Judit Reigl. Couleur vivante

15. November 2026 bis 11. April 2027 im Museum Reinhard Ernst

Drei Wiesbadener Häuser erinnern an die aufsehenerregende Ausstellung „Lebendige Farbe – Couleur vivante“, die 1957 neu definierte, welche moderne Kunst museumswürdig ist. Die Schau stellte acht deutsche und acht französische Positionen des Informel einander gegenüber – und eröffnete ein neues Kapitel der deutsch-französischen Kunstgeschichte. Das Museum Reinhard Ernst zeigt eine Teilrekonstruktion der historischen Ausstellung und rückt dabei die einzige Malerin in den Fokus: Judit Reigl.

Die Premiere sorgte bundesweit für Schlagzeilen: Auf Einladung des umtriebigen Museumsdirektors Clemens Weiler präsentierten jeweils acht französische und deutsche Maler:innen im April 1957 ihre abstrakten Kunstwerke – frisch aus ihren Pariser und deutschen Ateliers. Zum ersten Mal wurde eine Überblicksschau des jungen deutsch-französischen Informel nicht in kleinen Galerien oder Kunstvereinen gezeigt, sondern in der Mitte der Gesellschaft: in den ehrwürdigen Sälen des Städtischen Museums Wiesbaden.

Siebzig Jahre später schlägt das Museum Reinhard Ernst (mre) dieses Kapitel wieder auf. Für Judit Reigl. Couleur vivante wurde die historische Ausstellung von 1957 teilrekonstruiert. Zugleich steht die einzige Teilnehmerin in den Fokus: die ungarisch-französische Malerin Judit Reigl (1923–2020), deren Arbeiten heute zu den bedeutenden Positionen der europäischen Nachkriegsabstraktion zählen. 23 ihrer Gemälde werden in der Ausstellung zu sehen sein, davon zwei Leihgaben aus der historischen Schau. Die Arbeiten decken ihre künstlerische Schaffenszeit von 1954 bis 1971 ab. 15 weitere historische Werke aus der Ausstellung von 1957 wurden identifiziert und sind als Leihgaben im mre zu sehen, darunter Gemälde von Camille Bryen, Jean Degottex, Claude Georges, Karl Otto Götz, Simon Hantaï, Heinz Kreutz, Bernard Schultze und K.R.H. Sonderborg.

Ein neues Kapitel der deutsch-französischen Kunstgeschichte

Als „Lebendige Farbe – Couleur vivante“ im Frühjahr 1957 eröffnete, wurde in Wiesbaden die Wirkkraft der modernen Kunst neu vermessen. Vor den Gemälden wurde diskutiert, gestritten und gestaunt. Für viele Besucher:innen eröffnete diese gestische und ungezügelte Malerei eine völlig neue Erfahrung: Sie forderte die Sehgewohnheiten heraus und die Art, wie über Kunst gesprochen wurde.

„In einer Zeit, in der die Wunden Europas noch längst nicht verheilt waren, wurde Lebendige Farbe – Couleur vivante zu einem bemerkenswerten Zeichen kultureller Annäherung und gegenseitiger Offenheit“, sagt Dr. Oliver Kornhoff, Direktor des Museums Reinhard Ernst. „Die Auseinandersetzung mit der Kunst schuf einen Begegnungsraum, lange bevor sich politische Verständigungsprozesse vollständig etabliert hatten. Der damalige Museumsdirektor Clemens Weiler betonte, dass Lebendige Farbe – Couleur vivante kein abschließendes ‚Urteil fällen [wolle] über eine Bewegung, die noch in vollem Gange ist‘. Diese Aufgabe bleibe späteren Generationen vorbehalten. Siebzig Jahre später sind wir diese Generation. Und wir stellen fest, dass die Fragen, die Lebendige Farbe – Couleur vivante 1957 aufwarf – nach malerischer Freiheit und künstlerischer Erneuerung, nach gesellschaftlichem Wandel und kultureller Verständigung, nach wie vor hochaktuell sind.“

Couleur vivante und die einzige Künstlerin der Ausstellung

Im ersten Teil begegnen Besucher:innen jenen Künstler:innen, deren Werke 1957 für starke Reaktionen sorgten. Für Judit Reigl. Couleur vivante wurden Werke aus internationalen Museen, Privatsammlungen und der Sammlung Reinhard Ernst zusammengetragen. Ausgesuchte Werke aus der historischen Ausstellung konnten nach umfangreichen Recherchen lokalisiert werden und sind nun erstmalig wieder in einer Ausstellung zu sehen. Die Sammlung Reinhard Ernst umfasst Arbeiten aller sechzehn Künstler:innen, die 1957 an Lebendige Farbe – Couleur vivante beteiligt waren. Vier Werke aus dieser Sammlung, die auch 1957 gezeigt wurden, sind nun Teil der aktuellen Ausstellung.

Im Zentrum des zweiten Ausstellungsteils steht die ungarisch-französische Künstlerin Judit Reigl. 1950 gelang ihr die Flucht aus dem stalinistischen Ungarn – nach acht missglückten Versuchen und einer dreimonatigen Reise nach Paris, die sie teilweise zu Fuß zurücklegte. Ihre neugewonnene Freiheit lebte Reigl in der Hauptstadt der Kunst aus. Sie entwickelte in Paris ihre unverwechselbare Bildsprache – mit vollem Körpereinsatz: Reigl schleuderte Farbe auf großformatige Leinwände und füllte den Bildraum mit Bewegung, Rhythmus und Tempo. In ihren ausdrucksstarken Gemälden brach sich die pure künstlerische Energie Bahn. Sie erzählen von dem unbeugsamen Wunsch nach Aufbruch und dem Mut, sich immer wieder neu zu erfinden.

Kunst als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Die Ausstellung ist Teil eines gemeinsamen Jubiläumsprojektes des Museums Reinhard Ernst, des Museums Wiesbaden und des Nassauischen Kunstvereins Wiesbaden. Alle drei Institutionen greifen die historische Ausstellung mit unterschiedlichen Schwerpunkten auf. Judit Reigl. Couleur vivante lädt dazu ein, eine wichtige Künstlerin zu entdecken und zugleich ein Kapitel europäischer Kunstgeschichte neu zu erleben. Unsere Ausstellung macht deutlich, wie aktuell die historischen Themen geblieben sind: malerische Freiheit, künstlerischer Aufbruch und der Austausch über Landesgrenzen hinweg.

Katalog (DE/ENG)

Couleur vivante 1957–2027. 70 Jahre lebendige Farbe in Wiesbaden, Hrsg. Museum Wiesbaden, Nassauischer Kunstverein Wiesbaden und Reinhard und Sonja Ernst-Stiftung, Texte: J. Daur, J. Dennhard, L. Dinse, A. Henning, A.-K. Hinz, O. Kornhoff, C. Marié und L. Schäfer, Übersetzungen: G. Goodrow-Jaber, 176 Seiten, 69 Abbildungen, ISBN: 978-3-96912-298-3, Verlag: DCV

Nähere Informationen: Museum Reinhard Ernst, Wilhelmstraße 1, 65185 Wiesbaden, Telefon: +49 (0)611 76388880, E-Mail: info@museumre.de

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