Kunstbetrachtungen, Teil 11

Kunst als Selbstverständigung

In der letzten Folge der Kunstbetrachtungen, basierend auf dem Buch „Kunst – Eine philosophische Einführung“, ging es um Kunst und das Nachdenken über sie.

Autor Georg W. Bertram verbindet im Kapitel „Die Unausweichlichkeit des Nachdenkens über Kunst“ die Selbstverständigung, die beim Betrachter eines Kunstwerks ausgelöst werden kann, mit der vielfach geteilten Beobachtung, „dass Kunst immer und unentwegt umstritten ist“.

Prozess der Selbstverständigung

Betram führt das darauf zurück, dass die Selbstverständigung mit einem Kunstwerk zumeist höchst individuell ist: „Die Betrachterin (beziehungsweise der Betrachter) sieht sich in ihren (seinen) eigenen Verständnissen angesprochen. Das Bild sagt ihr (ihm) etwas mit Blick darauf, was sie über Menschen, Tiere und Welt, über die kleinen und großen Dinge ihres Alltags denkt“.

Der Autor betont dabei, dass der Prozess der Selbstverständigung bei der Begegnung von Betrachter und Kunstwerk immer wieder neu anfängt, dass es aber auch gleichfalls geschehen kann, dass Kunstwerke einen nicht ansprechen, „sie auch stumm bleiben können, dass sie uns nichts über uns sagen“, wie Bertram schreibt.

Im Kapitel „Die Geschichtlichkeit der ästhetischen Erfahrung“ greift Betram die schon einmal angesprochene Geschichte von Kunst und Kunstwerken auf und formuliert entsprechend seiner vorherigen Gedankengänge folgerichtig die

… dass die Geschichte der Kunst als Kunst von ästhetischen Erfahrungen her verstanden werden muss.“

Georg W. Bertram, Philosoph und Autor

These, „dass die Geschichte der Kunst als Kunst von ästhetischen Erfahrungen her verstanden werden muss.“ Der Betrachter eines Werkes und die durch das Werk ausgelösten Gedanken sind von zentraler Bedeutung. Bertram schreibt: „Ein Gegenstand erweist sich erst dadurch als Kunst, dass er in einer bestimmten Weise als geeignet für die Klärung vom jeweiligen Selbstverständnis (einer Person oder mehrerer Personen) erfahren wird.

Ebenfalls folgerichtig ist ein weiterer Gedanke Bertrams: „Versteht man die Geschichte der Kunst auf der Basis ästhetischer Erfahrungen, hat Kunst keinen definitiven Anfang und auch kein definitives Ende. Was zu einer Zeit als ästhetisch wertvoll erfahren wird, kann zu einer anderen Zeit als bloßer Alltagsgegenstand gebraucht werden.“ Kurz gesagt: Er verliert an ästhetischem Wert.

Künstlerisches Erbe Bachs für Nachwelt gesichert

Das Auf und Ab dieser Entwicklung macht er an der Bedeutung von Musikern und ihren Kompositionen fest. Beispielhaft nennt Bertram die lange Zeit vergessene Musik der Renaissance, die eine Wiedererweckung erlebt hatte, und auch die ebenfalls vergessene Musik von Johann-Sebastian Bach, die durch eine Aufführung seiner „Matthäus-Passion“ eine Wiederbelebung erfuhr und Anlass wurde, „das überwältigende künstlerische Erbe Bachs für die Nachwelt zu sichern.“

Bertram verweist auf die Philosophen Hegel und Heidegger, die in ihren kunstphilosophischen Schriften die „spezifische Geschichtlichkeit ästhetischen Erfahrens“ thematisiert haben. Er spricht auch von einem Verstehen, das seinen jeweils eigenen geschichtlichen Horizont habe. So könne eine ästhetische Selbstverständigung ebenso in einer Auseinandersetzung mit einer zeitgenössischen Trance-Musik wie mit einem antiken Kultgegenstand zustande kommen.

Buchtipp: Jeremias Gotthelf – Die schwarze Spinne

Als es noch Tod und Teufel gab

„Über die Berge hob sich die Sonne, leuchtete in klarer Majestät in ein freundliches, aber enges Tal und weckte zu fröhlichem Leben die Geschöpfe, die geschaffen sind, an der Sonne ihres Lebens sich zu freuen.“ – mit diesem idyllisch und fröhlich klingenden Satz beginnt zunächst in aller Harmlosigkeit die Erzählung „Die schwarze Spinne“ des Schweizer Schriftstellers Jeremias Gotthelf (1797 – 1854).

Er berichtet darin von der abgeschieden gelegenen Welt der Alpenbauern seines Heimatlandes, die noch stark von ihren christlichen Traditionen früherer Jahrhunderte geprägt sind und dem heutigen Leser eher befremdlich vorkommen. Die Rollen der handelnden Personen sind festgelegt. Es gibt die herrschenden Bauern auf der einen Seite, Knechte und Mägde auf der anderen Seite, die sich zu fügen haben; und auch die Aufgaben der Männer und Frauen sind festgelegt. Die Männer kümmern sich um die Ställe, das Heu und die Bäume, die Frauen um den Garten und die Pflanzplätze. Eine zentrale Figur spielt gleichfalls der Landpfarrer als geistlicher Führer und Seelsorger, der in diesen beiden Funktionen fest in die Dorfgemeinschaft eingebunden ist.

Um zu verstehen, vor welchem geistigen Hintergrund diese Erzählung wie auch viele weitere Werke Gotthelfs entstanden sind, bedarf es eines genaueren Blickes auf das Leben des Autors und die Zeit, in der er lebte. Gotthelf entstammte einem Geschlecht bernischer Landpfarrer und hatte es in seiner Tätigkeit als Vikar und Pfarrherr in Lützelflüh, einer kleinen Gemeinde im Verwaltungskreis Emmental des Schweizer Kantons Bern, vor allem mit der ländlichen Bevölkerung zu tun. Erst mit 40 Jahren begann seine große literarische Karriere.

Wie der Literaturexperte Konrad Nussbächer in einem Nachwort zur Erzählung „Die schwarze Spinne“ schreibt, gehört Jeremias Gotthelf mit Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer zu den „drei großen Schöpfergestalten“ der Schweizer Literatur des 19. Jahrhunderts. Ihre unterschiedlichen Biografien bestimmten auch ihr Werk. Keller entstammte dem handwerklichen Kleinbürgertum Zürichs, und so war es schon fast festgeschrieben, dass er sich in seinen Romanen und Erzählungen mit der bürgerlichen Welt Zürichs und der Schweizer Kleinstädte auseinandersetzte. Ein Paradebeispiel dafür ist die Geschichtensammlung „Die Leute von Seldwyla“, deren Bekannteste ohne Zweifel „Kleider machen Leute“ ist. Conrad Ferdinand Meyer hingegen gehörte der Klasse der vornehmen Züricher Patrizierfamilien an. Sein Thema waren „die herrscherlichen Gestalten der Schweizer und der europäischen Geschichte, vor allem der Renaissance und des Barock.“ Und bei Gotthelf ist es die „Schweizer Bauernlandschaft … das gesegnete Emmental, mit seinen staatlichen Dörfern und großen Einzelhöfen, mit Acker und Vieh, Weide und Wald, mit seinen Menschen und ihren Schicksalen“, wie Konrad Nussbächer erläutert.

Dieses Umfeld bildet aber nur die Kulisse für die Darstellung menschlicher Existenz in all ihrer Vielfalt. Gräßliches und grausames Geschehen gehört ebenso dazu wie wilde, finstere, dämonische Leidenschaften und natürlich das ewige Thema von Gut und Böse.

Beim Beginn der Erzählung „Die schwarze Spinne“ ist das alles noch ganz fern. In aller Detailliertheit beschreibt Gotthelf das beschauliche Emmental mit seiner einzigartigen Landschaft und das Geschehen rund um eine Kindstaufe. Die Mägde sind mit den Vorbereitungen für reichhaltiges Essen und Trinken beschäftigt, und auch sonst gibt es viel zu tun, denn schließlich soll das Ereignis mit der ganzen Dorfgemeinschaft festlich gefeiert werden. Und so geschieht es auch. Fleißig wird getrunken und gegessen, es wird geplaudert, über den ein oder anderen gelästert und auch mancher Scherz macht die Runde.

Nachdem alle reichlich zu sich genommen haben, wird der Vorschlag angenommen, sich auf einen kleinen Verdauungsspaziergang zu begeben. Dabei fällt irgendwann der Blick auf das schöne, neue Haus der Gastgeber der Kindstaufe. Und einer der Frauen sticht etwas ins Auge. Obwohl eigentlich des Lobes voll über das Haus, und von dem Wunsch, selbst so eines haben zu wollen, beseelt, hat sie doch eine kritische Anmerkung in Richtung des Großvaters der Gastgeber: „Aber fragen möchte ich doch, nehmt es nicht für ungut, warum da gleich neben dem ersten Fenster der wüste, schwarze Fensterposten (Bystal) ist, der steht dem ganzen Hause übel an.“

Was sich hinter der scheinbaren Mißgestaltung verbirgt, möchte der Großvater gern verschweigen und versucht, sich auf Mangel an passendem Holz als Grund für die Verwendung älteren Materials herauszureden, doch die Neugierde der Anwesenden ist so groß, daß er nachgibt und eine gar schauerliche Geschichte davon erzählt, welche wirkliche Bewandnis es mit dem „wüsten, schwarzen Fensterposten“ hat.

Ein Zeitsprung über 600 Jahre zurück: Damals herrschten Ritter, „die man die Teutschen nannte“, über das Tal. Die Menschen, die dort lebten, waren Leibeigene, mussten den Zehnten und Bodenzinse geben und Frondienste leisten. Wie der Großvater berichtet, war die Not der Menschen am größten, als ein Hans von Stoffeln aus dem Schwabenlande die Herrschaft innehatte. Nicht genug damit, dass die Bauern auf Weisung des von Stoffeln auf einem Berg ein Schloss zu bauen hatten und so ihrer eigenen Arbeit mit Säen und Ernten nicht mehr nachkamen, sollten sie auch noch einen Schattengang anlegen und zu diesem Zweck innerhalb eines Monats 100 Buchen zum Berg transportieren, um diese dort anzupflanzen – eine Aufgabe, die nicht zu bewältigen war. Das Jammern und Weinen griff um sich und wollte kein Ende nehmen. Doch in diesem Moment stand plötzlich „lang und dürre ein grüner Jägersmann“ vor ihnen, auf dem „kecken Barett eine rote Feder“ und im „schwarzen Gesicht ein rotes Bärtchen“. Er erkennt die Not der Bauern und redet von einem tüchtigen Gespann, über dass er eventuell verfüge und mit dem „Holz und Steine oder Buchen und Tannen“ transportiert werden könnten. Erleichterung macht sich breit, bis die Bauern erfahren, welchen Preis der „Jägersmann“, der in Wirklichkeit der Teufel ist, von ihnen verlangt. Es geht dabei um das künftige Schicksal eines Kindes.

Vor dem Hintergrund des im 19. Jahrhunderts immer mehr zu erkennenden Kampfes „zwischen christlicher Ordnung und der drohenden Zersetzung durch den Zeitgeist“ ging es dem Autor in seinem Werk um „die tätige Hilfe für seine Kirchenkinder, um die Läuterung ihrer Seelen, um die Kräftigung und Rettung des Schweizer Bauernstandes“, wie Konrad Nussbächer in seinem Nachwort zur Erzählung „Die schwarze Spinne“ schreibt. Nussbächer erläutert die damaligen Zeitläufte und die Intentionen Gotthelfs: „Auch in die Schweiz war die nivellierende Strömung des Materialismus eingedrungen und unterhöhlte die lebendig gewachsene und gestufte, in christlicher Sitte verwurzelte Demokratie. In seiner geistlichen Praxis als Vikar und bald auch als Pfarrherr in Lützelflüth erkannte Bitzius (Gotthelfs bürgerlicher Name) mit scharfem Auge die Risse und Schäden im inneren Gefüge: Hochmut und Geiz, Ichsucht und Hartherzigkeit auf der Seite der Besitzenden, Trägheit und Schlendrian, Auflehnung und Zuchtlosigkeit bei den ländlichen Bediensteten; daneben eine furchtbare Armennot.“

Um diesen Mißständen zu begegnen, wählte Gotthelf im für damalige Verhältnisse schon etwas fortgeschrittenen Alter von 40 Jahren das Mittel der Literatur. Ihm war es ein zentrales Anliegen, „die Seelen aufzurütteln, den Schweizern einen wahren Spiegel der Zustände auf dem Lande vorzuhalten und gegenüber unbestimmten Verlockungen das Bild bewährter, echter Ordnung aufzurichten“, so Nussbächer.

In der Erzählung „Die schwarze Spinne“ bildet die grausige Geschichte von der schwarzen Pest, die ein Gebirgstal heimsucht, den Kern der Handlung. Und diese Pest kommt nicht schicksalhaft über die Menschen, sondern durch schwere Schuld und böse Leidenschaften. Nussbächer zufolge wird Gericht über die Schuldigen gehalten, „bei dem die ewigen metaphysischen Mächte, Gott und Teufel unmittelbar eingreifen“ wie in den großen literarischen Werken des Barock.

Kurzum: Der Leser stößt mit „Die schwarze Spinne“ auf ein wuchtiges Werk, dass den uralten Kampf von Gut gegen Böse auf plastische, spannende, aber auch lehrreiche Weise wieder aufleben lässt. Zu diesem Zweck hat Gotthelf visionäre Bilder von unheimlicher Kraft geschaffen, die einen nicht loslassen und lange nachwirken.

Buchtipp: Ludwig Tieck – Merkwürdige Lebensgeschichte Sr. Majestät Abraham Tonelli

Wie auf wundersame Weise aus einem Schneiderlehrling ein reicher Herrscher wird

„Ich fühlte bald, daß ich zu größern Dingen bestimmt sein müßte; denn ich merkte keinen sonderlichen Trieb zur Arbeit in mir. Ich wünschte mir immer, zaubern zu können oder ein König zu werden…“ – schon gleich zu Anfang der spannenden, unterhaltsamen und mit großem Humor geschriebenen Erzählung „Merkwürdige Lebensgeschichte Sr. Majestät Abraham Tonelli“ von Ludwig Tieck (*1773 +1853), einem der führenden Autoren der Romantik, macht der Protagonist mit Taufnamen Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli klar, wie sein künftiges Leben verlaufen soll. Doch seine Lebensverhältnisse geben das eigentlich nicht her.

Aus niedriger Herkunft stammend, gelingt es ihm gerade noch, eine Schneiderlehre in Wien zu beginnen – ohne allerdings daran viel Freude zu gewinnen. Bei seiner Vorstellung, ein großer und wohl vornehmer Mann zu werden, ohne irgendwelche Voraussetzungen dafür zu besitzen, auch kaum verwunderlich.

Basierend auf einer bekannten literarischen Vorlage entwickelt Tieck mit seinem Protagonisten die schon aus dem Barock bekannte Figur des Schelmen, der sich mit Lug und Trug durch das Leben kämpft. Ähnlichkeiten zum „Simplicissimus“ von Grimmelshausen sind deutlich zu erkennnen.

Entgegen der von den meisten der anderen Schriftstellern der Romantik verwendeten Stilelemente und Erzähl-Motive wie der Innigkeit eines Naturgefühls, dem Glauben an Liebe und Freundschaft sowie der Leidenschaft für Malerei und Musik setzt Tieck bei dieser Erzählung auf populäre Drastik, groben Humor, Phantasie und Laune, wie sie eben passt. Seine Figur Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli ist ein maßstablos naiver junger Mann, töricht wie ein Kind, das nur seinem direkten Nutzen verpflichtet ist, keiner Selbstkritik zugänglich ist, nichts dazulernt und nie über elementare Bedürfnisse wie ein fürstliches Mahl und viel Alkohol hinausdenkt. Aber mit der Vitalität eines Hanswurstes, der alle Last des Lebens im nu an sich abprallen lässt, folgt er seinem eigentlich unerreichbaren Ziel, ein von allen anerkannter Bürger (oder noch Höheres) zu werden, der wohlgenährt und materiell gesichert seinem Lebensabend entgegensieht.

Wie der Germanist und Autor Ernst Ribbat in einem Nachwort zur Erzählung schreibt, ist Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli womöglich ein Paradebeispiel für ein Gegenstück zum Fortschrittspathos der bürgerlichen Aufklärung. Statt eines nach Erkenntnis strebenden Menschen entwirft Tieck eine von Trieben gesteuerte Figur, die sich trotz unzureichender Erkenntnis- und Sprachfähigkeit durch das Leben wurstelt, mal mit weniger, mal mit mehr und dann richtig großem Glück, wie im Titel der Erzählung schon angedeutet. Schließlich ist aus dem Schneiderlehrling die „Majestät Abraham Tonelli“ geworden.

Wie aber konnte es dazu kommen? Hexenkünste, Geister und unterirdische Schätze, wie sie die damalige Literatur in immer neuen Variationen und Erscheinungsformen hervorbrachte, spielen dabei eine wichtige Rolle; ansonsten wäre eine solche Karriere, wie die des Helden, zu damaliger Zeit kaum möglich gewesen.

Von seinem Meister nicht ganz zu Unrecht als „Lumpenhund“ bezeichnet und von den übrigen Handwerksburschen wegen seiner goßspurigen Art gescholten und auch verprügelt, macht sich Abraham Anton auf die Wanderschaft. Mit der Vorstellung im Kopf, dass es ihm eigentlich leicht fallen müsse, „binnen kurzem ein großer und vornehmer Mann zu werden.“

Die Realität ist eine andere: Proviant und Reisegeld gehen aus, wilde Tiere und Mörder trachten ihm nach dem Leben, doch Autor Ludwig Tieck gibt seinem Helden immer wieder eine Chance. Mithilfe von schon angesprochenen Hexenkünsten und Geistern gelangt der zu Wunderkräften und ungeahnten Schätzen, die er aber aus Großmannssucht, Völlerei und anderen Charakterschwächen immer wieder aus den Händen gibt. Die gemachten Erfahrungen lehren ihn nichts. Wie es ihm dann doch gelingt, Kaiser zu werden und ein mehr als auskömmliches Leben zu führen, wird an dieser Stelle nicht verraten, denn dieser Text soll nur ein wenig zur Lektüre dieser wunderbaren, unterhaltsamen und äußerst humorigen Erzählung ermuntern. Glauben Sie mir!

„Lob der Demokratie“ – gegen rechte und faschistische Umtriebe in Deutschland

Lesung der Theaterwerkstatt in der Kornmühle in Nordhorn

Vor dem Hintergrund immer mehr um sich greifender rechter und demokratiefeindlicher Gesinnungen und Handlungen in Teilen der Gesellschaft lädt die Theaterwerkstatt Nordhorn in Kooperation mit der Initiative „Grafschaft zeigt Gesicht“ zu mehreren Lesungen mit dem Titel „Lob der Demokratie“ in die Kornmühle ein.

Gelesen wird unter anderem aus dem Werk von Kurt Tucholsky, Kurt Tucholsky war als Schriftsteller und Autor von Zeitschriften wie „Der Weltbühne“ einer der größten Verfechter der ersten Demokratie in Deutschland, der „Weimarer Republik“, und einer der führenden Gegner der Nationalsozialisten.

Aus Verzweiflung über den Sieg der Nationalsozialisten bei der Wahl im Jahre 1933 setzte er 1935 im Exil in Schweden seinem Leben ein Ende. Unter anderem in seinen Q-Tagebüchern, die er von 1934 bis 1935 schrieb, setzte er sich – manchmal auch in sehr drastischer, aber vor dem geschichtlichen Hintergrund auch nachvollziehbarer drastischer Sprache – mit dem aufgekommenen und sich verbreitenden Faschismus sowie dem damit einhergehenden Antisemitismus auseinander, aber auch mit der Feigheit der von den Nazis bedrohten Personen, seien es Betroffene wie die Juden selbst zu damaliger Zeit oder andere von Verfolgung bedrohte Personenkreise. So wird Tucholsky in seinem schwedischen Exil von folgender Äußerung aus seinem näheren oder ferneren Bekanntenkreis berichtet: „Das ist das einzig Richtige. Hier sollen auch gar keine Juden mehr nach Schweden kommen, das steigert nur den Antisemitismus, und die Juden sollen sich überhaupt in nichts hineindrängen …“ Tucholskys Antwort darauf in seinen Q-Tagebüchern: „Nun, daß solch ein Hosenhändler (Anm.: ein Jude) seine privilegierte Stellung des Schutzjuden den andern gegenüber ausspielt, selbst aber nicht daran denkt, (aus Deutschland) wegzugehen, das haben wir ja schon mal erlebt. Was mich an diesen Leuten so tief empört, ist die Konzession: Ja, wir sind ein Dreck und müssen uns verkriechen. Sie haben so gar keine Würde, so gar kein Gefühl für echte Gleichberechtigung …“. Kurt Tucholsky, der gleichfalls aus einer jüdischen Familie stammt, ist entsetzt über die Haltung anderer Juden, die sich – wissentlich oder unwissentlich – vor ihrem drohenden Schicksal wegducken.

Dieses Entsetzen Tucholskys ist auch einer anderen Eintragung in seinem Q-Tagebuch zu entnehmen. Ursache dieses Entsetzens ist die Lektüre einer Zeitung: „Habe im Läsesaal (Lesesaal) eine Coullion-Zeitschrift (Anm.: Coullion bedeutet in der Übersetzung aus dem Französischen Armleuchter und meint genau das) in der Hand gehabt. Die Beschimpfungen des „Stürmer“ (Anm.: „Der Stürmer“ war eine Hetzzeitschrift der Nationalsozialisten, die vor allem in unsäglicher Weise die Juden verunglimpfte und verbal den Weg für den Holocaust ebnete) sind nichts gegen die kalte Selbstverständlichkeit dieser Haltung. Das ist viel schlimmer als alles andere. Und es gibt wohl nur noch eines, das verächtlicher ist: das ist die Haltung der Juden und jener Herausgeschmissenen, die „das gar nicht so schlimm finden“. Das ist beispiellos. Sie kriegen in die Fresse und lachen, wie der Mann im Witz, weil sie gar nicht der sind, den der Ohrfeigende in ihnen gesehen hat. „Ich heiße doch gar nicht Lehmann.“ Also haben die andern recht, weil sie stärker sind, und weil es geht, und weil man sich das erlauben kann.“

Tucholskys Vorwürfe in Bezug auf die Unterwerfung vor den Nationalsozialisten richten sich vor dem Hintergrund der vom Völkerbund (Anm.: Vorgänger der Vereinten Nationen bis zur Auflösung im Jahre 1946) für das Jahr 1935 anberaumten Volksabstimmung über die Zukunft des Saarlandes aber selbstverständlich auch an das deutsche Volk. Das im Zuge des verlorenen Ersten Weltkrieges unter französischer Verwaltung stehende Saarland beziehungsweise deren Bevölkerung war vor die Wahl gestellt, sich für die Zugehörigkeit zum Deutschen Reich, zu Frankreich oder für die Beibehaltung des status quo zu entscheiden.

Tucholsky schreibt: „Der Bericht … über die Saar ist trostlos pessimistisch. Es scheint dort, wenn das richtig ist, ein derart trockner und stiller Terror zu herrschen, daß selbst der Zusatz des Völkerbundes, daß sie später noch einmal stimmen dürfen, nichts mehr helfen wird. Er kommt auch viel zu spät … und es ist ihnen nicht zu helfen. Die armen Hunde, die dabei unterliegen! Es stimmen sicherlich viele junge Menschen für Deutschland, weil sie sich auf den blutigen Karneval freuen, der dann losgeht und wie ein Krieg das graue Alltagsleben lieblich unterbricht.“ Die Wahl fiel zugunsten der Rückkehr in das Deutsche Reich aus.

In weiteren Ausführungen seines Tagebuches geht es Tucholsky auch um das Schicksal von Schriftstellerkollegen, die dem Nazi-Terror nicht entfliehen konnten. Schon 1934 fand Erich Mühsam den Tod im Konzentrationslager Oranienburg, und Tucholskys Freund und Mitstreiter bei der Zeitschrift „Die Weltbühne“, Carl von Ossietzky, wird bis zu seiner Erkrankung an Tuberkulose im Konzentrationslager Sonnenburg bei Küstrin inhaftiert. Er stirbt 1938 im Staatskrankenhaus der Polizei in Berlin.

Lesetipps: Wer sich näher für das Thema „Faschismus“ in der belletristischen oder autobiografischen Literatur interessiert, dem seien folgende Bücher empfohlen: Alfred Andersch, „Der Vater eines Mörders“, Verlag Diogenes. Darin behandelt der Autor eine autobiografisch geprägte Begegnung mit dem Vater von Heinrich Himmler, dem Rektor eines Münchener Gymnasiums; Erich Kästner, „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“, Atrium Verlag. Er spielt in der Endphase der Weimarer Republik, in der die Nationalsozialisten immer mehr an Zulauf erhalten: Ralph Giordano, „Erinnerungen eines Davongekommenen“, Verlag Kiepneheuer & Witsch. Der Journalist erzählt vom Schicksal seiner jüdischen Familie und seinem eigenen nach der Übernahme der Herrschaft in Deutschland durch die Nationalsozialisten. Sie überleben Verfolgung und Krieg im Keller eines Hauses; Edgar Hilsenrath, „Der Nazi und der Friseur, Fischer Verlag. In dieser bösen Satire übernimmt ein Nazi die Identität eines Juden und macht Karriere in Israel, und eine Entdeckung bei der Buchmesse in Leipzig, als Rumänien Gastland war: Catalin Mihuleac, „Oxenberg & Bernstein, Zsolnay Verlag. Darin wird die Verfolgung der Juden in Rumänien geschildert.

Termine für die Lesungen „Lob der Demokratie“ sind der 6., 14., 20. und 21. September jeweils um 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Um eine Spende für weitere Aktionen der Initiative „Grafschaft zeigt Gesicht“ wird gebeten.

Buchtipp: Johann Peter Hebel – Kalendergeschichten

Das erste Mal, dass ich den Namen Johann Peter Hebel vernahm, war in Verbindung mit einer etwas altertümlich klingenden, aber gleichzeitig wundersamen und sehr unterhaltsamen Kurzgeschichte aus einem Schullesebuch. Darin berichtet der Autor von einem deutschen Handwerksburschen, den es nach Amsterdam verschlagen hatte. Neugierig erkundet der die Stadt und stößt zunächst auf ein prächtiges und schönes Haus, das wohl einem reichen Bürger gehören muss. Auf die Frage an einen Passanten, wem denn dieses prächtige und schöne Haus gehöre, bekommt er nur die knappe Antwort „Kannitverstan“.

Als er weitergeht, sieht er, wie im Hafen ein großes Schiff mit erlesensten Waren aus aller Welt entladen wird. Wieder fragt er, wem denn dieses Schiff und die auf ihm transportierten Waren gehörten, und wieder erhält er die Antwort „Kannitverstan“, woraufhin er in betrübliche Gedanken versinkt. Wie könne es denn sein, dass diesem Herrn Kannitverstan alles zu gehören scheine, während er doch als Handwerksbursche eher ein armer Hund sei, denkt er, bis er auf einmal auf einen langen Trauerzug stößt. Immer noch neugierig, fragt er, wer denn da zu Grabe getragen werde; und wieder schallt es ihm nur knapp entgegen: „Kannitverstan“. Da wurde „ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. „Armer Kannitverstan“, rief er aus, „was hast du nun von allem deinen Reichtum? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme: ein Totenkleid und ein Leintuch, und von allen deinen schönen Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust oder eine Raute“, schreibt Hebel über den Wandel des Gemütszustandes seines Protagonisten. Und seine Kurzgeschichte mit dem passenden Namen „Kannitverstan“ endet mit den Worten „… und wenn es ihm wieder einmal schwerfallen sollte, daß so viele Leute in der Welt so reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab.“

Kurzum: Aufgrund mangelnder Sprachkenntnis von beiden Seiten, die diese aber nicht erkennen, kommt der Handwerksbursche „durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis“, wie Hebel einleitend zu seiner lehrreichen Kurzgeschichte erläutert. Die Erkenntnis: Trotz der unterschiedlichen materiellen Verhältnisse der Menschen in ihrer Lebenszeit ereilt sie unweigerlich mit dem Tode das gleiche Schicksal. Das mag Manchen zu brav oder bieder erscheinen, doch was ist hilfreicher: Das ewige Klagen über die Ungleichheit unter den Menschen oder der Trost, dass das letzte Hemd keine Taschen hat?

Was aber hat es so weiter auf sich mit den beim Insel Verlag erschienenen Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel? Dazu erst einmal ein paar biografische Daten zum Autor: Johann Peter Hebel wurde 1760 in Basel in der Schweiz geboren. Trotz bescheidener familiärer Verhältnisse – seine Mutter arbeitete nach dem frühen Tod ihres Mannes als Bedienstete bei einer Schweizer Patrizierfamilie und trug mit dieser Arbeit allein zum Familieneinkommen bei – schaffte Hebel den Sprung aufs Karlsruher Gymnasium. Danach folgte ein Studium der Theologie, das er mit einem Predigtamtsexamen abschloss. Nach Tätigkeiten als Hauslehrer und Vikar ging es mit seiner beruflichen Karriere steil voran. 1791 wird er Lehrer am Karlsruher Gymnasium, 1798 Professor der Dogmatik und hebräischen Sprache, 1804 Direktor seiner ehemaligen Schule und ab 1819 evangelischer Prälat und Landtagsabgeordneter.

In den 1780-er Jahren beginnt er mit dem Schreiben. Zu seinen wichtigsten Werken gehören die „Alemannischen Gedichte“, „Der Rheinländische Hausfreund“ und das „Schatkästlein des rheinischen Hausfreundes“. Vor allem in den beiden letzt genannten Veröffentlichungen sind seine vor allem älteren Lesern bekannten Kalendergeschichten enthalten, Kurzgeschichten mit einer besonderen Erkenntnis oder Moral, die häufig biederer daherkommen, als sie es in Wirklichkeit sind. So schreibt der bekannte Philosoph Ernst Bloch (*1885 +1977), mit seinem Werk „Das Prinzip Hoffnung“ einer der Geistesheroen der 68-er Bewegung und enger Freund Rudi Dutschkes, einem der führenden Köpfe der 68-er Bewegung, äußerst lobend über Hebel: „Seine Kalendergeschichten sind geschrieben von einem Anwalt der Armen und Verleumdeten, einem Freund der Französischen Revolution und der Aufklärung.“

Auch andere prominente Autoren wie der Erziehungswissenschaftler und Publizist Hartmut von Hentig loben den Autor und sein Werk. So schrieb er in dem Buch „Zeit-Bibliothek der 100 Bücher“ von der Lust des Verstehens, der Kurzweil und Intelligenz der Moral sowie dem Handwerk der Menschlichkeit, die Hebel einem nahegebracht habe. In einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung betont Thomas Steinfeld das Ineinander von Bürgerlichkeit und literarischer Intelligenz, die viele von Hebel erzählten Geschichten auszeichne: „Die meisten Geschichten sind von kalkulierter Schlichtheit (aber nicht alle sind schlicht). Und sie sind, obgleich tief in der Religion verwurzelt und von vertrauten Gestalten belebt, alles andere als erbaulich. Ein Aufklärer ist in diesen Geschichten am Werk, doch einer von der bodenständigen, konservativen Sorte.“

Beispielhaft dafür – insbesondere Hebels liebevoller Augenmerk auf die armen, oft am Rande der Gesellschaft stehenden Menschen – steht die anrührende Geschichte mit dem Titel „Unverhofftes Wiedersehen“, die ebenfalls in Schullesebüchern der 1970-er Jahre zu finden war. Hebel erzählt von der tragischen Liebesgeschichte eines Bergmanes und seiner Braut, die sich im schwedischen Ort Falun zugetragen haben soll. Bevor sich das Glück für beide entfalten kann, „da meldete sich der Tod“. Von seinem Weg zum Bergwerk kehrt der Bergmann nicht zurück. Die angehende Braut versinkt in Trauer. 50 Jahre gehen ins Land – ein Zeitraum, der von Hebel anhand von zentralen geschichtlichen Ereignissen zwischen den Jahren 1755 (Erdbeben in Lissabon) und 1807 (Bombardement Kopenhagens durch die Engländer) knapp und plastisch auf den Punkt gebracht wird und die kleine mit der großen Welt verbindet – , bis Bergleute bei Grabungsarbeiten zufällig die Leiche eines von Eisenvitriol durchtränkten Jünglings finden, der aufgrund der konservierenden Wirkung des Vitriols so aussah, „als wenn er erst vor einer Stunde gestorben oder ein wenig eingeschlafen wäre an der Arbeit.“

Das bekommt die ehemalige Verlobte, inzwischen grau und zusammengeschrumpft, mit. Als sie sagt, dass es ihr Verlobter ist, „wurden die Gemüter aller Umstehenden von Wehmut und Tränen ergriffen, als sie sahen die ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Brust nach fünfzig Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte.“ Am Tag der Beerdigung begleitet sie ihren verstorbenen Verlobten im „Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeitstag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre.“ Die Geschichte endet mit ihren an den Geliebten gerichteten, zu Herz rührenden, aber auch tröstlichen Worten: „Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehn im kühlen Hochzeitsbett, und laß dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, und bald wirds wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweiten Male auch nicht behalten.“

Solche Geschichten, traurige, lustige, merkwürdige oder höchst fabulöse, erläutert Bloch in seinem Nachwort, wurden zu einer Zeit erzählt, als noch viel Land war und es an stillen Abenden galt, in geselliger Runde die Langeweile mit dem Erzählen zu vertreiben. Etwas, was heute durch die Informationsflut aus allen möglichen Kanälen nicht mehr passiert.

Auch die zahlreichen anderen Geschichten Hebels, in denen nicht selten von Situationen berichtet wird, die noch heute Manchem im Alltag passieren können, lohnen die Lektüre. Insbesondere sei dabei auch auf die Episoden hingewiesen, die sich bei Hebel oft in Wirtshäusern abspielen, einem Ort der Ausgelassenheit, die hin und wieder überzuschäumen droht.

Buchtipp: Ralf Langroth – „Mauern und Lügen“

Mit „Mauern und Lügen“ setzt der Autor Ralf Langroth in diesem Jahr eine 2021 begonnene Reihe mit spannenden, unterhaltsamen und geschichtsträchtigen Thrillern fort, die von den politischen Geschehnissen in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland inspiriert sind.

Hauptfigur ist der BKA-Kommissar Philipp Gerber. Er musste wegen seiner Gegnerschaft zum Nazi-Regime 1939 mit seiner Familie Deutschland verlassen und emigrierte Richtung USA. Dort arbeitete Gerber für den US-amerikanischen Geheimdienst CIC, der im Bereich Spionageabwehr tätig war. Als Soldat in Diensten der USA kehrte er 1945 nach Deutschland zurück.

In seiner Funktion beim Bundeskriminalamt ist er immer wieder in brisante Fälle verwickelt, bei denen die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges eine große Rolle spielen. Es geht dabei um die Konflikte zwischen den ehemaligen Verbündeten USA und der Sowjetunion, die zu konkurrierenden Großmächten geworden sind, politische Skandale wie den Fall John (Anm.: erster Präsident des Bundesverfassungsschutzes), Affären wie der Tod der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt und die Trennung Deutschlands in eine von den Alliierten besetzte Zone und eine von der Sowjetunion beherrschte Zone, aus der 1949 die DDR wird.

Letzteres bestimmt die Handlung von „Mauern und Lügen.“ Doch bevor sich das herauskristallisiert, passieren einige merkwürdige Dinge. Auf den eigentlich im Ruhestand befindlichen General Hiram Anderson, dem ehemaligen Chef Philipp Gerbers beim US-Militärgeheimdienst, wird bei seiner Ankunft in Deutschland ohne zunächst ersichtlichen Grund ein Attentat verübt, Gerber selbst wird in seinem Hotelzimmer überfallen – ebenfalls ohne zunächst ersichtlichen Grund – und entgeht nur knapp einem tödlichen Angriff; und seine Freundin, die Journalistin Eva Herden, wird von einer Vertreterin des DDR-Staates um eine positive Berichterstattung über die im Dienst des Sozialismus tätigen Baubrigaden gebeten, was ihr äußerst merkwürdig vorkommt. Damit nicht genug erhält Philipp Gerber von amerikanischer Seite die Information, dass der von dem schillernden und geheimnisumrankten Reinhard Gehlen geleitete Bundesnachrichtendienst an höchster Stelle von einem Spion in Diensten der Sowjetunion unterwandert worden ist.

Diese Geschehnisse sind auf den August 1961 datiert, ein Jahr, in dem der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, bei einer Pressekonferenz am 15. Juni, zwei Monate vor den dramatischen Ereignissen im Roman, den noch heute legendären und berüchtigten Satz „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“ fallen lässt. Dass das eine Lüge war, sollte sich bald herausstellen.

Wind von den Plänen für den Bau einer Mauer zwischen Ost- und West-Berlin bekommt die Journalistin Eva Herden bei ihren Recherchen über die Baubrigaden in Ost-Berlin; und sie steht vor der Frage, wie sie mit dieser äußerst brisanten Information umgehen soll, denn die Stasi, der Geheimdienst der DDR hat sie im Blick.

Auch ihr Freund Philipp Gerber steht vor einem Dilemma. Auf Veranlassung seines Chefs vom Bundeskriminalamt soll er sich in Kontakt mit dem Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes setzen, der unter Spionageverdacht steht – ohne dass sein Chef davon weiß. Es geht um eine von höchster politischer Ebene gewünschte Zusammenarbeit zwischen dem BKA und dem BND. Damit nicht genug, wird er von dem Chef des Bundesnachrichtendienstes auch noch in einen anderen Fall von Spionage involviert. Und an seiner Seite steht – wissentlich oder unwissentlich – der unter Spionageverdacht stehende Mitarbeiter. Wer auf welcher Seite steht, wird immer unklarer.

Mehr wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Nur Folgendes muss noch erwähnt werden: Wie gewohnt besticht der neue Roman von Ralf Langroth durch akribische zeitgeschichtliche Recherche bis ins letzte Detail. Der Leser wird unmittelbar in die Bundesrepublik der 1950-er und 1960-er Jahre versetzt. Und wie bei den Vorgängern der Reihe um Philipp Gerber und Eva Herden bekommt er eine packende Story geboten, die ihre Spannung bis zum Schluß hält – kurzum eine absolute Leseempfehlung.

Kunstbetrachtungen, Teil 7 – Gegenstand und Erfahrung

In der letzten Folge der Reihe Kunstbetrachtungen war von einer ästhetischen Erfahrung die Rede, die mit der Betrachtung eines Gegenstandes, der als Kunstwerk gilt, einhergehen soll.

„Wer fragt, was Kunst ist, sollte klären, ob sich ein Zusammenhang zwischen den Eigenschaften von Kunstwerken und den Eigenschaften der Erfahrungen mit Kunstwerken denken lässt. Der Blick auf Kunstwerke sollte nicht von dem Blick auf ästhetische Erfahrungen isoliert werden und umgekehrt“, schreibt Bertram im Kapitel „Erste Weichenstellung: Wann ist Kunst?“ Und macht dabei klar, dass die Frage nach der Kunst und ihrem Kern anders gestellt werden muss. Er bezieht sich dabei auf den amerikanischen Philosophen Nelson Goodman, der sich ebenfalls gegen die Trennung von Kunstwerken und Kunsterfahrung ausspricht.

Kunst als Prozess

Die Frage lautet demnach: „Wann ist Kunst, nicht was ist Kunst?“ Es geht also bei der Kunst und ihrem Erleben nicht um etwas Statisches, sondern um einen Prozess.

Die radikale These von Goodman lautet: „Ein Kunstwerk ist demnach nicht als solches ein Kunstwerk, sondern erst dadurch, dass es zu einem Bestandteil einer bestimmten Praxis wird“, einer ästhetischen Praxis, bei der es zum Umgang mit einem Kunstwerk kommt, der ästhetische Erfahrungen auslöst. Bezogen auf die schon erwähnte Reaktion der Zuhörer einer Aufführung eines bestimmten Alban Berg- oder eines bestimmten Stravinski-Werkes („Altenberg-Lieder“ op.4 oder „Le sacre du printemps“) lässt sich sagen, „dass entweder dem Kunstwerk oder der durch es ausgelösten Erfahrung bestimmte Eigenschaften fehlen“.

Publikum beim Hören des dargebotenen Werkes nicht zu einer ästhetischen Praxis gekommen …“

Das Resultat: Beim Konzertbesuch sei es für das Publikum beim Hören der dargebotenen Werke von Berg und Stravinski nicht zu einer ästhetischen Praxis gekommen, wie Bertram ausführt. Oder einfacher gesagt: Die Musik wurde nicht verstanden und die Zuhörer hatten keinen Hörgenuss. Zumindest war das bei den beiden Premieren im Jahre 1913 der Fall.

Bertram spricht in diesem Zusammenhang von historischen Entwicklungen, die dazu führen können, dass sich der Blick auf vermeintliche oder tatsächliche Kunstwerke über die Jahrhunderte gewandelt hat.

Was aber hat dazu geführt, dass sich der Blick verändert hat, Gegenstände beispielsweise zur Kunst erklärt wurden, die vorher keine waren, oder umgekehrt? Hier kommen die Institutionen ins Spiel, die sich mit der Kunst beschäftigen.

Autor Bertram bezieht sich dabei auf den amerikanischen Kunstphilosophen George Dickie, der eine Institutionentheorie der Kunst vertreten hat, die verkürzt so lautet: Ein Kunstwerk ist das, was von den Institutionen der Kunst wie Museen, Ausstellungsmachern, der Kunstkritik oder der Kunst- und Kulturförderung als Kunstwerk angesehen wird.

Dass diese Antwort nicht genügen kann, ist für Bertram kaum zu bezweifeln, denn dann steht die Frage im Raum, wer oder was überhaupt eine Kunstinstitution mit voller Berechtigung sein kann.

Buchtipp: Alfred Andersch – Der Vater eines Mörders

„Diesen hör ich, sind wir los geworden Und er wird es nicht mehr weiter treiben Er hat aufgehört, uns zu ermorden. Leider gibt es sonst nichts zu beschreiben. Diesen nämlich sind wir los geworden Aber viele weiß ich, die uns bleiben.“ – dieses Zitat von Bertolt Brecht aus dessen Text „Auf den Tod eines Verbrechers“ stellt Alfred Andersch seiner Erzählung „Der Vater eines Mördeers“ voran. Und spätestens auf Seite 47 dieses posthum erschienenen Werkes wird mit der Nennung eines Namens klar, worauf Brecht mit seinen bewusst kalt klingenden, von jeglichem Mitleid freien Zeilen ansprach: Himmler. Wer in diesem Zusammenhang an Heinrich Himmler, SS-Chef während der Herrschaft des Nationalsozialismus und einen der schlimmsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte, denkt, ist schon auf der richtigen Spur, aber nicht ganz.

Brechts Worte betrafen allerdings nicht nur eine Person, sondern alle vom Ungeist des Nationalsozialismus beherrschten Menschen und deren menschenverachtende, raubmörderische Ideologie.

Der Autor (*1914 +1980), den vor allem viele Abiturienten älteren Jahrgangs wegen seines Romans „Sansibar oder der letzte Grund“ kennen, der Ende der 1970-er, Anfang der 1980-er Jahre und auch in späteren Zeiten oft noch verpflichtende Schullektüre war, beschäftigte sich in seinen vielfach autobiografisch geprägten Werken immer wieder mit dem Nationalsozialismus, dessen Ursachen, Voraussetzungen und Folgen. Unter anderem in seinem Roman „Winterspelt“, in dem er seine Desertation aus der deutschen Wehrmacht und das Überlaufen zur US-Armee im Zweiten Weltkrieg thematisiert.

In seiner ebenfalls autobiografisch geprägten Erzählung „Der Vater eines Mörders“ geht Andersch zurück in den Monat Mai des Jahres 1928. Aus der Sicht der Figur des Franz Kien, Schüler am Wittelsbacher Gymnasium in München, schildert er ein äußerst eindrückliches Erlebnis, das den immer noch herrschenden autoritären Geist der eigentlich vergangenen Ära Kaiser Wilhelms II. widerspiegelt, neun Jahre nach der durch die November-Revolution erzwungene Abdankung dieses seinem Amt nicht gewachsenen Monarchen.

Der neue Geist der 1919 mit der Weimarer Republik geschaffenen Demokratie hatte sich noch längst nicht in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens durchgesetzt. Das galt auch für die Schulen. Nationalismus und der blinde Glaube an überkommene Hierarchien bestimmten das Denken vieler Deutscher

Sehr deutlich wird das in der Erzählung von Alfred Andersch durch das Auftreten des Schuldirektors während einer Griechisch-Stunde. Was zunächst wie eine Inspektion des Unterrichts beginnt, entfaltet sich zu einem „Miniaturdrama auf engstem Raum und in kürzester Zeit“, wie der deutsche Journalist, Autor, Literatur- und Filmkritiker Wolfram Schütte schreibt.

Andersch schreibt von einem Erlebnis, dass sich unauslöschlich bei ihm eingebrannt hat.

Ohne Ankündigung tritt der „Rex“, wie er von Schüler Franz Kien – Alter ego von Alfred Anersch in mehreren seiner Werke – genannt wird, noch vor Unterrichtsbeginn in den Klassenraum der Untertertia ein. Auch Lehrer Kandlbinder ist nicht informiert. Mit der Zeit übernimmt der „Rex“ den Unterricht, kritisiert den Wissensstand der Schüler in verächtlichem Ton als nicht ausreichend und nimmt auch die dem Unterricht zugrunde liegende Grammatik aufs Korn, die er voll Hohn und Spott als nicht geeignet für die Altersklasse der Untertertia erklärt.

Die Degradierung des Lehrers ist in vollem Gange, doch richtig schlimm wird die Situation im Klassenraum mit dem Auftritt des von Kandlbinder aufgerufenen Schülers Konrad von Greiff, der eine Frage zur griechischen Grammatik beantworten soll. Er antwortet auf die Aufforderung seines Lehrers mit einem süffisant klingenden „Sehr gerne, Herr Doktor Kandlbinder“ und unterstreicht damit für alle deutlich die Ablehnung der Autorität Kandlbinders, und das auch noch in Gegenwart des Schuldirektors. Der „Rex“ bezeichnet die Antwort von Greiffs als unerlaubte Bereitwilligkeitserklärung, verweist auf die als Anrede für alle Lehrer gängige Titulierung Professor (nicht Herr Doktor) und verordnet als Strafe zunächst eine Stunde Arrest. Doch damit ist der Konflikt noch lange nicht beendet. Jetzt nimmt sich der Schuldirektor den Schüler weiter vor und kanzelt ihn vor der ganzen Klasse mit dem lateinischen Zitat „Quod licet Jovi, non licet bovi“ ab, was in deutscher Übersetzung „Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt“ heißt und sich in der Erzählung von Andersch darauf bezieht, dass der „Rex“ Lehrer Kandlbinder aufgrund seines hohen Ranges als Herr Doktor ansprechen kann, aber nicht der Schüler von Greiff. Und dann kommt eine Antwort, die vor allem wegen eines Namens einen großen Schrecken beim Leser auslöst: „Ich gehöre nicht zum Rindvieh“, stieß er (Konrad von Greiff) hervor. „Und Sie sind nicht Jupiter. Für mich nicht! Ich bin ein Freiherr von Greiff, und Sie sind nichts weiter als ein Herr Himmler.“

Jetzt ist der Name gefallen, der Name eines der schlimmsten Verbrecher in der Zeit der totalitären und mörderischen Nazi-Herrschaft, Chef der gefürchteten SS und verantwortlich für den millionenfachen Mord an den Juden; doch bei dem in der Erzählung angesprochenen Himmler handelt es sich nicht um den Nazi-Schergen, sondern um dessen Vater, der eher der katholischen, deutsch-nationalen Bayrischen Volkspartei zuzuordnen ist. Vater und Sohn stehen also in unterschiedlichen politischen Lagern und sind übrigens dadurch in Streit geraten, wie vom Vater Franz Kiens im Gespräch mit seinem Sohn zu erfahren ist.

Im „Nachwort für Leser“ belegt Alfred Andersch den autobiografischen Bezug seiner Erzählung: „Ich bin es doch gewesen, ich und niemand anderer, der von dem alten Himmler in Griechisch geprüft und infolge des blamablen Ergebnisses aus dem humanistischen Gymnasium eskamotiert (entfernt) worden ist.“ In der Figur des Franz Kien, die dem Erzähler nach eigenen Worten „eine gewisse Freiheit des Erzählens“ ermöglicht, wird Alfred Andersch zum weiteren Opfer des autoritären Himmler sen.

Die vom Rex gestellte Aufgabe, den Satz „Es ist verdienstvoll, Franz Kien zu loben“ als Beispiel für den Gebrauch des Infinitivs ins Griechische zu übersetzen, kann er nicht erfüllen und wird vor seinen Schulkameraden in unerbittlichster Weise vorgeführt.

Zwei Sätze Himmlers bringen das zum Ende der Examination Kiens deutlich zum Ausdruck: „Du wirst die Untertertia nicht erreichen“ und „Dabei könntest du, wenn du wolltest. Aber du willst nicht.“ Aber damit hört die Degradierung noch nicht auf. Auf die zunächst persönlich klingende Frage nach den beruflichen Ambitionen Kiens, der auf diese mit Schriftsteller antwortet und auf die nach seinem Lieblingsautor mit Karl May, kommt ihm nochmals die geballte Verachtung Himmlers sen. entgegen; und dieser wird dann auch noch in privaten Angelegenheiten Kiens indiskret, ebenso, wie er es bei Konrad von Greiff und dessen familiärer Biographie (Beleidigung des Standes der Freiherrn als Bauernschänder) getan hat. Er unterlässt es nicht, vor der ganzen Klasse auf die Armut der Familie Kien hinzuweisen, die nicht in der Lage sei, das Schulgeld zu bezahlen, dass man nur erlassen könne, wenn die Leistungen von Franz und seinem Bruder Karl, der ebenfalls das Gymnasium besucht, gut wären, was sie aber nicht seien.

Die Erzählung endet mit dem Verlassen des Klassenzimmers vor Unterrichtsende durch den „Rex“ und mit der von Franz Kien gleichgültig aufgenommenen Degradierung, der nach der Schule seinen freizeitlichen Aktivitäten wie gewohnt nachgeht. Fünf Jahre später erfolgt die Machtübernahme in Deutschland durch die Nationalsozialisten, aber das ist ein anderes Kapitel.

Vorhang zu und alle Fragen offen? Zur Figur des Schuldirektors Himmler gibt es im Nachwort von Andersch noch ein paar Informationen, die eine ungefähre Annäherung an diese Person ermöglichen. Der Autor rechnet ihn der Kaderschule des bairischen Ultramontanismus zu, einer politischen Haltung des Katholizismus, die sich insbesondere in deutschsprachigen Ländern auf Weisungen von der päpstlichen Kurie, also aus dem von dort aus gesehen „jenseits der Berge“ (lateinisch ultra montes – gemeint sind die Alpen) liegenden Vatikan stützte. Diese Haltung ging einher mit dem Antimodernismus, einer Strömung innerhalb der gesamten katholischen Kirche, die sich insbesondere in der zweiten Hälfte ds 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gegen gesellschaftliche und politische Reformen zur Durchsetzung von Menschenrechten und Demokratie wandte, kurz gesagt gegen unser heutiges Verständnis einer demokratischen Gesellschaftsordnung, deren Vorprägung es schon in der Weimarer Republik gab.

Ob Himmler sen. sich mit seinem Sohn Heinrich, einem fanatischen Anhänger der Nazi-Ideologie, nach der Machtergreifung durch die NSDAP aussöhnte, bleibt offen. Nur eine Ehrensalve der SS nach dessen Tod über seinem Sarg ist überliefert. Was bleibt, ist die Tatsache, „daß der alte Himmler der Vater eines Mörders war.“ Wie Andersch weiter ausführt, ist die „Bezeichnung Mörder für Heinrich Himmler… milde; er ist nicht irgendein Kapitalverbrecher gewesen, sondern, so weit meine historischen Kenntnisse reichen, der größte Vernichter des menschlichen Lebens, den es je gegeben hat.“

Der Autor erhebt trotz dieses familiären Hintergrundes für seine Erzählung nicht den Anspruch, „die private, die persönliche Wahrheit dieses Menschen, des Rex, zu bestimmen“, und auch Kausalitäten zwischen der Persönlichkeit des alten Himmler und der Entwicklung seines Sohnes zu einem der größten Verbrecher der Nazi-Diktatur mag er ungern herstellen. Andersch erläutert seine Haltung zu diesen Fragen in aller Ausführlichkeit: „War es dem alten Himmler vorbestimmt, der Vater des jungen zu werden? Mußte aus einem solchen Vater mit Naturnotwendigkeit, d. h. nach sehr verständlichen psychologischen Regeln, nach den Gesetzes des Kampfes zwischen aufeinander folgenden Generationen und den paradoxen Folgen der Familien-Tradition, ein solcher Sohn hervorgehen? Waren beide, Vater und Sohn, die Produkte eines Milieus und einer politischen Lage, oder, gerade entgegengesetzt, die Opfer von Schicksal, welches bekanntlich unabwendbar ist – die bei uns Deutschen beliebteste aller Vorstellungen? Ich gestehe, daß ich auf solche Fragen keine Antwort weiß.“

Und als Autor nimmt Andersch für sich in Anspruch, kein Interesse am Schreiben einer Geschichte mit klaren Zuordnungen zu den darin handelnden Personen zu haben: „Ein Interesse… wird ausschließlich durch den Anblick offener Figuren ausgelöst, nicht von solchen, über die ich schon ganz genau Bescheid weiß, ehe ich anfange, zu schreiben.“

Trotzdem bleibt für Andersch eine Frage: „Angemerkt sei nur noch, wie des Nachdenkens würdig es doch ist, daß Heinrich Himmler, – und dafür liefert meine Erinnerung den Beweis -, nicht wie der Mensch, dessen Hypnose er (gemeint ist Adolf Hitler, dessen glühender Anhänger Heinrich Himmler war) erlag, im Lumpenproletariat aufgewachsen ist, sondern in einer Familie aus altem, hunmanistisch fein gebildetem Bürgertum. Schützt Humanismus denn vor gar nichts? Die Frage ist geeignet, einen in Verzweiflung zu stürzen.“

Was bleibt ist eine spannende und tiefsinnige, um viele wesentliche Fragen kreisende Erzählung aus der Zeit der von vielen Irrungen und Wirrungen geprägten Weimarer Republik, die unbedingt die Lektüre lohnt. Zitiert sei an dieser Stelle der bekannte Literaturkritiker Joachim Kaiser, einer der führenden Vertreter seiner Zunft über mehrere Jahrzehnte, aus einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung: „Ein meisterhafter Text, ein konzentriertes, dramatisches, spannendes Prosa-Stück.“

Buchtipp: Hans Traxler – Meine Klassiker Bildergedichte

Lesern der Satiremagazine „Pardon“ und „Titanic“ ist der Name Hans Traxler ebenso vertraut wie Lesern der Zeitungen „Frankfurter Allgemeine“, „Süddeutsche Zeitung“ oder „Die Zeit“. In seinen mit äußerst feinem Strich gearbeiteten Cartoons, Bildergeschichten und Illustrationen nimmt er sich voller Humor unter anderem der großen Namen aus Politik, Wissenschaft, Literatur, Malerei und Philosophie an.

Für das bei Reclam erschienene Bändchen „Meine Klassiker“ hat er eine Auswahl seiner schönsten Bildergedichte getroffen, bei der die Erotik keine geringe Rolle spielt. Der Leser erfährt dabei so Manches, was er von Goethe, Flaubert, Freud, Nietzsche, Marx und manchen mehr vielleicht so nicht gedacht oder vermutet hätte. Mit Traxlers Hilfe vermag er einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und trifft die Geistes- und Künstler-Heroen hin und wieder gewissermaßen mit heruntergelassener Hose an.

Der Einstieg beginnt mit dem frivolen, von viel Alkohol und Eros begleiteten Treiben des größten Geistesheroen der deutschen Klassik überhaupt, Johann Wolfgang Goethe, während seines legendären Aufenthaltes in Rom. Konservative Goethe-Exegeten dürften entsetzt sein, was Traxler über den gottgleich verehrten Dichter zu zeichnen und zu dichten weiß. Der Sockel, auf den Goethe so oft gestellt wird, scheint brüchig geworden zu sein.

Während das Liebesleben bei Goethe seinen lockeren Gang nimmt, hakt es bei dem ein oder anderen Prominenten. So muss sich der weltberühmte Dr. Sigmund Freud aus unerklärlichen Gründen auf die Suche nach seinem „P…“ machen, der Philosoph Friedrich Nietzsche wird von einer Frau aus dem Hause geschmissen und erhält erst wieder Einlass nach dem Vorzeigen einer Peitsche („Gehst Du zum Weibe, vergiss…“), der große Frauenliebhaber Giacomo Casanova hat mit nachlassenden Triebgelüsten zu kämpfen, und der vom Bazillenwahn befallene Virologe Robert Koch ist von seiner Freundin Mabel nur mit dem Rufe „Stroptokokken“ in die Kissen zu locken.

Das Buch „Meine Klassiker“ und seinen Zeichner und Dichter Hans Traxler aber nur auf das Thema der Erotik zu reduzieren, ist allerdings zu kurz gegriffen. Traxler weiß auch um die Eitelkeiten und intellektuellen Probleme seiner prominenten Figuren. Beispielhaft wird das unter anderem an zwei Ausnahmefiguren der deutschen Literatur deutlich.

Entgegen der vermeintlichen und oft behaupteten Geistesbruderschaft von Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller, wie sie sich auch in dem Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater in Weimar ausgedrückt findet, geht es in dem Bildergedicht „Olympischer Diskurs“ um den Streit, wer von den beiden der Größere sei; und es wird deutlich, dass dieser nicht von Schiller ausgeht, sondern von Goethe, diesem eitlen Pfauen.

Goethe, das wird spätestens mit einem weiteren Bildergedicht, „Zwei deutsche Künstler in der Campagna“ klar, geht auch mit anderen Kollegen, in diesem Falle dem Maler Johann Heinrich-Wilhelm Tischbein, nicht viel anders um als mit Schiller. Mehr darüber, was im Vorfeld des 1787 entstandenen Porträts „Goethe in der römischen Campagna“ geschehen ist, soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden.

Einer der bekanntesten Physiker, Mathematiker, Astronomen und Denker der Welt ist Sir Isaac Newton. Von ihm stammt unter anderem das Gravitationsgesetz, besser bekannt als das Gesetz von der Schwerkraft. Es gehört zu den bekanntesten und grundlegendsten Erkenntnissen der Wissenschaften mit geradezu revolutionärer Wirkung. Was weniger bekannt ist, sind die Schwierigkeiten, die dieses Gesetz seinem Schöpfer zu Lebzeiten (*1643 +1727) bereitete. Davon handelt auf äußerst anschauliche Weise das Bildergedicht „Newtons Gesetz“.

Und so geht es in Hans Traxlers Buch „Meine Klassiker“ unterhaltsam, lehrreich und vor allem humorvoll weiter und weiter. Insgesamt vereint das Buch über 40 Bildergedichte, und wer schon immer mal wissen wollte, warum Hans Traxler so gerne zeichnet, wird auch noch fündig.

Kunstbetrachtungen, Teil 6 – Gibt es eine Richtschnur?

Im vorigen Kapitel der Reihe Kunstbetrachtungen ging es um die Annäherung an einen Kunstbegriff durch Wissen über Kunst und durch einen vorgegebenen Kanon der Kunst. Aber reicht das?

An dieser Stelle ergibt sich bei der Suche nach einer ultimativwn Definition eines Kunstbegriffs folgendes Problem: Wenn es einen vorgegebenen Kanon der Kunst beziehungsweise eine vorgegebene Richtschnur dessen gibt, was zur Kunst gerechnet wird oder nicht, stellt sich die Frage, wie es dann sein kann, dass sich im Laufe der Jahrhunderte dieser Kanon immer mehr erweitert, immer mehr und andersartige Kunstwerke dazugerechnet werden.

In den Eigenschaften begründet

Das bringt Autor Georg W. Bertram zu der folgenden Überlegung: „Dass ein Gegenstand als Kunstwerk verstanden wird, liegt in den Eigenschaften begründet, die ein Kunstwerk ausmachen. Der Gegenstand muss in irgendeiner Weise das aufweisen, was ihn zum Kunstwerk macht.“

Hilfreich, um dem Kunstverständnis näher zu kommen, kann da ein Vergleich mit anderen Gegenständen sein, weiß Bertram und stellt dem Kunstwerk gedanklich einen Tisch gegenüber. Sehen wir einmal von Peter Bichsel und und seiner Kurzgeschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“ ab, gibt es eine allgemeine Übereinkunft, wie ein Tisch zusammengesetzt ist und aussieht und für welche Funktionen und Betätigungen er geeignet ist.

Angesichts schon besprochener strittiger Diskussionen um die Kunst und welches Werk zu ihr gerechnet wird, ist dem Autor klar, dass das Erkennen von Kunstwerken eine schwierigere Angelegenheit ist als das Erkennen eines Gebrauchsgegenstandes. Für ihn steht fest, dass es einer längeren Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk bedarf, um es als solches zu erkennen.

Mit einem Kunstwerk muss man Erfahrungen machen …“

Bertram konstatiert: „Mit einem Kunstwerk muss man Erfahrungen machen … Die Eigenschaften, die für ein Kunstwerk charakteristisch sind, können nicht mit einem Schlag erfasst, sie müssen erfahren werden.“

In welchem Zusammenhang Kunstwerke in gegenständlicher Begriffes Ästhetik von großer Bedeutung, aber leider auch nicht einfach. Mit dem aus dem Altgriechischen kommenden Wort Ästhetik bezeichnete man bis zum 19. Jahrhundert vor allem die Lehre von der Schönheit, von Gesetzmäßigkeiten und Harmonie in Natur und Kunst.

Was verbirgt sich hinter dem Wort Ästhetik?

Ästhetik bedeutet aber wörtlich die Lehre von der Wahrnehmung beziehungsweise vom sinnlichen Anschauen. In der Wissenschaft bezeichnet der Begriff in einem engeren Sinn die Eigenschaften, die einen Einfluss darauf haben, wie Menschen etwas unter Schönheitsgesichtspunkten bewerten, insbesondere Kunst.