Nicht nur die Kulturgeschichte von Sexarbeit, aber auch

Ausstellungsprogramm der Bundeskunsthalle Bonn

„Was uns verbindet. Dimensionen sozialer Nachhaltigkeit“ – so lautet das Jahresthema 2026 der Bundeskunsthalle. Damit stellt das Haus nach dem Themenjahr der ökologischen Nachhaltigkeit die soziale Verantwortung ins Zentrum seiner Programmarbeit und fragt, wie Kunst, Bildung, kultureller Austausch und gesellschaftlicher Dialog zu einem für alle gewinnbringenden Miteinander beitragen können.

Das Team der Bundeskunsthalle hat vor Kurzem das Programm für das Jahr 2026 vorgestellt. „Es ist wichtig, als Institution darüber nachzudenken, wie wir als Gesellschaft funktionieren und sich dabei zu fragen, was uns verbindet. Mit dem Jahresprogramm 2026 möchten wir den Blick in die weite Ferne schweifen lassen und genauso in unsere diverse, soziokulturelle Umgebung blicken. Wir schauen in den globalen Süden und beschäftigen uns mit indigenen Welten des Amazonasgebiets, zeigen eine zentrale Figur in der queeren Szene New Yorks der 1970er/80er Jahre, ergründen die Kulturgeschichte von Sexarbeit, rücken die Gedenkkultur zu den NS-Verbrechen in den Fokus und richten den Blick auf zumeist wenig beachtete lateinamerikanische Künstlerinnen. Es geht dabei um Themen wie soziale Interdependenzen, kulturelle Teilhabe und alternative Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens“, erläutert die Intendantin Eva Kraus. „Was uns verbindet. Dimensionen sozialer Nachhaltigkeit“ verortet die Bundeskunsthalle nicht nur in Ausstellungen, sondern in einem ganzen Audit von Vermittlung, Bildung und durch gesellschaftliche Beteiligung. Es soll gelingen, Kunst und Kultur als Plattform für ein soziales Miteinander zu denken.

Das Jahresthema verknüpft dabei immer künstlerische Stimmen und ästhetische Positionen mit den Fragen sozialer Nachhaltigkeit. „Als Prämisse ist dabei die diversitätssensible Öffnung des Hauses ein langfristig strategisch und strukturell angelegtes Ziel der Bundeskunsthalle. Inklusion, Teilhabe und der Zugang des Hauses wie auch die Anteilnahme an gesellschaftsrelevanten Themen sind ein wichtiger Motor für den Dialog und das Miteinander. Die Kulturvermittlung spielt dabei einen essentiellen Part – unterstützt durch die Fokusgruppe, das Gesellschaftsforum und die vielen freien Führungs- und Workshopmitarbeiter werden zahlreiche Formate im kleineren und größeren Maßstab für die Besucher immer neu aufgelegt. Ein explizit für Kinder, Jugendliche und Familien neu kuratiertes partizipatives Programm erwartet die Besucher im Programmjahr 2026“, sagt Eva Kraus weiter.

Das Ausstellungsjahr 2026 beginnt am 27. Februar mit einer Ausstellung über einen der bedeutendsten Fotografen New Yorks, Peter Hujar, der für die Empathie und Wärme seiner Bilder gefeiert wurde, zu Lebzeiten jedoch wenig bekannt war. Hujars Hauptinteresse galt der Porträtfotografie und er fotografierte sich selbst, seine Freunde und Bewohner der queeren New Yorker Downtown-Szene, genauso aber richtete er seine Aufmerksamkeit auch auf Tiere, Architektur und Landschaften. (Peter Hujar. Eyes Open in the Dark, bis 23. August)

Die Ausstellung „Amazônia. Indigene Welten“ gibt vom 13. März bis 9. August den indigenen Völkern des Amazonasgebiets eine Stimme und bietet einen neuen Blick auf diese Region, die oft auf das Klischee einer exotischen, von der heutigen Welt abgekoppelten Gesellschaft reduziert wird. Dabei ist Amazonien ein lebendiges Ganzes aus dichten Netzwerken, interkulturellem Austausch und einer erweiterten Soziabilität zwischen Hunderten von indigenen Völkern. Die Ausstellung mit ihren zirka 400 Exponaten legt einen Schwerpunkt auf die Konzepte von Schöpfung, Gemeinschaft und Zukunftsperspektiven aus der Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner.

„Nichts über uns ohne uns!“ – Das Prinzip der folgenden Ausstellung könnte ebenso gut für „Amazônia. Indigene Welten“ gelten, doch charakterisiert es zentral das Projekt Sex Work. Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit. Gemeinsam mit einem Kollektiv forschender Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter wurde die ab 2. April laufende Ausstellung konzipiert, die mit Kunst, kulturgeschichtlichen Zeugnissen und Archivmaterial die Sexarbeit in Europa von der Antike bis in die Gegenwart kaleidoskopartig aufblättert. Denn welches Menschenbild die Zeit prägte, welche Werte galten und wer Macht ausübte, lässt sich auch daran ablesen, wie gesellschaftlich mit Sexarbeit umgegangen wurde. (bis 25. Oktober 2026)

Mit den „Interactions 2026“ werden ab 1. Mai wieder ausgewählte Kunstwerke und Performances angeboten, die im Außenraum der Bundeskunsthalle bis zum 1. November zum interaktiven Spiel einladen. Alle Werke bzw. Projekte beinhalten eine eigene Erzählung oder Vision, die es neben der Interaktion zu entdecken gilt. Sie machen deutlich, dass Offenheit sowohl dem individuellen als auch dem gemeinsamen Erleben dient und ein Miteinander, Toleranz und Sensibilität fördert.

Der Kulturherbst wird am 9. Oktober mit einem Thema eröffnet, das dringlicher nicht sein könnte. Wie steht es um die Erinnerungskultur und Gedenkpolitik in Deutschland? In den kommenden Jahren wird es kaum noch Überlebende des Holocaust und andere Opfer des NS-Regimes geben, die über ihre Erlebnisse berichten könnten. Aber sie hinterlassen ihre Zeugnisse in Büchern, Tonaufnahmen, Filmen und eigenen Kunst werken. Die Ausstellung „Nie wieder! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen“ widmet sich der sich verändernden Erinnerungskultur in Bezug auf die Verbrechen des Nationalsozialismus. Die Ausstellung untersucht vor allem mit Mitteln der Kunst und digitaler Medien sowie mit historischen Zeugnissen und Objekten verschiedene Methoden des Gedenkens. (bis 2. Mai 2027)

In den Jahresendspurt geht die Bundeskunsthalle mit einer große Überblicksschau, die erstmals in Europa zentrale Werke von mehr als 60 Künstlerinnen aus Lateinamerika von Mexiko bis Argentinien vereint. „Avant-Guardistas. Lateinamerikanische Künstlerinnen von Frida Kahlo bis heute“ spannt einen großen Bogen über mehr als ein Jahrhundert, der berühmte Künstlerinnen mit solchen vereint, die über die Jahrzehnte in Vergessenheit geraten sind. Die Ausstellung geht vom 4. Dezember bis 29. März 2027 den eigen ständigen künstlerischen Sprachen auch in ihrer Bedeutung für kulturelle Identitäten und Prozesse der (weiblichen) Selbstermächtigung nach.

Wenn die Ausstellungstüren schließen, gehen bei live arts die Scheinwerfer an. Auf dem Programm 2026 stehen dann fünf internationale Produktionen aus Tanz, Theater, Musik und Performance. So lädt Connor Schumacher mit „Physical Therapy – Sober Dance Sessions“ (Physiotherapie Tanzen ohne Rauschmittel) Menschen dazu ein, zentrale Qualitäten der Rave- und Club kultur bewusst zu trainieren, zu reflektieren und weiterzuentwickeln – ganz ohne den Einfluss von Substanzen. Es folgen die international gefeierten und für den Grammy nominierten Musiker Manu Delago (Handpans) und Max ZT (Hackbrett), die sich mit innovativen Arrangements und wunderschönen Kompositionen in ein unerforschtes musikalisches Terrain vorwagen. Performance mit erwünschter Teilnahme präsentieren Hoffmann&Lindholm mit „Hiding Piece“, bei dem das Publikum aufgefordert wird, im Aufführungsraum zu verschwinden, sich unsichtbar zu machen oder in der Position stiller Beobachter zu verharren.

„Studio Bonn“ komplettiert mit Diskussionen einerseits zur ökologischen, andererseits zu den Dimensionen sozialer Nachhaltigkeit das Kunst- und Kulturjahr in der Bundeskunsthalle. Studio Bonn versteht sich als Beitrag zur demokratischen Selbstverständigung über den gemeinsamen Umgang mit Krisen und Konflikten, über gesellschaftliche Veränderungsprozesse und kulturelle Gestaltungspotentiale.

Noch dem Jahresthema 2025 verpflichtet und die Ausstellung „Expedition Weltmeere“ begleitend, wird bei „Gefährdete Schönheit: Wie können wir die Weltmeere besser schützen?“ am 25. Februar über den aktuellen Zustand der Ozeane diskutiert, die den Globus als zusammenhängendes komplexes Ökosystem umspannen. Dem Jahresthema 2026 folgend, fragt „Extremer Reichtum: Wie Vermögensungleichheit den sozialen Zusammenhalt gefährdet“ am 29. April, wie ein gerechter Ausgleich der finanziellen Lastenverteilung, wie ihn beispielsweise Konrad Adenauer schon einmal vollzogen hatte, erneut gelingen kann.

„Digitales Empowerment? Künstliche Intelligenz zwischen Utopie und Dystopie“ am 3. Juli wagt sich an ein weiteres drängendes Thema. Worin liegen die Chancen und Risiken der neuesten Entwicklungen in der Künstlichen Intelligenz und welche Form von Regulierung hilft uns in Europa, technologische Innovationen mit ethischer Orientierung zu verknüpfen?

Begleitend zur Ausstellung „NIE WIEDER! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen“ beschäftigt sich das Panel am 13. November mit den gegenwärtigen Angriffen auf Gedenkstätten wie Buchenwald durch rechtsextreme Gruppen und diskutiert Strategien, wie die Erinnerung an die deutschen Verbrechen des NS-Regimes gerade in Zeiten einer deutschen Remilitarisierung lebendig und wirkmächtig gehalten werden kann.

Neu im Diskursprogramm ist das Europäische Kulturforum Bonn/European Cultural Forum Bonn ECFB. Von nun an bringt einmal pro Jahr das ECFB herausragende Akteure aus Kunst, Kultur, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aus aller Welt in Bonn zusammen, vom 16. bis 19. September. Gemeinsam soll unter dem Leitgedanken globaler wechselseitiger Abhängigkeiten und planetarer Grenzen über aktuelle Herausforderungen unserer Gegenwart und deren kulturelle Dimension diskutiert sowie transnationale Allianzen für eine offene Gesellschaft und demokratische Kultur gestärkt werden.

Die Bundeskunsthalle positioniert sich seit Jahren als Ort inklusiver Kultur, bei dem Vermittlung zur Brücke wird: Programme adressieren vielfältige Besuchergruppen, bauen Barrieren ab und machen Kunst, Kultur und Wissenschaften erfahrbar. Von inklusiven Führungen über barrierefreie Zugänge und Räume bis zu digitalen Angeboten, die auch jüngere Zielgruppen erreichen, wird auf Teilhabe gezielt. Lokale Perspektiven wie das Gesellschaftsforum und Menschen mit unterschiedlichen Zugängen wie beispielsweise durch die Fokusgruppe (Experten für Barrierefreiheit) finden Aufmerksamkeit. Seit 2010 gibt es konkrete Angebote wie Tastführungen, Gebärdensprachführungen und Programme für Menschen mit Demenz; interkulturelle Formate und queere Zugänge ergänzen das Spektrum.

In diesem Jahr stehen mit dem „Ellah-Lab“, einem umfangreichen Familienprogramm und dem kollektiven Jahresabschlussprojekt in der Ostgalerie weitere Highlights an, die das Publikumserlebnis vertiefen und bürgernahe Partizipation stärken. So wird inklusive Vermittlung zu einem integrativen Erlebnis, das Gemeinschaft stärkt.

Auf eine weitere positive Stabilisierung der Besuchszahlen deuten auch die Prognosen für das noch laufende Jahr: Bei geschätzt 375.000 Besuchen bis Ende des Jahres werden eine Vielzahl an Menschen in der Bundeskunsthalle Ausstellungen gesehen, Konzerte gehört, Filme angeschaut oder bei Diskussionen mitdiskutiert haben.

Nähere Informationen: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH Museumsmeile Bonn, Helmut-Kohl-Allee 4, 53113 Bonn, Telefon: +49 228 9171-200, Fax: +49 228 234154, E-Mail: info@bundeskunsthalle.de

Annika Kahrs – Sonant

Die Städtische Galerie Nordhorn zeigt noch bis zum 8. Februar 2026 eine Einzelausstellung mit der in Berlin und Hamburg lebenden Künstlerin Annika Kahrs, die mit Musik, Performance und Video arbeitet. In ihrer Kunst macht sie die vielen wechselseitigen Beziehungen zwischen akustischen und visuellen Medien erfahrbar.

Kahrs begreift Musik sowohl als Handlung als auch als Mittel der Verständigung und verleiht ihr eine ästhetische sowie gesellschaftliche Bedeutung. Ihre Werke umfassen Video- und Soundinstallationen, Performances, Grafiken sowie Glasarbeiten. Wesentlich für Kahrs künstlerische Arbeit ist eine kollaborative Praxis, wobei sie Musiker und Experten aus anderen Wissensfeldern an der Entwicklung und Umsetzung ihrer Vorhaben beteiligt und dazu auch verschiedene gesellschaftliche Gruppen in die inhaltliche Fragestellung einbezieht. Ihre Arbeiten lassen sich häufig im erweiterten Sinne als Kompositionen verstehen, in denen musikalischen Noten durch präzise formulierte Handlungsvorgaben ergänzt oder ersetzt werden. Auf diese Weise verbindet die Kunst von Annika Kahrs nicht nur Hören, Sehen und Tun, sondern schafft Räume, die poetisch und sozial zugleich sind. Die Ausstellung in der Städtischen Galerie Nordhorn bringt Videoinstallationen, Grafiken, Glasarbeiten sowie Live-Performances aus den Jahren 2010 bis 2025 zusammen.

Zu Annika Kahrs

Annika Kahrs (*1984 in Achim) ist eine deutsche Installations-,Video- und Performancekünstlerin. Sie studierte an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg bei Andreas Slominski, an der Akademie der Bildenden Künste in Wien bei Harun Farocki und an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig Freie Kunst. Sie schloss 2012 ihr Studium an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg ab.

Annika Kahrs erhielt 2011 beim 20. Bundeswettbewerb des Bundesministeriums für Bildung und Forschung „Kunststudentinnen und Kunststudenten stellen aus“ in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn den Bundeskunstpreis. Im gleichen Jahr erhielt sie ein Stipendium der Hochschule für Bildende Künste, Hamburg. 2012 erhielt sie in Wiesbaden den George-Maciunas-Förderpreis, gestiftet von René Block, für den Videofilm „Strings“.

2017 wurde sie mit dem Förderpreis der Vordemberge-Gildewart-Stiftung für ihre Videoarbeit „Sea-Pool“ mit drei Zeichnungen, die von Seemännern in Bremerhaven stammen, ausgezeichnet. 2019 erhielt sie das Stipendium des Max-Pechstein-Förderpreises; und 2020 wurde Kahrs mit dem „Heitland Honneur“ der Heitland Foundation ausgezeichnet. Für 2022 erhielt sie ein Stipendium der Villa Aurora.

Ihre Werke wurden in vielen Ausstellungen präsentiert: unter anderem in der Bundeskunsthalle Bonn, der Hamburger Kunsthalle, dem Kunstmuseum Stuttgart und in der Kunsthal 44 Møen, Askeby.

Nähere Informationen: Städtische Galerie Nordhorn, Vechteaue 2 (Alte Weberei), 48529 Nordhorn, Telefon: +49 (0) 5921 / 971-100, E-Mail: kontakt@staedtische-galerie.nordhorn.de

Hip Hop Is – Museum würdigt nicht nur einen Musikstil

Das Groninger Museum präsentiert unter dem Titel „Hip Hop Is“ vom 20. Dezember bis zum 10. Mai 2026 eine Ausstellung über die grenzenlose Kreativität des Hip-Hop, der als kulturelle Bewegung eine Vielzahl von Bereichen umfasst: von Kunst, Mode, Design und Sprache bis hin zu Musik, Tanz und Graffiti. Gastkuratorin Rieke Vos zeigt in Zusammenarbeit mit Dennis Kok und Sherlock Telgt anhand ausgewählter Werke nationaler und internationaler Künstlerinnen und Künstler den Einfluss der Hip-Hop-Kultur auf die Bildende Kunst der letzten vier Jahrzehnte. Bekannte und neue Werke von Martha Cooper, Arthur Jafa, Iris Kensmil, Mick La Rock, Dana Lixenberg, Rammellzee und vielen anderen werden zu sehen sein.

Hip-Hop ist vielseitig, grenzüberschreitend, ständig im Wandel und zählt zweifellos zu den einflussreichsten kulturellen Bewegungen des 20. und 21. Jahrhunderts. Hip-Hop ist laut, derb und bezieht Stellung. Zugleich ist er eine Quelle kultureller Vielfalt und kreativen Widerstands, entstanden aus dem Bedürfnis, einen eigenen Raum einzunehmen, Ungleichheit zu bekämpfen und Unrecht anzuprangern, also: der Macht die Wahrheit zu sagen.

Hip-Hop wird zwar vornehmlich mit Musik und Mode assoziiert, aber „Hip Hop Is“ nimmt die Bildende Kunst als Ausgangspunkt. Die Arbeiten in dieser Ausstellung – variierend von Fotografie, Malerei und Skulptur bis hin zu Graffiti – zeigen, wie Hip-Hop die Bildende Kunst beeinflusst und bereichert hat, von der Straße bis in den musealen Raum.

Groningen – Niederlande – Welt

Groningen nimmt in der niederländischen Hip-Hop-Geschichte eine besondere Stellung ein, nicht zuletzt, weil Museumsdirektor Frans Haks bereits Anfang der 1980er-Jahre Interesse für das Genre zeigte. Das Groninger Museum organisierte mehrere Ausstellungen und Events zum Thema Graffitikunst, häufig begleitet von Rap- und Breakdance-Performances. In der Folge entstand eine lebendige in der Stadt Graffiti-Szene. Ende der 1980-er Jahre erregte Groningen auch musikalisch Aufmerksamkeit durch die Hip-Hop-Formation „Zombi Squad“, die schon früh durch ganz Europa tourte. Die Kuratoren Sherlock Telgt und Dennis Kok nehmen das Publikum mit auf eine Reise durch die Höhepunkte der Groninger Hip-Hop-Geschichte und setzen sie in Beziehung zu wichtigen internationalen Ereignissen. Dabei konnten sie aus dem Fundus der einzigartigen Sammlung des Dutch Hip Hop Archive schöpfen, das nahezu alle in den Niederlanden veröffentlichten Hip-Hop-Alben und -Singles bewahrt.

Leihgaben und mehr von „Rammellzee“

Ein Ausstellungsraum ist ausschließlich „Rammellzee“ gewidmet, der den Hip-Hop als bildender Künstler zur Avantgarde machte. Der Künstler mit internationalem Ruf hatte gerade in diesem Jahr eine große Retrospektive in Paris, aber schon 1987 eine Ausstellung im Groninger Museum. In „Hip Hop Is“ steht er erneut im musealen Fokus: Gezeigt werden besondere Leihgaben, spektakuläre Kostüme und Filmaufnahmen aus den 1980ern.

Neue Werke für die Ausstellung

Für „Hip Hop Is“ haben mehrere Künstlerinnen und Künstler eigens neue Werke geschaffen. Iris Kensmil hat eine Installation mit Porträts von Rapperinnen gestaltet. Boris Tellegen (Delta) entwickelte ein neues Mural rund um eine 30 Jahre alte Wandskulptur. Und Niels Meulman (Shoe) lässt das Publikum seine unvergleichliche Caligraffiti-Technik erleben – in einem Wandgemälde von über dreizehn Metern Länge.

Nähere Informationen: Groninger Museum, Museumeiland 1, 9711 ME Groningen, Niederlande, Telefon +31 503666555, E-Mail: info@groningermuseum.nl. Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

„Someone`s neighbour“ – Livemusik mit eigenen Stücken in der Kornmühle

Die Band „Someone`s Neigbour“ steht am 13. Dezember um 18.30 Uhr auf der Bühne
der Kornmühle in Nordhorn mit einem Konzert, das ganz im Zeichen von
handgemachter, ehrlicher Rockmusik steht.
Die vier aus der Grafschaft Bentheim stammenden Musiker, Jürgen „Joschi“ Rasch (Gitarre, Gesang), Sabine „Bine“ Hannusch (Gesang), Christian „Zaffy“ Zafuda (Bass) und Armin Schärling (Schlagzeug, Percussion, Gesang) fanden 2022 zusammen und bringen seither frischen Wind in die regionale Musikszene. Unterschiedliche musikalische Wurzeln und Band-Erfahrungen prägen ihren Sound, der sich bewusst nicht auf ein Genre festlegen läßt. „Someone`s Neighbour“ spielen ausschließlich eigene Songs – abwechslungsreich, energiegeladen, mit viel Gefühl für Dynamik.
Mal klingen die Songs leicht und verspielt, dann wieder druckvoll, rau und voller Ecken und Kanten. Zwischen sphärischen Klängen, rotzigen Gitarrenriffs und markanten Rhythmen entstehen Songs, die das Publikum mit auf eine musikalische Reise nehmen – von der Karibik bis zur dunklen Seite des Mondes.
Der Eintritt ist frei.

Ausstellung über Radiopiraten im Drents Museum Assen

Mitsingen, Radiostudios in Dachgeschossen und Piratenfestivals sind wieder im Vormarsch – zumindest in der Drenthe erlebt die Kultur der Radiopiraten ein Comeback. Piratensender haben heute ein paar 100 bis viele 1000 Hörer und Piratenfestivals sind gut besucht.

Vor allem die südöstliche Ecke der Drenthe ist untrennbar mit der Piratenkultur verbunden. In der Ausstellung „Donders dikke plaoten“, die noch bis zum 2. November im Drents Museum in Assen zu sehen ist, haben Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit diese Musikkultur kennenzulernen.

Musiker und Rundfunkgeräte

In der Ausstellung sind die am häufigsten verwendeten Rundfunkgeräte, seltene Singles und das einzigartige Material der Plattenfirma Telstar zu sehen; und zu hören gibt es Geschichten von Piraten und berühmten Musikern. Es gibt Video- und Audioporträts unter anderem von Jannes, Monica West und Henk Wijngaard. Aber auch der TikTok-Pirat Jordie Hemoes, der Ermittlungsbeamte Bé Muller und Albert van Veenen von Gigant FM erzählen ihre Geschichte. Jedes Zimmer hat seine eigene Piraten-Geräuschkulisse.

Piratenstationen in Drenthe

Obwohl die ersten Radiopiraten ihren Ursprung in Twente hatten, kommen heute die drei größten Piratensender der Niederlande aus Drenthe: Radio Olympia, Radio Continu und GigantFM.

Viele bekannte Piratenkünstler wie Jannes und Monica West haben ihre Wurzeln in Drenthe. Die hauptsächlich holländische Musik, die auf Piratensendern und auf Piratenfestivals zu hören ist, wird von den Mainstream-Popsendern oft nicht gespielt. Die „Piraten“ laufen hauptsächlich aus Dachböden und Schuppen. Ihre Studios sind oft ansprechend eingerichtet und in der Regel voll von Besuchern, die die Musik kommentieren. Diese Atmosphäre spiegelt sich in der Ausstellung wider. Die Präsentation entführt Musikliebhaber und Radiofanatiker in die Welt der illegalen Sender, des Ermittlungsdienstes und der Piratenfestivals. Kurzum: eine Ausstellung toller Musik von damals und heute.

Nähere Informationen: Drents Museum, Brink 1, 9401 HS Assen, Telefon 0592 377773, E-Mail: info@drentsmuseum.nl, Internet: www.drentsmuseum.nl. Geöffnet ist das Museum in der von Dienstag bis Sonntag in der Zeit von 10 bis 17 Uhr.

Sonderausstellung „Guitars Heros – Iconic Guitars – Amazing Stories“

Die Sonderausstellung „Guitar Heroes“ des Rock- und Pop-Museums in Gronau widmet sich den größten Gitarristinnen und Gitarristen der Musikgeschichte und beleuchtet die Entwicklung des Rock- und Metal-Gitarrenspiels von den Wurzeln im Hard und Blues Rock bis hin zu Thrash und Groove-Metal. Musikliebhaber erwartet eine beeindruckende Sammlung von 150 Objekten auf 220 Quadratmetern, darunter zahlreiche exklusive Gitarren der „Rock Collection“, die bisher nicht öffentlich ausgestellt wurden.

Ein besonderes Highlight ist die thematische Aufteilung der Ausstellung in sechs Bereiche, von „Roots“ über „Blues Rock“ bis zu „Metal Gods“. Besucherinnen und Besucher können ikonische Gitarren wie K.K. Downings rote Hamer von Judas Priest bestaunen und die Geschichten der einflussreichsten Gitarristen entdecken – darunter Größen wie Tony Iommi, Kirk Hammett, Eddie van Halen, Gary Moore, Slash, Yngwie Malmsteen und viele mehr.

Interaktives Erlebnis

Das Rock- und Pop-Museum legt besonderen Wert auf ein immersives Besuchserlebnis. Mit 23 Monitoren, Projektionen und einem innovativen Tracking-Audiosystem (USOMO) wird die Ausstellung lebendig, so wie man es vom rock’n’popmuseum gewohnt ist. Sechs Erklärvideos zu Gitarrentechniken erlauben es den Besucher:innen, noch tiefer in die Welt des Gitarrenspiels einzutauchen.
Zusätzlich bereichern Experten-Interviews mit Persönlichkeiten der Branche, wie Gitarrist Victor Smolski, Starproduzent Dieter Dierks und Metal Queen Doro Pesch, die Ausstellung. Doro Pesch übernimmt außerdem die akustische Führung durch die einzelnen Stationen und bietet spannende Einblicke in die Geschichte der Gitarrenmusik.

Rahmenprogramm

Die Ausstellung „Guitar Heroes“ bietet eine einmalige Gelegenheit, die Entwicklung des Gitarrenspiels von den 1970er bis 1990er Jahren hautnah zu erleben und sich von den Legenden des Rock- und Metal-Universums inspirieren zu lassen. Das Rock- und Pop-Museum begleitet die Sonderausstellung mit einem abwechslungsreichen Rahmenprogramm.

Die Ausstellung wird bis zum Ende des Jahres zu sehen sein.

Nähere Informationen: Rock- und Pop-Museum, Udo Lindenberg-Platz 1, 48599 Gronau, Telefon 0049 2562 81480, E-Mail: info@rock-popmuseum.de

Junge Musiker aus aller Welt zu Gast in Nordhorn

48. Auflage der Internationalen Sommerakademie

„Es kommt mir alles tot vor, wo ich nicht Musik höre“ – diesen Satz schrieb der Philosoph und große Musikliebhaber Friedrich Nietzsche, der auch Klavier spielte und komponierte, im Jahre 1863 an seine Mutter Franziska Nietzsche und brachte damit die essenzielle Bedeutung der Musik für den Menschen zum Ausdruck.

Viel Musik ist noch bis zum 22. September im Kloster Frenswegen bei der 48. Auflage der Internationalen Sommerakademie für Kammermusik Niedersachsen zu hören.

In diesem Jahr werden 105 junge musikalische Talente an 60 Kammermusikwerken arbeiten. Über 30 verschiedene Nationalitäten sind bei der 48. Auflage dieses einzigartigen Kammermusikkurses in der Grafschaft Bentheim zu Gast. Unterrichtet werden die hochbegabten Nachwuchsensembles von einem international zusammengesetzten Team von Dozenten, das die Sparten Streicher, Bläser und Klavierkammermusik abdeckt und damit jedem Kammermusikensemble – vom Klaviertrio über Streichquartett bis zur gemischten Besetzung – optimalen Input geben kann.

Highlights im Akademie-Kalender sind zehn Konzerte in der Klosterkapelle mit abwechslungsreichen Programmen. Für sechs Konzerte ist der Eintritt frei, für vier Konzerte hat der Vorverkauf begonnen. Den Auftakt machte das Begrüßungskonzert am 5. September. Hier stimmten ausgewählte Akademie Ensembles auf die Welt der Kammermusik ein, die in den folgenden Wochen das Klostergeschehen zu erleben ist.

Die Kooperation mit den Musikschulen Nordhorn und der Niedergrafschaft ist ein fester Bestandteil der Akademie. Ambitionierte Ensembles der Region gestalten am 9. September ein gemeinsames Konzert mit Ensembles der Akademie. Das Nebeneinander schafft eine Atmosphäre voller Lebendigkeit und Nähe: Die Freude am Musizieren steht ebenso im Mittelpunkt wie die Entdeckung neuer Talente. Nähe und Begegnungen, die nicht nur die Musik, sondern auch die Menschen dahinter erlebbar machen, bieten auch die Werkstattkonzerte, die am 7., 10., 14. und 17. September stattfinden. Hier bekommt das Publikum spannende Einblicke in die aktuelle Musikpädagogik. Was sonst hinter verschlossenen Türen in den Musikhochschulen vermittelt wird, ist in diesen Konzerten live und direkt in der Klosterkapelle zu erleben. In den Festivalkonzerten präsentieren die Sommerakademie-Ensembles ihre musikalischen Ergebnisse. Internationale Preisträgerinnen und Preisträger sind hier ebenso zu hören wie Ensembles, die sich erst im Kloster Frenswegen zusammengefunden haben. Die Programme zeichnen sich aus durch frische Interpretationen großer Meisterwerke, spannende Neuentdeckungen, herausragendes Können und geballte künstlerische Energie.

Das Eröffnungskonzert des Festivals findet am 12. September statt, am 20. September folgt das Festkonzert und der letzte Akademietag wird am 21. September mit einem Matinéekonzert und einem Abschlusskonzert musikalisch gefeiert. Die Vielfalt der Ensembles, die abwechslungsreichen Programme und die Verbundenheit mit der Grafschaft Bentheim machen die Internationale Sommerakademie zu einem unvergesslichen Erlebnis für ein breites Kammermusik-Publikum.

Die Konzerte im Überblick

Alle Konzerte der Internationalen Kammermusikakademie finden in der Kapelle des Klosters Frenswegen an der Klosterstraße 9 in Nordhorn statt.

Werkstattkonzerte bei freiem Eintritt (mit anschließender Möglichkeit im Kloster ein Mittagessen oder Kaffee und Kuchen zu genießen) am Mittwoch, 10. September, 12 Uhr, am Sonntag, 14. September, 15 Uhr, und am Mittwoch, 17. September, 12 Uhr.

Kooperationskonzert der Akademie mit den Musikschulen Nordhorn und der Niedergrafschaft bei freiem Eintritt am Dienstag, 9. September, 19.30 Uhr.

Festivalkonzerte am Freitag, 12. September, 19.30 Uhr (Eröffnungskonzert), am Samstag 20. September, 19 Uhr (Festkonzert), am Sonntag, 21. September, 11.30 Uhr (Matinéekonzert) und am gleichen Tag um 18 Uhr das Abschlusskonzert. Die Eintrittskarten für die Festivalkonzerte kosten 15 Euro und ermäßigt 8 Euro. Alternativ zum Kauf von Einzeltickets gibt es den Festivalpass für alle Konzerte für 40 Euro (ermäßigt 20 Euro) und den Tagespass für die beiden Konzerte am 21. September für 20 Euro (ermäßigt 10 Euro). Der Kartenvorverkauf erfolgt beim Kloster Frenswegen, bei Thalia Nordhorn sowie online auf https://isa-kammermusik.de/konzerte.

Weitere Informationen zur Internationalen Sommerakademie, allen Konzerten und Tickets gibt es auf https://isa-kammermusik.de

Poeten einer anderen Wahrnehmung oder „Die Gefäße weiten sich / Der Bann bricht“

Aus Anlass des 30-jährigen Bestehens hat die in Münster gegründete und in Köln ansässige Gruppe „Erdmöbel“ das Album „Hätte Sehnsucht Gewicht“ vorgelegt und auf Tour vorgestellt. Weitere Termine folgen.

26 Jahre zurück liegt meine erste Begegnung mit der Gruppe „Erdmöbel“ in Form einer CD mit dem Titel „Erste Worte nach Bad mit Delfinen“, die ich als Promo-Material bekam und die mich vor allem wegen ihrer doch etwas abseitigen Texte – ein Trost angesichts der Abgeschmacktheit vieler deutscher Texte anderer Musiker – begeisterte. Damals war ich Redakteur bei einem regionalen Anzeigenblatt und dort auch für die Seite „Inside/Outside“ zuständig, auf der vor allem über Rock- und Popmusik berichtet wurde. Wenn ich mich recht erinnere, sollten „Erdmöbel“ im Rahmen eines Clubkonzertes im Café des Jugendzentrums Nordhorn spielen.

Eine weitere Band, die auch dort spielen sollte, hieß „Obst Obscure“, die sich bei einer ihrer Veröffentlichungen von dem Schriftsteller Franz Kafka inspirieren ließen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zu „Erdmöbel“ (DDR-Begriff für Sarg): Die in Münster gegründete und heute in Köln ansässige Band, bestehend aus dem Sänger, Gitarristen, Trompeter und Schriftsteller Markus Berges, Ekki Maas (Gitarre, Computer, Gesang und Mundharmonika sowie Produzent), Wolfgang Proppe (Keyboards) und Christian Wübben (Schlagzeug und Gesang), wurde 1995 gegründet. Bereits ein Jahr später erschien ihr erstes Album „Ende der Diät“ – noch stark beeinflusst von der anglo-amerikanischen Singer- und Songwriter-Tradition, aber auch mit Rock- und Experimental-Elementen, wie zu lesen ist.

Sprechen kann ich persönlich von dem zweiten und schon erwähnten Album „Erste Worte nach Bad mit Delfinen“, das ich als Promo-Material für einen Artikel erhalten hatte. Und da kann ich immer noch sagen: Einfach klasse. Und das gilt nicht nur für die hervorragend gespielte und sehr abwechslungsreiche Musik aus unterschiedlichsten Stilrichtungen, in der Produzent Ekki Maas auch immer mehr elektronische Elemente eingebunden hatte, sondern gleichfalls für die Texte von Markus Berges, die wirklich zu den besten gehören, die deutschsprachige Rock- und Popmusik zu bieten hat. Nicht umsonst schrieb die Süddeutsche Zeitung von der „größten deutschsprachigen Band unserer Tage“; und die Zeit brachte es mit diesem Satz auf den Punkt: „Als hätten Gottfried Benn, Hans Christian Andersen und die Pet Shop Boys gemeinsam eine Band gegründet.“

Wie es Markus Berges gelingt, in aller Lässigkeit und aller Ernsthaftigkeit die schrägsten, absurdesten, assoziationsreichsten, aber auch liebevollsten lyrischen Lieder zu singen, ist wirklich einzigartig. Ein Beispiel gefällig: „Man sieht ihr das nicht an, an ihr ist gar nichts dran, aber von Kopf bis Fuß tätowiert von innen“, das von einer Supermarktverkäuferin der etwas anderen Art handelt. Oder im Lied „Das Beste vom Osten“: „keine Hostessen, halbnackt in Gummibooten, oder auf Tischen mit gespreizten Beinen das Comeback des Variete mit Niveau im Berliner Nachtcafe mit Toiletten comme ll faut weiß wie Schnee“ – oder im Lied „Trost im Stich“: „keine Kröte kann kleine Jungs aufblasen um Jahre später davon zu erzählen in ihrer Kellerbar mit Fellen an den Wänden wie glasig dein Blick war, als sie endlich von dir abließ.“ Kurz gesagt mit Versen dergleichen hätten „Erdmöbel“ alle Literaturpreise dieser Welt verdient.

Gleiches gilt für das Album „kung fu fighting“, das mit eingängig-poppigen Melodien und Texten höchster literarischer Qualität aufwartet – wie auf allen Veröffentlichungen. Zu gefallen wissen auch Refrains wie „Die Gefäße weiten sich / Der Bann bricht“ (Mein Favorit) und viele weitere mehr.

Gewissermaßen ein Konzeptalbum hat die Gruppe 2007 mit „no 1 hits“ aufgelegt. Da haben sich die vier Musiker 12 englischsprachige Nr. 1-Hits von den Bee Gees über Nirvana bis Crash Test Dummies und Procol Harum ausgesucht und diese ins Deutsche übertragen sowie in ihrer speziellen Art musikalisch interpretiert – wunderbar wie auch die Vorgänger-Alben.

Aktuell liegt aus Anlass des 30-jährigen Bestehens das Album „Hätte Sehnsucht Gewicht“ vor, das Erdmöbel gemeinsam mit dem Kaiser Quartett eingespielt haben, einem deutschen Streichquartett, das sich zunächst auf Studioaufnahmen im Bereich Charts, Film- und Kinomusik konzentrierte, und später mit vielen bekannten Musikern wie Chilli Gonzales, Jarvis Cocker, Kettcar, den Leoniden und Gregory Porter zusammenarbeitete – auch live vor Publikum.

Mit großem Erfolg wurde das Album, gewissermaßen ein Best of, auf Tour vorgestellt: unter anderem zweimal in der ausverkauften Elbphilharmonie in Hamburg. Weitere Termine folgen.

Nachtrag: Ich werde mir noch die anderen Veröffentlichungen zulegen und bei nächster Gelegenheit mal ein Konzert besuchen.

Discotheken- und Jugendkultur in der Region

Der Nordhorner Historiker Werner Straukamp ist einer der Autoren des Ausstellungskataloges „Charly für ´ne Mark – Eine Disco im Museum“. Anlass war die „Eröffnung“ einer Land-Discothek im Museumsdorf Cloppenburg.

Meine erste Erinnerung an den Besuch einer Discothek liegt schon über 40 Jahre zurück. Ich war zu Besuch bei meinen Cousins in Werlte. Dort saßen wir oft im Zimmer meines ältesten, leider sehr früh verstorbenen Cousins Michael, und hörten mit der damals besten Technik, die High Fidelity, kurz Hi Fi, zu bieten hatte, die prägende Musik der 1960-er und 1970-er Jahre von Deep Purple über Uriah Heep und Jethro Tull bis hin zu Santana, Doors und Pink Floyd.

Auf dem Bike zur Disco

Eines Tages machte ich im Rahmen meines Besuchs zwei besondere Erfahrungen, die mir heute noch unvergesslich sind: Ich durfte auf einem Motorrad mitfahren und ein bisschen Easy Rider-Luft schnuppern, und zum ersten Mal in meinem Leben, ich mochte 16 oder 17 Jahre alt sein, sollte ich eine Disco von innen erleben dürfen – damals für mich noch etwas sehr Besonderes. Der Weg führte nach Bippen bei Fürstenau, wo es das legendäre „Fiz Oblon“ gab.

Mit großen Augen betrachtete ich die im Flackerlicht tanzenden Menschen mit ihren so ganz anderen Klamotten, als ich sie kannte. Die Musik, die ich von Michael kannte, wurde hier auch gespielt, aber natürlich in einer ganz anderen Lautstärke. Ich war begeistert, aber zum Tanzen noch zu schüchtern, bewegte nur ein wenig Kopf und Füße. Die erste Nervosität wich, als ich eine Zigarette in der rechten Hand, und in der anderen ein Bier hatte.

So waren lange Haare bei Männern nichts Ungewöhnliches“

Zwischendurch saßen wir dann auch in einem schummrig beleuchteten Raum, bestückt mit alten, gemütlichen Möbeln, Emaille-Werbeschildern und Bildern mit gelegentlich befremdlichen Motiven an den Wänden. Hier hing man einfach ab und ich betrachtete die Leute, die ebenfalls ganz anders waren, als die, die ich sonst so kannte. So waren lange Haare bei Männern nichts Ungewöhnliches, und natürlich durften Jeans, Rüschenhemden und Leder nicht fehlen, ebenso wenig selbst gedrehte Zigaretten.

Auslöser für die Erinnerung an diese Zeit war 2021 die Veröffentlichung eines Kataloges, der aus Anlass der „Neueröffnung“ der Diskothek „Zum Sonnenstein“ herausgebracht wurde. Es handelte sich dabei um eine „Neueröffnung der besonderen. Sie erfolgte auf dem Gelände des Museumsdorfes Cloppenburg. Die einstige Landgaststätte „Zum Sonnenstein“ im kleinen Ort Harpstedt bei Bremen war in den 1960-er Jahren ein Tanzlokal mit Livemusik und regelmäßigem „Sängerwettstreit.“ 1973 wurde die Gaststätte zu einer Discothek umgewandelt. Nach der Schließung im Jahre 2014 ist das „Zum Sonnenstein“ inklusive der kompletten Inneneinrichtung und der Musik- beziehungsweise DJ-Technik komplett erhalten geblieben. 2018 wurde das ganze Gebäude abgebaut und im Museumsdorf Cloppenburg wieder aufgebaut. Seit dieser Zeit wird die Discothek mit zugehörigem Bistrobereich, Musik- und Lichtanlage, beleuchteter Tanzfläche, DJ-Pult, Plattensammlung, Barhockern und Biergläsern den Besucherinnen und Besuchern präsentiert.

Einer der Autoren des Kataloges ist der Nordhorner Historiker Werner Straukamp. Sein umfangreicher Artikel trägt den Titel „Discotheken- und Jugendkultur entlang der Bundesstraße 213 – 1965 bis 1989“.

Wie Straukamp in einem Gespräch berichtete, war das Projekt des Wiederaufbaus der Discothek der Auftakt einer konzeptionellen Neuorientierung. Dessen früherer Leiter Uwe Meiners hatte es sich vorgenommen, auch die Wohn-, Freizeit- und Konsumkultur der Nachkriegszeit darzustellen.

Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt durch ausführliche Forschungsarbeiten, die ihren Widerhall in dem Katalog fanden. Nachdem Werner Straukamp in einem Zeitungsartikel vom 1:1-Wiederaufbau der Discothek „Zum Sonnenstein“ erfahren hatte, setzte er sich mit Uwe Meiners zusammen.

Aufwändige Recherche

Dabei entstand die Idee, statt einer allgemeinen Disco-Kultur in der Bundesrepublik Deutschland einen eher regionalen Rahmen zu wählen und die Geschichte der Landdiscotheken entlang der B 213 vom Grenzübergang Frensdorfer Haar bei Nordhorn bis nördlich nach Delmenhorst zu betrachten.

Aufwändig Recherchearbeiten begannen. So galt es für die Autoren, neben den Tageszeitungen der Region alle Exemplare der damals bekannten Pop- und Rockzeitschriften wie Bravo, Sounds, Pop, Twen und Spex auf das Stichwort Discothek hin zu sichten. Entsprechende Materialien fanden sie unter anderem in einem Institut der Universität Münster und in der Bibliothek der Universität in Oldenburg, aber natürlich auch vor Ort bei den Grafschafter Nachrichten oder in kommunalen Archiven.

Wie dem liebevoll gestalteten, inhaltsreichen und unterhaltsam zu lesenden Katalog zu entnehmen ist, fand die Disco-Kultur in der Grafschaft Bentheim ihren Anfang im Jahre 1967 am Hohenkörbener Weg in Nordhorn. Der italienische Gastronom Guiseppe Bertoncin eröffnete dort in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Friseursalons das „Whisky A Go-Go“. Es kamen danach unter anderem das nach dem Hit einer Band aus den USA benannte „Little Annie Fanny“ und das „Capri“ im Nordhorner Stadtteil Blanke.

Aber auch kleinere Orte der Grafschaft wurden vom Disco-Fieber erfasst. In Bad Bentheim wurden das „Oldtimer“ und das „Domino“ eröffnet, in Schüttorf ein weiteres „Whisky A Go-Go“ und das „Tiffany“. Zunächst wenig passierte in der Niedergrafschaft, bis junge Leute 1971 die Interessengemeinschaft Beatfans Emlichheim gründeten. Mit Erfolg. Werner Straukamp schreibt: „Man nimmt die Sache selbst in die Hand. Im Clubraum am Bremarkt finden ab Ende Mai 1971 regelmäßig Disco-Abende statt.“ Weitere Discotheken folgten; und der Boom schien kein Ende zu nehmen. Wie Straukamp weiter schreibt „sind allein im südlichen Weser-Ems-Raum … Woche für Woche mindestens 60.000 Besucher zu verzeichnen.“ Eine Zahl, die bis Anfang der 1980-er Jahre auf bis zu 200.000 ansteigt. Aus eigener Erfahrung berichtete der Historiker und Autor, dass damals ein sogenanntes Disco-Hopping nicht ungewöhnlich war. Das hieß, dass man schaute, welche Musik so lief und welche Leute so da waren, und wenn es nicht passte, fuhr man einfach weiter zum nächsten Laden.

Sein Ende fand der Boom der Landdiscos im Laufe der 1980-er Jahre. Professionell geführte Großraumdiscotheken liefen ihnen den Rang ab, und die zunehmende Mobilität machte es auch nicht einfacher. Noch ein paar Jahre länger hielt sich die Disco-Kultur in den Jugendzentren. So boomte das JZ Nordhorn bis in die Hälfte der 1990-er Jahre.

Auch zu diesem Aspekt wie auch zu den damals organisierten Musikfestivals hat Werner Straukamp Materialien zusammengetragen, die deutlich machen, wie engagierte junge Leute eigene, von den Erwachsenen unkontrollierte Räume entdeckten und für sich einnahmen. Diese konnten aus Platzgründen nur in Teilen im Katalog veröffentlicht werden. Daher ist der komplette Forschungsbericht als frei herunterladbare pdf-Datei auf der Webseite des Museumsdorfes Cloppenburg veröffentlicht worden.

Longplayer“ als pdf

Die Aspekte, die der Nordhorner Historiker in seinem sogenannten „Longplayer“ ausführlicher beleuchtet hat, sind vielfältig. Aktuell zur Erscheinung des Kataloges und der pdf-Datei konnte Straukamp auf die besonderen Entwicklungen der Disco-Kultur in Zeiten von Corona eingehen, die zum Beispiel von Partyabenden per „Drive-in-Disco“ geprägt waren, und das Geschehen auf den Parkplatz beziehungsweise in das private Auto verlegt wurde. So etwas versuchte vor Ort beispielsweise das „Index“ in Schüttorf, das im Mai und Juni 2020 eine ganze Reihe von Auto-Discopartys veranstaltete.

Die einstige Jugend kommt in die Jahre.“

Weitere besondere Entwicklungen, die Straukamp in seinem Forschungsbericht aufgreift, betreffen die Musealisierung und die Retromanie, die in den 2000-er Jahren in Verbindung mit Pop-, Disco- und Jugendkultur ensteht. Das, was früher neu, subversiv und bei der Mehrheit der Gesellschaft zunächst verpönt war, wird zum Gegenstand von wissenschaftlichen Betrachtungen oder Ausstellungen in bildungsbürgerlichen Orten wie Museen. Und manche Retro-Disco, die eine ältere Klientel (Ü30, Ü50 etc.) anspricht oder sich vergangenen Zeiten (80-er oder 90-er Jahre Party) widmet, wirkt wie eine Nostalgie-Veranstaltung, die auch sentimentale Züge annehmen kann. Die einstige Jugend kommt in die Jahre.

Viel ausführlicher als im Katalog „Charly für ´ne Mark“ widmet sich Straukamp in seinem „Longplayer“ auch den Entwicklungen, die zur Entwicklung einer eigenen Jugendkultur in der Bundesrepublik Deutschland geführt haben. Wie der Historiker dazu unter anderem ausführt, hatte damals der hohe Anteil der Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung, heute bekannt unter dem Namen „Babyboomer“, und das Wirtschaftswunder daran einen wesentlichen Anteil.

Lange Themenliste

Die Liste der in dem „Longplayer“ behandelten Themen ist aber noch breitgefächerter und reicht von der Entwicklung einer Festival- und Open Air-Kultur über die Entstehung von Jugendzentren bis hin zu Politik, Mode und Werbung.

Nähere Informationen: werner.straukamp@web.de und http://www.museumsdorf.de

Kulturoase in Münster: „Hawerkamp 31“

Zu den Orten, die die deutsche Techno-Szene geprägt haben, gehört auch ein ehemaliges Fabrikgelände in Münster. Hier haben schon „Dr. Motte“ und „Westbam“ aufgelegt.

Vorgeschichte

Es war in der schönen spanischen Stadt Valencia, als ich in den 1990-er Jahren meine erstes Hör- und Seherlebnis mit Techno hatte. Damals machte ich Urlaub, und von unserem Standort auf einem Zeltplatz in Alicante begaben wir uns mit dem Zug auf den Weg. In Valencia angekommen, wurden wir auf die Frage, wo denn hier das Nachtleben zu erleben sei, in Richtung einer Restaurant-, Bar- und Disco-Meile direkt am Meer verwiesen – ausdrücklich versehen mit der Warnung, dass dort wegen einer signifikant hohen Kriminalitätsrate (Diebstahl, Raub, Drogen und sogar Mord) besser vorsichtig sein solle; und keinesfalls sollte man sich in der Nacht am Strand aufhalten, da dort alles Mögliche geschehen könne. Abenteuerlustig und eher sorglos, wie wir damals waren, machten wir uns direkt auf den Weg.

Techno in Valencia

Und so, wie es uns beschrieben wurde, war es auch. Bars, Diskotheken und Restaurants reihten sich zahlreich aneinander, das Meer rauschte im Hintergrund und einige der Gestalten, die dort saßen oder gingen, vermittelten schon einen etwas befremdlichen Eindruck. Noch bis heute erinnere ich mich an eine Gruppe komplett schwarz gekleideter junger Männer, die mit wirren, flackernden und Angst machenden Blicken ihre Umgebung fixierten. Der Eindruck, dass sie wohl illegale Drogen unbestimmbarer Art zu sich genommen hatten, war vermutlich nicht ganz falsch. Was noch auffiel, war die Polizeidichte, aber irgendjemand musste ja die braven Partygänger vor den bösen Buben schützen.

Nachdem wir gut gegessen hatten, stürzten wir uns ins Getümmel und landeten, ohne es zu ahnen, in einer Techno-Disko. Die eher einfach strukturierte Musik war von einer hohen Beat-Dichte, Piano- oder Synthesizer-Loops und viel Bass gekennzeichnet, die Tanzbewegungen hatten durch den Einsatz von Stroboskop-Lichtern zum Teil etwas Zuckendes an sich und die Menge schien wie in Trance zu sein. Ich war sofort „geflasht“, wie früher einmal gesagt wurde. Ich wollte sofort davon einfach mehr, wir blieben den ganzen Abend und die ganze Nacht, so groß war die Begeisterung über diesen für mich damals neuen Sound.

Als ich später in Nordhorn einem anderen Freund davon berichtete, bekam ich eine gute Nachricht. Er erzählte, dass es so etwas auch in Münster gebe. Weitere gute Nachricht: Er mochte diese Musik auch und hatte sogar ein Auto. So machten wir uns über Landstraße und Autobahn auf den Weg in die westfälische Universitätsstadt, die abgesehen von den zahlreichen Studenten doch eher als Hort bürgerlicher Behaglichkeit mit pittoreskem Stadtkern, dem Prinzipalmarkt, bekannt war.

In Münster angekommen, ging die Fahrt in Richtung Münsterlandhalle und von dort direkt auf ein düsteres Industriegelände mit zum Teil abgewrackten Fabrikgebäuden. Auf dem Gelände einer ehemals international tätigen Baufirma hatten sich in Absprache mit der Konkursverwaltung Künstler, Kleinbetriebe und Klubs niedcrgelassen, die gegen Miete die Räumlichkeiten nutzen konnten.

Als ich nun vor Jahr und Tag mit einem Freund zum ersten Mal da war, steuerten wir zunächst die „Sputnik-Halle“ an, in der Alternativ-Rock gespielt wurde. Die Techno-Jünger, so wusste es Insider, würden sich erst gegen 1 oder 2 Uhr nachts, manchmal auch später, einfinden. Aber dafür war auf dem Gelände, wo die Autos geparkt waren, einiges los. Fenster wurden heruntergekurbelt, etwas übergeben, und dann wurde das Fenster wieder hochgekurbelt. Was da vor sich ging, war für die Insider natürlich sofort zu erahnen.

Gegen 2 Uhr verließen wir die Sputnik-Halle und suchten das „Fusion“ auf. In den nebelgeschwängerten und zum Teil sehr dunklen Räumen wiederholte sich dann das Geschehen, das ich zum ersten Mal in Valencia erlebt hatte. Wiederum war ich begeistert von dieser Freude und Exstase, die Techno auszulösen vermag, und bin es bis heute geblieben.

Neben dem Fusion gibt es als Klubs auch noch das „Triptychon“, die „Favela“ und das „Conny Kramer.“

Selbstverwaltung durch Verein

Nachzulesen ist die Geschichte und Struktur des Hawerkamp auf der eigenen Internetseite: „Der Hawerkamp 31 e.V. verwaltet seit dem 1. Januar 2013 das Hawerkamp-Gelände in Eigenregie.
2006 hatte der Vorgängerverein Erhaltet den Hawerkamp e.V. die Selbstverwaltung begonnen. Grundlage ist ein Miet- und Überlassungsvertrag zwischen dem Verein und der Stadt Münster.
Der Hawerkamp 31 e.V. ist ein Mieterverein. Die Mieter des Geländes (Clubs, Schrauber, Künstler und viele mehr) zahlen ihre Miete an den Verein, der sich um die Bewirtschaftung, Verwaltung und Verkehrssicherheit der Gebäude kümmert und somit Erhalt und Weiterführung des Selbstverwaltungsprojektes sichert. Ziel des Vereins ist der Erhalt und die Weiterentwicklung des Selbstverwaltungsprojektes, nicht das Ziel der Gewinn- oder Einnahmemaximierung. Besonderes Ziel ist die Förderung von Kunst und Kultur auf dem Gelände. Das Selbstverwaltungsprojekt ist in dieser Form einzigartig in der Bundesrepublik.

Nach 100-jähriger Firmengeschichte wurde 1988 Peter Büscher & Sohn, eine auch international tätige Baufirma mit Betonwerken, aufgegeben. Das seit 1919 bestehende Betriebsgelände Am Hawerkamp wurde dann von der eingesetzten Konkursverwaltung an Künstler, Kleinbetriebe, Clubs und ähnliche Nutzer vermietet. Im Zuge der Neuordnung des Hafengeländes erwarb die Stadt Münster die Liegenschaft mit den darauf befindlichen Gebäuden. Inzwischen hatte sich hier eine beachtenswerte „Szene“ gebildet, die 1993 in einer ersten gemeinsamen Ausstellung mit dem Titel „Werksgelände“ die ansässigen Künstler vorstellte. Für die Kulturhauptstadtbewerbung der Stadt Münster Anfang der 00er Jahre wurde das Gelände zu einem wichtigen Baustein im Bewerbungsportfolio: hier „sorgen kreative und wagemutige Künstler, Gewerbetreibende … für frischen Wind“. Mit dem „Erhaltet den Hawerkamp e.V.“ konnte der Rat der Stadt dann 2004 im Masterplan zur Hafenentwicklung die Sicherung der „Kulturszene Hawerkamp“ auf den Weg bringen, die ab 2006 in Selbstverwaltung besteht und zunächst bis 2015 befristet war. Seit 2013 wird der „KAMP“ durch den neu gegründeten Verein „H31e.V.“ selbstverwaltet, die Überlassung ist inzwischen mit Verlängerungsoptionen bis 2025 gesichert. Noch heute zeigt sich die Geschichte der Firma Büscher & Sohn auf dem Gelände. Der alte Lockschuppen im Herzen des Hawerkamp dient als Veranstaltungsfläche, die Halle B ist fast im Originalzustand erhalten. Betonplatten bilden ein Gebirge und selbst in den Clubs und Ateliers atmet das alte Betonwerk weiter. Diese Spuren zu erhalten ist eines der Ziele des Vereins. Münster war und ist ein Ort auch der Arbeiter und der Produktion. Der Hawerkamp als Kulturstandort hat seit 25 Jahren seine eigene Geschichte geschrieben.Kunstausstellungen, Konzerte, Clubfestivals, Kunstkurse, legendäre Crossover-Veranstaltungen, Konzerte in Schrauberwerkstätten, Theater in der alten Werkshalle B und das jährliche EdH-Festival ziehen tausende Besucher an. So wie der Hawerkamp ein Ort des öffentlichen Lebens ist, so ist er auch ein Ort der Arbeit. Mehr als 50 bildende Künstler, sowie Drucker, Schneider, Fahrrad- und Autoschrauber, Handwerksbetriebe, Clubs und Konzertveranstalter, Architekten, Caterer, soziokulturelle Vereine, probende Bands und Theatergruppen sind auf dem Gelände tätig.Diese anfänglich eher zufällige Nutzungsvielfalt hat sich bewährt als wesentlich für den Bestand und die Entwicklung des Geländes, da diese Heterogenität sowohl produktive Reibung als auch umsichtige und gegenseitige Energien und Synergien erzeugt, die einer einfältigen Monotonie widerstehen kann. Ein solches „Biotop“ gibt auch den sich sonst fast regelmäßig einstellenden Gentrifizierungen kaum Chancen. Inzwischen ist der „KAMP“ ein weit über regionale Grenzen bekanntes Gelände. So finden Konzerte und Partys mit internationalen Bands und DJ´s statt. Film und Fernsehteams nutzen die einzigartige Kulisse.“