Kunst drinnen und draußen

Als ein immer noch junger, aufstrebender Kunstverein bezeichnet sich die 2016 gegründete Hase29 – Gesellschaft für zeitgenössische Kunst Osnabrück.

Angesiedelt ist die hase29 – Gesellschaft für zeitgenössische Kunst Osnabrück in einem ehemaligen Ladenlokal an der Hasestraße 29/30 im Stadtzentrum Osnabrücks. Gegründet wurde die Initiative von zirka 40 aktiven Kunstschaffenden und Kunstinteressierten aus der Region. Seit der Gründung vor fast zehn Jahren zeigt der Verein in seinem Ausstellungsraum „hase29“ sowie im öffentlichen Stadtraum regelmäßig Ausstellungen und Projekte zur Gegenwartskunst.

Auseinandersetzung mit aktuellen Themen

Ziel der Initiatoren ist es, zeitgenössische Kunst einem breiten Publikum zugänglich zu machen und das Potenzial künstlerischer Forschung für die Auseinandersetzung mit der Gegenwart durch Ausstellungen zu vermitteln und durch ausstellungsbegleitende Veranstaltungen und Vermittlungsformate zugänglich zu machen.

Leitgedanke bei allen Aktivitäten der hase29 – Gesellschaft für zeitgenössische Kunst Osnabrück ist ausführlicher auf der Internetseite formuliert der Folgende; „Das Publikum steht im Mittelpunkt sowohl der Kunstprojekte als auch unserer inklusiven und integrativen Bildungsangebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Zielgruppenorientierte Vermittlungsformate stellen die Arbeiten vor und ermöglichen so die Teilnahme an Diskussionen und kreativen Prozessen. Menschen mit unterschiedlichen Talenten und Fähigkeiten können zeitgenössische künstlerische Techniken in ihrem eigenen kreativen Schaffen erleben.

hase29 bietet Raum für junge Talente und herausragende Künstlerpersönlichkeiten, die sowohl durch Einladung als auch durch öffentliche Ausschreibungen angesprochen werden. Künstlerinnen und Künstler schätzen hase29 als Ausstellungsort mit hohem künstlerischem Anspruch; Das Publikum versteht den Kunstraum als Treffpunkt für Menschen, die nach Ideen für den Umgang mit künstlerischen Themen und innovativen gesellschaftlichen Fragestellungen suchen.

Die hase29 – Gesellschaft für zeitgenössische Kunst schließt somit eine Lücke im Osnabrücker Kulturleben. Schließlich hat sich der Verein sowohl im Stadtteil als auch innerhalb der sich wandelnden Kulturlandschaft Osnabrücks nach kurzer Zeit einen Namen als kreativer Akteur gemacht. Der Verein lebt vom bürgerschaftlichen Engagement vieler und der ehrenamtlichen Arbeit einzelner Menschen. Mit seinen Sponsoren und Partnern aus Wirtschaft und Politik entwickelt der Verein bürgerschaftliches Engagement. Der Verein ist offen für alle, die sich für Vielfalt und künstlerisch-kreativen Austausch einsetzen.“

Kunst entdecken und kreatives Schaffen für Menschen ab 3 Jahre

Die Angebote des Vereins richten sich an unterschiedliche Gruppen und Altersstufen. Kitas, Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe sowie Erwachsene können auf vielfältige Weise Kunst erleben und selbst aktiv werden. In geführten Rundgängen durch die Ausstellungen wird der Austausch über unterschiedliche Sichtweisen auf die Werke gepflegt. Im Atelier regen Künstlerinnen und Künstler anschließend zu ungewohnten Experimenten an und  fördern individuelle Zugänge zu der eigenen Kreativität. Im Mittelpunkt stehen eigene Erfahrungen mit künstlerischem Material und unterschiedlichen Techniken, die Überraschendes hervorbringen. Ob mit oder ohne Praxiserfahrung, das künstlerische Team vom Kunstraum hase29 begleitet Menschen, die Lust am Austausch und kreativen Schaffen haben.

Aktuelle Ausstellungsaktivitäten

Um einen konkreten Eindruck von den Aktivitäten zu erhalten, empfiehlt es sich beispielsweise, die noch bis zum 10. April in Kooperation mit der OsnabrückHalle laufende Ausstellung „MAKRO MAGGIORE Vol. 2“ zu besuchen. Veranstaltungsort ist das Foyer der OsnabrückHalle.

Gezeigt werden Kunstwerke von insgesamt 18 jungen Künstler:innen, die während einer gemeinsamen Exkursion in Formine am Lago Maggiore entstanden sind. Die eindrucksvolle Kulisse regte die Künstler zu diversen Arbeiten an, die ein weites Repertoire von Fotografie über Cyanotypie bis hin zu Zeichnung und Malerei abdecken.

Vertreten sind Werke von Clea Appel, Vivian Blum, Nina Borkowski, Pia Forstner, Deborah Fründ, Maximilian Gerber, Eva Grüter, Kai Kaaden, Hannah Langen, Alexandra Malobrodski, Martje Petruck, Viviane Reschke, Emily Sass, Konstantin Sauer, Charlotte Schmitz, Elisa Sommer, Daniela Witowski und Katharina Wulf.

Das Projekt „Hase29 in der Halle“, das mit dieser Ausstellung bereits zum zehnten Mal stattfindet, ist eine Kooperation zwischen dem Kunstraum hase29 und der OsnabrückHalle/Marketing Osnabrück GmbH. Die Ausstellungsreihe präsentiert regelmäßig Arbeiten von Osnabrücker Künstlerinnen und Künstlern im Foyer der OsnabrückHalle.

Noch bis zum 27. April läuft das Projekt Festivalsektion Campus im Rahmen des alljährlich in Osnabrück stattfindenden European Media Art Festivals „EMAF“ mit Beteiligung der hase29 – Gesellschaft für zeitgenössische Kunst.

Die Festivalsektion „EMAF Campus“ bietet Klassen und Fächergruppen europäischer Akademien und Hochschulen eine Plattform. Mit spannenden Filmprogrammen und vielseitigen Ausstellungen präsentieren die Studenten ihre Arbeiten. Nicht nur im Kunstraum hase29, sondern auch in den Festivalkinos und an verschiedenen Orten der Osnabrücker Innenstadt sind die Beiträge der Studenten zu entdecken.

Die Ausstellung präsentiert Arbeiten von Studenten der Freien Kunst und der Kunstpädagogik, die in den letzten beiden Jahren in der Grundklasse Film/Video der HBK Braunschweig entstanden sind. Filme, Videos, Skulpturen, Performances und Installationen erörtern die Verbindungen zwischen individuellen Erfahrungen und gesellschaftlichen sowie politischen Zusammenhängen. Dabei geht es um verschiedene Perspektiven auf den diesjährigen Themenschwerpunkt der Zeugenschaft.

Die Grenzen des Bezeugbaren und die Unverlässlichkeit von Erinnerung stehen im Zentrum der Praxis von Medea Feidieker, die sich darüber hinaus mit Archivierung auseinandersetzt. Kurdische Identität und Kultur, sowie deren Unterdrückung, sind in der Arbeit von Merivan Kılıç thematisch eng verflochten mit persönlichen Auseinandersetzungen mit Zugehörigkeit. Almina Icingil verbindet Fragen zu Klasse, Migration, Dankbarkeit und Fürsorge mit solidarischen Gesten gegenüber den Opfern von Kriegsverbrechen. Nici Götz zeigt, wie sich Ideologien der Zweigeschlechtlichkeit in institutioneller Architektur verankern, und übt den performativen Widerstand. Embryonale Ultraschallporträts, die für gewöhnlich geschlechtliche Gewissheit liefern sollen, werden von Mika Malon Rüffert radikal gegengelesen, in dem er Geschlecht als Potential und nicht als Urteil verhandelt. Lucian Loebner gibt Einblick in die morgendliche Schwere eines depressiven Selbst, das sich in den sozialen Medien nur schwer verwerten ließe. In den komplexen Narrativen von suKim (Jisu Kim) faltet sich die Vergangenheit auf überraschende Weise mit der Gegenwart zusammen. Mit zarten Mitteln entwirft Tom Brück einen Ort, an dem traumatisierende Erlebnisse innerhalb der Schwulenszene verhandelbar werden. Ama (Emilia Ama Thoms) erschafft ein Monument für Schwarze Menschen, die in Deutschland durch Polizeigewalt getötet wurden, und verhandelt Zeugenschaft dabei als widerständige Praxis gegen fortwährendes Unrecht.

Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch und Freitag von 14 bis 18 Uhr, Donnerstag von 16 bis 20 Uhr und Samstag von 11 bis 15 Uhr. Montags, sonntags und an Feiertagen ist geschlossen.

Nähere Informationen: Gesellschaft für zeitgenössische Kunst Osnabrück, KUNSTRAUM hase29, Hasestraße 29/30, 49074 Osnabrück, Telefon: 0541 58051396,E-Mail: mail@hase29.de, Internet: http://www.hase29.de

Viel Kunst in einem Turm

Der 1988 gegründete Kunstverein Greven hat es sich zur Aufgabe gemacht, zeitgenössische Kunst zu fördern und versteht sich als Vermittler zwischen Künstler und Publikum.

Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Förderung junger Künstler aus der Region an der Schwelle zwischen professioneller Ausbildung und überregionaler Anerkennung. In regelmäßig wechselnden Ausstellungen werden deren Arbeiten – häufig erstmals – einem größeren Publikum vorgestellt.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Ausstellung „Zwischenräume“ des Kunstleistungskurses des Gymnasium Augustinianum. Zu sehen waren Werke, die sich mit den unterschiedlichsten Themen und Epochen auseinandersetzen. Inspiriert von bekannten Künstlern wie Pieter Bruegel, Edvard Munch und Rebecca Horn traf Malerei auf Plastik, Konzeptkunst nahm Gestalt an, und es entstanden Installationen. Doch es ging um mehr als „nur“ um Kunst. Feminismus, Klassenkampf, künstliche Intelligenz, Identität: all das sind große Fragen der Zeit, welche in der Ausstellung im Kunstverein Greven künstlerisch reflektiert und in individuellen Projekten umgesetzt und diskutiert wurden. Die Werke sind vielschichtig, herausfordernd, inspirierend und zeigen, wie weit Kunst wirklich gehen kann. Zusätzlich bereicherten Stop-Motion-Filme zum Thema „Kampf gegen Windmühlen/Gegenwind“ der Kunst-Grundkurse die Ausstellung. Als „Special Guests“ brachten sie weitere spannende Perspektiven ein und öffnen neue Interpretationsspielräume für Möglichkeiten des Umgangs mit Gegenwind.

Besonderes Interesse findet das jährlich stattfindende Sommeratelier. Hier wird das Ausstellungsgebäude – der „Kunstturm“ – Künstlern mehrere Wochen für ihre Tätigkeit zur Verfügung gestellt. Anschließend werden die Arbeitsergebnisse in Rahmen einer Ausstellung präsentiert und lösen häufig intensive und anregende Diskussionen aus.

„Kunstturm“ im Schatten des Kirchturms

Das über drei Etagen reichende Ausstellungsgebäude des Kunstvereins Greven, der schon erwähnte „Kunstturm“, liegt im Schatten des zentralen Kirchturms der katholischen St. Martinus-Gemeinde mitten im fußläufigen Ortszentrum. Es ist vom Verein gemietet und kann mittels eines jährlichen Zuschusses der Stadt Greven und mit der Hilfe von Mitgliedern und privater Sponsoren unterhalten werden.

Kunst am „Kunstturm“

Von den Aktivitäten des Vereins kann man sich aber auch außerhalb der Ausstellungsräumlichkeiten ein Bild machen. Das hat mit dem vom Kunstverein initiierten Projekt „Stadtbesetzung“ zu tun. In Verbindung damit hat die Münsteraner Künstlerin Silke Rehberg zunächst zwei Pferdeskulpturen am „Kunstturm“ installiert.

Es folgten skulpturale Porträts von Menschen in der Innenstadt von Greven. An Fassaden und Häuserecken, die deutlich Sichtachsen betonen, sind fünf Skulpturenpaare montiert – heraus aus dem „Elfenbeinturm der Kunst“, hinein in den Alltag der zufälligen Begegnung. Es sind dabei nur scheinbar beliebige oder zufällige Schöpfungen in Form menschlicher Wesen. Silke Rehberg gestaltet die Porträts von bestimmten Personen nach der unmittelbaren Anschauung oder aus der Erinnerung an eine tatsächliche Begegnung. Das Gleiche gilt für die Pferdeskulpturen am „Kunstturm“. Es handelt sich dabei um zwei Variationen eines Porträts des berühmten Dressur- und Zuchthengstes „Damon Hill“.

Die Gesamtinstallation nennt sich „Egowandel“ und soll den Betrachter dazu herausfordern, die Individualität des einzelnen Lebewesens auf Augenhöhe in den Blick zu nehmen. Die Gleichzeitigkeit von Mensch- und Tierdarstellung lädt dazu ein, sich die zentralen Fragen nach dem Miteinander in dieser einen Welt zu stellen.

Öffnungszeiten: samstags von 11 bis 14 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr.

Nähere Informationen: Kunstverein Greven, Kirchstraße 1a, 48268 Greven, Telefon 02571 98081/98082, E-Mail info@kunstverein-greven.de, Internet http://www.kunstverein-greven.de

Textiles Erbe wird bewahrt

Die Textilindustrie hatte in Bocholt eine ähnlich lange Tradition und Bedeutung wie die in Nordhorn. Beide endeten aufgrund sich wandelnder wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Museal ist sie aber noch zu erleben.

Im Herzen eines neuen Kulturquartiers zwischen Bocholter Innenstadt und Aasee liegt das Textilwerk mit Weberei und Spinnerei. Eine Brücke über den Fluss Aa verbindet die beiden Museums-Standorte. In den imposanten Sälen der historischen Spinnerei Herding erhalten die Besucher spannende Einblicke in historische und moderne Technik, erleben Modegeschichte und aktuelles Design. In der Weberei wird eine Erlebniswelt mit täglicher Schauproduktion an historischen Webstühlen geboten; und ein vollständig eingerichtetes Wohnhaus mit blühendem Garten vermittelt, wie die Arbeiter früher gelebt haben.

Zur Geschichte der Textilindustrie in Bocholt

Das Spinnen und Verweben von Baumwolle hat in Bocholt eine lange Tradition. Über 450 Jahre lang prägte die Faser, die aus Übersee importiert werden muss, das Wirtschaftsleben Bocholts und der gesamten Region. Vor allem zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg boomte die Branche: Bocholt zählte bis zu 80 Textilbetriebe, in denen zeitweise bis 10.000 Menschen arbeiteten. Mitte der 1960er Jahre setzte auch im Westmünsterland die Strukturkrise ein. Sie ist gekennzeichnet durch einen anhaltenden Schrumpfungsprozess aufgrund der zunehmenden Konkurrenz durch Fernost. Viele Betriebe schlossen, und Tausende Menschen verloren ihren Arbeitsplatz.

Geschichte der „Spinn-Web Herding“

Die Spinnerei und Weberei Herding ist ein typisches Beispiel aus der Boomzeit der Textilindustrie in Bocholt: Eine Handweberei war die Keimzelle eines der zeitweilig größten Textilbetriebe der Stadt, gegründet 1870 von Heinrich Schüring und seinem Schwager Max Herding. Als es sich in den Jahren hoher Garnpreise nach 1900 lohnte, eigene Spinnerei-Kapazitäten aufzubauen, entschied sich Max Herding jun. zum Bau einer Spinnerei neben der bestehenden Weberei. Er wählte dazu das Architekturbüro Sequin & Knobel in Rüti bei Zürich.

Die Schaufassade des viergeschossigen Gebäudes aus dem Jahr 1907 mit dem repräsentativen Wasserturm zeigte zur Innenstadt und kündete von dem neuen aufstrebenden Unternehmen:

Mit fast 600 Webstühlen und 23.600 Spindeln gehörte die „Spinnweb“ Herding lange Zeit zu den größten Bocholter Textilbetrieben.1943 wurde der zur Straße gelegene Teil mit dem Wasserturm bei einem Luftangriff zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte 1949/50 in schlichten Formen und ohne den Turm.

Anfang der 1960-er Jahre begann dann die Krise. Als Kammgarnspinnerei und Weberei konnte die Produktion unter neuen Eigentümern noch bis 1973 in reduzierter Form aufrecht erhalten werden. Dann ließ man alle Hallen räumen, die Maschinen wurden verkauft und verschrottet, um die Flächen als Lagerraum zu vermieten.

Weberei als Museumsfabrik

Mitten in der Strukturkrise beschloss die Landschaftsversammlung des LWL 1984 die Einrichtung eines Textilmuseums. Weil ein historisches Gebäude seinerzeit nicht zur Verfügung stand, entschied man sich zunächst für den Nachbau einer typischen Weberei aus der Zeit der Jahrhundertwende. 1989 wurde an der Aa die Eröffnung gefeiert.

Im Jahr 2004 kaufte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe zusätzlich den viergeschossigen Backsteinbau der Spinnerei Herding als zweiten Teil seines Textilmuseums hinzu. Das gelang mit finanzieller Unterstützung des Landes, des Kreises Borken, der Stadt Bocholt und der Stadtsparkasse Bocholt. 2009 begann der Umbau mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II. Seit der Eröffnung der Spinnerei im September 2011 firmiert das Textilmuseum mit seinen beiden Standorten als „Textilwerk Bocholt“.

Spuren der Arbeit und moderne Nutzung

Der Umbau zum Museum und Kulturforum erfolgte ab 2004 unter der Leitung des renommierten Stuttgarter Architekturbüros Atelier Brückner. Ziel war es, die Spuren der Arbeit und der 100-jährigen Geschichte des Gebäudes deutlich zu zeigen. Auf allen vier Etagen entwickelt sich ein „Zwiegespräch“ zwischen aktueller Nutzung und historischem Bestand: Abblätternde Farbschichten und zerschlissene Betonböden wurden bewusst belassen und kontrastierten mit modernen Einbauten, allen voran die rote Stahltreppe, die in den 20 Meter hohen Seilgang eingebracht wurde, dazu klare Kuben für Shop und Servicebereiche sowie die Gastronomie auf dem Dach.

Kultur fördern

Mit Hilfe des 1980 gegründeten Förderkreises Westfälisches Textilmuseum konnte in den letzten 35 Jahren die größte Sammlung von Textilmaschinen und Alltagstextilien in Europa aufgebaut werden.

Nach dem Ankauf der ehemaligen Spinnerei Herding und ihrer Eröffnung als Forum für Sonderausstellungen und Veranstaltungen 2011 wird das textile Erbe in Ausstellungen und angemessenen Archiven erschlossen.Und dank der Unterstützung des Fördervereins konnte ein großes Haus von internationalem Rang entwickelt werden, das als Forum der Kultur, Wissenschaft und der Begegnung weit ausstrahlt.

Spinnerei Forum für Textilkultur

Der viergeschossige Backsteinbau der ehemaligen Spinnerei Herding ist ein typisches Beispiel aus der Boomzeit der Textilindustrie in Bocholt. 1907 ließen die Firmeninhaber das Gebäude an der Aa mit Schaufassade und repräsentativen Wasserturm errichten. Mit fast 600 Webstühlen und 23.600 Spindeln gehörte die „Spinnweb“ Herding lange Zeit zu den größten Bocholter Textilbetrieben. Heute präsentiert das LWL-Museum in dem Gebäude Ausstellungen aus der Modegeschichte und zeigt Technik in Funktion. Geöffnet ist es von März bis Oktober.

Parcours de la Mode

Im Erdgeschoss der Spinnerei befindet sich ein „Parcours de la Mode“: In einer 23 Meter langen Vitrine, die als Laufsteg aufgebaut ist, nehmen historische Kleidungsstücke und Schuhe sowie textile Musterbücher die Besucher mit auf eine farbenfrohe Reise durch mehr als 100 Jahre Modetrends. Das älteste Stück, ein schwarzes Tournüren-Kleid, stammt aus dem Jahr 1885. Dieser Teil der Ausstellung wird kontinuierlich sein Gesicht wandeln: Aus dem großen Fundus der Sammlung werden immer wieder neue Stücke den Laufsteg beleben und zeigen, wie vielfältig die Welt der Mode war und ist.

Im Flyersaal im ersten Obergeschoss präsentiert das LWL-Museum am authentischen Ort die Bedeutung der Textilunternehmer und der ansonsten selten ausgestellten Baumwollspinnerei. Die Schau zeigt die wirtschaftlichen Zusammenhänge und rückt die „Macher“ und die Lebenswelt der Unternehmer in den Fokus. Teilweise laufende Maschinen machen ein Stück Textilgeschichte der Region lebendig.

Mehr als 500 Exponate bekommen die Besucher auf 1300 Quadratmetern zu sehen. In ihrer Komposition verdeutlichen sie, dass sich die Handlungsfelder der Textilunternehmer in Westfalen – und speziell im Westmünsterland – in den vergangenen 150 Jahren kaum verändert haben.

Ausgestellt wird beispielsweise ein Schreibtisch des Textilunternehmers Carl Herding, den dieser Anfang des 20. Jahrhunderts gekauft und über viele Jahrzehnte hinweg benutzte. Der Kauf eines gebraucht gekauften Konzertflügels, ein mittleres Modell eines Montblanc-Füllfederhalters, Unternehmerporträts in Öl – alles Exponate, die darauf hinweisen, dass die „Macher“ in der Region zwar auf globalen Märkten agierten, in der Heimat jedoch bescheiden lebten.

An einem modernen Medientisch kommen 14 Unternehmerpersönlichkeiten zu Wort. Sie berichten über die Motivation ihres Handelns, über Tradition, Familie und modernes Wirtschaften.

App „Bist Du ein Macher?“

Bei dem App-Spiel „Bist du ein Macher?“ schlüpfen Museumsbesucher mit ihrem Smartphone oder Tablet selbst in die Rolle eines angehenden Textilunternehmers – mit dem Ziel, die eigene Firma so erfolgreich wie möglich zu machen. Ganz nebenbei erfährt man, was einen erfolgreichen westfälischen Unternehmer wirklich ausgemacht hat, wie er seine Entscheidungen getroffen hat und was sein Leben beeinflusste.

Als potenzielle „Macher“ stehen Spieler vor Aufgaben, die gelöst werden können, während sie die Ausstellung erkunden. Das Spiel läuft in der App „Biparcours“, die kostenlos in den Stores für iOS und Android heruntergeladen werden kann (in der Suchfunktion „Bist Du ein Macher“ eingeben).

Technik in Funktion

Das Westfälische Landesmuseum für Industriekultur besitzt eine der größten Sammlungen von Textilmaschinen in Europa. Einige davon wurden in den vergangenen Jahren aufwändig restauriert und sind jetzt in der neuen Ausstellung zu sehen. Die bis zu knapp 20 Meter langen Maschinen – vom Öffnerzug aus dem Jahr 1910 bis zur OE-Feinspinnmaschine von 1986 – lassen die Herstellung von Baumwollgarnen nachvollziehen. Medienterminals zeigen zudem historische Aufnahmen und erklären die Funktionsweise der Spinnmaschinen. Einige dieser Maschinen werden den Besuchenden zudem regelmäßig vorgeführt.

Weberei – Vom Faden zum fertigen Stoff

Die Produktionshalle der Weberei des Textilwerks ist ein Nachbau des alten Websaals der Weberei Gebr. Essing in Rhede. Mit 50 Webstühlen und 25 Webern hatte die Firma 1891 den Betrieb aufgenommen. Als die Gebäude der Firma im Februar 1985 abgerissen wurden, konnte das LWL-Museum die gußeisernen Säulen des Websaals von 1889/94 und andere Original-Einbauten retten.

Der Websaal

Der Websaal ist eine „Shedhalle“. Solche Hallen mit der charakteristischen sägeförmigen Silhouette der Dächer waren bis in die 1950er Jahre die typische Bauform für zahlreiche Fabriken. Ihr Name rührt von der Aneinanderreihung schuppenähnlicher Bauelemente (engl. shed = Schuppen) her. Die großen Glasfenster in den Dächern sind meist nach Norden ausgerichtet. Das sorgt für eine gleichmäßige Beleuchtung und verhindert eine Aufheizung durch die Sonne.

Für den heutigen Betrachter ist nur noch schwer nachzuvollziehen, wie neu und ungewohnt die Fabrikanlagen des 19. Jahrhunderts für die Zeitgenossen waren. Die 32 Webstühle des Museums vermitteln ansatzweise einen Eindruck von der Dimension großer Arbeitssäle mit Hunderten in Reih und Glied aufgestellter Webmaschinen.

An 13 Medienterminals können Besucher per Knopfdruck Informationen zu technischen Funktionen und Arbeitsabläufen abrufen. Animationen zeigen den jeweiligen Raum und weisen auf historische Einbauten hin. Nicht nur der Websaal, auch Kontor, Werkstatt und Maschinenhaus sind auf diese Weise in den Rundgang eingebunden.

Der Clou ist ein digitales Rollenspiel: Besuchende lernen dabei den Arbeitsalltag aus der Sicht eines Webers kennen, der 13 verschiedenen Personen begegnet. Darunter befinden sich eine Passiererin, die für die Vorbereitung der Webketten zuständig war, der Maschinist, der Heizer und ein Büroangestellter.

Das Maschinenhaus

Im Gegensatz zu den sehr schlichten und schmucklosen Produktionsräumen, ragen die Maschinenhäuser der Textilbetriebe durch gesteigerten architektonischen Aufwand und kunstvolle Verzierungen wie zum Beispiel farbige Bodenfliesen, Schablonenmalerei an den Wänden und pompöse Türen heraus. Denn dort befindet sich das Herz der Fabrik: die Dampfmaschine. Hierhin wurden Besuchende geführt, und die Fülle erhaltener Fotografien dokumentiert die besondere Aufmerksamkeit, die der „Kraftzentrale“ gewidmet wurde. Entsprechend repräsentativ ist auch das Maschinenhaus des Museums eingerichtet.

Die Dampfmaschine wird heute über einen Elektromotor in Bewegung gesetzt: Über Seile überträgt sie die Energie auf die Transmission im Websaal.

Die Werkstatt

Die Werkstatt diente der Wartung und der Instandhaltung der Maschinen und der gesamten Fabrik. Neben den Reparaturen wurden hier auch Neukonstruktionen und technische Verbesserungen entwickelt. Die Werkstatt hatte die besondere Aufgabe, den Betrieb soweit wie möglich von Fremdleistungen unabhängig zu machen. Die Werkstatt der Museumsfabrik ist wie üblich in unmittelbarer Nähe des Kesselhauses und des Maschinenhauses in einem Raum untergebracht, der sich wegen der ungünstigen Beleuchtungsverhältnisse zu anderen Zwecken nicht eignen würde. Man betritt die Werkstatt durch eine Tür aus der ehemaligen Weberei Lühl in Gemen, wo sie den Zugang zum Kesselhaus von 1894 ermöglichte.

Das Arbeiterhaus

Das nach alten Plänen erbaute und vollständig möblierte Arbeiterhaus mit bewirtschaftetem Garten und Kleintierhaltung erinnert an die Lebenswelt der münsterländischen Textilarbeiter zur Zeit der Industrialisierung. Wohnküche, „Gute Stube“, Schlafräume, aber auch Vorratskeller und Waschküche hat das Team des Museums für die Besucher im Arbeiterhaus wieder eingerichtet.

Beim Gang durch das Haus lernen die Besucher das Lebensumfeld einer Textilarbeiterfamilie um 1920 kennen. Der bewirtschaftete Nutzgarten mit Hühnern und Kaninchen lässt erahnen, wie viel Arbeit auch nach Feierabend in der Fabrik auf die Textilarbeiter zukam, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Im linken Teil des Arbeiterhauses werden die Themen Ernährung, Hygiene, Energie sowie Kleidung und Heimtextilien in eigenen Ausstellungseinheiten dargestellt. Ein gedeckter Tisch stimmt die Besucher auf das Thema Ernährung früher und heute ein. Historische Alltagstextilien wie Arbeitshosen und Arbeitsschürzen werden im Obergeschoss neben gestickten Mustertüchern ausgestellt. Geflickte Bettbezüge oder Bettlaken zeigen viel vom historischen Alltagsleben, das von Knappheit geprägt war. Nur durch eigenes Anfertigen, durch Nähen oder Stricken konnte die Hausfrau die Versorgung ihrer Familie mit Textilien sicherstellen.

LUCID“ von Tristan Schulze – Interaktive Installation in der Spinnerei

Tristan Schulze erforscht in seiner Arbeit „LUCID“, wie gestalterisch-kreative Interaktionen zwischen Menschen und Maschinen zukünftig aussehen könnten. Eine Apparatur mit künstlicher Intelligenz generiert in kreativen Prozessen Webmuster und lädt die Besuchenden ein, diese mitzugestalten. Der eigene schöpferische Prozess verbindet sich mit dem der Maschine und hinterlässt Spuren in deren Code. Das Verhältnis bleibt jedoch ambivalent – schließlich trainiert jede Interaktion die künstliche Intelligenz weiter und verstärkt damit deren Autonomie.

Maschinelles Lernen ist ein wichtiger Bestandteil von vielen industriellen Automations-Prozessen und verändert zunehmend unser Konzept von Arbeit. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich Tristan Schulze neben der Frage, was wir in Zukunft als Arbeit betrachten werden, vor allem mit Überlegungen dazu, wie wir arbeiten werden.

Als Basis für neue Webmuster, schöpft LUCID aus dem umfangreichen Musterarchiv des Textilwerkes Bocholt, in dem sich die Textilgeschichte des 20. Jahrhunderts abbildet. Dieses Archiv wird in den nächsten Jahren für junge Designer zugänglich gemacht und wird damit gleichzeitig Inspirationsquelle für neue Muster.

Zum Künstler: Tristan Schulze, 1982 in Leipzig geboren, ist ein deutscher Designer, Künstler und Dozent. Seine Arbeit reflektiert aktuelle Entwicklungen in der digitalen Welt, unter anderem die Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz, Mixed Reality oder Internet of Things-Technologien. Körperlichkeit und Haptik spielen in Schulzes Arbeit eine wichtige Rolle und schlagen die Brücke zwischen digitaler und physischer Welt. Schulze arbeitet und lebt in Leipzig.

Ausstellungen: Die noch bis zum 2. November geöffnete Ausstellung „Muster und Märkte – Auf den Spuren westfälischer African Prints begibt sich auf Spurensuche und beleuchtet die oft unsichtbaren Verflechtungen der Textilveredelungsbetriebe Heinrich Habig AG und Göcke & Sohn AG in koloniale Handelsstrukturen. Zwischen den 1920er- und 1970er-Jahren produzierten sie auch sogenannte African Prints. Die Unternehmen stehen exemplarisch für ein Wirtschaftssystem, das von kolonialen Machtverhältnissen profitierte. Während unternehmerische Positionen dank zahlreicher Akten gut dokumentiert sind, eröffnet die Ausstellung bewusst neue Perspektiven.

Die Ausstellung wurde unter Leitung von Prof. Joachim Baur von einer Gruppe Master-Studenten der Kulturanthropologie des Textilen an der TU Dortmund kuratiert.

Noch bis zum 1. November ist die Ausstellung „Behind the beauty – Hinter den Kulissen der Schönheitsindustrie“ geöffnet. Zum Inhalt: Mode und Accessoires, Kosmetik und Düfte aber auch Chirurgie, Sport und Ernährung – all das und noch viel mehr ist Teil der Schönheitsindustrie, die weltweit für mehr 500 Milliarden US-Dollar Umsatz im Einzelhandel sorgt. Doch wo kommen die Trends her? Wer bestimmt, was „Schönheit“ ist und wie Mann oder Frau sie erreichen können? Mit vielen interaktiven Ausstellungseinheiten präsentiert das LWL-Museum Textilwerk auf über 600 Quadratmetern auch die Rolle der Werbung und der Medien sowie den Einfluss von Social Media.

Öffnungszeiten: Die Weberei ist ganzjährig, die Spinnerei ab 16. März von Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Letzter Einlass ist um 17.30 Uhr. Geschlossen ist montags (außer an Feiertagen). Sonntags werden auch Führungen angeboten.

Nähere Informationen: LWL-Museum Textilwerk, Weberei Uhlandstraße 50, 46397 Bocholt, Spinnerei (auch Postadresse) Industriestraße 5, 46395 Bocholt, Telefon 02871 21611-210, Fax 02871 21611-266, E-Mail textilwerk@lwl.org, Internet http://www.textilwerk-bocholt.lwl.org

Chagall-Ausstellung im K20 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Marc Chagall (1887 – 1985) ist einer der faszinierendsten Künstler der Moderne. Die noch bis zum 10. August geöffnete Ausstellung im K20 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die in Kooperation mit der Albertina in Wien entsteht, befasst sich in einer monografischen Ausstellung mit dem Werk des russisch-französischen Malers.

Aufgewachsen in der Kleinstadt Witebsk (im heutigen Belarus) als ältestes Kind einer jüdisch-orthodoxen Familie, reflektierte Chagall zeitlebens seine Herkunft. Seine Bilder erzählen vom Alltag und Gebräuchen, aber auch von Ausgrenzung und Pogromen. Sie handeln vom Trauma der Verfolgung, aber auch vom Traum eines besseren Lebens.

Seine fantastisch-poetischen Bildwelten sind von leuchtend intensiver Farbigkeit, seine Motive bis heute rätselhaft. Die Ausstellung im 40. Todesjahr des russisch-französischen Malers umfasst rund 120 Werke aus allen Schaffensphasen. Ein Schwerpunkt liegt auf den frühen Arbeiten, die zwischen 1910 und 1923 entstanden sind. Als junger Künstler in Paris experimentierte Chagall mit Fauvismus und Kubismus und verband die neuen stilistischen Tendenzen mit jüdischen Motiven und russischer Folklore. Das war einzigartig in seiner Zeit und machte ihn zum „Wunderkind der Moderne“. In der Ausstellung werden nicht nur die malerischen Einflüsse auf das Frühwerk Chagalls nachvollziehbar. Zu entdecken ist ebenso die weniger bekannte dunkle und gesellschaftskritische Seite des Künstlers, die bis heute ihre Relevanz nicht verloren hat.

Mit Schauspieler Aaron Altaras durch die große Chagall-Ausstellung

Der preisgekrönte Schauspieler, bekannt für seine gesellschaftskritischen und vielschichtigen Rollen, hat den Audioguide zur Ausstellung eingesprochen. Zuletzt begeisterte Altaras in der Hauptrolle der ARD-Serie „Die Zweiflers“ und wurde dafür 2024 mit dem Deutschen Fernsehpreis als Bester Schauspieler ausgezeichnet. In rund 30 Minuten bietet der kostenfreie Audioguide eine kompakte Übersicht über die wichtigsten Werke Marc Chagalls – von seinen frühen Arbeiten bis zu seinem Spätwerk. Der Audioguide ist in deutscher, englischer und einfacher Sprache (D) verfügbar und lässt sich bequem über einen QR-Code mit dem eigenen Smartphone abrufen. Die Mitnahme von Kopfhörern wird empfohlen.

Die Ausstellung ist eine Kooperation der ALBERTINA, Wien, und der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf.

Nähere Informationen: K20, Grabbeplatz 5, 40213 Düsseldorf, Telefon 0211 8381-204, E-Mail service@kunstsammlung.de

Erinnerungen an einen Besuch in der „Lindenstraße“

Etwa 100.000 Besucher kamen am 2. Juli 1995 auf das Studiogelände des WDR in Köln-Bocklemünd. Anlass war ein Fest zur 500. Folge der beliebten ARD-Vorabendserie.

Als am Sonntag. 8. Dezember 1985, um 18.40 Uhr die erste Sendung „Herzlich willkommen“ der ARD-Vorabendserie „Lindenstraße“ lief, hätte, vielleicht abgesehen von den Machern mit Erfinder, Regisseur und Produzent Hans W. Geißendörfer an der Spitze – bekannt geworden als Vertreter des Neuen Deutschen Films durch anspruchsvolle Literaturverfilmungen wie „Der Zauberberg“, „Die Wildente“, „Theodor Chindler“ und „Ediths Tagebuch“ – kaum jemand mit dem großen Erfolg, der sich im Laufe der Jahre einstellte, gerechnet.

Einblicke in den Alltag ganz normaler Leute

Entgegen der erwartbaren Inhalte deutscher Vorabendserien, die sich zumeist des Krimi-, Abenteuer- oder Herz-Schmerz-Genres bedienten, bekamen die Zuschauer bei der Lindenstraße Einblicke in den Alltag ganz normaler Leute mit ganz normalen Problemen, wie sie eigentlich jeder kennt, geboten; und die Kritiken waren auch nicht dazu angetan, einen Erfolg vorauszusehen. Ein „Panoptikum der Piefigkeit“ nannte sie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, „Dürftig und schlecht gemacht“, urteilte etwa der Fachdienst „epd / Kirche und Rundfunk“ über die erste Folge „Herzlich willkommen“. Das Blatt rügte die Serie als „Sozialkitsch“ und prophezeite ihr ein baldiges Ende; und in der Frankfurter Allgemeinen war folgende, auch nicht gerade schmeichelhafte Überschrift zu lesen: „Eine Volkshochschule feiert Jubiläum. Zum 500. Mal Lindenstraße. Kein Ende vor dem Weltuntergang“. Ähnlich fielen damals die meisten Kritiken aus.

Die Häme der Kritiker war also groß, doch davon ließ sich das Fernsehpublikum nicht abhalten und blieb am Bildschirm haften – in den besten Zeiten über 10 Millionen. So entwickelte sich die Serie zum Kult.

Mit dem Bus von Nordhorn nach Köln-Bocklemünd

Der erreichte auch die Grafschaft Bentheim – zumindest wesentliche Teile davon. 1995 bot sich dann für den Autor dieses Artikels die Gelegenheit, an einer vom Jugendzentrum Nordhorn organisierten Busfahrt nach Köln-Bocklemünd teilzunehmen, wo sich die Studios befanden, in denen die „Lindenstraße“ gedreht wurde. Anlass der Fahrt war ein großes Publikumsfest auf dem Studiogelände aus Anlass der 500. Folge.

Die Anfrage beim WDR, ob für das Grafschafter Wochenblatt, bei dem ich damals tätig war, die Möglichkeit zur Berichterstattung und zu Interviews mit den Stars der Serie bestehen würde, wurde prompt mit Ja beantwortet. Dann war nur noch daran zu denken, am Sonntag rechtzeitig beim Jugendzentrum zu sein, wo schon ein Bus bereit stand. Als kleines Team hatte ich damals den Fotografen Hans Pache (+) und zusätzlich Hans Trulsen dabei, der bei den Interviews für die Mikrofon- und Aufnahmetechnik zuständig war.

Dass die „Lindenstraße“ nach anfänglich schwachem Start ein allmählich größeres Zuschauerinteresse verzeichnen konnte, wusste ich inzwischen, aber welche Dimensionen das über damals zehn Jahre angenommen hatte, wurde mir erst vor Ort klar. Über 100.000 Besucherinnen und Besucher tummelten sich auf dem Studiogelände, auf dem als Unterhaltungsprogramm unter anderem eine große Kirmes aufgebaut war.

Mit den Stars im Backstage-Bereich

Es war daher kein Wunder, dass die anderen Teilnehmer der Busfahrt mit einem gewissen Neid auf das Team vom Grafschafter Wochenblatt blickten, da wir als Medienvertreter Zugang zum VIP-Bereich und damit auch direkten Kontakt zu den Stars der „Lindenstraße“ hatten. Wir trafen auf „Momo“, „Herrn Schiller“, „Olaf Kling“, „Mutter Beimer“, „Hans Beimer“, „Iffi Zenker“, „Valerie Zenker“ und viele mehr.

Interviews durften wir mit der wie immer quirligen und temperamentvollen „Iffi Zenker“ (Rebecca Siemoneit-Barum, Tochter des früheren Zirkusdirektors Gerd Siemoneit-Barum) und der eher sperrigen und maulfaulen „Valerie Zenker“ (Nadine Spruß) führen. Beide spielten die Töchter von „Andi Zenker“ (Jo Bolling), der 1990 in der 220. Folge als alleinerziehender Vater (Frau war bei einem Unfall verstorben) mit seiner Kinderschar, zu der auch der damals noch nicht so bekannte Til Schweiger als „Jo Zenker“ gehörte, in die Lindenstraße eingezogen war.

Nach den beiden Interviews bestand dann noch die Gelegenheit, einen Gang durch die Außenkulissen der Lindenstraße zu machen. Ein Höhepunkt für die zahlreichen Fans war nach der Übertragung der gerade anstehenden Folge eine Autogrammstunde mit den Stars, die ohne Übertreibung einen Andrang auslöste, den sonst nur nationale Acts wie „Tokyo Hotel“ oder internationale Bands wie die „Backstreet Boys“ oder „Take That“ zu ihren besten Zeiten verzeichnen konnten.

Unser Besuch in der Lindenstraße endete dann mit der WDR-Unterhaltungssendung „Hollymünd“, die wir im Backstage-Bereich verfolgen durften, und bei der als die bekanntesten Künstler die „Erste Allgemeine Verunsicherung“ und die „Sparks“ auftraten.

Epilog

Zu meinem großen Bedauern wurde die „Lindenstraße“ am 29. März 2020 mit der 1758. Folge eingestellt. Begründet wurde dies von der ARD mit den gesunkenen Zuschauerzahlen, die sich zum Ende unter 2 Millionen bewegte. Das mag zwar so gewesen sein, aber die „Lindenstraße“ war mir immer viel lieber als die unzähligen und überwiegend unseligen Vorabend-Krimis, die jetzt so geboten werden. Und ich werde es der ARD nicht verzeihen, dass sie mir mit der Einstellung der Lindenstraße den Fernsehabend am Sonntag dermaßen durcheinandergebracht hat, dass ich eine ganze Zeit sehr schwermütig war; und das musste mal gesagt und geschrieben werden!!!

Viel Kultur im ehemaligen Kornspeicher

1908 wurde der ehemalige Kornspeicher am Hafen in Ibbenbüren-Dörenthe erbaut. Seit der Gründung eines Fördervereins im Jahre 1998 wird das Gebäude für vielfältige kulturelle Zwecke genutzt.

Es war am 28. Mai 1998, als im Ibbenbürener Anzeiger folgende Zeilen erschienen: „90 Jahre hat er auf dem Buckel, seit 30 Jahren wurde er mehr oder weniger als „Rumpelkammer“ genutzt: Der Kornspeicher im Dörenther Hafen. Jetzt kommt Leben in die Bude: Der alte Bau soll als Kulturspeicher jeglichen kulturellen oder künstlerisch Interessierten als Probe- und Aufführungsstätte zur Verfügung stehen.“

Anlass für den Artikel war die Eröffnung des „Kulturspeichers Dörenthe“, einem neuen Kulturzentrum, das Platz für Kunstausstellungen, Theateraufführungen, Musik und manchem mehr bieten sollte. Unterschiedliche Veranstaltungen wie eine Foto-Ausstellung, ein Konzert und eine Theateraufführung wurden im Jahr der Eröffnung von den Vereinsmitgliedern und befreundeten Künstlerinnen und Künstlern auf den Weg gebracht, um zunächst einmal zu testen, ob das sanierungsbedürftige Gebäude für eine neue Nutzung überhaupt geeignet ist. Mit Erfolg – aber trotzdem war klar, dass auch weiterhin viel Arbeit nötig sein würde, um das Gebäude soweit herzurichten, dass es dem neuen Zweck dienlich sein konnte.

Kunst statt Boule

Es hätte aber auch ganz anders kommen können, wie in dem Artikel im Ibbenbürener Anzeiger nachzulesen ist: „Auf der Suche nach einer Spielmöglichkeit im Winter für seinen Boule-Verein inspizierte Walter Bergschneider das ehrwürdige Gebäude, das sich in seinem Besitzt befindet. Doch sein Vereinskollege Robert Rickert hatte eine bessere Idee, als dort Sand für das französische Kugelspiel hinzuschütten: „Dies ist ein absolut idealer Ort für kulturelle Veranstaltungen.“ Auch Bergschneiders Lebensgefährtin Monika Haselon hatte schon mit diesem Gedanken gespielt. Sie plante spontan eine Foto-Ausstellung in dem alten Speicher. Rickert, Mitglied des VHS- und Quasi So-Theaters, sprach mit seinen Theaterfreunden. Gemeinsam mit weiteren Ibbenbürener Künstlern wurde ein mögliches „Eröffnungsprogramm“ entwickelt. Sogar das Fernsehen wurde auf diese Planungen aufmerksam: Der WDR brachte einen Bericht über die bis dahin nur theoretischen Planungen. Dies war der Auslöser, auch endlich mit der praktischen Arbeit zu beginnen … Zuerst wurde der Bau Anfang März komplett geräumt, wobei auch Walter Bergschneider hilfreich zur Seite stand. Dabei mussten unter anderem vier monströse Elevatóren (Schüttschächte mit Fördereinrichtung für Getreide), bestehend aus Holz und Stahl, ausmontiert werden … Da das Gebäude seit drei Jahrzehnten nicht von Menschen genutzt wurde, hatten andere Lebewesen Einzug gehalten. Allein zwölf Säcke Taubenmist schleppten die fleißigen Helfer aus dem Speicher. Anschließend erforderte es einige Detektivarbeit, bis die letzten Schlupflöcher für jegliches Getier gestopft werden konnten. Noch jetzt sitzen Tauben auf den Fensterbänken und suchen nach einem Einlass. Eine Woche dauerte es, das Gebäude mit einem Hochdruckreiniger und Kanalwasser komplett auszuspritzen. Mittlerweile wurde schon eine Etage komplett gestrichen.“

Als dann die Idee aufkam, in den Räumen auch Kindertheater zu spielen, war der Grundstein für die Umgestaltung gelegt; ein mühevoller Weg der Sanierung, der im August 2006 abgeschlossen wurde, begann. Zwar war aus finanziellen Sanierung, wie sie auf der Regionale 2004 angeregt wurde, nicht möglich, doch die Idee, die sich mit dieser Initiative verband trotzdem umgesetzt. Möglich machte dies das Förderprogramm „Initiative ergreifen“ des Landes Nordrhein-Westfalen, das 80 Prozent der anfallenden Kosten übernahm. So war das Land letztlich mit 200.000 Euro am Gesamtumbauvolumen beteiligt, die Kulturstiftung des Kreises Steinfurt steuerte weitere 25.000 Euro durch Spenden ein, und der Förderverein insgesamt 1500 Stunden an Eigenleistung. Neue Fenster und Türen sowie eine Heizungsanlage konnten angeschafft werden und sorgten für eine Nutzbarkeit des Gebäudes im Winter, moderne Sanitäranlagen lösten das alte Not-WC ab, und eine gut begehbare Treppe erschloss das Obergeschoss. Außerdem mussten der Fußboden des alten Speichererdgeschosses erneuert und die Mauern im oberen Turmbereich neu verfugt werden.

Seit der Eröffnung hat sich der Kulturspeicher Dörenthe zu einem wichtigen regionalen Akteur für die Bereiche Kunst, Theater und Musik entwickelt. Dort vertreten sind verschiedene Initiativen und Gruppen. Dazu gehört unter anderem der „Speicher Malkreis“. Der trifft sich seit April 2006 regelmäßig am ersten Mittwoch im Monat im Kulturspeicher Dörenthe. So unterschiedlich die Mitglieder sind, verbindet sie trotzdem das gemeinsame Interesse an der Kunst und an jeglicher Art künstlerischer Gestaltung. Im Vordergrund steht die „Freude am Tun“. Inzwischen kann der „Speicher Malkreis“ auf viele erfolgreiche Ausstellungen zurückblicken, auch auf gemeinschaftliche Projekte, unter anderem mit der „Kunstfabriek Nijverdal“, einer Künstlergruppe aus der niederländischen Stadt Hellendoorn.

Seine Heimat im Kulturspeicher Dörenthe hat auch das 2019 gegründete Querbeet-Theater. Bereits mit Ihrem ersten Stück „Die Speicherahnen“ und der Aufführung von „Miss Sophies Erbe“ hatte das Ensemble einen grandiosen Erfolg feiern können. Ein weiteres neues Stück ist in Bearbeitung, Premierentermin ist der Oktober.

Zur Geschichte des Gebäudes

Der weithin sichtbare und rot geklinkerte „Turm“ des Kulturspeichers, der sich über fünf Etagen erstreckt, wurde vor rund 100 Jahren als Zwischenspeicher für die Getreidelagerung errichtet. Dicke Eisenträger leiten über massive Eisensäulen sowie die dicken Außenmauern die Kräfte nach unten, so dass die auf dicken Holzbalken liegenden Zwischendecken mit Getreide hoch belastet werden konnten. Ein Becherwerk hat das Korn über eine Verladerampe vom Kanal aus direkt in die verschiedenen Gebäudeebenen transportiert. Wegen des Aufkommens der Motorschifffahrt und des damit verbundenen erhöhten Verkehrs bestand Anfang des 20. Jahrhunderts die Notwendigkeit, ein Zwischenlager für die höhere Getreidemenge, die nun auf dem Kanal transportiert wurde, zu bauen.

In den 1950-er Jahren verlor der Getreidespeicher langsam seine ursprüngliche Bedeutung, doch da der Hafen einen wichtigen Knotenpunkt darstellt – hier treffen ein Gleis der Teutoburger Wald Eisenbahn (TWE), der Dortmund-Ems-Kanal und die Bundesstraße 219 zusammen – wurde er zu Beginn der 1960-er Jahre umgebaut und umgenutzt. An die Nordwestseite wurde nun eine zweigeschossige Rampenanlage aus Stahlbeton angebaut. Doch dieser Umbau verhinderte nicht, dass die Anlage nicht mehr genutzt wurde und zunehmend verfiel, bis …

Skulpturenpfad und „Funny Red Line“

Im Rahmen der Kooperation des Kulturspeichers Dörenthe mit zwei befreundeten Vereinen, dem Kunstverein Ibbenbüren und dem Förderverein Mettinger Schultenhof, wurde im April 2019 die „SKULPTOUR“, ein Skulpturenpfad entlang einer Route zwischen den drei Kulturinitiativen, eröffnet. Die „SKULPTOUR“ rückt 56 Kunstwerke wieder in den Blickpunkt, die im Alltag teilweise kaum noch wahrgenommen werden. Alle Kunstobjekte befinden sich zwischen Mettingen und Ibbenbüren/Dörenthe und sind zu Fuß, aber auch mit dem Fahrrad zu erschließen.

Ausgangspunkt der Skulpturenroute ist die „Funny Red Line“ der litauischen Künstlerin Dovilė Martinaitytė aus dem Jahre 2004. Ausgehend vom Kunstspeicher Mettingen zieht sie sich über den Schultenhof, verschwindet dann in der Erde, tritt aber mehrfach wieder in Erscheinung (Kreisel Schwarze Straße – Kreuzung Mettinger Grenze) und verläuft schließlich bis zur Honigfabrik und endet dann am Speicher in Dörenthe. Die Betonskulptur fällt ins Auge, erregt Aufmerksamkeit, regt Vorbeigehende zum Verweilen an (Was sagen die Formen, die Gestaltung, die Farbe aus?), fordert zum Sitzen, Spielen oder Liegen auf. Sie will Fröhlichkeit verbreiten. Das kräftige Rot verweist auf die Symbolik von Blut, Feuer und Liebe. Sie steigert das bewusste Erleben und das Fühlen von Kraft und Schönheit und steht für Willenskraft und Emotionen, ihre Wirkung ist zugleich wärmend und wohltuend. Nähere Informationen erfolgen im Internet auf http://www.funnyredline.de

Programm für das Jahr 2025

Auch in diesem Jahr bietet der Kulturspeicher wieder ein umfangreiches Programm. Zu den Klassikern dieses Programms gehören am 1. Mai ein Jazzfrühschoppen mit Matthias Beckmann & Band, am 24. August das Hafenfest mit Musik und Aktion für die ganze Familie direkt am Kanal, am 4. Oktober ein neues Premieren-Stück des Querbeet-Theaters mit dem Titel „Alte Eisen rosten nicht“, sowie am 8. November der traditionelle Kunsthandwerkermarkt „Novemberleuchten“ im und am Kulturspeicher. Ergänzt wird das Programm mit Kunstausstellungen, Seminaren und Workshops.

Nähere Informationen: Kulturspeicher Dörenthe, Hafenstraße 14, 49479 Ibbenbüren, Telefon 05455 960094, E-Mail info@kulturspeicher-doerenthe.de, Internet http://www.kulturspeicher-doerenthe.de

Kunstverein in Coesfeld vielfältig aufgestellt

Bandbreite der Aktivitäten des Kunstvereins Münsterland erstreckt sich von Ausstellungen über die Kunstvermittlung bis hin zu Malkursen.

„Der wahre Sinn der Kunst liegt nicht darin, schöne Objekte zu schaffen. Es ist vielmehr eine Methode, um zu verstehen. Ein Weg, die Welt zu durchdringen und den eigenen Platz zu finden“ (Paul Auster, amerikanischer Schriftsteller, *1947 +2024) – sehr ähnlich ist auch das Kunstverständnis des Unternehmerehepaares Kurt und Lilly Ernsting, die 1995 aus dem tief greifenden Wunsch heraus, Kultur erlebbar zu machen und Orte des Diskurses für kunstinteressierte Menschen zu schaffen, die Stiftung „Alter Hof Herding“ gründeten.

Aus Stiftung „Alter Hof Herding“ hervorgegangen

Mit der Stiftung wurde eine gemeinnützige, fortdauernde Einrichtung geschaffen, die sich der Kunst- und Kulturförderung verschrieben hatte und an gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen mitwirken wollte. Die Idee, Menschen und Kunst zusammenzubringen, war geboren. Die Überlegungen, ein Gebilde zu formen, das auch nachhaltig die Gegenwartskunst im Bewusstsein der Menschen verankert, wollte dagegen erst wachsen und reifen.

Benannt wurde die Stiftung nach dem ehemaligen Schulzenhof „Alter Hof Herding“ in Coesfeld-Lette, in dem sich unter anderem das Glasmuseum und das Glasdepot befinden. Ergänzt wurde der Ort durch einen Glasgarten, eine weitere Heimatadresse für Glaskunst, die darüber hinaus durch alten und neuen Baumbestand sowie gepflegte Rasenflächen – umsäumt von geschwungenen Wegen, ausgewählten Blumen und Pflanzenbüschen – besticht und den Besucher zum Verweilen und Betrachten einlädt.

Ausstellungsfläche am Jakobiwall 1

Zu der Stiftung gehört auch der 1998 gegründete Kunstverein Münsterland, der in einem Neubau mit über 230 Quadratmetern Ausstellungsfläche am Jakobiwall 1 beheimatet ist, an geschichtsträchtiger Stelle, dem einstigen Standortes des Letter Tores, dem ehemaligen Verlauf der Umflut und dem alten Jakobifriedhof. Dort befindet sich auch das Mahnmal für die Opfer von Krieg und Holocaust. Der Westfälische Jakobsweg führt übrigens ebenfalls den Jakobiwall entlang.

Eingeweiht wurden die neuen Räume des Kunstvereins Münsterland am 24. September 1999 mit der Ausstellung „Gotthard Graubner – Radierungen“, eingeweiht. Diese Ausstellung markierte den Beginn des weiteren Auftritts des Kunstvereins in Coesfeld und Umgebung.

Seit der Gründung werden die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vereins von ihrer Begeisterung für die zeitgenössische Kunst getragen. Die Aufgabenpalette, die sie sich auf die Fahnen geschrieben haben, ist vielfältig. So fördert der Verein mit vier bis sechs Ausstellungen pro Jahr insbesondere freischaffende zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler, deren Werke in Einzel- und Gruppenausstellungen oder thematischen Präsentationen gezeigt werden. Das Spektrum reicht von Malerei und Fotografie über Plastik, Videoarbeiten bis hin zu Raum- und Lichtinstallationen. Eingeladen werden Künstlerinnen und Künstler aus dem Bundesgebiet und auch aus Europa. Kooperationen mit regional und überregional renommierten Häusern binden den Kunstverein Münsterland in ein Netzwerk von Kulturschaffenden und unterschiedlichen Kunstszenen ein.

Neben den Ausstellungen bilden die Publikationen des Kunstvereins Münsterland einen beachtenswerten Beitrag zur Entwicklung der zeitgenössischen Kunst.

Kunstvermittlung kontinuierlich ausgebaut

Der Bereich der Kunstvermittlung wurde in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut. Das Programm richtet sich an interessierte Gelegenheitsbesucherinnen und Besucher ebenso wie an ein Fachpublikum. Führungen, Vorträge, Diskussionsforen, Artist Talks, Museums- und Atelierbesuche sowie Kunstreisen begleiten die Ausstellungen mit dem Ziel, einer breiten Öffentlichkeit ein Forum zum Verständnis zeitgenössischer künstlerischer Fragestellungen und zur Auseinandersetzung mit kunstgeschichtlichen, kulturellen oder gesellschaftlichen Themen zu bieten. Besondere Musikveranstaltungen, Lesungen, Vorträge und Beiträge zur regionalen Kulturförderung runden das jährliche Veranstaltungsprogramm ab.

Kinder- und Jugendprogramm

Seit Januar 2002 hat der Kunstverein Münsterland ein eigenes Kinder- und Jugendprogramm. Es ermöglicht eine nachhaltige Bindung des jungen Kulturpublikums bereits ab dem Vorschulalter. Neben einem vielfältigen Kursangebot werden Kindern und Jugendlichen mitten in den aktuellen Ausstellungen sowie im hauseigenen Atelier Freiräume geboten, das Gesehene und Erlebte kreativ umzusetzen. Der Kunstverein Münsterland pflegt ebenso rege Kontakte zu Schulen und anderen Bildungseinrichtungen und unterstützt junge Erwachsene in speziellen Mappenkursen prüfungsvorbereitend für alle Kunst- und Designstudiengänge.

Abgerundet wird das äußerst umfangreiche Angebot des Kunstvereins durch Malkurse für Erwachsene und einen alle vier Jahre ausgeschriebenen Kunstpreis im Wert von 10.000 Euro.

Nähere Information: Kunstverein Münsterland, Jakobiwall 1, 48653 Coesfeld, Telefon: 02541 880711, E-Mail: info@kunstverein-muensterland.de. Geöffnet ist Dienstag bis Freitag von 14 bis 18 Uhr, Samstag von 10 bis 13 Uhr und Sonntag von 11 bis 17 Uhr.

Eine Galerie in der Fabrik

Auf dem Gelände der ehemaligen Textilfabrik B. W. Stroetmann in Emsdetten befindet sich ein interessanter Standort für die Kunst.

Es war im Jahr 1990, als die Stadt Emsdetten auf die Initiative und Idee des damaligen Stadtdirektors Dr. Hanspeter Knirsch einging und ein Umnutzungs-Konzept für das 1922 errichtete und seit 1985 leerstehende Maschinen- und Kesselhaus der ehemaligen Textilfabrik B.W. Stroetmann auf den Weg brachte. Mit dabei waren auch der im Dezember 1991 gegründete Verein Galerie Münsterland, dem die Stadt Emsdetten im März 1993 die Trägerschaft über das Gebäude zusprach, und der Kunstverein Emsdetten.

1992 wurde mit dem Umbau nach den Plänen des Emsdettener Architekten Hermann Josef Farwick begonnen; und bereits ein Jahr später konnten die Arbeiten abgeschlossen werden. Geschaffen wurde ein weiteres Ausstellungsforum für zeitgenössische Bildende Kunst außerhalb der Metropolen.

Schwerpunkte der Arbeit des Vereins Galerie Münsterland sind die Kooperation mit anderen kulturellen Einrichtungen der Region und die Förderung junger, herausragender Künstlerinnen und Künstler. Außergewöhnliche Ausstellungen sowie internationale und interkulturelle Projekte haben immer wieder überregionale Aufmerksamkeit erlangt. Zu nennen in diesem Zusammenhang sind das Projekt „Genesis“, bei dem Künstler aus Zimbabwe zu Gast waren, oder das Projekt „Kimchi und Sauerkraut, bei dem Künstler aus Deutschland und Südkorea in einen kreativen Dialog traten. Bekannt geworden sind auch verschiedene kunstpädagogische Aktivitäten, die die Galerie organisiert hat, wie „Wege übers Blau“ im Rahmen des Städtebau-Projekts „Regionale 2004“.

Unterstützung erhält die Galerie bei ihrer Arbeit auch über die Kunststiftung Nordrhein-Westfalen und die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes.

Geleitet wird die Galerie von Niina Valavuo. Sie hat Kunstgeschichte, Skandinavistik und Komparatistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität in Bonn studiert. Später absolvierte sie an der Fernuniversität Hagen ein Aufbaustudium in Kulturmanagement. Zudem ist sie zertifizierte PR-Referentin. Seit mehr als 20 Jahren ist Niina Valavuo als Kulturmanagerin unterwegs: vor allem im Bereich zeitgenössische bildende Kunst, aber auch für spartenübergreifende Projekte – Literatur, Musik, Tanz, Theater, Film. Sie hat zahlreiche Kulturprojekte entwickelt, kuratiert und durchgeführt: mit den Schwerpunkten Kunst im öffentlichen Raum sowie partizipative und inklusive Kunstprojekte. Die Konzeption und Realisation interdisziplinärer Rahmen- und Sonderveranstaltungen runden ihr Profil ab. Seit Juni 2024 ist Niina Valavuo Mitglied im Kulturrat Münsterland.

Mit dabei: Der Kunstverein Emsdetten

In dem Gebäude ist auch der Kunstverein Emsdetten ansässig. Dreimal im Jahr stellt der Verein neben arrivierten Künstlerinnen und Künstlern auch junge und jüngste Nachwuchstalente aus. Der Emsdettener Kunstverein wurde 1983 auf Anregung ortsansässiger Künstler und Kunstinteressierter gegründet. Das Interesse war so groß, dass sich schon am Abend der Gründung zirka 60 Personen als potentielle Mitglieder eintrugen. Heute hat der Emsdettener Kunstverein rund 110 Mitglieder; und seit der Gründung können die Verantwortlichen auf mehr als 100 Ausstellungen mit namhaften Künstlern wie K.O. Götz, Fred Thieler, Christo & Jeanne-Claude, Ralph Fleck, Helle Jetzig, Daniel Tschannen und Michael Schönholtz zurückblicken.

Zuletzt war die die Ausstellung „OST/WEST“ mit Werken der Berliner Künstlerin Bettina Scholz zu sehen. Sie hat Malerei/Freie Kunst an der Kunsthochschule Berlin Weissensee und am Chelsea College of Art in London studiert und 2012 als Meisterschülerin in der Klasse von Prof. Antje Majewski abgeschlossen. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Kunsthalle Rotterdam, den Deichtorhallen Hamburg, der Kunsthalle Exnergasse in Wien und dem Künstlerhaus Bethanien Berlin gezeigt. 2016 gewann sie (zusammen mit Lola Göller) den Open Call für Ausstellungsprojekte der Kunsthalle Exnergasse in Wien für das Konzept „Antenna Futura“. Sie wurde 2014 für den Hans-Purrmann-Preis nominiert, 2020 für den Preis der Kunsthalle Lingen und 2022 für den Konrad-von-Soest Preis des LWL- Museum für Kunst und Kultur, Münster. Seit November 2021 ist sie Professorin für Malerei an der Alanus Hochschule, Mannheim/Alfter bei Bonn.

Nähe zur Innenstadt

Die Galerie Münsterland liegt gemeinsam mit dem sozio-kulturellen Zentrum „Stroetmanns Fabrik“ und der „Ems-Halle“ (Sport- und Konzerthalle für bis zu 3000 Besucher) auf dem Gelände der ehemaligen Textilfabrik in der Parkanlage Hof Deitmar. Ein „Säulengarten“ sowie großzügig gestaltete Außenanlagen verbinden die Gebäude miteinander. Die Anlage befindet sich in direkter Nachbarschaft zur Innenstadt und bildet auch dadurch ein einzigartiges Veranstaltungszentrum im Münsterland. Die Räume der Galerie Münsterland haben durch zurückhaltende architektonische Eingriffe den unverwechselbaren Charakter der alten Industrieanlage bewahrt.

Geöffnet sind die Räumlichkeiten am Donnerstag und Freitag von 16 bis 19 Uhr, am Samstag von 15 bis 18 Uhr und am Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Bauhauskunst in Bottrop

Dem bedeutenden Bauhauskünstler und gebürtigen Bottroper Josef Albers (*1888 +1976) hat die Stadt im Ruhrpott ein Museum gewidmet, das mehr als einen Besuch lohnt.

Biografisches zu Josef Albers

Der im Jahre 1888 geborene Josef Albers, Maler, Kunsttheoretiker, Kunstpädagoge und eine der führenden Figuren am Bauhaus, wuchs als Sohn des Malermeisters Lorenz Albers und seiner Frau Magdalena im Ruhrpott in Bottrop auf.

Bevor allerdings seine künstlerische Laufbahn begann, ging sein beruflicher Weg von 1902 bis 1905 zunächst zur Präparandenschule Langenhorst, der unteren Stufe der Volksschullehrerausbildung. Danach besuchte er von 1905 bis 1908 das Lehrerseminar in Büren und unterrichtete bis 1913 als Volksschullehrer in Bottrop.

Eine seiner ersten intensiveren Begegnungen mit der Kunst hatte Albers im Jahre 1908, als er zum ersten Mal Werke von Paul Cézanne und Henri Matisse im Folkwang Museum in Hagen sah. Eine weitere künstlerische Prägung erfolgte durch die Begegnung mit dem Werk des niederländischen Künstlers Piet Mondrian. Von ihm inspiriert, malte er 1913 sein erstes abstraktes Bild. Nach dem Studium an der Königlichen Kunstschule in Berlin von 1913 bis 1915 sowie an der Kunstgewerbeschule in Essen von 1916 bis 1919 setzte er von 1919 bis 1920 seine Studien an der Akademie der Bildenden Künste in Berlin und bei dem berühmten Künstler und Kunstprofessor Franz von Stuck an der Kunstakademie in München fort.

Von dort aus wechselte er an das Bauhaus in Weimar. Albers belegte den Vorkurs bei Johannes Itten und besuchte die Glasmalereiwerkstatt. 1923 berief ihn Walter Gropius in das Kollegium des Bauhauses. Hier vertrat er die klassische Bauhausauffassung, nach der die Gesetze jeglicher künstlerischer Tätigkeit gleichermaßen aus der Funktion des Werkstücks wie aus den Gegebenheiten des Materials entwickelt werden müssen. Er erhielt einen Lehrauftrag für den Vorkurs und wurde noch als Geselle Werkmeister in der Glasmalereiwerkstatt. Walter Gropius berief ihn 1925 zum Jungmeister.

Von 1925 bis 1928 leitete er am Bauhaus Dessau gemeinsam mit László Moholy-Nagy den Vorkurs. Nach dessen Weggang 1928 war Albers alleiniger Leiter des Vorkurses und bis 1929 Leiter der Tischlerei-Werkstatt. Am Berliner Bauhaus war Albers von 1932 bis 1933 bis zur Auflösung des Bauhauses Leiter des Vorkurses und Lehrer für Zeichnen und Schrift.
Nach der von der totalitären Nazi-Regierung beschlossenen Schließung des Bauhauses emigrierten Albers und seine Frau, die Bauhaus-Studentin Anneliese Fleischmann, in die Vereinigten Staaten. Hier wurden sie auf Empfehlung des Museum of Modern Art an das Black Mountain College in Ashville, North Carolina, berufen. Albers unterrichtete dort bis 1949 Kunst. Sein Unterricht zog junge Künstler nach Ashville. Zu ihnen zählten beispielsweise so bekannte Namen wie Willem de Kooning, Robert Motherwell und Robert Rauschenberg. Seit 1936 erhielt Albers weltweit zahlreiche Gastprofessuren, unter anderem an der Graduate School of Design an der Harvard University, an der Cincinnati Art Academy in Ohio, an der Yale University in New Haven, an der Architekturschule der Universidad Católica in Santiago de Chile und an der Hochschule für Gestaltung in Ulm (HfG).

Sein künstlerisches Schaffen, das in der Serie „Hommage to the Square“ gipfelte, wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Albers erhielt unter anderem 1958 den Konrad-von-Soest-Preis des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, 1964 die Medaille des Jahres vom American Institute of Graphic Arts, New York, und 1968 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. 1973 wurde er Fellow der American Academy of Art and Sciences, Boston; und insgesamt 14-mal wurde ihm in den Vereinigten Staaten, in Kanada und in Europa die Ehrendoktorwürde verliehen. Darüber hinaus war er 1955 auf der ersten documenta in Kassel vertreten. Eine weitere Ehrung wurde Josef Albers im Metropolitan Museum of Art in New York zuteil, wo für ihn als erstem lebenden Künstler eine Retrospektive ausgerichtet wurde. 1976 starb Josef Albers in Orange, Connecticut.

Zum Werk von Josef Albers

„Ich möchte Augen öffnen“, sagte Josef Albers über das Ziel, das er mit seiner Kunst und seiner Lehre verfolgte. Der Satz war so etwas wie das Motto des Künstlers und späteren Bauhaus-Meisters. Sein künstlerisches Schaffen war trotz seiner Tätigkeit als Werkmeister der Werkstatt für Glasmalerei jedoch nicht nur auf die Glasmalerei beschränkt, sondern umfasste unter anderem auch die Malerei, Graphik und Fotografie, Typographie, das Design und den Möbelbau. Seine Satztische gelten als stilprägende Klassiker der Moderne und sind bis heute nachgefragt. Lehre und künstlerisches Arbeiten waren für Josef Albers untrennbar miteinander verbunden. Er lehrte seine Studenten, Farbe neu zu sehen und diskutierte mit ihnen über das sich immer wieder verändernde Gesicht der Farbe und den Verlust aller Gewissheit: „Nur der Schein trügt nicht“, schrieb er in einer seiner vielen Veröffentlichungen. Farben seien keine absoluten Werte, erklärte er, ihre Wirkung hänge in erster Linie davon ab, in welchen Formen und Formkombinationen sie auftreten.

Was Josef Albers damit meinte, wird vor allem in den Werken deutlich, die er in der Nachkriegszeit geschaffen hat. Aus der systematischen Beschäftigung mit Linie, Raum, Fläche und Farbe begann er nach der Emigration 1933 in die USA mit seiner Serie quadratischer Farbräume, die er „Homage to the Square“, „Hommage an das Quadrat“, nannte. Heute wird man kaum eine Ausstellung zur Abstraktion der Nachkriegszeit finden, in der Albers bahnbrechende Serie nicht präsent wäre. Albers Werk zeichnet sich vor allem durch seine intensive Beschäftigung mit Farbe aus. Ausgehend von der Farbtheorie des Bauhauses erforschte er systematisch die Wechselwirkungen zwischen Farbflächen und deren Wahrnehmung durch den Betrachter. Sein Hauptwerk „Interaction of Color“ von 1963 gilt bis heute als Meilenstein der modernen Farbenlehre.

In der schon angesprochenen Serie „Hommage an das Quadrat“ setzte Albers diese Erkenntnisse in eindrucksvoller Weise um. Die Bilder bestehen aus mehreren, ineinander geschachtelten Farbquadraten, deren Zusammenspiel die visuelle Wahrnehmung des Betrachters herausfordert. Durch den Einsatz ungemischter, scharfkantiger Farben erzeugte Albers subtile Effekte der Farbmodulation und -irritation. Neben dieser Farbforschung zeichnete sich Albers Werk auch durch eine klare, geometrische Formensprache aus. Seine Glasfenster-Entwürfe für das Bauhaus sowie seine Möbelentwürfe zeugen von einer ausgeprägten Affinität zu reduzierter Ästhetik und funktionaler Formgebung.

Museumszentrum „Quadrat“

Am 4. September 1976 wurde in Bottrop am Rande des Stadtgartens das Museumszentrum „Quadrat“ eröffnet. Der Name nimmt Bezug auf das Werk von Josef Albers, der 1970 die Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt erhielt. Josef Albers schenkte der Stadt Bottrop im Rahmen dieser Ehrung sechs Bilder und einige Grafiken. Diese Schenkung war dann für die Stadt Bottrop zunächst der Anstoß für die Planung eines Erweiterungsbaus an das schon bestehende Heimatmuseum durch den Stadtarchitekten Bernhard Küppers.

Nach dem Tod von Josef Albers vermachte seine Witwe Anni Albers der Stadt im Rahmen einer großzügigen Schenkung weitere Kunstwerke ihres Mannes, verbunden mit dem Wunsch, sein Schaffen in Bottrop permanent sichtbar zu machen. Daraufhin wurde ein weiterer Gebäudeteil geplant und 1983 eröffnet. Auch dieser griff in seiner baulichen Form das Quadrat als wesentliches Element der Gestaltung auf. Der Grundriss der Ausstellungsfläche ist aus einem Quadrat von 28 x 28 Meter Seitenlänge entwickelt worden, in den ein kleineres Quadrat mit den Maßen 14 x 14 Meter eingestellt ist. Vier lichte Bauten aus Glas und Stahl fügen sich zu einer Einheit, die klare, sachliche Form des Gebäudeensembles bildet in der naturnahen Parklandschaft einen faszinierenden Blickfang.

Am 19. Oktober 2022 wurde aufgrund der großen Publikumsresonanz ein Erweiterungsbau für Wechselausstellungen eröffnet. Das Schweizer Architekturbüro Gigon/Guyer hat dafür einen zweigeschossigen Neubau konzipiert, der neben 700 Quadratmetern Ausstellungsfläche zwei großzügige Werkräume für die Programme der Bildung und Vermittlung beinhaltet. Das gesamte Ensemble fügt sich auch nach der Erweiterung harmonisch in den Park mit beeindruckend altem Baumbestand und signifikanten Skulpturen internationaler Künstler ein.

Das gezeigte Werk von Josef Albers ist sehr vielfältig. Nach einigen weiteren Ankäufen und Schenkungen in den vergangenen Jahrzehnten umfasst die Bottroper Albers-Sammlung heute rund 350 Werke und ist damit die weltweit größte öffentliche Sammlung von Werken des Künstlers. Von Gemälden, Glasarbeiten, Fotomontagen, Resopalgravuren hin zu Druckgrafiken und Zeichnungen ist das künstlerische Lebenswerk von Albers umfassend erfahrbar. Im Bestand sind frühe Arbeiten, darunter Selbstporträts, Ansichten Bottrops und des Münsterlands. Aus seiner Zeit am Bauhaus zeigt das Museum unter anderem Glasarbeiten und Fotomontagen. In den USA, wo Anni und Josef Albers nach der Flucht vor der Nazi-Diktatur seit 1933 lebten, entstand seine umfangreichste künstlerische Arbeit. Aus dieser Zeit sind in Bottrop herausragende Werke zu sehen, wie etwa die „Variants“, als deren Vorbilder mexikanische Lehmziegelhäuser gelten dürfen. Einen Höhepunkt in Josef Albers künstlerischer Entwicklung stellt seine schon angesprochene Werkreihe „Homage to the Square“ dar. Von diesem Typus quadratischer Bilder hat er bis zu seinem Tod weit über 2000 Gemälde erschaffen, von denen eine große Anzahl in Bottrop ausgestellt ist.

Kurzum: Das Josef Albers-Museum bewahrt die weltweit umfangreichste öffentliche Josef Albers-Sammlung und erforscht, dokumentiert, kontextualisiert und vermittelt in Ausstellungen und Publikationen dessen Oeuvre. Neben diesem Schwerpunkt zeigt das Museum in Einzel- und Gruppenausstellungen Werke internationaler Künstlerinnen und Künstler und beherbergt eine Sammlung mit Arbeiten von unter anderem Ulrich Erben, Günter Fruhtrunk, Bernhard Fuchs, Sabine Funke, Raimund Girke, Hubert Kiecol, Aurélie Nemours, Simone Nieweg, Bridget Riley und Rosemarie Trockel.

Nähere Informationen: Museumszentrum Quadrat, Anni-Albers-Platz 1, 46236 Bottrop, Telefon: 02041 372030, Fax: 02041 3720344, E-Mail-Adresse: quadrat@bottrop.de

Wir da oben und die da von unten

Betrachtungen zum „Zauberberg“ von Thomas Mann

Es ist schon eine merkwürdige Geschichte, die Thomas Mann in seinem 1924 erschienenen monumentalen Roman „Der Zauberberg“ erzählt. Da kommt mit Hans Castorp ein Sohn aus großbürgerlichen Verhältnissen von Hamburg nach Davos, um seinen Cousin Joachim Ziemsen, der sich dort wegen einer Lungenerkrankung in einem Sanatorium aufhält, für drei Wochen zu besuchen und bleibt für sieben Jahre, bis 1914 die damalige Welt erschüttert wird.

Bevor ich aber über meine Lektüre des Romans berichte, muss ich vorausschicken, dass ich vorher die monumentale Verfilmung von Hans W. Geissendörfer aus dem Jahre 1982 gesehen hatte, von der ich trotz mancher gängiger Kritik an Literaturverfilmungen immer noch sehr begeistert bin. Es war vor allem die schauspielerische Leistung von Christoph Eichhorn in der Rolle des Hans Castorp, die mich sofort für dieses große Kinoerlebnis einnahm.

Es reist dieser blasiert wirkende und noch sehr lebensunerfahrene Bürgersohn, Student der Ingenieurswissenschaften für das Schifffahrtswesen und von zuhause aus mit einem großen Erbe ausgestattet, von seiner Heimatstadt nach Davos in eine ganz andere Welt, in die Welt des Zauberbergs, in der Krankheit, Tod und ein zumeist dahinplätschernder Alltag, geprägt von üppigen Mahlzeiten, Liegekuren, Untersuchungen, Behandlungen, Spaziergängen und abendlichen Vergnügungen, das Leben der Kurgäste bestimmen und die Zeit dahinfließen lassen.

Es ist die ganz andere Luft in bergigen Höhen, es sind die Erzählungen seines Cousins über das befremdliche Leben im Sanatorium, der Sanatoriums-Alltag und die Begegnungen mit den teilweise von Thomas Mann karikaturenhaft überzeichneten Figuren seines Romans – von der äußerst dummen Frau Stöhr über das tratschhafte Fräulein Engelhart und den unterwürfigen Herrn Wehsal bis hin zum charismatischen Mynheer Peperkorn – , die Hans Castorp zu Beginn des Romans verwirren und überfordern. Manches Mal wirkt er so, als sei er besoffen oder zumindest total durcheinander; und die durch Überforderung ausgelösten Ermüdungserscheinungen zwingen ihn in den ersten Tage zu früher Bettruhe. Es war für mich faszinierend zu sehen, wie Christoph Eichhorn diese wiederkehrende komplexe Stimmungs- und Gedankenlage eines zeitweisen Nervenbündels schauspielerisch umzusetzen wusste.

Aber bevor ich mich in meinen Betrachtungen über den Film verliere, der neben weiteren grandiosen Schauspielerinnen und Schauspielern wie Rod Steiger, Margot Hielscher, Alexander Radszun, Rolf Zacher und Hans-Christian Blech durch seine üppige Ausstattung und grandiose Landschaftsbilder immer noch besticht, zurück zum Roman und seinem Helden. Ich muss gestehen, dass mir in jungen Jahren bei der ersten Lektüre die Satzungetüme Thomas Manns sehr aufstießen und ich – kaum bis zur Hälfte durchgekommen – den „Zauberberg“ für viele Jahre zur Seite legte. Im zweiten Anlauf hat es dann vor Kurzem geklappt, auch wenn es viel Zeit in Anspruch nahm.

Mann ohne Eigenschaften, ein Parzifal vielleicht?

Wer ist denn nun dieser Hans Castorp? Äußerlich ist er ja schon beschrieben worden, aber für wen oder was steht er als literarische Figur? Dazu gibt es die verschiedensten Beschreibungen. Für den einen ist er ein unbeschriebenes Blatt, das im Laufe des Romans gewissermaßen vollgeschrieben wird mit den Erlebnissen und Gesprächen, die ihm auf dem Zauberberg widerfahren, für den anderen ein „Mann ohne Eigenschaften“ wie Ulrich aus dem gleichnamigen Roman von Robert Musil, wiederum andere bemühen den Parzival von Wolfram von Eschenbach, der, von nichts wissend, in eine fremde Welt gestoßen wird. In einem Artikel der Zeit hat es der bekannte Schriftsteller Martin Mosebach auf den Punkt gebracht, wie es mit Hans Castorp bestellt ist: „Der Jüngling Castorp, keineswegs dumm, aber denkungewohnt und über das hinaus, was er im Gymnasium erfahren hat, nicht weiter unterrichtet … wird zum willigen Objekt vielfältiger Bildungsanstrengungen – er wird von dem Freimaurer und Humanisten Settembrini in die Grundlagen der Aufklärung und des Republikanismus eingeweiht, von (dem Jesuiten) Naphta in den anthropologischen Pessimismus der Gegenaufklärung, er erhält ein ausführliches anatomisches Privatissimum vom Chefarzt (Hofrat Berends) des Sanatoriums, sammelt Erfahrungen in der Liebe, in der Psychoanalyse und Parapsychologie und in der Malerei und geht immer wieder das Wagnis des Selberdenkens ein.“

Settembrini und Naphta – zwischen Aufklärung und heiligem Terror

Um das von Mosebach Geschriebene zu verstehen, bedarf es einiger Erklärungen, insbesondere zu den Herren Settembrini und Naphta. Beide nehmen sich Hans Castorps an und versuchen, dessen Weltbild zu beeinflussen. Der Journalist und Schriftsteller Settembrini ist ein enthusiastischer und unbeirrbarer Vertreter der Philosophie der Aufklärung, ein Anhänger des Humanismus, des Fortschritts und der Demokratie. Sein Gegenpart ist der Jesuit und ehemalige Lehrer Naphta. Er glaubt wie der Großinquisitor aus Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ nicht an die Fähigkeit des Menschen, vernünftig zu handeln, sieht die wissenschaftlichen Erkenntnisse – ausgehend von der kopernikanischen Wende – als kontraproduktiv an, da sie die christlich-metaphysische Bedeutung der Erde als von Gott geschaffener zentraler Planet und der auf ihr lebenden Menschen als höchste Krönung der Schöpfung auf ein Minimum reduziert habe, und übt vernichtende Kritik an dem sogenannten Fortschritt, der nur den Interessen des bürgerlichen Kapitalismus diene, kurz der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Aus seinem durchaus nihilistischen Denken heraus fordert er den heiligen Terror, der durchaus Ähnlichkeiten mit der Inquisition des 15. Jahrhunderts hat.

Was die Auseinandersetzung zwischen diesen extremen Gegenpolen des philosophischen Denkens bei Hans Castorp auslöst, stellt sich für Mosebach wie folgt dar: „Da lässt Thomas Mann seinen Parzifal über all das, was er in naiver Faszination aufgeschnappt hat, mit eigenen Worten unter wiederholter Aufputzung der sich ihm eingeprägt habenden Begriffe darauflosphilosophieren … In enthusiastischer Folgsamkeit vorgetragen, einer Bereitschaft, sich Dinge zu eigen zu machen, deren Tragweite ihm gar nicht bekannt ist, werden große Gedankengebäude zu drolligen Schlagwortgirlanden …“

Was die Liebe, die Psychoanalyse und Parapsychologie angeht, mit der Hans Castorp auf dem Zauberberg in Berührung kommt, bedarf es auch einiger Erklärungen. Dass Hans Castorp in der Liebe angesichts seines Alters und der zumeist noch von Prüderie geprägten Gesellschaft ebenso ein unbeschriebenes Blatt ist wie in den schon angesprochenen Angelegenheiten, nimmt nicht weiter wunder. Die einzige erotische Erfahrung vor seinem Aufenthalt im Sanatorium ist der Besuch eines Bordells. Auf dem Zauberberg ist es die geheimnisumwitterte und nicht minder faszinierende Clawdia Chauchat, die trotz mancher Anzeichen ihrer Erkrankung die Aufmerksamkeit Hans Castorps auf sich zieht – zunächst nur dadurch, dass sie beim Eintritt in den Speisesaal die Tür hinter sich zuknallen lässt. Daraus wird mehr, soll aber hier nicht weiter ausgeführt werden.

Was heute Psychoanalyse genannt wird, heißt in Thomas Manns Roman Seelenzergliederung und ist zu damaliger Zeit der letzte Schrei, ausgelöst vor allem durch Sigmund Freud. Für das Thema zuständig ist der Assistent des Chefarztes, Dr. Edhin Krokowski, eine mysteriöse, fast rasputinhafte Figur, der regelmäßig gut besuchte Vorträge zu diesem Thema hält.

Schräge Züge nimmt es auf dem Zauberberg an, als ausgelöst durch ein seltsames Ereignis, ein neuer Hype die Szenerie dort bestimmt. Auch hier ist Hans Castorp involviert. Auf dem Zauberberg macht das Gerücht die Runde, dass eine gewisse Ellen Brand, ein neunzehnjähriges Mädchen aus Dänemark, über magische Kräfte verfüge, was dazu führt, dass mit ihr spiritistische Sitzungen durchgeführt werden, bei denen vermeintliche parapsychologische Effekte eine große Rolle spielen. Alle scheinen des Glaubens zu sein, mit den Toten in Kontakt treten zu können.

Und dann geht auf einmal alles ganz schnell und dem Ende zu. Unter der Überschrift „Der große Stumpfsinnn“ beschreibt Mann, wie sich die Bewohner zumeist jeder für sich in einer atemlosen Hektik mit allen möglichen Arten der Ablenkung von der Briefmarkensammlung über das Legen von Patiencen bis hin zu den schon angesprochenen spiritistischen Sitzungen beschäftigen.

Was aber noch viel schlimmer ist: der Ausbruch von Gewalt unter den Bewohnern, aber auch zwischen Bewohnern und Personal, aus nichtigen Anlässen. Eine der schlimmsten Folgen: das durch einen Streit ausgelöste Duell zwischen Settembrini und Naphta, das tödlich endet.

Alles endet mit dem großen Donnerknall: der Verkündigung des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges. Alle Bewohner verlassen den Zauberberg und Hans Castorp findet sich unvermittelt als Soldat in der Schlacht von Langemarck wieder.

Zeitgeschichtliche Aspekte

Was den Zauberberg als Ort und symbolische Bedeutung ausmacht, stehen hier natürlich Krankheit und Tod – wie in vielen anderen Werken Thomas Manns – deutlich im Fokus. Was aber bei der Lektüre noch auffallender ist, ist der Eindruck, in eine hermetisch abgeschnittene Welt einzutreten, die eine so ganz andere ist als die da unten, wo die Bewohner oder Patienten ursprünglich hergekommen sind. In aller Ruhe absolvieren sie bis kurz vor dem „Donnerknall“ auf dem Zauberberg ihren Sanatoriums-Alltag zwischen Liegekuren, dem Einnehmen von Mahlzeiten, kleinen Spaziergängen und abendlichen Vergnügungen. Und wenn jemand an seiner Lungenerkrankung stirbt, wird alles getan, damit es so wenig wie möglich auffällt.

Martin Mosebach schreibt in seinem Artikel von einer „Lungenheilanstalt, in welchem die Insassen aus den gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen ihrer Herkunft über viele Jahre herausgelöst sind und sich in einer Ausnahmesituation befinden.“

Ganz anders sieht die Welt außerhalb des Zauberbergs aus. Immer wieder drohen Konflikte zwischen den westlichen Großmächten aufgrund ihrer imperialen Bestrebungen; an allen Seiten wird aufgerüstet. Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle, wie Mosebach ausführt: „ … die Länder, aus denen diese Kranken stammen, befanden sich in den Jahren vor dem großen Krieg ja keineswegs im Zustand zeitvergessener Trance. Gern sieht man die Vorkriegszeit als Phase der Dekadenz, man sieht überall die Anzeichen eines Endes – die Kunst und Literatur sind nicht unschuldig an diesem Bild, das sich vor die explosive ökonomische Aktivität, die Entdeckungen der Naturwissenschaften, die Erschließung ganzer Kontinente schiebt, ein allgemeines Erstarken, das am Ausbruch des Weltkonfliktes durchaus ursächlich beteiligt war. So ist denn die Szenerie der zeitlos verdämmernden Lungenkranken weniger eine Parabel der ausgehenden Kaiserreiche, als (vielmehr) Ausdruck eines tiefen Gefühls der Unwirklichkeit, das bei manchen durch Krieg und Revolution entstanden sein mag, als tausendjährige Monarchien wie die Seifenblasen zerplatzten.“

Von dem von Mosebach angesprochenen Gefühl der Unwirklichkeit war ja auch Thomas Mann betroffen. Er hatte den Krieg befürwortet und war vom Bestand des preußisch-deutschen Kaiserreiches überzeugt.

Erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wandelte sich sein politisches Denken hin zur Demokratie. 1933 emigrierte Thomas Mann nach der Machtübernahme des totalitären Nazi-Regimes von Deutschland in die USA und wurde dort zum führenden Sprecher für die Wiederherstellung einer Demokratie in Deutschland.

Kurzum: Trotz der Satzungetüme Thomas Manns und manch sehr komplexen Ausführungen zum Thema der Zeit als auch zu anderen Themen lohnt sich die Lektüre, bei der manche Kritiker auch Parallelen zu aktuellen politischen Entwicklungen zu erkennen glauben – nicht ganz zu unrecht.