Textiles Erbe wird bewahrt

Die Textilindustrie hatte in Bocholt eine ähnlich lange Tradition und Bedeutung wie die in Nordhorn. Beide endeten aufgrund sich wandelnder wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Museal ist sie aber noch zu erleben.

Im Herzen eines neuen Kulturquartiers zwischen Bocholter Innenstadt und Aasee liegt das Textilwerk mit Weberei und Spinnerei. Eine Brücke über den Fluss Aa verbindet die beiden Museums-Standorte. In den imposanten Sälen der historischen Spinnerei Herding erhalten die Besucher spannende Einblicke in historische und moderne Technik, erleben Modegeschichte und aktuelles Design. In der Weberei wird eine Erlebniswelt mit täglicher Schauproduktion an historischen Webstühlen geboten; und ein vollständig eingerichtetes Wohnhaus mit blühendem Garten vermittelt, wie die Arbeiter früher gelebt haben.

Zur Geschichte der Textilindustrie in Bocholt

Das Spinnen und Verweben von Baumwolle hat in Bocholt eine lange Tradition. Über 450 Jahre lang prägte die Faser, die aus Übersee importiert werden muss, das Wirtschaftsleben Bocholts und der gesamten Region. Vor allem zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg boomte die Branche: Bocholt zählte bis zu 80 Textilbetriebe, in denen zeitweise bis 10.000 Menschen arbeiteten. Mitte der 1960er Jahre setzte auch im Westmünsterland die Strukturkrise ein. Sie ist gekennzeichnet durch einen anhaltenden Schrumpfungsprozess aufgrund der zunehmenden Konkurrenz durch Fernost. Viele Betriebe schlossen, und Tausende Menschen verloren ihren Arbeitsplatz.

Geschichte der „Spinn-Web Herding“

Die Spinnerei und Weberei Herding ist ein typisches Beispiel aus der Boomzeit der Textilindustrie in Bocholt: Eine Handweberei war die Keimzelle eines der zeitweilig größten Textilbetriebe der Stadt, gegründet 1870 von Heinrich Schüring und seinem Schwager Max Herding. Als es sich in den Jahren hoher Garnpreise nach 1900 lohnte, eigene Spinnerei-Kapazitäten aufzubauen, entschied sich Max Herding jun. zum Bau einer Spinnerei neben der bestehenden Weberei. Er wählte dazu das Architekturbüro Sequin & Knobel in Rüti bei Zürich.

Die Schaufassade des viergeschossigen Gebäudes aus dem Jahr 1907 mit dem repräsentativen Wasserturm zeigte zur Innenstadt und kündete von dem neuen aufstrebenden Unternehmen:

Mit fast 600 Webstühlen und 23.600 Spindeln gehörte die „Spinnweb“ Herding lange Zeit zu den größten Bocholter Textilbetrieben.1943 wurde der zur Straße gelegene Teil mit dem Wasserturm bei einem Luftangriff zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte 1949/50 in schlichten Formen und ohne den Turm.

Anfang der 1960-er Jahre begann dann die Krise. Als Kammgarnspinnerei und Weberei konnte die Produktion unter neuen Eigentümern noch bis 1973 in reduzierter Form aufrecht erhalten werden. Dann ließ man alle Hallen räumen, die Maschinen wurden verkauft und verschrottet, um die Flächen als Lagerraum zu vermieten.

Weberei als Museumsfabrik

Mitten in der Strukturkrise beschloss die Landschaftsversammlung des LWL 1984 die Einrichtung eines Textilmuseums. Weil ein historisches Gebäude seinerzeit nicht zur Verfügung stand, entschied man sich zunächst für den Nachbau einer typischen Weberei aus der Zeit der Jahrhundertwende. 1989 wurde an der Aa die Eröffnung gefeiert.

Im Jahr 2004 kaufte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe zusätzlich den viergeschossigen Backsteinbau der Spinnerei Herding als zweiten Teil seines Textilmuseums hinzu. Das gelang mit finanzieller Unterstützung des Landes, des Kreises Borken, der Stadt Bocholt und der Stadtsparkasse Bocholt. 2009 begann der Umbau mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II. Seit der Eröffnung der Spinnerei im September 2011 firmiert das Textilmuseum mit seinen beiden Standorten als „Textilwerk Bocholt“.

Spuren der Arbeit und moderne Nutzung

Der Umbau zum Museum und Kulturforum erfolgte ab 2004 unter der Leitung des renommierten Stuttgarter Architekturbüros Atelier Brückner. Ziel war es, die Spuren der Arbeit und der 100-jährigen Geschichte des Gebäudes deutlich zu zeigen. Auf allen vier Etagen entwickelt sich ein „Zwiegespräch“ zwischen aktueller Nutzung und historischem Bestand: Abblätternde Farbschichten und zerschlissene Betonböden wurden bewusst belassen und kontrastierten mit modernen Einbauten, allen voran die rote Stahltreppe, die in den 20 Meter hohen Seilgang eingebracht wurde, dazu klare Kuben für Shop und Servicebereiche sowie die Gastronomie auf dem Dach.

Kultur fördern

Mit Hilfe des 1980 gegründeten Förderkreises Westfälisches Textilmuseum konnte in den letzten 35 Jahren die größte Sammlung von Textilmaschinen und Alltagstextilien in Europa aufgebaut werden.

Nach dem Ankauf der ehemaligen Spinnerei Herding und ihrer Eröffnung als Forum für Sonderausstellungen und Veranstaltungen 2011 wird das textile Erbe in Ausstellungen und angemessenen Archiven erschlossen.Und dank der Unterstützung des Fördervereins konnte ein großes Haus von internationalem Rang entwickelt werden, das als Forum der Kultur, Wissenschaft und der Begegnung weit ausstrahlt.

Spinnerei Forum für Textilkultur

Der viergeschossige Backsteinbau der ehemaligen Spinnerei Herding ist ein typisches Beispiel aus der Boomzeit der Textilindustrie in Bocholt. 1907 ließen die Firmeninhaber das Gebäude an der Aa mit Schaufassade und repräsentativen Wasserturm errichten. Mit fast 600 Webstühlen und 23.600 Spindeln gehörte die „Spinnweb“ Herding lange Zeit zu den größten Bocholter Textilbetrieben. Heute präsentiert das LWL-Museum in dem Gebäude Ausstellungen aus der Modegeschichte und zeigt Technik in Funktion. Geöffnet ist es von März bis Oktober.

Parcours de la Mode

Im Erdgeschoss der Spinnerei befindet sich ein „Parcours de la Mode“: In einer 23 Meter langen Vitrine, die als Laufsteg aufgebaut ist, nehmen historische Kleidungsstücke und Schuhe sowie textile Musterbücher die Besucher mit auf eine farbenfrohe Reise durch mehr als 100 Jahre Modetrends. Das älteste Stück, ein schwarzes Tournüren-Kleid, stammt aus dem Jahr 1885. Dieser Teil der Ausstellung wird kontinuierlich sein Gesicht wandeln: Aus dem großen Fundus der Sammlung werden immer wieder neue Stücke den Laufsteg beleben und zeigen, wie vielfältig die Welt der Mode war und ist.

Im Flyersaal im ersten Obergeschoss präsentiert das LWL-Museum am authentischen Ort die Bedeutung der Textilunternehmer und der ansonsten selten ausgestellten Baumwollspinnerei. Die Schau zeigt die wirtschaftlichen Zusammenhänge und rückt die „Macher“ und die Lebenswelt der Unternehmer in den Fokus. Teilweise laufende Maschinen machen ein Stück Textilgeschichte der Region lebendig.

Mehr als 500 Exponate bekommen die Besucher auf 1300 Quadratmetern zu sehen. In ihrer Komposition verdeutlichen sie, dass sich die Handlungsfelder der Textilunternehmer in Westfalen – und speziell im Westmünsterland – in den vergangenen 150 Jahren kaum verändert haben.

Ausgestellt wird beispielsweise ein Schreibtisch des Textilunternehmers Carl Herding, den dieser Anfang des 20. Jahrhunderts gekauft und über viele Jahrzehnte hinweg benutzte. Der Kauf eines gebraucht gekauften Konzertflügels, ein mittleres Modell eines Montblanc-Füllfederhalters, Unternehmerporträts in Öl – alles Exponate, die darauf hinweisen, dass die „Macher“ in der Region zwar auf globalen Märkten agierten, in der Heimat jedoch bescheiden lebten.

An einem modernen Medientisch kommen 14 Unternehmerpersönlichkeiten zu Wort. Sie berichten über die Motivation ihres Handelns, über Tradition, Familie und modernes Wirtschaften.

App „Bist Du ein Macher?“

Bei dem App-Spiel „Bist du ein Macher?“ schlüpfen Museumsbesucher mit ihrem Smartphone oder Tablet selbst in die Rolle eines angehenden Textilunternehmers – mit dem Ziel, die eigene Firma so erfolgreich wie möglich zu machen. Ganz nebenbei erfährt man, was einen erfolgreichen westfälischen Unternehmer wirklich ausgemacht hat, wie er seine Entscheidungen getroffen hat und was sein Leben beeinflusste.

Als potenzielle „Macher“ stehen Spieler vor Aufgaben, die gelöst werden können, während sie die Ausstellung erkunden. Das Spiel läuft in der App „Biparcours“, die kostenlos in den Stores für iOS und Android heruntergeladen werden kann (in der Suchfunktion „Bist Du ein Macher“ eingeben).

Technik in Funktion

Das Westfälische Landesmuseum für Industriekultur besitzt eine der größten Sammlungen von Textilmaschinen in Europa. Einige davon wurden in den vergangenen Jahren aufwändig restauriert und sind jetzt in der neuen Ausstellung zu sehen. Die bis zu knapp 20 Meter langen Maschinen – vom Öffnerzug aus dem Jahr 1910 bis zur OE-Feinspinnmaschine von 1986 – lassen die Herstellung von Baumwollgarnen nachvollziehen. Medienterminals zeigen zudem historische Aufnahmen und erklären die Funktionsweise der Spinnmaschinen. Einige dieser Maschinen werden den Besuchenden zudem regelmäßig vorgeführt.

Weberei – Vom Faden zum fertigen Stoff

Die Produktionshalle der Weberei des Textilwerks ist ein Nachbau des alten Websaals der Weberei Gebr. Essing in Rhede. Mit 50 Webstühlen und 25 Webern hatte die Firma 1891 den Betrieb aufgenommen. Als die Gebäude der Firma im Februar 1985 abgerissen wurden, konnte das LWL-Museum die gußeisernen Säulen des Websaals von 1889/94 und andere Original-Einbauten retten.

Der Websaal

Der Websaal ist eine „Shedhalle“. Solche Hallen mit der charakteristischen sägeförmigen Silhouette der Dächer waren bis in die 1950er Jahre die typische Bauform für zahlreiche Fabriken. Ihr Name rührt von der Aneinanderreihung schuppenähnlicher Bauelemente (engl. shed = Schuppen) her. Die großen Glasfenster in den Dächern sind meist nach Norden ausgerichtet. Das sorgt für eine gleichmäßige Beleuchtung und verhindert eine Aufheizung durch die Sonne.

Für den heutigen Betrachter ist nur noch schwer nachzuvollziehen, wie neu und ungewohnt die Fabrikanlagen des 19. Jahrhunderts für die Zeitgenossen waren. Die 32 Webstühle des Museums vermitteln ansatzweise einen Eindruck von der Dimension großer Arbeitssäle mit Hunderten in Reih und Glied aufgestellter Webmaschinen.

An 13 Medienterminals können Besucher per Knopfdruck Informationen zu technischen Funktionen und Arbeitsabläufen abrufen. Animationen zeigen den jeweiligen Raum und weisen auf historische Einbauten hin. Nicht nur der Websaal, auch Kontor, Werkstatt und Maschinenhaus sind auf diese Weise in den Rundgang eingebunden.

Der Clou ist ein digitales Rollenspiel: Besuchende lernen dabei den Arbeitsalltag aus der Sicht eines Webers kennen, der 13 verschiedenen Personen begegnet. Darunter befinden sich eine Passiererin, die für die Vorbereitung der Webketten zuständig war, der Maschinist, der Heizer und ein Büroangestellter.

Das Maschinenhaus

Im Gegensatz zu den sehr schlichten und schmucklosen Produktionsräumen, ragen die Maschinenhäuser der Textilbetriebe durch gesteigerten architektonischen Aufwand und kunstvolle Verzierungen wie zum Beispiel farbige Bodenfliesen, Schablonenmalerei an den Wänden und pompöse Türen heraus. Denn dort befindet sich das Herz der Fabrik: die Dampfmaschine. Hierhin wurden Besuchende geführt, und die Fülle erhaltener Fotografien dokumentiert die besondere Aufmerksamkeit, die der „Kraftzentrale“ gewidmet wurde. Entsprechend repräsentativ ist auch das Maschinenhaus des Museums eingerichtet.

Die Dampfmaschine wird heute über einen Elektromotor in Bewegung gesetzt: Über Seile überträgt sie die Energie auf die Transmission im Websaal.

Die Werkstatt

Die Werkstatt diente der Wartung und der Instandhaltung der Maschinen und der gesamten Fabrik. Neben den Reparaturen wurden hier auch Neukonstruktionen und technische Verbesserungen entwickelt. Die Werkstatt hatte die besondere Aufgabe, den Betrieb soweit wie möglich von Fremdleistungen unabhängig zu machen. Die Werkstatt der Museumsfabrik ist wie üblich in unmittelbarer Nähe des Kesselhauses und des Maschinenhauses in einem Raum untergebracht, der sich wegen der ungünstigen Beleuchtungsverhältnisse zu anderen Zwecken nicht eignen würde. Man betritt die Werkstatt durch eine Tür aus der ehemaligen Weberei Lühl in Gemen, wo sie den Zugang zum Kesselhaus von 1894 ermöglichte.

Das Arbeiterhaus

Das nach alten Plänen erbaute und vollständig möblierte Arbeiterhaus mit bewirtschaftetem Garten und Kleintierhaltung erinnert an die Lebenswelt der münsterländischen Textilarbeiter zur Zeit der Industrialisierung. Wohnküche, „Gute Stube“, Schlafräume, aber auch Vorratskeller und Waschküche hat das Team des Museums für die Besucher im Arbeiterhaus wieder eingerichtet.

Beim Gang durch das Haus lernen die Besucher das Lebensumfeld einer Textilarbeiterfamilie um 1920 kennen. Der bewirtschaftete Nutzgarten mit Hühnern und Kaninchen lässt erahnen, wie viel Arbeit auch nach Feierabend in der Fabrik auf die Textilarbeiter zukam, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Im linken Teil des Arbeiterhauses werden die Themen Ernährung, Hygiene, Energie sowie Kleidung und Heimtextilien in eigenen Ausstellungseinheiten dargestellt. Ein gedeckter Tisch stimmt die Besucher auf das Thema Ernährung früher und heute ein. Historische Alltagstextilien wie Arbeitshosen und Arbeitsschürzen werden im Obergeschoss neben gestickten Mustertüchern ausgestellt. Geflickte Bettbezüge oder Bettlaken zeigen viel vom historischen Alltagsleben, das von Knappheit geprägt war. Nur durch eigenes Anfertigen, durch Nähen oder Stricken konnte die Hausfrau die Versorgung ihrer Familie mit Textilien sicherstellen.

LUCID“ von Tristan Schulze – Interaktive Installation in der Spinnerei

Tristan Schulze erforscht in seiner Arbeit „LUCID“, wie gestalterisch-kreative Interaktionen zwischen Menschen und Maschinen zukünftig aussehen könnten. Eine Apparatur mit künstlicher Intelligenz generiert in kreativen Prozessen Webmuster und lädt die Besuchenden ein, diese mitzugestalten. Der eigene schöpferische Prozess verbindet sich mit dem der Maschine und hinterlässt Spuren in deren Code. Das Verhältnis bleibt jedoch ambivalent – schließlich trainiert jede Interaktion die künstliche Intelligenz weiter und verstärkt damit deren Autonomie.

Maschinelles Lernen ist ein wichtiger Bestandteil von vielen industriellen Automations-Prozessen und verändert zunehmend unser Konzept von Arbeit. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich Tristan Schulze neben der Frage, was wir in Zukunft als Arbeit betrachten werden, vor allem mit Überlegungen dazu, wie wir arbeiten werden.

Als Basis für neue Webmuster, schöpft LUCID aus dem umfangreichen Musterarchiv des Textilwerkes Bocholt, in dem sich die Textilgeschichte des 20. Jahrhunderts abbildet. Dieses Archiv wird in den nächsten Jahren für junge Designer zugänglich gemacht und wird damit gleichzeitig Inspirationsquelle für neue Muster.

Zum Künstler: Tristan Schulze, 1982 in Leipzig geboren, ist ein deutscher Designer, Künstler und Dozent. Seine Arbeit reflektiert aktuelle Entwicklungen in der digitalen Welt, unter anderem die Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz, Mixed Reality oder Internet of Things-Technologien. Körperlichkeit und Haptik spielen in Schulzes Arbeit eine wichtige Rolle und schlagen die Brücke zwischen digitaler und physischer Welt. Schulze arbeitet und lebt in Leipzig.

Ausstellungen: Die noch bis zum 2. November geöffnete Ausstellung „Muster und Märkte – Auf den Spuren westfälischer African Prints begibt sich auf Spurensuche und beleuchtet die oft unsichtbaren Verflechtungen der Textilveredelungsbetriebe Heinrich Habig AG und Göcke & Sohn AG in koloniale Handelsstrukturen. Zwischen den 1920er- und 1970er-Jahren produzierten sie auch sogenannte African Prints. Die Unternehmen stehen exemplarisch für ein Wirtschaftssystem, das von kolonialen Machtverhältnissen profitierte. Während unternehmerische Positionen dank zahlreicher Akten gut dokumentiert sind, eröffnet die Ausstellung bewusst neue Perspektiven.

Die Ausstellung wurde unter Leitung von Prof. Joachim Baur von einer Gruppe Master-Studenten der Kulturanthropologie des Textilen an der TU Dortmund kuratiert.

Noch bis zum 1. November ist die Ausstellung „Behind the beauty – Hinter den Kulissen der Schönheitsindustrie“ geöffnet. Zum Inhalt: Mode und Accessoires, Kosmetik und Düfte aber auch Chirurgie, Sport und Ernährung – all das und noch viel mehr ist Teil der Schönheitsindustrie, die weltweit für mehr 500 Milliarden US-Dollar Umsatz im Einzelhandel sorgt. Doch wo kommen die Trends her? Wer bestimmt, was „Schönheit“ ist und wie Mann oder Frau sie erreichen können? Mit vielen interaktiven Ausstellungseinheiten präsentiert das LWL-Museum Textilwerk auf über 600 Quadratmetern auch die Rolle der Werbung und der Medien sowie den Einfluss von Social Media.

Öffnungszeiten: Die Weberei ist ganzjährig, die Spinnerei ab 16. März von Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Letzter Einlass ist um 17.30 Uhr. Geschlossen ist montags (außer an Feiertagen). Sonntags werden auch Führungen angeboten.

Nähere Informationen: LWL-Museum Textilwerk, Weberei Uhlandstraße 50, 46397 Bocholt, Spinnerei (auch Postadresse) Industriestraße 5, 46395 Bocholt, Telefon 02871 21611-210, Fax 02871 21611-266, E-Mail textilwerk@lwl.org, Internet http://www.textilwerk-bocholt.lwl.org

Erinnerungen an einen Besuch in der „Lindenstraße“

Etwa 100.000 Besucher kamen am 2. Juli 1995 auf das Studiogelände des WDR in Köln-Bocklemünd. Anlass war ein Fest zur 500. Folge der beliebten ARD-Vorabendserie.

Als am Sonntag. 8. Dezember 1985, um 18.40 Uhr die erste Sendung „Herzlich willkommen“ der ARD-Vorabendserie „Lindenstraße“ lief, hätte, vielleicht abgesehen von den Machern mit Erfinder, Regisseur und Produzent Hans W. Geißendörfer an der Spitze – bekannt geworden als Vertreter des Neuen Deutschen Films durch anspruchsvolle Literaturverfilmungen wie „Der Zauberberg“, „Die Wildente“, „Theodor Chindler“ und „Ediths Tagebuch“ – kaum jemand mit dem großen Erfolg, der sich im Laufe der Jahre einstellte, gerechnet.

Einblicke in den Alltag ganz normaler Leute

Entgegen der erwartbaren Inhalte deutscher Vorabendserien, die sich zumeist des Krimi-, Abenteuer- oder Herz-Schmerz-Genres bedienten, bekamen die Zuschauer bei der Lindenstraße Einblicke in den Alltag ganz normaler Leute mit ganz normalen Problemen, wie sie eigentlich jeder kennt, geboten; und die Kritiken waren auch nicht dazu angetan, einen Erfolg vorauszusehen. Ein „Panoptikum der Piefigkeit“ nannte sie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, „Dürftig und schlecht gemacht“, urteilte etwa der Fachdienst „epd / Kirche und Rundfunk“ über die erste Folge „Herzlich willkommen“. Das Blatt rügte die Serie als „Sozialkitsch“ und prophezeite ihr ein baldiges Ende; und in der Frankfurter Allgemeinen war folgende, auch nicht gerade schmeichelhafte Überschrift zu lesen: „Eine Volkshochschule feiert Jubiläum. Zum 500. Mal Lindenstraße. Kein Ende vor dem Weltuntergang“. Ähnlich fielen damals die meisten Kritiken aus.

Die Häme der Kritiker war also groß, doch davon ließ sich das Fernsehpublikum nicht abhalten und blieb am Bildschirm haften – in den besten Zeiten über 10 Millionen. So entwickelte sich die Serie zum Kult.

Mit dem Bus von Nordhorn nach Köln-Bocklemünd

Der erreichte auch die Grafschaft Bentheim – zumindest wesentliche Teile davon. 1995 bot sich dann für den Autor dieses Artikels die Gelegenheit, an einer vom Jugendzentrum Nordhorn organisierten Busfahrt nach Köln-Bocklemünd teilzunehmen, wo sich die Studios befanden, in denen die „Lindenstraße“ gedreht wurde. Anlass der Fahrt war ein großes Publikumsfest auf dem Studiogelände aus Anlass der 500. Folge.

Die Anfrage beim WDR, ob für das Grafschafter Wochenblatt, bei dem ich damals tätig war, die Möglichkeit zur Berichterstattung und zu Interviews mit den Stars der Serie bestehen würde, wurde prompt mit Ja beantwortet. Dann war nur noch daran zu denken, am Sonntag rechtzeitig beim Jugendzentrum zu sein, wo schon ein Bus bereit stand. Als kleines Team hatte ich damals den Fotografen Hans Pache (+) und zusätzlich Hans Trulsen dabei, der bei den Interviews für die Mikrofon- und Aufnahmetechnik zuständig war.

Dass die „Lindenstraße“ nach anfänglich schwachem Start ein allmählich größeres Zuschauerinteresse verzeichnen konnte, wusste ich inzwischen, aber welche Dimensionen das über damals zehn Jahre angenommen hatte, wurde mir erst vor Ort klar. Über 100.000 Besucherinnen und Besucher tummelten sich auf dem Studiogelände, auf dem als Unterhaltungsprogramm unter anderem eine große Kirmes aufgebaut war.

Mit den Stars im Backstage-Bereich

Es war daher kein Wunder, dass die anderen Teilnehmer der Busfahrt mit einem gewissen Neid auf das Team vom Grafschafter Wochenblatt blickten, da wir als Medienvertreter Zugang zum VIP-Bereich und damit auch direkten Kontakt zu den Stars der „Lindenstraße“ hatten. Wir trafen auf „Momo“, „Herrn Schiller“, „Olaf Kling“, „Mutter Beimer“, „Hans Beimer“, „Iffi Zenker“, „Valerie Zenker“ und viele mehr.

Interviews durften wir mit der wie immer quirligen und temperamentvollen „Iffi Zenker“ (Rebecca Siemoneit-Barum, Tochter des früheren Zirkusdirektors Gerd Siemoneit-Barum) und der eher sperrigen und maulfaulen „Valerie Zenker“ (Nadine Spruß) führen. Beide spielten die Töchter von „Andi Zenker“ (Jo Bolling), der 1990 in der 220. Folge als alleinerziehender Vater (Frau war bei einem Unfall verstorben) mit seiner Kinderschar, zu der auch der damals noch nicht so bekannte Til Schweiger als „Jo Zenker“ gehörte, in die Lindenstraße eingezogen war.

Nach den beiden Interviews bestand dann noch die Gelegenheit, einen Gang durch die Außenkulissen der Lindenstraße zu machen. Ein Höhepunkt für die zahlreichen Fans war nach der Übertragung der gerade anstehenden Folge eine Autogrammstunde mit den Stars, die ohne Übertreibung einen Andrang auslöste, den sonst nur nationale Acts wie „Tokyo Hotel“ oder internationale Bands wie die „Backstreet Boys“ oder „Take That“ zu ihren besten Zeiten verzeichnen konnten.

Unser Besuch in der Lindenstraße endete dann mit der WDR-Unterhaltungssendung „Hollymünd“, die wir im Backstage-Bereich verfolgen durften, und bei der als die bekanntesten Künstler die „Erste Allgemeine Verunsicherung“ und die „Sparks“ auftraten.

Epilog

Zu meinem großen Bedauern wurde die „Lindenstraße“ am 29. März 2020 mit der 1758. Folge eingestellt. Begründet wurde dies von der ARD mit den gesunkenen Zuschauerzahlen, die sich zum Ende unter 2 Millionen bewegte. Das mag zwar so gewesen sein, aber die „Lindenstraße“ war mir immer viel lieber als die unzähligen und überwiegend unseligen Vorabend-Krimis, die jetzt so geboten werden. Und ich werde es der ARD nicht verzeihen, dass sie mir mit der Einstellung der Lindenstraße den Fernsehabend am Sonntag dermaßen durcheinandergebracht hat, dass ich eine ganze Zeit sehr schwermütig war; und das musste mal gesagt und geschrieben werden!!!

Einblicke in das Leben einer Nordhorner Jugendlichen

Über das Gefühl des Unverstandenseins, Tattoos, Depressionen und Musik berichtet die 18-jährige Sanja Wolters in einem Beitrag über das Thema „Jugendkultur“.

„I ´ve always told them I ´m okay / But I don´t / I ´m full of pain / of tears / of loneliness / But I always laught for them / And said the right answers / So they wouldn´t be worried / Or because I ´m afraid they wouldn´t listen / because they are not interested in it“ – so lautet der Text eines Gedichts der 18-jährigen Nordhornerin Sanja Wolters, die ein Unwohlgefühl von Jugendlichen gegenüber der Gesellschaft zum Ausdruck bringt, die nach ihrer Meinung oft von Oberflächlichkeit, schönem Schein und der Verdrängung von Problemen geprägt ist.

„Manchmal scheint uns keiner zu verstehen“, sagt sie im Gespräch mit einer gewissen Wut. „Was habt Ihr denn, Euch geht es doch gut, Ihr habt doch alles, was Ihr braucht“, schallt es ihr oft entgegen. Aber Sanja geht es nicht um die materiellen Dinge. Es geht um Offenheit, Zuhören und den Kampf gegen Vorurteile.Poetry Slam und der Malerei zugewandt. Aber wie es etwas genauer in ihrer Welt aussieht, sagt sie im Gespräch: „Manchmal ist alles zuviel: Der Meinungs- und Informationsschwall durch Social Medi, der große Einfluss durch gleichaltrige Jugendliche und Peer-Groups, der einen schon verunsichern kann, wenn es beispielsweise um Aussehen und Mode geht. Damit nicht genug, gibt es auch enormen Druck vonseiten der Familie, von der Schule und durch die Berufsaussbildung. Die ganzen Erwartungen, die auf einem lasten, prägen uns. Und dann gibt es in großen Teilen unserer Gesellschaft leider auch viele Vorurteile, mit denen wir klar kommen müssen.

Es geht um Offenheit, Zuhören und den Kampf gegen Vorurteile.

Ein gutes Beispiel dafür sind Vorurteile gegenüber Erkrankungen wie Depressionen. Da dürfen sich viele Betroffene so böse Sätze anhören wie „Das ist doch keine richtige Krankheit, „Das bildest Du dir nur ein“, oder „Ja, weil es jeder hat, musst Du das jetzt auch haben.“

Oft ist es auch der Fall, dass sich viele von einem zurückziehen, der an Depressionen erkrankt ist. Als sei man ansteckend. Dabei ist es doch das Wichtige, dass genau dann die Leute aus dem engeren Umfeld wie Familie und Freunde bei einem sind und ihn stärken. Viele werden jetzt wahrscheinlich denken, so kann das doch gar nicht stimmen, wir sind doch in unserer heutigen Zeit bei diesem Thema weit gekommen, was die Heilung angeht. Ich finde aber, dass dies so nicht gan stimmt. Was das Medizinische und Psychologische angeht, sind wir sehr viel weiter gekommen, das ist richtig. Doch in unserer Gesellschaft ist das Sprechen über Depressionen oft noch immer ein Tabu. Vor allem wird es runtergespielt, verdrängt, und diese Verhaltensmuster bringen viele dazu, sich keine Hilfe zu suchen und weiter unter diesem Druck zu leiden. Hinzu kommt jetzt noch die aktuelle Situation mit Corona. Allein seit Beginn der Pandemie sind zusätzlich 477.000 Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren mit Symptomen von Depressionen betroffen, wie ich online auf www.tagesschau.de nachgelesen habe. Die Aussage basiert auf einer Studie von Martin Bujard.

Schlimm ist es auch, mit Vorurteilen betrachtet zu werden, wie es mir schon passiert ist. Wenn jemand Tattoos hat wie ich, ist er gleich abgestempelt als Rocker oder Asi und überhaupt als unanständig. Mit unanständig ist bei der Bewertung nicht unbedingt gemeint etwas gemeint, was beleidigend ist oder einen nackten Körper darstellt. Selbst einfache Blumenmuster werden als unanständig bezeichnet, einfach nur, weil es Tattoos sind. Dies sind zumindest die Vorurteile von vielen Erwachsenen mir gegenüber.“

Mit Tattoos können wir das verewigen, was uns ausmacht oder was wir mit uns verbinden.“

Doch in den Kreisen von mir Gleichaltrigenbedeuten Tattoos etwas ganz anderes. Ich selbst habe nur ein Tattoo, will aber noch mehr haben. Glücklicherweise habe ich viele Freunde, die alle verschiedene und auch sehr viele Tattoos haben. Und Sie haben sich ebenso was dabei gedacht wie ich auch, und deshalb verstehen wir uns. Mit Tattoos können wir das verewigen, was uns ausmacht oder was wir mit uns verbinden. Wir können die schönsten Momente verewigen und wir können auf verschiedene Weisen auch die schlechten Momente verewigen, um uns zu stärken, zu erinnern und um uns aufrecht zu halten. Viele verbinden mit ihren Tattoos eine Geschichte aus ihrem Leben, selbst wenn es nur ein Tattoo ist, welches beim Trinken entstanden ist. Auch da steckt eine Geschichte drin, über die man weinen, lachen und sich an alte Zeiten erinnern kann. Viele identifizieren sich über ihre Tattoos.

Eine weitere Leidenschaft ist für mich wie für meine Freunde die Musik. Ich selbst bin gerne in der Rock- und Metalszene unterwegs. Allerdings höre ich ab und zu auch etwas Klassisches von Komponisten wie Fritz Kreisler und Frederic Chopin.

Was Filme angeht, bin ich ein riesiger Tim Burton-Fan, aber nicht nur. Bei dem, was ich mag, lasse ich mir keinen Stempel aufdrücken, der besagt, zu welcher Gruppe man gehört.

Für die verschiedensten Situationen und für die verschiedensten Gefühle gibt es bei mir und meinen Freunden verschiedene Musikrichtungen. Wenn ich gute Laune habe und Spaß, und vielleicht mal ein bisschen feiern möchte, dann bin ich bei Pop, Rock und Metal. Wenn ich lerne und mich konzentriere, höre ich klassische Musik, und wenn ich zeichne, male oder traurig bin, höre ich oft Birdy und ähnliche Musiker. Die Musik hat für mich die verschiedensten Formen, Gefühle rüberzubringen und einen zu erreichen. Man kann sich in die Musik flüchten und sich mit ihr retten. Die Musik ist für mich vielfältig und so sind die Menschen auch, oder sollten es sein. Ich mag diese Vielfalt einfach und kann nicht verstehen, warum es Menschen gibt, die einem bloß anhand der Musikrichtung einen negativen Stempel aufdrücken wollen, oder anhand der Tatsache, dass jemand Tattoos mag.“