinem vernünftigen Ende kommen. Er erinnerte sich, schon öfters im Bett irgendeinen vielleicht durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmerz empfunden zu haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Erfindung herausstellte, und er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich auflösen würden.“

Es geht in diesem Moment aber nicht um Erfindungen und Vorstellungen. Sein Körper ist ein ganz anderer – der eines Insektes – geworden, und das Bemühen, „sich nicht im Bette unnütz“ aufzuhalten, wird zur Qual. Kafka beschreibt es so: „Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Körpers aus dem Bett hinauskommen, aber diese untere Teil, den er übrigens noch nicht gesehen hatte und von dem er sich auch keine rechte Vorstellung machen konnte, erwies sich als zu schwer beweglich; es ging so langsam; und als er schließlich, fast wild geworden, mit gesammelter Kraft, ohne Rücksicht sich vorwärtsstieß, hatte er die Richtung falsch gewählt, schlug an den unteren Bettpfosten heftig an, und der brennende Schmerz, den er empfand, belehrte ihn, daß gerade der untere Teil seines Körpers augenblicklich vielleicht der empfindlichste war.“

Auch weitere Versuche scheitern. Doch Gregor gibt nicht auf und sagt sich noch einmal, „daß er unmöglich im Bett bleiben könne und daß es das Vernünftigste sei, alles zu opfern, wenn auch nur die kleinste Hoffnung bestünde, sich dadurch vom Bett zu befreien. Gleichzeitig aber vergaß er nicht, sich zwischendurch daran zu erinnern, daß viel besser als verzweifelte Entschlüsse ruhige und ruhigste Überlegung sei.“ Auch über die Arbeit macht er sich Gedanken, schließlich ist er ja schon unpünktlich. Er sagt sich: „Ehe es ein viertel Acht schlägt, muß ich unbedingt das Bett verlassen haben. Im übrigen wird auch bis dahin jemand aus dem Geschäft kommen, um nach mir zu fragen, denn das Geschäft wird vor sieben Uhr geöffnet.“ Und so geschieht es auch. Der Prokurist steht vor der Wohnungstür und läutet. Und in Gregors Kopf dreht sich ein Fragenkarussell: „Warum war nur Gregor dazu verurteilt, bei einer Firma zu dienen, wo man bei der kleinsten Versäumnis gleich den größten Verdacht fasste? Waren denn alle Angestellten samt und sonders Lumpen, gab es denn unter ihnen keinen treuen, ergebenen Menschen, der, wenn er auch nur ein paar Morgenstunden für das Geschäft nicht ausgenützt hätte, vor Gewissensbissen närrisch wurde und geradezu nicht imstande war, das Bett zu verlassen? Genügte es wirklich nicht, einen Lehrjungen nachfragen zu lassen … mußte da der Prokurist selbst kommen, und mußte dadurch der ganzen unschuldigen Familie gezeigt werden, daß die Untersuchung dieser verdächtigen Angelegenheit nur dem Verstand des Prokuristen anvertraut werden konnte?“

Diese Überlegungen haben schmerzvolle Folgen: “Und mehr infolge der Erregung, in welche Gregor durch diese Überlegungen versetzt wurde, als infolge eines richtigen Entschlusses, schwang er sich mit aller Macht aus dem Bett … Ein wenig wurde der Fall durch den Teppich abgeschwächt, auch war der Rücken elastischer, als Gregor gedacht hatte … Nur den Kopf hatte er nicht vorsichtig genug gehalten und ihn angeschlagern; er drehte ihn und rieb ihn an dem Teppich vor Ärger und Schmerz.“

Und was passiert derweil vor Gregors Tür? Der Vater weist darauf hin, dass der Prokurist gekommen ist, um sich zu erkundigen, warum er seiner Arbeit nicht nachgekommen sei, und die Mutter sagt entschuldigend, dass ihm nicht wohl sei. Gleichzeitig versichert sie, dass ihr Sohn eigentlich nichts anderes im Kopf habe als das Geschäft. Der Prokurist akzeptiert zunächst den von der Mutter angeführten Grund für Gregors Fernbleiben von der Arbeit, macht aber auch gleichzeitig darauf aufmerksam, „daß wir Geschäftsleute – wie man will, leider oder auch glücklicherweise – ein leichtes Unwohlsein sehr oft aus geschäftlichen Rücksichten einfach überwinden müssen.“ Diese Äußerung bringt den Vater dazu, auch Druck zu machen, obwohl Gregor gesagt hat, dass er gleich kommen werde: „Also kann der Herr Prokurist schon zu dir hinein?“, fragte der ungeduldige Vater und klopfte wieder an die Tür.“

Auch die Schwester macht sich bemerkbar. Sie beginnt im Nebenzimmer zu schluchzen. Gregor macht sich über die Gründe Gedanken: „Und warum weint sie denn? Weil er nicht aufstand und den Prokuristen nicht hereinließ, weil er in Gefahr war, den Posten zu verlieren, und weil dann der Chef die Eltern mit den alten Forderungen wieder verfolgen würde? Das waren doch vorläufig wohl unnötige Sorgen.“

Außerdem hat Gregor ja auch seine nachvollziehbaren Gründe, die Tür nicht zu öffnen. Sie sind seinem neuen Insektenkörper geschuldet, der ihm ungewohnte Schwierigkeiten bereitet: „Augenblicklich lag er wohl da auf dem Teppich, und niemand, der seinen Zustand gekannt hätte, hätte im Ernst von ihm verlangt, daß er den Prokuristen hereinlasse.“ Gregor interpretiert seine Verweigerung, die Tür zu öffnen, als „kleine Unhöflichkeit, für die sich ja später leicht eine passende Ausrede finden würde.“ Und er glaubt nicht, dass sein momentanes Verhalten Grund dafür sein könne, ihn zu entlassen. Vielmehr, so scheint ihm, wäre es viel vernünftiger, „ihn jetzt in Ruhe zu lassen, statt ihn mit Weinen und Zureden zu stören.“ Gregor hat aber auch Verständnis für das Verhalten der anderen: „ … es war eben die Ungewissheit, welche die anderen bedrängte und ihr Benehmen entschuldigte.“

Während er noch Verständnis für das Verhalten der anderen aufbringt, steigt vor allem beim Prokuristen das Unverständnis gegenüber Gregors Verhalten, das er auch in deutlichen Vorwürfen und Drohungen artikuliert: „Sie verbarrikadieren sich da in Ihrem Zimmer, antworten bloß mit Ja und Nein, machen Ihren Eltern schwere, unnötige Sorgen und versäumen … Ihre geschäftlichen Pflichten in einer eigentlich unerhörten Weise … Ich glaubte Sie als einen ruhigen, vernünftigen Menschen zu kennen, und nun scheinen Sie plötzlich anfangen zu wollen, mit sonderbaren Launen zu paradieren. Der Chef deutete mir zwar heute früh eine mögliche Erklärung für ihre Versäumnis an – sie betraf das Ihnen seit kurzem anvertraute Inkasso -, aber ich legte wahrhaftig fast mein Ehrenwort dafür ein, daß diese Erklärung nicht zutreffen könne. Nun aber sehe ich hier Ihren unbegreiflichen Starrsinn und verliere ganz und gar jede Lust, mich auch nur im geringsten für Sie einzusetzen. Und Ihre Stellung ist durchaus nicht die festeste.“

Gregor ist aufgrund dieser vernichtenden Äußerungen außer sich und versucht dem Prokuristen gegenüber, sein seltsam erscheinendes Verhalten mit Unwohlsein und Schwindelgefühl zu entschuldigen, verwahrt sich gegen die Vorwürfe, weist auf von ihm eingeholte Aufträge hin, die vielleicht nicht berücksichtigt worden seien, bittet darum, seine Eltern vor solchen Anschuldigungen zu schonen, und erklärt, dass er sich gleich auf den Weg machen werde: „Übrigens, noch mit dem Achtuhrzug fahre ich auf die Reise, die paar Stunden Ruhe haben mich gekräftigt. Halten Sie sich nur nicht auf, Herr Prokurist, ich bin gleich selbst im Geschäft, und haben Sie die Güte, das zu sagen und mich dem Herrn Chef zu empfehlen!“

Während er „dies alles hastig ausstieß und kaum wußte, was er sprach“, gelingt es ihm trotz der durch seinen neuen Körper bedingten Schmerzen im Unterleib, Herrschaft über sich zu erlangen und aufrecht zu stehen, indem er sich gegen die Rückenlehne eines nahen Sessels fallen lässt, „an deren Rändern er sich mit seinen Beinchen festhielt.“

Vor seiner Tür bricht bei der Familie Panik aus. Wieder klingt seine Stimme unverständlich, der Prokurist vermutet eine Tierstimme. Die Mutter befürchtet, dass Gregor schwer krank sei und erteilt der Tochter Grete den Auftrag, den Arzt zu verständigen, der Vater hingegen verlangt nach einem Schlosser, der die Tür öffnen soll.

Gregor ist angesichts der Aktivitäten seiner Eltern „viel ruhiger geworden“. Er vermutet, dass sie verstanden haben, „dass es mit ihm nicht ganz in Ordnung war“ und dass sie bereit sind, ihm zu helfen. Seine Stimmung bessert sich im nu: „Die Zuversicht und Sicherheit, mit welchen die ersten Anordnungen getroffen worden waren, taten ihm wohl. Er fühlte sich wieder einbezogen in den menschlichen Kreis und erhoffte von beiden, vom Arzt und vom Schlosser, ohne sie eigentlich genau zu scheiden, großartige und überraschende Leistungen.“

Angespornt von den Aktivitäten vor der Tür versucht auch Gregor einen Beitrag zu leisten. Trotz der Schwierigkeiten, die ihm sein neuer Körper bereitet, bemüht er sich nach Kräften, an den Schlüssel zu kommen, ihn zu drehen und damit die Tür zu öffnen. Das gelingt trotz einer Verletzung. Langsam lugt er hinter der Tür hervor.

Als die da draußen ihn dann erstmals in seiner jetzigen Gestalt sehen, ist der Schrecken groß. „Oh“, ruft der Prokurist, die Mutter wird ohnmächtig und der Vater scheint ihm mit der Faust zu drohen, doch das war nur der erste Eindruck. Nach einem kurzem Moment weint er angesichts der Verwandlung seines Sohnes so stark, „daß sich seine mächtige Brust schüttelte.“

So hat Gregor das Gefühl, „daß er der einzige war, der die Ruhe bewahrt hatte“, und versichert, dass er sich gleich auf den Weg machen werde: „Ich werde mich gleich anziehen, die Kollektion zusammenpacken und wegfahren“. In Richtung Prokurist zeigt er sich unterwürfig, entschuldigend und sagt: „Sie sehen, ich bin nicht starrköpfig und ich arbeite gern; das Reisen ist beschwerlich, aber ich könnte ohne das Reisen nicht leben … Man kan im Augenblick unfähig sein, zu arbeiten, aber dann ist gerade der richtige Zeitpunkt, sich an die früheren Leistungen zu erinnern und zu bedenken, daß man später, nach Beseitigung des Hindernisses, gewiß desto fleißiger und gesammelter arbeiten wird. Ich bin ja dem Herrn Chef so sehr verpflichtet, das wissen Sie doch recht gut.“ Gregor geht aber in der Angst, seine Arbeit zu verlieren, noch weiter, bittet und bettelt den Prokuristen an: „Machen Sie es mir aber nicht schwieriger, als es schon ist. Halten Sie im Geschäft meine Partei! Man liebt den Reisenden nicht, ich weiß. Man denkt, er verdient ein Heidengeld und führt dabei ein schönes Leben … Sie aber, Herr Prokurist, Sie haben einen besseren Übewrblick über die Verhältnisse als das sonstige Personal, ja sogar, ganz im Vertrauen gesagt, einen besseren Überblick als der Chef selbst … Herr Prokurist, gehen Sie nicht weg, ohne mir ein Wort gesagt zu haben, das mir zeigt, daß Sie mir wenigstens zu einem kleinen Teil recht geben!“

Doch alles Bitten und Betteln hilft nicht, der Prokurist wendet sich von Gregor ab. Dessen Sorgen angesichts des bevorstehenden Weggangs des Prokuristen verschärfen sich: „Gregor sah ein, daß er den Prokuristen in dieser Stimmung auf keinen Fall weggehen lassen dürfe, wenn dadurch seine Stellung im Geschäft nicht aufs äußerste gefährdet werden sollten … Der Prokurist musste gehalten, beruhigt, überzeugt und schließlich gewonnen werden; die Zukunft Gregors und seiner Familie hing doch davon ab!“ Diese Sorgen bewegen ihn zu einem fatalen Schritt. Gregor bewegt sich auf den Prokuristen zu, der fluchtartig die Wohnung verlässt und die Treppe runterstürzt. Gleichzeitig erschrickt die Mutter angesichts seiner körperlichen Erscheinung, und der Vater versucht, ihn mithilfe eines Stocks und einer Zeitung in sein Zimmer zurückzutreiben. Gregor widersetzt sich dem nicht, doch sein Körper, den er nicht so recht zu koordinieren vermag, spielt ihm einen Streich und es dauert lange, bis er sich in Richtung Zimmer bewegen kann, in das er letztendlich mit dem Fußtritt seines Vaters befördert wird, verletzt und blutend. Dann wird es endlich still.

Der langsame Niedergang des Gregor Samsa

Als er aus einem „schweren ohnmachtsähnlichen Schlaf“ erwacht und sich zunächst „genügend ausgeruht und ausgeschlafen“ fühlt, bemerkt Gregor Samsa die körperlichen Folgen, die er von dem Fußtritt seines Vaters davongetragen hat: „Seine linke Seite schien eine einzige lange, unangenehm spannende Narbe, und er mußte auf seinen zwei Beinreihen regelrecht hinken. Ein Beinchen war übrigens im Laufe der vormittäglichen Vorfälle schwer verletzt worden … und schleppte leblos nach.“ Damit hat es mit seiner elenden Situation aber noch kein Ende. Das ihm vorgesetzte Essen, bestehend aus süßer Milch, „in der kleine Schnitten von Weißbrot schwammen“, schmeckt ihm trotz großen Hungers nicht, obwohl Milch „sonst sein Lieblingsgetränk war.“

Was ihm nach der abgebrochenen Nahrungsaufnahme auffällt, ist die Stille, die in der Wohnung herrscht. Das laute Vorlesen der Zeitung durch den Vater, das sonst jeden Morgen am Frühstückstisch erfolgt und von dem ihm die Schwester berichtet hat – er selbst war ja zu dieser Zeit schon als Reisender in Sachen Textilien unterwegs – scheint aus der Übung gekommen zu sein. Gregor kommt ins Grübeln: „Was für ein stilles Leben die Familie doch führte“, sagt er sich „und fühlte … einen großen Stolz darüber, daß er seinen Eltern und seiner Schwester ein solches Leben in einer so schönen Wohnung hatte verschaffen können. Wie aber, wenn jetzt alle Ruhe, aller Wohlstand, alle Zufriedenheit ein Ende mit Schrecken nehmen sollten?“

Was Gregor auch bemerkt, ist das veränderte Verhalten seiner Familie. Hatte diese am Morgen noch voller Sorge zu ihm hereinkommen wollen, ist es am Abend genau das Gegenteil: „… jetzt, da er die eine Tür geöffnet hatte … kam keiner mehr, und die Schlüssel steckten nun auch von außen.“

Nachdem sich die Familie zur Nachtruhe begeben hat, verfällt er wieder ins Grübeln und überlegt, „wie er sein Leben jetzt neu ordnen sollte.“ Erfüllt von einer Angst, deren Ursache er nicht herausfinden kann, eilt er unter das Kanapee, „wo er sich, trotzdem sein Rücken ein wenig gedrückt wurde und trotzdem er den Kopf nicht mehr erheben konnte, gleich sehr behaglich fühlte und nur bedauerte, daß sein Körper zu breit war, um vollständig unter dem Kanapee untergebracht zu werden.“ Gregor scheint sich trotz des körperlichen Ungemachs in Form der Verwandlung in ein Insekt in sein Schicksal zu fügen.

So ist also in der Erzählung „Die Verwandlung“ etwas geschehen, was beim Leser sofort Fragen auslöst. Ist es denn die Möglichkeit, dass ein Mensch sich in ein Insekt verwandeln kann, was soll das überhaupt und was will uns der Dichter eigentlich damit sagen?

Um darauf eine Antwort zu geben, bedarf es der Literaturwissenschaft. Wie Egon Ecker, der Autor mehrerer Fachbücher über deutsche Literatur, in der Reihe Analysen und Reflexionen des Beyer Verlages über einige Erzählungen Kafkas schreibt, sei es schwierig, in Kafkas Welt einzudringen: „Seine Werke sind vieldeutig und lassen daher die verschiedensten Interpretationen zu, manche seiner Texte sind sogar kaum deutbar, weil uns der persönliche Bezug fehlt“, heißt es im Kapitel Einführung in Kafkas Weltanschauung. Das klingt allerdings, ich muss es gestehen, nicht gerade hilfreich. Es stellt sich die Frage, was ich mit einem Text soll, zu dem ich keinen persönlichen Bezug habe. Auch der Hinweis, dass gerade in der Vieldeutigkeit der Texte der besondere Reiz liegt, erscheint wenig zielführend. Von sprachlichen Zeichenkombinationen, mehreren Dekodierungen und einem aufnehmenden Reproduktionsprozess mit immer neuen Variationen ist bei Ecker die Rede. Das klingt auch für den anspruchsvolleren Leser mehr als anstrengend.

Und es kommt noch dicker. Beim Leser soll der „Prozess der weiterdichtenden, ins Offene hinausführenden Deutungsversuche“ in Gang gesetzt werden, wie es bei dem von Ecker zitierten Karl-Heinz Fingerhut in ,dessen Schrift „Zugang zu Erzählungen Kafkas über das Märchen“ in: Blätter für den Deutschlehrer, H. 3, 1971, S. 88, nachzulesen ist. Die Erkenntnis daraus lässt sich kurzfassen: Der Leser muss sich mit einem Text befassen, den er nicht versteht, und dann soll er noch den Literaten in sich wachrufen, um zumindest den Versuch wagen zu können, den Text verstehen zu wollen, den er nicht versteht, weil er nicht zu verstehen ist.

Hilfreich angesichts dieser aussichtslos erscheinenden Situation des Nichtverstehens ist es, auf andere Variationen des Motivs der Erzählung „Die Verwandlung“ zurückzugreifen, die dem Leser die Möglichkeit bieten, einen persönlichen Bezug herzustellen und auch etwas verstehen zu können.

Wie eine literarische Entdeckung – ohne Anspruch auf Erstentdeckung – meinerseits belegt, gibt es auch einen Comic-Doppelgänger von Gregor Samsa, der bisher weitestgehend ein Schattendasein in der von literarischem Feingeist geprägten feuilletonistischen Öffentlichkeit führte. Eingefleischte Donaldisten werden ihn natürlich kennen. Er heißt mit Pseudonym Gregor Ducksa, entstammt aber unter seinem richtigen Namen Donald Duck ursprünglich aus der Stadt Entenhausen, vielen aus der Reihe „Lustiges Taschenbuch“ bekannt.

Im Comic „Die Verwandlung“, so ist es dort zu lesen, heißt er aber, wie schon erwähnt, Gregor Ducksa, und lebt in Prag. Der erste Bezug zu Franz Kafka, der gleichfalls in Prag lebte, ist hier zumindest schon auszumachen.

Auch andere Figuren aus dieser mit vielen Bildern und wenig Text dargestellten Geschichte mit einem abenteuerlichen und humorvollen Inhalt, wie ein Comic als lexikalischer Begriff offiziell definiert ist, kommen einem bekannt vor. Es sind im Original Onkel Dagobert Duck als Dagotek Ducksa, die Neffen Tick, Trick und Track als Vli, Vla und Vlo, Daisy als russisches Hausmädchen Anna im Haus Ducksa, Erfinder Daniel Düsentrieb als Danielcek Düsinski und Klaas Klever als Klaasek Kleverini.

Was die in dem Comic erzählte Geschichte angeht, ist sie eine etwas andere als die in der gleichnamigen Erzählung von Franz Kafka. Während bei Kafka viele Fragen nach der Deutung des Textes trotz allen literaturwissenschaftlichen Bemühens offen bleiben werden, geht es im Comic etwas eindeutiger und handfester zu, was vielleicht auch der literarischen Form geschuldet ist. Oder auch dem Bedürfnis des Lesers nach einer für gewöhnliche Gemüter zu verstehenden Handlung mit einem Schluss, der keine Fragen offen lässt.

Der Ausgangspunkt der Geschichte ist aber zunächst der gleiche wie bei Kafka. Gregor Ducksa, ebenfalls Handelsreisender in Textilien, hat verschlafen. Doch im Gegensatz zu Kafka geht das weitere Geschehen seinen schnellen Gang, und auch die Ursache der Schulden ist eine andere. Durch seine ständige Schläfrigkeit hat Gregor Ducksa bei einem Transport einen Kahn mit Stoffballen versenkt, die seinem Onkel Dagotek gehörten. Der Schaden: 10.000 Kronen.

Zack zack wird daher der Held der Geschichte von seinem Onkel aus dem Bett getrieben, damit dieser durch seine Tätigkeit als Handelsreisender erzielten Erlöse sobald wie möglich seine Schulden begleichen kann. Gregor macht sich also mit seinem Musterkoffer per Zug auf den Weg von Prag nach Brünn.

Währenddessen trifft sein Onkel auf seinen ewigen Widersacher in Sachen Erfolgreiche Geschäfte, Klaasek Kleverini, der mit seinem gleichnamigen Zirkus auf Tour ist. Was es mit diesem hier schon kurz angedeuteten erzählerischen Nebenstrang der Geschichte auf sich hat, darauf ist später noch mehr einzugehen.

Wie aber der eingefleischte Leser der „Lustigen Taschenbücher“ bereits ahnt oder weiß, ist das Geschick Gregor Ducksas dem Original Donald Duck nachempfunden, der wie in seinem tragischen und richtigen Leben von einem Mißgeschick in das andere gerät. Das erhoffte Geschäft in Brünn will natürlich nicht gelingen und so nimmt das Schicksal Donalds beziehungsweise Gregors seinen verhängnisvollen Lauf.

Dass es alte Zeiten gegeben hat, wo das Wünschen noch geholfen hat, meint sein Onkel Dagotek in der Zwischenzeit zu wissen; und der wünscht sich nach einer weiteren geschäftlichen Pleite nichts anderes, als dass sein Neffe tüchtig und erfolgreich werde. Und wer kann da helfen? Erfinder Danielcek Düsinski, der, wie es der Zufall gerade so will, einen Wachmacher in Form von Pillen entwickelt hat. Schelm, der Böses dabei denkt.

Eher nicht dem Zufall, sondern der Weiterführung der bald unglaublich wirkenden Geschichte geschuldet, kommt es bei der Verabreichung der Pillen zu einem unglücklichen Vorfall. Es waren die falschen Pillen, und statt tüchtig und erfolgreich zu werden, wachsen Gregor am ganzen Körper schwarze Haare. Natürlich zum Erschrecken der Familie, allerdings nicht der ganzen Familie. Onkel Dagotek vermutet hinter dem Haarwuchs einen Trick, damit sich der Neffe vor der Arbeit drücken kann

Gerade rechtzeitig kommt da Zirkusdirektor Klaasek Kleverini ins Spiel, Er entdeckt per Zufall, was mit Gregor Ducksa geschehen ist und hat sofort ein Angebot, dass der kaum ablehnen kann: Wenn Gregor sich als „einzig echtes Haarwunder“ für einen Monat im Zirkus bestaunen lässt, winkt ihm als Lohn die Summe von 10.000 Kronen. Er wäre alle seiner Schulden ledig und könnte ein neues Leben beginnen. Gregor stimmt in seiner Verzweiflung zu.

Und was geschieht in der Zwischenzeit im Hause Ducksa? Dienstmädchen Anna entdeckt, als sie Gregor eine Suppe bringen will, sein Verschwinden. Vli, Vla und Vlo bekommen das auch mit. Eine Spur, wo er sein könnte, findet sich per Zufall in Form einer Epaulette, doch etwa Genaueres kann da noch niemand wissen.

Auch an anderer Stelle nimmt die Geschichte ihren Lauf. Onkel Dagotek, der den Grund des urplötzlichen Haarwuchses ahnt, wendet sich in seiner Not ein weiteres Mal an Erfinder Düsinski, der sofort erkennt, dass es sich durch einen Fehlgriff bei den verabreichten Pillen um Chitinin handelte, ein noch nicht erprobtes Haarwuchsmittel, nicht um ein Mittel, aus einem eher trägen und schläfrigen einen tüchtigen und erfolgreichen Neffen und Mitarbeiter zu machen. Logischerweise gibt es natürlich umgehend ein Gegenmittel namens Euchitinon, und so machen sich Dagotek Ducksa und Danielcek Düsinski auf den Weg zu Gregor, den sie immer immer noch in seinem Zimmer wähnen.

Die schon erwähnte Epaulette, die auf die Uniform eines Zirkusdirektors verweist führt dann alle auf die richtige Spur: zum Zirkus von Klaasek Kleverini natürlich, wo Gregor Ducksa zum haarigen Publikumsliebling aufgestiegen ist. Im Schlaf nach erfolgreicher Show wird ihm von Danielcek Düsinski das Gegenmittel gespritzt. Doch das Ergebnis gefällt nur Onkel Dagotek, Klaasek Kleverini kann mit einem unbehaarten Gregor im Zirkus nichts anfangen und kündigt den Vertrag, der den übermäßigen Haarbewuchs als Grundbedingung beinhaltet, sodass Gregor nicht zu seinen erhofften 10.000 Kronen kommt. Die Folge: Erfinder Düsinski muss vor dem wütenden Gregor ebenso fliehen wie Onkel Dagotec. Und so endet die Geschichte.

Zur Ausstellung „Auf dem Weg nach Bentheim – Reisen mit Ruisdael“:

Nicht zum ersten Mal führte mich der Weg zum Rijksmuseum Twenthe am Lasondersingel 129 in Enschede. Viele großartige Ausstellungen waren dort schon zu sehen.

In diesem Jahr war es eine Ausstellung mit regionalem Bezug, die mich interessierte: „Unterwegs nach Bentheim“. Zu sehen waren Werke der Maler Jacob van Ruisdael, Meindert Hobbema und Anthony van Waterloo. Sie reisten über die Twente in die benachbarte Grafschaft Bentheim und verewigten die Landschaft, die sie unterwegs vorfanden.

Wie in der Ausstellung zu erfahren war, waren die Wege, die die drei Künstler auf sich nahmen, oft mühsam. Wegelagerer waren ein bekanntes Problem und die Straßen waren schlammig und schlecht, die Gasthäuser unbequem und auch ansonsten von eher mäßiger Qualität. Trotzdem ließen sich Ruisdael, Hobbema, van Waterloo und später noch manche mehr nicht von der Reise abhalten.

Eine Inspirationsquelle für solche künstlerischen Reisen war der Haarlemer Maler und Kunsttheoretiker Karel van Mander, der im Jahre 1604 junge Kunstschaffende dazu aufforderte, die Stadt zu verlassen und die Landschaft in den Blick zu nehmen. Vor Ort sollten dann Zeichnungen angefertigt werden, die später im Atelier zu Gemälden weiterentwickelt werden sollten.

Wie vielleicht manchem kunstbeflissenen Grafschafter bekannt sein sollte, hat der 1628 in Haarlem bei Amsterdam geborene Jacob van Ruisdael – in künstlerischen Fachkreisen als „Rembrandt der Landschaften“ bezeichnet – mehrmals die Burg Bentheim gemalt.

Große Faszination muss auf ihn damals die Lage der Burg auf einem hohen Felsen gemacht haben, waren doch die Burgen in seiner Heimat auf ebenem Land gebaut.

Von Jacob van Ruisdael gibt es heute noch 26 Bilder mit dem Schloß und der Bentheimer Landschaft. Eines dieser Bilder, das Gemälde „Burg Bentheim“, kam im Juli 1998 überraschend auf den internationalen Kunstmarkt, und der Landkreis Grafschaft Bentheim ließ sich die Chance nicht nehmen, dieses Bild über die Niedersächsische Sparkassenstiftung als Dauerleihgabe in die Grafschaft zu holen.

Auf dem Gemälde wird auf der linken Seite das Schloß Bad Bentheim dargestellt. Auf dem Weg vom Schloß kommt auf halber Höhe ein Mann herab. In der Mitte vorn, unterhalb eines am Abhang freistehenden Baumes, sieht man eine junge Frau mit einem Korb auf dem Kopf und einem Jungen an der Hand. Die rechte Hälfte des Bildes stellt einen Ausblick in die Landschaft dar, der nur im Vordergrund durch einen Baumstumpf unterbrochen wird.

Dieses Bild ist mit einer Größe von 42 x 57 Zentimetern eines der kleineren Gemälde, hebt sich aber von den anderen dadurch ab, dass bei denen der Vordergrund und die Staffage stark herausgehoben sind und das Schloss etwas im Hintergrund erscheint, während es bei diesem Gemälde voll im Blickpunkt steht.

Das Gemälde, auf dem sich über dem dunklen Schlosshügel eine helle Wolkenformation auftürmt,zeigt die Burg daher in einer kontrastreichen Stimmung.

Zurück zur Ausstellung im Rijksmuseum Twenthe: Wie schon angedeutet war die hügelige Landschaft der Twente und der benachbarten Grafschaft Bentheim bereits im 17. und 18. Jahrhundert eine Quelle der Inspiration für Maler wie Jacob van Ruisdael, Meindert Hobbema und Anthonie Waterloo.

Die Künstler waren fasziniert von den Fachwerkhäusern, Wassermühlen, Schlössern und Landgütern, die sie unterwegs antrafen und die immer noch in der Region anzutreffen sind wie beispielsweise das Schloss Singraven bei Denekamp.

Anfang des 18. Jahrhunderts reisten die Künstler Cornelis Pronk und Abraham de Haen zusammen mit dem Tuchhändler Andries Schomaker durch die Hafengebiete der Twente. Dabei fertigte Abraham de Haen nicht nur Zeichnungen an, sondern machte sich auch Notizen zu den Gütern, die er mit seinen Reisegefährten besuchte. So notierte er, welche Adelshäuser von wem vor Ort gezeichnet wurden. Diese Zeichnungen zeigen noch heute existierende Landhäuser und Herrenhäuser und wurden ebenfalls in dem von Andries Schoemaker erstellten Verzeichnis aufgenommen. Bei den Werken von Pronk und De Haen handelt es sich um einzigartige Dokumente, die die Region Twente im 18. Jahrhundert in äußerst treffender Weise zum Ausdruck bringen.

Nähere Informationen: http://www.rijksmuseumtwenthe.nl