Ausstellung im Museum Folkwang: Dokumentarfotografie Förderpreise 15

Das Museum Folkwang in Essen und die Wüstenrot Stiftung zeigen noch bis zum 4. Januar 2026 neue Arbeiten, die im Rahmen der bereits 15. Preisrunde der Dokumentarfotografie Förderpreise der Wüstenrot Stiftung entstanden sind. Die vier Positionen setzen sich in unterschiedlicher Weise mit bestehenden Sichtweisen auf unsere Welt auseinander, die die Gesellschaft und das Individuum betreffen. Die Strategien und Formen, die hierbei Anwendung finden, bewegen sich zwischen dokumentarisch-fiktionalen und KI-generierten Bildwelten.

Kristina Lenz & Alex Simon Klug (*1992/*1991) arbeiten in your choices should be grounded in reality“(2025) mit öffentlich zugänglichen KI-Generatoren. Durch den Prompt „close-up speaking mouth“ generieren sie unterschiedliche Nahaufnahmen von Lippenbewegungen und verdeutlichen so den Einfluss synthetisch erzeugter Bilder auf unsere Gegenwart. Mit einer archäologischen Herangehensweise dokumentieren sie die Entwicklungsstadien der KI visuell – vergleichbar mit Betonabgüssen, die die Spuren vergangener Schichten sichtbar machen – und zeigen, wie schnell sich KI-Modelle verändern. Dadurch unterliegt ihre künstlerische Arbeit kontinuierlichen Anpassungen.

Nazanin Hafez (*1991) thematisiert in ihrer multimedialen Arbeit Spectators“(2025) Plätze öffentlicher Hinrichtungen im Iran. Sie untersucht wie sich diese dokumentieren lassen, ohne Gewalt zu reproduzieren, und inwiefern die Zuschauenden eine moralische Mitverantwortung tragen. Dafür verwendet sie analoge Farbfotografien, Collagen, bestehend aus Found Footage-Bildmaterial iranischer und internationaler Nachrichtenagenturen, Zeitungen und Social-Media-Beiträge sowie ein Video. Ihre Arbeit adressiert das menschliche Verantwortungsbewusstsein und ruft zu einem reflektierten Umgang mit Medienbildern auf.

In ANT*HOLOGY: De / Bugging the cultural history of ants“(2025) erforscht Malte Uchtmann (*1996) Realitätskonstruktionen durch dokumentarisch-fiktionale Bildstrategien. Die Kulturgeschichte von Ameisen bildet die Grundlage für seine Auseinandersetzung mit menschlichen Gesellschaftsformen. Mit einer raumgreifenden, auf einem Algorithmus basierenden Zweikanal-Videoarbeit hinterfragt er, wie Systeme von Wissen, Ordnung und Repräsentation unsere Wahrnehmung und Verhalten prägen.

Gegenstand der Zweikanal-Videoarbeit Die Dialektik dieser Arbeit“(2025) von Hannah Wolf (*1985) ist die Rüstungsindustrie in Deutschland. Die Künstlerin filmt für ihre Videoarbeit Gebäude von Rüstungsunternehmen im Detail und im Kontext. Durch die dokumentarischen Ansichten von Architekturen macht Wolf auf „die Alltäglichkeit des Nichtalltäglichen“ aufmerksam.

Der begleitende Katalog liegt kostenfrei zur Mitnahme in der Ausstellung aus und kann als digitale Version von der Website der Wüstenrot Stiftung heruntergeladen werden.

Nähere Informationen: Museum Folkwang, Museumsplatz 1, 45128 Essen, Telefon +49 2018845000, E-Mail: info@museum-folkwang.essen.de

Infos zur Stiftung Pierre Bourdieu

Die Stiftung Pierre Bourdieu wurde 2005 in Genf (Schweiz) gegründet. Sie hat zum Zweck, im Sinne des Namensgebers – der seine Forschungen interdisziplinär und international vernetzte – Fächer und Länder übergreifende Debatten der verschiedenen Sozial- und Humanwissenschaften sowohl auf wissenschaftlicher wie auch auf politischer Ebene zu fördern.

Zur Gründung

Die Stiftung beruht auf einem Konzept, an dem der französische Soziologe Pierre Bourdieu wenige Monate vor seinem Tod 2002 mitgearbeitet hatte. Präsident ist der Soziologe Franz Schultheis. Er ist zur Zeit Professor für Soziologie an der Zeppelin Universität Friedrichshafen und Mitglied des „Nationalen Forschungsrates“ der Schweiz und hatte seit 1986 mit Bourdieu im „Centre de sociologie Européenne“ in Paris zusammengearbeitet. Die weiteren Gründungsmitglieder stammen ebenfalls aus dem Umfeld Pierre Bourdieus und haben gemeinsam mit ihm geforscht und publiziert.

Stiftungszweck

Zu den Zielen der Stiftung gehören die möglichst frei zugängliche Weitergabe des Vermächtnisses Bourdieus, dieVerwaltung des fotografischen Archivs, die Unterstützung von Initiativen, die die nationalen Bildungstraditionen von Sozialwissenschaften überschreiten, die Förderung von Interdisziplinarität innerhalb der Sozialwissenschaften, die Organisierung eines kritischen Netzwerkes von Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen. die Unterstützung der Beiträge dieses Netzwerkes gegen eine Vermarktung wissenschaftlicher Beiträge, die Koordination verschiedener wissenschaftlicher und kultureller Projekte, die Herausgabe der Reihe „Schriften“ (Suhrkamp), die Herausgabe der Reihe “Forschen mit Bourdieu” (transkript) und die Organisation der Tagungen “Bourdieu Lectures” in Kooperation mit der Universität Bielefeld, der Zeppelin Universität (Friedrichshafen) und der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Über das Archiv

„Die Fotografien, die Pierre Bourdieu im Rahmen seiner ethnologischen und soziologischen Forschungsarbeiten während des Befreiungskrieges in Algerien gemacht hat, ermöglichen es uns, einen neuen Zugang zu seinem Blick auf die gesellschaftliche Welt zu gewinnen. Diese Fotos, die vierzig Jahre lang in verstaubten Kartons vergraben blieben, zeugen von einer Initiationsreise und einer tief gehenden biographischen Konversion, die den Ausgangspunkt einer außergewöhnlichen wissenschaftlichen und intellektuellen Flugbahn bildeten“ [Franz Schultheis, 2019]

Pierre Bourdieu hat sein gesamtes Archiv an Fotografien, die während seiner Feldforschungsarbeiten in Algerien zwischen 1958 und 1961 und 1961 bis 1962 in Lasseube, Béarn (Frankreich) entstanden sind, der „Stiftung Bourdieu“ und „Camera Austria“ anvertraut, mit dem Ziel sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Bourdieu stand einer Veröffentlichung seiner Fotografien zu Lebzeiten sehr kritisch gegenüber, da er diese nicht als ästhetisch-künstlerische Fotografie missverstanden wissen wollte.

Gemeinsam mit ihm wurde deshalb entschieden, dass diese fotografische Arbeit anlässlich von Publikationen oder Ausstellungen immer nur als untrennbarer Teilaspekt seiner ethnografischen Feldforschungen und in ihrem Dialog mit den jeweils zeitgleich entstanden schriftlichen Zeugnissen verstanden und präsentiert werden sollten. Seit seinem Tod wurden diese Bilder in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Pierre Bourdieu nutzte die Fotografie während seiner frühen Feldforschungen systematisch als Methode, Instrument und Erkenntnisform. Dadurch erweitert er das Forschungs- und Methodenrepertoire der Sozialwissenschaften um originär empirisch-fotografische Bildpraktiken. Bisher war nur ein Bruchteil des Bourdieu´schen Fotoarchivs und der umfangreichen mit ihm korrespondierenden Dokumente in Paris zugänglich. Jetzt erst konnten im Rahmen des DFG-Projekts „Fotografie als Instrument, Methode und Erkenntnisform soziologischer Forschung bei Pierre Bourdieu“ die visuellen Komponenten gesichtet, strukturiert und mit den ethnographischen und soziologischen Studien Bourdieus in Beziehung gesetzt werden. Die erstmalige digitale Archivierung der Fotografien ermöglicht nun allen Anhängern Bourdieus, Forschern, Historikern, die sich für die Kolonialzeit, sowie Revolution in Algerien interessieren, aber selbstverständlich auch Fotografen und Foto-Ästheten freien Zugang zu den Fotografien.

Zu den Hauptaktivitäten der „Fondation Pierre Bourdieu“ zählte bis jetzt die Verwaltung von Bourdieus photographischem Archiv mit Bildern von seiner Forschung in Algerien. Bourdieu übergab diese Bilder der „Fondation Pierre Bourdieu“ und „Camera Austria“. So weit wie möglich am Sinn Bourdieus orientiert, der das Projekt bis zum Herbst 2001 begleiten konnte, wurde unter Kuratorenschaft von Franz Schultheis und Christine Frisinghelli die Wanderausstellung Pierre Bourdieu. In Algerien. Zeugnisse der Entwurzelung konzipiert. Sie war erstmals 2003 im Institut du monde arabe in Paris zu sehen und wandert seither, stets begleitet von Symposien und Konferenzen, die das Erbe und die Relevanz der Theorie und der Methoden (insbesondere der Photographie) Bourdieus diskutieren.

Bisher war das Archiv in den USA, in Algerien und in vielen Ländern Europas zu sehen. Die ausstellungsbegleitende bebilderte Publikation liegt in deutscher und französischer Sprache vor. In der umfangreichen Rezeption der Ausstellung in Fachzeitschriften und der Tagespresse ist zunehmend klar geworden, dass die Arbeiten Bourdieus nicht primär in ihrer ästhetischen Dimension, sondern als visuelle Anthropologie bzw. ethnographisches Primärmaterial zu betrachten sind und einen Zugang zu Bourdieus Gesamtwerk ermöglichen.

2024 wurde das Archiv zurück in “seine Heimat” nach Paris gebracht. Das Centre Pompidou kaufte einen Großteil der Sammlung auf, die sich nun in der Kadinsky Bibliothek am Standort in Paris befinden. Die Bildrechte bleiben weiterhin bei der Fondation Pierre Bourdieu. Durch die Verwaltung der Bildrechte am photographischen Archiv Bourdieus und die Veröffentlichung dieser Zeugnisse will die Stiftung auch in Zukunft dazu beitragen, das intellektuelle Vermächtnis Bourdieus weiterzuverbreiten

Pierre Bourdieu – Leben und Wirken

Pierre Félix Bourdieu (* 1. August 1930 in Denguin; † 23. Januar 2002 in Paris) zählt zu den herausragendsten Vertretern der Sozialwissenschaften des 20. Jahrhunderts.

Nach der Schule begann er ein Philosophie Studium an der Elitehochschule „École normale supérieure“(ENS), wo er 1954 die Agrégation erhielt und anschließend mit einer Dissertation bei Georges Canguilhem begann. 1955 wurde er mit 25 Jahren zum Militärdienst eingezogen. Nur für eine kurze Zeit war er in Versailles stationiert. Aus disziplinarischen Gründen wurde er in den Algerienkrieg einberufen, wo er zunächst beim Bodenpersonal einer Luftwaffeneinheit als Schreibkraft eingesetzt und anschließend zum Nachrichten- und Dokumentationsdienst des Generalgouvernements in Algier versetzt wurde. Dort nutze Bourdieu seinen Zugriff auf die bestausgestatteten Bibliotheken des Landes.

1957 brach er seine Promotion ab, um sich ethnologisch-soziologischer Feldforschung in Algerien zu widmen. Die Methoden der Ethnologie eignete er sich autodidaktisch an. Mit dem Willen die algerische Gesellschaft besser zu verstehen blieb er auch nach seiner Zeit beim Militär in der algerischen Hauptstadt und übernahm eine Dozentur an der „Faculté des lettres“ in Algier. Zwischen 1958 und 1960 führte er Feldforschungen zur Kultur der Berber durch. Dies war unter den Bedingungen des Krieges nicht selten sehr riskant und gefährlich. In der Kabylei arbeitete Bourdieu mit den ansässigen „pères blancs“, katholischen Missionaren aus dem Orden der Afrikamissionare, zusammen. Mit Unterstützung einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern führte er zwei große sozialwissenschaftliche Erhebungen durch. Eine widmete sich dem Arbeitsbegriff im städtischen Umfeld, die andere beschäftigte sich mit den „entwurzelten“ Bauern in den von den Franzosen eingerichteten Umsiedlungslagern.

Bourdieu war zeitlebens ein ungewöhnlicher Denker, der zwischen den Disziplinen und Wissenschaftskulturen wandelte. Als kritischer Intellektueller hinterfragte er den Kolonialkrieg und nahm stets zu allem politisch Stellung. Zu jener Zeit, in der den Kolonisierten nicht nur die wirtschaftliche Rationalität, sondern auch Kultur abgesprochen wurde, versuchte er nicht nur materiell, sondern auch symbolisch die Beherrschten zu rehabilitieren. Das tat er, in dem er ihre Formen der Rationalität herausarbeitete, schriftlich festhielt und somit auch dem Westen (insbesondere den Franzosen) die Möglichkeit gab diese nachzuvollziehen.

In der Zeit zwischen 1958 und 1961 entstanden rund 3000 Fotos, die das Alltagsleben (und dessen Besonderheiten zu Zeiten der Kolonisation und des Krieges) in Algerien. Vereinzelt dienten die Fotos Bourdieu als Titelbilder für seine Bücher oder wurden in den Publikationen zur Anschauung verwendet. Auch wenn bereits 1958 seine erste Publikation „Sociologie de l’Algérie“ erschien. Weitere zunächst nicht publizierte Manuskripte und einige Fachaufsätze folgten. In seinem späteren sehr vielfältigen Oeuvre nahm er immer wieder Bezug auf das nordafrikanische Land, so etwa in seinem berühmten 1972 erschienenen »Entwurf einer Theorie der Praxis auf der Grundlage der kabylischen Gesellschaft« (Esquisse d’une théorie de la pratique. Précédé de Trois études d’ethnologie kabyle).

Pierre Bourdieu schrieb über sein Projekt: „Ich kam als Wehrpflichtiger nach Algerien. Nach zwei recht harten Jahren, in denen von wissenschaftlicher Arbeit keine Rede sein konnte, konnte ich mich wieder dransetzen. Ich begann ein Buch (Sociologie de l’Algérie) zu schreiben mit der Idee, die Realität dieses Landes und die tragische Situation bekannt und greifbar zu machen, in der die Algerier stecken – aber nicht nur sie, auch die Algerier-Franzosen, deren Lage nicht minder dramatisch war, was immer über deren Rassismus etc. zu sagen war. Ich war betroffen über die Kluft zwischen den Vorstellungen der französischen Intellektuellen von diesem Krieg, davon wie er zu beenden sei, und meinen Eindrücken, dem, was ich mit eigenen Augen sah. Ich wollte nützlich sein, vielleicht nur um mein schlechtes Gewissen einzuschläfern. Ich mochte mich nicht mit dem Lesen von Büchern und dem Gang in Bibliotheken begnügen. In einer historischen Situation, in der in jedem Moment, in jeder politischen Erklärung, in jedem Gespräch, in jeder Petition die gesamte Wirklichkeit auf dem Spiel stand, war es absolut notwendig, selber an den Ort des Geschehens zu gehen und sich ein eigenes Bild zu machen – gleichviel wie gefährlich das sein mochte, und es war gefährlich.“ [Bourdieu, 1986, S. 146]

Nach seiner Rückkehr nach Frankreich war Bourdieu von 1960 bis 1961 Assistent von Raymond Arons, der ihn an der philosophischen Fakultät der Sorbonne in seinen Forschungsvorhaben unterstützte. Es folgten Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte in Princeton und am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

1963 publizierte er gemeinsam mit Alain Darbel, Jean-Paul Revet und Claude Seibel Abhandlungen über die Entstehung der Lohnarbeit und eines städtischen Proletariats in Algier (Travail et travailleurs en Algérie).

1964 erschien eine Arbeit über die Krise der traditionellen Landwirtschaft, die Zerstörung der Gesellschaft sowie die Umsiedlungsaktionen durch die französische Armee, die er gemeinsam mit Abdelmalek Sayad verfasst hatte (Le Déracinment).

Viele weitere Werke Bourdieus beziehen sich auf die ethnologischen und soziologischen Forschungsergebnisse in Algerien, insbesondere seine Veröffentlichungen zur Theorie der Praxis (Esquisse d’une théorie de la pratique) auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft im Jahr 1972 und „Sozialer Sinn; Kritik der theoretischen Vernunft (Le Sens pratique) aus dem Jahr 1980, ebenso seine späte Arbeit „Die männliche Herrschaft“ (La domination masculine) von 1998.

Seit 1975 hat er die Forschungsreihe „Actes de la recherche en sciences sociales“ herausgegeben.

1964 wechselte Bourdieu an die „École des hautes études en sciences sociales“ (EHESS), wo er 1968 mit Hilfe Raymond Arons das „Centre de sociologie européenne“ (CSE) gründete, dessen Direktor er 1985 wurde.

Ab 1981 kam Bourdieu in den »Olymp der französischen Wissenschaft und Intelligentsia« und wurde auf einen Lehrstuhl für Soziologie am „Collège de France“ berufen, eine der höchsten Positionen im französischen Universitätssystem. 1993 erhielt er die höchste akademische Auszeichnung, die in Frankreich vergeben wird, die „Médaille d’or des Centre National de Recherche Scientifique“. 1997 wurde ihm der „Ernst-Bloch-Preis“ der Stadt Ludwigshafen verliehen.

Zwischen 2000 und 2002 kam es schließlich zu einem Austausch zwischen Bourdieu, Camera Austria und der Fondation Bourdieu. Daraufhin wurden seine fotografischen Dokumente, die seit Jahrzehnten in Kisten verstaubten, gesichtet, strukturiert und mit den ethnographischen und soziologischen Studien Bourdieus in Beziehung gesetzt. Dieses Vorhaben wird mit Hilfe dieser Webseite und den Werken der im Transcript Verlag erscheinenden Buch-Reihe »Visuelle Formen soziologischer Erkenntnis – Pierre Bourdieu und die Fotografie« weiterentwickelt

Nähere Informationen: Fondation Bourdieu, Rosgartenstrasse 41, 8280 Kreuzlingen, SchweizVerantwortlich für den Inhalt: Prof. Dr. Franz Schultheis, E-Mail franz.schultheis@zu.de, Telefon +41 71 2242930.

Buchtipp des S. Fischer-Verlages: Florian Ilies: „Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary“

Im glühend heißen Sommer 1933 spitzt sich die politische Lage in Europa zu – und die der Familie Mann: Der für seinen Roman „Die Buddenbrooks“ mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Schriftsteller Thomas, seine Frau Katia Mann und ihre sechs Kinder sind nach abenteuerlichen Fluchten im Juni in dem verträumten Hafenort Sanary am französischen Mittelmeer gestrandet. Und jetzt wissen sie alle weder vor noch zurück.

Ein Ort, eine Familie, drei Monate bei 30 Grad – »Wenn die Sonne untergeht« ist eine große Familienaufstellung: Kaum im unsicheren südfranzösischen Exil angekommen, will Thomas Mann eigentlich sofort wieder zurück in seine edle Münchner Villa. Sein Bruder Heinrich hingegen genießt die Freiheit des Südens. Dazwischen die sechs Kinder von Thomas und Katia: Der eine, Michael, spielt Tag und Nacht Geige, der zweite, Klaus, gründet eine Exil-Zeitschrift, die dritte, Elisabeth, badet und genießt die Zeit ohne Schule. Erika, die älteste, führt Regie und schmuggelt den Besitz der Manns aus München über die Grenze, Golo holt das Geld von den Konten und versorgt den vergessenen Hund. Und Monika? Sie bleibt einfach am Strand von Sanary liegen.

Autor Florian Illies erzählt in seinem neuen, beim S. Fischer Verlag erschienen Buch von der Trauer um den Verlust der Heimat und des Besitzes, der Angst vor den Plünderungen der Nazis, von Trotz und Leidenschaft. Von Wehmut und vom Überlebenswillen, obwohl die alte Welt einzustürzen droht. Und er erzählt von der großen Zerreißprobe zwischen Klaus und Erika und ihrem Vater Thomas.

»Ich glaube«, sagte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (*1920 +2013) und frühere Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, »dass es in Deutschland im 20. Jahrhundert keine bedeutendere, originellere und interessantere Familie gegeben hat als die Manns.« In Sanary ist diese außergewöhnliche Familie in einem absoluten Ausnahmezustand – alle werden das erste Mal gezwungen, sich zu bekennen. Zueinander. Zu Deutschland. Oder auch, so traurig es ist: Dagegen.

Autor Florian Illies zeigt sich einmal mehr als einer der ganz großen Erzähler, die es hierzulande gibt. Immersiv und lebendig verfolgt er in seinem neuen Roman »Wenn die Sonne untergeht« die Geschichte der vielleicht bedeutendsten deutschen Schriftstellerfamilie, der Familie Mann, im Sommer 1933 auf dem Weg ins Exil. Es ist das letzte Mal, dass sie als Ganzes zusammen kommt.
Illies erschafft das spannende Porträt einer Familie, in der am Rande des Exils ganz grundlegende Konflikte aufbrechen. Akribisch und mit großem Sinn fürs Detail recherchiert.

Zum Autor

Florian Illies, »der große Geschichtenerzähler« (»Süddeutsche Zeitung«) begründete mit seinem Welterfolg »1913« ein neues Genre. Ihm folgten bei S. Fischer das inzwischen in über 20 Sprachen übersetzte Buch über die 1920-er und 1930-er Jahre »Liebe in Zeiten des Hasses« (2021) sowie der große Nr. 1-Bestseller über die Sehnsuchtsbilder Caspar David Friedrichs, »Zauber der Stille« (2023).

Geboren 1971, studierte Florian Illies Kunstgeschichte und Neuere Geschichte in Bonn und Oxford. Er wurde 1996 Redakteur der »FAZ«, war Feuilletonchef der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« und leitete ein Kunst-Auktionshaus. Heute ist Illies einer der Herausgeber der »ZEIT« und lebt als Autor in Berlin. Sein Kunst-Podcast »Augen zu« (gemeinsam mit Giovanni di Lorenzo) gehört zu den meistgehörten Podcasts deutscher Sprache.

Geschlecht – Herrschaft – Visualität – Pierre Bourdieus soziologischer Blick

Die Ausstellung „Geschlecht – Herrschaft – Visualität – Pierre Bourdieus soziologischer Blick“, die vom 15. November bis zum 1. März 2026 in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen ist, zeigt thematisch ausgewählte Fotografien aus dem Nachlass des französischen Soziologen Pierre Bourdieus, die nach seiner Aussage seine wichtigsten theoretischen Konzepte visualisierten.

Bourdieu gehört zu den prägenden Stimmen der internationalen Soziologie des 20. Jahrhunderts. Seine Hauptwerke, wie „Die feinen Unterschiede“ (1979) oder „Das Elend der Welt“ (1997), werden breit rezipiert. Weniger bekannt sind hingegen Bourdieus frühe ethnographische Forschungen in Algerien zwischen 1957 und 1961, die während des algerischen Unabhängigkeitskriegs (1954–1962) unter der französischen Kolonialherrschaft entstanden. Hier begleitet ihn seine Kamera und der Blick durch den Sucher bei vielfältigen empirischen Studien auf Schritt und Tritt.

In hunderten fotografischen Aufnahmen sicherte er die Spuren einer durch koloniale Gewalt zerstörten traditionellen Lebensform und die Folgen der Entwurzelung durch brutale Zwangsumsiedlung breiter Bevölkerungsgruppen. Bourdieus soziologischer Blick richtete sich besonders darauf, wie sich geschlechtsspezifische Alltagspraxen und Rollenbilder in verschiedenen sozialen Kontexten zeigen – etwa bei der Arbeit oder in sozialen Tätigkeiten im privaten und öffentlichen Raum. Diese frühen Beobachtungen von körperlichen und sozialen Verhaltensweisen wurden später zu einer wichtigen Inspirationsquelle für seine Habitus-Theorie und die Studie „Die männliche Herrschaft“. Die Ausstellung arbeitet daher mit einer systematischen Kombination von Bild und Text, um diesen Zusammenhang deutlich sichtbar zu machen.

Am 19. und 20. November finden in der Kunsthalle Bielefeld die ersten „Bourdieu- Lectures“ der Universität Bielefeld statt. Sie bilden eine jährlich stattfindende Symposiumsreihe, die in enger Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld, der Zeppelin Universität (Friedrichshafen), der Pädagogischen Hochschule Freiburg und der „Fondation Pierre Bourdieu“ organisiert und ausgerichtet wird.

Details und Anmeldung finden Interessierte auf der Website der Fondation Bourdieu.

Nähere Informationen: Kunsthalle Bielefeld, Artur-Ladebeck-Straße 5, 33602 Bielefeld, Telefon: 0521 32999500, Fax: 0521 329995050, E-Mail: info@kunsthalle-bielefeld.de. Die Kunsthalle ist am Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr, am Mittwoch von 11 bis 21 Uhr geöffnet.

„Alles Licht – Light and Space gestern und heute“

Licht ist mehr als Helligkeit – es schafft Atmosphäre, verändert Räume und prägt, wie wir die Welt sehen. Licht ist Grundlage des Lebens und steht symbolisch für Erkenntnis und Wahrheit, für Spiritualität und Hoffnung. Licht kann aber auch Material der Kunst sein.

Die Ausstellung „Alles Licht. Light and Space gestern und heute“, die vom 15. November bis zum 1. März 2026 in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen ist, rückt das kalifornische „Light and Space Movement“ der 1960-er Jahre in den Fokus. Im „Light and Space“ wird Licht auf völlig neue Weise als künstlerisches Material genutzt. Künstler dieser Bewegung entwickelten eine grundlegend neue Auffassung von Licht, Raum und Wahrnehmung.

Die Ausstellung eröffnet Einblicke in die Entwicklung des künstlerischen Umgangs mit Licht von den visionären Experimenten der 1960-erJahre bis heute. Es stehen historische Positionen und aktuelle Arbeiten zeitgenössischer Künstler im Dialog.

Die Architektur der Kunsthalle Bielefeld ist Teil dieses Dialogs: Mit ihrer klaren Formensprache, der markanten Lichtführung und dem Wechselspiel von Innen und Außen eröffnet sie einen Raum, in dem Licht keine bloße optische Erscheinung ist. Licht ist Material, Werkzeug der Wahrnehmung und kritisches Medium zugleich.

Beteiligte Künstlerinnen und Künstler sind: Angela Bulloch, Mary Corse, Olafur Eliasson, Nancy Holt, Robert Irwin, Craig Kauffman, Mischa Kuball, Nicole Miller, Tatsuo Miyajima und Helen Pashgian

Nähere Informationen: Kunsthalle Bielefeld, Artur-Ladebeck-Straße 5, 33602 Bielefeld, Telefon: 0521 32999500, Fax: 0521 329995050, E-Mail: info@kunsthalle-bielefeld.de. Die Kunsthalle ist am Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr, am Mittwoch von 11 bis 21 Uhr geöffnet.

Industriekultur anderenorts: „Zeche Nachtigall in Witten“

Das Muttental in Witten, in dem das LWL-Museum „Zeche Nachtigall“ liegt, gilt als „Wiege des Ruhrbergbaus“. Anders als der Name des LWL-Industriemuseums vermuten lässt, gibt es dort noch viel mehr zu entdecken als nur die Spuren der ehemaligen Kohlenzeche. Das heutige Museumsgelände wurde im Laufe der Zeit mehrfach umgenutzt.

Alles begann vor über 300 Jahren mit dem Kleinbergbau. Ausgerüstet mit Eimer und Schaufel machten sich zunächst ein paar ortsansässige Bauern auf die Suche nach der nahe an der Erdoberfläche liegenden Kohle. Es folgte der professionelle Stollenbetrieb, der schließlich durch drei Tiefbauschächte mit einer Tiefe von bis zu 450 Metern erweitert wurde. Nachdem der Zechenbetrieb 1892 eingestellt wurde, ließ sich der Unternehmer Wilhelm Dünkelberg auf dem ehemaligen Zechengelände nieder und errichtete dort eine Ziegelei. Vor Ort abgebaut wurden nun der benötigte Schieferton, Sandstein und die Restkohlen, die die Zeche Nachtigall übrigließ.

Erst 1963 wurde der Ziegeleibetrieb eingestellt und der allmähliche Verfall des heutigen Industriekulturdenkmals begann. Zwischenzeitlich wurde das Gelände sogar als Schrottplatz genutzt, bis der Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL) 1979 beschloss, den Ort aufwendig zu restaurieren und ihn für Besucherinnen und Besucher zugänglich zu machen.

Mitglieder der Fotografischen Gesellschaft Osnabrück haben unter anderem die historische Dampfmaschine fotografiert sowie den Ringofen der ehemaligen Ziegelei Dünkelberg mit ihrem markanten Schornstein.

Die Ausstellung „Zeche Nachtigall in Witten“, die noch bis zum 25. Januar 2026 zu sehen ist, ist Teil der Reihe „Industriekultur andernorts“ im Museum für Industriekultur (MIK) in Osnabrück. Diese präsentiert in unregelmäßigen Abständen Impressionen von Industriekulturlandschaften anderer Regionen und ermöglicht so interessante Vergleiche mit den Gegebenheiten vor der eigenen Haustür am Piesberg.

Nähere Informationen: MIK – Museum Industriekultur Osnabrück, Fürstenauer Weg 171, 49090 Osnabrück, E-Mail: info@mik-osnabrueck.de

„Siegfried Anzinger – GERONIMO“ – Ausstellung bis 2026 verlängert

Siegfried Anzinger ist als Maler und Zeichner bekannt, aber er ist auch ein großartiger Geschichtenerzähler. Faszinierend ist dabei, dass seine Erzählkunst in der Sprache wie in der Zeichnung gleichermaßen spannend ist und uns begeistert. Nun hat er sich der Geschichte des Heiligen Hieronymus angenommen, einem der bedeutendsten lateinischen Kirchenväter, der als rigoroser Asket lebte und wesentliche Teile der Bibel übersetzte und kommentierte. Mit seiner leichten und virtuosen Zeichentechnik schildert Anzinger Anekdoten dieser Geschichte von Hieronymus auf neue und ungewöhnlich humorvolle Weise.

Unter dem Titel „Geronimo“ sind diese Bilder noch bis zum 4. Mai 2026 im Museum Küppersmühle (Sonderschau im dritten Obergeschoss) in Duisburg zu sehen.

Anzinger gehört zur Generation der „Neuen Wilden“, die Anfang der 1980-er Jahre in Europa Furore machten. Seine erste vielbeachtete Ausstellungsteilnahme war 1982 auf der „documenta 7“ in Kassel. Seine Malerei ist gekennzeichnet durch expressive Schnelligkeit und Leichtigkeit in der Ausführung. Er arbeitet bevorzugt mit Leimfarbe, die der Spontaneität seiner malerischen Handlungen am besten entspricht und wie die Aquarellfarbe bei Arbeiten auf Papier nicht korrigierbar ist. Die Bildkompositionen Anzingers müssen in einem Zug gelingen. Anzinger beschränkt sich auf wenige Themen, deren Bedeutung meist hinter der Virtuosität des malerischen Vortrags zurückstehen.

Vier Themenkreise dominieren sein Schaffen: Tiere, Madonnen, Schöpfungsgeschichten und erotische Darstellungen. Sein distanziertes, bisweilen auch parodistisches Verhältnis zum Motiv brachte er im Gespräch mit Friedhelm Mennekes 1996 zum Ausdruck: „Ich habe festgestellt, dass die Form am stärksten wirkt in dem Moment unmittelbar vor ihrer Auflösung. Nicht, Unsichtbares sichtbar machen, nein, das Sichtbare fast zur Unsichtbarkeit bringen. Das möchte ich eigentlich. Dorthin, wo man es frei betrachten kann.“ Auch seine jüngsten Zeichnungen und Aquarelle sind von dieser Maxime bestimmt. Anzinger ist ein großartiger Kolorist.

Anzingers Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Oskar Kokoschka Preis 1988 und dem Großen Österreichischen Staatspreis für Bildende Kunst 2003. Seit 1998 hat er eine Professur für Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf inne.

Nähere Informationen: Museum für moderne Kunst Küppersmühle, Philosophenweg 55, 47051 Duisburg, Telefon 0203 30194811, E- Mails: kasse@museum-kueppersmuehle.de (für Kasse und Information), buchung@museum-kueppersmuehle.de (für Buchung von Führungen und Workshops) und office@museum-kueppersmuehle.de (für Stornierungen und Fragen zu Tickets), Internet: www.museum-kueppersmuehle.de. Geöffnet ist von Freitag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr.

Ausstellung über Radiopiraten im Drents Museum Assen

Mitsingen, Radiostudios in Dachgeschossen und Piratenfestivals sind wieder im Vormarsch – zumindest in der Drenthe erlebt die Kultur der Radiopiraten ein Comeback. Piratensender haben heute ein paar 100 bis viele 1000 Hörer und Piratenfestivals sind gut besucht.

Vor allem die südöstliche Ecke der Drenthe ist untrennbar mit der Piratenkultur verbunden. In der Ausstellung „Donders dikke plaoten“, die noch bis zum 2. November im Drents Museum in Assen zu sehen ist, haben Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit diese Musikkultur kennenzulernen.

Musiker und Rundfunkgeräte

In der Ausstellung sind die am häufigsten verwendeten Rundfunkgeräte, seltene Singles und das einzigartige Material der Plattenfirma Telstar zu sehen; und zu hören gibt es Geschichten von Piraten und berühmten Musikern. Es gibt Video- und Audioporträts unter anderem von Jannes, Monica West und Henk Wijngaard. Aber auch der TikTok-Pirat Jordie Hemoes, der Ermittlungsbeamte Bé Muller und Albert van Veenen von Gigant FM erzählen ihre Geschichte. Jedes Zimmer hat seine eigene Piraten-Geräuschkulisse.

Piratenstationen in Drenthe

Obwohl die ersten Radiopiraten ihren Ursprung in Twente hatten, kommen heute die drei größten Piratensender der Niederlande aus Drenthe: Radio Olympia, Radio Continu und GigantFM.

Viele bekannte Piratenkünstler wie Jannes und Monica West haben ihre Wurzeln in Drenthe. Die hauptsächlich holländische Musik, die auf Piratensendern und auf Piratenfestivals zu hören ist, wird von den Mainstream-Popsendern oft nicht gespielt. Die „Piraten“ laufen hauptsächlich aus Dachböden und Schuppen. Ihre Studios sind oft ansprechend eingerichtet und in der Regel voll von Besuchern, die die Musik kommentieren. Diese Atmosphäre spiegelt sich in der Ausstellung wider. Die Präsentation entführt Musikliebhaber und Radiofanatiker in die Welt der illegalen Sender, des Ermittlungsdienstes und der Piratenfestivals. Kurzum: eine Ausstellung toller Musik von damals und heute.

Nähere Informationen: Drents Museum, Brink 1, 9401 HS Assen, Telefon 0592 377773, E-Mail: info@drentsmuseum.nl, Internet: www.drentsmuseum.nl. Geöffnet ist das Museum in der von Dienstag bis Sonntag in der Zeit von 10 bis 17 Uhr.

„Sculpture 21st“: Peter Kogler-Werk im Lehmbruck-Museum

Peter Kogler (*1959) ist ein Meister in der Gestaltung von Räumen und der Verstärkung der Wirkmacht von Architektur. Sein Werk zeichnet sich durch eine enorme Formen- und Medienvielfalt aus: Er arbeitet in den Bereichen Skulptur, Film, Videoprojektionen, Computeranimationen, Zeichnung und großen Projekten im öffentlichen Raum. Seine Raumvision entfaltet sich als doppelbödige Erfahrung von Bildraum und Erlebnisraum.

Für die Glashalle des Lehmbruck Museums hat Peter Kogler innerhalb der Reihe „Sculpture 21st“ einen immersiven Raum geschaffen, der eine ganz eigene künstliche Realität erschafft und dort noch bis zum 2. November zu sehen ist.

Raumfüllende Vorhänge schaffen einen illusionistischen Raum, den sie sich mit metallenen Objekten und einem verspiegelten, begehbaren Kubus teilen. Dieser ermöglicht es dem Betrachter, in einen virtuellen Kosmos aus schwarz-weißen Mustern einzutauchen und irritierende Bewusstseinsphänomene zu erleben. Diese Raumerfahrungen erweitert Kogler mit Wesen, die sich virtuell zu den Objekten in der Glashalle gesellen.

Die virtuellen Realitäten Koglers können auch über das eigene Smartphone erlebt werden. An der Schnittstelle zwischen dem öffentlichen Raum des Kantparks und der Glashalle des Museums erlebt das Publikum die „Mixed Reality“ Peter Koglers.

Peter Kogler gehört zu den Pionieren der Medienkunst. Er begann bereits 1984, mit Computern zu arbeiten, und perfektionierte die Gestaltung von mediatisierten Räumen in den 1990er-Jahren. Zur charakteristischen Motivwelt seiner prägnanten Computeranimationen gehören Röhren, Weltkugeln, Gehirne und Ameisen. Kogler entwirft Bildcodes für unsere heutige Zeit, die von Datenströmen geprägt ist, und verbindet mit ihnen eine körperliche Erfahrung von Desorientierung. Mit großer Experimentierfreude schafft er architektonische Illusionen an der Schnittstelle von realer und virtueller Raumvorstellung. Es sind immersive Räume, die uns mit allen Sinnen einnehmen.

Nähere Informationen: Lehmbruck Museum, Friedrich-Wilhelm-Straße 40, 47051 Duisburg, Postadresse: Düsseldorfer Straße 51, 47049 Duisburg, Telefon: +49 (0) 203 283-3294. Fax: +49 (0) 203 283-3892, E-Mail info@lehmbruckmuseum.de

„Mika Rottenberg – Queer Ecology“ – Ausstellung im Lehmbruck-Museum

Unter dem Titel „Queer Ecology“ stehen die neuesten Werke der 1976 in Buenos Aires geborenen Künstlerin Mika Rottenberg im Zentrum einer Ausstellung, die noch bis zum 22. Februar 2026 im Lehmbruck-Museum in Duisburg zu sehen ist.

Die Werke handeln von der Rolle des Menschen in dem stetig wachsenden System des globalen Konsums. Sie zeigen die Absurdität der exzessiven, kapitalistischen Warenproduktion und die prekären Arbeitsbedingungen, insbesondere von Frauen, auf humorvolle, manchmal bissige und sarkastische Weise.

Mit mehr als 30 Arbeiten – Skulpturen, Videos, begehbaren Rauminstallationen, interaktiven Werken sowie ihrem ersten Spielfilm „REMOTE“ (2022) – ist es bis heute die international umfassendste repräsentative Präsentation der Künstlerin der letzten zwei Jahrzehnte. Den kommunikativen Mittelpunkt der Ausstellung, die von der Künstlerin speziell für das Lehmbruck Museum konzipiert wird, bilden die neuen Skulpturen „Lampshares“ aus organischen Materialien und recyceltem Plastik, mit denen sie erstmals in ihrem Studio einen Produktionskreislauf realisiert. Die Ausstellung entfaltet sich netzförmig mit den Themen „Arbeit“, „Körper“ und „Zukunft“. Sie knüpft Verbindungen zu den Hauptwerken „NoNoseKnows“ (2015), „Cosmic Generator“ (2017) und „Cheese“ (2008).

Bei dieser Ausstellung initiiert das Lehmbruck Museum eine Kooperation mit dem Modellprojekt „RuhrortPlus“, das den ambitionierten Versuch unternimmt, den Stadtteil Duisburg-Ruhrort umweltneutral zu transformieren. Die Ausstellung widmet sich mit ihrem Thema einer existenziellen Frage unserer Zeit und verlässt dabei bewusst den Raum des Museums.

Der Titel „Queer Ecology“ beschreibt die Verstrickung zwischen Mensch, Technologie und Umwelt und macht Prozesse der Transformation und Fluidität erlebbar. „Queer Ecology“ ist ein Weg, die binären Auffassungen von Mensch und Natur aufzulösen und zusammen zu denken: Wie muss sich unser Denken über die Welt und die Materie verändern, um den Folgen des Kapitalismus und wirtschaftlichen Missverhältnissen zu entkommen?

Mit der Kreislaufwirtschaft der „Lampshares“ und dem Outreach-Programm initiiert das Museum ein Modellprojekt, das seinerseits auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. Es ist das Ziel des Projekts, das Bewusstsein und die Urteilskraft für Nachhaltigkeit und ökologische Themen zu schärfen. In diesem Kontext wirken Rottenbergs Arbeiten als aktiver Katalysator für Veränderungsprozesse, sodass Ressourcen neu gedacht und künstlerische Prozesse nachhaltig gestaltet werden können.

Nähere Informationen: Lehmbruck Museum, Friedrich-Wilhelm-Straße 40, 47051 Duisburg, Postadresse: Düsseldorfer Straße 51, 47049 Duisburg, Telefon: +49 (0) 203 283-3294. Fax: +49 (0) 203 283-3892, E-Mail info@lehmbruckmuseum.de