Ein Kultururlaub: Buchmesse in Leipzig und Moritzburg in Halle/Sachsen-Anhalt

Es ist schon eine etwas längere Tradition, dass ich zur Buchmesse nach Leipzig fahre. Vor etwas längerer Zeit im März letzten Jahres war es wieder so weit.

Morgens um 9 Uhr ging es los, bei durchwachsenem Wetter, das sich aber bald zum Besseren wendete. Neben der Entscheidung, nach drei Jahren Pause wieder einmal zur Buchmesse zu fahren, war es eine weitere gute Entscheidung, statt über Hannover und Salzgitter zu fahren, die Strecke über Kassel zu wählen. Die war von der Fahrtzeit zwar länger angegeben, war aber kürzer und hatte den Vorteil, dass ohne Stau bis nach Naumburg durchgefahren werden konnte, wo das Hotel war, das äußerst empfehlenswerte „Braugasthaus“ in unmittelbarer Nähe des Marktplatzes mitten im Zentrum dieser schönen Stadt, die durch viele, gut erhaltene Gebäude aus verschiedenen Jahrhunderten besticht. Immer wieder bemerkenswert und aufs Neue zu entdecken sind die liebevoll mit Ornamenten, Objekten und Figuren gestalteten Fassaden in Fachwerkbauweise, die zum längeren Verweilen und genauerem Betrachten einladen.

Anhand der gut sichtbaren Hinweisschilder sind auch die architektonischen und kulturellen Sehenswürdigkeiten Naumburgs schnell zu entdecken. Dazu gehört an erster Stelle der Naumburger Dom, eine Doppelchoranlage mit je einem Chor an beiden Schmalseiten und eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler des europäischen Hochmittelalters. Weltweit einzigartig sind seine Architektur, die Glasmalerei und die Bildhauerkunst. Wertvolle Kunstschätze entführen den Besucher in die Welt des Mittelalters; und die romantische Ladegastorgel lässt den Dombesuch bei einem der zahlreichen Orgelkonzerte zum einzigartigen Klangerlebnis werden.

Nicht vergessen werden darf an dieser Stelle die Figur der Uta von Naumburg, eines der bedeutendsten plastischen Bildwerke der deutschen Gotik. Es handelt sich um die Darstellung der um 1000 geborenen Uta von Ballenstedt, die zum Hochadel und zum Hof des Kaisers gehörte. 1026 wurde sie mit Ekkehard II., Markgraf von Meißen, verheiratet. Sie galt als schönste Frau des Mittelalters, und so wurde sie vom Naumburger Meister dargestellt. Ihre Schönheit verdankt sie nach der Vorstellung des Künstlers ihrem Charakter, der von Vornehmheit, Gottesgläubigkeit, Frommheit und Großzügigkeit gekennzeichnet war. So war es auch kein Wunder, dass sie die Berühmteste der 12 Stifterfiguren des Naumburger Doms ist. Besonders war es für die damalige Zeit, nicht heilige, sondern weltliche Figuren in der Kirche darzustellen.

Alle zwei Jahre veranstaltet die Stadt Naumburg übrigens ein besonderes Treffen für alle Namenspaten der Stifterfigur des Naumburger Doms, „Uta von Ballenstedt“. Geboten wird ein vielfältiges Programm mit Dom- und Stadtführungen, Workshops, Theateraufführungen und Konzerten.

Interessant ist natürlich auch ein Besuch des Nietzsche-Hauses. Der Verkünder vom Tode Gottes und vom Übermenschen, der jenseits aller traditionellen, vor allem vom Christentum verkündeten Moralvorstellungen sein Leben in die selbstbestimmten Hände legt, hatte dort einige Zeit mit seiner Mutter und seiner Schwester Elisabeth zusammengelebt. Heute ist das Gebäude am Weingarten 18 ein Museum, das sich dem Leben und Werk des Philosophen widmet.

Und wer in Naumburg und Umgebung nur einfach Urlaub machen will, wird auch sein Vergnügen haben. Die abwechslungsreiche Landschaft und die umliegenden Weinorte und geschichtsträchtigen Städte sind immer einen Ausflug wert.

Abends kann man dann den Tag bei gutem Essen und Trinken in einer der zahlreichen gastronomischen Betriebe ausklingen lassen, die oft in älteren Gebäuden beherbergt sind und so durch ihre besondere, geschichtsträchtige Atmosphäre bestechen.

Als Peter Twiehaus mehrere Sachen aus seiner Tasche fielen

Am zweiten Tag geht es zur Buchmesse. Hier kann ein Stau angesichts der Besuchermassen nicht vermieden werden, aber der hält sich in Grenzen und ein Parkplatz, sogar kostenlos, ist schnell gefunden. Wer als Erstes auffällt, sind die „Cosplayer“ in ihren sehr fantasievoll gestalteten Kostümen. Sie haben bei der Buchmesse in Leipzig am Freitag ihren zentralen Tag. Wem der Name Cosplayer nichts sagt, dem sei erklärt, dass es sich um Fans von Comics, Fantasy, Science Fiction oder Manga handelt, die versuchen, ihrer Lieblingsfigur aus Buch und Film möglichst nahezukommen. Da darf es einen auch nicht wundern, wenn einem zum Beispiel „Darth Vader“, „Harry Potter“ oder „Jack Sparrow“ begegnen. Manches Mal sehen die auch sehr martialisch aus, aber es ist ja nur ein bunter Spaß.

Wie es der Zufall will, begegnet dem aufmerksamen Besucher schon kurz vor dem Eingang in eine der riesigen Hallen der Leipziger Messe, die durch ihre großen Glasfassaden bestechen, auf einen Prominenten. Es ist Peter Twiehaus, vielen als Film- und Buchexperte aus dem ZDF-Frühstücksfernsehen bekannt. Ihm ist etwas aus seiner Tasche gefallen, und beim Aufheben fällt ihm gleich alles aus der Tasche. Nervosität vor dem Auftritt? Er wird es wohl hinkriegen, war ja auch nicht viel, was auf dem Boden liegt, denken wir und gehen weiter zum Eingang.

Eine kurze Enttäuschung an der Kasse: Trotz des Eintrittspreises in Höhe von 24 Euro gibt es kein Programmheft, nur eine Wegbeschreibung. Begründung: Aus Umweltgründen soll auf Papier verzichtet werden. Da haben die Aktivisten, die einem auf dem Weg ohne Fragen Flyer in die Hand drücken, weniger Skrupel, aber ein höchst moralisches Anliegen. Sie machen sich für die Palästinenser im Gaza-Streifen stark, bezeichnen Israels Gegenwehr gegen den mörderischen Anschlag vom 7. Oktober mit über 1000 Toten und vielen Geiseln als Genozid, wissen aber nichts von der langjährigen und komplexen Geschichte, die dahinter steht. Ich war schon drauf und dran, den Aktivisten zu empfehlen, sich das Alte Testament zur Hand zu nehmen, aus dem sich die Anfänge des Konflikts zwischen den Arabern und Israelis entnehmen lassen, und dazu noch ein paar Bücher über die folgenden Entwicklungen bis zur Gegenwart, Zeitungen, politische Magazine und Sendungen im öffentlich rechtlichen Fernsehen; aber bei solchen vor selbstgefälliger Moral nur so strotzenden Leuten, die in ungewissen Internetforen ihre Wahrheit suchen und sie zumeist nur in Form von ein oder zwei Sätzen, begleitet mit ungesichertem Videomaterial, zu sich führen, kann ich mir die Mühe sparen.

Skurril muten zwei Trotzkisten an, die auf die Palästina-Aktivisten folgen. Ich wusste nicht einmal, dass es die noch gibt. Aber wissen die, dass Trotzki genau so ein kaltblütiger Mörder war wie seine Genossen Lenin und Stalin und es in Kauf nahm, auch auf Arbeiter und Soldaten schießen zu lassen, die für die Revolution waren, aber nicht für die Alleinherrschaft der Bolschewisten. Der Unterschied zu Stalin war nur, dass der gewiefter war, die Macht nach Lenins Tod ergriff und 1941 endgültig bewies, wer von den beiden im kommunistischen Lager was zu sagen hat. Trotzki bekam in seinem Exil in Mexiko einen Eispickel ins Gesicht mit tödlichem Ausgang. Stalin konnte dann noch weitermorden bis zu seinem krankheitsbedingten Tod im Jahre 1953. Auch auf diese Diskussion habe ich keinen Bock, da mit Ideologen, die durch ihre Unbeirrbarkeit immer im Recht sind, kein Wort zu sprechen ist.

Sowohl die Aktivisten als auch die Trotzkisten bleiben aus nachvollziehbaren Gründen zumeist für sich und ihre Flyer landen auf dem Boden. Schade ums Papier, das man besser für ein Programmheft zur Buchmesse hätte verwenden können. Sei´s drum.

Im Eingangsbereich West angekommen, lädt eine Gastronomie-Meile zum gemütlichen Verweilen ein, doch dann war der Name Dennis Scheck zu hören, bekannt als Literaturkritiker vor allem durch seine Sendung „Druckfrisch“. Und umstritten durch seine Art, wie er Bücher, die er überhaupt nicht mag, unter anderem von Sebastian Fitzek, gewissermaßen entsorgt. Darüber kann man streiten, aber nicht darüber, dass er geistreich und unterhaltsam ist; und dass er von sich überzeugt ist, gehört wohl zu seinem Metier. Beeindruckend allemal ist es, wie er in 30 Minuten 30 Lesetipps gibt und dabei in der Lage ist, zu jedem das Wichtigste zu sagen. Die Bandbreite reicht von aktuellen Büchern über Kafka aus Anlass seines 100. Todestages über Neuauflagen der Aphorismen und Parabeln von Kafka bis hin zu Nora Krug mit ihrer graphic novel „Im Krieg. Zwei illustrierte Tagebücher aus Kiew und St. Petersburg“ und zu Wolf Haas, der mit dem Roman „Eigentum“ zu den Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2024 gehörte.

Ohne festen Plan geht es dann zu den Ständen bekannter Verlage wie Rowohlt, Fischer, Beck und Reclam, wo ich zum ersten Mal fündig werde. Auf Empfehlung von Dennis Scheck kaufe ich mir die Fabeln von Franz Kafka, aus eigenem Interesse die wunderbar gezeichneten und äußerst humorvollen Bildergedichte „Meine Klassiker“ von Hans Traxler, indem er sich oft den sexuellen Begehrlichkeiten und Nöten so prominenter Figuren wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Nietzsche, Siegmund Freund oder Casanova widmet, und einen Band mit Kürzestgeschichten für den kleinen literarischen Hunger zwischendurch. Ein weiterer Anlaufpunkt: das Antiquariat, das von mehreren Antiquaren bestückt wird. Ärgerlich ist hier die ungeordnete Bestückung der Regale. Orientierunglos laufe ich dort herum, bis ich zumindest eine Idee habe, was ich mir dort kaufen könnte. Bei mehreren Gesprächen mit Freunden wurde ich auf die literarische Qualität der Maigret-Krimis von Georges Simenon hingewiesen. Aber wo finden? Glücklicherweise habe ich doch ein paar davon entdeckt. Ich entscheide mich aufgrund des Titels für den Band „Hier irrt Maigret“. Ein Glücksgriff, wie sich bei der späteren Lektüre herausstellt. Danach lasse ich es ein bisschen ruhiger angehen, gönne mir etwas zu trinken und beobachten die Leute. Was vor allem bei den Besuchern auffällt: geschmacklose und vor allem bei den Frauen unvorteilhafte Kleidung. Ich zerreiße mir innerlich das Maul, und wundere mich, warum Menschen, die sich mit einer so schönen Materie wie Literatur beschäftigen, so wenig auf ihr Äußeres achten.

Als Enttäuschung empfinde ich den Stand der Gastländer Niederlande und Flamen. Lieblos, ohne Zusammenhang und Erklärung wurden dort Bücher aneinandergereiht. Aber das war bei anderen Präsentationen von Gastländern auch schon der Fall. Ist aber keine Entschuldigung.

Ebenfalls enttäuschend: die Auswahl der Preisträger in den Bereichen Belletristik und Sachbuch. Ohne genau zu wissen, woran es liegt, spricht uns keines der Werke an. Die Autorinnen und Autoren sind bis auf Wolf Haas zumindest uns beiden völlig unbekannt.

Und dann geht es auch schon zurück nach Naumburg, wo ich den Abend bei gutem Essen und Trinken ausklingen lasse. Bei den Planungen für den kommenden Tag kommt irgendwann natürlich die Frage auf, welche Stadt ich mir am Samstag anschauen sollte. Da im Freundes- und Bekanntenkreis oft von Halle gesprochen wurde, und dem dort ansässigen Kunstmuseum Moritzburg, das mich auch interessierte, fiel die Entscheidung für Halle. Außerdem kannte ich die Stadt Halle noch nicht.

Auf nach Halle zur Moritzburg

Bevor es mit der Beschreibung des Kultururlaubes weitergeht, ein paar Worte zu der „Diva in grau“: Halle in Sachsen-Anhalt. Den Beinamen hat sich Halle durch den Fotoband „Diva in Grau. Häuser und Gesichter in Halle“ erworben. Die Fotografin Helga Paris hatte von 1983 bis 1985 auf ihren Motiven den desaströsen Zustand der Stadt festgehalten. Zudem enthielt der Band literarische Texte, die wie die Fotos den Zustand der Stadt und die Befindlichkeit vieler Bewohner mit einer poetischen Präzision trafen, dass „Diva in Grau“ in der Folge zu einer viel zitierten Chiffre für die Stadt wurde. Halle war zum Synonym für Verfall und Tristesse geworden.

Für den Betrachter von heute ergibt sich ein durchwachsenes Bild. An Orte des Verfalls schließen sich direkt viele gut erhaltene historische Gebäude an, die vom früheren Ruhm der Stadt als Standort von Handel, Universität, Kunst und Kultur und als Residenzort zeugen. Aufwändige Sanierungsmaßnahmen und städteplanerische Überlegungen haben Früchte getragen. In einem Artikel zum Fotoband heißt es, dass Halle bei aller Tristesse den Glauben aufrecht erhalten habe, eine unzerstörbare Würde zu besitzen, und für künftige Zeiten die Perspektive, wieder einmal lichtere Zeiten erleben zu können.

Was ich von Halle außerhalb der Moritzburg noch sehen werde, entscheidet sich später. Für die, die von der Moritzburg bisher noch nichts gehört haben, an dieser Stelle ein paar Basisinformationen: DieMoritzburgist heute eine als Museum rekonstruierte Burgruine, Im Jahr 1484 wurde der Grundstein für die spätere Residenz der Magdeburger Erzbischöfe gelegt. Sie wurde im Stil der Spätgotik errichtet und ist heute eines der imposantesten Bauwerke der Saalestadt Halle. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Moritzburg 1637 durch ein Feuer in weiten Teilen beschädigt und 1639 sprengten sächsische Truppen die Südwest-Bastion mit einer Mine, um die schwedischen Besatzungstruppen zur Aufgabe zu zwingen. Danach blieb die Burg weitgehend Ruine und der Wohnsitz des Magdeburger Erzbischofs wurde auch offiziell in die benachbarte, 1531 erbaute Neue Residenz verlegt. Seit 1904 beherbergt die Moritzburg vor allem ein Kunstmuseum mit überregionaler Ausstrahlung. Von 2005 bis Dezember 2008 wurden der Nord- und der Westflügel von den Architekten Enrique Sobejano und Fuensante Nieto zur Erweiterung der Ausstellungsfläche ausgebaut. Seit dem 13. Dezember 2008 ist das erweiterte Kunstmuseum für den Publikumsverkehr wieder geöffnet.

Der persönliche Eindruck: eine äußerst beeindruckende Anlage im Zentrum der Stadt, die gerade für Freunde der Kunst ein absolutes Muß ist. Die Bandbreite dessen, was dort an Kunst versammelt ist, beeindruckt. Sie erstreckt sich auf mehreren Ebenen von sakraler Kunst aus der Zeitspanne vom Mittelalter bis zum Barock über die Kunst des 16. bis 19. Jahrhunderts bis hin zur Kunst in der ehemaligen DDR.

Zunächst einiges zum Stichwort „Wege der Moderne – Kunst in der SBZ/DDR 1945 – 1990“: Nach dem Zusammenbruch der DDR herrschte insbesondere in Westdeutschland ein großer Vorbehalt gegenüber der dort von 1945 bis 1990 geschaffenen Kunst. Der Grund: die Nähe bekannter Künstler wie Werner Tübke, Willi Sitte und Bernhard Heisig zur allein herrschenden SED und dem diktatorischen Staatsapparat der DDR. Diese problematische Beziehung wird allerdings in der Ausstellung thematisiert. So wird darauf hingewiesen, dass die sogenannte Formalismus-Debatte im Jahre 1948 zu großen Verwerfungen in der dortigen Künstlerszene führten. Künstler, die nach dem Zweiten Weltkrieg einen Neuanfang wagten und sich nicht den Vorgaben des „Sozialistischen Realismus“ fügten, der eine klare Abgrenzung zum „westlich-dekadenten Kunstbetrieb“ zum Inhalt hatte, bekamen Schwierigkeiten. Auf der ersten Zentralen Kulturtagung der SED vom 7. Mai 1948 wurde eine Abkehr von der Freiheit der Kunst gefordert. „Die Idee der Kunst muss der Marschrichtung des politischen Kampfes folgen“, formulierte der Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl, was verkürzt bedeutete, dass sich die Künstler in der DDR in den Dienst der Idee des Sozialismus zu stellen hatten. Sie sollten mit ihren Werken ein wahrheitsgetreues und gegenständliches Abbild der „sozialistischen“ Wirklichkeit liefern. Der sogenannten „formalistischen Kunst“ aus dem Westen wurde die „Zerstörung der gesellschaftlichen Zusammenhänge“ und der „tatsächlichen Erscheinungsformen der Wirklichkeit“ zum Vorwurf gemacht, die Werke von Künstlern wie Pablo Picasso, Marc Chagall, Karl Schmidt-Rottluf und Karl Hofer wurden mit den Begriffen „Mummenschanz“ und „Wirklichkeitsfälschung“ tituliert.

Die Ausstellung in der Moritzburg greift diese Thematik auf. Wie dort auf Infotafeln nachzulesen ist, „werden offizielle sozialistisch-realistische Positionen kontrastiert mit Werken von Künstlern, die nach Wegen suchten, im Kontakt mit internationalen Entwicklungen zu bleiben beziehungsweise Positionen der künstlerischen Moderne weiterzuentwickeln.“

Wege der Moderne – Kunst in der SBZ/DDR 1945 – 1990“

Beim genaueren Betrachten des Bereiches „Wege der Moderne – Kunst in der SBZ/DDR 1945 – 1990“ wird deutlich, dass die von den Verantwortlichen der Moritzburg formulierten Ziele in bester Manier umgesetzt wurden. Die Bandbreite der Ausdrucksformen sowie das große künstlerische Handwerk überzeugen ebenso wie die zur Verfügung gestellten Informationen über die Künstler, ihre Werke und die damit verbundenen Auseinandersetzungen in einem Staat, der sich den Sozialismus auf die Fahnen geschrieben hatte und daran gescheitert ist.

Weiteres ist in einem Flyer nachzulesen: „Mit der Präsentation der Kunst nach 1945 bezieht sich das Museum auf die eigene Sammlung, die sich für diesen Zeit abschnitt historisch bedingt in erster Linie als eine Sammlung zur Kunst in der ehemaligen DDR darstellt. Dementsprechend bekennt sich das Museum zu seiner regionalen und historischen Verortung und präsentiert die Kunst in der zweiten Jahrhunderthälfte fokussiert auf die vielfältigen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten in der ehemaligen SBZ/DDR.

Den Auftakt bilden in Halle (Saale) entstandene Arbeiten aus den späten 1940er Jahren bis Mitte der 1950er Jahre, jener Zeit, in der Künstler wie Hermann Bachmann, Herbert Kitzel, Horst Strempel oder Theo Balden im Anknüpfen an die von den Nationalsozialisten geächtete Moderne einen künstlerischen Neuanfang versuchten. Infolge der Formalismus-Debatte ab 1948 verließen viele von ihnen enttäuscht die neu gegründete DDR gen Westen.

Im Kern der Präsentation werden offizielle sozialistisch realistische Positionen kontrastiert mit Werken von Künstlern, die nach Wegen suchten, im Kontakt mit internationalen Entwicklungen zu bleiben bzw. Positionen der Moderne weiterzuentwickeln. Arbeiten beispielsweise von Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte oder Willi Neubert treffen u. a. auf Werke von Hermann Glöckner, Robert Rehfeldt, Wasja Götze, Hans Ticha oder A. R. Penck und Hartwig Ebersbach. Mit Werken von Einar Schleef, Wolfram Ebersbach, Clemens Gröszer, Norbert Wagenbrett, Eberhard Göschel, Peter Ma kolies und Hartmut Bonk öffnet sich die Präsentation in die Jahre vor der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten.

Kunst aus dem Dritten Reich

Auch an ein Tabuthema wagt sich das Museum heran: umstrittene Kunst aus dem Dritten Reich. Wie es damit umgeht, ist auf der Internetseite des Museums nachzulesen: „Eine Besonderheit stellt der Ausstellungsbereich zur Kunst 1933 bis 1945 dar. Es werden Werke präsentiert, die in diesem Zeitabschnitt entstanden und zum Teil auch erworben worden sind – sowohl von Vertretern der Moderne als auch von Vertretern der „NS-Kunst“. Mit diesem Ausstellungsteil geht das Museum als eines der ersten Kunstmuseen in Deutschland offensiv mit seiner Institutions- und Sammlungsgeschichte im Rahmen einer Dauerausstellung um und spart die „schwarzen Jahre“ der nationalsozialistischen Diktatur nicht länger als blinden Fleck der Sammlungspräsentation aus. Vielmehr wird in Reaktion auf die jüngeren Forschungsergebnisse zur Kunst im „Dritten Reich“ reagiert und eine Präsentation der Werke gezeigt, die die plakative Schwarz-Weiß Zeichnung der Vergangenheit aufgibt und den Besucher zu einer differenzierten Betrachtung der in dieser Zeit entstandenen Kunst einlädt.“

Dauerausstellung zur Kunst des 20. Jahrhunderts in Deutschland

Es werden aber auch weitere Kunstwerke aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt: „Die 2017 neu eingerichtete Dauerausstellung zur Kunst in Deutschland zwischen 1900 und 1945 stellt die einzigartige Museumsgeschichte anhand herausragender Objekte aus den Sammlungen des Hauses vor. Sie ist in drei Bereiche gegliedert: Kunst 1900–1918 mit dem Schwerpunkt Expressionismus; Kunst 1919–1933 mit den Schwerpunkten Neue Sachlichkeit und Abstraktion; und wie schon erwähnt Kunst 1933–1945. Entlang dieser Abschnitte wird die Geschichte des Museums mit seinen Direktoren und deren Formung der Sammlungen gemeinsam mit der Entwicklung der Kunst in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermittelt. Alle drei Bereiche präsentieren Werke der freien und angewandten Kunst gleichrangig miteinander – neben Gemälden und Plastiken werden dem historischen Profil des 1885 als Museum für Kunst und Kunstgewerbe gegründeten Hauses entsprechend Objekte des Kunsthandwerks sowie kleinplastische Medaillen ausgestellt.“

Vertreten sind Werke unter anderem von Gustav Klimt, George Minne, Edvard Munch, Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Franz Marc, Emil Nolde, Wilhelm Lehmbruck, Georg Kolbe, Moissey Kogan, Alexander Kanoldt, Karl Völker, Richard Horn, Conrad Felixmüller, William Wauer, Lyo nel Feininger, Otto Griebel, Georg Schrimpf, Christian Schad, Oskar Nerlinger, Paul Klee, Fritz Winter, Erwin Hahs, El Lissitzky, Walter Dexel, Erich Buchholz, Ewald Mataré, Gustav Weidanz, Karl Hofer, Otto Dix, Franz Lenk, Werner Peiner, Ernst Wilhelm Nay, Max Ernst, Oskar Moll, Karl Müller, Heinz Trapp, Paul Mathias Padau, Fritz Klimsch, Richard Scheibe, Gerhard Marcks und Emi Roeder sowie Mathilde Flögl, Max Laeuger, Wilhelm Wagenfeldt, Marianne Brandt, Marguerite Friedlaender und Jan Bontjes van Beek.

Kunst des 16. bis 19. Jahrhunderts und Sakrale Kunst vom Mittelalter bis Barock

Ergänzt wird die insgesamt 250.000 Gemälde, Zeichnungen, Aquarellen, Druckgrafiken, Fotografien, Plastiken, Objekte des Kunsthandwerks und Designs sowie Münzen, Geldscheinen und Medaillen umfassende Sammlung durch Kunst des 16. bis 19. Jahrhunderts und durch Sakrale Kunst vom Mittelalter bis Barock.

In den beiden Etagen des Talamtsgebäudes im Südflügel der Moritzburg werden in sechs Räumen Gemälde, Plastiken, Objekte des Kunsthandwerks und Medaillen vom 16. bis 19. Jahrhundert präsentiert. Neben Arbeiten von Anselm Feuerbach, Hans von Marées oder Carl Adolf Senff gibt es unter anderem auch Gemälde von französischen und italienischen Meistern zu entdecken. Besondere Höhepunkte sind das Vanitas-Stillleben des Damien Lhomme, genannt „Meister des Almanachs“, und dieDiana von Hans von Aachen, des Hofmalers Kaiser Rudolfs II. in Prag.

Die Ausstellung mittelalterlicher Altäre und Skulpturen, von Spolien aus bedeutenden halleschen Bauwerken und sakralen Objekten im Gotischen Gewölbe vereint eine Auswahl aus den reichen Sammlungen der alten Kunst in einem Raum, der zu den ursprünglichen Teilen der Residenz zählt.

Seit 1952 wird das Gewölbe für Ausstellungen alter Kunst und des Kunsthandwerks genutzt. Die Altäre und Altarfiguren der Sammlung stammen vorwiegend aus Kirchen im mitteldeutschen Raum. Überwiegend wurden sie auch in den zahlreichen Werkstätten in der Region gefertigt.