Die Blauen Reiterinnen – Frauen in der Kunst

Bis 21 Februar 2027 im Museum Wiesbaden

„Der Blaue Reiter“, gegründet 1911 in München, war ein Kreis von Persönlichkeiten, die im Bereich der Malerei, Literatur und Musik Visionäres geleistet haben. Er steht für Emotion, die Befreiung der Farbe vom Gegenstand und die Idee einer Gleichwertigkeit von künstlerischen Ausdrucksformen unterschiedlicher Epochen, Gattungen, Regionen. Das Besondere am „Blauen Reiter“ war die schrankenlose Offenheit, etwa dass von Beginn an viele Künstlerinnen wie selbstverständlich an der Ideenentwicklung für eine neue expressive Kunst mitwirken konnten – ungewöhnlich in einer Zeit, in der dies Frauen aufgrund des herrschenden, ihnen völlig widrigen gesellschaftlichen Normengefüges sonst kaum möglich war.

„Hochverehrte Prinzessin, vieladeliger wildes Junge, süße Malerin, wann darf ich kommen — ich träume von der Süßigkeit Ihrer Bilder. (Der Prinz von Theben) Else Lasker-Schüler (Der blauen Reiterreiterin Freundin.)“

Else Lasker-Schüler an Marianne von Werefkin 1913

Dieser Brief von Else Lasker-Schüler an Marianne von Werefkin aus dem Jahr 1913 macht zwei Dinge deutlich, die den Künstlerinnen wichtig waren: Zum einen werden durch die irreguläre, genderfluide Sprache geschlechtsspezifische Rollenklischees bewusst aufgebrochen und hinterfragt – eines der Themen, das explizit die Künstlerinnen in den „Blauen Reiter“ eingebracht haben. Zum anderen wollte Lasker-Schüler mit der vielschichtigen Begrifflichkeit der „Blauen Reiterreiterin“ darauf hinweisen, dass Werefkin als „Vorreiterin“ entscheidende Impulse zur Erneuerung der Kunst am Beginn des 20. Jahrhunderts beigetragen hatte. Trotz dieses Bewusstseins der Frauen, wesentlicher Teil des „Blauen Reiters“ gewesen zu sein, gerieten die Künstlerinnen aufgrund einer männerzentrierten Kunstgeschichtsschreibung nahezu völlig aus dem Fokus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zementierte die erste Retrospektive zum „Blauen Reiter“, die 1949 im Haus der Kunst in München stattfand, den zukünftigen männlich geprägten Kanon der Gruppe – und das bis weit ins 21. Jahrhundert hinein. Denn hier wurden alle Künstler des Kreises – Wassily Kandinsky, Franz Marc, Paul Klee, Alexej von Jawlensky u.v.a. – in großer Breite gefeiert, während von den Künstlerinnen nur mehr Erma Bossi, Gabriele Münter und Marianne von Werefkin übriggeblieben und in deutlich kleinerem Umfang zu sehen waren. Viele der früher vertretenen Künstlerinnen haben in den letzten Jahrzehnten monografische, mehr oder minder umfangreiche Einzelausstellungen erhalten, aber immer, wenn „Der Blaue Reiter“ insgesamt Thema einer Ausstellung war, wurde ihre Kunst großteils wieder aussortiert und damit ihre Beiträge marginalisiert.

Die Ausstellung „Die Blauen Reiterinnen“ versammelt die acht Künstlerinnen, die in einer der drei Ausstellungen der „Neuen Künstlervereinigung München“ (1909/1910/1911) oder in einer der beiden des „Blauen Reiters“ (1911/1912) vertreten gewesen sind: Zum „inner circle“ gehörten Maria Franck-Marc, Gabriele Münter und Marianne von Werefkin. Zudem zeigten aber auch die Künstlerinnen Erma Bossi, Emmi Dresler, Elisabeth Epstein, Natalja Gontscharowa und Carla Pohle Werke in diesen Ausstellungen. Elisabeth Erdmann-Macke, Else Lasker-Schüler, Sonia Delaunay-Terk und Olga Meerson standen dem Kreis des „Blauen Reiters“ sehr nahe und wurden deshalb miteinbezogen.

Erst durch die Zuspitzung auf die zwölf Künstlerinnen wird deutlich, wie vieles im Nachhinein unwissentlich verzerrt dargestellt wurde oder schlicht ausgeklammert und deshalb unbeleuchtet blieb. So waren es nicht nur die Männer, die allein künstlerische Beziehungen nach Frankreich oder Russland unterhielten, sondern maßgeblich die Künstlerinnen. Außerdem bereicherten sie den „Blauen Reiter“ mit Themenfeldern, die heute hochaktuell sind: Denn in ihren Bildern finden sich mitunter Strategien angedeutet, wie sich unterrepräsentierte Frauen in einem kompetitiven Umfeld behaupten können. Auch zeigen sie die ironische Perspektive zur prinzipiell abgewerteten „Frauenkunst“ oder öffnen den Blick mit ihren gesellschafts- und sozialkritischen Werken für konstruierte Rollenbilder, Identitätsfragen und Geschlechterrollen – Aspekte, die die Männer der Gruppe weniger interessierten. Nicht zuletzt durch ihre, die Perspektive der Frauen mitdenkende Kunst war „Der Blaue Reiter“ eine Ausnahmeerscheinung unter den unzähligen Künstlerkreisen seiner Zeit. Mit den „Blauen Reiterinnen“ gewann „Der Blaue Reiter“ an Pluralität, Vielstimmigkeit und Diversität.

Vertretene Künstlerinnen im Überblick

Erma Bossi — Sonia Delaunay-Terk — Emmi Dresler — Elisabeth Epstein — Elisabeth Erdmann-Macke — Maria Franck-Marc — Natalia Gontscharowa — Else Lasker-Schüler — Olga Meerson — Gabriele Münter — Carla Pohle — Marianne von Werefkin

Eine Ausstellung des Museum Wiesbaden in Kooperation mit dem Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen, der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München und der Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona – Fondazione Marianne Werefkin.

Nähere Informationen: Museum Wiesbaden, Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur, Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden, Telefon 0611 335 2250, Fax 0611 335 2192, E-Mail: museum@museum-wiesbaden.de

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