Die ikonischen Museen des verstorbenen Architekten Frank Gehry

Vor Kurzem ist der amerikanische Architekt Frank Gehry (1929–2025) verstorben. Mit seinem verspielten architektonischen Stil hinterließ Gehry einen wichtigen Eindruck im Erscheinungsbild zeitgenössischer Museen. Er machte sogar Städte damit weltberühmt.

Biografisches und ein Überblick über seine ikonischsten Museen

Frank Gehry wurde 1929 in Toronto, Kanada, als Frank Owen Goldberg geboren, ein Kind jüdischer Einwanderer. Er studierte Architektur an der University of Southern California in Los Angeles und änderte später seinen Namen in Frank Gehry.

In den 1980-er Jahren machte er sich mit ikonischen Gebäuden einen Namen, die alle traditionellen architektonischen Regeln brechen: Regeln über Schönheit, über Materialverwendung und sogar physikalische Regeln über die Schwerkraft. Er hatte eine Vorliebe für glänzendes Metall und Hightech-Kunststoffe.

Als Architekt wurde Gehry vom Dekonstruktivismus beeinflusst, bei dem Gebäude aus einzelnen Elementen errichtet werden. Im Fall von Gehry führte dies zu Fassaden in gestapelten geometrischen Formen, als wäre sein Entwurf als Modell auf dem Boden auseinandergefallen und dann in der falschen Reihenfolge wieder zusammengeklebt worden. 1989 gewann er den Pritzker-Preis, auch bekannt als Nobelpreis für Architektur.

Doch seine expressive Architektur war nicht ohne Kontroversen. So würde er spektakuläre Architektur schaffen und den größenwahnsinnigen Wünschen der Großunternehmen entsprechen. Aber seine Gebäude werden auf der ganzen Welt geliebt. Er hinterließ auch einen wichtigen Eindruck im Prestige zeitgenössischer Museen. Aus klassischen Gebäuden, die Kunst dienen, sind Gehrys Museen zu eigenständigen Kunstwerken hervorgegangen. Nicht, was man im Museum sehen kann, aber das Gebäude selbst ist die Hauptattraktion.

Frank Gehrys Einfluss reichte sogar über seinen Tod hinaus. Im Jahr 2026 – nach einer Bauphase von zwanzig Jahren – wird sein Guggenheim-Museum in Abu Dhabi eröffnet.

Die wichtigsten Museen von Frank Gehry

Vitra Design Museum, Weil am Rhein (1989)

Als Gehry Ende der 1980er Jahre beauftragt wurde, das neue Design Museum für den Möbelhersteller Vitra zu entwerfen, war er bereits ein großer Name in den USA. Mit diesem ersten Gebäude in Europa schafft er sofort eine mächtige Visitenkarte. Das Betongebäude ähnelt am ehesten einer Origami-Konstruktion. Im Inneren bietet der fragmentierte Grundriss spannende Ausblicke zwischen den verschiedenen Ausstellungsräumen. Gehry hat das Museum als Sammlung quadratischer Kisten abgeschafft.

Guggenheim-Museum, Bilbao (1992)

1992 war Bilbao eine graue Industriestadt in einer baskischen Ecke Spaniens. 1993 sieht die Welt eine Stadt voller Reiz und Flair – alles dank des titanverkleideten Guggenheim-Museums. Bei hellem Tageslicht glänzt das Gebäude wie ein Diamant; In der roten Abendsonne sieht es aus wie eine atmosphärische Laterne. Der große Erfolg des Guggenheims zieht Besucher aus aller Welt an und verschafft der Stadt einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung. Dies ist als der ‚Bilbao-Effekt‘ bekannt. Museen auf der ganzen Welt wollen ebenfalls einen Gehry, um ihr Image zu verbessern.

Fondation Louis Vuitton, Paris (2014)

Mit Baukosten von 126 Millionen Euro ist die Fondation Louis Vuitton in Paris das teuerste und prestigeträchtigste Museum in Gehry. Das Gebäude sieht aus wie ein riesiges Segelschiff mit zwölf wallenden Segeln. Die Fassade besteht aus mehr als zehntausend halbtransparenten Fensterteilen, von denen keiner gleich ist. Hinter der spektakulären Fassade befindet sich eine traditionelle Stapelung von Betonvolumen. Das Museumsgebäude, das von der bekannten Luxusmarke in Auftrag gegeben wurde, wird daher mit gemischten Kritiken aufgenommen. Hat der Gehry-Trick nachgelassen?

LUMA, Arles (2021)

Als Maja Hoffmann, die wohlhabende Erbin der Schweizer Chemiefirma Roche, ein privates Museum für die Familienkunstsammlung errichten lässt, ist es nur logisch, dass sie Gehry fragt. Es ist inzwischen allgemein bekannt, dass er mit einer visuellen Geste ein Museum auf die Landkarte setzen kann. Gehry entwarf einen 56 Meter hohen Turm für das LUMA-Museum in Arles im Süden Frankreichs, der am ehesten einem riesigen Bienenstock ähnelt. Obwohl Gehry sagt, er sei von Vincent van Goghs Gemälde Die Sternennacht aus dem Jahr 1889 inspiriert worden. Die Edelstahlblöcke beziehen sich auf die zerklüfteten Felsformationen der nahegelegenen Hügel, die sich in Cézannes Werk widerspiegeln. Wieder einmal liefert Gehry ein hochkarätiges Museumsgebäude. (Text aus Museumstijdschrift)

Neue Ausstellung im DHM: „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“

Was ist gemeint, wenn von „Natur“ die Rede ist? Auf diese Frage sind in der deutschen Geschichte sehr unterschiedliche Antworten gegeben worden. Regierungen sowie religiöse und politische Bewegungen haben den Begriff der Natur definiert – und für sich beansprucht. In der neuen Ausstellung zeigt das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin, wie unterschiedlich „Natur“ zu verschiedenen Zeiten im Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht verstanden und politisch eingesetzt wurde. Der schillernde und vielseitige Begriff der „Natur“ wird in seiner historischen Breite und Tiefe ausgelotet.

Die Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“, die noch bis zum 7. Juni 2026 im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums zu sehen ist, blickt auf Beispiele aus 800 Jahren deutscher Geschichte zurück: Ausgehend von Hildegard von Bingens Begriff der göttlichen „Grünkraft“ im 12. Jahrhundert spannt die Kuratorin Julia Voss den Bogen bis zu den Naturkonzepten im geteilten Deutschland, der Umweltpolitik und der frühen Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er Jahre. Die Vereinnahmung des angeblich Natürlichen war zudem eine der ideologischen Grundlagen für die NS-Diktatur, die sowohl die „äußere“ als auch die „innere“ Natur mit einer Unzahl von Gesetzen in ihre Definitionsmacht und Gewalt bringen wollte. Die „Nürnberger Gesetze“ und das „Reichsnaturschutzgesetz“ waren aufeinander bezogen und wurden im gleichen Jahr erlassen: 1935.

Nach einem Prolog werden in der Ausstellung historische Etappen dieses Bedeutungswandels durchschritten: In fünf chronologisch angeordneten Themenräumen öffnen verschiedene Stationen historische Fenster auf Ereignisse oder Entwicklungen, in denen das Naturverständnis markant geprägt oder verändert wurde. Diese Stationen werden jeweils mit einem Tier oder einer Pflanze eingeleitet. Die Ausstellung rückt dabei unterschiedliche Landschaften in den Fokus: von den Kulturlandschaften des Mittelalters über die Wüstungen des Dreißigjährigen Krieges und den im 19. Jahrhundert zum Mythos aufgestiegenen „deutschen Wald“ bis zu den Lausitzer Tagebaulandschaften in der DDR im 20. Jahrhundert.

Die Untersuchung geht über die Fokussierung auf Themen des Natur- oder Umweltschutzes hinaus, die in Zeiten des Klimawandels häufig ins Zentrum gestellt werden. Gegenstand der Betrachtung sind nicht alleine die gegenwärtige Aufladung und die heutige semantische Bedeutung von „Natur“, sondern die sich verändernden Vorstellungen in der deutschen Geschichte. Die heutigen Debatten sollen durch die historischen Perspektiven bereichert werden.

Die Publikationen zur Ausstellung: Natur und deutsche Geschichte. Im Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht

„Natur” ist ein vielschichtiger und schillernder Begriff, der in der deutschen Geschichte überraschende Wandlungen durchlief. Von Hildegard von Bingens Konzept der „Grünkraft” bis zur Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er-Jahre: Im Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht haben Regierungen sowie unterschiedlichste politische und religiöse Bewegungen ihren je eigenen Naturbegriff definiert und für sich beansprucht. Natur und deutsche Geschichte zeigt Umbrüche und Verschiebungen in den Naturvorstellungen aus 800 Jahren. Anhand von beispielhaften Ereignissen aus der Zeit des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, der Zeit der Industrialisierung, des Nationalsozialismus sowie des geteilten Deutschlands wird Geschichte in Geschichten erzählt, gerahmt von Gesprächen mit herausragenden Historikern. Jede historische Epoche wird mit einem Tier oder einer Pflanze eingeleitet: vom Wolf und Beluga-Wal über die Eiche, die Kartoffel und das Usambaraveilchen bis zur Burgunder-Traube. Historische Rezepte spiegeln die Bedeutung von Lebensmitteln und Essgewohnheiten wider. Ein reich illustrierter Bildband, der die kontrastreichen Transformationen von Naturvorstellungen in der deutschen Geschichte vom Mittelalter bis in die 1970er-Jahre anhand ausgewählter Stationen anschaulich macht.

Herausgegeben von: Raphael Gross und Julia Voss für das Deutsche Historische Museum Berlin 2025, 248 Seiten, Matthes & Seitz Berlin, ISBN 978-3-7518-4041-5, 28 Euro.

Publikation 2: Historische Urteilskraft 06. Magazin des Deutschen Historischen Museums

Das Titelthema der sechsten Ausgabe befasst sich mit den politischen Bedeutungen des Naturbegriffs in der deutschen Geschichte. Insgesamt umspannt der Untersuchungszeitraum der Beiträge 900 Jahre.

In drei einführenden Artikeln geben Annette Kehnel, Jutta Nowosadtko und Frank Uekötter einen Überblick über die wechselvollen Naturbeziehungen in Mittelalter, Neuzeit und im 19. und 20. Jahrhundert. Margot E. Fassler erkundet Hildegard von Bingens Begriff der „viriditas“ (Grünkraft) im 12. Jahrhundert, Hiram Kümper behandelt die Natur als Ressource bei der Hanse und Viktoria Urmersbach schreibt über das Bild vom Wald im 18. Jahrhundert, Nils Franke untersucht Natur und Ideologie im Nationalsozialismus. Tilo Wesche stellt die Dialektik der Naturverhältnisse bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno vor. Stephen Milder thematisiert die Anfänge der Anti-Atomkraftbewegung und Astrid M. Eckert erläutert das Nationalparkprogramm der späten DDR.

Daneben macht sich Volker Braun im Einführungsessay als „Freund präziser Abweichungen“ Gedanken über die Strapazen der Urteilskraft. Die Fotografin Laura J. Padgett erstellte einen Foto-Essay zur Lage des barocken Zeughauses in Berlin-Mitte, den Annett Gröschner mit ihren Überlegungen zur historischen Verortung des Zeughauses begleitet. Liliane Weissberg stellte Lorraine Daston, Martha C. Nussbaum sowie Neil MacGregor die Frage: „Was bedeutet Aufklärung?“ und Ansbert Baumann beleuchtet die Geschichte des Gastarbeiterfußballs in der Bundesrepublik. Anna-Carolin Augustin beschäftigt sich mit Schenkungen des Museums für deutsche Geschichte aus dem Jahr 1990 an das United States Holocaust Memorial Museum. Ulinka Rublack, Stephanie Neuner, Brigitte Reineke und Mathias Lang trafen sich in unserer Gemäldesammlung, um einige Details und ihre Bedeutung aus den Augsburger Monatsbildern herauszuarbeiten. Julia Franke ordnet die Elefanten-Sammlung Juliane Webers ein in den historischen und Sammlungskontext – Juliane Weber war die langjährige Büroleiterin von Bundeskanzler Helmut Kohl. Sie verstarb im Dezember 2023.

Herausgegeben von: Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin 2024, 104 Seiten, ISBN 978-3-86102-234-3, ISSN 2626-8094, 12 Euro, zzgl. Porto.

Nähere Informationen: Museumsverein des Deutschen Historischen Museums, Unter den Linden 2, 10117 Berlin, Telefon: +49 30 814535510, E-Mail: kontakt@dhm-museumsverein.de

Verortet – Auf den Spuren von C&A in Sneek

Gründungsorte haben etwas beinahe Mystisches. Sie sind mehr als nur geografische Punkte – sie stehen für Identität und Tradition. Noch heute steht das kleine Fachwerkhaus des von Friedrich Krupp gegründeten Stahlkonzerns wie ein Fremdkörper auf dem Gelände der Essener Firmenzentrale. Die Garage, in der Steve Jobs und Steve Wozniak den ersten Apple-Rechner zusammenlöteten, steht heute unter Denkmalschutz. Unternehmen brauchen historische Ankerpunkte. Bisweilen jedoch geraten sie in Vergessenheit – wie etwa bei C&A.
Lange Zeit galt das Haus am Oosterdijk 7/9 in Sneek als Gründungsort von C&A. Bis vor Kurzem hatte eine Tafel am heutigen Gebäude – ein Doppelhaus mit zwei Boutiquen – daran erinnert. Tatsächlich stand hier das erste Ladengeschäft von Clemens und August Brenninkmeijer, das sie 1860 eröffneten – fast 20 Jahre nach Unternehmensgründung. Denn schon 1841 hatten sich Clemens und August Brenninkmeijer selbstständig gemacht und zunächst als Wanderhändler gearbeitet. Wo aber genau stand das Haus, in dem sie ihr erstes Magazin hatten und von wo aus sie ihren ersten eigenen Geschäften nachgingen? Wo nahm die Geschichte von C&A tatsächlich ihren Anfang?
Die Ausstellung „Verortet – Auf den Spuren von C&A in Sneek“, die vom 26. November bis 26. April 2026 in den Räumlichkeiten der Draiflessen Collection in Mettingen im Rahmen der Reihe „Das Forum“ zu sehen ist, spürt anhand von Fotos, Memoiren, Geschäftsbüchern und Verwaltungsunterlagen dem Ort nach, wo die Brüder Clemens und August 1841 ihr Unternehmen gründeten. Die Besucherinnen und Besucher dürfen sich auf eine spannende, vielschichtige Entdeckungsreise durch Archive, Stadtgeschichte und Unternehmensgedächtnis freuen.

Nähere Informationen: Draiflessen Collection, Georgstraße 18, 49497 Mettingen, Telefon: +49 (0)5452. 9168-3500, E-Mail: info@draiflessen.com. Öffnungszeiten Mittwoch bis Sonntags von 11 bis 17 Uhr, jeder erste Donnerstag im Monat von 11 bis 21 Uhr. Montags und Dienstags ist geschlossen.

Freie Künstlergemeinschaft Schanze zu Gast in Mettingen, Ibbenbüren und Dörenthe

Die diesjährigen Herbstgäste der drei Kunstvereine in Mettingen, Ibbenbüren und Dörenthe kommen aus der Region – genauer gesagt aus Münster. Die „Freie Künstlergemeinschaft Schanze“, eine traditionsreiche Vereinigung mit über 100-jähriger Geschichte, präsentiert in allen drei Häusern vom 15. November bis zum 14. Dezember ein breites Spektrum zeitgenössischer Kunst unter dem Titel „Innere Reise“.

Die Künstler:innen zeigen Werke aus den Bereichen Malerei, Grafik, Fotografie, Plastik und Installation. Der Titel „Innere Reise“ dient als roter Faden und verweist auf die individuellen künstlerischen Prozesse, die von Gedanken, Wahrnehmungen, Erlebtem und Intuition geprägt sind. Die Ausstellung lädt dazu ein, sich auf eine Reise durch persönliche Perspektiven, emotionale Tiefen und gesellschaftliche Themen zu begeben.

Mit dabei sind: Erhard Wilde, Natascha Fix, Margit M. Hübschen, Mark Tippmann, Michael Hassels, Jan Homeyer, Thomas M. Hartmann, Rupert König, Wilhelm Wahner, Dieter van Offern und Miriam Przygoda.

Ihre Werke thematisieren unter anderem Natur und zwischenmenschliche Beziehungen (Wilde), fantasievolle Bildgeschichten mit Van Gogh (Homeyer), Spuren der Natur und menschlicher Realität (Hartmann), Licht und Bewegung in der Fotografie (Wahner), gesellschaftliche Phänomene wie Panik und Perfektion (Tippmann), Kritzelzeichnungen und Pop-Art-Elemente (Hassels), lakonischen Realismus und emotionale Distanz (van Offern), ökologische und feministische Positionen in der Bildhauerei (Hübschen), Collagen aus persönlichen Fotoreisen (Fix), Zeichnungen und Schnitzarbeiten aus Selbstreflexion (König) und Gemälde und Linolschnitte als Ausdruck innerer Atmosphären (Przygoda).

Die Eröffnung am 15. November erfolgt um 15 Uhr im Kunstspeicher Mettingen, um 16.30 Uhr im Kunstverein Ibbenbüren und um 18 Uhr im Kulturspeicher Dörenthe. Geöffnet ist sie an allen drei Standorten am Samstag und Sonntag jeweils von 14 bis 17 Uhr.

Nähere Informationen: Kulturspeicher Dörenthe, Hafenstraße 14, 49479 Ibbenbüren, Telefon +49 5455 960094, E-Mail: info@kulturspeicher-doerenthe.de, Schultenhof Mettingen, Bergstraße 9, 49497 Mettingen, Telefon +49 5452 5213, E-Mail: info@schultenhof-mettingen.de und Kunstverein Ibbenbüren, Klosterstraße 21, 49477 Ibbenbüren, E-Mail: info@kunstverein-ibbenbueren.de.

Ausstellung in Osnabrück: „Die Weimarer Republik – Deutschlands erste Demokratie“

Die Weimarer Republik ist ein spannendes Kapitel deutscher Geschichte, welches mehr Beachtung verdient hat. Als erste deutsche Demokratie schuf sie viele der Grundlagen, auf denen unsere Gesellschaft heute noch basiert. Zugleich ist sie ein Lehrstück dafür, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, sondern immer wieder erkämpft und verteidigt werden muss. Um diese Botschaften zu vermitteln, wurde vom Weimarer Republik e. V. unter dem Titel „Die Weimarer Republik – Deutschlands erste Demokratie“ ein innovatives Ausstellungskonzept umgesetzt, das einen Erlebnisraum mit multimedialen Elementen schafft.

Am Multimediatool können verschiedene Filmformate zur Geschichte der Weimarer Republik ausgewählt werden. Durch eine moderne Erzählweise bieten die Filme einen kurzweiligen Einblick in die wichtigsten Aspekte der Weimarer Jahre. Außerdem werden Bezüge zur Gegenwart aufgezeigt, um den Besuchern die Zusammenhänge zwischen geschichtlichen und aktuellen Ereignissen zu verdeutlichen.

Die Inhalte der Filme können an den 16 Ausstellungstafeln zu verschiedenen Aspekten der Weimarer Republik vertieft werden. So greift die Ausstellung nicht allein politische Themen, sondern auch kulturelle, wirtschaftliche und soziale Fragestellungen jener Zeit auf, die auch 100 Jahre später wichtige Erkenntnisse bieten: Was führte zum Zusammenbruch des Kaiserreichs und zur Gründung der Republik? Und wieso galt ihre Verfassung als die damals fortschrittlichste der Welt? Wie wirkte sich die Hyperinflation von 1923 auf das Leben der Menschen aus? Worauf beruht der »Mythos Weimar« in den vermeintlichen »Goldenen Zwanzigern«? Wer war für die Zerstörung der Republik verantwortlich? Dabei werden die Debatten und Problemlagen durch zeitgenössische Fotografien, Plakate und Zeichnungen auf interessante Weise veranschaulicht.

Zu sehen ist diese Ausstellung in den Räumlichkeiten des Erich Maria Remarque-Friedenszentrums am Markt 6 in Osnabrück.

Offiziell eröffnet wird sie am Donnerstag, 11. November, 19 Uhr. Eine Einführung erfolgt durch den wissenschaftlichen Referenten Christian Schneebeck. Der Eintritt ist frei. Zu sehen ist die Ausstellung in Osnabrück bis zum 18. Januar 2026.

Nähere Informationen: Weimarer Republik e.V., Theaterplatz 4, 99423 Weimar, Telefon 03643 7792821 und Internet www.weimarer-republik.net / Erich Maria Remarque-Friedenszentrum Stadt Osnabrück, Markt 6, 49075 Osnabrück / Erich Maria Remarque-Archiv, Arbeitsstelle Krieg und Literatur, Ansprechpartner Claudia Junk, Telefon: 0541/323-4525, E-Mail junk@osnabrueck.de, Alice Cadeddu, Telefon: 0541/323-4549, E-Mail: cadeddu@osnabrueck.de, Öffnungszeiten: Bis auf Weiteres sind Recherchen im Archiv nur nach vorheriger Terminabsprache möglich. / Erich Maria Remarque-Ausstellung, Telefon Info allgemein: 0541/323-3292, Führungen: Martin Siemsen, Telefon: 0541/323-2109 und E-Mail: siemsen.m@osnabrueck.de. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 bis 13 Uhr und 14 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag jeweils von 11 bis 17 Uhr.

Europäische Realisten im Museum „MORE“ in Gorssel

Genau 100 Jahre nach der wegweisenden Ausstellung „Die Neue Sachlichkeit (1925)“ zeigt das Museum „MORE“ in Gorssel/NL noch bis zum 2, Februar 2026 fast 80 neorealistische Meisterwerke aus 20 Ländern. Diese internationale Ausstellung ist keine Reprise, sondern bietet einen neuen Blick auf den Realismus in Europa zwischen den Weltkriegen. In Zusammenarbeit mit den Kunstsammlungen Chemnitz – Museum Gunzenhauser in Deutschland bringt „MORE“ große Namen und vergessene Stimmen in dieser Größenordnung zum ersten Mal in den Niederlanden zusammen. Mit Künstlern von Finnland bis Spanien und von Ungarn bis England, mit Werken von Otto Dix, Meredith Frampton, Aleksandra Beļcova, Lotte Laserstein, Ángeles Santos Torroella, Gerda Wegener und anderen. Kurzum: Die Ausstellung bietet ein reiches Spektrum an realistischen Porträts, Stadtansichten und Stillleben, an Malerei zwischen Stille und Sturm.

Neuer Realismus in einer turbulenten Welt

Lange Zeit war Realismus in der Kunst ein Synonym für altmodisch, klassisch oder gar reaktionär. Doch gerade die Zeit zwischen 1919 und 1939 zeigt ein anderes Bild. In der turbulenten Zwischenkriegszeit entstand in ganz Europa innovative realistische Kunst, die radikal mit den bisherigen (figurativen) Kunstbewegungen brach. Die Neorealisten griffen nicht so sehr auf eine nostalgische Vergangenheit zurück, sondern wollten das Hier und Jetzt ihrer eigenen Zeit so klar und wahrheitsgetreu wie möglich festhalten. Darüber hinaus schien die abstrakte Bildsprache der 1910er Jahre manchen unfähig, die Schrecken des Ersten Weltkriegs, die beunruhigenden gesellschaftspolitischen Entwicklungen, ein neues Menschenbild und eine andere intime Innenwelt auszudrücken.

Bahnbrechend

Künstler aus ganz Europa lernten auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen die Werke der anderen kennen, begaben sich an künstlerische Hotspots wie Paris, Berlin oder Rom, tauschten sich aus und nahmen sie mit zurück in ihre Heimatländer. Das Ergebnis dieser grenzüberschreitenden Dynamik zeigt, wie international und facettenreich die Wiederentdeckung der Figuration war. Diese jungen Künstler mit ihrer ganzen Vielfalt ihres neuen Realismus bildeten die Avantgarde ihrer Generation.

Italien, Frankreich und Deutschland waren die Motoren dieser Bewegung, die in den 1920er und 1930er Jahren führend und dominant wurde. Der Einfluss von Bewegungen wie „Pittura Metafisica“ und „Novecento Italiano“ reichte weit über Italien hinaus. Die realistische Malerei konnte rätselhafte und befremdliche Züge annehmen und sich auf monumentale Themen konzentrieren. In Paris blühte der Klassizismus auf: die „retour à l’ordre“, die nach dem Krieg Frieden und Harmonie suchte. In Deutschland gab Gustav Friedrich Hartlaub mit seiner bahnbrechenden Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ (1925) einer breiten Bewegung den Namen, die von der nüchternen, wahrheitsgetreuen Malerei bis zur messerscharfen Gesellschaftskritik von Otto Dix und George Grosz reichte.

Ihre eigene Bildsprache

Aber auch außerhalb dieser Zentren blühten eine Reihe neuer Varianten des Realismus. In Großbritannien setzten Künstler wie Meredith Frampton und William Roberts neue Akzente, indem sie zwischen fotografischer Präzision und sozialem Engagement balancierten. In Osteuropa gingen die Länder ihre eigenen Wege: Ungarische und polnische Künstler suchten die Verbindung zu ihren eigenen Traditionen, während Lettland einen „postexpressionistischen Realismus“ entwickelte. Auch in neuen Staaten wie Jugoslawien und der Tschechoslowakei wurde die Kunst als Mittel der nationalen Identität eingesetzt. In den Niederlanden wurde der Neorealismus zum Stil von Künstlern wie Pyke Koch, Carel Willink und Charley Toorop, die internationale Einflüsse in eine ganz eigene Bildsprache übersetzten. Es ist schwierig, ein genaues Enddatum für diesen „neuen Realismus“ festzulegen. In Deutschland folgte eine Wende nach 1933, als die Nationalsozialisten diese Form der Avantgardekunst als „entartet“ bezeichneten. In den Niederlanden und anderen Ländern erreichte sie ihren Höhepunkt, bis der Zweite Weltkrieg die Kunstproduktion zum Erliegen brachte.

Polyphon

Frühere Retrospektiven legten oft den Schwerpunkt auf westeuropäische, männliche Künstler. In der Zwischenzeit hat sich dieses Bild erheblich erweitert, da Mittel- und Osteuropa und weibliche Macher stärker in den Fokus gerückt werden. Eine Ausstellung wie „European Realities“ beweist, wie reich, vielfältig und aktuell diese (Mal-)Kunst ist. Und es zeigt auch, dass der Realismus in der Zwischenkriegszeit kein eindeutiger Stil war, sondern eine vielstimmige Bewegung, die Grenzen überwand. Es erfordert eine breitere Sicht der Kunstgeschichte – eine, die Unterschiede, Gemeinsamkeiten und vergessene Stimmen berücksichtigt.

Buch

Waanders Publishers wird ein reich bebildertes Buch in niederländischer/englischer Sprache veröffentlichen, mit einer Einführung in die Ausstellung von Anja Richter und Florence Thurmes und einem Essay von Julia Dijkstra. Ab sofort in unserem Museumsshop und online in unserem Webshop erhältlich.

Liste der Künstler

Folgende Künstlerinnen und Künstler sind vertreten: Robert Angerhofer, Aleksandra Beļcova, Giorgio de Chirico, Marcus Collin, Heinrich Maria Davringhausen, Fortunato Depero, Kate Diehn-Bitt, Otto Dix, Ferdinand Erfmann, Emanuel Famíra, Roberto Fernández Balbuena, Stina Forssell, Arvid Fougstedt, Meredith Frampton, Acke Hallgren, Krsto Hegedušić, Johan van Hell, Karl Hubbuch, Martin Hubrecht, Raoul Hynckes, August Jansen, Torsten Jovinge, Alexander Kanoldt, Dick Ket, Moïse Kisling, Vilma Kiss, Pyke Koch, Béla Kontuly, Sonja Kovačić-Tajčević, Tone Kralj, Lisa Elisabeth Krugell, Kazimierz Kwiatkowski, Lotte Laserstein, Chris Lebeau, Ludolfs Liberts, Jānis Liepiņš, Rafał Malczewski, Jenő Medveczky, Johan Mekkink, Omer Mujadžić, Martin Nagy, Ernst Nepo, Václav Vojtěch Novák, Väinö Nuuttila, Eduard Ole, Lotte B. Prechner, William Roberts, Cagnaccio di San Pietro, Ángeles Santos Torroella, Johannes Lodewijk Schrikkel, Georg Schrimpf, Zur Gmina Sleńdziński gehören die Dörfer und Siedlungen Franz Sedlacek, Ester Šimerová-Martinčeková, Ludomir Sleńdziński, Leonore Maria Stenbock-Fermor, Niklaus Stoecklin, Charley Toorop, Marijan Trepše, Ante Trstenjak, Kiril Tsonev, Remedios Varo Uranga, Karl Völker, Vlasta Vostřebalová-Fischerová, Ilmari Vuori, Gerda Wegener und Carel Willink.

Vertretene Länder

Die ausgestellten Bilder stammen aus folgenden Ländern: Österreich, Bulgarien, Kroatien, Tschechische Republik, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Ungarn, Italien, Lettland, Niederlande, Polen, Spanien, Slowakei, Slowenien, Schweden und Schweiz.

Nähere Informationen: Museum MORE, Hooftstrad 28, 7213 CW Gorssel, Telefon +31 575 760 306, Internet www.museummore.nl. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, und Burg Ruurlo, Vordenseweg 2, 7261LZ Ruurlo. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.

„Bodenschätze – Geschichten aus dem Untergrund“

Beim Museum und Park Kalkriese, das sich mit der Geschichte der Varusschlacht im Osnabrücker Land beschäftigt, geht es im Rahmen der Sonderausstellung „Bodenschätze – Geschichten aus dem Untergrund“, die noch bis zum 2. November zu sehen ist,um die Welt unter unseren Füßen. In der großen Familienausstellung „BodenSchätze – Geschichten aus dem Untergrund“ heißt es Mitmachen, Anfassen und Ausprobieren. Über 20 Themenstationen, darunter viele Forscher- und Experimentiertische, bieten einen abwechslungsreichen Überblick.

So laden die „BodenZauberMaschine“ – es gibt sie wirklich – und eine große Ausgrabungs-Landschaft zum Ausprobieren und Entdecken ein. Was verbirgt sich unterm Sand? – so lautet die große Frage. Wer sie beantworten möchte, darf selbst zum Werkzeug greifen und an einer richtigen Ausgrabung teilnehmen.

Auf einer Fläche von rund 500 Quadratmetern dreht sich alles um den Boden in all seiner Vielfalt und seinen Facetten. Um Boden als Substrat, als Existenzgrundlage, als Lebensraum, als Medizin, als Inspiration und natürlich als das weltgrößte Archiv menschlicher Kulturgeschichte. Als leidenschaftlicher Sammler hütet der Boden unzählige Schätze und ist strenggenommen das größte Museum der Welt. Um diese Schätze zu finden, muss man die Tricks der Profis kennen, die die Macher des Museums und Parks Kalkriese natürlich gern verraten.

Informativ, überraschend und interaktiv ist die Mitmach-Ausstellung „BodenSchätze – Geschichten aus dem Untergrund“ ein Vergnügen für die ganze Familie und besonders gut geeignet für Feldforscherinnen, Bodenexperten und Schatzsucherinnen ab acht Jahren. Regelmäßig stattfindende Familienführungen und Ferienprogramme versprechen zusätzlichen Spaß. So wird der Forschergeist geweckt.

Öffentliche Führungen finden sonn- und feiertags jeweils ab 13 Uhr statt, Familienführungen für Erwachsene und Kinder jeden zweiten und vierten Sonntag im Monat jeweils ab 14 Uhr.

Nähere Informationen: Varusschlacht im Osnabrücker Land gGmbH – Museum und Park Kalkriese, Dr. Stefan Burmeister, Geschäftsführer, Venner Straße 69, 49565 Bramsche-Kalkriese, Telefon: 0049 (0)54689204-0, Fax 0049 (0)54689204-45, E-Mail: kontakt@kalkriese-varusschlacht.de

Verlängerung der Ausstellung „Planet Ozean“ im Gasometer Oberhausen

670.000 Gäste in 6,5 Monaten – oder: Noch nie hatte eine Ausstellung im Gasometer so viele Besucherinnen und Besuchern in so kurzer Zeit. Und das will etwas heißen, gehört die Vorgängerschau „Das zerbrechliche Paradies“ doch mit insgesamt mehr als 1,3 Millionen Gästen bis heute zu den erfolgreichsten Ausstellungen Deutschlands.

Aufgrund der fulminanten Nachfrage – und für Gasometer-Fans alles andere als überraschend – wurde „Planet Ozean“ verlängert. Bis zum 30. November taucht die Schau nun also ab in die kaum bekannten Unterwasserwelten und bietet einmalige Einblicke in deren berauschende Vielfalt.

Von den Küsten bis in die Tiefsee

In verschiedenen Ausstellungskapiteln zeigt der Gasometer anhand von teilweise noch nie gesehenen großformatigen Fotografien und Filmen die Ozeane unseres Planeten. Da tanzt dann ein Harlekin-Oktopus munter durch die Lagune von Mayotte, gibt es direkten Blickkontakt mit einem Blauhai oder beobachtet ein niedlicher Seelöwe den kunstvoll getarnten Fetzenfisch. Die Folgen der menschlichen Nutzung der Weltmeere als Energielieferant, Transportstrecke oder Nahrungsquelle dokumentiert dagegen das Bild „Net loss“ von Audun Rikardsen: Ein geplatztes Netz verliert seinen Fang und überschwemmt das Wasser mit toten Fischen.

Folgerichtig beschäftigt sich „Planet Ozean“ auch mit den wichtigen Bereichen Meeresschutz und -forschung. Hierfür steht der neuen Schau mit dem Deutschen Meeresmuseum ein versierter Partner zur Seite, dessen wissenschaftliche Expertisen das inhaltliche Fundament bilden. Dank modernster Technologien ist es heute möglich, die steten Veränderungen unserer Ozeane detailliert zu erfassen. Diese Datenmengen vermittelt der Gasometer Oberhausen mit dem „Ocean Twin“: Beim vom Environmental Systems Research Institute (kurz Esri) entwickelten Zwilling der Weltmeere handelt es sich um einen interaktiven Globus, der als geografisches Informationsnetzwerk aktuellste Erkenntnisse visualisiert.

Eintauchen in Unterwasserwelten

Im eigens für die neue Ausstellung entwickelten Raumobjekt „Klang der Tiefe“, in der Mitte des Erdgeschosses platziert, tauchen die Besucherinnen und Besucher in einzigartige Klangwelten ein. Hier ploppt, knistert, kracht und klopft es, wenn tausende kleinster Krustentiere, lebendige Korallenriffe oder ein Schwarm Kabeljaue belauscht werden können. Die sinnliche Geräuschreise durch die Meere beginnt an der Nordsee und wird vom Spezialisten für Naturklangaufnahmen Chris Watson, gemeinsam mit Soundartist Tony Myatt und der Lichtkünstlerin Theresa Baumgartner, inszeniert.

Dramaturgischer Höhepunkt der neuen Schau „Planet Ozean“ ist die immersive Inszenierung „Die Welle“ von Ars Electronica Solutions. Installiert im Luftraum des Gasometers, dient die 40 Meter hohe und 18 Meter breite Leinwand in L-Form als Projektionsfläche für eine fotorealistisch animierte Meereswelt. Ganz ohne Taucheranzug und Atemmaske können die Besucher hier auf Augenhöhe mit Walen, Fischen oder auch Quallen den Ozean ergründen.

Nähere Informationen: Gasometer Oberhausen, Arenastraße 11, 46047 Oberhausen, Telefon 0208 21295, E-Mail: info@gasometer.de. Die Öffnungszeiten des Gasometer Oberhausen sind Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. In den NRW-Sommerferien oder an Feiertagen ist der Gasometer durchgehend, also auch am Montag von 10 bis 18 Uhr, geöffnet.

Einiges zum Museum und Park Kalkriese

Mehr als 2000 Jahre nach der Schlacht zwischen Römern und Germanen ist Kalkriese auch heute noch ein besonderer Ort. Seit über 30 Jahren finden hier wissenschaftliche Untersuchungen zur Varusschlacht statt, und Jahr für Jahr bietet die archäologische Forschung neue Einblicke in das tragische Kriegsgeschehen.

Kalkriese ist allerdings nicht nur ein spektakulärer Fundort, sondern zugleich ein Bodendenkmal, dessen Charakter und Ausdehnung Forschung und Denkmalpflege vor bisher ungekannte Herausforderungen stellt. Viele Universitäten und Forschungsinstitute unterschiedlicher Disziplinen sind aus diesem Grund in die Untersuchungen eingebunden.

Doch die Forschung allein steht hier nicht im Mittelpunkt, hinzu kommt als zentrale Aufgabe die Vermittlung an eine breite Öffentlichkeit.

Das Museum am Schauplatz des Geschehens versteht sich als Schaufenster aktueller Wissenschaft. Ausstellungen präsentieren neueste Ergebnisse, Führungen und Vorträge liefern Einblicke in die laufende Forschung und unsere Veranstaltungen finden immer neue Wege, die Geschichte in Worte, Bilder und Töne zu fassen.

Seit der Eröffnung im Jahr 2002 wurde das Museum mehrfach ausgezeichnet, darunter 2004 als erste archäologische Einrichtung in Deutschland mit dem Europa Nostra Award als europäisches Kulturerbe.

Archäologische Forschungen zur Varusschlacht

Die Wahrheit liegt im Boden. Mit archäologischen Methoden wird die Vergangenheit ans Tageslicht geholt und zum Sprechen gebracht.

Die Suche nach dem Ort der Varusschlacht drehte sich 500 Jahre lang im Kreis. Anhand der wenigen römischen Schriftquellen versuchte man das historische Ereignis zu lokalisieren. Doch was Heinrich Schliemann mit der Ilias in der Hand bei der Auffindung von Troja gelang, blieb bei der Suche nach dem Ort der Varusschlacht ohne Erfolg. Die Texte führten bislang an keinen Ort – oder an zu viele. Jeder Vorschlag blieb nur Mutmaßung. Helfen kann hier einzig die Archäologie, die anhand von Ausgrabungen zu dem Schlachtort führt. Auch Kalkriese wurde schon im 19. Jahrhundert von keinem geringeren als dem damals schon renommierten Historiker Theodor Mommsen vorgeschlagen. Seine These konnte jedoch erst über 100 Jahre später bestätigt werden.

Seit 1989 wird die Region Kalkriese systematisch archäologisch erforscht; seit 1998 erfolgt die Forschung in Kooperation mit der Universität Osnabrück. Auf 50 km² geht das Kalkrieser Archäologie-Team auf Spurensuche. Tausende von römischen Funden sprechen eine klare Sprache: Hier sind römische Truppen vernichtend geschlagen worden. Vieles spricht dafür, dass dies in der Varusschlacht geschah.

Nun gibt es erstmals einen konkreten Ort, an dem sich über die Varusschlacht diskutieren lässt. Die Situation ist für die Forschung einmalig. Wie passen moderne Archäologie und die Schriften antiker Autoren zusammen? Die Archäologie erlaubt Einblicke in die Geschehnisse vor Ort, zu denen sich die Texte ausschweigen. Es gibt kein ähnlich gut untersuchtes antikes oder historisches Schlachtfeld. Wie an keinem anderen Platz lassen sich hier vor allem die Geschehnisse untersuchen, die nach Ende der eigentlichen Kämpfe einsetzten: die Plünderungen und Siegesrituale. Das, was wahrscheinlich auf jedem Schlachtfeld der Welt passierte – und noch passiert –, kann hier mitunter detailliert in den Blick genommen werden. Und wir erhalten Einblicke in die Ausstattung eines römischen Expeditionsheers, die kaum ein anderer Fundplatz bieten kann. Hier sehen wir eine Truppe auf dem Marsch, mit ihrem Gepäck und persönlichen Habseligkeiten. Das meiste haben die Plünderer zwar mitgenommen, doch es blieb genug für die heutige Forschung zurück. Und jede weitere Ausgrabung kann neue Überraschungen bieten, wie der 2018 entdeckte römische Schienenpanzer eindrücklich belegt. Bislang wurde eine solche Körperrüstung noch nie vollständig gefunden.

Park und Architektur

Auf dem sogenannten Oberesch konnten seit 1990 die meisten Hinweise auf das Kampfgeschehen zwischen Römern und Germanen entdeckt werden. Im Jahr 2000 wurde hier der Park des Museums eröffnet. Er erstreckt sich über eine Fläche von über 10 Hektar. Architektur und Landschaftsgestaltung wurden von Mike Guyer und Annette Gigon zusammen mit dem Büro Zulauf Seippel Schweingruber, alle aus der Schweiz, entwickelt.

Der hier realisierte Ansatz erwies sich für viele Folgeprojekte im In- und Ausland als wegweisend. So wurde weder Ort noch Ereignis rekonstruiert und stattdessen inmitten der Landschaft am Kalkrieser Berg ein einzigartiger Reflexionsraum geschaffen. So bietet der Park dem Besucher eine spannende Kulisse für eigene Überlegungen zur Varusschlacht und ermuntert zu Erkundung durch Gehölz und Gestrüpp.

Kinder können mit dem Rätselspiel »Der Spurensucher« den Ort auf eigene Faust erkunden. Doch der Park hat noch mehr zu bieten: kleine Bäche, schmale Brücken, den Kletterwald oder den Themenrundgang »Undercover«, an dem sie Mister Reagan Wurmsky empfängt, um sie in die »Unterwelt« zu begleiten.

Auch eine Fülle von Veranstaltungen findet alljährlich im Park statt. Zu den bekanntesten gehören die Römer- und Germanentage und das Forum Kalkriese und überdies sorgt auch die Natur im Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter für Abwechslung.

Schienenpanzer

Der Kalkrieser Schienenpanzer ist der älteste bekannte Schienenpanzer der römischen Welt. Er ist nahezu vollständig und außergewöhnlich gut erhalten. Diese aus mehreren Metallplatten zusammengesetzte Rüstung schützte über Jahrhunderte die Oberkörper der römischen Legionäre. Obwohl der Schienenpanzer zur festen Ausstattung der römischen Armee gehörte und in römischer Zeit vielfach abgebildet wurde, gibt es kaum Funde, die uns über das reale Erscheinungsbild und die technischen Details dieser Schutzrüstung in Kenntnis setzen.

Nach einer Stippvisite im Britischen Museum in London ist der Schienenpanzer ab dem 5. April 2025 wieder in Kalkriese zu sehen. Als einer der Highlightfunde der Sammlung erweitert der Schienenpanzer die Dauerausstellung zur Varusschlacht und ermöglicht den Besucherinnen und Besucher einzigartige Einblicke. Im Jahr 2018 bei Ausgrabungen im Museumspark entdeckt, hat dieser Fund nicht nur in Fachkreisen für Aufsehen gesorgt.

Zeichen des Friedens – Schulprojekt zum Thema 80 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa durch die vollständige Kapitulation der deutschen Wehrmacht. 2025 jährt sich dieser Tag, der wie kein anderer für die doppelte Befreiung von Krieg und Nationalsozialismus und einen Neuanfang steht, zum 80sten Male.

Das Museum und Park Kalkriese nimmt dieses wichtige Datum zum Anlass, um den Blick auf 54 aktuelle, internationale Konflikte in der Welt zu richten und zu verdeutlichen, dass Kriege keine abstrakte Vergangenheit, sondern bittere Realität sind.

Dazu präsentieren Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 9 bis 11 der Schulen in Stadt und Landkreis Osnabrück das Projekt „Zeichen des Friedens“. Die Schülerinnen und Schüler haben sich intensiv mit den Konflikten auseinandergesetzt, ihre Ursachen, Auswirkungen und mögliche Lösungsansätze untersucht und aufgezeigt, wie diese Konflikte das Leben der betroffenen Menschen prägen.

Das Projekt „Zeichen des Friedens“ geht über eine rein theoretische Auseinandersetzung mit Geschichte und Politik hinaus – es ist ein kreatives Statement. Im Kunstunterricht sind eindrucksvolle Friedenszeichen entstanden, die mit kraftvollen Botschaften an das Publikum appellieren.

Noch bis zum 2. November werden die im Rahmen des Projektes gestalteten Friedenszeichen im Museumspark ausgestellt. Im Ausstellungszeitraum erhalten Besucher freien Eintritt zum Museumspark.

Nähere Informationen: Varusschlacht im Osnabrücker Land gGmbH – Museum und Park Kalkriese, Dr. Stefan Burmeister, Geschäftsführer, Venner Straße 69, D – 49565 Bramsche-Kalkriese, Telefon: 0049 (0)54689204-0, Fax 0049 (0)54689204-45, E-Mail kontakt@kalkriese-varusschlacht.de

Ausstellung über erste Dokumentationen von NS-Verbrechen im Deutschen Historischen Museum

Auf welche Weise verarbeiteten die Nachkriegsgesellschaften die Erfahrung von Gewalt und Vernichtung, die der Zweite Weltkrieg und die gewaltsame Besetzung weiter Teile Europas durch das nationalsozialistische Deutschland verursacht hatte? Eine bisher übersehene, aber historisch prägende Form der Auseinandersetzung bildeten Ausstellungen, die unmittelbar nach Kriegsende von 1945 bis 1948 in vielen europäischen Ländern von Institutionen, Gruppierungen und Akteuren ganz unterschiedlicher Herkunft organisiert wurden. In Zeiten sozialer Not, politischer Unsicherheit, anhaltender Gewalt und unklarer Zukunftsperspektiven zielten die Ausstellungen darauf ab, die Auswirkungen des Holocaust und der nationalsozialistischen Verbrechen zu dokumentieren und zu visualisieren.

Das Deutsche Historische Museum zeigt noch bis zum 23. November unter dem Titel „Gewalt ausstellen: Erste Ausstellungen zur NS-Besatzung in Europa 1945 – 1948“ die Geschichte dieses gesamteuropäischen Phänomens anhand früher Ausstellungen in London, Paris, Warschau, Liberec und Bergen-Belsen. Der Fokus richtet sich auf die unterschiedlichen Formen und Inhalte, mit denen die damaligen Ausstellungsmacherinnen und -macher – darunter meist NS-Verfolgte und Holocaust-Überlebende – die Gewaltereignisse, den Widerstand, die Täter und den Verlust des kulturellen Erbes thematisierten. Sichtbar werden zudem die unterschiedlichen Zukunftsvorstellungen, die sich in diesen Ausstellungen niederschlugen.

Ghetto-Glück“: Ein Kilim aus dem Ghetto Łódź – von Dr. Zofia Trębacz

Die Ausstellung enthält viele ungewöhnliche Exponate. Eine ganz besondere Stellung nimmt ein Kilim – eine dekorative, flachgewebte Teppichart – aus dem Ghetto Łódź ein, wie Dr. Zofia Trębacz vom Emanuel-Ringelblum Jüdisches Historisches Institut in Warschau in ihrem Beitrag schildert. In der Ausstellung wird das Objekt dem breiten Publikum zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten zugänglich gemacht.

Wie der Kilim in die Sammlungen des nach Emanuel Ringelblum benannten Jüdischen Historischen Instituts in Warschau gelangt ist, wo er sich heute befindet, weiß man nicht. Die erste erhaltene Information stammt von der Eröffnung des vom Jüdischen Historischen Institut in Warschau gegründeten Museums des Martyriums und Kampfes vom 18. April 1948, als der Kilim in der Begleitausstellung „Martirologye un Kamf / Martyrologia i walka“ (Martyrium und Kampf) gezeigt wurde.

Aufgrund dessen ist davon auszugehen, dass der Kilim aus den Sammlungen der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission stammte, die beim Zentralkomitee der Juden in Polen angesiedelt war. Die Historische Kommission entstand im August 1944 in Lublin und wurde im Herbst in die Zentrale Jüdische Historische Kommission umgewandelt[1]. Seit März 1945 befand sich ihr Sitz in Łódź. Wichtigste Aufgabe dieser Institution war die Dokumentation der Verbrechen gegen das jüdische Volk. Sie lieferte auch Material für die Kriegsverbrecherprozesse in Polen und in Nürnberg. Ihre Mitglieder betrieben außerdem wissenschaftliche Forschungen und publizierten u.a. Quellenstudien. Sie sammelten zudem Archivmaterial aus unterschiedlichen Ghettos und Lagern, Akten der Judenräte, der Besatzungsbehörden, Institutionen und Privatpersonen sowie Urkunden ehemaliger jüdischer Gemeinden. Die Kommission besaß Zweigstellen in mehreren Städten. 1947 beschloss das Präsidium des Zentralkomitees der Juden in Polen, die Kommission in das Jüdische Historische Institut mit Sitz an der Tłomackie-Straße 5 in Warschau umzuwandeln, in dem wieder aufgebauten Gebäude des Vorkriegs-Instituts für Judaistik und die Judaistische Hauptbibliothek. Seit 2009 trägt das Institut den Namen von Emanuel Ringelblum – dem Historiker, Aktivisten und Gründer des Geheimen Archivs des Warschauer Ghettos, des sogenannten Ringelblum-Archivs. Er wurde im März 1944 von den Deutschen ermordet[2].

Die Interessen der Mitarbeiter der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission waren derart breit gefächert, dass ihre Sammlungen sowohl Dokumente als auch von Juden während des Kriegs angefertigte Objekte unterschiedlicher Art umfassten. Ein bedeutender Teil davon war die Sammlung von Gegenständen, die im ehemaligen Ghetto von Łódź gefunden wurden waren – Gemälde, Skulpturen, aber auch Objekte, die für den zivilen und militärischen Bedarf der Wirtschaft des NS-Staates produziert worden waren. Dazu zählte vermutlich auch der erwähnte Kilim.

Er ist in der Teppichweberei („Teppich-Ressort“) im Ghetto Łódź hergestellt worden. Er hat die Maße 110 cm x 160 cm. Im zentralen Teil zeigt er eine Szene nach einem Motiv entworfen von Józef Kowner: die Gestalten von vier Juden – höchstwahrscheinlich drei Frauen mit Kopftüchern und ein Mann mit Hut – bei der Arbeit, die auf der gepflasterten Straße im Kreis sitzen oder hocken. Der Kilim ist mit Textilstreifen und Stoffresten auf Kettenfäden aus grauen Schnüren gewebt. Das vielfarbige Mittelfeld wird von einem schwarzen, schmalen Rahmen sowie einer breiten grauen Bordüre eingefasst. Die Fransen bestehen aus angeknüpften Schnüren in zwei Farben: Grau und Weiß. Im unteren Teil des Kilims steht die in arabischen und hebräischen Ziffern gewebte Jahreszahl: 1942. Im oberen Teil hingegen findet sich in jiddischer Sprache die ironische Aufschrift: Geto-glikn, „Ghetto-Glück“.

Trotz der extrem schwierigen Lebensbedingungen im Ghetto blieb der Humor oft erhalten. Man mag darin einen Versuch sehen, sich an die widrige Wirklichkeit anzupassen, sich mit ihr zu arrangieren. Dennoch waren die humorvollen Sprüche und Scherze, die man häufig nur versteht, wenn man auch den Kontext ihrer Verwendung kennt, auch für die Chronisten des Ghettolebens etwas Überraschendes und Notierenswertes. In diesem konkreten Fall sind die Worte „Ghetto-Glück“ über einer Illustration, die Juden bei der Arbeit für die deutsche Wirtschaft zeigt, ein ironischer Kommentar zum Schicksal der dargestellten Personen. War doch die Zwangsarbeit für den Feind zugleich die einzige Möglichkeit der Errettung. In der Realität des Ghettos Łódź war die Beschäftigung in einer Fabrik oder Werkstatt das Kriterium, das am ehesten vor dem Transport ins Vernichtungslager bewahren konnte.

Im Ghetto Łódź existierten viele verschiedene Abteilungen und Ressorts, d.h. Fabriken und Werkstätten, die für den Bedarf der deutschen Wirtschaft produzierten. Während des gesamten Bestehens des Ghettos waren dort zwischen 27 und 32 sogenannte Agenden tätig, in denen 13.000–14.000 Arbeiter beschäftigt waren[3]. Mit der Zeit verwandelte sich das Ghetto Łódź in eine Art Arbeitslager. Das kam in der Maxime des Leiters der Jüdischen Verwaltung, Mordechaj Chaim Rumkowski, zum Ausdruck: „Unser einziger Weg ist die Arbeit“. Die bereits 1940 begonnene Strategie wurde in den folgenden Jahren weiterentwickelt. Die im Ghetto Łódź funktionierenden Ressorts setzten in der Praxis die Idee des Überlebens durch Arbeit um – indem sie für die deutsche Wirtschaft produzierten, sollten sie die Nützlichkeit der Jüdinnen und Juden unter Beweis stellen. Beschäftigung fanden darin auch Künstler*innen die Jubiläums-Alben herstellten, die die Arbeit der Ressorts propagandaartig im besten Licht präsentierten. Eines von ihnen war das Gedenkalbum des Teppichressorts, das von Szyja (Jehoszua) Klugmann geleitet wurde. Das Objekt hat den Krieg überdauert und ist Teil der Sammlungen des Jüdischen Historischen Instituts. Es stellt die Entstehungsgeschichte und die Arbeit des Instituts von Juni 1941 bis Oktober 1943 dar und zeigt Muster von Wandteppichen, die auf der vom Ressort im Ghetto Łódź organisierten Ausstellung am 26. Dezember 1942 gezeigt worden waren.

Einer der in der Werkstatt beschäftigten Künstler war Józef Kowner (1895–1967), der schon in der Vorkriegszeit als Maler bekannt gewesen war. Im Ghetto Łódź galt er als „reifer Künstler mit individuellem Stil[4]. Seine Wohnung war Treffpunkt von Maler*innen, Schriftsteller*innen, Schauspieler*innen und Musiker*innen. Kowners Gemälde aus jener Zeit zeichnen sich durch eine ungewöhnlich lebhafte Farbgebung aus. Auf verblüffend farbige Weise stellt er Szenen aus dem Leben des geschlossenen Viertels dar – vor allem die Ghettostraße und die Arbeit. Ein großer Teil seiner Werke hat den Krieg überdauert, einige davon haben den Weg in die Sammlungen des Jüdischen Historischen Instituts gefunden.

Die wachsende Zahl der Bestellungen und die minimalen Arbeitskosten waren für die Deutschen eine Zeit lang Grund genug, das Ghetto Łódź bestehen zu lassen. Dennoch erwies sich die Vorstellung, durch Arbeit überleben zu können, angesichts der Vernichtungspläne als Illusion.

Der Beschluss zur endgültigen Liquidierung des Ghettos Łódź fiel im Frühjahr 1944. Zu der Zeit hielten sich in ihm fast 77.000 Juden auf. Im August 1944 setzten die Deportationen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ein. Mit einem der letzten Transporte verließen Rumkowski und seine engsten Familienangehörigen das Ghetto Łódź.

Vom Ghetto Łódź sind ungewöhnlich vielfältige Dokumente erhalten. Sie stammen vor allem aus der jüdischen und der deutschen Verwaltung und beinhalten zudem zahlreiche persönliche Papiere und Fotografien. Erhalten ist auch eine reiche Kollektion von Bildern und Objekten des Kunsthandwerks, die in die Sammlungen des Jüdischen Historischen Instituts aufgenommen wurde. Hierzu gehört auch der hier thematisierte Kilim.

In den Sammlungen dieser Institution befinden sich auch zwei andere Objekte von ähnlichem Charakter. Das eine ist ein ebenfalls in der Teppich-Ressort hergestellter Kilim für Aron Jakubowicz, den Leiter des Zentralbüros der Ressorts. Auf grauem Hintergrund steht in rosa-schwarzer Schrift auf Jiddisch: „An das Zentralbüro der Arbeitsressorts. Herrn Aron Jakubowicz. Wir melden, dass wir im Zeitraum 1.07[.]–31.12.1941 11.138 m² Teppiche hergestellt und 49.920 kg Abfälle verarbeitet haben. Der Leiter des Teppich-Ressorts Jehoszua Klugman.“Die blaue Bordüre weist einen schmalen rosafarben en Innenstreifen auf. Die untere Seite wurde mit Fransen versehen.

Bei dem anderen Objekt handelt es sich um einen Wandbehang, der am selben Ort produziert wurde. Der obere Rand ist mit einem Streifen aus rotem Stoff benäht, der untere mit grau-roten Fransen abgeschlossen. Mit roter Strickwolle ist auf grauem Grund die jiddische Aufschrift gestickt: „Der Vorsitzende M. Ch. Rumkowski ist ein Symbol für jüdischen Geist und Schaffenskraft“.

Der heutige Blick auf den in Frage stehenden Kilim aus dem Ghetto Łódź unterscheidet sich erheblich von dem, was vermutlich den Ausstellungsmachern von 1948 vorschwebte. Damals wurde er als Ausdruck der Repressionen und der Leiden der Juden unter deutscher Besatzung präsentiert. Heute haben wir auch einen Blick für seinen künstlerischen Wert. Wir sehen ihn unter anderem als Beispiel dafür, wie die jüdische Verwaltung sich bemühte, die Schaffenden zu unterstützen, weil sie in ihnen wichtige Vertreter der Gesamtgesellschaft sah. Zugleich erzählt das vom Urheber gewählte Sujet des Kilims in seiner Art auch von den unmenschlichen Arbeitsbedingungen im Ghetto Łódź. Es ermöglicht uns so einen nuancierteren Blick, vertieft unser Wissen, unsere Empfindsamkeit, und zwingt zur Reflexion.

Literatur:

[1] Näheres vgl. Agnieszka Haska, „‚Festhalten und verewigen‘: Die Tätigkeit der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission“, in: Raphael Gross und Agata Pietrasik (Hrsg.), Gewalt ausstellen: Erste Ausstellungen zur NS-Besatzung in Europa, 1945–1948, Berlin 2025, S. 162–171.

[2] Näheres vgl. Samuel D. Kassow, Ringelblums Vermächtnis. Das geheime Archiv des Warschauer Ghettos, Reinbek 2010.

[3] Julian Baranowski, Łódzkie getto 1940–1944/The Łódź Ghetto 1940–1944: Vademecum, Łódź 2009, S. 43.

[4] Jakub Bendkowski, „Józef Kowner. Malarz getta łódzkiego“ in: Jakub Bendkowski und Zofia Trębacz (Hrsg.), Uchwycić getto. Codzienność getta łódzkiego oczami artystów, Warschau 2025, S. 151.

Nähere Informationen: Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, 10117 Berlin, E-Mail: info@dhm.de. Das Museum ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.