Buchtipp: Marietta Slomka – „Nachts im Kanzleramt – Alles, was man schon immer über Politik wissen wollte“

Prolog: Ein besseres Lob als das einer Mutter eines schulpflichtigen Jugendlichen lässt sich über ein Politikbuch kaum fällen: „Dieses Buch sollte Pflichtlektüre an weiterführenden Schulen werden. So gut ist Politik noch nie erklärt worden.“

Dieses Lob gilt dem von Marietta Slomka geschriebenen Buch „Nachts im Kanzleramt – Alles was man schon immer über Politik wissen wollte“. Politik zu erklären ist, wie regelmäßigen Zuschauern von Nachrichtensendungen bekannt sein dürfte, das Metier von Marietta Slomka. Die bekannte Journalistin moderiert im ZDF das „Heute Journal“ und weiß, wie es hinter den Kulissen zugeht. Mit ihrem Buch leistet sie einen wichtigen Beitrag zur aktuellen politischen Debattenkultur, die oft in unsäglichem Streit und Geschreie unterzugehen droht. Häufiger Grund dafür ist, dass den unterschiedlichen Kontrahenten zumeist etwas Wichtiges fehlt: Basiswissen über die Strukturen und Bedingungen unseres politischen Systems, das es braucht, um sinnhaft miteinander ins Gespräch zu kommen.

Schon in ihrem ersten Kapitel „Demokratie: Hurra, wir sind die Mehrheit“ nimmt sie denen, die nur mit Vorurteilen der Politik (Wählen bringt nichts, Demonstrieren lohnt sich nicht etc.) begegnen, den Wind aus den Segeln. Sie bezieht sich auf zwei Fälle, die genau das Gegenteil dessen belegen, was so schnell dahergesprochen ist. So war es im Jahr 2002, als bei der Bundestagswahl der Kandidat der CDU/CSU, Edmund Stoiber, mit circa 6000 Stimmen gegen seinen Kontrahenten Gerhard Schröder nur äußerst knapp unterlag. Aus der jüngeren Geschichte verweist Marietta Slomka auf den von der Schwedin Grete Thunberg initiierten Schulstreik, um auf die drohenden ökologischen Krisen in der ganzen Welt hinzuweisen. Dieser von einer damals minderjährigen Einzelkämpferin ins Leben gerufenen Initiative war eine weltweite Resonanz beschieden und hat viele Politiker und Verantwortliche aus der Wirtschaft zum Umdenken bewegt.

Im weiteren Verlauf des ersten Kapitels erklärt Marietta Slomka in verständlicher und anschaulicher Sprache die Grundlagen der Demokratie im Allgemeinen und die Grundlagen der freiheitlich demokratischen Grundordnung in Deutschland, geht auf die Struktur einer parlamentarischen Demokratie ein, auf unterschiedliche Staatsformen, auf die Bedeutung der Parteien und auf die Bedeutung von Grundrechten, die für alle Menschen gelten und die Voraussetzung für eine Demokratie sind.

Im Kapitel 2 mit dem Titel „Wie funktioniert Politik“ widmet sie sich Themen wie der K-Frage, bei der es darum geht, wie es zur Wahl eines Kanzlerkandidaten kommt, wie die Parteien ihre Kandidaten für die Parlamente bestimmen, wie die Parteien versuchen, die Wähler für ihre Sache zu gewinnen und führt unter anderem aus, was es bei der Wahl mit der Erst- und der Zweitstimme auf sich hat, was Koalitionsverhandlungen bedeuten und wie sie ablaufen. Allgemeine Erklärungen unterfüttert Slomka dabei immer wieder mit praktischen Beispielen.

Angesichts viel verbreiteter Vorurteile gegenüber der Presse und den Medien, die vor allem von extremistischen politischen Kräften und Verschwörungstheoretikern in die Welt gesetzt werden und im Wort „Lügenpresse“ den bekanntesten Ausdruck gefunden haben, ist besonders auf Kapitel 3 „Was mit Medien: Politik und Journalismus“ hinzuweisen, in dem die Autorin die Arbeitsweise von Journalisten und Redakteuren schildert, die Grundbedingungen für guten Journalismus skizziert, das spezielle Verhältnis zwischen Politik und Journalismus differenziert beleuchtet und auch auf Grenzen dessen, was Medien leisten können, aufmerksam macht. Dabei spielen Themen wie die von vielen angeprangerte Häufung von schlechten Nachrichten, die Bewertung der Bedeutung oder Nichtbedeutung einer Nachricht und die Unmöglichkeit einer absoluten Objektivität eine große Rolle spielen.

Und wer schon immer einmal wissen wollte, ob Geld die Welt regiert, sollte sich auf Kapitel 4 „Einmal Wirtschaft im Schnelldurchlauf“ stürzen. Marietta Slomka gelingt es, auf gerade mal 44 Seiten die unterschiedlichen Wirtschaftssysteme ebenso darzustellen wie einzelne Aspekte, angefangen von der Rente über die Sozialpolitik bis hin zu Tarifautonomie, Steuern, Geld als Zahlungsmittel, Inflation und dem wirtschaftlichen Handeln eines Staates.

Ebenso wie die Medien ist die Europäische Union (EU) mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Von einem Bürokratiemonster ist oft die Rede, aber auch von einer zunehmenden Fremdbestimmung aus einer Stadt namens Brüssel, hinter der manche dunkle Kräfte vermuten. Wie mit dem Schüren von Vorurteilen und dem Verbreiten von Lügen eine Institution wie die EU in eine Krise geraten kann, zeigte der Brexit. Großbritannien, eine der größten Nationen Europas, zog sich aus der EU nach einer Volksbefragung zurück.

Marietta Slomka nimmt in Kapitel 5 „Das große Versprechen: Europa“ nachvollziehbare Kritikpunkte wie die für viele Bürger mangelnde Transparenz politischer Entscheidung und die schwache Stellung des EU-Parlamentes gegenüber den Regierungen der Mitgliedsländer und der EU-Kommission auf, betont aber auch die geschichtlichen Gründe, die zur Gründung der Montan-Union, der späteren Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der heutigen Europäischen Union (EU) geführt haben. Nach zwei verheerenden Weltkriegen hatten sich führende Vertreter europäischer Länder für die Gründung eines Friedensbündnisses eingesetzt, basierend auf Prinzipien der Demokratie, Menschenrechten, freiem Handel, gemeinsamen Gesetzen und kulturellem Austausch. Das Ziel des Friedens, schreibt die Autorin, ist ebenso erreicht wie viele weitere: offene Grenzen, eine Zollunion, Reisefreiheit sowie die freie Wahl des Arbeitsplatzes. Viele Probleme, so schreibt Slomka weiter, werden die EU aber weiter beschäftigen: die zum Teil höchst unterschiedliche wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Mitgliedsländer und der Schutz der Außengrenzen, verbunden mit zentralen Themen wie Migration, Flucht und Einwanderung.

Eine Ebene höher als die EU geht die Autorin mit ihrem letzten Kapitel „Und jetzt noch kurz die Welt retten“. Darin beschreibt sie einerseits die großen Probleme, die in der ganzen Welt eine Rolle spielen: Krieg und Frieden, Klimawandel, Armut, Flucht und Vertreibung, andererseits die Bemühungen, durch Diplomatie zur Lösung von Konflikten zu finden, und die Rolle der Vereinten Nationen, in der 192 Länder der Welt vertreten sind. Diese internationale Institution bietet die Möglichkeit, dass sich alle Mitgliedsländer unter Ausschluss der Öffentlichkeit treffen können, um über diplomatischem Wege Konflikte aus der Welt zu schaffen.

Trotz komplexer Zusammenhänge, die gerade hier eine zentrale Rolle spielen, gelingt es Marietta Slomka, die Grundstrukturen offenzulegen und sie dem Laien verständlich zu machen. Ihr ist mit „Nachts im Kanzleramt“ ein Buch gelungen, das nicht nur in der Schule Pflichtlektüre sein sollte, sondern Pflichtlektüre für alle, die einen substanziellen Beitrag in der politischen Debatte und im politischen Handeln leisten wollen.

Bettina Göring: Der gute Onkel – Mein verdammtes deutsches Erbe

Sabine Jacob: Rabenauge

Ralf Langroth: Das Mädchen und der General

Der bis heute nicht geklärte Mord an der Frankfurter Prostituierten Rosemarie Nitribitt erschütterte in den 1950-er Jahren die Bundesrepublik und ist Thema eines neuen Romans.

Ende Oktober 1957 an der Stiftstraße am Eschenheimer Turm in Frankfurt/Main: In einer luxuriösen Wohnung wird die 24-jährige Rosemarie Nitribitt tot aufgefunden. Kein gewöhnlicher Mordfall, wie sich schnell herausstellen sollte. Bei dem Opfer handelte es sich um eine stadtbekannte Edelprostituierte, die in den besten Kreisen verkehrte und deren Fall für einen bundesweiten Skandal sorgte.

Kontakte in hohe Kreise

Ermittlungspannen der Frankfurter Kriminalpolizei – unter anderem die versäumte Messung der Körpertemperatur der Leiche oder der Umgebungstemperatur in der Wohnung, die zur exakten Bestimmung der Todeszeit unbedingt notwendig gewesen wäre – , weitere Fehler und verschwundene Akten nährten schnell den Verdacht, dass von staatlicher Seite prominente Freier und Verdächtige aus Politik und Wirtschaft geschützt werden sollten.

Zumindest die Kontakte zu Freiern aus der Wirtschaft wie Ernst Wilhelm Sachs, Gunter Sachs, Harald Quandt und Harald von Bohlen und Halbach (gehörte zur Familie Krupp) ließen sich nachweisen, brachten aber keine Klärung des Falles. Einem Hauptverdächtigen, einem engen Bekannten Nitribitts, konnte trotz einiger Indizien die Tat nicht nachgewiesen werden. Der Mörder ist bis heute nicht ermittelt worden.

Die Faszination eines ungeklärten Mordfalles, bei dem eine Prostituierte, Freier aus den sogenannten besseren Kreisen und erhebliche Ermittlungsfehler vonseiten der Polizei eine große Rolle spielten, hält sich seit der damaligen Zeit bis heute.

Kaum ein Jahr nach dem Tod Rosemarie Nitribitts dauerte es, bis der Autor und Journalist Erich Kuby, der unter anderem für den Spiegel und den Stern schrieb, den Roman „Rosemarie – Des deutschen Wunders liebstes Kind veröffentlichte; und im gleichen Jahr erschien Rolf Thieles Spielfilm „Das Mädchen Rosemarie“ auf der Leinwand. Es folgten weitere Spiel- und Dokumentarfilme, Bühnenstücke, Sachbücher und sogar ein beschwingtes Musical.

Jörg Kastner/Ralf Langroth (Foto: © 2022 Wolfgang Weßling)
Jörg Kastner/Ralf Langroth (Foto: © 2022 Wolfgang Weßling)

Fast pünktlich zum 90. Geburtstag von Rosemarie Nitribitt erschien im Rowohlt Verlag der neue Roman von Ralf Langroth. Mit „Das Mädchen und der General“ setzt der Autor nach „Die Akte Adenauer“ und „Ein Präsident verschwindet“ seine Reihe mit historischen Thrillern rund umd die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland fort.

Philipp Gerber ermittelt

Im Mittelpunkt der wiederum äußerst spannend geschilderten und mit detailgetreue Zeitkolorit versehenen Handlung steht einmal mehr der BKA-Hauptkommissar Philipp Gerber.

Wie es der Zufall will, hat er gleich einen persönlichen Bezug zu dem Mordfall Nitribitt. Einer ihrer Kunden und möglicher Tatverdächtiger war der hochrangige US-General Hiram Anderson, ein früherer Chef Philipp Gerbers, als der noch in Diensten des US-amerikanischen Geheimdienstes CIC (Counter Intelligence Corps) war. Anderson war aber nicht nur Chef, sondern auch Mentor von Philipp Gerber, und fast dessen Schwiegervater.

Ein schwieriger Fall also für den BKA-Kommissar, der sowohl von seiner ehemaligen Verlobten June, Tochter des Generals, als auch von Bundeskanzler Adenauer um Hilfe in dem Fall Nitribitt gebeten wird. Zum einen aus persönlichen Gründen, zum anderen aus politischen, denn Anderson vermisst seit seinem letzten Besuch bei Nitribitt wichtige Geheimdokumente.

Ralf Langroth, Das Mädchen und der General, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-499-01066-8

Ralf Langroth: Ein Präsident verschwindet

Nach „Die Akte Adenauer“ hat sich der Schriftsteller Ralf Langroth einem weiteren Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte gewidmet: dem Fall Otto John.

Es war im Jahr 1954, als ein politischer Skandal die Bundesrepublik Deutschland erschütterte. Otto John, Jurist, Widerstandskämpfer gegen die nationalsozialistische Terrorherrschaft und erster Präsident des neu gegründeten Bundesamtes für Verfassungsschutz, begab sich nach einer öffentlichen Gedenkfeier der Bundesregierung für die Mitglieder des 20. Juli 1944 im Bendlerblock gemeinsam mit dem Arzt Wolfgang Wohlgemuth nach Ost-Berlin, Hauptstadt der DDR. Dort gab er zwei Erklärungen im Radio der DDR ab, auf die dann noch eine Pressekonferenz folgte.

Dabei begründete er seinen Übertritt in die DDR mit der Kritik an Bundeskanzler Konrad Adenauer, dass dessen Politik der Westbindung und der Remilitarisierung (Stichwort Aufbau der Bundeswehr) das Ziel der deutschen Einheit gefährde. John sagte wörtlich: „Ich habe mich nach reiflicher Überlegung entschlossen, in die DDR zu gehen und hier zu bleiben, weil ich hier die besten Möglichkeiten sehe, für eine Wiedervereinigung und gegen die Bedrohung durch einen neuen Krieg tätig zu sein.“ Außerdem klagte er den seiner Meinung nach wieder wachsenden Einfluss früherer Nationalsozialisten in der Bundesrepublik an.

Die genauen Umstände des Übertritts eines höheren Vertreters der Sicherheitsorgane der Bundesrepublik Deutschland in die DDR konnten nie abschließend geklärt werden. John behauptete, dass er von seinem Begleiter Wohlgemuth betäubt und mit einem Auto in den Osten verschleppt wurde.

1955 gelang ihm mit der Hilfe des dänischen Journalisten Henrik Bonde-Henriksen die Flucht nach West-Berlin, wo er am 22. Dezember verhaftet wurde. Wegen Landesverrates wurde John vom 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe am 22. Dezember 1956 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Doch schon zwei Jahre später erfolgte die Begnadigung durch Bundespräsident Theodor Heuss und kaum zwei Wochen später konnte John das Zuchthaus verlassen.

Jörg Kastner/Ralf Langroth (Foto: © 2023 Wolfgang Weßling)
Jörg Kastner/Ralf Langroth (Foto: © 2023 Wolfgang Weßling)

Nach seiner Entlassung bemühte er sich bis an sein Lebensende vergeblich um seine Rehabilitierung. Wissenschaftler aus den Bereichen Politik, Geschichte und Jura kamen bei ihrer Beschäftigung mit dem Fall John immer wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Zweiter Fall für Philipp Gerber vom BKA

Nachdem Autor Ralf Langroth mit dem Roman „Die Akte Adenauer“ ein starker Auftakt seiner Reihe um den BKA-Ermittler gelungen ist, setzt er sich mit dem Thriller „Ein Präsident verschwindet“ ein weiteres Mal mit bundesrepublikanischer Geschichte aus der Nachkriegszeit auseinander. Umfassende Recherchen zu den politischen und historischen Hintergründen werden von Langroth vor der authentisch dargestellten Kulisse Westdeutschlands der 1950er Jahre spannend und unterhaltsam zum Leben etweckt. Und wieder macht er Philipp Gerber zum Helden seiner Geschichte.

Auf Wunsch von Bundeskanzler Konrad Adenauer übernimmt Philipp Gerber von der Sicherungsgruppe Bonn die Ermittlungen. Gerber hat dem Bundeskanzler schon einmal geholfen, doch dieses Mal hat er auch ein persönliches Interesse: Seine Geliebte, die Journalistin Eva Herden, ist verschwunden, ein Foto zeigt sie an der Seite von Otto John.

Ralf Langroth, Ein Präsident verschwindet, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-499-00477-3

Leonid Wolkow: Putinland

T. C. Boyle: América

Die Grenze der Belastbarkeit oder die Belastbarkeit der Grenze

Es ist der Zusammenstoß der unterschiedlichen Welten, mit dem der Roman „América“ von T. C. Boyle, einem der bekanntesten Schriftsteller der USA, der sich auch in Deutschland großer Beliebtheit erfreut, seinen Anfang nimmt. Ein Zusammenstoß im wahrten Sinne des Wortes, der auf ein Thema hinweist, das auch in Deutschland täglich in den Zeitungen und im Fernsehen präsent ist und immer wieder zu erbitterten politischen Auseinandersetzungen führt: dass der Migration und der damit verbundenen Flüchtlinge, die nicht immer auf ein ungeteiltes Wohlwollen treffen.

Delaney Mossbacher, Autor für ein Naturmagazin, liberaler Demokrat und ein typischer Vertreter des US-amerikanischen Mittelstandes, fährt mit seinem Auto einen Mann an. Komischerweise scheint der trotz erheblicher Verletzungen gar nicht daran interessiert zu sein, dass die Ursache des Unfalls und eventuelle Schadensersatzforderungen geklärt werden. Er läuft einfach weg. Woran das liegt? Cándido, so heißt der Man, ist einer der zahlreichen illegal in den USA lebenden Mexikaner, die sich dort Hoffnungen auf ein besseres Leben machen.

Der begnadete Erzähler T. C. Boyle („Wassermusik“, „Das Licht“, „Drop City“, „Blue Skies“ etc.), der es einfach versteht, seine Leser unmittelbar in seinen Bann zu ziehen, entwickelt in dem 1995 unter dem Originaltitel „The Tortila Curtain“ erschienenen Roman ein Szenario, das an Aktualität nichts verloren hat. Es ist von Toren und Mauern zur Abwehr der Migranten die Rede.

Delaney Mossbacher lebt mit vielen weiteren Vertretern der weißen amerikanischen Mittelklasse in der Wohnsiedlung Arroyo Blanco Estates. Hier möchte man sich der Illusion hingeben, ein Lebe ohne gesellschaftliche Konflikte und mit direktem Zugang zur Natur führen zu können, jenseits des in unmittelbarer Nähe befindlichen Molochs von Stadt namens Los Angeles; doch die Realität in Gestalt von Arbeit suchenden Mexikanern samt Familie, die sich illegal in den USA aufhalten, und auch in Gestalt von Kriminalität, macht den Bewohnerinnen und Bewohnern von Arroyo Blanco Estates einen Strich durch die Rechnung. Mit bewachten Toren und hohen Mauern wollen sie sich auf einmal schützen und bauen eigentlich doch nur ein Gefängnis.

Auf der anderen Seite steht beispielhaft für die vielen nach Arbeit suchenden Mexikanern Cándido, der gemeinsam mit seiner schwangeren Freundin América auf ein besseres Leben in den USA hofft. Doch diese Hoffnung trügt. Immer wieder kommt nach kurzen Momenten, in denen es so scheint, dass die Dinge sich zum Besseren wenden, ein Rückschlag, der alles zunichte zu machen scheint, so dass sich Cándido die Frage stellt: „… wer hatte ihn eigentlich zur Zielscheibe aller Katastrophen dieser Welt erwählt?“ Das klingt nicht von ungefähr wie die Klage Hiobs aus dem Alten Testament. Und mit einem weiteren Bezug auf die Bibel heißt es an anderer Stelle: „… dachte er an Christus mit dem Kreuz und der Dornenkrone, und er fragte sich, wer wohl das schlimmere Los zu tragen hatte.“ Aus dem Namen Cándido ist noch ein weiterer literarischer Bezug erkennbar: der zu dem Roman „Candide“ von Voltaire, dessen Held auch viel zu erdulden hat.

T. C. Boyle hat mit „América“ einen Roman geschrieben, der sowohl aus der Sicht der etablierten Weißen und der unterpriviligierten Mexikaner schildert, wass passiert oder passieren kann, wenn unterschiedliche Gesellschaftsgruppen aufeinander treffen – eine mehr als lohnenswerte Lektür zu der zur Zeit geführten Flüchtlingsdebatte.