Ausstellungsprogramm der Bundeskunsthalle Bonn
„Was uns verbindet. Dimensionen sozialer Nachhaltigkeit“ – so lautet das Jahresthema 2026 der Bundeskunsthalle. Damit stellt das Haus nach dem Themenjahr der ökologischen Nachhaltigkeit die soziale Verantwortung ins Zentrum seiner Programmarbeit und fragt, wie Kunst, Bildung, kultureller Austausch und gesellschaftlicher Dialog zu einem für alle gewinnbringenden Miteinander beitragen können.
Das Team der Bundeskunsthalle hat vor Kurzem das Programm für das Jahr 2026 vorgestellt. „Es ist wichtig, als Institution darüber nachzudenken, wie wir als Gesellschaft funktionieren und sich dabei zu fragen, was uns verbindet. Mit dem Jahresprogramm 2026 möchten wir den Blick in die weite Ferne schweifen lassen und genauso in unsere diverse, soziokulturelle Umgebung blicken. Wir schauen in den globalen Süden und beschäftigen uns mit indigenen Welten des Amazonasgebiets, zeigen eine zentrale Figur in der queeren Szene New Yorks der 1970er/80er Jahre, ergründen die Kulturgeschichte von Sexarbeit, rücken die Gedenkkultur zu den NS-Verbrechen in den Fokus und richten den Blick auf zumeist wenig beachtete lateinamerikanische Künstlerinnen. Es geht dabei um Themen wie soziale Interdependenzen, kulturelle Teilhabe und alternative Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens“, erläutert die Intendantin Eva Kraus. „Was uns verbindet. Dimensionen sozialer Nachhaltigkeit“ verortet die Bundeskunsthalle nicht nur in Ausstellungen, sondern in einem ganzen Audit von Vermittlung, Bildung und durch gesellschaftliche Beteiligung. Es soll gelingen, Kunst und Kultur als Plattform für ein soziales Miteinander zu denken.
Das Jahresthema verknüpft dabei immer künstlerische Stimmen und ästhetische Positionen mit den Fragen sozialer Nachhaltigkeit. „Als Prämisse ist dabei die diversitätssensible Öffnung des Hauses ein langfristig strategisch und strukturell angelegtes Ziel der Bundeskunsthalle. Inklusion, Teilhabe und der Zugang des Hauses wie auch die Anteilnahme an gesellschaftsrelevanten Themen sind ein wichtiger Motor für den Dialog und das Miteinander. Die Kulturvermittlung spielt dabei einen essentiellen Part – unterstützt durch die Fokusgruppe, das Gesellschaftsforum und die vielen freien Führungs- und Workshopmitarbeiter werden zahlreiche Formate im kleineren und größeren Maßstab für die Besucher immer neu aufgelegt. Ein explizit für Kinder, Jugendliche und Familien neu kuratiertes partizipatives Programm erwartet die Besucher im Programmjahr 2026“, sagt Eva Kraus weiter.
Das Ausstellungsjahr 2026 beginnt am 27. Februar mit einer Ausstellung über einen der bedeutendsten Fotografen New Yorks, Peter Hujar, der für die Empathie und Wärme seiner Bilder gefeiert wurde, zu Lebzeiten jedoch wenig bekannt war. Hujars Hauptinteresse galt der Porträtfotografie und er fotografierte sich selbst, seine Freunde und Bewohner der queeren New Yorker Downtown-Szene, genauso aber richtete er seine Aufmerksamkeit auch auf Tiere, Architektur und Landschaften. (Peter Hujar. Eyes Open in the Dark, bis 23. August)
Die Ausstellung „Amazônia. Indigene Welten“ gibt vom 13. März bis 9. August den indigenen Völkern des Amazonasgebiets eine Stimme und bietet einen neuen Blick auf diese Region, die oft auf das Klischee einer exotischen, von der heutigen Welt abgekoppelten Gesellschaft reduziert wird. Dabei ist Amazonien ein lebendiges Ganzes aus dichten Netzwerken, interkulturellem Austausch und einer erweiterten Soziabilität zwischen Hunderten von indigenen Völkern. Die Ausstellung mit ihren zirka 400 Exponaten legt einen Schwerpunkt auf die Konzepte von Schöpfung, Gemeinschaft und Zukunftsperspektiven aus der Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner.
„Nichts über uns ohne uns!“ – Das Prinzip der folgenden Ausstellung könnte ebenso gut für „Amazônia. Indigene Welten“ gelten, doch charakterisiert es zentral das Projekt Sex Work. Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit. Gemeinsam mit einem Kollektiv forschender Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter wurde die ab 2. April laufende Ausstellung konzipiert, die mit Kunst, kulturgeschichtlichen Zeugnissen und Archivmaterial die Sexarbeit in Europa von der Antike bis in die Gegenwart kaleidoskopartig aufblättert. Denn welches Menschenbild die Zeit prägte, welche Werte galten und wer Macht ausübte, lässt sich auch daran ablesen, wie gesellschaftlich mit Sexarbeit umgegangen wurde. (bis 25. Oktober 2026)
Mit den „Interactions 2026“ werden ab 1. Mai wieder ausgewählte Kunstwerke und Performances angeboten, die im Außenraum der Bundeskunsthalle bis zum 1. November zum interaktiven Spiel einladen. Alle Werke bzw. Projekte beinhalten eine eigene Erzählung oder Vision, die es neben der Interaktion zu entdecken gilt. Sie machen deutlich, dass Offenheit sowohl dem individuellen als auch dem gemeinsamen Erleben dient und ein Miteinander, Toleranz und Sensibilität fördert.
Der Kulturherbst wird am 9. Oktober mit einem Thema eröffnet, das dringlicher nicht sein könnte. Wie steht es um die Erinnerungskultur und Gedenkpolitik in Deutschland? In den kommenden Jahren wird es kaum noch Überlebende des Holocaust und andere Opfer des NS-Regimes geben, die über ihre Erlebnisse berichten könnten. Aber sie hinterlassen ihre Zeugnisse in Büchern, Tonaufnahmen, Filmen und eigenen Kunst werken. Die Ausstellung „Nie wieder! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen“ widmet sich der sich verändernden Erinnerungskultur in Bezug auf die Verbrechen des Nationalsozialismus. Die Ausstellung untersucht vor allem mit Mitteln der Kunst und digitaler Medien sowie mit historischen Zeugnissen und Objekten verschiedene Methoden des Gedenkens. (bis 2. Mai 2027)
In den Jahresendspurt geht die Bundeskunsthalle mit einer große Überblicksschau, die erstmals in Europa zentrale Werke von mehr als 60 Künstlerinnen aus Lateinamerika von Mexiko bis Argentinien vereint. „Avant-Guardistas. Lateinamerikanische Künstlerinnen von Frida Kahlo bis heute“ spannt einen großen Bogen über mehr als ein Jahrhundert, der berühmte Künstlerinnen mit solchen vereint, die über die Jahrzehnte in Vergessenheit geraten sind. Die Ausstellung geht vom 4. Dezember bis 29. März 2027 den eigen ständigen künstlerischen Sprachen auch in ihrer Bedeutung für kulturelle Identitäten und Prozesse der (weiblichen) Selbstermächtigung nach.
Wenn die Ausstellungstüren schließen, gehen bei live arts die Scheinwerfer an. Auf dem Programm 2026 stehen dann fünf internationale Produktionen aus Tanz, Theater, Musik und Performance. So lädt Connor Schumacher mit „Physical Therapy – Sober Dance Sessions“ (Physiotherapie Tanzen ohne Rauschmittel) Menschen dazu ein, zentrale Qualitäten der Rave- und Club kultur bewusst zu trainieren, zu reflektieren und weiterzuentwickeln – ganz ohne den Einfluss von Substanzen. Es folgen die international gefeierten und für den Grammy nominierten Musiker Manu Delago (Handpans) und Max ZT (Hackbrett), die sich mit innovativen Arrangements und wunderschönen Kompositionen in ein unerforschtes musikalisches Terrain vorwagen. Performance mit erwünschter Teilnahme präsentieren Hoffmann&Lindholm mit „Hiding Piece“, bei dem das Publikum aufgefordert wird, im Aufführungsraum zu verschwinden, sich unsichtbar zu machen oder in der Position stiller Beobachter zu verharren.
„Studio Bonn“ komplettiert mit Diskussionen einerseits zur ökologischen, andererseits zu den Dimensionen sozialer Nachhaltigkeit das Kunst- und Kulturjahr in der Bundeskunsthalle. Studio Bonn versteht sich als Beitrag zur demokratischen Selbstverständigung über den gemeinsamen Umgang mit Krisen und Konflikten, über gesellschaftliche Veränderungsprozesse und kulturelle Gestaltungspotentiale.
Noch dem Jahresthema 2025 verpflichtet und die Ausstellung „Expedition Weltmeere“ begleitend, wird bei „Gefährdete Schönheit: Wie können wir die Weltmeere besser schützen?“ am 25. Februar über den aktuellen Zustand der Ozeane diskutiert, die den Globus als zusammenhängendes komplexes Ökosystem umspannen. Dem Jahresthema 2026 folgend, fragt „Extremer Reichtum: Wie Vermögensungleichheit den sozialen Zusammenhalt gefährdet“ am 29. April, wie ein gerechter Ausgleich der finanziellen Lastenverteilung, wie ihn beispielsweise Konrad Adenauer schon einmal vollzogen hatte, erneut gelingen kann.
„Digitales Empowerment? Künstliche Intelligenz zwischen Utopie und Dystopie“ am 3. Juli wagt sich an ein weiteres drängendes Thema. Worin liegen die Chancen und Risiken der neuesten Entwicklungen in der Künstlichen Intelligenz und welche Form von Regulierung hilft uns in Europa, technologische Innovationen mit ethischer Orientierung zu verknüpfen?
Begleitend zur Ausstellung „NIE WIEDER! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen“ beschäftigt sich das Panel am 13. November mit den gegenwärtigen Angriffen auf Gedenkstätten wie Buchenwald durch rechtsextreme Gruppen und diskutiert Strategien, wie die Erinnerung an die deutschen Verbrechen des NS-Regimes gerade in Zeiten einer deutschen Remilitarisierung lebendig und wirkmächtig gehalten werden kann.
Neu im Diskursprogramm ist das Europäische Kulturforum Bonn/European Cultural Forum Bonn ECFB. Von nun an bringt einmal pro Jahr das ECFB herausragende Akteure aus Kunst, Kultur, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aus aller Welt in Bonn zusammen, vom 16. bis 19. September. Gemeinsam soll unter dem Leitgedanken globaler wechselseitiger Abhängigkeiten und planetarer Grenzen über aktuelle Herausforderungen unserer Gegenwart und deren kulturelle Dimension diskutiert sowie transnationale Allianzen für eine offene Gesellschaft und demokratische Kultur gestärkt werden.
Die Bundeskunsthalle positioniert sich seit Jahren als Ort inklusiver Kultur, bei dem Vermittlung zur Brücke wird: Programme adressieren vielfältige Besuchergruppen, bauen Barrieren ab und machen Kunst, Kultur und Wissenschaften erfahrbar. Von inklusiven Führungen über barrierefreie Zugänge und Räume bis zu digitalen Angeboten, die auch jüngere Zielgruppen erreichen, wird auf Teilhabe gezielt. Lokale Perspektiven wie das Gesellschaftsforum und Menschen mit unterschiedlichen Zugängen wie beispielsweise durch die Fokusgruppe (Experten für Barrierefreiheit) finden Aufmerksamkeit. Seit 2010 gibt es konkrete Angebote wie Tastführungen, Gebärdensprachführungen und Programme für Menschen mit Demenz; interkulturelle Formate und queere Zugänge ergänzen das Spektrum.
In diesem Jahr stehen mit dem „Ellah-Lab“, einem umfangreichen Familienprogramm und dem kollektiven Jahresabschlussprojekt in der Ostgalerie weitere Highlights an, die das Publikumserlebnis vertiefen und bürgernahe Partizipation stärken. So wird inklusive Vermittlung zu einem integrativen Erlebnis, das Gemeinschaft stärkt.
Auf eine weitere positive Stabilisierung der Besuchszahlen deuten auch die Prognosen für das noch laufende Jahr: Bei geschätzt 375.000 Besuchen bis Ende des Jahres werden eine Vielzahl an Menschen in der Bundeskunsthalle Ausstellungen gesehen, Konzerte gehört, Filme angeschaut oder bei Diskussionen mitdiskutiert haben.
Nähere Informationen: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH Museumsmeile Bonn, Helmut-Kohl-Allee 4, 53113 Bonn, Telefon: +49 228 9171-200, Fax: +49 228 234154, E-Mail: info@bundeskunsthalle.de









