31. Oktober 2026 bis 13. Juni 2027 im Museum Ludwig
Die Sammlung Fotografie des Museum Ludwig umfasst rund 70.000 Werke von den Anfängen der Fotografie im frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. In den Fotoräumen stellt das Museum regelmäßig Werke zu ausgesuchten Themen und Fotograf*innen zusammen.
Im Zentrum der Präsentation steht Man Rays Fotografie Le Violon d’Ingres (1924), die die Sängerin, Schauspielerin und Malerin Alice Prin – genannt Kiki de Montparnasse (1901–1953) – als Rückenakt zeigt. Inspiriert von Werken des klassizistischen Malers Jean-Auguste-Dominique Ingres überführt Man Ray das Motiv ins 20. Jahrhundert: Er ergänzt in der Dunkelkammer die Schalllöcher einer Geige auf Kikis Rücken, sodass ihr Körper zum Klangkörper eines Streichinstruments wird – eine Anspielung auf Ingres‘ Leidenschaft für das Geigenspiel. Der im Museum Ludwig gezeigte Abzug stammt aus der Sammlung von L. Fritz und Renate Gruber und ist eine von Man Ray eigenhändig signierte spätere Reproduktion jener Fassung, die als teuerste je versteigerte Fotografie 2022 Schlagzeilen machte. Die Präsentation beleuchtet Entstehung und Rezeptionsgeschichte dieser Ikone des Surrealismus.
Kiki war in Armut aufgewachsen und verdiente ihren kärglichen Lebensunterhalt in Paris als „Sängerin, Schauspielerin, Malerin, Königin von Montparnasse“, wie später auf ihrem Grabstein zu lesen war. Seit frühester Jugend stand sie außerdem Modell für Maler. 1921 begegnete sie dem US-amerikanischen Maler und Fotografen Man Ray. Die beiden wurden ein Paar. In den acht Jahren ihrer Beziehung fotografierte Man Ray sie immer wieder, oft als Akt oder in Nahaufnahmen. Eines der berühmtesten Bilder, das dabei entstand, ist Le Violon d’Ingres.
Von Le Violon d’Ingres existieren zwei Urfassungen. In der ersten malte Man Ray die Schalllöcher auf den Fotoabzug. Dies ist das Bild, das André Breton 1924 in der surrealistischen Zeitschrift Littérature veröffentlichte und das heute im Centre Pompidou, Paris, aufbewahrt wird. Für die zweite Fassung ging Man Ray anders vor. Er fertigte eine Schablone der Schalllöcher und erzeugte so in der Dunkelkammer ein Fotogramm kombiniert mit einem Print vom Negativ des Rückenakts. Der Abzug im Museum Ludwig stammt als spätere Reproduktion von dieser zweiten Urfassung ab und kam mit der Sammlung von L. Fritz und Renate Gruber 1977 ins Museum. Man Ray signierte den Abzug eigenhändig mit „E.A. Man Ray“. E.A. steht dabei für „Épreuve d’artiste“, also einen Künstlerabzug, und ist bei Sammler*innen besonders begehrt.
Wie viele Abzüge des Bildes von Man Ray existieren, beschäftigt die Forschung. Bekannt sind nur wenige; das Exemplar im Museum Ludwig steht im Mittelpunkt dieser Präsentation. Seine Herstellung und Rezeption erzählen nicht nur vom fotografischen Surrealismus, sondern auch von der Entwicklung des Fotomarkts und der Anerkennung Man Rays als Fotokünstler, auch wenn er bis zu seinem Tod 1976 lieber – wie Ingres – als Maler gesehen werden wollte.
Neben Le Violon d’Ingres und dazugehörigen Archivalien aus dem Man Ray – L. Fritz Gruber-Archiv des Museum Ludwig zeigt die Präsentation weitere Fotografien, die Man Ray von Alice Prin machte, sowie historische Bild- und Tonaufnahmen der Dargestellten.
Yilmaz Dziewior, Direktor des Museum Ludwig: „Das Museum Ludwig beherbergt über einhundert Fotografien, Gemälde und Objekte sowie umfangreiches Archivmaterial zu Man Ray. Le Violon d’Ingres zählt zu den bekanntesten Werken der Kunst- und Fotogeschichte und ich freue mich, unser Publikum dank dieser konzentrierten Präsentation tiefer in das Werk, seine Entstehung und Rezeption einzutauchen zu lassen. Zudem erinnern wir damit an die jahrzehntelange Verbundenheit des Sammlerehepaars L. Fritz und Renate Gruber mit Man Ray wie auch später mit dem Museum Ludwig. Le Violon d’Ingres ist eines der Werke, mit denen die Sammlung Fotografie im Museum Ludwig 1977 gegründet wurde.“
Nähere Informationen: Museum Ludwig, Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln, Telefon:+49-221-221-26165, Internet: www.museum-ludwig.de, E-Mail: info@museum-ludwig.de