Kunstbetrachtungen, Teil 14

Der Begriff der Kunst und die Unterschiede in den Künsten

Ging es in der letzten Folge der Kunstbetrachtungen noch um die Beziehung zwischen der Kunst und ihrer Rezipienten, den Wert der Kunst und philosophische Betrachtungsweisen, stehen in dieser Folge die Kunst und ihre Unterarten im Fokus – aber auch die Problematik der Begrifflichkeiten.

Sie wird sogleich zu Anfang des Kapitels „Die Kunst und die Künste“ deutlich gemacht: „Der Singular Kunst ist nicht so selbstverständlich, wie andere Singulare es sind. Ich kann zum Beispiel davon sprechen, was der Hund ist. Es ist ein fleischfressendes Haustier, das vier Beine hat und das bellt. Auch wenn Hunde groß werden können wie Kälber oder in ausgewachsenem Zustand kleiner sind als gewöhnliche Katzen, bringt eine solche Bestimmung des Hundes wenig Probleme mit sich. Sie wird allen Hunden gerecht. Mit der Kunst verhält es sich anders.“

Zunächst ausgehend davon, dass Kunst vereinfacht als etwas betrachtet werden kann, das gemacht ist (Herkunft aus dem griechischen Begriff „téchne“ und dem lateinischen Begriff „ars“, die sich mit dem Wort Herstellungskunst übersetzen lassen), definiert Autor Georg W. Bertram, dass in den unter dem Begriff Kunst zusammengefassten Künste mit unterschiedlichen Materialien und auf unterschiedliche Weise gearbeitet wird.

Was die Literatur angeht, schreibt Bertram, arbeitet diese „mit dem Material natürlicher Sprachen und formt daraus Texte unterschiedlicher Länge und Gestalt, die in stiller Lektüre oder stimmhafter und körperlicher Aufführung dargeboten werden.“

Ganz anders bei der Plastik: Bei ihr wird „gewöhnlich kein im Vorhinein strukturiertes Material verwendet. Ihren Ausgangspunkt bilden höchst unterschiedliche Dinge: mehr oder weniger formlose Steine und Hölzer, verflüssigte Metalle oder alle möglichen sonstigen gestalteten oder ungestalteten Gegenstände der alltäglichen und nicht alltäglichen Welt.“

In Bertrams folgenden Ausführungen zum Thema „Kunst – Eine philosophische Betrachtung“ wird er die genannten Materialien als ästhetische Medien (die natürliche Sprache in der Literatur und form- und gestaltbare Materialien unterschiedlichster Art in der Plastik) und die Verarbeitungsformen als ästhetische Verfahrensweisen bezeichnen.

Was Verfahrensweisen bei der Literatur angeht, können Prosa und Lyrik unterschieden werden: „Formt die Prosa aus Ausdrücken der natürlichen Sprache lange Erzählstränge, geht es der Lyrik eher darum, aus solchen Ausdrücken bestimmte Konstellationen herzustellen.“

Was die ästhetische Verfahrensweise der Plastik angeht, ist diese nach Bertram „das Bearbeiten eines oder mehrerer Materialien an ihren Oberflächen und in den Raumkonstellationen, die sie bilden.“

Deutlich wird: Die unter dem Oberbegriff Kunst definierten Künste unterscheiden sich „grundsätzlich und zum Teil tiefgreifend mit Blick auf die ihnen eigenen Medien und Verfahrensweisen.“

Für den Autor stellt sich das Problem, das aufgrund dieser großen Unterschiede zwischen Plastik und Literatur und der jeweils mit ihnen verbundenen Medien und Verfahrensweisen nicht so einfach zu erklären ist, warum sie unter dem Oberbegriff Kunst zusammengefasst werden können. Und ein weiterer Aspekt kommt noch dazu: Die genannten Unterschiede haben „zum Beispiel zur Folge, dass manche Künste sich ausstellen lassen, andere Künste hingegen Darbietungen benötigen.“

Für Bertram ergibt sich daher folgende Aufgabe: „Einen Begriff der Kunst kann man nur dann verständlich machen, wenn eine plausible Antwort auf die Frage gelingt, wie trotz der Unterschiedlichkeit der Künste von Kunst gesprochen werden kann.“

Dazu mehr in der nächsten Folge der Kunstbetrachtungen.

Buchtipp: Jeremias Gotthelf – Die schwarze Spinne

Als es noch Tod und Teufel gab

„Über die Berge hob sich die Sonne, leuchtete in klarer Majestät in ein freundliches, aber enges Tal und weckte zu fröhlichem Leben die Geschöpfe, die geschaffen sind, an der Sonne ihres Lebens sich zu freuen.“ – mit diesem idyllisch und fröhlich klingenden Satz beginnt zunächst in aller Harmlosigkeit die Erzählung „Die schwarze Spinne“ des Schweizer Schriftstellers Jeremias Gotthelf (1797 – 1854).

Er berichtet darin von der abgeschieden gelegenen Welt der Alpenbauern seines Heimatlandes, die noch stark von ihren christlichen Traditionen früherer Jahrhunderte geprägt sind und dem heutigen Leser eher befremdlich vorkommen. Die Rollen der handelnden Personen sind festgelegt. Es gibt die herrschenden Bauern auf der einen Seite, Knechte und Mägde auf der anderen Seite, die sich zu fügen haben; und auch die Aufgaben der Männer und Frauen sind festgelegt. Die Männer kümmern sich um die Ställe, das Heu und die Bäume, die Frauen um den Garten und die Pflanzplätze. Eine zentrale Figur spielt gleichfalls der Landpfarrer als geistlicher Führer und Seelsorger, der in diesen beiden Funktionen fest in die Dorfgemeinschaft eingebunden ist.

Um zu verstehen, vor welchem geistigen Hintergrund diese Erzählung wie auch viele weitere Werke Gotthelfs entstanden sind, bedarf es eines genaueren Blickes auf das Leben des Autors und die Zeit, in der er lebte. Gotthelf entstammte einem Geschlecht bernischer Landpfarrer und hatte es in seiner Tätigkeit als Vikar und Pfarrherr in Lützelflüh, einer kleinen Gemeinde im Verwaltungskreis Emmental des Schweizer Kantons Bern, vor allem mit der ländlichen Bevölkerung zu tun. Erst mit 40 Jahren begann seine große literarische Karriere.

Wie der Literaturexperte Konrad Nussbächer in einem Nachwort zur Erzählung „Die schwarze Spinne“ schreibt, gehört Jeremias Gotthelf mit Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer zu den „drei großen Schöpfergestalten“ der Schweizer Literatur des 19. Jahrhunderts. Ihre unterschiedlichen Biografien bestimmten auch ihr Werk. Keller entstammte dem handwerklichen Kleinbürgertum Zürichs, und so war es schon fast festgeschrieben, dass er sich in seinen Romanen und Erzählungen mit der bürgerlichen Welt Zürichs und der Schweizer Kleinstädte auseinandersetzte. Ein Paradebeispiel dafür ist die Geschichtensammlung „Die Leute von Seldwyla“, deren Bekannteste ohne Zweifel „Kleider machen Leute“ ist. Conrad Ferdinand Meyer hingegen gehörte der Klasse der vornehmen Züricher Patrizierfamilien an. Sein Thema waren „die herrscherlichen Gestalten der Schweizer und der europäischen Geschichte, vor allem der Renaissance und des Barock.“ Und bei Gotthelf ist es die „Schweizer Bauernlandschaft … das gesegnete Emmental, mit seinen staatlichen Dörfern und großen Einzelhöfen, mit Acker und Vieh, Weide und Wald, mit seinen Menschen und ihren Schicksalen“, wie Konrad Nussbächer erläutert.

Dieses Umfeld bildet aber nur die Kulisse für die Darstellung menschlicher Existenz in all ihrer Vielfalt. Gräßliches und grausames Geschehen gehört ebenso dazu wie wilde, finstere, dämonische Leidenschaften und natürlich das ewige Thema von Gut und Böse.

Beim Beginn der Erzählung „Die schwarze Spinne“ ist das alles noch ganz fern. In aller Detailliertheit beschreibt Gotthelf das beschauliche Emmental mit seiner einzigartigen Landschaft und das Geschehen rund um eine Kindstaufe. Die Mägde sind mit den Vorbereitungen für reichhaltiges Essen und Trinken beschäftigt, und auch sonst gibt es viel zu tun, denn schließlich soll das Ereignis mit der ganzen Dorfgemeinschaft festlich gefeiert werden. Und so geschieht es auch. Fleißig wird getrunken und gegessen, es wird geplaudert, über den ein oder anderen gelästert und auch mancher Scherz macht die Runde.

Nachdem alle reichlich zu sich genommen haben, wird der Vorschlag angenommen, sich auf einen kleinen Verdauungsspaziergang zu begeben. Dabei fällt irgendwann der Blick auf das schöne, neue Haus der Gastgeber der Kindstaufe. Und einer der Frauen sticht etwas ins Auge. Obwohl eigentlich des Lobes voll über das Haus, und von dem Wunsch, selbst so eines haben zu wollen, beseelt, hat sie doch eine kritische Anmerkung in Richtung des Großvaters der Gastgeber: „Aber fragen möchte ich doch, nehmt es nicht für ungut, warum da gleich neben dem ersten Fenster der wüste, schwarze Fensterposten (Bystal) ist, der steht dem ganzen Hause übel an.“

Was sich hinter der scheinbaren Mißgestaltung verbirgt, möchte der Großvater gern verschweigen und versucht, sich auf Mangel an passendem Holz als Grund für die Verwendung älteren Materials herauszureden, doch die Neugierde der Anwesenden ist so groß, daß er nachgibt und eine gar schauerliche Geschichte davon erzählt, welche wirkliche Bewandnis es mit dem „wüsten, schwarzen Fensterposten“ hat.

Ein Zeitsprung über 600 Jahre zurück: Damals herrschten Ritter, „die man die Teutschen nannte“, über das Tal. Die Menschen, die dort lebten, waren Leibeigene, mussten den Zehnten und Bodenzinse geben und Frondienste leisten. Wie der Großvater berichtet, war die Not der Menschen am größten, als ein Hans von Stoffeln aus dem Schwabenlande die Herrschaft innehatte. Nicht genug damit, dass die Bauern auf Weisung des von Stoffeln auf einem Berg ein Schloss zu bauen hatten und so ihrer eigenen Arbeit mit Säen und Ernten nicht mehr nachkamen, sollten sie auch noch einen Schattengang anlegen und zu diesem Zweck innerhalb eines Monats 100 Buchen zum Berg transportieren, um diese dort anzupflanzen – eine Aufgabe, die nicht zu bewältigen war. Das Jammern und Weinen griff um sich und wollte kein Ende nehmen. Doch in diesem Moment stand plötzlich „lang und dürre ein grüner Jägersmann“ vor ihnen, auf dem „kecken Barett eine rote Feder“ und im „schwarzen Gesicht ein rotes Bärtchen“. Er erkennt die Not der Bauern und redet von einem tüchtigen Gespann, über dass er eventuell verfüge und mit dem „Holz und Steine oder Buchen und Tannen“ transportiert werden könnten. Erleichterung macht sich breit, bis die Bauern erfahren, welchen Preis der „Jägersmann“, der in Wirklichkeit der Teufel ist, von ihnen verlangt. Es geht dabei um das künftige Schicksal eines Kindes.

Vor dem Hintergrund des im 19. Jahrhunderts immer mehr zu erkennenden Kampfes „zwischen christlicher Ordnung und der drohenden Zersetzung durch den Zeitgeist“ ging es dem Autor in seinem Werk um „die tätige Hilfe für seine Kirchenkinder, um die Läuterung ihrer Seelen, um die Kräftigung und Rettung des Schweizer Bauernstandes“, wie Konrad Nussbächer in seinem Nachwort zur Erzählung „Die schwarze Spinne“ schreibt. Nussbächer erläutert die damaligen Zeitläufte und die Intentionen Gotthelfs: „Auch in die Schweiz war die nivellierende Strömung des Materialismus eingedrungen und unterhöhlte die lebendig gewachsene und gestufte, in christlicher Sitte verwurzelte Demokratie. In seiner geistlichen Praxis als Vikar und bald auch als Pfarrherr in Lützelflüth erkannte Bitzius (Gotthelfs bürgerlicher Name) mit scharfem Auge die Risse und Schäden im inneren Gefüge: Hochmut und Geiz, Ichsucht und Hartherzigkeit auf der Seite der Besitzenden, Trägheit und Schlendrian, Auflehnung und Zuchtlosigkeit bei den ländlichen Bediensteten; daneben eine furchtbare Armennot.“

Um diesen Mißständen zu begegnen, wählte Gotthelf im für damalige Verhältnisse schon etwas fortgeschrittenen Alter von 40 Jahren das Mittel der Literatur. Ihm war es ein zentrales Anliegen, „die Seelen aufzurütteln, den Schweizern einen wahren Spiegel der Zustände auf dem Lande vorzuhalten und gegenüber unbestimmten Verlockungen das Bild bewährter, echter Ordnung aufzurichten“, so Nussbächer.

In der Erzählung „Die schwarze Spinne“ bildet die grausige Geschichte von der schwarzen Pest, die ein Gebirgstal heimsucht, den Kern der Handlung. Und diese Pest kommt nicht schicksalhaft über die Menschen, sondern durch schwere Schuld und böse Leidenschaften. Nussbächer zufolge wird Gericht über die Schuldigen gehalten, „bei dem die ewigen metaphysischen Mächte, Gott und Teufel unmittelbar eingreifen“ wie in den großen literarischen Werken des Barock.

Kurzum: Der Leser stößt mit „Die schwarze Spinne“ auf ein wuchtiges Werk, dass den uralten Kampf von Gut gegen Böse auf plastische, spannende, aber auch lehrreiche Weise wieder aufleben lässt. Zu diesem Zweck hat Gotthelf visionäre Bilder von unheimlicher Kraft geschaffen, die einen nicht loslassen und lange nachwirken.

Buchtipp: Ludwig Tieck – Merkwürdige Lebensgeschichte Sr. Majestät Abraham Tonelli

Wie auf wundersame Weise aus einem Schneiderlehrling ein reicher Herrscher wird

„Ich fühlte bald, daß ich zu größern Dingen bestimmt sein müßte; denn ich merkte keinen sonderlichen Trieb zur Arbeit in mir. Ich wünschte mir immer, zaubern zu können oder ein König zu werden…“ – schon gleich zu Anfang der spannenden, unterhaltsamen und mit großem Humor geschriebenen Erzählung „Merkwürdige Lebensgeschichte Sr. Majestät Abraham Tonelli“ von Ludwig Tieck (*1773 +1853), einem der führenden Autoren der Romantik, macht der Protagonist mit Taufnamen Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli klar, wie sein künftiges Leben verlaufen soll. Doch seine Lebensverhältnisse geben das eigentlich nicht her.

Aus niedriger Herkunft stammend, gelingt es ihm gerade noch, eine Schneiderlehre in Wien zu beginnen – ohne allerdings daran viel Freude zu gewinnen. Bei seiner Vorstellung, ein großer und wohl vornehmer Mann zu werden, ohne irgendwelche Voraussetzungen dafür zu besitzen, auch kaum verwunderlich.

Basierend auf einer bekannten literarischen Vorlage entwickelt Tieck mit seinem Protagonisten die schon aus dem Barock bekannte Figur des Schelmen, der sich mit Lug und Trug durch das Leben kämpft. Ähnlichkeiten zum „Simplicissimus“ von Grimmelshausen sind deutlich zu erkennnen.

Entgegen der von den meisten der anderen Schriftstellern der Romantik verwendeten Stilelemente und Erzähl-Motive wie der Innigkeit eines Naturgefühls, dem Glauben an Liebe und Freundschaft sowie der Leidenschaft für Malerei und Musik setzt Tieck bei dieser Erzählung auf populäre Drastik, groben Humor, Phantasie und Laune, wie sie eben passt. Seine Figur Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli ist ein maßstablos naiver junger Mann, töricht wie ein Kind, das nur seinem direkten Nutzen verpflichtet ist, keiner Selbstkritik zugänglich ist, nichts dazulernt und nie über elementare Bedürfnisse wie ein fürstliches Mahl und viel Alkohol hinausdenkt. Aber mit der Vitalität eines Hanswurstes, der alle Last des Lebens im nu an sich abprallen lässt, folgt er seinem eigentlich unerreichbaren Ziel, ein von allen anerkannter Bürger (oder noch Höheres) zu werden, der wohlgenährt und materiell gesichert seinem Lebensabend entgegensieht.

Wie der Germanist und Autor Ernst Ribbat in einem Nachwort zur Erzählung schreibt, ist Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli womöglich ein Paradebeispiel für ein Gegenstück zum Fortschrittspathos der bürgerlichen Aufklärung. Statt eines nach Erkenntnis strebenden Menschen entwirft Tieck eine von Trieben gesteuerte Figur, die sich trotz unzureichender Erkenntnis- und Sprachfähigkeit durch das Leben wurstelt, mal mit weniger, mal mit mehr und dann richtig großem Glück, wie im Titel der Erzählung schon angedeutet. Schließlich ist aus dem Schneiderlehrling die „Majestät Abraham Tonelli“ geworden.

Wie aber konnte es dazu kommen? Hexenkünste, Geister und unterirdische Schätze, wie sie die damalige Literatur in immer neuen Variationen und Erscheinungsformen hervorbrachte, spielen dabei eine wichtige Rolle; ansonsten wäre eine solche Karriere, wie die des Helden, zu damaliger Zeit kaum möglich gewesen.

Von seinem Meister nicht ganz zu Unrecht als „Lumpenhund“ bezeichnet und von den übrigen Handwerksburschen wegen seiner goßspurigen Art gescholten und auch verprügelt, macht sich Abraham Anton auf die Wanderschaft. Mit der Vorstellung im Kopf, dass es ihm eigentlich leicht fallen müsse, „binnen kurzem ein großer und vornehmer Mann zu werden.“

Die Realität ist eine andere: Proviant und Reisegeld gehen aus, wilde Tiere und Mörder trachten ihm nach dem Leben, doch Autor Ludwig Tieck gibt seinem Helden immer wieder eine Chance. Mithilfe von schon angesprochenen Hexenkünsten und Geistern gelangt der zu Wunderkräften und ungeahnten Schätzen, die er aber aus Großmannssucht, Völlerei und anderen Charakterschwächen immer wieder aus den Händen gibt. Die gemachten Erfahrungen lehren ihn nichts. Wie es ihm dann doch gelingt, Kaiser zu werden und ein mehr als auskömmliches Leben zu führen, wird an dieser Stelle nicht verraten, denn dieser Text soll nur ein wenig zur Lektüre dieser wunderbaren, unterhaltsamen und äußerst humorigen Erzählung ermuntern. Glauben Sie mir!

Buchtipp: Johann Peter Hebel – Kalendergeschichten

Das erste Mal, dass ich den Namen Johann Peter Hebel vernahm, war in Verbindung mit einer etwas altertümlich klingenden, aber gleichzeitig wundersamen und sehr unterhaltsamen Kurzgeschichte aus einem Schullesebuch. Darin berichtet der Autor von einem deutschen Handwerksburschen, den es nach Amsterdam verschlagen hatte. Neugierig erkundet der die Stadt und stößt zunächst auf ein prächtiges und schönes Haus, das wohl einem reichen Bürger gehören muss. Auf die Frage an einen Passanten, wem denn dieses prächtige und schöne Haus gehöre, bekommt er nur die knappe Antwort „Kannitverstan“.

Als er weitergeht, sieht er, wie im Hafen ein großes Schiff mit erlesensten Waren aus aller Welt entladen wird. Wieder fragt er, wem denn dieses Schiff und die auf ihm transportierten Waren gehörten, und wieder erhält er die Antwort „Kannitverstan“, woraufhin er in betrübliche Gedanken versinkt. Wie könne es denn sein, dass diesem Herrn Kannitverstan alles zu gehören scheine, während er doch als Handwerksbursche eher ein armer Hund sei, denkt er, bis er auf einmal auf einen langen Trauerzug stößt. Immer noch neugierig, fragt er, wer denn da zu Grabe getragen werde; und wieder schallt es ihm nur knapp entgegen: „Kannitverstan“. Da wurde „ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. „Armer Kannitverstan“, rief er aus, „was hast du nun von allem deinen Reichtum? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme: ein Totenkleid und ein Leintuch, und von allen deinen schönen Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust oder eine Raute“, schreibt Hebel über den Wandel des Gemütszustandes seines Protagonisten. Und seine Kurzgeschichte mit dem passenden Namen „Kannitverstan“ endet mit den Worten „… und wenn es ihm wieder einmal schwerfallen sollte, daß so viele Leute in der Welt so reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab.“

Kurzum: Aufgrund mangelnder Sprachkenntnis von beiden Seiten, die diese aber nicht erkennen, kommt der Handwerksbursche „durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis“, wie Hebel einleitend zu seiner lehrreichen Kurzgeschichte erläutert. Die Erkenntnis: Trotz der unterschiedlichen materiellen Verhältnisse der Menschen in ihrer Lebenszeit ereilt sie unweigerlich mit dem Tode das gleiche Schicksal. Das mag Manchen zu brav oder bieder erscheinen, doch was ist hilfreicher: Das ewige Klagen über die Ungleichheit unter den Menschen oder der Trost, dass das letzte Hemd keine Taschen hat?

Was aber hat es so weiter auf sich mit den beim Insel Verlag erschienenen Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel? Dazu erst einmal ein paar biografische Daten zum Autor: Johann Peter Hebel wurde 1760 in Basel in der Schweiz geboren. Trotz bescheidener familiärer Verhältnisse – seine Mutter arbeitete nach dem frühen Tod ihres Mannes als Bedienstete bei einer Schweizer Patrizierfamilie und trug mit dieser Arbeit allein zum Familieneinkommen bei – schaffte Hebel den Sprung aufs Karlsruher Gymnasium. Danach folgte ein Studium der Theologie, das er mit einem Predigtamtsexamen abschloss. Nach Tätigkeiten als Hauslehrer und Vikar ging es mit seiner beruflichen Karriere steil voran. 1791 wird er Lehrer am Karlsruher Gymnasium, 1798 Professor der Dogmatik und hebräischen Sprache, 1804 Direktor seiner ehemaligen Schule und ab 1819 evangelischer Prälat und Landtagsabgeordneter.

In den 1780-er Jahren beginnt er mit dem Schreiben. Zu seinen wichtigsten Werken gehören die „Alemannischen Gedichte“, „Der Rheinländische Hausfreund“ und das „Schatkästlein des rheinischen Hausfreundes“. Vor allem in den beiden letzt genannten Veröffentlichungen sind seine vor allem älteren Lesern bekannten Kalendergeschichten enthalten, Kurzgeschichten mit einer besonderen Erkenntnis oder Moral, die häufig biederer daherkommen, als sie es in Wirklichkeit sind. So schreibt der bekannte Philosoph Ernst Bloch (*1885 +1977), mit seinem Werk „Das Prinzip Hoffnung“ einer der Geistesheroen der 68-er Bewegung und enger Freund Rudi Dutschkes, einem der führenden Köpfe der 68-er Bewegung, äußerst lobend über Hebel: „Seine Kalendergeschichten sind geschrieben von einem Anwalt der Armen und Verleumdeten, einem Freund der Französischen Revolution und der Aufklärung.“

Auch andere prominente Autoren wie der Erziehungswissenschaftler und Publizist Hartmut von Hentig loben den Autor und sein Werk. So schrieb er in dem Buch „Zeit-Bibliothek der 100 Bücher“ von der Lust des Verstehens, der Kurzweil und Intelligenz der Moral sowie dem Handwerk der Menschlichkeit, die Hebel einem nahegebracht habe. In einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung betont Thomas Steinfeld das Ineinander von Bürgerlichkeit und literarischer Intelligenz, die viele von Hebel erzählten Geschichten auszeichne: „Die meisten Geschichten sind von kalkulierter Schlichtheit (aber nicht alle sind schlicht). Und sie sind, obgleich tief in der Religion verwurzelt und von vertrauten Gestalten belebt, alles andere als erbaulich. Ein Aufklärer ist in diesen Geschichten am Werk, doch einer von der bodenständigen, konservativen Sorte.“

Beispielhaft dafür – insbesondere Hebels liebevoller Augenmerk auf die armen, oft am Rande der Gesellschaft stehenden Menschen – steht die anrührende Geschichte mit dem Titel „Unverhofftes Wiedersehen“, die ebenfalls in Schullesebüchern der 1970-er Jahre zu finden war. Hebel erzählt von der tragischen Liebesgeschichte eines Bergmanes und seiner Braut, die sich im schwedischen Ort Falun zugetragen haben soll. Bevor sich das Glück für beide entfalten kann, „da meldete sich der Tod“. Von seinem Weg zum Bergwerk kehrt der Bergmann nicht zurück. Die angehende Braut versinkt in Trauer. 50 Jahre gehen ins Land – ein Zeitraum, der von Hebel anhand von zentralen geschichtlichen Ereignissen zwischen den Jahren 1755 (Erdbeben in Lissabon) und 1807 (Bombardement Kopenhagens durch die Engländer) knapp und plastisch auf den Punkt gebracht wird und die kleine mit der großen Welt verbindet – , bis Bergleute bei Grabungsarbeiten zufällig die Leiche eines von Eisenvitriol durchtränkten Jünglings finden, der aufgrund der konservierenden Wirkung des Vitriols so aussah, „als wenn er erst vor einer Stunde gestorben oder ein wenig eingeschlafen wäre an der Arbeit.“

Das bekommt die ehemalige Verlobte, inzwischen grau und zusammengeschrumpft, mit. Als sie sagt, dass es ihr Verlobter ist, „wurden die Gemüter aller Umstehenden von Wehmut und Tränen ergriffen, als sie sahen die ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Brust nach fünfzig Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte.“ Am Tag der Beerdigung begleitet sie ihren verstorbenen Verlobten im „Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeitstag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre.“ Die Geschichte endet mit ihren an den Geliebten gerichteten, zu Herz rührenden, aber auch tröstlichen Worten: „Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehn im kühlen Hochzeitsbett, und laß dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, und bald wirds wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweiten Male auch nicht behalten.“

Solche Geschichten, traurige, lustige, merkwürdige oder höchst fabulöse, erläutert Bloch in seinem Nachwort, wurden zu einer Zeit erzählt, als noch viel Land war und es an stillen Abenden galt, in geselliger Runde die Langeweile mit dem Erzählen zu vertreiben. Etwas, was heute durch die Informationsflut aus allen möglichen Kanälen nicht mehr passiert.

Auch die zahlreichen anderen Geschichten Hebels, in denen nicht selten von Situationen berichtet wird, die noch heute Manchem im Alltag passieren können, lohnen die Lektüre. Insbesondere sei dabei auch auf die Episoden hingewiesen, die sich bei Hebel oft in Wirtshäusern abspielen, einem Ort der Ausgelassenheit, die hin und wieder überzuschäumen droht.

Buchtipp: Ralf Langroth – „Mauern und Lügen“

Mit „Mauern und Lügen“ setzt der Autor Ralf Langroth in diesem Jahr eine 2021 begonnene Reihe mit spannenden, unterhaltsamen und geschichtsträchtigen Thrillern fort, die von den politischen Geschehnissen in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland inspiriert sind.

Hauptfigur ist der BKA-Kommissar Philipp Gerber. Er musste wegen seiner Gegnerschaft zum Nazi-Regime 1939 mit seiner Familie Deutschland verlassen und emigrierte Richtung USA. Dort arbeitete Gerber für den US-amerikanischen Geheimdienst CIC, der im Bereich Spionageabwehr tätig war. Als Soldat in Diensten der USA kehrte er 1945 nach Deutschland zurück.

In seiner Funktion beim Bundeskriminalamt ist er immer wieder in brisante Fälle verwickelt, bei denen die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges eine große Rolle spielen. Es geht dabei um die Konflikte zwischen den ehemaligen Verbündeten USA und der Sowjetunion, die zu konkurrierenden Großmächten geworden sind, politische Skandale wie den Fall John (Anm.: erster Präsident des Bundesverfassungsschutzes), Affären wie der Tod der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt und die Trennung Deutschlands in eine von den Alliierten besetzte Zone und eine von der Sowjetunion beherrschte Zone, aus der 1949 die DDR wird.

Letzteres bestimmt die Handlung von „Mauern und Lügen.“ Doch bevor sich das herauskristallisiert, passieren einige merkwürdige Dinge. Auf den eigentlich im Ruhestand befindlichen General Hiram Anderson, dem ehemaligen Chef Philipp Gerbers beim US-Militärgeheimdienst, wird bei seiner Ankunft in Deutschland ohne zunächst ersichtlichen Grund ein Attentat verübt, Gerber selbst wird in seinem Hotelzimmer überfallen – ebenfalls ohne zunächst ersichtlichen Grund – und entgeht nur knapp einem tödlichen Angriff; und seine Freundin, die Journalistin Eva Herden, wird von einer Vertreterin des DDR-Staates um eine positive Berichterstattung über die im Dienst des Sozialismus tätigen Baubrigaden gebeten, was ihr äußerst merkwürdig vorkommt. Damit nicht genug erhält Philipp Gerber von amerikanischer Seite die Information, dass der von dem schillernden und geheimnisumrankten Reinhard Gehlen geleitete Bundesnachrichtendienst an höchster Stelle von einem Spion in Diensten der Sowjetunion unterwandert worden ist.

Diese Geschehnisse sind auf den August 1961 datiert, ein Jahr, in dem der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, bei einer Pressekonferenz am 15. Juni, zwei Monate vor den dramatischen Ereignissen im Roman, den noch heute legendären und berüchtigten Satz „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“ fallen lässt. Dass das eine Lüge war, sollte sich bald herausstellen.

Wind von den Plänen für den Bau einer Mauer zwischen Ost- und West-Berlin bekommt die Journalistin Eva Herden bei ihren Recherchen über die Baubrigaden in Ost-Berlin; und sie steht vor der Frage, wie sie mit dieser äußerst brisanten Information umgehen soll, denn die Stasi, der Geheimdienst der DDR hat sie im Blick.

Auch ihr Freund Philipp Gerber steht vor einem Dilemma. Auf Veranlassung seines Chefs vom Bundeskriminalamt soll er sich in Kontakt mit dem Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes setzen, der unter Spionageverdacht steht – ohne dass sein Chef davon weiß. Es geht um eine von höchster politischer Ebene gewünschte Zusammenarbeit zwischen dem BKA und dem BND. Damit nicht genug, wird er von dem Chef des Bundesnachrichtendienstes auch noch in einen anderen Fall von Spionage involviert. Und an seiner Seite steht – wissentlich oder unwissentlich – der unter Spionageverdacht stehende Mitarbeiter. Wer auf welcher Seite steht, wird immer unklarer.

Mehr wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Nur Folgendes muss noch erwähnt werden: Wie gewohnt besticht der neue Roman von Ralf Langroth durch akribische zeitgeschichtliche Recherche bis ins letzte Detail. Der Leser wird unmittelbar in die Bundesrepublik der 1950-er und 1960-er Jahre versetzt. Und wie bei den Vorgängern der Reihe um Philipp Gerber und Eva Herden bekommt er eine packende Story geboten, die ihre Spannung bis zum Schluß hält – kurzum eine absolute Leseempfehlung.

Buchtipp: Alfred Andersch – Der Vater eines Mörders

„Diesen hör ich, sind wir los geworden Und er wird es nicht mehr weiter treiben Er hat aufgehört, uns zu ermorden. Leider gibt es sonst nichts zu beschreiben. Diesen nämlich sind wir los geworden Aber viele weiß ich, die uns bleiben.“ – dieses Zitat von Bertolt Brecht aus dessen Text „Auf den Tod eines Verbrechers“ stellt Alfred Andersch seiner Erzählung „Der Vater eines Mördeers“ voran. Und spätestens auf Seite 47 dieses posthum erschienenen Werkes wird mit der Nennung eines Namens klar, worauf Brecht mit seinen bewusst kalt klingenden, von jeglichem Mitleid freien Zeilen ansprach: Himmler. Wer in diesem Zusammenhang an Heinrich Himmler, SS-Chef während der Herrschaft des Nationalsozialismus und einen der schlimmsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte, denkt, ist schon auf der richtigen Spur, aber nicht ganz.

Brechts Worte betrafen allerdings nicht nur eine Person, sondern alle vom Ungeist des Nationalsozialismus beherrschten Menschen und deren menschenverachtende, raubmörderische Ideologie.

Der Autor (*1914 +1980), den vor allem viele Abiturienten älteren Jahrgangs wegen seines Romans „Sansibar oder der letzte Grund“ kennen, der Ende der 1970-er, Anfang der 1980-er Jahre und auch in späteren Zeiten oft noch verpflichtende Schullektüre war, beschäftigte sich in seinen vielfach autobiografisch geprägten Werken immer wieder mit dem Nationalsozialismus, dessen Ursachen, Voraussetzungen und Folgen. Unter anderem in seinem Roman „Winterspelt“, in dem er seine Desertation aus der deutschen Wehrmacht und das Überlaufen zur US-Armee im Zweiten Weltkrieg thematisiert.

In seiner ebenfalls autobiografisch geprägten Erzählung „Der Vater eines Mörders“ geht Andersch zurück in den Monat Mai des Jahres 1928. Aus der Sicht der Figur des Franz Kien, Schüler am Wittelsbacher Gymnasium in München, schildert er ein äußerst eindrückliches Erlebnis, das den immer noch herrschenden autoritären Geist der eigentlich vergangenen Ära Kaiser Wilhelms II. widerspiegelt, neun Jahre nach der durch die November-Revolution erzwungene Abdankung dieses seinem Amt nicht gewachsenen Monarchen.

Der neue Geist der 1919 mit der Weimarer Republik geschaffenen Demokratie hatte sich noch längst nicht in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens durchgesetzt. Das galt auch für die Schulen. Nationalismus und der blinde Glaube an überkommene Hierarchien bestimmten das Denken vieler Deutscher

Sehr deutlich wird das in der Erzählung von Alfred Andersch durch das Auftreten des Schuldirektors während einer Griechisch-Stunde. Was zunächst wie eine Inspektion des Unterrichts beginnt, entfaltet sich zu einem „Miniaturdrama auf engstem Raum und in kürzester Zeit“, wie der deutsche Journalist, Autor, Literatur- und Filmkritiker Wolfram Schütte schreibt.

Andersch schreibt von einem Erlebnis, dass sich unauslöschlich bei ihm eingebrannt hat.

Ohne Ankündigung tritt der „Rex“, wie er von Schüler Franz Kien – Alter ego von Alfred Anersch in mehreren seiner Werke – genannt wird, noch vor Unterrichtsbeginn in den Klassenraum der Untertertia ein. Auch Lehrer Kandlbinder ist nicht informiert. Mit der Zeit übernimmt der „Rex“ den Unterricht, kritisiert den Wissensstand der Schüler in verächtlichem Ton als nicht ausreichend und nimmt auch die dem Unterricht zugrunde liegende Grammatik aufs Korn, die er voll Hohn und Spott als nicht geeignet für die Altersklasse der Untertertia erklärt.

Die Degradierung des Lehrers ist in vollem Gange, doch richtig schlimm wird die Situation im Klassenraum mit dem Auftritt des von Kandlbinder aufgerufenen Schülers Konrad von Greiff, der eine Frage zur griechischen Grammatik beantworten soll. Er antwortet auf die Aufforderung seines Lehrers mit einem süffisant klingenden „Sehr gerne, Herr Doktor Kandlbinder“ und unterstreicht damit für alle deutlich die Ablehnung der Autorität Kandlbinders, und das auch noch in Gegenwart des Schuldirektors. Der „Rex“ bezeichnet die Antwort von Greiffs als unerlaubte Bereitwilligkeitserklärung, verweist auf die als Anrede für alle Lehrer gängige Titulierung Professor (nicht Herr Doktor) und verordnet als Strafe zunächst eine Stunde Arrest. Doch damit ist der Konflikt noch lange nicht beendet. Jetzt nimmt sich der Schuldirektor den Schüler weiter vor und kanzelt ihn vor der ganzen Klasse mit dem lateinischen Zitat „Quod licet Jovi, non licet bovi“ ab, was in deutscher Übersetzung „Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt“ heißt und sich in der Erzählung von Andersch darauf bezieht, dass der „Rex“ Lehrer Kandlbinder aufgrund seines hohen Ranges als Herr Doktor ansprechen kann, aber nicht der Schüler von Greiff. Und dann kommt eine Antwort, die vor allem wegen eines Namens einen großen Schrecken beim Leser auslöst: „Ich gehöre nicht zum Rindvieh“, stieß er (Konrad von Greiff) hervor. „Und Sie sind nicht Jupiter. Für mich nicht! Ich bin ein Freiherr von Greiff, und Sie sind nichts weiter als ein Herr Himmler.“

Jetzt ist der Name gefallen, der Name eines der schlimmsten Verbrecher in der Zeit der totalitären und mörderischen Nazi-Herrschaft, Chef der gefürchteten SS und verantwortlich für den millionenfachen Mord an den Juden; doch bei dem in der Erzählung angesprochenen Himmler handelt es sich nicht um den Nazi-Schergen, sondern um dessen Vater, der eher der katholischen, deutsch-nationalen Bayrischen Volkspartei zuzuordnen ist. Vater und Sohn stehen also in unterschiedlichen politischen Lagern und sind übrigens dadurch in Streit geraten, wie vom Vater Franz Kiens im Gespräch mit seinem Sohn zu erfahren ist.

Im „Nachwort für Leser“ belegt Alfred Andersch den autobiografischen Bezug seiner Erzählung: „Ich bin es doch gewesen, ich und niemand anderer, der von dem alten Himmler in Griechisch geprüft und infolge des blamablen Ergebnisses aus dem humanistischen Gymnasium eskamotiert (entfernt) worden ist.“ In der Figur des Franz Kien, die dem Erzähler nach eigenen Worten „eine gewisse Freiheit des Erzählens“ ermöglicht, wird Alfred Andersch zum weiteren Opfer des autoritären Himmler sen.

Die vom Rex gestellte Aufgabe, den Satz „Es ist verdienstvoll, Franz Kien zu loben“ als Beispiel für den Gebrauch des Infinitivs ins Griechische zu übersetzen, kann er nicht erfüllen und wird vor seinen Schulkameraden in unerbittlichster Weise vorgeführt.

Zwei Sätze Himmlers bringen das zum Ende der Examination Kiens deutlich zum Ausdruck: „Du wirst die Untertertia nicht erreichen“ und „Dabei könntest du, wenn du wolltest. Aber du willst nicht.“ Aber damit hört die Degradierung noch nicht auf. Auf die zunächst persönlich klingende Frage nach den beruflichen Ambitionen Kiens, der auf diese mit Schriftsteller antwortet und auf die nach seinem Lieblingsautor mit Karl May, kommt ihm nochmals die geballte Verachtung Himmlers sen. entgegen; und dieser wird dann auch noch in privaten Angelegenheiten Kiens indiskret, ebenso, wie er es bei Konrad von Greiff und dessen familiärer Biographie (Beleidigung des Standes der Freiherrn als Bauernschänder) getan hat. Er unterlässt es nicht, vor der ganzen Klasse auf die Armut der Familie Kien hinzuweisen, die nicht in der Lage sei, das Schulgeld zu bezahlen, dass man nur erlassen könne, wenn die Leistungen von Franz und seinem Bruder Karl, der ebenfalls das Gymnasium besucht, gut wären, was sie aber nicht seien.

Die Erzählung endet mit dem Verlassen des Klassenzimmers vor Unterrichtsende durch den „Rex“ und mit der von Franz Kien gleichgültig aufgenommenen Degradierung, der nach der Schule seinen freizeitlichen Aktivitäten wie gewohnt nachgeht. Fünf Jahre später erfolgt die Machtübernahme in Deutschland durch die Nationalsozialisten, aber das ist ein anderes Kapitel.

Vorhang zu und alle Fragen offen? Zur Figur des Schuldirektors Himmler gibt es im Nachwort von Andersch noch ein paar Informationen, die eine ungefähre Annäherung an diese Person ermöglichen. Der Autor rechnet ihn der Kaderschule des bairischen Ultramontanismus zu, einer politischen Haltung des Katholizismus, die sich insbesondere in deutschsprachigen Ländern auf Weisungen von der päpstlichen Kurie, also aus dem von dort aus gesehen „jenseits der Berge“ (lateinisch ultra montes – gemeint sind die Alpen) liegenden Vatikan stützte. Diese Haltung ging einher mit dem Antimodernismus, einer Strömung innerhalb der gesamten katholischen Kirche, die sich insbesondere in der zweiten Hälfte ds 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gegen gesellschaftliche und politische Reformen zur Durchsetzung von Menschenrechten und Demokratie wandte, kurz gesagt gegen unser heutiges Verständnis einer demokratischen Gesellschaftsordnung, deren Vorprägung es schon in der Weimarer Republik gab.

Ob Himmler sen. sich mit seinem Sohn Heinrich, einem fanatischen Anhänger der Nazi-Ideologie, nach der Machtergreifung durch die NSDAP aussöhnte, bleibt offen. Nur eine Ehrensalve der SS nach dessen Tod über seinem Sarg ist überliefert. Was bleibt, ist die Tatsache, „daß der alte Himmler der Vater eines Mörders war.“ Wie Andersch weiter ausführt, ist die „Bezeichnung Mörder für Heinrich Himmler… milde; er ist nicht irgendein Kapitalverbrecher gewesen, sondern, so weit meine historischen Kenntnisse reichen, der größte Vernichter des menschlichen Lebens, den es je gegeben hat.“

Der Autor erhebt trotz dieses familiären Hintergrundes für seine Erzählung nicht den Anspruch, „die private, die persönliche Wahrheit dieses Menschen, des Rex, zu bestimmen“, und auch Kausalitäten zwischen der Persönlichkeit des alten Himmler und der Entwicklung seines Sohnes zu einem der größten Verbrecher der Nazi-Diktatur mag er ungern herstellen. Andersch erläutert seine Haltung zu diesen Fragen in aller Ausführlichkeit: „War es dem alten Himmler vorbestimmt, der Vater des jungen zu werden? Mußte aus einem solchen Vater mit Naturnotwendigkeit, d. h. nach sehr verständlichen psychologischen Regeln, nach den Gesetzes des Kampfes zwischen aufeinander folgenden Generationen und den paradoxen Folgen der Familien-Tradition, ein solcher Sohn hervorgehen? Waren beide, Vater und Sohn, die Produkte eines Milieus und einer politischen Lage, oder, gerade entgegengesetzt, die Opfer von Schicksal, welches bekanntlich unabwendbar ist – die bei uns Deutschen beliebteste aller Vorstellungen? Ich gestehe, daß ich auf solche Fragen keine Antwort weiß.“

Und als Autor nimmt Andersch für sich in Anspruch, kein Interesse am Schreiben einer Geschichte mit klaren Zuordnungen zu den darin handelnden Personen zu haben: „Ein Interesse… wird ausschließlich durch den Anblick offener Figuren ausgelöst, nicht von solchen, über die ich schon ganz genau Bescheid weiß, ehe ich anfange, zu schreiben.“

Trotzdem bleibt für Andersch eine Frage: „Angemerkt sei nur noch, wie des Nachdenkens würdig es doch ist, daß Heinrich Himmler, – und dafür liefert meine Erinnerung den Beweis -, nicht wie der Mensch, dessen Hypnose er (gemeint ist Adolf Hitler, dessen glühender Anhänger Heinrich Himmler war) erlag, im Lumpenproletariat aufgewachsen ist, sondern in einer Familie aus altem, hunmanistisch fein gebildetem Bürgertum. Schützt Humanismus denn vor gar nichts? Die Frage ist geeignet, einen in Verzweiflung zu stürzen.“

Was bleibt ist eine spannende und tiefsinnige, um viele wesentliche Fragen kreisende Erzählung aus der Zeit der von vielen Irrungen und Wirrungen geprägten Weimarer Republik, die unbedingt die Lektüre lohnt. Zitiert sei an dieser Stelle der bekannte Literaturkritiker Joachim Kaiser, einer der führenden Vertreter seiner Zunft über mehrere Jahrzehnte, aus einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung: „Ein meisterhafter Text, ein konzentriertes, dramatisches, spannendes Prosa-Stück.“

Buchtipp: Hans Traxler – Meine Klassiker Bildergedichte

Lesern der Satiremagazine „Pardon“ und „Titanic“ ist der Name Hans Traxler ebenso vertraut wie Lesern der Zeitungen „Frankfurter Allgemeine“, „Süddeutsche Zeitung“ oder „Die Zeit“. In seinen mit äußerst feinem Strich gearbeiteten Cartoons, Bildergeschichten und Illustrationen nimmt er sich voller Humor unter anderem der großen Namen aus Politik, Wissenschaft, Literatur, Malerei und Philosophie an.

Für das bei Reclam erschienene Bändchen „Meine Klassiker“ hat er eine Auswahl seiner schönsten Bildergedichte getroffen, bei der die Erotik keine geringe Rolle spielt. Der Leser erfährt dabei so Manches, was er von Goethe, Flaubert, Freud, Nietzsche, Marx und manchen mehr vielleicht so nicht gedacht oder vermutet hätte. Mit Traxlers Hilfe vermag er einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und trifft die Geistes- und Künstler-Heroen hin und wieder gewissermaßen mit heruntergelassener Hose an.

Der Einstieg beginnt mit dem frivolen, von viel Alkohol und Eros begleiteten Treiben des größten Geistesheroen der deutschen Klassik überhaupt, Johann Wolfgang Goethe, während seines legendären Aufenthaltes in Rom. Konservative Goethe-Exegeten dürften entsetzt sein, was Traxler über den gottgleich verehrten Dichter zu zeichnen und zu dichten weiß. Der Sockel, auf den Goethe so oft gestellt wird, scheint brüchig geworden zu sein.

Während das Liebesleben bei Goethe seinen lockeren Gang nimmt, hakt es bei dem ein oder anderen Prominenten. So muss sich der weltberühmte Dr. Sigmund Freud aus unerklärlichen Gründen auf die Suche nach seinem „P…“ machen, der Philosoph Friedrich Nietzsche wird von einer Frau aus dem Hause geschmissen und erhält erst wieder Einlass nach dem Vorzeigen einer Peitsche („Gehst Du zum Weibe, vergiss…“), der große Frauenliebhaber Giacomo Casanova hat mit nachlassenden Triebgelüsten zu kämpfen, und der vom Bazillenwahn befallene Virologe Robert Koch ist von seiner Freundin Mabel nur mit dem Rufe „Stroptokokken“ in die Kissen zu locken.

Das Buch „Meine Klassiker“ und seinen Zeichner und Dichter Hans Traxler aber nur auf das Thema der Erotik zu reduzieren, ist allerdings zu kurz gegriffen. Traxler weiß auch um die Eitelkeiten und intellektuellen Probleme seiner prominenten Figuren. Beispielhaft wird das unter anderem an zwei Ausnahmefiguren der deutschen Literatur deutlich.

Entgegen der vermeintlichen und oft behaupteten Geistesbruderschaft von Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller, wie sie sich auch in dem Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater in Weimar ausgedrückt findet, geht es in dem Bildergedicht „Olympischer Diskurs“ um den Streit, wer von den beiden der Größere sei; und es wird deutlich, dass dieser nicht von Schiller ausgeht, sondern von Goethe, diesem eitlen Pfauen.

Goethe, das wird spätestens mit einem weiteren Bildergedicht, „Zwei deutsche Künstler in der Campagna“ klar, geht auch mit anderen Kollegen, in diesem Falle dem Maler Johann Heinrich-Wilhelm Tischbein, nicht viel anders um als mit Schiller. Mehr darüber, was im Vorfeld des 1787 entstandenen Porträts „Goethe in der römischen Campagna“ geschehen ist, soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden.

Einer der bekanntesten Physiker, Mathematiker, Astronomen und Denker der Welt ist Sir Isaac Newton. Von ihm stammt unter anderem das Gravitationsgesetz, besser bekannt als das Gesetz von der Schwerkraft. Es gehört zu den bekanntesten und grundlegendsten Erkenntnissen der Wissenschaften mit geradezu revolutionärer Wirkung. Was weniger bekannt ist, sind die Schwierigkeiten, die dieses Gesetz seinem Schöpfer zu Lebzeiten (*1643 +1727) bereitete. Davon handelt auf äußerst anschauliche Weise das Bildergedicht „Newtons Gesetz“.

Und so geht es in Hans Traxlers Buch „Meine Klassiker“ unterhaltsam, lehrreich und vor allem humorvoll weiter und weiter. Insgesamt vereint das Buch über 40 Bildergedichte, und wer schon immer mal wissen wollte, warum Hans Traxler so gerne zeichnet, wird auch noch fündig.

Buchtipp: Thilo Mischke: „Alles muss raus – Notizen vom Rand der Welt“

Der Reporter, Globetrotter und Abenteurer Thilo Mischke (Journalist des Jahres 2021) ist unterwegs zu den Rändern der Welt und auf der Suche nach dem, was wirklich wichtig ist.

Wer über 100 Länder der Welt bereist hat, hat gewiss was zu erzählen. Vor allem wenn man einen offenen Blick für Menschen und ihre Geschichten hat, und einen unersättlichen Lebens- und Erfahrungshunger.

Dass das für den Journalisten, Autor und Fernsehmoderator Thilo Mischke gilt, wird schon bei der ersten Story – Titel „Mit dem Tod beginnen“ – aus seinem 2022 erschienenen Buch „Alles muss raus – Notizen vom Rand der Welt“ deutlich. Entgegen des auf dem Klappentext nachzulesenden Satzes „Es ist nicht der Reiz des Extremen, der ihn in die entlegensten Ecken treibt“ scheint ihn genau dieser Reiz zu treiben.

In einem der neun Höllenkreise von Dantes „Inferno“

Die ersten Seiten der Beschreibung seines Aufenthaltes in El Salvador wirken, als sei er in einem der neun Höllenkreise von Dantes „Inferno“ gelandet. In einem der gewalttätigsten Länder der Erde, das von jahrelangen, blutigen und tödlichen Bandenkriegen beherrscht wird, macht sich Thilo Mischke mit einem Kamerateam und einem Forensiker auf den Weg zur Bergung einer Leiche, inmitten einer unwirtlichen, von Hitze und Trockenheit ausgemergelten Landschaft.

Diese Geschichte entwickelt sich zu einer starken persönlichen Reflexion über den Tod.“

Der Tote ist ein Opfer der Bandenkriege. Ob er auch Täter ist, lässt sich nicht klären. Diese Geschichte entwickelt sich zu einer persönlichen Reflexion über den Tod. Mit bestechend klarer Sprache beschreibt er neben seiner Reise in die Finsternis eines mittelamerikanischen Landes im stetigen Wechsel das Dahinsiechen seiner geliebten Oma, deren allmähliches Ableben er bis zum letzten Atemzug mitbekommt.

Das Nebeneinander zweier Handlungsstränge kennzeichnet auch die weiteren Geschichten. In „Wir wurden wenige. Über Freundschaft“ verwebt Mischke persönliche Betrachtungen über die Freundschaft mit der Erinnerung an eine Reise auf Island mit dem besten Freund, den er aus nicht benannten Gründen verloren hat, und mit einem Aufenthalt in Somalia, einem Land, einem „failed state“, der an einem jahrelangen und unerbittlichen Bürgerkrieg zerbrochen ist, und über das er berichten soll. Verlust und Tod schweben über allem.

Persönliche Neugierde und naive Vorstellungen

Immer wieder geht es dem Autor um die ganz großen Sachen, um Leben und Tod, Abenteuer und Gefahr; und er ist dabei so ehrlich, zuzugeben, dass bei seinen Geschichten aus den gefährlichsten Ecken der Welt persönliche Neugierde und naive Vorstellungen – „Ich wollte diese Kriege sehen, weil ich wissen wollte, was sie sind, wie sie funktionieren. Ich wollte, ganz romantisch verträumt, mit schusssicherer Weste und Staub im Gesicht bewundert werden“ – keine unwesentliche Rolle spielen.

Was Mischke aber vor allem klar machen will, ist, dass es in vielen Ländern der Erde die von den meisten Menschen im Westen lange verdrängte Realität des Krieges gibt, die die meisten nur aus den Nachrichten kennen, deren Randerscheinungen uns aber auch schon in Form von Anschlägen begegnet sind, vom 11. September 2011 in New York über Madrid und London bis zum Breitscheidplatz in Berlin. Und nach dem brutalen Überfall Russlands in die Ukraine auch noch ein bedrohlicher Krieg direkt an Europas Grenzen.

Tröstlich immerhin: Es gibt in Mischkes Buch auch eine Liebesgeschichte, zwar nicht von Dauer, aber intensiv und nachrücklich in der Erinnerung des Autors.

Thilo Mischke, „Alles muss raus – Notizen vom Rand der Welt“, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-27872-7

Der Hintergrund zu den Liedern und manchem mehr

Paul McCartney gibt in seinem zweibändigen, sehr aufwendig und liebevoll gestalteten Buch „Lyrics“ Einblicke in das eigene Schaffen und das der Beatles.

Als Fan der besten Band der Welt kam ich natürlich an einem Buch nicht vorbei, und das war das zweibändige, beim C. H. Beck Verlag erschienene Werk „Lyrics“ von Paul McCartney. Der Ex-Beatle, der vor allem mit John Lennon Musikgeschichte prägte wie kaum jemand sonst, hat darin Texte der Beatles-Songs und auch Songs der Nach-Beatles-Ära, autobiografische Kommentare aus erster Hand, handgeschriebene „lyrics“, Erinnerungsstücke, Fotografien und manches mehr zusammengestellt – kurzum neue und bisher unbekannte Einblicke in das Leben und Schaffen sowohl der Beatles als auch Paul McCartneys.

Wie Paul McCartney im Vorwort zu „Lyrics“ schreibt, war er schon immer wieder mal dazu gedrängt worden, eine Autobiografie auf Papier zu bringen. Aber das sollte nie so richtig gelingen; es fehlte einfach die Zeit. „Meist zog ich Kinder groß oder war auf Tour“, berichtet er. Keine guten Bedingungen, um sich für längere Zeit auf das Erlebte zu konzentrieren, Erinnerungen zu ordnen und sie niederzuschreiben. Und Tagebücher oder dergleichen waren auch nicht vorhanden.

Was es aber immer gab waren seine Songs und natürlich die mit John Lennon gemeinsam geschriebenen, entstanden über einen Zeitraum von inzwischen über 65 Jahren. Sie sind es, die alphabetisch geordnet die Grundstruktur der beiden Lyrics-Bände bilden.

Wer wissen möchte, wie die Songs entstanden sind, welche Inspirationsquellen es gab und was sich hinter manchen Textzeilen verbirgt, deren Sinn sich nicht immer gleich direkt erschließt, wird in diesem Mammut-Werk fündig.

Als ein Beispiel von vielen: „Get back“ aus dem Jahre 1969, geschrieben mit John Lennon in der Endphase der Beatles kaum ein Jahr vor der Trennung. In McCartneys Erinnerung ging es angesichts der sich immer deutlicher abzeichnenden Auflösung der Band aufgrund von persönlichen und künstlerischen Differenzen bei dem Song um Sehnsucht, um die Rückkehr zu den Wurzeln und konkret um eine Wiederbelebung der Band, die wieder gemeinsam spielt und auftritt. Doch John Lennon gab im Gespräch mit McCartney zur Antwort: „Ich mache nicht mit, ich steige aus. Tschüss“. Und so endete eine unvergeßliche Ära der Musikgeschichte, aber die Erinnerung bleibt.

Kunstbetrachtungen, Teil 4: Kunst soll verstanden werden

Auf einen wesentlichen Faktor bei der Betrachtung des Themas Kunst weist der Professor der Philosophie, Georg W. Betram, hin: Den Betrachter, auch Rezipient genannt.

Eine Lektüre-Empfehlung zum Thema Kunst ist das beim Verlag Reclam erschienene Buch „Kunst – Eine philosophische Einführung“ von Georg W. Bertram, Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin.

Offenheit der Sinne, Sich-Zeit-Lassen …

Gleich zu Beginn seiner Ausführungen bringt er einen wichtigen Punkt in die Diskussion um das Thema Kunst ein: Arbeit. Im Zusammenhang mit der Kunst kann sie philosophisch als Prozess der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen angesehen werden. Die geleistete Arbeit ist laut Bertram mit einer gewissen Anstrengung verbunde. Während der Künstler aus unterschiedlichen Motiven Materialien und mit einer Idee vor Augen ein Werk formt, geht es bei dem Betrachter um Aufmerksamkeit, Verständnis, Offenheit der Sinne, Sich-Zeit-Lassen und manchem mehr. „Die Arbeit, die Kunst für diejenigen darstellt, die mit ihr Erfahrungen machen, ist geistiger Natur. Kunst muss in irgendeiner Art verstanden werden“, erklärt der Autor.

Und was bedeutet das? Es geht zunächst um die Fähigkeit, Unterschiede zu erkennen und Strukturen zu erfassen, nicht gleich um ein allumfassendes Verständnis. Bertram sieht Verstehen als einen Prozess an, der sich nicht sofort in Worten ausdrücken lässt. Als Beispiel nennt Bertram das schwarze Kreuz von Kasimir Malewitsch, einem der führenden Vertreter der abstrakten Kunst in den 1920-er Jahren.

Zunächst geht es um die Intensität der sinnlichen Erfahrung, die mit dem … Werk gemacht wird.“

Zunächst geht es um die Intensität der sinnlichen Erfahrung, die mit dem genannten Werk gemacht wird. „Ich muss aber meine Erfahrung als eine erleben, die genau diesen Inhalt – die Erfahrung einer sinnlichen Intensität schwarzer Farbe – hat. In der Erfahrung steckt unter anderem eine Beherrschung des Unterschieds von Schwarz und Grau“, schreibt Bertram. Klingt banal, ist es aber nicht, wenn darüber nachgedacht wird, wie das menschliche Hirn zu unterscheiden lernt.

Wie Bertram weiter ausführt, sind „Kunstwerke nicht nur Gegenstände der Wahrnehmung und der sinnlichen Auseinandersetzung, sondern auch und in erster Linie des Verstehens“. In diesem Zusammenhang kommt natürlich auch die Philosophie ins Spiel, die sich schon immer mit dem Prozess des Verstehens beschäftigt hat und daher auch die Kunst in den Blick genommen hat.

Bertram betont, dass die Philosophie Hilfsmittel und Einsichten für die geistige Auseinandersetzung mit der Kunst entwickelt habe.

Verstehen von Kunst keine leichte Sache

Dass es aber mit dem Verstehen von Kunst keine leichte Sache ist und dass Kunst auf Missvertändniss gestoßen ist und immer noch stößt, ist auch dem Autor von „Kunst – Eine philosophische Auseinandersetzung“ bewusst. Er verweist in diesem Zusammenhang auf zwei Ereignisse aus dem Jahre 1913, die einen Kunst-Skandal sondergleichen auslösten.